Geschichte vergeht nicht

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es ist ja so: Von den hunderten oder eher tausenden Büchern, die man in einem Leserleben liest, bleiben viele nur bruchstückhaft im Gedächtnis und bei manchen kann man sich nach ein paar Jahren höchstens noch vage an den Inhalt erinnern – wenn überhaupt. Aber dann gibt es auch die ganz besonderen Werke, jene, auf die man ab und zu stößt, jedes von ihnen eine wertvolle Entdeckung. Jene, deren erzählerische Wucht eine Sogwirkung auslöst, die unbeschreiblich ist. Jene, die einem eine neue Welt eröffnen oder einen mit Haut und Haaren in eine andere Epoche schicken. Jene, die den eigenen Horizont ein Stück vergrößern. Jene, deren Sprache Bilder im Kopf entstehen lassen, die unvergesslich sind; Bilder voller Schönheit und Schrecken. Es gibt sie nicht allzu oft, jene Bücher, die all das in sich vereinen, und ich bin dankbar für jedes von ihnen, das seinen Weg in mein Bücherregal gefunden hat. Und eines davon ist »Alle, außer mir« von Francesca Melandri.

Der Erscheinungstermin des Romans liegt schon etwas zurück. Er sorgte vor ein paar Jahren für viele begeisterte Stimmen, auch bei zahlreichen Menschen, deren Lesevorlieben ich sehr schätze. Daher kaufte ich mir das Buch, aber, wie so oft, wenn ein Roman in aller Munde ist, las ich ihn nicht sofort; es ist dieses Gefühl, schon so viel darüber gehört zu haben, dass man es mit der eigenen Lektüre nicht mehr eilig hat. Vielleicht war es auch das unscheinbare, fast möchte ich sagen, langweilige Cover, das mich so lange zögern ließ. Und so stand das Buch im Regal, wartend auf den perfekten Lesemoment. Der war da, als ich es bei einer Italienreise im Gepäck hatte und mich in einer vom Meer umgebenen italienischen Kleinstadt geradezu hineinfallen ließ in eine unfassbar großartig erzählte Geschichte. 

Die Rahmenhandlung ist dabei das Tor zu mehreren, eng miteinander verzahnten Erzählsträngen, die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt sind, uns zum einen weit zurückführen in die Vergangenheit und uns zum anderen Kontinuitäten aufzeigen, die bis in unsere Zeit reichen. Alles ist miteinander verbunden. 

Die Erzählung beginnt in Rom, im Viertel Esquilin, südlich des Hauptbahnhofs gelegen. An einem Augusttag des Jahres 2010 staunt die 46jährige, alleinlebende Lehrerin Ilaria Profeti nicht schlecht, als sie beim Nachhausekommen vor ihrer Wohnungstüre einen jungen Mann trifft. Ein Afrikaner, genauer gesagt, ein Äthiopier, der nach ihrem Vater Attilio Profeti sucht. Und dessen Namen trägt: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Er sei sein Enkel. Kann das sein? Wie kann das sein? Das sind Ilarias erste Gedanken – bevor sie sich zusammen mit ihrem Halbruder Attilio, der ebenfalls den Namen seines Vaters trägt, auf die Suche macht. Auf die Suche nach der Geschichte jenes Attilio Profetis, der gerade dabei ist, als alter Mensch in seiner Demenz zu verschwinden. Und von dessen Jugend sie viel weniger wissen, als gedacht – ein paar entscheidende Puzzlesteine fehlen. Nach und nach gelingt es ihnen durch die unterschiedlichsten Recherchen Licht in die Dunkelheit zu bringen – in die Dunkelheit eines Lebens und einer ganzen Epoche.

1915 geboren wuchs Attilo Profeti hinein in den Faschismus Mussolinis. Außerordentlich gutaussehend mit einem markanten, »arischen« Profil, sportlich, intelligent und charmant entsprach er dem männlichen Idealbild der faschistischen Ideologie.  Und zog 1935 als Freiwilliger in den Krieg, nach Äthiopien. Oder Abessinien, wie es damals hieß. 

Der Abessinienkrieg ist eines der vielen düsteren, brutalen Kapitel der Kolonialgeschichte. Das Kaiserreich am Horn von Afrika war das einzige Land des Kontinents, das sich jahrhundertelang gegen alle Eroberungsversuche erfolgreich verteidigt hatte. Mussolini, der von einem italienischen Großreich träumte, überfiel Abessinien im Oktober 1935 und es folgte ein gnadenloser Vernichtungsfeldzug, in dem mit dem Einsatz von Bombenteppichen, Giftgas und Flammenwerfern wahllos gemordet wurde. Und in dem es den italienischen Aggressoren trotzdem nicht gelang, das gesamte Land zu besetzen. 

Francesca Melandri erzählt aus der Sicht Attilios, der sich einige Jahre in Abessinien aufhalten wird und dabei wertvolle Kontakte für sein späteres Leben knüpft. Sie erzählt die Geschichte Abebas, einer Äthiopierin, die mit Attilio zusammenlebte und die die Mutter seines Sohnes werden sollte. Ein Sohn, den Attilio nie sehen würde. Viele der italienischen Besatzungssoldaten nahmen sich eine Äthiopierin zur Frau, wobei die »Eheschließung« eine Farce war, um den Schein zu wahren. Bei ihrer Rückkehr nach Italien vergaßen sie ihre dortigen »Ehefrauen« rasch wieder. 

Sie erzählt am Beispiel von Attilios Sohn die Geschichte Äthiopiens, das die italienische Kolonialherrschaft zwar abschütteln konnte, aber nie zur Ruhe kommen sollte, bis heute. Sie erzählt am Beispiel von Attilio selbst, wie alte Seilschaften den Faschismus in italienischen Amtsstuben, Behörden und staatlichen Einrichtungen überdauern sollten, wie ein ganzes Land geprägt wurde von Korruption und gegenseitigen Gefälligkeiten. Und vom Schweigen. Denn die Zeit des Faschismus ist bis heute in Italien nur wenig aufgearbeitet, Mussolinis Diktatur wird von vielen verklärt, gilt schon beinahe als harmlos im Vergleich zu den Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten. Doch Melandris Buch macht klar, dass Benito Mussolini nicht eine Art Operetten-Faschist war, der martialische Auftritte liebte. Sondern ein Gewaltherrscher, der unzählige Opfer zu verantworten hat. Der mörderische Vernichtungskrieg in Abessinien stand den Verbrechen der SS und Wehrmacht in nichts nach; allerdings wird über Gräuel wie etwa das Pogrom von Addis Abeba oder das Massaker von Zeret heute kaum gesprochen, so als seien sie aus dem Bewusstsein der Italiener, der Europäer verschwunden. Mit ihrem Roman sorgt Francesca Melandri dafür, dass diese Schrecken nicht vergessen werden. 

»Alle, außer mir« verknüpft die italienische und die äthiopische Geschichte auf das Engste miteinander. Wir erfahren, was aus den für die Gräuel verantwortlichen Kriegsverbrechern wurde, wie auch lange nach dem Krieg durch die italienische Entwicklungspolitik die Ausbeutung Äthiopiens fortgesetzt wurde. Und was die Flüchtlingsdramen, die sich heute im Mittelmeer abspielen, mit einer längst vergangenen Zeit zu tun haben. Die Epochen gehen ineinander über und selten wird durch einen Roman so deutlich, dass die Geschichte nie vergeht, sondern unser Heute prägt. In allen Facetten.

Mit der Person des Attilio Profeti hat die Autorin dabei einen Fixpunkt geschaffen, um den sich ein ganzes Jahrhundert dreht. Gekonnt wird die Faszination beschrieben, die der Faschismus auf junge, abenteuerlustige Menschen ausüben konnte. Und wie schnell die Schwelle zwischen dieser Abenteuerlust und Gnadenlosigkeit überschritten werden konnte. Dabei vermeidet sie die simple Unterscheidung zwischen Gut und Böse, denn das wäre zu einfach. Attilio mag als Familienvater ein Patriarch gewesen sein, ein Macho, einer, der sich in seinem späteren Leben geschickt im morschen politischen System der italienischen Republik zu bewegen weiß. Aber er wird weder als ein guter, noch als ein schlechter Mensch dargestellt. Sondern als ein Kind seiner Zeit, einer, der sich in seinen Lebenslügen eingerichtet hat.

Um wieder ins Jahr 2010 zurückzukehren: Ilaria wiederum, Attilios Tochter, hasst dieses morsche politische System der unzähligen Gefälligkeiten. Sie will sich vollkommen daraus heraushalten, bis sie einsehen muss, längst eine Nutznießerin zu sein. Und bis sie es letztlich benötigt, um Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti zu helfen. Dem Enkel ihres Vaters. Aus Äthiopien. 

An dieser Stelle habe ich beim Verfassen dieses Textes innegehalten und noch einmal durch das Buch geblättert, das – wie immer, wenn ich einen Blogbeitrag schreibe – neben mir liegt. Das Vorsatzblatt ist übersät mit notierten Seitenzahlen; insgesamt habe ich einundneunzig Textstellen angestrichen, die mir wichtig erschienen. Und daher ist mir auch klar, dass ich bisher nur von einem Bruchteil der Handlung gesprochen, mich vor allem auf den historischen Teil des Buches konzentriert habe. Dabei gäbe es noch viele weitere Aspekte und Stränge der Romanhandlung herauszuarbeiten, über viele weitere Details zu sprechen, die das gegenwärtige Italien betreffen: Etwa über die  italienisch-europäische Flüchtlingspolitik, die gescheiterte italienische Integrationspolitik, so sie denn jemals existierte, über das Entstehen von Parallelwelten, über den Niedergang der Wirtschaft, über gesellschaftliche Bruchstellen. Und vor allem über die Kontinuität postfaschistischen Denkens, das in Italien niemals verschwunden war – bis heute kann man in Souvenirläden Duce-Devotionalien erwerben. 

Ich habe schon länger an dieser Buchvorstellung geschrieben, zwischenzeitlich ruhte sie im Entwürfeordner; es fiel mir nicht ganz leicht die Komplexität des Werkes in Worte zu fassen. Eine Komplexität, die mit eleganter Leichtigkeit daherkommt und einen als Leser geradezu durch die Seiten fliegen lässt – im Bewusstsein, gerade eines jener besonderen Bücher zu lesen, die einem nicht allzu oft begegnen. Doch einen passenderen Tag für eine Veröffentlichung dieser Besprechung kann es kaum geben: Am heutigen 24. September 2022 ist Wahl in Italien – und die Kandidatin Giorgia Meloni mit ihrer rechtsextremen Partei Fratelli d’Italia hat beste Chancen, diese Wahl zu gewinnen (Nachtrag, einen Tag später: Genau so ist es leider auch gekommen). »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« – diesem Satz von Bertolt Brecht ist wohl nichts hinzuzufügen. Denn ein Land, dass sich den Verbrechen, die in seinem Namen verübt wurden, nicht stellt, kann aus der Geschichte nichts lernen und ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. 

Daher ist Francesca Melandris Roman nicht nur ein brillant geschriebenes Buch, sondern ein wichtiges. Wichtiger denn je.

Buchinformation
Francesca Melandri, Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-3296-3

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Die Bücher der Rose

Umberto Eco: Der Name der Rose | Dirk Schuemer: Die schwarze Rose

2022 jährte sich das Erscheinen der deutschen Ausgabe von »Der Name der Rose« zum vierzigsten Mal. Dies feierte der Hanser Verlag mit einer wunderschön gestalteten Neuauflage des Romans von Umberto Eco in der bewährten Übersetzung von Burkhart Kroeber. Eine Ausgabe, an der ich nicht vorbeigehen konnte und die ich zum Anlass nahm, nach fünfunddreißig Jahren dieses großartige Werk ein zweites Mal zu lesen. Gleichzeitig erschien – im Zsolnay Verlag, der ebenfalls zu Hanser gehört – der Roman »Die schwarze Rose« von Dirk Schümer; laut der Ankündigung auf dem Klappentext eine Art lose Fortsetzung von Ecos Meisterwerk. Zumindest würde man ein paar alte Bekannte wieder treffen: »Dort, wo Umberto Ecos ›Der Name der Rose‹ aufhört, setzt Dirk Schümers historischer Roman an«, heißt es auf der Buchrückseite. An ein Meisterwerk, an einen der ganz großen Romane der letzten Dekaden anknüpfen? Kann ein so schon fast anmaßendes Unterfangen gut gehen? Gelingen? Ich war skeptisch. Und neugierig. Aber lest selbst. „Die Bücher der Rose“ weiterlesen

Die ukrainische Tragödie

Anne Applebaum: Roter Hunger - Stalins Krieg gegen die Ukraine

Das Buch »Roter Hunger« von Anne Applebaum kaufte ich mir vor ein paar Jahren, um eine Wissenslücke zu schließen. Denn ich wusste bisher wenig über die große Hungersnot, die 1932 und 1933 die Ukraine heimsuchte – außer, dass sie von Stalin bewusst herbeigeführt wurde, um den ukrainischen Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft zu brechen. Der Holodomor war eines der vielen unmenschlichen Verbrechen, die den Weg der stalinistischen Herrschaft säumten und ist in seiner Dimension ungeheuerlich. Erst jetzt bin ich dazu gekommen, das Buch zu lesen und angesichts des brutalen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, der seit Februar 2022 mitten in Europa tobt, erhält dieses Werk eine neue, beklemmende Aktualität. Denn neben den darin geschilderten Ereignissen vermittelt es das nötige historische Hintergrundwissen, mit dem dieser Krieg betrachtet werden muss. Um zu verstehen, dass der russische Despot Wladimir Putin nie Ruhe geben wird und dass Verhandlungen niemals einen dauerhaften Frieden schaffen werden. „Die ukrainische Tragödie“ weiterlesen

Keine Heldengeschichten

Uwe Wittstock: Februar 33 - Der Winter der Literatur

Am 30. Januar 1933 war die Weimarer Republik am Ende, die Nationalsozialisten an der Macht, und das erste demokratische Experiment auf deutschem Boden versank in Gewalt und staatlichem Terror. Die Dynamik, mit der dies geschah, ist erschreckend: »Für die Zerstörung der der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.« Dieses eindrucksvolle Zitat stammt aus dem Buch »Februar 33 – Winter der Literatur« von Uwe Wittstock. Anhand der Schicksale vieler der damaligen Literaturschaffenden rekonstruiert er die dramatischen Ereignisse. Furchteinflößend und mitreißend gleichzeitig, denn er schafft es, uns so dicht an diese alles verändernden Wochen heranzuführen, wie es mit der Macht der Sprache nur möglich ist. „Keine Heldengeschichten“ weiterlesen

Eine Epoche der Bücher

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Seit Monaten lese ich in diesem Buch; den einen Abend ein, zwei Kapitel, den anderen Abend lediglich ein paar Seiten, immer mit großer Konzentration. Und es ist jedes Mal ein Genuss, denn stets schickt es mich auf eine Zeitreise in eine der faszinierendsten und spannendsten Epochen unserer Geschichte, lässt mich alte Texte entdecken, Zusammenhänge verstehen, das eigene Wissen vertiefen und ein Verständnis dafür entwickeln, wie gigantisch die kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit waren, prägend für die Jahrhunderte danach. Und dazu ist dieses Buch ein gestalterisches Gesamtkunstwerk – die Rede ist von dem voluminösen Prachtband »Welt der Renaissance« von Tobias Roth. „Eine Epoche der Bücher“ weiterlesen

9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«. „9/11: Der Tag, der alles veränderte“ weiterlesen

Europa im Geschwindigkeitsrausch

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent - Europa 1900 bis 1914

Das Buch »Der taumelnde Kontinent« von Philipp Blom beschreibt ein Europa im Wandel. Sich verändernde gesellschaftliche Strukturen, ein atemberaubender technischer Fortschritt, der ungeahnte Möglichkeiten am Horizont erkennen lässt, die brutalen Folgen kolonialistischer Eroberungszüge und ein Alltag, in dem die Gewissheiten stetig weniger werden. Fünfzehn Jahre umfasst die mitreißend geschriebene Schilderung der Entwicklungen unseres Kontinents – es ist der Zeitraum von 1900 bis 1914. Eine Zeit, die viel moderner war, als wir es uns heute vorstellen können. Und die in vielen Aspekten mit der Epoche vergleichbar ist, in der wir leben. „Europa im Geschwindigkeitsrausch“ weiterlesen

Ein Fenster in die Geschichte

Bernard von Brentano: Der Beginn der Barbarei in Deutschland

In diesem Beitrag geht es um das Buch »Der Beginn der Barbarei in Deutschland« von Bernard von Brentano. Ich vermische damit Berufliches mit Privatem, da ich seit Sommer 2019 für den Eichborn Verlag arbeite, in dem die Neuausgabe dieses lange vergessenen Werkes erschienen ist. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dass es hier im Blog nicht zu solchen Überschneidungen kommen sollte, doch dieser Titel ist in meinen Augen ein so wichtiges Zeitzeugnis, dass ich einfach nicht anders kann als darüber zu schreiben.  

Das Buch erschien ursprünglich im Jahr 1932 und war das Ergebnis einer intensiven Recherche. Von 1930 an war der Journalist Bernard von Brentano auf langen Fahrten durch Deutschland gereist. Er wollte herausfinden, welche Folgen die Weltwirtschaftskrise hatte, von der das Land mit voller Wucht getroffen wurde – und was er sah, war dramatisch. Brentano besuchte Menschen, deren Existenz durch die Krise vernichtet worden war, ging dorthin, wo das Elend sichtbar wurde. Sprach mit Arbeitern, die nicht wussten, wie lange ihre Betriebe noch durchhalten würden, mit Arbeitslosen, die hungerten, mit Bauern, deren Höfe vor dem Aus standen. Er schilderte die verzweifelte Lage von Familien, die von Obdachlosigkeit bedroht waren oder ihre Wohnung bereits verloren hatten. Lieferte Stimmungsbilder aus den Stadtvierteln und Regionen, in die sich die Angehörigen der Oberschicht nie hin verirren würden. „Ein Fenster in die Geschichte“ weiterlesen

Papiergewordene Geschichte

Papiergewordene Geschichte

Im Laufe der Jahre sammeln sich viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor.

Deshalb ist es notwendig, den begrenzten Platz optimal zu nutzen und regelmäßig alle Regalmeterblockierer auszusortieren. Diese Bücher werden verschenkt, in öffentliche Bücherschränke gebracht oder in seltenen Fällen auch einfach zum Altpapier gegeben. Gleichzeitig ist dieses Durchforsten auch jedes Mal wieder eine Entdeckungsreise – man kommt vor lauter Anlesen und Blättern nicht schnell voran. Und das ist jedes Mal ein Genuß.

Und dann gibt es auch noch die besonderen Schätze, diejenigen Bücher, die mich zum Teil schon sehr lange begleiten und die ich niemals weggeben würde. Es sind alte Bücher, die ich in Antiquariaten gefunden habe, aber auch Fundstücke aus Kartons in Hauseingängen oder auf Fensterbrettern. Bei ihnen kommt es nicht auf den Inhalt an, vielmehr erzählen sie selbst Geschichten. Oder sind ein Stück papiergewordene Geschichte, sei es durch Widmungen, Stempel, Bibliotheksaufkleber oder Erscheinungsjahre. Für mich sind dies wahre Schmuckstücke, auch wenn sie meist auf den ersten Blick recht unscheinbar wirken. Für diesen Beitrag habe ich ein paar davon aus dem Regal geholt und zeige hier, was sie so besonders macht. „Papiergewordene Geschichte“ weiterlesen

»Der Feind steht rechts«

Joseph Wirth: Der Feind steht rechts

Geschichte wiederholt sich nicht. Und die Weimarer Republik ist nicht die Bundesrepublik. Aber die Geschichte lehrt uns, welche Fehler unverzeihlich waren, an welchen Weichen falsch abgebogen wurde – damit sie sich nicht wiederholt. In der Rubrik Textbausteine* geht es diesmal um ein Zitat, einen Ausschnitt aus einer Rede.

Am 24. Juni 1922 wurde der Außenminister Walther Rathenau von rechtsextremen ehemaligen Offizieren ermordet. Dieses Attentat erschütterte die junge Republik in ihren Grundfesten; als darüber im Reichstag debattiert worde, kochten die Emotionen hoch – von Entsetzen bis klammheimlicher Freude waren alle Reaktionen vertreten. Die rechtsextreme DNVP (Deutschnationale Volkspartei) hatte mit monatelanger Hetze den Boden für das Attentat bereitet.

Reichskanzler Joseph Wirth fand in seiner Rede für den Mord und seine Vorgeschichte die passenden Worte. Sie sind zeitlos:

»Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!«  „»Der Feind steht rechts«“ weiterlesen

Vor dem Untergang

Eric Sonneman: Der letzte Sommer / The Last Summer

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod. „Vor dem Untergang“ weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn »unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.«

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. „Wir Europäer“ weiterlesen

Zwei Jäger

Niklas Natt och Dag: 1793

Gut recherchierte historische Kriminalromane lassen auf ihrem Weg weit zurück in die Vergangenheit Epochen auferstehen, die scheinbar längst verschwunden sind. Aber nur selten gelingt dies so vielschichtig wie in dem Roman »1793« von Niklas Natt och Dag, der uns mitnimmt nach Stockholm in das titelgebende Jahr. Und in eine Zeit der Umbrüche.

1793 also. 100 Jahre zuvor war Schweden noch eine der wichtigen europäischen Großmächte gewesen, ein Land, dem der Dreißigjährige Krieg große Territorialgewinne eingebracht hatte. Mit dem Scheitern der Feldzüge Karls XII. und dessem Tod im Jahr 1718 setzte der Niedergang ein und 1793 war Schweden ein Land der extremen Gegensätze, bitterste Armut existierte neben dem verschwenderischen Lebensstil der Reichen. Vier Jahre zuvor hatten genau diese Gegensätze in Frankreich zu einer Revolution geführt, und nur wenige Monate vor Beginn der Romanhandlung war der französische König guil­lo­ti­nie­rt worden – ein Ereignis, das in ganz Europa für Unruhe unter den Mächtigen sorgte. Es brodelte auf dem Kontinent und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen bekammen erste Risse. „Zwei Jäger“ weiterlesen

Verwehte Spuren

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

»Verzeichnis einiger Verluste« von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch, nein, Gesamtkunstwerk war dieses Gefühl sofort da.

Schon der Geruch. Jede Lektüre beginnt mit einem tiefen Einatmen des Buchgeruchs, dieser wunderbaren Mischung aus Papier, Druckerschwärze und Leim, besser als jedes Parfum dieser Welt. Bücher riechen unterschiedlich und das »Verzeichnis einiger Verluste« duftete phänomenal – ich saß mit begeistertem Gesichtsausdruck in der Straßenbahn und erntete einen wissenden Blick von gegenüber. Nach den ersten Seiten beschloss ich, dieses Buch nicht in der Bahn zu lesen, es nicht der Hektik des Arbeitswegs auszusetzen; schon die zweiseitige Vorbemerkung lässt den Leser so tief in das Thema eintauchen, dass es schade um jede Störung von außen ist. „Verwehte Spuren“ weiterlesen

Das Unerzählbare. Ein Leseprojekt

Das Unerzaehlbare: Ein Leseprojekt gegen das Vergessen

Das Unerzählbare. Mit diesem Begriff umschreibt der Autor Daniel Kehlmann die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust und dem mit deutscher Gründlichkeit organisierten Massenmord an sechs Millionen Menschen. Denn wie soll man, wie kann man über diesen monströsen Tiefpunkt der Zivilisation und der deutschen Geschichte reden, schreiben, sprechen? Und gleichzeitig muss man darüber reden und darüber schreiben und darüber sprechen, damit dieses Unerzählbare niemals in Vergessenheit gerät. Deshalb habe ich für ein Leseprojekt Bücher zusammengestellt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. „Das Unerzählbare. Ein Leseprojekt“ weiterlesen

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