9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«.

Es ist ein interessantes Phänomen, das mir schon oft aufgefallen ist, und das der Autor auch im Vorwort beschreibt: Kommt die Rede auf den 11. September, beginnt jeder Gesprächspartner sofort zu erzählen, was er in dem Moment machte, als er die Nachricht über die Geschehnisse in New York erhielt. Immer. Und ich selbst bin da keine Ausnahme, denn wie alle anderen weiß ich es natürlich noch ganz genau. Im Buch »Und auf einmal diese Stille« allerdings geht es nicht darum, zu erzählen. Sondern darum, zuzuhören – denn es kommen die Menschen zu Wort, die diesen Tag direkt erleben mussten, als Betroffene und als Opfer, als Zeugen, als Helfer, als Hinterbliebene. Und immer wieder sind es Stimmen von Menschen, die diesen Tag nicht überlebt haben.

Beim Verfassen dieses Buches arbeitete der Autor eng mit der Oral-History-Forscherin Jenny Pachucki zusammen. Sie beschäftigt sich als Historikerin mit dem 11. September und hat für das Buchprojekt etwa 5000 Zeitzeugenberichte, Protokolle, Videointerviews und andere Aufzeichnungen ausgewertet. Nach zweijähriger intensiver Arbeit kristallisierten sich 500 unterschiedliche Stimmen heraus, die Aufnahme in »Und auf einmal diese Stille« gefunden haben. Die Bandbreite ist dabei immens; Büroangestellte unterschiedlichster Firmen im World Trade Center kommen zu Wort, Elektriker, Köche, Wachleute und viele andere, die in den Zwillingstürmen arbeiteten. Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter, Journalisten, Anwohner, Besucher, Menschen die aus welchem Grund auch immer von den Schrecken betroffen waren, die an diesem verhängnisvollen Tag kein Ende zu nehmen schienen.

Das gleiche auch im Pentagon, in das die dritte Maschine hineingesteuert wurde. Denn auch wenn 9/11 vor allem mit den einstürzenden Hochhäusern visuell in Verbindung gebracht wird, verbrannten auch im schwer getroffenen amerikanischen Verteidigungsministerium Menschen in den Flammen des explodierenden Flugzeugs. Letzte Nachrichten aus dem United-Airlines-Flug 93 sowie die aufgezeichneten Sprachprotokolle sind ebenfalls Teil des Buches – sie dokumentieren den mutigen Versuch der Passagiere, sich den Terroristen entgegenzustellen. Ein Versuch, der ebenfalls in einem Feuerball endete. Des weiteren finden die Leser die Stimmen von Flughafenangestellten, von anderen Piloten, von Mitgliedern der Flugsicherung, von Militärs und vielen anderen Menschen, die das Geschehen fassungslos verfolgten und es nicht stoppen konnten. Und nicht zuletzt kommen auch prominente Namen zu Wort, seien es Donald Rumsfeld, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Laura Bush oder Rudy Giuliani, der damals als Bürgermeister New Yorks den ganzen Tag vor Ort war und zwischenzeitlich für vermisst erklärt wurde. 

Garret M. Graff hat die transkribierten Wortprotokolle in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Die Aufzeichnungen wurden dazu entsprechend aufgesplittet, so dass Stunde für Stunde dieses Schicksalstages vor uns abläuft, wir als Leser dadurch vielen Stimmen immer wieder begegnen. Manchen häufig, manchen mehrmals. Und manchen nur ein einziges und letztes Mal. Meist sind es jeweils drei, vier Sätze, manchmal auch mehr; entstanden ist dadurch eine hochemotionale Collage des Grauens, der Angst und des Todes; aber auch der Hoffnung, des Überlebens und des Zusammenhalts in einer extremen Ausnahmesituation.

Es sind unzählige Eindrücke, die sich zu einem Gesamtbild verdichten – so intensiv, wie ich es noch nie in einem Buch erlebt habe. Denn es geht nicht um eine dystopische Romanhandlung, sondern um die Bilder, die ich schon so oft gesehen habe – und die sich plötzlich mit Menschen füllen. 

So erzählt David Kravette, ein Anleihenmakler im 105. Stock des Nordturms, dass Besucher zu einem Meeting eingetroffen waren, sie aber nicht durch die Lobby im Erdgeschoss kamen, weil einer von ihnen keinen Ausweis dabeihatte. Eigentlich hätte seine Assistentin mit dem Aufzug hinunterfahren müssen, um für diese Person zu unterschreiben. Da sie aber im achten Monat schwanger war, dachte er, dass er ihr das nicht zumuten könne und fuhr selbst ins Erdgeschoss. Er sah sie nie wieder; um 8.46 Uhr schlug das erste Flugzeug zwischen dem 93. und 99. Stockwerk des Nordturms ein. (Seite 33)

Mike Tuohey arbeitete am Portland International Jetport und erinnert sich daran, wie er zu einem gerade eingecheckten Passagier sagte: »Mr. Atta, wenn Sie jetzt nicht losgehen, verpassen Sie ihren Flug.« (Seite 28)

»Wir fliegen viel zu tief« lauteten die letzten Worte der Flugbegleiterin Madeline »Amy« Sweeny, die telefonisch Kontakt mit dem American Airlines Flight Services Office hatte. (Seite 45)

Bruno Dellinger, der im 42. Stock des Nordturms arbeitete, erinnert sich an den Moment, als ihm im Treppenhaus die ersten Feuerwehrleute entgegenkamen, die sich mit ihrer schweren Ausrüstung mühsam Stufe für Stufe nach oben schleppten. »Während ich nach unten ging, liefen sie nach oben in ihren Tod. Das werde ich nie vergessen.« (Seite 161) Hunderte von Rettungskräften starben in den einstürzenden Hochhäusern und viele von ihnen hat man nie gefunden. 

Schrecklich zu lesen sind die Zeugenberichte derjenigen, die mitansahen, wie sich die Menschen aus den oberen Stockwerken der Türme in die Tiefe stürzten, um nicht zu verbrennen. Alleine, zu zweit, einmal sogar zu viert, Hand in Hand. (Seite 172 ff.)

Etwa 350 Kilometer weiter südlich sah die Schulleiterin einer Elementary School in Arlington direkt über ihrem Haus das Flugzeug, das gleich darauf ins Pentagon stürzte. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr Mann an Bord war. (Seite 260)

Beverly Eckert telefonierte mit ihrem Mann Sean Rooney, der im 98. Stockwerk des Südturms oberhalb der Einschlagstelle in der Falle saß. Sie erzählt, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel, wie die Hitze immer unerträglicher wurde, wie sie sich voneinander verabschiedeten. Und wie es eine Art scharfes Knacken gab, als der Boden unter ihm einbrach und das Hochhaus in sich zusammenbrach. (Seiten 187 & 196)

Andy Card, Stabschef des Weißen Hauses war mit Präsident Bush bei einem Besuch einer Schule in Florida. Die Bilder gingen damals um die Welt: Bush sitzt in einem Klassenzimmer und erhält die Nachricht ins Ohr geflüstert, dass ein zweites Flugzeug den anderen Turm getroffen hat. Andy Card war der Überbringer der Nachricht und beschreibt, wie dieser Moment für ihn war – denn ihm war klar, dass sich nun alles verändern würde. (Seite 107) 

Dies sind nur einige wenige Momentaufnahmen, von denen es im Buch unzählige gibt. Es sind apokalyptische Bilder, die uns geschildert werden. Das lichterloh brennende Pentagon, während tausende Mitarbeiter unter nahegelegenen Brücken kauern, da sie mit einem weiteren Angriff rechnen. Die Straßen rund um das World Trade Center, die übersät sind mit Körperteilen, Gebäudetrümmern und brennenden Wrackstücken der Flugzeuge. Die gigantische, hochgiftige Betonstaubwolke, die beim Einsturz der beiden Türme mit der Geschwindigkeit eines Tornados alles verschluckte – an den Nachwirkungen sterben bis heute Menschen. 

Immer wieder sind Geschichten dabei, die ein klein wenig Trost spenden in all dem Chaos, der Verwirrung und der Verzweiflung. Berichte von Menschen, die einander helfen, die nicht aufgeben, die sich selbst hintenanstellen, um andere zu retten. Und an vielen Stellen des Buches ist von einer allumfassenden Stille die Rede; Momentaufnahmen, die sich durch den ganzen Tag ziehen. »Nach dem Einsturz des Gebäudes breitete sich eine Stille aus, die ich niemals vergessen werde. Als die Staubwolke kam, war nichts mehr zu hören und zu sehen«, so Det. Sgt. Joe Blozis vom NYPD. Vollkommen gespenstisch der geschilderte Moment, als Menschenmassen über die leere Brooklyn Bridge laufen – voller Staub, mit verdreckter, zerfetzter Kleidung, blutend, hustend; Überlebende mit entsetzten, ungläubigen Blicken.

»Und auf einmal diese Stille« gehört zu den besten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Seit Monaten wollte ich es hier vorstellen, aber es gelang mir nicht, die passenden Worte für dieses vielschichtige Werk zu finden, das ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument darstellt. Anlässlich des 20. Jahrestages der Terroranschläge las ich es ein zweites Mal – und es hat mich auch bei der wiederholten Lektüre vollkommen erschüttert. Stunde für Stunde läuft dieser sonnige Dienstag im September 2001 vor dem inneren Auge ab, und ich weiß nicht, wie oft ich fassungslos kurz innehalten musste.  Besonders im Kopf geblieben ist mir eine Erinnerung, mit der das Buch beginnt. Astronaut Frank Culbertson war an Bord der Weltraumstation ISS, »der einzige Amerikaner, der sich nicht auf dem Planeten Erde befand.« Es war einer der klarsten Tage des Jahres und aus 350 Kilometer Höhe sah er die riesige schwarze Rauchsäule, die über New York aufstieg und weit auf den Atlantik hinaustrieb. Die nächste Überquerung führte ihn über das brennende Pentagon, während weiter im Norden immer noch der Rauch über New York hing. Bei der dritten Umrundung waren alle Kondensstreifen über den USA verschwunden, der Luftraum war gesperrt worden. Nur ein einziges Flugzeug konnte Culbertson ausmachen: Die Air Force One, die mit dem Präsidenten an Bord einsam ins Ungewisse unterwegs war. 

»Und auf einmal diese Stille« ist ein Buch, das mich sehr beschäftigt hat und auch noch sehr lange beschäftigen wird. Die Länge dieses Blogbeitrags gibt einen Eindruck davon und doch habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche dieses vielschichtigen, authentischen Werkes zu kratzen. Und vieles, was die darauf folgenden zwanzig Jahre und damit die Welt von heute prägen sollte, wird darin schon angedeutet: Kriege, Instabilität, gespaltene Gesellschaften. »Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.« Die Folgen des 11. September 2001 dauern an bis heute. Und es ist nicht vorbei. Noch lange nicht.

Oder, wie es Rosemary Dillard, Managerin bei American Airlines, ausdrückte: »Ich glaube nicht, dass die jungen Leute, die das hier lesen werden, die gleichen Freiheiten erleben werden, die ich genoss, als ich aufgewachsen bin.«

Ihr Ehemann befand sich an Bord eines der entführten Flugzeuge. 

Buchinformation
Garrett M. Graff, Und auf einmal diese Stille – Die Oral History des 11. September
Aus dem Englischen von Philipp Albers und Hannes Meyer
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47090-9

#SupportYourLocalBookstore

Europa im Geschwindigkeitsrausch

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent - Europa 1900 bis 1914

Das Buch »Der taumelnde Kontinent« von Philipp Blom beschreibt ein Europa im Wandel. Sich verändernde gesellschaftliche Strukturen, ein atemberaubender technischer Fortschritt, der ungeahnte Möglichkeiten am Horizont erkennen lässt, die brutalen Folgen kolonialistischer Eroberungszüge und ein Alltag, in dem die Gewissheiten stetig weniger werden. Fünfzehn Jahre umfasst die mitreißend geschriebene Schilderung der Entwicklungen unseres Kontinents – es ist der Zeitraum von 1900 bis 1914. Eine Zeit, die viel moderner war, als wir es uns heute vorstellen können. Und die in vielen Aspekten mit der Epoche vergleichbar ist, in der wir leben. „Europa im Geschwindigkeitsrausch“ weiterlesen

Vom Untergang einer Welt

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Fast hätte ich mir das Buch »Der Wintersoldat« von Daniel Mason gar nicht gekauft. Das Buchcover zeigt einen Menschen in Rückenansicht, der sich mit wehendem Mantel vom Betrachter weg bewegt – diese Art der Buchgestaltung gibt es bereits in viel zu vielen Varianten und ich mag sie nicht besonders. Aber trotzdem sprach mich irgendetwas daran an, sorgte zumindest für ein zweites Hinsehen. Vielleicht war es der Titel »Wintersoldat«, vielleicht waren es die dunklen, wolkenverhangenen Bergrücken auf dem Umschlagbild, die eine Düsternis ausstrahlten, die mich neugierig machte. Als dann der Klappentext eine Handlung in den Karpaten während des Ersten Weltkriegs versprach, war die Kaufentscheidung getroffen. Denn dies ist ein fast vergessener Schauplatz in den vielen Darstellungen jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und ich war gespannt, wie die Lektüre zu meinem Leseprojekt Erster Weltkrieg passen würde. „Vom Untergang einer Welt“ weiterlesen

Ein Fenster in die Geschichte

Bernard von Brentano: Der Beginn der Barbarei in Deutschland

In diesem Beitrag geht es um das Buch »Der Beginn der Barbarei in Deutschland« von Bernard von Brentano. Ich vermische damit Berufliches mit Privatem, da ich seit Sommer 2019 für den Eichborn Verlag arbeite, in dem die Neuausgabe dieses lange vergessenen Werkes erschienen ist. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dass es hier im Blog nicht zu solchen Überschneidungen kommen sollte, doch dieser Titel ist in meinen Augen ein so wichtiges Zeitzeugnis, dass ich einfach nicht anders kann als darüber zu schreiben.  

Das Buch erschien ursprünglich im Jahr 1932 und war das Ergebnis einer intensiven Recherche. Von 1930 an war der Journalist Bernard von Brentano auf langen Fahrten durch Deutschland gereist. Er wollte herausfinden, welche Folgen die Weltwirtschaftskrise hatte, von der das Land mit voller Wucht getroffen wurde – und was er sah, war dramatisch. Brentano besuchte Menschen, deren Existenz durch die Krise vernichtet worden war, ging dorthin, wo das Elend sichtbar wurde. Sprach mit Arbeitern, die nicht wussten, wie lange ihre Betriebe noch durchhalten würden, mit Arbeitslosen, die hungerten, mit Bauern, deren Höfe vor dem Aus standen. Er schilderte die verzweifelte Lage von Familien, die von Obdachlosigkeit bedroht waren oder ihre Wohnung bereits verloren hatten. Lieferte Stimmungsbilder aus den Stadtvierteln und Regionen, in die sich die Angehörigen der Oberschicht nie hin verirren würden. „Ein Fenster in die Geschichte“ weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn »unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.«

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. „Wir Europäer“ weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch »Träumer« die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. „Die Stunde der Idealisten“ weiterlesen

Ein Mahnmal aus Papier

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Buecher

Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in vielen anderen deutschen Orten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht »dem deutschen Geist«. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.

Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier »Das Buch der verbrannten Bücher« vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. „Ein Mahnmal aus Papier“ weiterlesen

Leseprojekt Tragödie eines Volkes

Leseprojekt Tragoedie eines Volkes

Seit etlichen Jahren steht das Buch »Die Tragödie eines Volkes« des Historikers Orlando Figes ungelesen im heimischen Regal. Es beschreibt die russischen Schicksalsjahre zwischen 1891 und 1924. Im Oktober 2017 jährte sich die russische Revolution zum hundertsten Mal – also ein perfekter Anlass, um sich endlich einmal diesem Meilenstein der Geschichtsschreibung zu widmen. Dabei fiel mir auf, dass Figes‘ Werk nicht das einzige Buch in meinem Bücherschrank ist, dass sich mit dem Thema russischer Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigt. Bei weitem nicht. Vielmehr hat sich hier ein ganzer Stapel an Literatur angesammelt, der die verschiedendsten Facetten dieser hundert russischen Jahre ausleuchtet.

Aus diesem Grund wird es nun ein weiteres Leseprojekt auf Kaffeehaussitzer geben. Meine Leseprojekte sind thematisch zusammengestellte Titellisten, die oft während der Leküre weiter anwachsen. Sie dienen der Orientierung, das Ende ist vollkommen offen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Sachbücher oder Romane handelt; vor allem geht es dabei um die inhaltliche Klammer, mit der die zusammengestellten Bücher in einen Kontext gestellt werden, um sich intensiver mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. „Leseprojekt Tragödie eines Volkes“ weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in »Die Abwicklung« die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. „Land in Trümmern“ weiterlesen

Europas offene Wunde

Zwei Bücher: Yuri Dojc und Katya Krausova, Last Folio und Alter Kacyzne, Poyln

Gerne wird momentan von der abendländischen Kultur Europas geredet, um unsere Identität gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen abzugrenzen. Und gerne wird dabei auf den christlich-jüdischen Hintergrund unserer kulturellen Entwicklung hingewiesen. Dabei drücken diese Wörter eine Symbiose aus, die es so nie gab; die vor dem Hintergrund eines jahrtausendealten europäischen Antisemitismus wie blanker Hohn wirkt. Es ist eher so, dass in Europa trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen eine lebendige jüdische Kultur existierte, die erst durch den industrialisierten Massenmord des Holocaust so dezimiert wurde, dass sie heute nur noch vage wahrnehmbar und in vielen Gegenden – insbesondere Osteuropas – vollkommen verschwunden ist. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, eines, das auf eindrucksvoll photographierte Art und Weise letzte Spuren dieser Welt zeigt, Zeugnisse des Verfalls und des endgültigen Verschwindens. Und eines, das uns an jene verschwundene Welt in seltenen Photographien erinnert. „Europas offene Wunde“ weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen »Höllensturz« und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. „Ein Buch für unsere Zeit“ weiterlesen

Zeitreise in die Chaos-Epoche

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war

In einem anderen Beitrag hatte ich geschrieben, dass ich sofort dabei wäre, sollten eines Tages Zeitreisen möglich sein. Die Epoche, um die es ging, waren die Jahre des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts; eine Zeit, die mir in vielem als lebenswerter erscheint als unsere Gegenwart – warum, habe ich in jenem Beitrag erklärt. Nun ist so etwas mit einem Abstand von 200 Jahren schnell gesagt; wie ist es aber, wenn man diese Aussage, dieses Wunschdenken einmal überprüft? Hier hilft das Buch »Als Deutschland noch nicht Deutschland war« von Bruno Preisendörfer weiter, das uns tatsächlich auf eine Zeitreise schickt, uns mitnimmt auf eine »Reise in die Goethezeit«, so der Untertitel.

Um es gleich vorab zu sagen: Was der Autor hier an Quellenarbeit geleistet hat, wie viele Informationen zu unzähligen Details er für dieses Buch zusammengetragen hat, das ist außerordentlich beeindruckend. Und spannend zu lesen, denn es ist keine trockene Auflistung, sondern ein lebendig erzähltes Tableau des damaligen Alltags in all seinen Facetten. „Zeitreise in die Chaos-Epoche“ weiterlesen

Das Castro-Special

Das Castro-Special: Vier Bücher über Fidel Castro

Fidel Castro ist 90 geworden. Es ist zum einen beinahe unglaublich, dass ein Mensch mit dem Lebenslauf eines Berufsrevolutionärs ein solches Alter erreicht. Zum anderen ist sein Name unverrückbarer Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der letzten Generationen: Er war immer da. Jahrzehntelang. Und hat unzählige Menschen – mich eingeschlossen – schon immer fasziniert. Warum ist das so?

[Nachtrag: Am 25. November 2016, fast genau drei Monate nach Veröffentlichung dieses Beitrags, ist Fidel Castro im Alter von 90 Jahren gestorben.]

Natürlich weiß ich, dass Kuba kein freies Land ist. Dass der Versuch, eine gerechtere Gesellschaft mit ungerechten Methoden durchzusetzen, zum Scheitern verurteilt ist. Und dass ein kommunistischer Staat jedes Mal – nicht nur in Kuba – ein Synomym für Unterdrückung und Mangelwirtschaft geworden ist. Gleichzeitig erleben wir in zunehmendem Maße, wie die sogenannte freie Marktwirtschaft und der Neoliberalismus die Schere der nationalen und globalen Ungerechtigkeiten immer weiter auseinanderklaffen und unseren Planeten auf einen ökologischen Kollaps zusteuern lassen. Die Person Fidel Castros ist deshalb für viele ein Symbol für zumindest den Versuch, die Welt zu ändern. Mehr noch als Che Guevara, der anderen Gallionsfigur der Weltrevolution, der allerdings in seinem radikalen Idealismus nicht gezögert hätte, den Klassenfeind in einem atomaren Weltkrieg zu vernichten, wenn dies möglich gewesen wäre.

Fidel Castro ist Revolutionär, Macho, Politiker, Präsident, graue Eminenz, gehasster Feind, verehrte Ikone und, wenn man sich klarmacht, was er tatsächlich erreicht hat, tragische Figur – alles in einer Person. »Ein Leben wie aus einem lateinamerikanischen Abenteuerroman – mit dem kleinen Unterschied, dass die Geschichte nicht erfunden, sondern wahr ist. So wahr, wie man sie auch gar nicht erfinden könnte, ohne unglaubwürdig zu wirken. Der kubanische Revolutionsführer war und ist eine der interessantesten und umstrittensten Personen der Zeitgeschichte, Hass- und Heldenfigur, Mythos und Teufel gleichermaßen. Selbst Che Guevara, die ewige Pop-Ikone, wäre nichts geworden ohne Fidel Castro. Es gab kaum einen Politiker der Neuzeit, der so intelligent, gebildet und belesen, groß und gut aussehend, charismatisch wie charmant und mit einem ebenso überzeugenden wie gefährlichen Macho- und Machtinstinkt ausgestattet war wie er.« Das schreibt Castro-Biograph Volker Skierka in seinem Vorwort für die Graphic Novel »Castro« von Reinhard Kleist. Und diese Graphic Novel ist eines von vier Büchern, die ich in diesem Castro-Special vorstellen möchte. „Das Castro-Special“ weiterlesen

Das Jahrhundertgemetzel

Joe Sacco: Die Schlacht an der Somme

Vor zwei Jahren startete das Leseprojekt Erster Weltkrieg, als sich der Beginn dieses vierjährigen Gemetzels zum hundertsten Mal jährte. Vier Jahre sind eine lange Zeit, doch auch in diesem 51monatigen Morden gab es Fixpunkte, die bis heute symbolisch für die industrialisierte Kriegsführung stehen, bei der Millionen von Soldaten nichts weiter waren als Menschenmaterial oder Kanonenfutter. Der Kampf um Verdun und die Schlacht an der Somme gehören ohne Zweifel dazu. Und beide Ereignisse sind 2016 genau ein Jahrhundert her. Der Graphic-Novel-Künstler Joe Sacco beschreibt in seinem Werk »Der Erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme« die Geschehnisse an der Somme auf eine ganz besondere Weise. „Das Jahrhundertgemetzel“ weiterlesen

Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg

In diesen Tagen jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum achtzigsten Mal. Gleichzeitig ist mir schon länger bewusst, dass ich bis auf die rudimentären Eckdaten kaum etwas Genaueres über diesen Konflikt weiß. Der schließlich nicht nur Spanien veränderte – und dort bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist – sondern viel mehr als ein Bürgerkrieg war. Nämlich ein Kampf der Ideologien, ein blutiges Experimentierfeld für die nur wenige Jahre später stattfindenen Auseinandersetzungen, die vom Zweiten Weltkrieg über die Stellvertreterkriege in Südostasien bis hin zum kalten Krieg Europa und die Weltordnung prägen sollten. Bis zum heutigen Tag. „Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg“ weiterlesen