Geschichte vergeht nicht

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es ist ja so: Von den hunderten oder eher tausenden Büchern, die man in einem Leserleben liest, bleiben viele nur bruchstückhaft im Gedächtnis und bei manchen kann man sich nach ein paar Jahren höchstens noch vage an den Inhalt erinnern – wenn überhaupt. Aber dann gibt es auch die ganz besonderen Werke, jene, auf die man ab und zu stößt, jedes von ihnen eine wertvolle Entdeckung. Jene, deren erzählerische Wucht eine Sogwirkung auslöst, die unbeschreiblich ist. Jene, die einem eine neue Welt eröffnen oder einen mit Haut und Haaren in eine andere Epoche schicken. Jene, die den eigenen Horizont ein Stück vergrößern. Jene, deren Sprache Bilder im Kopf entstehen lassen, die unvergesslich sind; Bilder voller Schönheit und Schrecken. Es gibt sie nicht allzu oft, jene Bücher, die all das in sich vereinen, und ich bin dankbar für jedes von ihnen, das seinen Weg in mein Bücherregal gefunden hat. Und eines davon ist »Alle, außer mir« von Francesca Melandri.

Der Erscheinungstermin des Romans liegt schon etwas zurück. Er sorgte vor ein paar Jahren für viele begeisterte Stimmen, auch bei zahlreichen Menschen, deren Lesevorlieben ich sehr schätze. Daher kaufte ich mir das Buch, aber, wie so oft, wenn ein Roman in aller Munde ist, las ich ihn nicht sofort; es ist dieses Gefühl, schon so viel darüber gehört zu haben, dass man es mit der eigenen Lektüre nicht mehr eilig hat. Vielleicht war es auch das unscheinbare, fast möchte ich sagen, langweilige Cover, das mich so lange zögern ließ. Und so stand das Buch im Regal, wartend auf den perfekten Lesemoment. Der war da, als ich es bei einer Italienreise im Gepäck hatte und mich in einer vom Meer umgebenen italienischen Kleinstadt geradezu hineinfallen ließ in eine unfassbar großartig erzählte Geschichte. 

Die Rahmenhandlung ist dabei das Tor zu mehreren, eng miteinander verzahnten Erzählsträngen, die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt sind, uns zum einen weit zurückführen in die Vergangenheit und uns zum anderen Kontinuitäten aufzeigen, die bis in unsere Zeit reichen. Alles ist miteinander verbunden. 

Die Erzählung beginnt in Rom, im Viertel Esquilin, südlich des Hauptbahnhofs gelegen. An einem Augusttag des Jahres 2010 staunt die 46jährige, alleinlebende Lehrerin Ilaria Profeti nicht schlecht, als sie beim Nachhausekommen vor ihrer Wohnungstüre einen jungen Mann trifft. Ein Afrikaner, genauer gesagt, ein Äthiopier, der nach ihrem Vater Attilio Profeti sucht. Und dessen Namen trägt: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Er sei sein Enkel. Kann das sein? Wie kann das sein? Das sind Ilarias erste Gedanken – bevor sie sich zusammen mit ihrem Halbruder Attilio, der ebenfalls den Namen seines Vaters trägt, auf die Suche macht. Auf die Suche nach der Geschichte jenes Attilio Profetis, der gerade dabei ist, als alter Mensch in seiner Demenz zu verschwinden. Und von dessen Jugend sie viel weniger wissen, als gedacht – ein paar entscheidende Puzzlesteine fehlen. Nach und nach gelingt es ihnen durch die unterschiedlichsten Recherchen Licht in die Dunkelheit zu bringen – in die Dunkelheit eines Lebens und einer ganzen Epoche.

1915 geboren wuchs Attilo Profeti hinein in den Faschismus Mussolinis. Außerordentlich gutaussehend mit einem markanten, »arischen« Profil, sportlich, intelligent und charmant entsprach er dem männlichen Idealbild der faschistischen Ideologie.  Und zog 1935 als Freiwilliger in den Krieg, nach Äthiopien. Oder Abessinien, wie es damals hieß. 

Der Abessinienkrieg ist eines der vielen düsteren, brutalen Kapitel der Kolonialgeschichte. Das Kaiserreich am Horn von Afrika war das einzige Land des Kontinents, das sich jahrhundertelang gegen alle Eroberungsversuche erfolgreich verteidigt hatte. Mussolini, der von einem italienischen Großreich träumte, überfiel Abessinien im Oktober 1935 und es folgte ein gnadenloser Vernichtungsfeldzug, in dem mit dem Einsatz von Bombenteppichen, Giftgas und Flammenwerfern wahllos gemordet wurde. Und in dem es den italienischen Aggressoren trotzdem nicht gelang, das gesamte Land zu besetzen. 

Francesca Melandri erzählt aus der Sicht Attilios, der sich einige Jahre in Abessinien aufhalten wird und dabei wertvolle Kontakte für sein späteres Leben knüpft. Sie erzählt die Geschichte Abebas, einer Äthiopierin, die mit Attilio zusammenlebte und die die Mutter seines Sohnes werden sollte. Ein Sohn, den Attilio nie sehen würde. Viele der italienischen Besatzungssoldaten nahmen sich eine Äthiopierin zur Frau, wobei die »Eheschließung« eine Farce war, um den Schein zu wahren. Bei ihrer Rückkehr nach Italien vergaßen sie ihre dortigen »Ehefrauen« rasch wieder. 

Sie erzählt am Beispiel von Attilios Sohn die Geschichte Äthiopiens, das die italienische Kolonialherrschaft zwar abschütteln konnte, aber nie zur Ruhe kommen sollte, bis heute. Sie erzählt am Beispiel von Attilio selbst, wie alte Seilschaften den Faschismus in italienischen Amtsstuben, Behörden und staatlichen Einrichtungen überdauern sollten, wie ein ganzes Land geprägt wurde von Korruption und gegenseitigen Gefälligkeiten. Und vom Schweigen. Denn die Zeit des Faschismus ist bis heute in Italien nur wenig aufgearbeitet, Mussolinis Diktatur wird von vielen verklärt, gilt schon beinahe als harmlos im Vergleich zu den Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten. Doch Melandris Buch macht klar, dass Benito Mussolini nicht eine Art Operetten-Faschist war, der martialische Auftritte liebte. Sondern ein Gewaltherrscher, der unzählige Opfer zu verantworten hat. Der mörderische Vernichtungskrieg in Abessinien stand den Verbrechen der SS und Wehrmacht in nichts nach; allerdings wird über Gräuel wie etwa das Pogrom von Addis Abeba oder das Massaker von Zeret heute kaum gesprochen, so als seien sie aus dem Bewusstsein der Italiener, der Europäer verschwunden. Mit ihrem Roman sorgt Francesca Melandri dafür, dass diese Schrecken nicht vergessen werden. 

»Alle, außer mir« verknüpft die italienische und die äthiopische Geschichte auf das Engste miteinander. Wir erfahren, was aus den für die Gräuel verantwortlichen Kriegsverbrechern wurde, wie auch lange nach dem Krieg durch die italienische Entwicklungspolitik die Ausbeutung Äthiopiens fortgesetzt wurde. Und was die Flüchtlingsdramen, die sich heute im Mittelmeer abspielen, mit einer längst vergangenen Zeit zu tun haben. Die Epochen gehen ineinander über und selten wird durch einen Roman so deutlich, dass die Geschichte nie vergeht, sondern unser Heute prägt. In allen Facetten.

Mit der Person des Attilio Profeti hat die Autorin dabei einen Fixpunkt geschaffen, um den sich ein ganzes Jahrhundert dreht. Gekonnt wird die Faszination beschrieben, die der Faschismus auf junge, abenteuerlustige Menschen ausüben konnte. Und wie schnell die Schwelle zwischen dieser Abenteuerlust und Gnadenlosigkeit überschritten werden konnte. Dabei vermeidet sie die simple Unterscheidung zwischen Gut und Böse, denn das wäre zu einfach. Attilio mag als Familienvater ein Patriarch gewesen sein, ein Macho, einer, der sich in seinem späteren Leben geschickt im morschen politischen System der italienischen Republik zu bewegen weiß. Aber er wird weder als ein guter, noch als ein schlechter Mensch dargestellt. Sondern als ein Kind seiner Zeit, einer, der sich in seinen Lebenslügen eingerichtet hat.

Um wieder ins Jahr 2010 zurückzukehren: Ilaria wiederum, Attilios Tochter, hasst dieses morsche politische System der unzähligen Gefälligkeiten. Sie will sich vollkommen daraus heraushalten, bis sie einsehen muss, längst eine Nutznießerin zu sein. Und bis sie es letztlich benötigt, um Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti zu helfen. Dem Enkel ihres Vaters. Aus Äthiopien. 

An dieser Stelle habe ich beim Verfassen dieses Textes innegehalten und noch einmal durch das Buch geblättert, das – wie immer, wenn ich einen Blogbeitrag schreibe – neben mir liegt. Das Vorsatzblatt ist übersät mit notierten Seitenzahlen; insgesamt habe ich einundneunzig Textstellen angestrichen, die mir wichtig erschienen. Und daher ist mir auch klar, dass ich bisher nur von einem Bruchteil der Handlung gesprochen, mich vor allem auf den historischen Teil des Buches konzentriert habe. Dabei gäbe es noch viele weitere Aspekte und Stränge der Romanhandlung herauszuarbeiten, über viele weitere Details zu sprechen, die das gegenwärtige Italien betreffen: Etwa über die  italienisch-europäische Flüchtlingspolitik, die gescheiterte italienische Integrationspolitik, so sie denn jemals existierte, über das Entstehen von Parallelwelten, über den Niedergang der Wirtschaft, über gesellschaftliche Bruchstellen. Und vor allem über die Kontinuität postfaschistischen Denkens, das in Italien niemals verschwunden war – bis heute kann man in Souvenirläden Duce-Devotionalien erwerben. 

Ich habe schon länger an dieser Buchvorstellung geschrieben, zwischenzeitlich ruhte sie im Entwürfeordner; es fiel mir nicht ganz leicht die Komplexität des Werkes in Worte zu fassen. Eine Komplexität, die mit eleganter Leichtigkeit daherkommt und einen als Leser geradezu durch die Seiten fliegen lässt – im Bewusstsein, gerade eines jener besonderen Bücher zu lesen, die einem nicht allzu oft begegnen. Doch einen passenderen Tag für eine Veröffentlichung dieser Besprechung kann es kaum geben: Am heutigen 24. September 2022 ist Wahl in Italien – und die Kandidatin Giorgia Meloni mit ihrer rechtsextremen Partei Fratelli d’Italia hat beste Chancen, diese Wahl zu gewinnen (Nachtrag, einen Tag später: Genau so ist es leider auch gekommen). »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« – diesem Satz von Bertolt Brecht ist wohl nichts hinzuzufügen. Denn ein Land, dass sich den Verbrechen, die in seinem Namen verübt wurden, nicht stellt, kann aus der Geschichte nichts lernen und ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. 

Daher ist Francesca Melandris Roman nicht nur ein brillant geschriebenes Buch, sondern ein wichtiges. Wichtiger denn je.

Buchinformation
Francesca Melandri, Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-3296-3

#SupportYourLocalBookstore

8 Antworten auf „Geschichte vergeht nicht“

  1. Den vergangenen Sommer über habe ich mich mit einigen der Bücher Alberto Moravias († 1990) beschäftigt, des Alten Nationalschriftstellers der Italiener. Seine Romangeschichten sind stark vom italienischen Faschismus des letzten Jahrhunderts geprägt. – Dieser römische Grande würde im Grabe rotieren, wenn er wüsste, was seine Landsleute da am Wochenende angerichtet haben.

  2. Hallo Uwe,
    es hätte keinen besseren Tag als heute geben können, um über dieses Buch zu schreiben. Ich habe es kurz nach dem Erscheinen gelesen und es hat mich zutiefst erschüttert und lange Zeit verfolgt.
    Es ist unfassbar, dass die rechtsextremen Neofaschisten in Italien heute wieder eine Chance haben und niemand kann sich herausreden, er hätte von nichts gewusst. – Und falls doch, müsste irgendjemand dafür sorgen, dass „Alle, außer mir“ Schullektüre wird.
    Vielen Dank für deine großartige Besprechung.

    1. Hallo Petra,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Es ist wahrlich ein Buch, das lange im Kopf bleibt. Und nach dessen Lektüre ein politischer Rechtsdrall in einem Land noch unverständlicher wird, als er es ohnehin schon ist. Schullektüre wäre ein feine Sache.
      Herzliche Grüße
      Uwe

  3. Bei mir lag es Jahre in meinem “ noch zu lesen“ Stapel und rückte immer mehr nach unten; bis ich es letztes Jahr mit nach Triest nahm…. Selten habe ich so viel im Nachgang zu einem Buch recherchiert. Ein Buch das man gelesen haben muss, oder besser lesen darf!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

%d Bloggern gefällt das: