Keine Heldengeschichten

Uwe Wittstock: Februar 33 - Der Winter der Literatur

Am 30. Januar 1933 war die Weimarer Republik am Ende, die Nationalsozialisten an der Macht, und das erste demokratische Experiment auf deutschem Boden versank in Gewalt und staatlichem Terror. Die Dynamik, mit der dies geschah, ist erschreckend: »Für die Zerstörung der der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.« Dieses eindrucksvolle Zitat stammt aus dem Buch »Februar 33 – Winter der Literatur« von Uwe Wittstock. Anhand der Schicksale vieler der damaligen Literaturschaffenden rekonstruiert er die dramatischen Ereignisse. Furchteinflößend und mitreißend gleichzeitig, denn er schafft es, uns so dicht an diese alles verändernden Wochen heranzuführen, wie es mit der Macht der Sprache nur möglich ist.

Gegliedert ist das Buch in 35 Kapitel, jedes schildert einen Tag zwischen dem 28. Januar und dem 15. März 1933. Es entsteht eine Chronologie der Ereignisse, vor allem aber erfahren wir, wie sich die Situation für zahlreiche Autoren und Autorinnen zuspitzte. Von einem Moment auf den anderen waren sie zu unerwünschten Personen im eigenen Land geworden, waren ihre Bankkonten eingefroren, ihre Wohnungen unter Beobachtung, ihre Leben in Gefahr. Viele Schriftsteller hatten schon seit Jahren gegen den Nationalsozialismus angeschrieben, diesen geifernden Feind einer freien Gesellschaft. Zusammen mit den politischen Gegnern der Nazis waren sie nun die ersten, die verfolgt wurden. 

»Das hier sind keine Heldengeschichten.« Das ist der erste Satz des Buches, ein perfekter Einstieg. Denn es geht nicht um Heldentum, sondern um die Perspektive von Menschen, die politische Verwerfungen erdulden und erleiden müssen. Deren Welt sich über Nacht auflöst und viele von ihnen mit fast nichts zurücklässt. 

Die Idee zu diesem Buch kam Uwe Wittstock, als er durch Zufall einige Sitzungsprotokolle der Preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, in die Hände bekam. Sie stammten aus genau dieser Zeit und seine Neugier war geweckt. Er recherchierte weiter, las Autobiographien, Tagebücher, Briefwechsel, Romane der Exilanten – nach und nach entstand ein vielschichtiges Bild dieser turbulenten Wochen. Alle Angaben in »Februar 33« sind belegt, durch erzählerische Überleitungen und Verknüpfungen entsteht eine Dramaturgie, die das Buch zu einer fesselnden Lektüre macht. Und am Ende der Kapitel sind kurze Ausschnitte aus Zeitungsmeldungen angefügt; Nachrichtenschnipsel, in denen es um ermordete Kommunisten, Nazis, Polizisten oder Unbeteiligte geht, die das Pech hatten, in eine der vielen Auseinandersetzungen auf den Straßen hineinzugeraten. Diese Zeitungsnotizen machen klar, wie sehr die Gewalt in den Städten und Dörfern Einzug gehalten hatte. 

Die düstere Stimmung ist von Beginn an spürbar. Das erste Kapitel schildert den Presseball in Berlin, das gesellschaftliche Großereignis der Reichshauptstadt. Es ist der Abend des 28. Januar 1933, zwei Tage vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – die bereits in der Luft liegt. Die Regierungsloge ist leer und der gesamte Ball wirkt wie »der letzte Tanz der Republik«, so die Kapitelüberschrift. Gespenstisch. Und von Uwe Wittstock brillant geschildert; im Mittelpunkt seiner Beschreibung stehen dabei Carl Zuckmayer und Ernst Udet. Der Schriftsteller und das Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs sind gut befreundet; einige Wochen später war Zuckmayer im Exil. Und Udet, der sich eine Weile widerwillig vor den Propagandakarren der Nazis spannen ließ, erschoss sich im November 1941. Zuckmayers berühmtes Stück »Des Teufels General« ist seinem Freund gewidmet.

Der Abend des Presseballs erscheint wie das letzte Atemholen, bevor sich die Ereignisse zu überschlagen beginnen. Die letzten Reste eines Rechtsstaates verschwanden spätestens nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933; die daraufhin in Kraft getretene »Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat« gab Hitler und seinen mörderischen Schergen die volle Macht, die absolute Kontrolle. Das alles sind bekannte historische Zusammenhänge. »Februar 33« füllt sie mit Leben – unzählige kleine Mosaiksteine ergeben ein riesiges Tableau der Emigration.

Wir treffen Joseph Roth, der schon am Morgen des 30. Januar 1933 im Zug nach Paris sitzt, fest entschlossen, den Kampf mit der Feder gegen den Faschismus weiterzuführen. Wenige Jahre später wird er in völliger Armut sterben. 

Wir müssen mit ansehen, wie die dreiundsechzigjährige Else Lasker-Schüler angepöbelt wird, wie Theater ihr neues Stück aus den Spielplänen nehmen, ihr damit die Lebensgrundlage entziehen. 

Wir erleben, wie Heinrich Mann gezwungen wird, sein Amt als Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste niederzulegen – überhaupt spielt diese Einrichtung eine entscheidende Rolle bei der »Gleichschaltung« des kulturellen Lebens. Kurze Zeit später überschreitet er – einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes – nur mit einem kleinen Handkoffer zu Fuß die Grenze nach Frankreich; unerkannt und auf der Flucht. Sein berühmter Bruder Thomas war zu dieser Zeit gerade auf Europa-Tour. Er und seine Frau Katia Mann kehrten gar nicht erst nach München zurück, nachdem ihre Kinder Klaus und Erika sie nachdrücklich davor gewarnt hatten.

Wir sind dabei, wie sich Gabriele Tergit, eine der brillantesten Journalistinnen Berlins, von ihrem Chef Carl von Ossietzky verabschiedet. Sie werden sich nie wiedersehen; Ossietzky wird in eines der ersten Konzentrationslager gesperrt, er stirbt im Mai 1938 an den Folgen der schweren Misshandlungen. Auch der Friedensnobelpreis, der ihm verliehen wurde, konnte ihn nicht retten. Und Tergit hatte Glück, dass die SA nicht ihre mit Metallbeschlägen verstärkte Türe aufbrechen konnte. Sie schaffte es, mit ihrem Sohn und ihrem Mann aus Deutschland zu entkommen. 

Und so geht es weiter und weiter. Viele bekannte und weniger bekannte Namen begegnen uns. Bertolt Brecht und Helene Weigel versuchen verzweifelt, ihre zweijährige Tochter, die noch keinen Pass besitzt, aus Deutschland herauszubekommen. Erich Mühsam weiß als ehemaliger Aktivist der Münchner Räterepublik um die Gefahr, aber es ist zu spät; morgens um fünf wird er im Bett verhaftet. Klaus und Erika Mann versuchen in München ihr exzessives Leben weiterzuführen und die Realität auszublenden, so lange es möglich ist. Doch die Einschläge kommen schnell und unerbittlich näher. Bei Theodor Wolff, Chefredakteur des liberalen Berliner Tageblatts, beginnt die Flucht direkt vom Schreibtisch weg, gerade noch rechtzeitig.

Viele der Flüchtenden kannten sich untereinander, je weiter man liest, desto mehr erfahren wir über die Vernetzungen, über langjährige Freundschaften, Beziehungen, über verzweifelte Versuche, sich in Gruppen zusammenzufinden, um gemeinsam die Stimme zu erheben – letztendlich ging es in all dem Chaos des losbrechenden Unrechts nur noch darum, sein Leben zu retten. Was nicht allen gelang. Und gerade die beschriebenen Vernetzungen zeigen, dass in jenen Wochen nicht nur einzelne Akteure verschwanden, sondern dass eine ganze Literaturszene unterging, ihr Schaffen gekappt wurde.

Es sind nur wenige Namen, die ich hier beispielhaft nennen kann; nur ein winziger Bruchteil all derer, an die das Buch »Februar 33« erinnert. Und auch dies kann wiederum nicht den Anspruch einer Gesamtdarstellung haben – in einem Gespräch im Kölner Literaturhaus schätzte Uwe Wittstock, dass zwischen zehn- und fünfzehntausend Intellektuelle – oftmals führende Künstler und Wissenschaftler – gezwungen waren, Deutschland zu verlassen. Eine gigantische Abwanderung an Intelligenz und Talent; wie würde unser heutiges kulturelles Leben wohl ohne diesen gewaltigen Aderlass aussehen? Und all die Flucht, all das verzweifelte Bemühen, die zur feindlichen Umgebung gewordene Heimat verlassen zu können – all dies war nur der erste Akt des Dramas. Im Mai 1933 brannten dann die Bücher. Und bald würde das ganze Land brennen. 

»Februar 33« schildert nicht nur eine der dunkelsten Stunde unserer Geschichte. Sondern es erinnert uns daran, dass Freiheit fragil und nicht selbstverständlich ist.

Und daran, wie schnell sie in Gefahr geraten kann. 

Buchinformation
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
Verlag C.H.Beck
ISBN 978-3-406-77693-9

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3 Antworten auf „Keine Heldengeschichten“

  1. Herzlichen Dank für Ihren Blog, der mir schon viele schöne Lesestunden beschert hat, und besonders für die ausführliche und präzise Rezension eines Buches, das ich für sehr wichtig halte und dem ich eine große Verbreitung wünsche.

    Eine kleine Anmerkung vielleicht: Die Weimarer Republik als „das erste demokratische Experiment auf deutschem Boden zu bezeichnen“ ist m.E. nicht treffend.

    Erstens könnte man schon im Umfeld der Märzrevolution zumindest von demokratischen Experimenten sprechen. Zweitens war auch schon das Kaiserreich, wenngleich insgesamt kein demokratischer Staat, doch von fest verankerten demokratischen Institutionen wie dem Parlament, das immerhin das Budgetrecht hatte, geprägt. Drittens war die Weimarer Republik sicher mehr als ein Experiment.

    In diesem Sinne wird der bei Wittstock noch einmal sehr greifbar werdende, rasend schnelle Zusammenbruch der Demokratie und demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen noch erstaunlicher.

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