Geschichte vergeht nicht

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es ist ja so: Von den hunderten oder eher tausenden Büchern, die man in einem Leserleben liest, bleiben viele nur bruchstückhaft im Gedächtnis und bei manchen kann man sich nach ein paar Jahren höchstens noch vage an den Inhalt erinnern – wenn überhaupt. Aber dann gibt es auch die ganz besonderen Werke, jene, auf die man ab und zu stößt, jedes von ihnen eine wertvolle Entdeckung. Jene, deren erzählerische Wucht eine Sogwirkung auslöst, die unbeschreiblich ist. Jene, die einem eine neue Welt eröffnen oder einen mit Haut und Haaren in eine andere Epoche schicken. Jene, die den eigenen Horizont ein Stück vergrößern. Jene, deren Sprache Bilder im Kopf entstehen lassen, die unvergesslich sind; Bilder voller Schönheit und Schrecken. Es gibt sie nicht allzu oft, jene Bücher, die all das in sich vereinen, und ich bin dankbar für jedes von ihnen, das seinen Weg in mein Bücherregal gefunden hat. Und eines davon ist »Alle, außer mir« von Francesca Melandri.

Der Erscheinungstermin des Romans liegt schon etwas zurück. Er sorgte vor ein paar Jahren für viele begeisterte Stimmen, auch bei zahlreichen Menschen, deren Lesevorlieben ich sehr schätze. Daher kaufte ich mir das Buch, aber, wie so oft, wenn ein Roman in aller Munde ist, las ich ihn nicht sofort; es ist dieses Gefühl, schon so viel darüber gehört zu haben, dass man es mit der eigenen Lektüre nicht mehr eilig hat. Vielleicht war es auch das unscheinbare, fast möchte ich sagen, langweilige Cover, das mich so lange zögern ließ. Und so stand das Buch im Regal, wartend auf den perfekten Lesemoment. Der war da, als ich es bei einer Italienreise im Gepäck hatte und mich in einer vom Meer umgebenen italienischen Kleinstadt geradezu hineinfallen ließ in eine unfassbar großartig erzählte Geschichte. 

Die Rahmenhandlung ist dabei das Tor zu mehreren, eng miteinander verzahnten Erzählsträngen, die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt sind, uns zum einen weit zurückführen in die Vergangenheit und uns zum anderen Kontinuitäten aufzeigen, die bis in unsere Zeit reichen. Alles ist miteinander verbunden. 

Die Erzählung beginnt in Rom, im Viertel Esquilin, südlich des Hauptbahnhofs gelegen. An einem Augusttag des Jahres 2010 staunt die 46jährige, alleinlebende Lehrerin Ilaria Profeti nicht schlecht, als sie beim Nachhausekommen vor ihrer Wohnungstüre einen jungen Mann trifft. Ein Afrikaner, genauer gesagt, ein Äthiopier, der nach ihrem Vater Attilio Profeti sucht. Und dessen Namen trägt: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Er sei sein Enkel. Kann das sein? Wie kann das sein? Das sind Ilarias erste Gedanken – bevor sie sich zusammen mit ihrem Halbruder Attilio, der ebenfalls den Namen seines Vaters trägt, auf die Suche macht. Auf die Suche nach der Geschichte jenes Attilio Profetis, der gerade dabei ist, als alter Mensch in seiner Demenz zu verschwinden. Und von dessen Jugend sie viel weniger wissen, als gedacht – ein paar entscheidende Puzzlesteine fehlen. Nach und nach gelingt es ihnen durch die unterschiedlichsten Recherchen Licht in die Dunkelheit zu bringen – in die Dunkelheit eines Lebens und einer ganzen Epoche.

1915 geboren wuchs Attilo Profeti hinein in den Faschismus Mussolinis. Außerordentlich gutaussehend mit einem markanten, »arischen« Profil, sportlich, intelligent und charmant entsprach er dem männlichen Idealbild der faschistischen Ideologie.  Und zog 1935 als Freiwilliger in den Krieg, nach Äthiopien. Oder Abessinien, wie es damals hieß. 

Der Abessinienkrieg ist eines der vielen düsteren, brutalen Kapitel der Kolonialgeschichte. Das Kaiserreich am Horn von Afrika war das einzige Land des Kontinents, das sich jahrhundertelang gegen alle Eroberungsversuche erfolgreich verteidigt hatte. Mussolini, der von einem italienischen Großreich träumte, überfiel Abessinien im Oktober 1935 und es folgte ein gnadenloser Vernichtungsfeldzug, in dem mit dem Einsatz von Bombenteppichen, Giftgas und Flammenwerfern wahllos gemordet wurde. Und in dem es den italienischen Aggressoren trotzdem nicht gelang, das gesamte Land zu besetzen. 

Francesca Melandri erzählt aus der Sicht Attilios, der sich einige Jahre in Abessinien aufhalten wird und dabei wertvolle Kontakte für sein späteres Leben knüpft. Sie erzählt die Geschichte Abebas, einer Äthiopierin, die mit Attilio zusammenlebte und die die Mutter seines Sohnes werden sollte. Ein Sohn, den Attilio nie sehen würde. Viele der italienischen Besatzungssoldaten nahmen sich eine Äthiopierin zur Frau, wobei die »Eheschließung« eine Farce war, um den Schein zu wahren. Bei ihrer Rückkehr nach Italien vergaßen sie ihre dortigen »Ehefrauen« rasch wieder. 

Sie erzählt am Beispiel von Attilios Sohn die Geschichte Äthiopiens, das die italienische Kolonialherrschaft zwar abschütteln konnte, aber nie zur Ruhe kommen sollte, bis heute. Sie erzählt am Beispiel von Attilio selbst, wie alte Seilschaften den Faschismus in italienischen Amtsstuben, Behörden und staatlichen Einrichtungen überdauern sollten, wie ein ganzes Land geprägt wurde von Korruption und gegenseitigen Gefälligkeiten. Und vom Schweigen. Denn die Zeit des Faschismus ist bis heute in Italien nur wenig aufgearbeitet, Mussolinis Diktatur wird von vielen verklärt, gilt schon beinahe als harmlos im Vergleich zu den Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten. Doch Melandris Buch macht klar, dass Benito Mussolini nicht eine Art Operetten-Faschist war, der martialische Auftritte liebte. Sondern ein Gewaltherrscher, der unzählige Opfer zu verantworten hat. Der mörderische Vernichtungskrieg in Abessinien stand den Verbrechen der SS und Wehrmacht in nichts nach; allerdings wird über Gräuel wie etwa das Pogrom von Addis Abeba oder das Massaker von Zeret heute kaum gesprochen, so als seien sie aus dem Bewusstsein der Italiener, der Europäer verschwunden. Mit ihrem Roman sorgt Francesca Melandri dafür, dass diese Schrecken nicht vergessen werden. 

»Alle, außer mir« verknüpft die italienische und die äthiopische Geschichte auf das Engste miteinander. Wir erfahren, was aus den für die Gräuel verantwortlichen Kriegsverbrechern wurde, wie auch lange nach dem Krieg durch die italienische Entwicklungspolitik die Ausbeutung Äthiopiens fortgesetzt wurde. Und was die Flüchtlingsdramen, die sich heute im Mittelmeer abspielen, mit einer längst vergangenen Zeit zu tun haben. Die Epochen gehen ineinander über und selten wird durch einen Roman so deutlich, dass die Geschichte nie vergeht, sondern unser Heute prägt. In allen Facetten.

Mit der Person des Attilio Profeti hat die Autorin dabei einen Fixpunkt geschaffen, um den sich ein ganzes Jahrhundert dreht. Gekonnt wird die Faszination beschrieben, die der Faschismus auf junge, abenteuerlustige Menschen ausüben konnte. Und wie schnell die Schwelle zwischen dieser Abenteuerlust und Gnadenlosigkeit überschritten werden konnte. Dabei vermeidet sie die simple Unterscheidung zwischen Gut und Böse, denn das wäre zu einfach. Attilio mag als Familienvater ein Patriarch gewesen sein, ein Macho, einer, der sich in seinem späteren Leben geschickt im morschen politischen System der italienischen Republik zu bewegen weiß. Aber er wird weder als ein guter, noch als ein schlechter Mensch dargestellt. Sondern als ein Kind seiner Zeit, einer, der sich in seinen Lebenslügen eingerichtet hat.

Um wieder ins Jahr 2010 zurückzukehren: Ilaria wiederum, Attilios Tochter, hasst dieses morsche politische System der unzähligen Gefälligkeiten. Sie will sich vollkommen daraus heraushalten, bis sie einsehen muss, längst eine Nutznießerin zu sein. Und bis sie es letztlich benötigt, um Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti zu helfen. Dem Enkel ihres Vaters. Aus Äthiopien. 

An dieser Stelle habe ich beim Verfassen dieses Textes innegehalten und noch einmal durch das Buch geblättert, das – wie immer, wenn ich einen Blogbeitrag schreibe – neben mir liegt. Das Vorsatzblatt ist übersät mit notierten Seitenzahlen; insgesamt habe ich einundneunzig Textstellen angestrichen, die mir wichtig erschienen. Und daher ist mir auch klar, dass ich bisher nur von einem Bruchteil der Handlung gesprochen, mich vor allem auf den historischen Teil des Buches konzentriert habe. Dabei gäbe es noch viele weitere Aspekte und Stränge der Romanhandlung herauszuarbeiten, über viele weitere Details zu sprechen, die das gegenwärtige Italien betreffen: Etwa über die  italienisch-europäische Flüchtlingspolitik, die gescheiterte italienische Integrationspolitik, so sie denn jemals existierte, über das Entstehen von Parallelwelten, über den Niedergang der Wirtschaft, über gesellschaftliche Bruchstellen. Und vor allem über die Kontinuität postfaschistischen Denkens, das in Italien niemals verschwunden war – bis heute kann man in Souvenirläden Duce-Devotionalien erwerben. 

Ich habe schon länger an dieser Buchvorstellung geschrieben, zwischenzeitlich ruhte sie im Entwürfeordner; es fiel mir nicht ganz leicht die Komplexität des Werkes in Worte zu fassen. Eine Komplexität, die mit eleganter Leichtigkeit daherkommt und einen als Leser geradezu durch die Seiten fliegen lässt – im Bewusstsein, gerade eines jener besonderen Bücher zu lesen, die einem nicht allzu oft begegnen. Doch einen passenderen Tag für eine Veröffentlichung dieser Besprechung kann es kaum geben: Am heutigen 24. September 2022 ist Wahl in Italien – und die Kandidatin Giorgia Meloni mit ihrer rechtsextremen Partei Fratelli d’Italia hat beste Chancen, diese Wahl zu gewinnen (Nachtrag, einen Tag später: Genau so ist es leider auch gekommen). »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« – diesem Satz von Bertolt Brecht ist wohl nichts hinzuzufügen. Denn ein Land, dass sich den Verbrechen, die in seinem Namen verübt wurden, nicht stellt, kann aus der Geschichte nichts lernen und ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. 

Daher ist Francesca Melandris Roman nicht nur ein brillant geschriebenes Buch, sondern ein wichtiges. Wichtiger denn je.

Buchinformation
Francesca Melandri, Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-3296-3

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Die Bücher der Rose

Umberto Eco: Der Name der Rose | Dirk Schuemer: Die schwarze Rose

2022 jährte sich das Erscheinen der deutschen Ausgabe von »Der Name der Rose« zum vierzigsten Mal. Dies feierte der Hanser Verlag mit einer wunderschön gestalteten Neuauflage des Romans von Umberto Eco in der bewährten Übersetzung von Burkhart Kroeber. Eine Ausgabe, an der ich nicht vorbeigehen konnte und die ich zum Anlass nahm, nach fünfunddreißig Jahren dieses großartige Werk ein zweites Mal zu lesen. Gleichzeitig erschien – im Zsolnay Verlag, der ebenfalls zu Hanser gehört – der Roman »Die schwarze Rose« von Dirk Schümer; laut der Ankündigung auf dem Klappentext eine Art lose Fortsetzung von Ecos Meisterwerk. Zumindest würde man ein paar alte Bekannte wieder treffen: »Dort, wo Umberto Ecos ›Der Name der Rose‹ aufhört, setzt Dirk Schümers historischer Roman an«, heißt es auf der Buchrückseite. An ein Meisterwerk, an einen der ganz großen Romane der letzten Dekaden anknüpfen? Kann ein so schon fast anmaßendes Unterfangen gut gehen? Gelingen? Ich war skeptisch. Und neugierig. Aber lest selbst. „Die Bücher der Rose“ weiterlesen

Eine Straße als Sehnsuchtsort

Amor Towles: Lincoln Highway

Der drängende Wunsch, unterwegs zu sein ist eines der prägendsten Gefühle meines Lebens. Ich liebe die Aufbruchsstimmung, wenn ein Zug Fahrt aufnimmt. Ich liebe das einen plötzlich überfallende Fernweh, wenn am Himmel ein Flugzeug in der Abendsonne glänzt. Und besonders liebe ich den Anblick einer Straße, die sich am Horizont im Nirgendwo verliert. Was für ein Symbol: Unterwegs sein zu Neuem, dem Stillstand entfliehen – und sei es lediglich in der Phantasie. Kann es etwas Schöneres geben? Daher musste ich keine Sekunde lang überlegen, als ich den Roman »Lincoln Highway« von Amor Towles sah – nur wegen des Covers war das Buch gekauft, bevor ich den Klappentext gelesen hatte und ohne den hochgelobten Vorgängeroman des Autors – »Ein Gentleman in Moskau« – gelesen zu haben. 

Und dann noch der Titel. Lincoln Highway. Die erste Fernstraße der USA, die beide Küsten als eine durchgehende Strecke miteinander verband; vom Times Square in New York bis zum Lincoln Park in San Francisco. Ich freute mich auf die Lektüre, auf einen Roadtrip ins Ziellose Freute mich, die Protagonisten durch endlose Weiten zu begleiten, Meile um Meile, dem Ungewissen entgegen. Das waren die Assoziationen, die Cover und Titel in mir weckten. Und um das Fazit dieser Buchvorstellung an den Anfang zu stellen: Es war in der Tat ein Roadmovie, das mich begeistert, mich auf einen wilden Trip zu einem Neuanfang mitgenommen hat. Nur vollkommen anders, als gedacht. „Eine Straße als Sehnsuchtsort“ weiterlesen

Die Augen seines Vaters

Remo Rapino: Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio

Ein Mann mit Rucksack auf dem Weg ins Ungewisse: Das Cover des Romans »Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio« von Remo Rapino erinnert ein wenig an Robert Seethalers »Ein ganzes Leben«. Und wie bei diesem Werk geht es ebenfalls um die Lebensgeschichte eines Einzelgängers, eines Menschen der sich immer wieder mit der Einsamkeit arrangieren muss, die ihn wie ein Kokon umgibt. Es ist jener Liborio Bonfiglio, den wir Leser als alten Menschen kennenlernen. Als Ich-Erzähler nimmt er uns mit auf eine Reise durch acht Jahrzehnte Leben und durch die Wechselbäder der italienischen Geschichte. „Die Augen seines Vaters“ weiterlesen

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Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Der Roman »Das Feuer retten« von Guillermo Arriaga liegt neben mir, gerade habe ich ihn beendet und schaue auf das ziegelsteingroße Buch. Aus den achthundert Seiten scheint Qualm aufzusteigen, so als verströmen sie nach der Lektüre noch eine Mischung aus Testosteron, Adrenalin und Pulverdampf. Was habe ich da gelesen? Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe. Die Geschichte einer Selbstzerstörung. Die Geschichte einer kaputten Gesellschaft. Die Geschichte eines zerrissenen Landes, geprägt von Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Geschichte zweier Menschen, deren Anziehungskraft füreinander sie alle Normen vergessen lässt – mit dramatischen Folgen. Und lebensgefährlichen Konsequenzen. 

Der Autor hat dem Buch zwei Sätze des französischen Regisseurs und Autors Jean Cocteau vorangestellt: »Wenn das Feuer mein Haus niederbrennt, was würde ich retten? Ich würde das Feuer retten.« Dieses titelgebende Zitat ist eine Kampfansage an die Mittelmäßigkeit, in der es sich die meisten von uns bequem eingerichtet haben. Doch wehe, wenn die Mauer, die unser bequemes Leben umgibt und die das Gefühlschaos und die brennende Leidenschaft aussperrt, auch nur einen hauchdünnen Riss bekommt. Dann bricht die eigene, kleine Welt auseinander. „Leben um des Lebens willen“ weiterlesen

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Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

An dieser Stelle sollte ein prägnanter erster Satz stehen. Einer, der es schafft, sofort neugierig auf ein Buch zu machen, das mich begeistert, fasziniert und so gepackt hat, wie es nicht oft vorkommt. Das ich rasend schnell gelesen habe, weil ich nicht anders konnte, die Sogwirkung war unbeschreiblich. Um es nur widerstrebend aus der Hand zu legen, da auch die längsten Leseabende irgendwann beendet werden mussten. Ein Buch, das mir ein paar Nächte lang unruhige und seltsame Träume beschert hat, nachdem die letzte Seite umgeblättert war. Das sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Das jetzt beim Schreiben schweigend neben mir liegt und mich wieder hineinzieht in eine der ungewöhnlichsten, aber auch verstörendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Die Rede ist von dem großartigen, düsteren Roman »Unser Teil der Nacht« der argentinischen Autorin Mariana Enriquez. Das alles in einem einzigen prägnanten ersten Satz unterbringen? Es ging nicht. „Die Toten reisen schnell“ weiterlesen

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Anstatt über den Roman »Gesammelte Werke« von Lydia Sandgren zu schreiben, würde ich viel lieber noch darin lesen, wäre gerne noch in der Geschichte gefangen, die mich vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Aber auch 874 Seiten sind leider irgendwann zu Ende und es war mitten in der Nacht, als ich das Buch zugeklappt habe; übermüdet und hellwach gleichzeitig. Am nächsten Tag begann das Gelesene zu sacken, sich im Kopf auszubreiten und mir wurde nach und nach klar, was für ein grandioses Leseerlebnis mir beschert worden war – verbunden mit der Wehmut, die liebgewordenen Personen nun nicht mehr wiederzutreffen. Literatur, die wie ein helles Licht über den trüben pandemischen Winter strahlt. Dabei behandelt »Gesammelte Werke« ernste Themen, es geht um Verlust, um das Gefühl der Leere und die Suche nach einem Sinn im Leben; es gibt viele Fragen und nicht immer Antworten darauf – das alles aber ist eingebettet in einer wunderbaren Erzählung über die Freundschaft, das Älterwerden und die Liebe zur Kunst, zur Literatur und zur Sprache. „Über die Leere, die uns umgibt“ weiterlesen

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»Don’t judge a book by its cover« – diese Redewendung wird meist metaphorisch benutzt. Doch bei dem Roman »Feindesland« von Christopher J. Sansom ist der Satz im wortwörtlichen Sinne zutreffend. Denn wäre mir der Autorenname nicht bereits von der grandiosen Matthew-Shardlake-Reihe her bekannt gewesen, dann hätte ich das Buch aufgrund der Covergestaltung keinesfalls beachtet. Ein Mensch in Rückenansicht vor einem neblig-dramatischen Hintergrund: von außen sieht es aus wie einer dieser Thriller von der Stange; austauschbare Genre-Literatur, Dutzendware, vorhersehbar und uninteressant. Doch weit gefehlt, denn hinter dem unsäglichen Umschlagbild verbirgt sich eine düstere, alternativ-zeitgeschichtliche Romanhandlung vom Feinsten. Eine, die es sogar fast mit Robert Harris »Vaterland« aufnehmen kann – und das will etwas heißen. „Don’t judge a book by its cover“ weiterlesen

Schicksal gibt es nicht

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Aus einem Münzwurf wird Literatur

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

Jeder Roman hat eine Entstehungsgeschichte, doch nur wenige sind so charmant wie die von »I get a Bird«. Denn alles begann mit dem Wurf einer Münze – so erzählen es Anne von Canal und Heikko Deutschmann, die das Buch gemeinsam verfasst haben. Seit vielen Jahren sind die beiden miteinander befreundet und bei einem ihrer Gespräche ging es um die Kunst des Briefeschreibens; eine Kunst, die in unserer Welt im Begriff ist, zu verschwinden. Wie wäre es wohl – so die Überlegung – wenn zwei vollkommen Fremde einen Briefwechsel begännen. Natürlich gibt es etliche Romane zu genau dieser Idee, aber sie stammen stets aus der Feder eines einzigen Autors, einer einzigen Autorin. Doch wie würde es sich entwickeln, wenn es tatsächlich zwei Personen wären, die sich schreiben? Die beiden beschlossen, dies auszuprobieren;  jeder würde eine fremde Identität annehmen und unter diesen Namen begänne ein Briefwechsel. Nicht abgesprochen, spontan und unberechenbar. Nur wer sollte damit anfangen, wer den ersten Brief schreiben? „Aus einem Münzwurf wird Literatur“ weiterlesen

Reise in den Wahn

Hari Kunzru: Red Pill

Es war ein Leseerlebnis, wie es nicht allzu oft vorkommt. Der Liebeskind Verlag hatte mir den Roman »Red Pill« von Hari Kunzru zugeschickt, dessen »White Tears« für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre war. Umso gespannter war ich auf das neue Werk – und direkt die ersten Sätze haben mich so tief getroffen, dass ich sprachlos vor dem aufgeschlagenen Buch saß und dachte, genau, ganz genau so ist es. Hari Kunzru ist 1969 geboren und damit der gleiche Jahrgang wie ich. In »Red Pill« schreibt er aus der Sicht eines Fünfzigjährigen darüber, wie es sich anfühlt, wenn man zu ersten Mal bemerkt, dass einen das Älterwerden nun doch eingeholt hat, auch wenn man es lange nicht wahrhaben wollte. Es sind lediglich ein paar Sätze, doch sie bringen dieses Gefühl absolut treffend auf den Punkt. Und man sitzt da und liest Gedanken, die einen selbst bewegen, die einen schon seit einiger Zeit nicht mehr loslassen, die man aber bisher nicht in Worte fassen konnte. Jedenfalls nicht so elegant. Hier sind sie, in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence: „Reise in den Wahn“ weiterlesen

Täterland ist abgebrannt

Andreas Pflueger: Ritchie Girl

»So hätte ein Roman beginnen können, der im Reich der Toten spielte: mit den Schemen von Häusern, die sie fühlte, obwohl sie nicht mehr da waren, Geistergebäude, blumengeschmückt, fahnenbehängt, an jedem Fenster schreiende Menschen, ihre Heil-Rufe ein Echo, so wie alles in  Deutschland nur noch ein Echo war – von Schamlosigkeit und Obszönität und Gier, von Hass, von weißer Farbe, die auf Schaufensterscheiben klatschte, von klirrendem Glas, von Zahnbürsten auf Straßenpflaster, vom Wegschauen, Schulterzucken, dem Was-hätte-ich-denn-tun-können, dem Das-ging-mich-nichts-an. Das schlimmste und lauteste Echo, der wahre Grund für all dies. Sie fragte sich, was käme, wenn die Echos irgendwann verhallt wären, wenn es still wurde.«

Der Roman »Ritchie Girl« von Andreas Pflüger ist voller Textstellen, die einen den Atem stocken lassen und die einen tief in die erzählte Geschichte hineinziehen. Doch diese starke Passage ragt noch einmal daraus hervor und ich konnte nicht anders, als die Buchvorstellung mit ihr beginnen zu lassen. Denn mit wenigen Worten skizziert der Autor darin ein Land in Trümmern, besiegt, zerstört, am Ende. Und beladen mit einer Schuld, wie es sie nie zuvor gegeben hat. „Täterland ist abgebrannt“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Mit eleganter Leichtigkeit

Juan Gabriel Vasquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzaehlungen

Es war der Buchtitel, der mich neugierig gemacht hat. »Lieder für die Feuersbrunst« klingt auf eine so poetische Weise dramatisch, dass ich an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen konnte. Es enthält Erzählungen des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez, ebenso wie der Band »Die Liebenden von Allerheiligen«. Auf beide Bücher machte mich Vanessa Marzog aufmerksam, die für Holtzbrinck Berlin arbeitet und unter anderem für die Kommunikation rund um die Samuel Fischer Gastprofessur verantwortlich ist. Sie bot an, mir diese beiden Bücher zuzusenden; dafür sollte ich sie photographisch in Szene setzen und ein paar Sätze über den Autor schreiben, der im Sommer 2021 Dozent der Samuel Fischer Gastprofessur an der FU Berlin ist. Eigentlich gehe ich auf Kooperationsanfragen dieser Art nie ein, denn zu viele noch nicht vorgestellte Bücher stehen in der Blog-Warteschlange. Aber wie gesagt, den Buchtitel fand ich so grandios und das Thema der Gastprofessur so interessant, dass ich in diesem Fall nicht anders konnte, als zuzusagen. Zumal ich ein Faible für Literatur aus Süd- und Mittelamerika habe. Und es hat sich gelohnt, denn die Erzählungen der beiden Bände haben mich sehr begeistert. „Mit eleganter Leichtigkeit“ weiterlesen

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