Zwölf Leben, zwölf Kämpfe

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Beinahe hätte ich ein beeindruckendes Leseerlebnis verpasst. Der Roman »Mädchen, Frau etc.« von Bernadine Evaristo wäre ohne eine der Buchhandlungen meines Vertrauens an mir vorbeigegangen, denn nach den ersten Ankündigungstexten hatte ich das Buch gedanklich in die Schublade ›identitätspolitisches Manifest‹ gepackt und hätte es niemals auch nur in die Hand genommen. Der identitätspolitische Aktivismus unserer Zeit steht in meinen Augen für ein Gegeneinander statt einem Miteinander, für Ab- und Ausgrenzung, für eine brachiale Einteilung der Menschen in Gut und Böse und für eine Verneinung menschlicher Individualität. Mit dem eigentlichen Anliegen, Rassismus, Unterdrückung, Diskriminierung und deren Strukturen zu bekämpfen, hat dies längst nichts mehr zu tun; die Fanatiker einer linken Identitätspolitik sind inzwischen so weit nach links abgebogen, dass sie auf der rechten Seite wieder herausgekommen sind. Denn der rechtsidentitäre Populismus mag zwar konträre Ziele verfolgen, in ihrem Menschenrechtsrelativismus und in ihrem Antiuniversalismus ähneln sich die beiden Fronten aber auf fatale Weise, wie es in der ZEIT treffend analysiert wurde.

Aber ich schweife ab, denn es soll ja um das Buch von Bernadine Evaristo gehen, das mit einem fehlgeleiteten Aktivismus nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Das wurde mir klar, als ich in meiner Nachbarschafts-Buchhandlung bestellte Bücher an der Ladentüre abholte und mit der Buchhändlerin über »Mädchen, Frau etc.« ins Gespräch kam. Meine vorgefasste Schubladenmeinung wurde durch ihre Begeisterung über den Haufen geworfen; sie war der Ansicht, ich dürfe dieses Buch auf keinen Fall verpassen – schon alleine nicht wegen des letzten Kapitels – und gab mir ihr eigenes Arbeitsexemplar leihweise mit. Also habe ich es gelesen und bin eingetaucht in eine mir unbekannte Welt. Oder eigentlich in zwölf Welten, denn mit Hilfe der Literatur bringt uns Bernadine Evaristo zwölf Schicksale sehr unterschiedlicher Frauen nahe. 

Amma, Yazz, Dominique.
Carole, Bummi, LaTisha.
Shirley, Winsome, Penelope.
Megan/Morgan, Hattie, Grace.

In vier Kapiteln mit je drei Namen werden uns diese zwölf Menschen vorgestellt, die trotz verschiedenster Lebenswege eines eint: Alle haben sie eine dunkle Hautfarbe und alle leben – zumindest eine Zeit lang – in England, die meisten in London; einem Zuhause, in dem sie permanent rassistische Ausgrenzung erfahren. Mal subtil, meistens aber ganz offen. Einzig Penelope sticht daraus hervor, doch mit ihr hat die Autorin eine ganz besondere Überraschung geplant. 

Wer sind diese zwölf Menschen, zwölf Mädchen, Frauen etc.?

Amma ist Dramatikerin, schreibt und inszeniert Stücke und kämpft seit Jahrzehnten als lesbisch-feministische Aktivistin für ihre Rechte. Als ihr jüngstes Stück dann im Londoner National Theatre aufgeführt wird, hadert sie fast damit, nun tatsächlich im Establishment angekommen zu sein. Die Theaterpremiere ist der lose Rahmen des gesamten Romans, immer wieder findet sie flüchtig Erwähnung; das fünfte und letzte Kapitel führt etliche der zwölf Personen auf der Premierenparty zusammen.

Yazz ist Ammas Tochter, Studentin, selbstbewusst, woke und voll jugendlicher Egozentrik. Den – in ihren Augen – Steinzeit-Feminismus ihrer Mutter belächelt sie milde oder verdreht genervt davon die Augen – ein Quell vieler ironischer Anspielungen der Autorin. Überhaupt ist der Roman durchzogen von feinem, hauchzarten Humor; etwa, wenn sich die kämpferische, unkonventionelle Amma mit ihrer Tochter darüber streitet, dass sie einen Fahrradhelm zu tragen habe. 

Dominique ist die beste Freundin von Amma, lebt seit vielen Jahren in Kalifornien, ist verheiratet mit ihrer Frau Laverne, die beiden sind Mütter von zwei adoptierten Kindern. Doch der Weg zu diesem ausgeglichenen Leben war ein steiniger. Mit einem toxischen Fallstrick.

Carole hat es geschafft, aus den ghettoähnlichen Strukturen der nigerianischen Community in London herauszukommen – bis in die Chefetage einer internationalen Bank. Verheiratet ist sie mit Freddy, einem Angehörigen der englischen Upperclass. Doch sie schleppt ein Trauma mit sich herum, von dem sie noch jemanden erzählt hat. 

Bummi ist Caroles Mutter. Entkommen aus dem Elend des durch die Ölkonzerne zerstörten Küstengebiets in Nigeria haben sie und ihr Mann Augustine es geschafft, ein bescheidenes Leben in London aufzubauen. Nach vielen Enttäuschungen, nach dem Tod ihres Mannes und gefangen in ihren ärmlichen Verhältnissen versteht sie nicht, dass Carole ihre nigerianische Herkunft hinter sich lassen und einen eigenen Weg gehen möchte. 

LaTisha ist Caroles beste Freundin in der Schulzeit – bis sich ihre Wege dort trennen: Carole wird mit Hilfe ihrer Lehrerin zur Überfliegerin, LaThisha stürzt ab. Mit drei Kindern von drei Männern, mit Gewalterfahrungen in der Seele und kaum einer Perspektive für ihr Leben bekommt sie dann noch eine Chance. 

Shirley ist die Lehrerin, die Caroles Intelligenz und Talent erkennt und sie mit drastischen Methoden auf den Weg in Richtung Zukunft schubst. Und trotz ihrer spießigen Intoleranz ist sie ist die älteste Freundin von Amma.

Winsome ist Shirleys Mutter mit einem Leben voller Höhen und Tiefen, das sie von der Karibik über die regnerischen Straßen Südenglands und Londons wieder zurück in die Karibik führte. Mit einem Geheimnis im Gepäck, von dem ihre Tochter besser nichts wissen sollte.

Penelope ist Lehrerin in der gleichen Schule wie Shirley, ist unglücklich, einsam und trinkt etwas zu viel. Ihr Unbehagen über die zunehmende Zahl von Einwandererfamilien im Viertel ihrer Schule lässt rassistische Gedanken in ihrem Kopf entstehen. Als einzige im Figurenensemble des Romans hat sie eine helle Hautfarbe, doch ihr Schicksal wird sich den Lesern tief einprägen.

Megan ist Morgan. Schon als Kind fühlte sie sich nicht als Mädchen, heute identifiziert sich Morgan als genderfrei und erschafft sich eine eigene Sprache. Und eine riesige Followerzahl im Netz. In der Familie bringt nur ihre Großmutter Verständnis dafür auf: »Sei, wer du sein willst, und wir reden einfach nicht mehr drüber.« 

Hattie ist Morgans Großmutter, dreiundneunzig Jahr alt und Bewohnerin einer inzwischen halb verfallenen Farm, die sie und ihr verstorbener Mann Slim von ihren Eltern geerbt haben. Ihr langes Leben wird überschattet von einem dunklen Ereignis, das sie nie vergessen konnte.

Grace ist Hatties Mutter und zum Zeitpunkt der Erzählung schon lange tot. Ihre Lebensgeschichte führt uns Leser zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach einem extrem schweren Start ins Leben hatte sie Glück: Als junge Frau heiratete sie einen Bauern, schaffte es, sich einen Platz in der ländlichen Gemeinde zu erkämpfen – viele ihrer Narben sieht man nicht, sie sitzen tief im Innern. Genauso gut versteckt wie die düstere Familiengeschichte ihres Mannes.

Ich musste die zwölf Lebensgeschichten für mich hier einmal aufschreiben, denn schon beim Lesen des Buches verschwimmen sie ineinander. Manche sind ganz eng miteinander verbunden, manche nur lose. Namen, die an einer ganz anderen Stelle bereits erwähnt wurden, tauchen in einem anderen Zusammenhang wieder auf – wie oft ich zurückgeblättert habe, kann ich kaum sagen. Dazu kommen noch haufenweise Nebenfiguren, Freundinnen, Freunde, Ex-Männer, tote Ehemänner, Verwandte, Kolleginnen, Nachbarn. Doch nach und nach entsteht so die Struktur des Romans; wie ein Teppich, den die Autorin webt, und dessen Muster sie mit jedem Erzählfaden verfeinert. Eine großartige Erzählweise; die Auszeichnung mit dem Booker Prize 2019 war absolut verdient. 

Natürlich geht es in »Mädchen, Frau etc.« um Identität, um Herkunft, um rassistische Strukturen, um gesellschaftliche Ausgrenzung. Aber mit großer Liebe für ihre Figuren erzählt Bernadine Evaristo auch vom Kampf um Anerkennung und ein menschenwürdiges Leben, vom Weitermachen, vom Ausbrechen aus abgegrenzten Welten. Es ist ein Generationenroman, jedes Kapitel schildert eine Mutter-Tochter-Beziehung, ein zwischen den Generationen oftmals typisches Unverständnis für neue Lebensentwürfe. Und das Loslassen. Die Töchter gehen den Weg, den ihnen ihre Mütter erkämpft und freigeräumt haben – zumindest bis zum nächsten Hindernis, das sie selbst beseitigen müssen. Denn irgendwie geht es immer weiter.

Von all den prägenden Ungerechtigkeiten und Erniedrigungen aufgrund Hautfarbe und Geschlecht berichtet Evaristo nicht in einem anklagenden Ton. Sie beschreibt sie sachlich, mit einer Prise Sarkasmus. Und das hat eine viel intensivere Wirkung; als (weißer) Leser war ich immer wieder fassungslos, lernte Lebenswelten kennen, die weit entfernt von der eigenen sind – und sich in der eigenen Stadt im Nachbarviertel befinden mögen. Gleichzeitig strahlt »Mädchen, Frau etc.« eine ungemein positive Botschaft aus: Gesellschaften verändern sich, zwar nur langsam, aber stetig.

Und Bücher wie dieses tragen dazu bei. 

Buchinformation
Bernadine Evaristo, Mädchen, Frau etc.
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50484-2

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Der Krieg, die Lügen und die Politik

Steffen Kopetzky: Propaganda

»Propaganda (von lateinisch propagare ›weiter ausbreiten, verbreiten‹) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die zielgerichteten Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine erwünschte Richtung zu lenken.« So definiert Wikipedia den Begriff und genau darum geht es im Roman »Propaganda« von Steffen Kopetzky: Um das Beeinflussen von Meinungen in Kriegszeiten. Um das Schönreden, Verschleiern und Vertuschen. Um das Lügen. Und John Glueck, der Held der Geschichte, ist einer dieser Menschen, die genau damit befasst sind. „Der Krieg, die Lügen und die Politik“ weiterlesen

Zur anderen Seite der Welt

Antonin Varenne: Aequator

Im Roman »Äquator« erzählt Antonin Varenne die Geschichte eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst: Pete Ferguson ist ein Getriebener, ein steckbrieflich Gesuchter, der sich im Nebraska des Jahres 1871 auf den Weg in Richtung Äquator macht. Denn dort im tropischen Nirgendwo, so glaubt er, wird er sein Leben neu beginnen können. Varenne hat bereits mit »Die sieben Leben des Arthur Bowman« den Abenteuerroman stilistisch in unsere Zeit geholt. Mit »Äquator« gelingt ihm dies erneut. „Zur anderen Seite der Welt“ weiterlesen

Das Ende des Davonlaufens

Salih Jamal: Das perfekte Grau

Wenn ich ein Buch aufschlage, dann schaue ich instinktiv, ob auch ein Bleistift in Reichweite liegt, mit dem ich die Stellen, die den Text für mich besonders machen, markieren kann. Beim Roman »Das perfekte Grau« von Salih Jamal allerdings hatte ich den Bleistift fast von Beginn an in der Hand und habe ihn über weite Strecken des Buches nicht mehr losgelassen. Gleich auf den ersten Seiten stieß ich auf eine Stelle, die mich schon innehalten ließ, bevor die Geschichte richtig gestartet war. „Das Ende des Davonlaufens“ weiterlesen

Kensington Avenue, Philadelphia

Liz Moore: Long Bright River

Lesen ist Reisen im Kopf – dieser Satz ist vollkommen überstrapaziert, aber vor allem ist er eines: wahr. Und manchmal führen einen diese Reisen in Gegenden, in die man im echten Leben eher nicht kommen würde. So wie etwa nach Kensington im Roman »Long Bright River« von Liz Moore, einem Stadtteil Philadelphias, der allerdings mit seinem edlen Namensvetter in London nichts gemein hat. Denn Philadelphias Kensington ist einer der größten Drogen-Hotspots im Osten der USA und ein Viertel, das geprägt ist von Drogenhandel, Kriminalität, Straßenprostituion, Obdachlosigkeit, leerstehenden Industriebauten, Abbruchhäusern, zugemüllten Brachflächen, Perspektivlosigkeit und kaputten Menschen. Und einer Menge Drogentoten, Jahr für Jahr. Dazwischen leben diejenigen, die schon immer dort wohnen, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen. Oder es auch nicht wollen. Die sich irgendwie arrangieren, durchschlagen, kleine Geschäfte betreiben, Nagelstudios, Handy-Läden, Mini-Märkte, Pfandhäuser, Diner oder einfache Cafés und auf ein besseres Morgen hoffen. Und zwischen dem Elend auf der Straße blinzelt die Gentrifizierung durch die Abgase und den Staub, denn die Mieten sind billig, ziehen die ersten jungen Leute mit Geld an, die gerne urbane  Bohème spielen, »ernst, reich, naiv«. Hippe Imbisse, Craft-Bier-Kneipen oder schicke Cafés sind in den letzten Jahren im Viertel aufgetaucht; mit Preisen, die sich die Alteingesessenen kaum leisten können. „Kensington Avenue, Philadelphia“ weiterlesen

Die Reise ins Nirgendwo

Alma Katsu: The Hunger - Die letzte Reise

Der lange Weg nach Westen gehört zu den Gründungsmythen der USA. Die Bilder dazu in unseren Köpfen verdanken wir Hollywoods Traumfabriken: Planwagenkolonnen, die durch eine endlose Prärie ziehen, hoffnungsvolle Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Die harte Wirklichkeit sah anders aus, denn abgesehen davon, dass die Besiedlung des Westens einherging mit der gewaltsamen Vertreibung der indigenen Bevölkerung, waren es keine heldenhaften Pioniere, die Wagen an Wagen in Richtung Abendröte zogen. Sondern Familien, die nichts zu verlieren hatten, die aufgebrochen waren, um der Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen; Gücksritter waren dabei, die alles auf eine Karte setzten, Entwurzelte, aber auch Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren und eine zweite Chance suchten. Und längst nicht alle überstanden die monatelange Reise durch eine raue Natur, die lebensbedrohlich werden konnte. Die Opfer forderte und manchmal für furchtbare Tragödien verantwortlich war. Von einer dieser Tragödien erzählt die Autorin Alma Katsu in ihrem Roman »The Hunger« – mit dem vielsagenden Untertitel »Die letzte Reise«. „Die Reise ins Nirgendwo“ weiterlesen

Acht Generationen, zwei Kontinente

Yaa Gyasi: Heimkehren

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Sklaverei. Egal wann oder wo auf der Welt, stets wurden Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt, die nicht viel kosteten und jederzeit ersetzt werden konnten. Doch der massive Sklavenhandel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen Millionen von Verschleppten hatte noch einmal ganz andere Dimensionen: Er prägte gesellschaftlich und politisch den afrikanischen und die beiden amerikanischen Kontinente bis heute – egal, ob es sich um strukturellen Rassismus oder das blutige Erbe europäischer Kolonialherrschaft handelt. In ihrem Roman »Heimkehren« erzählt Yaa Gyasi eine von diesen Entwicklungen geprägte Familiengeschichte über acht Generationen, die auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt ist. „Acht Generationen, zwei Kontinente“ weiterlesen

Ein Buch wie ein Rocksong

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Als ich das Buch »Die wilde Ballade vom lauten Leben« von Joseph O’Connor gekauft habe, wusste ich noch nicht, auf was für eine atemlose und sehr persönliche Gedankenreise mich dieser Roman schicken würde. Der Klappentext versprach die Geschichte einer Rockband mit ihren Höhen und Tiefen, die sich nach ihrem Überraschungserfolg zerstreiten würde; alles sei erzählt mit schrägem irischem Humor. Etwas für Zwischendurch, dachte ich. Etwas zur Entspannung, dachte ich. Doch weit gefehlt: Als ich das Buch nach fünf Jahren im Bücherregal endlich zur Hand nahm, fand ich darin viel, viel mehr als entspannende Unterhaltung. Und was ich am Ende bekommen habe, war nicht nur eine Romanhandlung, sondern ein Buch wie ein Rocksong aus Papier, Gänsehaut-Feeling inklusive. „Ein Buch wie ein Rocksong“ weiterlesen

Ein Diktator im Fadenkreuz

Geoffrey Household: Einzelgaenger, maennlich

Als der Diktator im Fadenkreuz auftauchte und der Zeigefinger des Schützen am Abzug lag, kam ein leichter Wind auf. Dieser Luftzug zwang ihn, das Präzisionsgewehr nachzujustieren und in diesen wenigen Sekunden wurde er von den Sicherheitskräften überwältigt. Damit beginnt der Roman »Einzelgänger, männlich« von Geoffrey Household. Jener Schütze ist der Ich-Erzähler, der berichtet, wie er anschließend in das große Anwesen gebracht und gefoltert wurde. Ohne Fingernägel und mit einem zugeschwollenen, stark verletzten Auge wird er eine Felswand hinabgeworfen, um seinen Tod wie einen Unfall aussehen zu lassen. Denn anhand seiner Papiere identifizierten seine Peiniger ihn als einen prominenten Angehörigen der englischen Oberschicht, den sie nicht einfach verschwinden lassen konnten. Wie durch ein Wunder überlebt er den Sturz und es beginnt eine dramatische Jagd. 

Es ist immer wieder spannend, beim Stöbern im heimischen Bücherregal verborgene Leseschätze zu entdecken; viele Bücher lagern dort schon seit Jahren. »Einzelgänger, männlich« hatte ich mir irgendwann quasi im Vorbeigehen gekauft, weil mir Titel und Cover gefielen – und weil der Verlag Kein & Aber es schafft, bibliophile Taschenbücher herzustellen. Ich mag diese Gestaltung mit dem schlichten Cover und dem bei Paperbacks außergewöhnlichen Farbschnitt sehr. Und auch wenn ich normalerweise versuche, den Kauf von Taschenbüchern zu vermeiden, mache ich bei dieser Reihe gerne eine Ausnahme. Auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. „Ein Diktator im Fadenkreuz“ weiterlesen

Vom Denkmalsockel geholt

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Das beginnende 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der großen Umbrüche. Politisch veränderten die Feldzüge Napoleons die Landkarte Europas gravierend, gesellschaftlich sorgten die Ideen der französischen Revolution und das erstarkende Bürgertum für frischen Wind, wirtschaftlich stand die industrielle Revolution in den Startlöchern. Und kulturell wurde die Epoche der Klassik abgelöst durch die Zeit der Romantik. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. In ihrem Roman »Anatomie der Wolken« schildert Lea Singer, wie sich die beiden begegneten, beschreibt ihre Lebensumstände, lässt eine längst vergangene Zeit äußerst lebendig wiederauferstehen und holt den Dichter und den Maler mit fein dosierter Ironie von ihren Denkmalsockeln. „Vom Denkmalsockel geholt“ weiterlesen

Leichtigkeit im Belagerungszustand

Hilmar Klute: Oberkampf

Nicht das Ende zu verraten fällt mir bei diesem Roman außerordentlich schwer, denn die letzte Seite in »Oberkampf« von Hilmar Klute ist wie ein Schlag in die Magengrube. Eine Seite, die dem gesamten Buch eine überraschende, im Rückblick aber konsequente Wendung beschert; ein Finale, das einen schaudernd und hoffend zurücklässt. Und sich ins Gedächtnis einbrennt. 

Das Photo auf dem Umschlag des Buches zeigt die Metro-Station Oberkampf im 11. Arrondissement von Paris. Keiner der ultraschicken Stadteile, aber eine sehr lebendige Gegend mit vielen Cafés, Restaurants und Bars. Das Bild hat mich gedanklich sofort in die wunderbare Stadt an der Seine katapultiert, fast meinte ich, den typischen Geruch der Pariser Metro in der Nase zu haben. Jonas jedenfalls hat ihn in der Nase, als er spätabends sein neues Viertel betritt. Sein Gepäck und ein paar Kisten Bücher, die wenige Tage später mit der Post eintreffen werden, sind alles, was von seinem alten Leben in Berlin übriggeblieben ist. „Leichtigkeit im Belagerungszustand“ weiterlesen

Architekt des Umbruchs

Hilary Mantel: Woelfe | Falken | Spiegel und Licht

In den drei Bänden »Wölfe«, »Falken« und »Spiegel und Licht« erzählt die Autorin Hilary Mantel die Lebensgeschichte Thomas Cromwells, jenes Mannes, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Verlauf der englischen Geschichte entscheidend beeinflusste. Zwar handelt es sich um Romane, doch sie beinhalten nur wenig Erfundenes. Das ist auch gar nicht notwendig, denn Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk. „Architekt des Umbruchs“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

Germinals Erben

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Es ist die Schlüsselszene im Roman »Am Tag davor« von Sorj Chalandon: Zwei Brüder – der sechzehnjährige Michel und der dreißigjährige Joseph – brettern am 26. Dezember 1974 auf Josephs Moped durch die nächtlichen Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösischen Kohlegebiet. Dieser Moment scheinbar ungetrübter Ausgelassenheit wird im Verlauf der Handlung immer wieder auftauchen, wird seine Bedeutung verändern und zum Schluss die Erzählung auf eine vollkommen neue Ebene hieven. Denn die nächtliche Mopedfahrt prägt das gesamte Leben des Ich-Erzählers Michel. Es ist der Tag davor. 

Sein von ihm vergötterter älterer Bruder Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. „Germinals Erben“ weiterlesen

Das Schreiben und der Zorn

Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller

Während momentan darüber diskutiert wird, ob und wie die Frankfurter Buchmesse 2020 in Zeiten von Corona stattfinden kann, denke ich an die Messe im letzten Herbst. Genauer gesagt, an ein Gespräch mit der Autorin Mareike Fallwickl, denn mit jenem Gespräch im Hinterkopf habe ich kürzlich ihr Buch »Das Licht ist hier viel heller« ein zweites Mal gelesen. Und wenn man weiß, dass der Plot ursprünglich anders geplant war, das Schreiben aber von der Realität überholt wurde, dann entfaltet das Buch eine andere Wirkung. Intensiver. Und wütender. „Das Schreiben und der Zorn“ weiterlesen