Vom Denkmalsockel geholt

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Das beginnende 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der großen Umbrüche. Politisch veränderten die Feldzüge Napoleons die Landkarte Europas gravierend, gesellschaftlich sorgten die Ideen der französischen Revolution und das erstarkende Bürgertum für frischen Wind, wirtschaftlich stand die industrielle Revolution in den Startlöchern. Und kulturell wurde die Epoche der Klassik abgelöst durch die Zeit der Romantik. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. In ihrem Roman »Anatomie der Wolken« schildert Lea Singer, wie sich die beiden begegneten, beschreibt ihre Lebensumstände, lässt eine längst vergangene Zeit äußerst lebendig wiederauferstehen und holt den Dichter und den Maler mit fein dosierter Ironie von ihren Denkmalsockeln. 

Die Handlung setzt ein im Dezember des Jahres 1809. Auftritt Goethe: »Er hatte ihn immer gehasst. Weil er ihn an eine Leiche erinnerte, eine riesige, Raum und Zeit füllende Leiche. Ihr Verwesungsgeruch stieg mit dem Rauch aus den Kaminen, ihr Leichentuch aus Schnee verdreckte durch den Ruß. Er konnte sich aber nicht erinnern, jemals einen Winter so sehr gehasst zu haben wie diesen, den sechzigsten in seinem Leben.«

Mit diesen polternden Worten beginnt der Roman und sofort haben wir Goethe vor uns. Einen verbitterten Goethe, nicht mehr jung, für die damalige Zeit eigentlich schon recht alt. Kurz zuvor war sein Roman »Die Wahlverwandschaften« erschienen, der das Auseinanderbrechen einer Ehe thematisierte und überall moralische Entrüstung ausgelöst hatte. Unverstanden fühlte sich der Herr Geheimrat, immerhin der erfolgreichste lebende Dichter des Kontinents. Unverstanden und alleine, vier Jahre zuvor war Friedrich Schiller, sein Freund und intellektueller Sparringspartner, viel zu jung gestorben, seine Ehe mit Christiane Vulpius hatte ihn in Weimar gesellschaftlich isoliert. 

Und was ihn ebenfalls irritiert: Er, der sich nach wie vor für einen großen Charmeur hält, wird von jungen Frauen nicht mehr als solcher wahrgenommen – stattdessen ist in Gesellschaften immer häufiger von dem Landschaftsmaler Friedrich die Rede, der tage- und wochenlang draußen unterwegs ist, um Inspirationen für seine geheimnisvollen Landschaftsbilder zu sammeln. Eine gerade revolutionäre Vorgehensweise, die bei Goethe auf Unverständnis stößt: »Oje! Jetzt redeten sie auch noch vom Mut, zu wandern. Ohne Mittel, ohne fahrbaren Untersatz, ohne zu wissen, wo man nächtigt. Das imponierte denen offenbar. So ein Maler, der, anstatt sich mit Porträts ordentlich Geld zu verdienen, sich stundenlang in Wolken versenkte, der gab diesen jungen Frauen irgendetwas. Nur was?«

Auftritt Friedrich im zweiten Kapitel des Romans: »Jeden Tag fegte Friedrich den Dielenboden in seiner Wohnung in der Pirnaischen Vorstadt in Dresden, dritter Stock, Straßenseite. Er fegte im Atelier, in der Kammer, in der er unter nichts als einer Wolldecke schlief, in der Küche, in der er sich wusch, sich Roggenbrot vom Laib schnitt, Milch einschenkte, Kartoffeln briet und die Pfanne mit einem Leinenlappen auswischte.« 

1809 war Caspar David Friedrich fünfunddreißig Jahre alt. Ein fast besitzloser Maler, der polarisierte; dessen Mystifizierung der Natur besonders bei der jüngeren Generation auf begeisterte Zustimmung traf, während etablierte Kunstkritiker ihn vehement ablehnten. »Ein Mann von Mitte dreißig, der stundenlang gegen den Sturm anwanderte, Klippen erkletterte, an Steilküsten balancierte, durch Eisbäche auf Steinen watete und durch den schweren nassen Sand am Meer rannte.« Friedrich war am liebsten in der Natur unterwegs, fühlte sich in Gesellschaft nicht wohl, verhielt sich unbeholfen und überspielte seine Unsicherheit mit einem brüsken Verhalten. Doch seine Kunst, die geheimnisvolle Stimmung seiner Werke galt in der jungen Generation als das Symbol für Aufbruch und Erneuerung schlechthin. 

Sein erster größerer Erfolg wurde der Ankauf der Bilder »Der Mönch am Meer« und »Abtei im Eichwald« durch den preußischen König. Nachdem Heinrich von Kleist sie hymnisch besprochen hatte, drängte der Kronprinz seinen Vater, sie zu erwerben. Noch heute hängen beide in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel und wenn mir bei einem Berlin-Besuch Zeit bleibt, versäume ich nie, diese zwei Bilder zu besichtigen. Wie viele Stunden ich insgesamt schon vor ihnen verbracht habe, kann ich nicht sagen, es dürften einige gewesen sein. Für mich sind sie – ebenso wie »Das Eismeer« in der Hamburger Kunsthalle mit die großartigsten und mich am meisten berührenden Kunstwerke aller Zeiten, in ihrer Melancholie verloren zu gehen ist ein schon beinahe spirituelles Erlebnis. Übrigens: Im Blog Of Things Past and Imagined gibt es den wunderbaren Reisebericht »Caspar David Friedrich: A pilgrimage«. Unbedingt vorbeischauen!

Aber ich schweife mal wieder ab. Meine Begeisterung für Friedrichs Kunst war allerdings der Anlass, dieses Buch zu lesen. Durch Lea Singers wunderbar menschliche Darstellung der beiden großen Künstler wurden die Gegensätze so spürbar, dass alleine dadurch ein Spannungsbogen entsteht, der sich durch den gesamten Roman zieht. 

Hier der introvertierte, schüchterne, ärmliche, kaum ein Wort korrekt schreibende Maler, der sich von seinen verkauften Werken nur widerwillig trennen mag. Dort der von sich selbst überzeugte Dichter, etabliert, eitel, voll und ganz im Bewusstsein seiner künstlerischen Bedeutung. Der sich – ganz das Universalgenie – auch als Wissenschaftler sieht; als jemand, der Newton vom Thron zu stoßen vermag, auch wenn schon seine Zeitgenossen die Bedeutung seiner »Farbenlehre« etwas anders einschätzten. Nun sucht er ein neues wissenschaftliches Betätigungsfeld und macht sich Gedanken über die Klassifizierung der Wolken – etwas, das es bis dahin noch nicht gibt. 

Und dabei kommt wieder Friedrich ins Spiel, denn kein anderer Künstler versteht es so meisterhaft, Wolken zu malen. Für ihn sind sie Manifestationen einer geheimnisvollen Natur, für Goethe sind sie eine Ansammlung von Wassermolekülen. Die beiden beginnen sich zu umkreisen, Botschaften werden überbracht, Grüße übermittelt, sie sind zunehmend voneinander fasziniert, aber auch abgestoßen. Wie kann man so leben – denken beide über den jeweils anderen. Hinzu kommt der materielle Aspekt, denn ein gutes Wort von Goethe wäre der große Türöffner in die Welt der Kunstsammler.

Mehrmals begegnen sich die beiden, das letzte Mal am 9. Juli 1811. Der Meister des Wortes, unfähig, sich in die mystischen Gefilde der Bilder Friedrichs hineinzudenken, und der Meister der Landschaften, nicht in der Lage, mit Worten zu formulieren, was er mit seiner Kunst auszudrücken vermag. Die sprachlose Leere zwischen den beiden lässt sich nicht überbrücken. Unaufhaltsam steuert die Handlung des Romans auf den Eklat hin, der das Verhältnis der beiden unwiederbringlich zerstören wird. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

Lea Singer – die eigentlich Eva Gesine Baur heißt und eine renommierte Kulturhistorikerin ist – schildert diese spannende Epoche der Kunstgeschichte auf eine mitreißende Weise, verbindet geschichtliche Hintergründe mit spekulativ dargestellten Emotionen, legt den beiden großen Künstlern alltägliche Gedanken in den Kopf und Sätze in den Mund. Und zeigt dadurch, dass auch Genies vor allem eines sind: Menschen. Fast nebenbei erfahren wir Leser, wie sich Kunst durch neue Impulse, neue Moden oder Techniken stets weiterentwickelt. Wir erleben mit, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den letzten zweihundert Jahren verändert haben, wie modern die Zeit Goethes und Friedrichs war, die heute weit weg erscheint, es aber eigentlich gar nicht ist. 

Beide leben in ihrer Kunst fort. Und ich freue mich bereits auf den nächsten Besuch in der Alten Nationalgalerie, bei dem ich sicherlich etliche Szenen aus diesem Buch im Kopf haben werde.

Die Klassifikation der Wolkenformationen mit den Bezeichnungen Cirrus, Stratus, Cumulus und Nimbus stammt übrigens tatsächlich aus jener Zeit und wird bis heute verwendet. Entwickelt wurde sie allerdings nicht durch Goethe, der das Projekt verwarf, sondern durch den englischen Apotheker Luke Howard

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Das Weimar-Gefühl.

Buchinformation
Lea Singer, Anatomie der Wolken
Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-40519-4

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Leichtigkeit im Belagerungszustand

Hilmar Klute: Oberkampf

Nicht das Ende zu verraten fällt mir bei diesem Roman außerordentlich schwer, denn die letzte Seite in »Oberkampf« von Hilmar Klute ist wie ein Schlag in die Magengrube. Eine Seite, die dem gesamten Buch eine überraschende, im Rückblick aber konsequente Wendung beschert; ein Finale, das einen schaudernd und hoffend zurücklässt. Und sich ins Gedächtnis einbrennt. 

Das Photo auf dem Umschlag des Buches zeigt die Metro-Station Oberkampf im 11. Arrondissement von Paris. Keiner der ultraschicken Stadteile, aber eine sehr lebendige Gegend mit vielen Cafés, Restaurants und Bars. Das Bild hat mich gedanklich sofort in die wunderbare Stadt an der Seine katapultiert, fast meinte ich, den typischen Geruch der Pariser Metro in der Nase zu haben. Jonas jedenfalls hat ihn in der Nase, als er spätabends sein neues Viertel betritt. Sein Gepäck und ein paar Kisten Bücher, die wenige Tage später mit der Post eintreffen werden, sind alles, was von seinem alten Leben in Berlin übriggeblieben ist. „Leichtigkeit im Belagerungszustand“ weiterlesen

Architekt des Umbruchs

Hilary Mantel: Woelfe | Falken | Spiegel und Licht

In den drei Bänden »Wölfe«, »Falken« und »Spiegel und Licht« erzählt die Autorin Hilary Mantel die Lebensgeschichte Thomas Cromwells, jenes Mannes, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Verlauf der englischen Geschichte entscheidend prägte. Zwar handelt es sich um Romane, doch sie beinhalten nur wenig Erfundenes. Das ist auch gar nicht notwendig, denn Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk. „Architekt des Umbruchs“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

Germinals Erben

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Es ist die Schlüsselszene im Roman »Am Tag davor« von Sorj Chalandon: Zwei Brüder – der sechzehnjährige Michel und der dreißigjährige Joseph – brettern am 26. Dezember 1974 auf Josephs Moped durch die nächtlichen Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösischen Kohlegebiet. Dieser Moment scheinbar ungetrübter Ausgelassenheit wird im Verlauf der Handlung immer wieder auftauchen, wird seine Bedeutung verändern und zum Schluss die Erzählung auf eine vollkommen neue Ebene hieven. Denn die nächtliche Mopedfahrt prägt das gesamte Leben des Ich-Erzählers Michel. Es ist der Tag davor. 

Sein von ihm vergötterter älterer Bruder Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. „Germinals Erben“ weiterlesen

Das Schreiben und der Zorn

Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller

Während momentan darüber diskutiert wird, ob und wie die Frankfurter Buchmesse 2020 in Zeiten von Corona stattfinden kann, denke ich an die Messe im letzten Herbst. Genauer gesagt, an ein Gespräch mit der Autorin Mareike Fallwickl, denn mit jenem Gespräch im Hinterkopf habe ich kürzlich ihr Buch »Das Licht ist hier viel heller« ein zweites Mal gelesen. Und wenn man weiß, dass der Plot ursprünglich anders geplant war, das Schreiben aber von der Realität überholt wurde, dann entfaltet das Buch eine andere Wirkung. Intensiver. Und wütender. „Das Schreiben und der Zorn“ weiterlesen

Vom Untergang einer Welt

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Fast hätte ich mir das Buch »Der Wintersoldat« von Daniel Mason gar nicht gekauft. Das Buchcover zeigt einen Menschen in Rückenansicht, der sich mit wehendem Mantel vom Betrachter weg bewegt – diese Art der Buchgestaltung gibt es bereits in viel zu vielen Varianten und ich mag sie nicht besonders. Aber trotzdem sprach mich irgendetwas daran an, sorgte zumindest für ein zweites Hinsehen. Vielleicht war es der Titel »Wintersoldat«, vielleicht waren es die dunklen, wolkenverhangenen Bergrücken auf dem Umschlagbild, die eine Düsternis ausstrahlten, die mich neugierig machte. Als dann der Klappentext eine Handlung in den Karpaten während des Ersten Weltkriegs versprach, war die Kaufentscheidung getroffen. Denn dies ist ein fast vergessener Schauplatz in den vielen Darstellungen jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und ich war gespannt, wie die Lektüre zu meinem Leseprojekt Erster Weltkrieg passen würde. „Vom Untergang einer Welt“ weiterlesen

Denkmal für die Verschwundenen

Pierre Jarawan: Ein Lied fuer die Vermissten

17415. Siebzehntausendvierhundertfünfzehn. Diese Zahl steht im Mittelpunkt des Romans »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan. Es ist die Anzahl der Menschen, die während des Bürgerkriegs im Libanon verschwanden – und bis heute vermisst werden. Während des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 vor allem in und um Beirut ausgetragen wurde, der eine der schönsten und multikulturellsten Städte des Mittelmeers in Schutt und Asche legte und der tiefe Wunden in den Seelen der Menschen dort hinterlassen hat. Diese Wunden sind nur schlecht vernarbt, sie drohen ständig wieder aufzureißen – doch von offizieller Seite wird alles getan, um nicht darüber reden zu müssen. Pierre Jarawan – dessen Eltern den Libanon 1982 verließen, als die alltägliche Gewalt einen Höhepunkt erreicht hatte – erzählt in seinem Roman die Geschichte von Amin, der auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie uns Leser tief hineinführt in die Tragik jener Zeit. „Denkmal für die Verschwundenen“ weiterlesen

Die Macht der Erinnerung

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist

Das Buch »Was nie geschehen ist« von Nadja Spiegelman habe ich mir wegen des Covers gekauft, ohne vorher auch nur einen Blick auf den Text zu werfen. Das Photo auf dem Schutzumschlag zeigt eine junge Frau, die gerade mit Zigarette zwischen den Fingern aus einer Kaffeetasse trinkt. In Zeiten, in denen sich alles um gesunde Ernährung und Selbstoptimierung dreht, fand ich das Bild auf eine anarchische Art sympathisch. Zwar rauche ich schon eine ganze Weile nicht mehr, aber die Kombination von Koffein und Nikotin ist ein Genuss, den ich mir drei, vier Mal im Jahr gönne. Belohnt wurde ich bei dieser spontanen Kaufentscheidung mit einem faszinierenden Einblick in die Familiengeschichte der Autorin, genauer gesagt in die Lebensgeschichten ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer eigenen. Lebensgeschichten, die weit in das 20. Jahrhundert zurückreichen. Die um Ungesagtes kreisen, um widersprüchliche Erzählungen und Erinnerungen. Und um die Frage, wie wir uns an bestimmte Geschehnisse erinnern. Erinnnern wollen. Erinnern können. „Die Macht der Erinnerung“ weiterlesen

Eine Ode an den Nebel

Steven Price: Die Frau in der Themse

Nebel. Ich liebe ihn. Nebeltage gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Als Kinder streiften wir durch den nebelverhangenen Wald, der fast direkt vor meinem Zuhause begann; kahle Äste, an denen die Tropfen hingen, reckten sich aus dem Dunst und dahinter verschwanden die dunklen Baumstämme in der Stille. Als Erwachsener lief ich durch Städte im Nebel; die gewohnte Umgebung war kaum wiederzuerkennen, Straßen endeten im Nichts, die Verkehrsgeräusche klangen gedämpft herüber. Immer war es das Gefühl, als wäre die Welt verschwunden, wäre geschrumpft auf die paar Meter, die man sie sehen konnte. Mystisch war das. Schön. Und immer auch ein bisschen schaurig. Solche Nebeltage sind wetterbedingt sehr selten, in den letzten Jahren habe ich sie kaum noch erlebt. Und das ist wohl mit ein Grund, warum mir der Roman »Die Frau in der Themse« von Steven Price so gut gefallen hat. Denn der Nebel spielt darin eine tragende Rolle und prägt die Atmosphäre. Und es ist auch nicht irgendein Nebel, sondern der von London. Dessen Ausläufer jetzt auch durch diese Buchvorstellung ziehen. „Eine Ode an den Nebel“ weiterlesen

306 Quadratmeter in Manhattan

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Normalerweise hat bei mir ein gelesenes Buch fast keine Gebrauchsspuren; ich kann gar nicht anders, als meine Bücher äußerst pfleglich zu behandeln. Bei »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad war das allerdings nicht möglich, denn dieses 1.242-Seiten-Werk habe ich über mehrere Wochen überallhin mitgeschleppt, um so oft wie möglich darin zu lesen. Verschrammt ist es nun, die Ecken angeschlagen, der Buchblock nicht mehr strahlend weiß und das Vorsatzblatt vollgeschrieben mit notierten Seitenzahlen. Und es fühlte sich an, als würden mich ein paar Freunde die ganze Zeit begleiten; nachdem die letzte Seite umgeblättert war, empfand ich so etwas wie Abschiedsschmerz, nun, da ich Max, Mischa, Mordecai und Owen zurücklassen musste. Dabei hatte ich ursprünglich gar nicht vor, den Roman zu lesen. „306 Quadratmeter in Manhattan“ weiterlesen

Zurück auf Null

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman. Der junge, unerfahrene Priester Christopher Fairfax wird vom Bischof von Exeter in einen abgelegenen Ort im Südwesten Englands entsandt. Dort war der Pfarrer bei einem Unfall ums Leben gekommen; Fairfax soll die Beisetzung regeln und alles für einen Nachfolger vorbereiten. Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten. „Zurück auf Null“ weiterlesen

Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Der Wächter und seine Dämonen

Gerhard Jaeger: All die Nacht ueber uns

Einen Zaun. Einen Wachturm. Einen Mann. Und seine Dämonen. Mehr benötigt Gerhard Jäger nicht, um uns in seinem Roman »All die Nacht über uns« auf eine Reise tief in die Seele eines Menschen zu schicken, dorthin, wo es dunkel ist. So dunkel, wie die Nacht, die diesen Mann umgibt, als er auf dem Wachturm steht, um einen Zaun zu bewachen. Eine einzige, endlose Nacht lang begleiten wir Leser ihn dabei.

Europa in einer nahen Zukunft: Die Flüchtlingskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht, als tausende von Menschen versuchen, dem tödlichen Chaos im zerfallenden Nahen Osten zu entkommen. Die Staaten Mitteleuropas riegeln ihre Grenzen ab, bauen Zäune. In einem nicht näher genannten Land sind die widerwärtigen Phantasien rechtsnationaler Politiker Wirklichkeit geworden: Es wird geschossen, wenn Flüchtlinge versuchen, den Grenzzaun zu überwinden; egal, ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt. Dies ist die Aufgabe des einsamen Soldaten auf dem Wachturm. Auf den Zaun zu achten, in die Nacht hinaus zu starren und im Zweifelsfall das Feuer zu eröffnen. „Der Wächter und seine Dämonen“ weiterlesen

Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. „Ein Fremder unter Fremden“ weiterlesen