Die Toten reisen schnell

Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

An dieser Stelle sollte ein prägnanter erster Satz stehen. Einer, der es schafft, sofort neugierig auf ein Buch zu machen, das mich begeistert, fasziniert und so gepackt hat, wie es nicht oft vorkommt. Das ich rasend schnell gelesen habe, weil ich nicht anders konnte, die Sogwirkung war unbeschreiblich. Um es nur widerstrebend aus der Hand zu legen, da auch die längsten Leseabende irgendwann beendet werden mussten. Ein Buch, das mir ein paar Nächte lang unruhige und seltsame Träume beschert hat, nachdem die letzte Seite umgeblättert war. Das sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Das jetzt beim Schreiben schweigend neben mir liegt und mich wieder hineinzieht in eine der ungewöhnlichsten, aber auch verstörendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Die Rede ist von dem großartigen, düsteren Roman »Unser Teil der Nacht« der argentinischen Autorin Mariana Enriquez. Das alles in einem einzigen prägnanten ersten Satz unterbringen? Es ging nicht. 

Gleich vorab: Ich habe ein Faible für düstere Geschichten, aber so tief hinab in die Dunkelheit hat mich Literatur noch nie geschickt. Als Leser verlässt man die Welt, die wir kennen, und taucht ein in eine Handlung voll finsterer Phantastik, die so real geschildert ist, als sei man tatsächlich dabei gewesen – was ich niemandem wünschen würde. Denn Mariana Enriquez hat die Form eines Horrorromans gewählt, um damit große Literatur zu schaffen. Dabei enthält diese äußere stilistische Hülle zahllose Querverweise auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen; dazu so viele brillant miteinander verwebte Nebenhandlungsstränge, dass es schier unmöglich ist, in einer Buchbesprechung diesem Werk nur annähernd gerecht zu werden. 

Zentraler Ort der Handlung ist Argentinien in den Jahren von 1981 bis 1997. Und auch wenn die Zeit der Militärdiktatur mit all ihren Schrecken und den unzähligen Verschwundenen im Jahr 1983 offiziell endete, ist sie eines der prägendsten Elemente. So wie auch Argentinien bis heute unter den Nachwirkungen dieser Zeit und ihrer unmenschlichen Verbrechen leidet, die niemals aufgearbeitet wurden. Bei einer Lesung in Leipzig, bei der ich die Autorin live erleben konnte, erzählte sie, dass es sich für sie vollkommen konsequent angefühlt habe, die Traumata der argentinischen Gesellschaft in Form eines Horrorromans darzustellen. Und so ist die Erzählung gespickt mit Hinweisen auf Folterkeller, Geheimgefängnisse, Entführte und Ermordete, auf die unselige Verquickung zwischen Wirtschaft und Militär, auf Ausbeutung und Zwangsarbeit.

Juan Peterson und die Dunkelheit

Juan ist eine der drei Hauptpersonen des Romans; ihm ist der erste Teil des Buches gewidmet. Wir treffen ihn, als er mit seinem kleinen Sohn Gaspar fluchtartig Buenos Aires verlässt. Und merken schnell, dass er eine besondere Gabe hat: Denn Juan kann die Dunkelheit heraufbeschwören; eine formlose Schwärze, die alles verschlingt, was ihr zu nahekommt, Finger, Arme, Menschen. Seit seiner Kindheit ist Juan, Sohn armer schwedischer Einwanderer, schwer herzkrank. Als der begnadete Arzt Dr. Jorge Bradford ihn behandelte, entdeckte er die Gabe Juans. Und konnte sein Glück kaum fassen: Denn gleichzeitig ist Bradford, der aus einer reichen argentinisch-englischen Familie stammt, ein ranghohes Mitglied des »Ordens«, einem Geheimbund, der stets auf der Suche ist nach Menschen, die jene Dunkelheit heraufbeschwören können. Die Mitglieder des Ordens versprechen sich davon Macht, Erkenntnis und die Unsterblichkeit – durch die Möglichkeit, das eigene Bewusstsein auf einen anderen Menschen zu übertragen, dessen Persönlichkeit dadurch ausgelöscht würde. Immer wieder hatte der Orden Menschen, meist noch Kinder, gefunden, und deren Begabung als Medium gnadenlos ausgenutzt; bis zur völligen Erschöpfung, bis zu einem frühen Tod. 

Juan ist anders. Niemals zuvor gab es ein Medium mit seinen Fähigkeiten. Niemals zuvor erreichte ein Medium das Erwachsenenalter, wurde Vater. Er kann mit Toten Kontakt aufnehmen, erkennt die Orte, an denen Menschen gestorben sind, kann Dämonen beschwören, wird von keinem Schloss, keiner Türe gehindert, einen Raum zu betreten und hat die Möglichkeit, den Anderen Ort zu besuchen, die Heimstatt der Dunkelheit, gegen die der Hades wie ein Vergnügungspark wirkt. Permanent steht Juan unter Beobachtung des Ordens; doch jetzt kommt alles darauf an, dass ihm die Flucht gelingt. Denn seinem Sohn, der wahrscheinlich viele seiner Fähigkeiten geerbt hat, möchte er ein Schicksal als Medium ersparen. Und er versucht verzweifelt, Kontakt mit seiner Frau Rosario aufnehmen, die vor einigen Monaten bei einem Verkehrsunfall starb und die in einem Teil des Totenreichs verschwunden ist, wo er sie nicht finden kann.

Der Orden und die Matriarchin

In England gegründet, besteht der Orden seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Schattenkult, gleichzeitig ein »internationaler Zirkel aus Geld, Privilegien und Beziehungen.« Als die Familie Bradford um die Jahrhundertwende nach Argentinien auswanderte, war sie genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit Hilfe von Kontakten zu den Mächtigen des Landes, mit Bestechungen, Gewalt und durch den Einsatz der Macht der Dunkelheit gelang es ihr in kürzester Zeit, ein gewaltiges Imperium aus Plantagen, Haziendas, Farmen und Anwesen in zahlreichen Städten zusammenzuraffen. In der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist Mercedes Bradford, die Mutter des Arztes, die unangefochtene Matriarchin der Familie, misstrauisch, kalt, gewissenlos und grausam. Und immer auf der Suche nach dem nächsten Medium. Aber erfolglos, niemand ist wie Juan. Der, als er ihre Tochter Rosario heiratete, zu ihrem Schwiegersohn wurde – den sie jederzeit opfern würde für das Erlangen der ersehnten Unsterblichkeit; ebenso wie ihren Enkel Gaspar. 

Gaspar und das Erbe der Diktatur

Wie es mit Juan und Gaspar weitergeht, kann ich natürlich unmöglich verraten. Im zweiten großen Teil des Buches steht Gaspar jedenfalls im Mittelpunkt der Handlung. Ein Teenager mit einem seltsamen Vater in einem Haus voller Geheimnisse. Ein Vater, der stets gedanklich abwesend ist und zu Gewaltausbrüchen neigt. Verschüttete Erinnerungen, schmerzhafte Erfahrungen, die am Rand seines Gedächtnisses auftauchen, unbestimmt, vage. Es ist ein Leben in einer Stadt, in der über manche Dinge nicht gesprochen wird, nicht über Geheimgefängnisse mitten in Wohngebieten, nicht über verschwundene Nachbarn, nicht über eine düster-lähmende Stimmung, die über der ganzen Stadt, dem ganzen Land liegt. Dann geraten Dinge in Bewegung, und das Leben von Gaspar und seinen Freunden ändert sich, brutal und unwiderruflich.

Rosario, die tote Mutter

Als das Buch beginnt, ist Rosario Reyes Bradford, Gaspars Mutter bereits tot. Doch in einem weiteren der langen Hauptkapitel lernen wir sie in einem Rückblick kennen. Und sie kommt selbst zu Wort, denn die Perspektive wechselt zu einer Ich-Erzählerin. Es vervollständigen sich die Informationen über den Orden, es komplettieren sich die Bilder unmenschlicher Praktiken, wir erfahren mehr über die unsägliche Verquickung von Reichtum und politischer Macht – denn unter dem Schutzschild der Militärdiktatur konnte der argentinische Ableger des Ordens nach Gutdünken schalten und walten. »Die Verbrechen der Diktatur waren äußerst nützlich für den Orden, sie sorgten für Körper, für Alibis und für Ströme von Schmerz und Angst; Empfindungen, die Manipulation vereinfachten.«

Rosario wird vieles erst nach und nach klar, als junge Frau lebt sie eine Weile in London. Sie kennt Juan schon von klein auf, der nach der Herzoperation in ihrem Elternhaus einquartiert wurde – um dieses wertvolle Medium nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Als die beiden heiraten, als Gaspar geboren wird, als die Macht des Ordens unerbittlich über ihre kleine Familie wacht, beginnen Entwicklungen, die mehr und mehr Fahrt aufnehmen und irgendwann nicht mehr zu stoppen sein werden. 

Das bisher Geschriebene mag den Eindruck einer Nacherzählung wecken. Aber das täuscht: Mit all dem kratze ich nur an der Oberfläche des Buches mit seiner düsteren Anziehungskraft; Dutzende von Personen und der größte Teil der komplexen Handlung bleiben unerwähnt. Auf den letzten knapp 200 Seiten wachsen die drei Haupteile, unterbrochen von kurzen Zwischenkapiteln, die wiederum die Handlung vorantreiben, zusammen; es entsteht ein einziger, wilder, alles mit sich reißender Strudel tief hinein in Schatten, Dunkelheit und Schwärze. Mariana Enriquez schreibt mit einer erzählerischen Wucht, die ihresgleichen sucht. Und der man nicht allzu oft in einem Leserleben begegnet. Zu verdanken habe ich dieses Lektüreerlebnis der grandiosen Übersetzungsleistung von Silke Kleemann und Inka Marter.

»Die Toten reisen schnell«

Die Essenz dieses Buches? Zum einen die Allgegenwärtigkeit des Todes, die Präsenz von Menschen, die zwar nicht mehr leben, aber auch nicht verschwunden sind. »Die Toten reisen schnell« – so lautet ein Satz aus einem Gedicht der Schwarzen Romantik, der sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht. Doch zwischen all der Schwärze und Grausamkeit geht es vor allem um die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Eine unbedingte Liebe, für die er alles zu opfern bereit ist – nicht nur sein Leben, sondern auch das Bild, das sein Sohn von ihm hat. Denn Gaspar fürchtet seinen unheimlichen Vater, fürchtet seine grimmige Abwesenheit, auch wenn sie im selben Raum sind. Fürchtet die überraschende Gewalt, die von ihm ausgehen kann. Fürchtet den Schmerz, den er ihm zufügt. Denn er weiß noch nicht, dass dies alles geschieht, um ihm das Schicksal Juans zu ersparen, der der Dunkelheit verfallen ist. 

In einer der schönsten Szenen des Buches offenbart Juan seinem Sohn, dass auch er über Gaben verfügt, die nur sehr wenige Menschen haben – in der Hoffnung, dass Gaspar es vielleicht schaffen mag, einen Weg abseits des Ordens und der alles zerstörenden Dunkelheit zu finden. Als Vater ist er bereit, alles dafür zu tun. Wirklich alles. 

»Du hast etwas von mir, ich habe dir etwas von mir hinterlassen, hoffentlich ist es nichts Schlechtes, ich weiß nicht, ob ich dir etwas hinterlassen kann, das nicht beschmutzt ist, nicht dunkel, unser Teil der Nacht.«

Eine wunderbare Textstelle und ein perfekter Titel für dieses Buch: Nuestra parte de noche.

Buchinformation
Mariana Enriquez, Unser Teil der Nacht
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Inka Marter
Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50161-2

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Über die Leere, die uns umgibt

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke

Anstatt über den Roman »Gesammelte Werke« von Lydia Sandgren zu schreiben, würde ich viel lieber noch darin lesen, wäre gerne noch in der Geschichte gefangen, die mich vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Aber auch 874 Seiten sind leider irgendwann zu Ende und es war mitten in der Nacht, als ich das Buch zugeklappt habe; übermüdet und hellwach gleichzeitig. Am nächsten Tag begann das Gelesene zu sacken, sich im Kopf auszubreiten und mir wurde nach und nach klar, was für ein grandioses Leseerlebnis mir beschert worden war – verbunden mit der Wehmut, die liebgewordenen Personen nun nicht mehr wiederzutreffen. Literatur, die wie ein helles Licht über den trüben pandemischen Winter strahlt. Dabei behandelt »Gesammelte Werke« ernste Themen, es geht um Verlust, um das Gefühl der Leere und die Suche nach einem Sinn im Leben; es gibt viele Fragen und nicht immer Antworten darauf – das alles aber ist eingebettet in einer wunderbaren Erzählung über die Freundschaft, das Älterwerden und die Liebe zur Kunst, zur Literatur und zur Sprache. „Über die Leere, die uns umgibt“ weiterlesen

Don’t judge a book by its cover

»Don’t judge a book by its cover« – diese Redewendung wird meist metaphorisch benutzt. Doch bei dem Roman »Feindesland« von Christopher J. Sansom ist der Satz im wortwörtlichen Sinne zutreffend. Denn wäre mir der Autorenname nicht bereits von der grandiosen Matthew-Shardlake-Reihe her bekannt gewesen, dann hätte ich das Buch aufgrund der Covergestaltung keinesfalls beachtet. Ein Mensch in Rückenansicht vor einem neblig-dramatischen Hintergrund: von außen sieht es aus wie einer dieser Thriller von der Stange; austauschbare Genre-Literatur, Dutzendware, vorhersehbar und uninteressant. Doch weit gefehlt, denn hinter dem unsäglichen Umschlagbild verbirgt sich eine düstere, alternativ-zeitgeschichtliche Romanhandlung vom Feinsten. Eine, die es sogar fast mit Robert Harris »Vaterland« aufnehmen kann – und das will etwas heißen. „Don’t judge a book by its cover“ weiterlesen

Schicksal gibt es nicht

Lauren Groff: Licht und Zorn

Der Roman »Licht und Zorn« von Lauren Groff sollte schon längst hier vorgestellt werden, denn es ist schon etwas her, dass ich ihn gelesen habe. Allerdings finde ich es auch immer wieder spannend, erst mit einigem zeitlichem Abstand über ein Buch zu berichten, denn da zeigt es sich, ob die Lektüre im Gedächtnis geblieben ist, ob sie Spuren hinterlassen hat. Und bei besonderen Büchern hat man auch noch nach langer Zeit die Stimmung im Kopf, die sie ausgestrahlt, weiß noch, was sie zu einem besonderen Leseerlebnis gemacht haben. »Licht und Zorn« ist eines dieser Bücher und jetzt, wo es wieder neben mir liegt und ich mit diesem Text beginne, steht die erzählte Geschichte mit all ihren überraschenden Wendungen vor mir. „Schicksal gibt es nicht“ weiterlesen

Freundschaft mit Glaswand

Ob jemals ein klassenloses Zusammenleben möglich sein wird? Ich glaube das nicht, zu ausgeprägt ist das menschliche Bedürfnis, sich in Gruppen zusammenzufinden und sich mit ungeschriebenen Verhaltensregeln und Codes von anderen Gruppen abzugrenzen. Natürlich ist unsere heutige Gesellschaft durchlässiger geworden, zumindest in der Theorie. Doch auch wenn ein sozialer Aufstieg gelingen sollte, dann endet er meist an der Glaswand jener Verhaltensregeln und Codes. »Wenn ich kämpfe, kann ich gewinnen« – dies ist das Credo von Freddy, der in einer halbkriminellen Prekariatsfamilie aufwächst. Das ihn allerdings nicht weit gebracht hat: Wir lernen ihn kennen, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Damit startet der Roman »Alleingang« von Stefan Moster. Es ist eine starke Szene. Die erste von vielen. „Freundschaft mit Glaswand“ weiterlesen

Aus einem Münzwurf wird Literatur

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

Jeder Roman hat eine Entstehungsgeschichte, doch nur wenige sind so charmant wie die von »I get a Bird«. Denn alles begann mit dem Wurf einer Münze – so erzählen es Anne von Canal und Heikko Deutschmann, die das Buch gemeinsam verfasst haben. Seit vielen Jahren sind die beiden miteinander befreundet und bei einem ihrer Gespräche ging es um die Kunst des Briefeschreibens; eine Kunst, die in unserer Welt im Begriff ist, zu verschwinden. Wie wäre es wohl – so die Überlegung – wenn zwei vollkommen Fremde einen Briefwechsel begännen. Natürlich gibt es etliche Romane zu genau dieser Idee, aber sie stammen stets aus der Feder eines einzigen Autors, einer einzigen Autorin. Doch wie würde es sich entwickeln, wenn es tatsächlich zwei Personen wären, die sich schreiben? Die beiden beschlossen, dies auszuprobieren;  jeder würde eine fremde Identität annehmen und unter diesen Namen begänne ein Briefwechsel. Nicht abgesprochen, spontan und unberechenbar. Nur wer sollte damit anfangen, wer den ersten Brief schreiben? „Aus einem Münzwurf wird Literatur“ weiterlesen

Reise in den Wahn

Hari Kunzru: Red Pill

Es war ein Leseerlebnis, wie es nicht allzu oft vorkommt. Der Liebeskind Verlag hatte mir den Roman »Red Pill« von Hari Kunzru zugeschickt, dessen »White Tears« für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre war. Umso gespannter war ich auf das neue Werk – und direkt die ersten Sätze haben mich so tief getroffen, dass ich sprachlos vor dem aufgeschlagenen Buch saß und dachte, genau, ganz genau so ist es. Hari Kunzru ist 1969 geboren und damit der gleiche Jahrgang wie ich. In »Red Pill« schreibt er aus der Sicht eines Fünfzigjährigen darüber, wie es sich anfühlt, wenn man zu ersten Mal bemerkt, dass einen das Älterwerden nun doch eingeholt hat, auch wenn man es lange nicht wahrhaben wollte. Es sind lediglich ein paar Sätze, doch sie bringen dieses Gefühl absolut treffend auf den Punkt. Und man sitzt da und liest Gedanken, die einen selbst bewegen, die einen schon seit einiger Zeit nicht mehr loslassen, die man aber bisher nicht in Worte fassen konnte. Jedenfalls nicht so elegant. Hier sind sie, in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence: „Reise in den Wahn“ weiterlesen

Täterland ist abgebrannt

Andreas Pflueger: Ritchie Girl

»So hätte ein Roman beginnen können, der im Reich der Toten spielte: mit den Schemen von Häusern, die sie fühlte, obwohl sie nicht mehr da waren, Geistergebäude, blumengeschmückt, fahnenbehängt, an jedem Fenster schreiende Menschen, ihre Heil-Rufe ein Echo, so wie alles in  Deutschland nur noch ein Echo war – von Schamlosigkeit und Obszönität und Gier, von Hass, von weißer Farbe, die auf Schaufensterscheiben klatschte, von klirrendem Glas, von Zahnbürsten auf Straßenpflaster, vom Wegschauen, Schulterzucken, dem Was-hätte-ich-denn-tun-können, dem Das-ging-mich-nichts-an. Das schlimmste und lauteste Echo, der wahre Grund für all dies. Sie fragte sich, was käme, wenn die Echos irgendwann verhallt wären, wenn es still wurde.«

Der Roman »Ritchie Girl« von Andreas Pflüger ist voller Textstellen, die einen den Atem stocken lassen und die einen tief in die erzählte Geschichte hineinziehen. Doch diese starke Passage ragt noch einmal daraus hervor und ich konnte nicht anders, als die Buchvorstellung mit ihr beginnen zu lassen. Denn mit wenigen Worten skizziert der Autor darin ein Land in Trümmern, besiegt, zerstört, am Ende. Und beladen mit einer Schuld, wie es sie nie zuvor gegeben hat. „Täterland ist abgebrannt“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Mit eleganter Leichtigkeit

Juan Gabriel Vasquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzaehlungen

Es war der Buchtitel, der mich neugierig gemacht hat. »Lieder für die Feuersbrunst« klingt auf eine so poetische Weise dramatisch, dass ich an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen konnte. Es enthält Erzählungen des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez, ebenso wie der Band »Die Liebenden von Allerheiligen«. Auf beide Bücher machte mich Vanessa Marzog aufmerksam, die für Holtzbrinck Berlin arbeitet und unter anderem für die Kommunikation rund um die Samuel Fischer Gastprofessur verantwortlich ist. Sie bot an, mir diese beiden Bücher zuzusenden; dafür sollte ich sie photographisch in Szene setzen und ein paar Sätze über den Autor schreiben, der im Sommer 2021 Dozent der Samuel Fischer Gastprofessur an der FU Berlin ist. Eigentlich gehe ich auf Kooperationsanfragen dieser Art nie ein, denn zu viele noch nicht vorgestellte Bücher stehen in der Blog-Warteschlange. Aber wie gesagt, den Buchtitel fand ich so grandios und das Thema der Gastprofessur so interessant, dass ich in diesem Fall nicht anders konnte, als zuzusagen. Zumal ich ein Faible für Literatur aus Süd- und Mittelamerika habe. Und es hat sich gelohnt, denn die Erzählungen der beiden Bände haben mich sehr begeistert. „Mit eleganter Leichtigkeit“ weiterlesen

Majestätische Hoffnungslosigkeit

Hernan Diaz: In der Ferne

Diejenigen, die schon länger in diesem Blog mitlesen, wissen, dass ich ein Faible habe für eher düstere Romane, deren Protagonisten ihrem Leben verloren gegangen sind. Getriebene, Einsame, Suchende – das sind meine literarischen Helden. Dieses Entwurzelte oder dieses Gefühl, komplett auf sich alleine zurückgeworfen zu sein, sind derart existenzielle Situationen, dass sie jene Romanfiguren zu Sinnbildern des Lebens an sich machen. Sie regen zum Nachdenken an, zur Beschäftigung mit den Gedanken, woher wir kommen, wohin wir gehen und was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist – und die viel schneller vorbei sein wird, als wir es uns in jungen Jahren vorstellen können. »In der Ferne« von Hernan Diaz ist daher ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und ist dabei etwas sehr Besonderes, denn noch nie habe ich einen Text gelesen, in dem die geschilderte Einsamkeit so überwältigend präsent war, wie in diesem. „Majestätische Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen

Ins Leben geworfen

Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmaessiges Verb

Ins Leben geworfen: Selten war diese Formulierung passender als für die vier Protagonisten des Romans »Leben ist ein unregelmäßiges Verb« von Rolf Lappert. Frida, Ringo, Leander und Linus wachsen in den Siebzigerjahren in einer Landkommune irgendwo in Norddeutschland auf, abgeschirmt von sämtlichen Eindrücken der Außenwelt. Doch es ist keine Idylle, sondern das Aussteigerprojekt eines Trüppchens Erwachsener, die fernab der Gesellschaft leben möchten und ihren Kindern jeglichen Kontakt nach außen verweigern; sie nicht einmal wissen lassen, wer von ihnen die jeweiligen Eltern sind. Statt Schulbildung gibt es viel Arbeit auf dem Hof, statt dem Aufbau sozialer Kontakte das abgeschottete Kommunenleben. Es ist das Jahr 1980, als die Behörden die Hofgemeinschaft auflösen, den Eltern das Sorgerecht entziehen und die vier Kinder weit voneinander entfernt in Pflegefamilien unterbringen. Damit beginnt der Roman. Und damit beginnen vier Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines eint: Jeder der vier versucht, seinen Weg ins Leben zu finden. Und jeder dieser Wege besteht aus verschlungenen Pfaden, unvorhergesehenen Abzweigungen und der ein oder anderen Sackgasse. „Ins Leben geworfen“ weiterlesen

Die Berge rufen

Paolo Cognetti: Acht Berge & Matteo Righetto: Das Fell des Bären

Die abweisende, schroffe, lebensfeindliche und wunderschöne Welt der italienischen Alpen ist der Hintergrund zweier bewegender Romane. Wobei die Formulierung »Hintergrund« nicht ganz stimmt: Sowohl in »Acht Berge« von Paolo Cognetti wie auch in »Das Fell des Bären« von Matteo Righetto ist sie der alles bestimmende Mittelpunkt der Handlung. Denn die Landschaft formt die Menschen, die in ihr leben. Immer. Und überall. Aber besonders dort, wo sie jederzeit tödlich sein kann. Und wenn Bücher so gut zusammenpassen wie diese beiden, stelle ich sie gerne gemeinsam vor; es sind zwei Romane von nahezu makelloser Schönheit, mit einer perfekt austarierten Mischung aus Aufbruch und Enttäuschung, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod. „Die Berge rufen“ weiterlesen

Zwölf Leben, zwölf Kämpfe

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Beinahe hätte ich ein beeindruckendes Leseerlebnis verpasst. Der Roman »Mädchen, Frau etc.« von Bernadine Evaristo wäre ohne eine der Buchhandlungen meines Vertrauens an mir vorbeigegangen, denn nach den ersten Ankündigungstexten hatte ich das Buch gedanklich in die Schublade ›identitätspolitisches Manifest‹ gepackt und hätte es niemals auch nur in die Hand genommen. Der identitätspolitische Aktivismus unserer Zeit steht in meinen Augen für ein Gegeneinander statt einem Miteinander, für Ab- und Ausgrenzung, für eine brachiale Einteilung der Menschen in Gut und Böse und für eine Verneinung menschlicher Individualität. Mit dem eigentlichen Anliegen, Rassismus, Unterdrückung, Diskriminierung und deren Strukturen zu bekämpfen, hat dies längst nichts mehr zu tun; die Fanatiker einer linken Identitätspolitik sind inzwischen so weit nach links abgebogen, dass sie auf der rechten Seite wieder herausgekommen sind. Denn der rechtsidentitäre Populismus mag zwar konträre Ziele verfolgen, in ihrem Menschenrechtsrelativismus und in ihrem Antiuniversalismus ähneln sich die beiden Fronten aber auf fatale Weise, wie es in der ZEIT treffend analysiert wurde.

Aber ich schweife ab, denn es soll ja um das Buch von Bernadine Evaristo gehen, das mit einem fehlgeleiteten Aktivismus nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil. „Zwölf Leben, zwölf Kämpfe“ weiterlesen

Der Krieg, die Lügen und die Politik

Steffen Kopetzky: Propaganda

»Propaganda (von lateinisch propagare ›weiter ausbreiten, verbreiten‹) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die zielgerichteten Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine erwünschte Richtung zu lenken.« So definiert Wikipedia den Begriff und genau darum geht es im Roman »Propaganda« von Steffen Kopetzky: Um das Beeinflussen von Meinungen in Kriegszeiten. Um das Schönreden, Verschleiern und Vertuschen. Um das Lügen. Und John Glueck, der Held der Geschichte, ist einer dieser Menschen, die genau damit befasst sind. „Der Krieg, die Lügen und die Politik“ weiterlesen

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