Das Abschiedsbuch

Paul Auster: Baumgartner

Ein seltsamer Zufall, falls es so etwas gibt. Am 30. April 2024 stand ich spätabends vor dem Bücherregal und überlegte, was ich als nächstes lesen möchte. Es ist eines meiner liebsten Rituale, ich schaue die Buchrücken entlang, lese hier kurz hinein und dort, bei manchen Büchern ist es sofort klar, dass sie gerade nicht passen, bei anderen bin ich unschlüssig, stelle oder lege sie dann doch zurück und schaue weiter. Irgendwann kommen zwei, drei Titel in die engere Wahl, ein Favorit kristallisiert sich heraus – und die Entscheidung ist getroffen. Da es inzwischen sehr spät geworden war, wollte ich mich am nächsten Morgen endgültig für die nächste Lektüre entscheiden. Mit in die engere Wahl gekommen war der Roman »Baumgartner« von Paul Auster, das zuletzt erschienene Buch eines meiner Lieblingsautoren, dessen Werke einige Spuren in meiner Leserbiographie hinterlassen haben. Am nächsten Morgen dann verbreitete sich weltweit die Nachricht von Paul Austers Tod, er war 77jährig an einer schweren Krebserkrankung gestorben. Und »Baumgartner« ist zu seinem Abschiedsbuch geworden.

Es ist schmales Buch über große Themen. Ein Roman über das Älter- und Altwerden, über Verluste und den Umgang damit, über das Alleinsein, über Abschiede und Abschiedsschmerz. Über die Rückschau auf das eigene Leben mit all seinen Abzweigungen, einigen Tiefen und vielen Höhen. Über Zufriedenheit und Hoffnung. Und über das Weitermachen, so lange es geht. Ein Roman über das Menschsein und über die begrenzte Zeit, die wir auf dieser Erde haben. 

Der emeritierte Professor Seymour T. Baumgartner lebt seit zehn Jahren allein in seinem Haus in Princeton. Ein Haus, das erste Spuren des Verfalls aufweist, umgeben von einem verwilderten Garten. Bei dem Siebzigjährigen treten die Symptome des Altwerdens immer deutlicher hervor; er beginnt Dinge zu vergessen, die Gelenke sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sein Leben ist einsam geworden. Denn vor zehn Jahren ist seine Frau Anna, Dichterin und Übersetzerin, mit der er jahrzehntelang verheiratet war, bei einem Badeunfall verunglückt und gestorben. 

Gleich auf den ersten Seiten erleben wir mit, wie er in seinem Haus umhergeht, vergisst, was er eigentlich erledigen wollte, wie seine Gedanken zerfasern und orientierungslos hin- und herspringen. Doch Paul Auster präsentiert uns seinen Protagonisten nicht als verschrobenen Eigenbrötler, niemanden, der im Selbstmitleid versinkt – sondern als eine Person, die mit hauchzart eingestreutem Humor, melancholischer Ironie und feinem Sarkasmus zurückblickt auf ein ausgefülltes Leben. Und in diesen Rückblicken, mal in Gedanken, mal in Form von Texten seiner Frau, die in ihrem ehemaligen Arbeitszimmer lagern, entrollt sich die Geschichte einer großen Liebe. 

Besonders berührt hat mich die Passage, in der es um die ersten Wochen und Monate nach Annas Tod geht. Und sich der Verlust anfühlt wie ein Phantomschmerz – »es ist das Sinnbild, nach dem Baumgartner seit Annas plötzlichem, unerwarteten Tod vor zehn Jahren ständig gesucht hat, das überzeugendste und stärkste Analogon zur Verdeutlichung dessen, was los ist mit ihm seit diesem heißen, windigen Nachmittag im August 2008, als die Götter es für angebracht hielten, ihm seine Frau zu entreißen, … womit zugleich ihm selbst sämtliche Gliedmaßen vom Leib gerissen wurden, alle vier, Arme und Beine, und wenn ihm bei der Attacke auch Kopf und Herz geblieben waren, so doch nur, weil die verruchten, kichernden Götter im das zweifelhafte Privileg verliehen hatten, ohne Anna weiterzuleben. Er ist ein menschlicher Stumpf, ein halber Mann, der die Hälfte seiner selbst … verloren hatte, und ja, die fehlenden Gliedmaßen sind noch da, und sie tun immer noch weh, so weh, dass er manchmal das Gefühl hat, sein Körper sei drauf und dran, in Flammen aufzugehen und ihn zu verschlingen.«

Er streift durch das leere Haus, vermutet Anna in einem anderen Zimmer, einem anderen Stockwerk – bis ihm wieder einfällt, dass sie nicht mehr da ist. Er vermisst ihr Schreibmaschinengeklapper so sehr, dass er selbst auf dem alten Ungetüm schreibt, nur um das Geräusch zu hören. Diese Schilderungen der Zeit des Verlusts gehen unter die Haut, sind für mich die traurigsten, aber auch schönsten Stellen des Buches. Schön, weil sie bei aller Tragik die tiefe Verbundenheit zweier Menschen schildern. Aber auch, weil sie beschreiben, wie sein Leben durch dieses einschneidende Erlebnis zwar geprägt, aber nicht zerstört wird. Denn zwischen all den Erinnerungen und Rückblicken beginnt sich eine Aufbruchsgeschichte herauszukristallisieren, nach und nach schleichen sich neue Töne ein. 

»Baumgartner« ist ein stilles Buch, das von einem gelebten Leben erzählt. Ich weiß nicht, ob ich als junger Mensch etwas mit diesem Roman hätte anfangen können – damals, als mich Paul Austers Romane »Die New York-Trilogie«, die »Musik des Zufalls« oder »Mond über Manhattan« begeistert haben. Besonders »Mond über Manhattan« hatte es mir angetan, ich las ich es in den Neunzigern vier, fünf Mal. Aber jetzt, Jahrzehnte später, bin ich in einem Alter, in dem ich einen Roman wie »Baumgartner« völlig anders wahrnehme, als ich es seinerzeit getan hätte. Als 1969 Geborener bin ich selbst nicht mehr jung, habe mit dem Verlust der Eltern die Endlichkeit des Lebens erfahren und mir ist durch Todesfälle im Freundes- und Bekanntenkreis sehr bewusst geworden, das auch das Altwerden keine Selbstverständlichkeit ist. Daher ist die Botschaft von »Baumgartner« eine Tröstliche: Es geht trotzdem immer weiter. Eine Weile jedenfalls. 

Und natürlich finden sich in »Baumgartner« viele Motive, die das Buch zu einem typischen Auster-Roman machen: Das Verhältnis zu einem distanzierten Vater, ein schwieriges Aufwachsen, Entwurzelung, Verluste und die Suche nach einem Platz im Leben; der Nachname des Autors, der zumindest am Rand im Roman auftaucht, die Spielerei mit der Perspektive, ein Buch im Buch – hier in Form von Texten und Gedichten seiner Frau und einem Prosastück, das Baumgartner im Laufe der Handlung verfasst.

Als Paul Auster den Roman schrieb, wusste er wahrscheinlich bereits von seiner Krebserkrankung und es war ihm klar, dass es wohl sein letztes Werk sein würde: »This might be the last thing, I ever write« sagte er in einem Gespräch mit dem Guardian. Vor diesem Hintergrund liest er sich noch einmal ganz anders, besonders Stellen wie diese: 

»Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt. Nicht nur, wie viele Jahre, bis er ins Gras beißt, sondern wichtiger, wie viele Jahre tätigen, produktiven Lebens, bevor sein Geist oder Körper oder beide ihn im Stich lassen und er zu einem schmerzgepeinigten, verblödeten Trottel wird, der nicht mehr lesen und schreiben kann, der vergisst, was vor vier Sekunden jemand zu ihm gesagt hat. … Fünf Jahre? Zehn Jahre? Fünfzehn Jahre? Die Tage und Monate rauschen jetzt immer schneller an ihm vorbei, und wie viel Zeit auch immer ihm noch bleibt, sie wird im Handumdrehen zu Ende sein.«

Das Ende von »Baumgartner« ist so offen, dass man gerne eine Fortsetzung lesen würde. Aber es wird kein weiteres Buch von Paul Auster mehr geben. Nie wieder.

Einer der Großen ist gegangen.

Buchinformation
Paul Auster, Baumgartner
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00393-7

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7 Antworten auf „Das Abschiedsbuch“

  1. Ich fand das Buch ein schönes Abschiedsgeschenk von Paul Auster an seine Leser. Ich bin traurig, dass er gestorben ist und es nie wieder etwas von diesem grossartigen Autor zu lesen geben wird. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich Paul Auster live erleben durfte. Danke Uwe, für diesen schönen Beitrag.

  2. Zufall, dass „Baumgartner“ kurz vor Austers Tod erscheint? Ist vielmehr der Schlussakkord eines immens produktiven Schriftstellerlebens, das uns eine Fülle wahnsinnig guter Bücher geschenkt hat.

  3. Danke Uwe. Es ist sehr anrührend und motiviert mich vielleicht gerade weil du so persönlich schreibst zum Lesen des „Baumgärtners“. Dir einen schönen, fröhlichen Tag.

    1. Vielen Dank für Ihre wunderbaren Leseempfehlungen! Sie passen für mich immer. Soeben beendete ich Trophäe, ein aufwühlendes Buch in unglaublich intensiver Sprache, das mich sehr zum Nachdenken anregte. Das letzte Werk von Paul Auster kenne ich noch nicht, steht aber schon auf meiner Leseliste.

  4. Hallo Uwe,

    ich habe „Baumgartner“ vor 3,4 Wochen gelesen und als ich letzt Woche die Nachricht vom Tod von Paul Auster hörte, hatte ich den Ende des Romans als Bilder im Kopf, und ich dachte, ich hätte gerne gewusst, ob sie sich dennoch treffen…

    Und ich habe mich erinnert, dass ich Paul Auster vor knapp 20 Jahren Jahren in Köln im Schauspielhaus gesehen habe. Er hat sein Buch „Nacht des Orakels“ vorgestellt. Es gibt da diese Szene, bei dem eine Türe zufällt, das hat dramatische Folgen. Paul Auster wurde bei der Lesung auf diese Szene angesprochen und gefragt, was wir Leser nun mit dem Bild machen, als Antwort hat er sehr gelacht.

    Auf ARTE gibt es einen Film zu „4,3,2,1“, da lacht er auch. Ich bin so ein großer Fan und so dankbar, dass ich seine Bücher gefunden habe.

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