Der Brief mit der Axt

Franz Kafkas Brief mit der Axt

Franz Kafkas Satz mit der Axt und dem Buch und dem gefrorenen Meer kennt wahrscheinlich jeder literaturinteressierte Mensch; er wurde so oft zitiert, dass er fast zu einem Gemeinplatz geworden ist. Leider, muss man sagen, denn es gibt kaum eine Formulierung, mit der sich die Macht der Literatur, des geschriebenen Wortes besser ausdrücken lässt. Besonders, wenn man sich nicht nur diesen einen Satz anschaut, sondern den gesamten Brief, aus dem er stammt. Der zwanzigjährige Franz Kafka berichtet darin von einem überwältigenden Leseerlebnis und der Abschnitt, in dem sich der Axt-Satz befindet, ist nur ein kleiner Teil davon. Es ist sehr leicht, diesen Brief online zu finden, eine schnelle Recherche genügt. Geschrieben wurde er von Kafka in Prag im Januar 1904 an seinen gleichaltrigen Schul- und Studienfreund Oskar Pollak, der zu dieser Zeit ein Semester pausierte. Hier ist er in Gänze.

 

Prag, 27. Januar 1904

Lieber Oskar!

Du hast mir einen lieben Brief geschrieben, der entweder bald oder überhaupt nicht beantwortet werden wollte, und jetzt sind vierzehn Tage seitdem vorüber, ohne daß ich Dir geschrieben habe, das wäre an sich unverzeihlich, aber ich hatte Gründe. Fürs erste wollte ich nur gut Überlegtes Dir schreiben, weil mir die Antwort auf diesen Brief wichtiger schien als jeder andere frühe Brief an Dich – (geschah leider nicht); und fürs zweite habe ich Hebbels Tagebücher (an 1800 Seiten) in einem Zuge gelesen, während ich früher immer nur kleine Stückchen herausgebissen hatte, die mir ganz geschmacklos vorkamen. Dennoch fing ich es im Zusammenhange an, ganz spielerisch anfangs, bis mir aber endlich so zu Mute wurde wie einem Höhlenmenschen, der zuerst in Scherz und in langer Weile einen Block vor den Eingang seiner Höhle wälzt, dann aber, als der Block die Höhle dunkel macht und von der Luft absperrt, dumpf erschrickt und mit merkwürdigem Eifer den Stein wegzuschieben sucht. Der aber ist jetzt zehnmal schwerer geworden und der Mensch muss in Angst alle Kräfte spannen, ehe wieder Licht und Luft kommt. 

Ich konnte eben keine Feder in die Hand nehmen während dieser Tage, denn wenn man so ein Leben überblickt, dass sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, dass man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber auch die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Aber Du bist ja glücklich, Dein Brief glänzt förmlich, ich glaube, Du warst früher nur infolge des schlechten Umgangs unglücklich, es war ganz natürlich, im Schatten kann man sich nicht sonnen. Aber dass ich an Deinem Glück schuld bin, das glaubst Du nicht. Höchstens so: Ein Weiser, dessen Weisheit sich vor ihm selbst versteckte, kam mit einem Narren zusammen und redete ein Weilchen mit ihm, über scheinbar fernliegende Sachen. Als nun das Gespräch zu Ende war und der Narr nach Hause gehen wollte – er wohnte in einem Taubenschlag -, fällt ihm da der andere um den Hals, küßt ihn und schreit: danke, danke, danke. Warum? Die Narrheit des Narren war so groß gewesen, daß sich dem Weisen seine Weisheit zeigte. – Es ist mir, als hätte ich Dir ein Unrecht getan und müßte Dich um Verzeihung bitten. Aber ich weiß von keinem Unrecht. 

Dein Franz

 

Auf der Suche nach den Faustschlag-Büchern

Dieses Gefühl, dass einen ein Buch, eine Textstelle oder auch nur ein einzelner Satz bis in die Grundfesten erschüttert – es ist eine der großartigsten und wichtigsten Erfahrungen, die man in seinem Leserleben machen kann. Es gibt sie nicht allzu oft; letztendlich liest man Jahr für Jahr ein Buch nach dem anderen und ist dabei immer auf der Suche nach einem solchen Erlebnis. Aber dann, wenn die Axt in das gefrorene Meer in einem hineinkracht – dann vergisst man dies nie wieder. Und man wird süchtig danach. 

Eine der prägendsten Lektüren in meinem Leben war »Die Straße« von Cormac McCarthy. Den gesamten Abschnitt aus Kafkas Brief, in dem er von Schmerz, von einem Faustschlag auf den Schädel, von der Axt schreibt, habe ich bei diesem Buch eins zu eins erlebt. Außer, dass es kein Faustschlag auf den Schädel war, sondern einer in die Magengrube. Immer wieder. Selten hat mich ein Roman so mitgenommen. Vor über zehn Jahren habe ich darüber hier im Blog geschrieben, der Text endete damals mit den Worten: »Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, das Buch noch einmal zu lesen und ein weiteres Mal in diese Welt voller Vernichtung und Hoffnung abzutauchen. Wahrscheinlich schon. Bestimmt. Unbedingt.« Aber ich bin immer noch nicht soweit. Und währenddessen geht die Suche weiter nach den Büchern die – ich muss es noch einmal zitieren – die Axt sein müssen für das gefrorene Meer in uns. Besser wird man es niemals sagen können. 

Nicht lange nach dem Brief mit der Axt brach der Kontakt zwischen Franz Kafka und Oskar Pollak ab; das Schreiben zeugt auch davon, wie zwei langjährige Freunde dabei sind, sich einander zu fremd zu werden. Pollak fiel als Soldat der k.u.k. Armee im Ersten Weltkrieg, elf Jahre nach dem Datum dieses Briefes. 

#KaffeehaussitzersKafkaJahr

3 Antworten auf „Der Brief mit der Axt“

  1. Hallo Uwe,

    Ich habe «Die Strasse» von Cormac McCarthy vor ungefähr fünfzehn Jahren gelesen. Das Buch steht dieses Jahr erneut auf meiner Leseliste. Die Geschichte hat mich tief erschüttert, ich kann dir mit dem Faustschlag-Buch nur zustimmen. Cormac McCarthy ist für mich einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart – seine bildgewaltige Sprache und vorallem seine Dialoge suchen seinesgleichen.

    Ein anderes Werk, dass ich auch in die sogenannten Faustschlag-Bücher einreihe, ist «Herr der Fliegen» von William Golding. Im Vergleich zu McCarthys dunkler Endzeit-Vision allerdings eher eine harmlosere Axt. Schliesslich ist man sich einiges gewohnt. Am Ende des Buches fühlt man sich dennoch erschlagen.

    Herzliche Grüsse
    Michael

    1. Hallo Michael,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Und ja, »Herr der Fliegen« ist ebenfalls eines dieser Bücher, die man nie wieder vergisst.

      Herzliche Grüße
      Uwe

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