Stadt der Geschichten

New York: Stadt der Geschichten

Angefangen hat vermutlich alles mit einem Blick in ein Schaufenster. An einem kalten Dezembertag vor vielen Jahren – es müsste 1989 gewesen sein – hastete ich an einer Galerie vorbei, die Kunstdrucke verkaufte. Im Fenster ausgestellt war die Reproduktion einer Photographie von Andreas Feininger: Die Brooklyn Bridge im Nebel. Das Bild hat mich auf Anhieb fasziniert. Der mächtige Brückenpfeiler, der vor einer Nebelwand aufragt. Lagerhäuser, die sich darunter ducken, dahinter der East River, auf dem schemenhaft ein Schiff zu erkennen ist. Und auf der anderen Seite verschwindet alles im Dunst, im Ungewissen – obwohl man weiß, dass dort in Manhattan das Leben pulsiert. Auf diesem Bild ist nichts davon zu sehen, es herrscht eine fast meditative Ruhe und trotzdem sind die tausend Versprechungen der Großstadt spürbar. Und vielleicht spiegelte die Photographie in diesem Moment das eigene Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen wieder, den Aufbruch ins Unbekannte.

Am nächsten Tag stand ich wieder vor dem Schaufenster und schaute auf das Bild. Am übernächsten Tag habe ich den Druck gekauft. Er hing lange Zeit in den WG-Zimmern, in denen ich wohnte, machte mehrere Umzüge und Stadtwechsel mit und ist leider irgendwo verloren gegangen. Aber an diesen Moment des ersten Blicks erinnere ich mich noch gut und seitdem hat mich der Wunsch nicht mehr losgelassen, einmal selbst über diese Brücke zu laufen und zu erkunden, was auf der anderen Seite im Nebel sein mag. Diese Photographie war der Beginn meiner New-York-Sehnsucht, die nun fast dreißig Jahre lang genährt wurde von unzähligen Filmen und Büchern. Bis ich mir nun diesen Oktober den Wunsch erfüllt habe und endlich, endlich in der Stadt der Städte gewesen bin.

Wie fühlt es sich an, wenn man tatsächlich an einem Ort ist, den man in seiner Phantasie schon so oft besucht hat? Es war wie ein Ankommen, vertraut und fremd gleichzeitig. Eine Sinfonie der Bilder, Gerüche und Geräusche, die einen sofort umfängt und nicht wieder loslässt. Unvergesslich etwa, von der Aussichtsplattform des Rockefeller Center aus Manhatten im Morgendunst auftauchen zu sehen, untermalt von Polizeisirenen und dem Rauschen des Verkehrs 250 Meter weiter unten.

New York: Stadt der Geschichten

Oder in einer der silbergrauen, laut ratternden U-Bahnen zu sitzen; durch Subway-Stationen laufen, die in die Jahre gekommen sind, einen maroden Charme ausstrahlen, voller hastender Menschen mit Kaffeebechern in der Hand. Beindruckt in der großen Halle der Grand Central Station stehen, im Kopf das berühmte Photo von George Brassaï. Andächtig schweigend den prächtigen Lesesaal der New York Public Library bewundern und die konzentrierte Ruhe genießen, während sich vor den dicken Mauern mit ihren großen Fenstern die Autos auf den Straßen vorbeischieben und sich die Fußgänger auf den breiten Trottoirs drängen. Oder in Cafés in Brooklyn oder im Univiertel Greenwich Village rund um den Washington Square sitzen und einfach nur Menschen beobachten.

New York: Stadt der Geschichten

Und zwischen den endlos scheinenden Regalen des legendären Strand Bookstore verloren gehen, während draußen das Anschalten der Straßenbeleuchung die Abenddämmerung hereinbrechen lässt. Ein magischer Moment.

So unendlich viele Eindrücke sind im Gedächtnis geblieben, die ich bei weitem nicht alle in einem Blogbeitrag unterbringen kann. Die Energie, die diese Stadt ausstrahlt und die sie auf den Flaneur überträgt, ist unbeschreiblich.

New York Public Library

Vor allem aber waren es Bücher, die mich während der fünf Tage in New York im Kopf begleitet haben. Bücher, die ich in den letzten Jahren, Jahrzehnten gelesen hatte und die nun auf den Abgleich mit der Realität warteten. Hier sind einige davon, die ich wahllos aus dem Regal gezogen habe:

John Freeman Gills „Die Fassadendiebe“ hat meinen Blick für die großartige Art-Deco-Architektur dieser Stadt geschärft und ließ mich mehr als einmal begeistert den Kopf heben. Besonders das Woolworth Building sieht man nach der Lektüre des Romans mit ganz anderen Augen. Als perfekte Ergänzung dazu ist im Taschen-Verlag der Band „Reinhart Wolf – New York“ erschienen. Dieser Photograph pirschte in den Siebzigern mit einer riesigen Spezialkamera durch die Stadt, um architektonische Details festzuhalten, die man von der Straße aus kaum wahrnimmt. Ein wahrer Prachtband.

Reinhart Wolf: New York

„Manhattan Transfer“ von John Dos Passos beschreibt eine Stadt im Umbruch, im ständigen Werden und Wachsen – und auch wenn der Roman 1925 zum ersten Mal erschienen ist, scheint sich daran nichts geändert zu haben.

Natürlich Paul Auster. Dessen „New York-Trilogie“ oder „Mond über Manhattan“ begleiten mich schon seit langer Zeit; Lektüren, die man nie vergisst. Sein Meisterwerk „4321“ hat mich letztes Jahr vollkommen begeistert.

Deborah Feldmans „Unorthodox“ ließ mich nach Brooklyn-Williamsburg fahren, ins Quartier der Chassidisch-Jüdischen Gemeinde. Ich fühlte mich dort sehr fremd zwischen all den Männern mit schwarzen Mänteln, schwarzen Hüten und Schläfenlocken oder den Frauen mit Röcken und Perücken. Alle Geschäfte waren hebräisch beschriftet, auch die typisch gelben amerikanischen Schulbusse trugen eine hebräische Aufschrift. Es war wie eine Reise in eine andere Welt; eine verschwundene Welt, in der noch Jiddisch auf der Straße zu hören ist.

New York: Brooklyn Williamsburg

„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara konnte mich damals zwar nicht ganz überzeugen, aber trotzdem sind viele New-York-Bilder haften geblieben. Bilder, die zwar seltsam abgekoppelt erscheinen, da das Buch zeitlich nicht zuzuordnen ist, die sich aber trotzdem eingeprägt haben.

Don Winslows „Manhattan“ spielt im Jahr 1958 und lässt eine Welt wiederauferstehen, in der sich noch keine Touristenmassen über den Broadway schoben. Es war in etwa die Zeit, in der ein James Dean noch einsam über den Times Square laufen konnte. Unvorstellbar, wenn man heute an dieser Stelle steht. Ebenso erweckt Gunnar Kaiser in seinem Buch „Unter der Haut“ das quirlige New York gegen Ende der Sechzigerjahre grandios zum Leben.

Der großartig schaurige Roman „White Tears“ von Hari Kunzru beginnt und spielt zu großen Teilen in New York. Tonaufzeichnungen, die beim Streifen durch die belebten Straßen entstehen, spielen darin eine entscheidende Rolle. Ein Lieblingsbuch der letzten Jahre.

„Der Garten der Dissidenten“ von Jonathan Lethem ist eine Familiengeschichte über mehrere Generationen im New Yorker Stadtteil Queens, in dessen Zentrum Rose Zimmer steht. Eine amerikanische Kommunistin, die am Ende ihres Lebens zwischen allen Stühlen sitzt.

Der Roman „Manhattan Beach“ von Jennifer Egan ist dieses Jahr erschienen und war eine perfekte Einstimmungslektüre direkt vor der Reise. Brooklyn und Manhattan in den Dreißiger- und Vierzigerjahren; Wirtschaftskrise, Mafia, Zweiter Weltkrieg sind die Eckpunkte der Handlung, in der eine junge Frau versucht, ihren Weg zu gehen und sich auf die Suche nach dem verschwundenen Vater macht.

Richard Stark hat mit seinem Hard-boiled-Krimi „The Hunter“ 1962 einen Klassiker des Genres geschrieben. Der Roman beginnt auf der Washington Bridge: Auf der Suche nach Rache an seinen verräterischen Komplizen durchsucht ein Mann die Stadt und hinterlässt eine Blutspur. 2015 ist das Buch in einer Neuübersetzung wieder erschienen.

Man sagt, man solle „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger mit siebzehn lesen. Das werde ich wohl nicht mehr schaffen, das Buch steht schon lange ungelesen im Regal. Vielleicht wäre jetzt ein guter Zeitpunkt dafür? Ebenfalls sind die Bücher „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer und „Hertzmann’s Coffee“ von Vanessa F. Fogel zwei weitere New York-Bücher, die dringend gelesen werden wollen. Das gilt auch für die Romane von Siri Hustvedt. Oder die Bücher von Lily Brett. Oder die von Philip Roth. Oder für das Werk von Isaac Bashevis Singer. Oder das von James Baldwin. Oder. Oder. Oder. Unter der Rubrik „New York-Romane“ findet man bei Perlentaucher über 200 Bücher gelistet.

New York: Brooklyn Bridge

Es wird nie aufhören, New York ist eine Stadt der Geschichten. Denn es gibt wohl wenig Orte in der Welt, die so intensiv in Büchern und Filmen dargestellt werden. Meist nicht als Kulisse, sondern als wichtiger Teil der Handlung, als ein eigenständiger Protagonist. Auch wenn die meisten der erwähnten Bücher in der Vergangenheit spielen und ein New York schildern, das schon längst nicht mehr so existiert – irgendwie ist alles noch da. Nur anders, wie ein permanentes Kommen und Gehen.

Und über die Brooklyn Bridge bin ich dann endlich auch gelaufen. Allerdings sorgte der Sonnenschein dafür, dass hunderte Menschen auf dieselbe Idee kamen und sich auf dem schmalen Fußweg drängelten. Was bedeutet, dass ich dringend noch einmal dorthin muss und vielleicht erwische ich dann einen nebligen, unfreundlichen Tag, an dem die Brücke im Dunst verschwindet. So wie auf dem Photo von Andreas Feininger, das ich vor fast dreißig Jahren in einem Schaufenster gesehen habe.

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Buchpreis-Blues

Der Deutsche Buchpreis 2018: Ein Resümee

Alltag ist wieder eingekehrt. Der Deutsche Buchpreis wurde vergeben, die Jurytätigkeit ist beendet und die Frankfurter Buchmesse 2018 vorbei. Ein Hauch von Melancholie weht durch den Blog – es ist Zeit für ein Resümee. Doch wo beginnen? Vielleicht gleich mit einem der schönsten Momente der letzten sechs Monate, mit dem späten Montagabend der Buchpreisverleihung. Gegen Mitternacht saß die Buchpreisjury in der Hotelbar des Frankfurter Hofs zusammen. Auf ein letztes Glas. Ein allerletztes. Wir sprachen über unsere Zeit als Jurorinnen und Juroren, über Bücher, über die Preisverleihung, über Persönliches. Niemand von uns wollte aufstehen und gehen, der Moment des Aufbruchs wurde weiter und weiter herausgezögert, ein wirklich allerletztes Glas geordert. Denn danach würden wir wohl nie wieder in dieser Konstellation zusammentreffen. Weiterlesen

Leben geschieht

Hilmar Klute: Was dann nachher so schoen fliegt

Natürlich weiß ich, dass man sich als Leser nicht mit den Protagonisten eines Romans zu identifizieren braucht, um sich eine Meinung über den Inhalt und die Qualität des Werkes zu bilden. In Kreisen professioneller Rezensenten gilt eine solche Identifikation auch eher als etwas, das es zu vermeiden gilt. Das Gute am Bloggen ist aber, dass man in seinem Blog machen kann, was man möchte. Und dass einem manche Gepflogenheiten egal sein dürfen – besonders wenn man auf ein Buch trifft, das einen zurück in eine Zeit des eigenen Lebens katapultiert. Eine Zeit, die zwar längst vergangen ist, die einen aber geprägt hat, wie kaum eine andere. Und die für so manche Weichenstellungen entscheidend war, die mit all ihren Umwegen bis ins Hier und Heute führen. „Was dann nachher so schön fliegt“ von Hilmar Klute ist genau eines dieser Bücher. Weiterlesen

Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch „Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman „Die Herzen der Männer“ und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber auch in der Erinnerung war es ein wunderbarer Abend mit einem sympathischen Autor. Und mit einem sehr eindrucksvollen Roman. Weiterlesen

Literatur mit allen Sinnen

FLIP - Festa Literária Internacional de Paraty

FLIP ist die Abkürzung für Festa Literária Internacional de Paraty. Es ist eines der wichtigsten und schönsten Literaturfestivals Südamerikas und findet seit 2003 jeden Juli in der brasilianischen Küstenstadt Paraty statt. Viele brasilianische Autorinnen und Autoren sind vor Ort, gleichzeitig ist das Festival – wie der Name schon sagt – sehr international ausgerichtet. In den letzten Jahren waren dort zahlreiche große Stimmen zu Gast, wie etwa Amoz Oz, Don de Lillo, Toni Morrison, Ian McEwan, Nadine Gordimer, Orhan Pamuk, Karl Ove Knausgård, Margaret Atwood, Julian Barnes, Isabel Allende, Paul Auster, Siri Hustvedt, Teju Cole oder Eleanor Cotton. Um nur einige zu nennen. Dazu gibt es Partnerschaften mit dem International Festival of Authors in Toronto und dem  Festivaletteratura in Mantua. Und ich muss gestehen, dass ich bis zum Sommer 2017 noch nie davon gehört hatte. Weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. Weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Deutscher Buchpreis 2018: Die Longlist

Hier ist sie nun, die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Zwanzig Romane haben wir in der Jury-Sitzung ausgewählt. Zwanzig von knapp zweihundert; 165 Bücher waren eingereicht, weitere hatte die Jury zusätzlich angefordert. Herausgekommen ist nach einem langen Tag voller Diskussionen eine vielfältige und abwechslungsreiche Mischung aus deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die neben bekannten Namen auch viel Raum für Entdeckungen bietet. Jurysprecherin Christine Lötscher hat den offiziellen Text zur Longlist-Auswahl verfasst:

„Die Lage der Welt scheint den deutschsprachigen Autorinnen und Autoren auf den Nägeln zu brennen: Wie ist die Welt zu dem geworden, was sie heute ist? Wie hängt alles zusammen, und welche Geschichten lassen sich darüber erzählen? Ihre Romane versuchen diese Fragen in der ganzen poetischen Tiefe auszuloten, indem sie ihre Figuren als Reisende, Suchende oder Vertriebene ihre Vergangenheit und Gegenwart erkunden lassen. Die Vielfalt der literarischen Formen hat die Jury begeistert: Es gibt große historische, aber auch verspielt fantastische Weltentwürfe, ebenso wie Texte, die eine radikale Reduktion der Perspektive suchen, bis auf den Nullpunkt des Erzählens. Angesichts dieses Reichtums und vieler überraschender Entdeckungen ist die Longlist auch eine Einladung der Jury, dieses große Spektrum zu erkunden.“ Weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch „Träumer“ die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. Weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. Weiterlesen

Abgetaucht im Literaturmeer

Deutscher Buchpreis: Abgetaucht im Literaturmeer

Momentan herrscht etwas Ruhe hier auf Kaffeehaussitzer. Der Grund dafür ist auf dem Beitragsphoto zu sehen: Ein ganzer Berg leerer Kartons. Kartons, die mit Büchern gefüllt waren. Bücher, mit denen ich mich beschäftigen darf. Denn in diesem Jahr habe ich die große Ehre und das große Vergnügen, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises zu sein. Und damit ist jede, wirklich jede freie Minute mit Lesen ausgefüllt. Im Februar hatte ich schon angekündigt, dass sich daher ab April die Beiträge im Blog etwas rar machen könnten – damals wusste ich noch nicht, was da wirklich auf mich zukommen würde. Weiterlesen

Der Zeit nicht mehr gewachsen

Lucy Fricke: Toechter

Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei „Töchter“ von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.

Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich „Töchter“ direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. Weiterlesen

Welten hören auf

Jewgeni Jewtuschenko: Welten hoeren auf

Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Als er ein letztes Mal tief ausatmete, klang es wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.

Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da. Weiterlesen

Norsk Litteraturfestival

Norsk Litteraturfestival - Literaturfestival Lillehammer

Wo anfangen? Eine Literaturreise nach Norwegen liegt hinter mir; sie war so voller Eindrücke und unvergesslicher Momente, dass ich mich kaum entscheiden kann, über was ich als erstes berichten soll. Vielleicht beginne ich am besten mit einem persönlichen Highlight dieser Tage, das wiederum zurückführt in die eigene Lesebiographie, genauer gesagt zurück ins Jahr 1995. Damals war ich mitten in meiner Buchhändlerlehre und hatte das Buch „Der Choral am Ende der Reise“ von Erik Fosnes Hansen in die Hände bekommen. Die Geschichte, die anhand der fiktiven Lebensläufe der Titanic-Musiker von den blinden Zufällen des Lebens und der Unausweichlichkeit des Schicksals erzählt, hat mich seinerzeit vollkommen begeistert und nie wieder losgelassen. Nun, dreiundzwanzig Jahre später begleitete mich dieses Buch nach Norwegen. Und in einem Restaurant hoch über den Dächern Oslos schrieb Erik Fosnes Hansen mir eine Widmung hinein.

Aber ich gehe besser einen Schritt zurück und erzähle, wie das alles zustande gekommen ist und um was für eine Reise es überhaupt geht. Weiterlesen

Ein Mahnmal aus Papier

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Buecher

Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in 30 deutschen Universitätsstädten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht „dem deutschen Geist“. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.

Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier „Das Buch der verbrannten Bücher“ vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. Weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über „Madame Bovary“ und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. Weiterlesen

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