Literatur verbindet

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Literatur verbindet Menschen. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, aber selten habe ich dies so unmittelbar gespürt wie bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung. Wie immer – so kann man inzwischen sagen – stellt mein guter Freund Hannes Lehner während der Leipziger Buchmesse sein Wohnzimmer für eine Lesung zur Verfügung, die wir gemeinsam organisieren. Zu Gast war dieses Jahr die Autorin Anne Stern mit ihrem Roman »Die weiße Nacht«. Und wie immer war das Wohnzimmer leergeräumt und mit Bierbänken ausgestattet. Wie immer war der Raum mit etwas mehr als dreißig Personen proppenvoll. Wie immer war die Atmosphäre ganz und war wunderbar. Und wie immer kannten wir einen Teil der Anwesenden überhaupt nicht, es waren Menschen, die über die Ankündigungen im Leipzig-liest-Programm, über Postings in den sozialen Medien oder über den Veranstaltungs-Newsletter des Verlags den Weg ins Wohnzimmer gefunden hatten. Dieses Mal waren etwa zwei Drittel der Lesungsgäste Unbekannte; mehr als in den Jahren zuvor – aber es fühlte sich gar nicht so an. Hannes brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: Gerade in Zeiten großer Ungewissheiten wie diesen sei es ihm eine große Freude, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit einander fremde Menschen für einen Moment zusammenfinden, miteinander ins Gespräch kommen, sich über Bücher austauschen, ein Glas Wein gemeinsam trinken. Denn dieses Miteinander sei das, auf was es ankommt. In diesem Augenblick waren wir alle in diesem Raum eine Gemeinschaft. Und dann redeten Anne Stern und ich über ihr Buch.

Anfang des Jahres hatte ich »Die weiße Nacht« mit großer Begeisterung gelesen und spontan bei der Autorin angefragt, ob sie sich vorstellen könnte, bei unserer Wohnzimmerlesung dabei zu sein. Konnte sie. Und zwei Monate später saßen wir nun hier zusammen. Anne Sterns Werdegang als Autorin ist spannend: Ursprünglich arbeitete sie als Lehrerin, fing dann an, online erste Texte zu veröffentlichen – so erfolgreich, dass Verlage auf sie aufmerksam wurden. Heute erscheinen ihre Bücher im Rowohlt Verlag, im Aufbau Verlag und »Die weiße Nacht« ist ihr erster Titel beim Piper Verlag. Es ist ihr vierundzwanzigstes Buch, nicht mitgerechnet drei Romane, die unter Pseudonym erschienen sind. 

»Die weiße Nacht« führt uns zurück in das Jahr 1946, mitten hinein in das zerstörte Berlin. Es ist kurz vor Weihnachten, der Krieg ist schon seit eineinhalb Jahren vorbei, aber von Normalität kann keine Rede sein. Jener Winter war extrem hart, Monatelang herrschten zweistellige Minustemperaturen, Kohle und Holz waren Mangelware, die Menschen lebten in einer Trümmerwüste, in Wohnungen ohne Heizung, ohne Strom, ohne Fensterscheiben. Kälte und Hunger forderten Tag für Tag, Nacht für Nacht ihren Tribut; der Anblick von Toten war allgegenwärtig.

»Der weiße Tod, so nannte man es, wenn jemand in diesem Winter erfror, und täglich wurden es mehr. Sie gesellten sich zu den unzähligen Geistern, die bereits zwischen den Lebenden umhergingen. … All die Toten waren Teil der Stadt, in der sie einmal gelebt hatten, und in den Mauern der Ruinen flüsterten ihre Stimmen. Der Unterschied war nur, dass der Tod jetzt langsamer kam. Auf leisen Sohlen schlich er sich von hinten an die Menschen heran. Er holte sie im Schlaf, all die Erfrorenen dieses Winters, die Kranken, die Kinder, die Greise, die Hungernden. Er machte kein Getöse mehr, der Tod, er war genügsamer geworden, bescheiden fast. Er wusste ja, dass einer nach dem anderen in seine Hand fallen würde, ganz von selbst, wenn er nur lange genug wartete.«

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Als allerdings die Photographin Lou Faber in einer Ruine die sorgfältig aufgebahrte Leiche einer Frau entdeckt, ist das dann doch ein ungewöhnlicher Anblick. So ungewöhnlich, dass die Kripo sich des Falles annimmt: Auftritt Kriminalkommissar Alfred König. Er und Lou kennen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch das wird sich ändern. Sie beide sind Menschen mit harten Brüchen in ihrer Biographie; zwei Einzelgänger, die ihre sichtbaren und unsichtbaren Narben tragen und versuchen, durch die Tage und durch ihre Leben zu kommen. 

Und damit beginnt eine Geschichte, die tief hineinführt in eine Zeit des Umbruchs und uns immer wieder in die Abgründe einer dunklen Vergangenheit blicken lässt, die noch allgegenwärtig ist. Denn das Buch fängt sehr gelungen die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit ein: die vollkommene Zerstörung, ein verlorener Krieg, die Mitschuld an barbarischen Verbrechen. Und gleichzeitig Verbitterung, Wut auf die Besatzungsmächte, und eine Mentalität des Nicht-darüber-Redens: Der Nationalsozialismus war ja nicht über Nacht verschwunden, überall trifft man auf überzeugte Nazis, die mal mehr, mal weniger deutlich ihre Gedanken äußern. Man versuchte, eine Art Normalität zwischen den Trümmern aufzubauen. Doch dies war nur eine hauchdünne Schicht, die mühsam die zahllosen Verbrechen der Nazi-Jahre überdeckte; Verbrechen in die fast alle direkt oder indirekt verwickelt gewesen sind. Gewöhnliche Menschen waren zu Tätern geworden, andere hatten davon profitiert, viele haben weggesehen.

Die Photographin Lou Faber und Alfred König sind dabei beide so etwas wie Außenseiter, wie Fremdkörper. Lou war Mittelpunkt einer Künstler- und Intellektuellen-Clique gewesen, die irgendwann in die Fänge der Gestapo geraten war. 1946 sind fast alle ihre Freunde tot, ermordet. Sie selbst kam traumatisiert aus dem Gefängnis, voller Schuldgefühle, überlebt zu haben. König wiederum unterlag lange, viel zu lange dem Irrglauben, dass Polizeiarbeit nichts mit Politik zu tun hätte. Bis er irgendwann als Mitglied einer Polizeistaffel in einem brennenden Dort in Weißrussland stand und den Befehl erhielt, die jüdischen Einwohner zu erschießen. Einen Befehl, den er verweigerte – was ihn ebenfalls ins Zuchthaus führte. Schwer misshandelt und auf einem Auge blind überlebte er den Krieg. Und wurde von der Roten Armee gezwungen, im besetzten Berlin wieder als Kriminalkommissar Dienst zu tun. 

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht
Photo: Petra Kyriss

Bei unserem Gespräch berichtete Anne Stern darüber, welche Gedanken sie sich bei der Ausgestaltung der beiden Protagonisten gemacht habe. Sie wollte den Eindruck vermeiden, dass die beiden wie Beispiele für »die Guten« wirken würden, wie Bespiele für all die Widerständler, die hinterher jeder in seiner Familie gehabt haben wollte. Daher war es ihr besonders bei König wichtig zu zeigen, wie lange man ein Rädchen im Getriebe eines mörderischen Unrechtsstaats sein und dabei alles um sich herum ausblenden konnte. Bis es bei ihm nicht mehr ging – tatsächlich gab es Verweigerer von Mordbefehlen immer wieder einmal, aber sie waren die Ausnahme. 

Und nun ist König gegen seinen Willen also erneut Polizist. Als der Kriminalkommissar feststellt, dass die Tatortphotos des Polizeiphotographen misslungen sind, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Lou Faber zu kontaktieren. Denn sie hatte die Leiche und ihr Umfeld festgehalten – und so beginnt eine widerwillige Zusammenarbeit der beiden; eine Zusammenarbeit zweier misstrauischer Einzelgänger, die es nicht gewohnt sind, sich auf andere verlassen zu können. Der Fall wird die beiden kreuz und quer durch die zerstörte Stadt führen und die Ermordete wird nicht die einzige aufgebahrte Leiche bleiben. Bis ihnen irgendwann klar wird, wie alles miteinander zusammenhängt: Denn die grauenvollen Jahre des »Dritten Reiches« lagen zwar in der Vergangenheit, aber vorbei waren sie längst noch nicht. 

Im Wohnzimmer redeten wir darüber, wie man sich die Polizeiarbeit im Berlin des Jahres 1946 vorstellen muss. Es gab keine Ausrüstung, kaum Uniformen, nur sehr wenig Fahrzeuge – für Tatortbesuche muss die U-Bahn herhalten – und die die Aufteilung in vier Besatzungszonen mit vier Zuständigkeitsbereichen machte die Ermittlungen nicht leichter. »Die Polizei war eines der Schlachtfelder, auf denen die Besatzer stellvertretend ihre Fehde führten.«

Wir sprachen über die Strukturen der Polizei, in der ehemalige KPD-Mitglieder ohne weitere Qualifikation plötzlich leitende Posten hatten – sofern sie tatsächlich in der KPD gewesen waren. Über das Ansehen der ersten Polizisten bei der Bevölkerung, da sie ja mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Wir sprachen über den Schwarzmarkt in der Stadt, der verboten war, aber die Menschen am Leben erhielt. Über die beiden Nebenfiguren der Handlung, Gerti und Justus, zwei elternlose Jugendliche, die inmitten der Trümmer irgendwie überleben mussten. Und wie wir durch diese beiden das Thema der Jugendbanden kennenlernen, die in jener Zeit auch vor schweren Verbrechen nicht zurückschreckten. Wir sprachen darüber, wie es sich anfühlt die eigene Stadt – Anne Stern ist Berlinerin – mit literarischen Mitteln wieder in eine Ruinenwüste zu verwandeln. Und wir sprachen vor allem über die Recherche zu einem historischen Roman. Denn Anne Stern ist eine begnadete Spurensucherin. Besonders beeindruckt hat alle im Wohnzimmer Anwesenden ihr Bericht über einen Besuch in alten Bunkerräumen unter dem Gebäude des Flughafen Tempelhofs, in denen die gesamten Polizeiakten der Nachkriegszeit lagern. Unzählige Akten und Berichte, getippt auf Papier von schlechter Qualität und vollkommen unsortiert. Hier hielt sie sich lange auf, las sich durch Protokolle und Notizen und erhielt einen Einblick in die Polizeiarbeit jener Jahre, wie er authentischer kaum möglich ist.

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Und ganz nebenbei gab Anne Stern einen Einblick in ihren Schreibprozess, der uns alle sehr beeindruckt hat: Sie verzichtet fast komplett auf das Plotten, hat eine Grundidee im Kopf und beginnt zu schreiben. Am Anfang weiß sie noch nicht, wohin sie die Handlung führen wird, das Ende ergibt sich erst beim Schreiben. Und offensichtlich funktioniert das ziemlich gut, denn in »Die weiße Nacht« stimmt alles: ein akribisch recherchierter und atmosphärisch perfekt geschilderter, historischer Hintergrund. Mit feiner Hand geschaffene Protagonisten und Nebenfiguren, die man nicht wieder vergisst und in denen sich die Verheerungen jener Jahre widerspiegeln. Und eine spannende Geschichte, die uns in eine längst vergangene Zeit zurückführt. In eine Zeit, in der ein Unrechtsstaat in einem Strudel der Vernichtung untergegangen war, während sich am Horizont das Machtgefüge des Kalten Krieges abzuzeichnen begann. Und dazu immer wieder Sätze, die man am liebsten laut lesen mag, so wunderschön sind sie. Etwa diese Textstelle: 

»Heute war sie älter als ihre Eltern in ihrer Erinnerung. Das Leben war eine abgefeuerte Kugel, die, war sie erst einmal in der Luft, immer weiterflog, bis sie ins Nichts fiel. Niemand wusste, wann und wo.«

Wie wahr. 

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Vielen Dank, liebe Anne, dass Du bei unserer Wohnzimmerlesung dabei gewesen bist. Es war uns ein Fest! Und ich bin jetzt schon gespannt auf den zweiten Fall von Lou & König, der hoffentlich nicht lange auf sich warten lässt. Vielen Dank an alle Gäste fürs Kommen und für eure Buchbegeisterung. Und wie immer danke, lieber Hannes für deine wunderbare Gastfreundschaft, die unsere Wohnzimmerlesungen stets zu ganz besonderen Orten der Begegnung machen. Die nächste findet zur Leipziger Buchmesse 2027 statt. Wir freuen uns schon. 

Buchinformation
Anne Stern, Die weiße Nacht
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07461-2

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Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später

Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben – eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Um sie einigermaßen meistern zu können, hatte ich damals den Betrachtungszeitraum auf eine Dekade eingegrenzt. Und wie die Zeit vergeht: diese zehn Jahre sind nun vorbei. Ein schöner Anlass, sich den damaligen Text noch einmal anzuschauen und mit unserer heutigen Realität abzugleichen. Der Originaltext ist jeweils mit »Kaffeesatz2016« markiert und in einer anderen Farbe gesetzt. „Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später“ weiterlesen

In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Deutscher Buchhandlungspreis

Die Buchhandlungslandschaft in Deutschland ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo sonst gibt es ein solch dichtes Netz an unabhängigen und inhabergeführten Buchhandlungen. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, denn es sind fragile Handelsstrukturen. Unabhängige Buchhandlungen stehen unter großem Druck; auf der einen Seite das zunehmend schwierigere Umfeld in verödenden Innenstädten, steigende Kosten bei gleichbleibenden Gewinnmargen, die ohnehin nicht üppig sind, fehlende Nachfolger, wenn die altgedienten Inhaber in Ruhestand gehen. Hier springt zwar immer häufiger Thalia ein und übernimmt mittelständische Buchhandlungen, aber das geht letztendlich auf Kosten der Vielfalt. 

Vielfalt ist ein gutes Stichwort: Jede Buchhandlung in unseren Städten ist nicht nur ein Schaufenster für Literatur und Bücher, sondern trägt aktiv zur Meinungsvielfalt in unserem Land bei. Denn jede unabhängige Buchhandlung hat ihr eigenes Profil – nicht umsonst heißt der Beruf offiziell »Sortimentsbuchhändler«, geht es doch darum, ein kuratiertes Sortiment zusammenzustellen. Die Buchhandlungslandschaft ist daher ein bedeutender Teil unserer Kulturlandschaft. Um dies nicht nur ideell, sondern auch materiell zu unterstützen, gibt es seit 2015 den Deutschen Buchhandlungspreis. Eine Jury wählt dafür 118 Buchhandlungen aus, von denen hundert ein Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro erhalten, fünf Buchhandlungen ein Preisgeld von 15.000 Euro und drei Buchhandlungen ein Preisgeld von 25.000 Euro. In einer Branche, die von Idealismus bis zur Selbstausbeutung geprägt ist, sind dies handfeste Preisgelder. 

Eine feine Sache ist dieser Preis. Zumindest war er das bis zu diesem Jahr. Am 10. Februar 2026 wurden die Buchhandlungen bekannt gegeben, die den Preis erhalten sollen. Sie wurden von einer unabhängigen Jury aus 483 Bewerbungen ausgewählt. Same procedure as every year? Nicht dieses Mal. Denn knapp drei Wochen später überschlugen sich die Ereignisse und was dann geschehen ist, dürften die meisten buchaffinen Menschen mitbekommen haben. Daher soll es hier vor allem darum gehen, Stimmen und Statements zu sammeln, um zumindest einen kleinen Überblick über die Geschehnisse zu geben. „In Berlin gewesen. Bücher gekauft.“ weiterlesen

Schlamm und Drohnen

Szczepan Twardoch: Die Nulllinie - Roman aus dem Krieg

1.461 Tage. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen überzieht das russische Terrorregime die Ukraine mit Krieg. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen werden ukrainische Städte, Dörfer, Landstriche verwüstet, sterben Menschen. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen leidet die ukrainische Bevölkerung unter Drohnen- und Raketenangriffen, unter zerstörter Infrastruktur, unter dem Horror des Angriffs eines größenwahnsinnigen Despoten. Seit vier Jahren tobt ein Krieg in Europa. Oder vielmehr: Seit vier Jahren führt Russland einen Krieg gegen Europa. Die Nachrichten darüber gehören inzwischen zum Alltag – so sehr, dass vielen von uns gar nicht mehr bewusst ist, was da eigentlich gerade geschieht, dort, weit im Osten unseres Kontinents. Der Roman »Die Nulllinie« von Szczepan Twardoch ändert das. Ändert das sehr drastisch – denn er schickt uns an jene Nulllinie, die nur ein anderes Wort ist für Front oder für Niemandsland. „Schlamm und Drohnen“ weiterlesen

Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder. „Über Haltung in schwierigen Zeiten“ weiterlesen

Leipziger Wohnzimmerlesung 2026

Leipziger Wohnzimmerlesung

Schon eine kleine Tradition: Unsere Leipziger Wohnzimmerlesung.

Die Leipziger Buchmesse ist seit vielen Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Einer, auf den ich mich jedes Mal besonders freue – denn es ist immer wieder etwas Besonderes, all die literaturbegeisterten und buchaffinen Menschen zu treffen. Nicht nur auf dem Messegelände, sondern in der ganzen Stadt; in unzähligen Veranstaltungsorten, in Cafés, Kneipen, Restaurants, Clubs. Und im Wohnzimmer meines guten Freundes Hannes, der bei jedem Leipzig-Besuch mein Gastgeber ist.

Seit 2018 veranstalten wir bei ihm unsere Wohnzimmerlesungen, für die er den größten Raum seiner Wohnung leer räumt, ihn mit Bierbänken ausstattet und den Kühlschrank mit Getränken befüllt. Eine Autorin oder ein Autor tritt auf, ich habe das Vergnügen, die Moderation zu übernehmen, das Wohnzimmer ist voller Menschen, von denen wir nur die Hälfte kennen und es sind wunderbare Abende mit guten Gesprächen und spannenden Begegnungen. Mareike Fallwickl war bereits dabei (mit ihr fing alles an), Demian Lienhard, Stefan Ineichen mit seinem großartigen Buch »Principessa Mafalda«, Kai Meyer ließ im Leipziger Wohnzimmer das legendäre Leipziger Graphische Viertel wiederauferstehen und im letzten Jahr sprach ich mit Pierre Jarawan über seinen wunderbaren Roman »Frau im Mond«.

Diesmal ist am Donnerstag, 19. März 2026 die Autorin Anne Stern im Wohnzimmer zu Gast. Dabei hat sie ihren neuen Roman »Die weiße Nacht«, der uns Leser mitten hinein führt in das zerstörte Berlin des Jahres 1946. Mit den literarischen Mitteln eines Kriminalromans lässt sie eine Epoche des Umbruchs wiederauferstehen – als die Düsternis des Alten noch überall in den Trümmern zu spüren war und eine neue Zeit noch nicht begonnen hatte. Ein grandioses Buch, brillant recherchiert und ich freue mich schon riesig auf unser Gespräch darüber.


Wer dabei sein mag: Verbindliche Anmeldungen per E-Mail an hannes_lehner@icloud.com. Adresse und Informationen zur Wohnzimmerlesung werden dann mitgeteilt.

Es gibt 30 Plätze. Einlass ist ab 20 Uhr, Beginn um 20.30 Uhr.
Fünf Euro Unkostenbeitrag für Getränke.
Ausgebucht!

Sehen wir uns? Es würde mich freuen.

Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit. „Nichts ist, wie es scheint“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2025: Die besten Buecher

»Was lese ich als nächstes?« Dies ist für mich eine der schönsten Fragen, die es gibt. Manche Menschen planen ihre Lektüren im Voraus oder nehmen sich vor, während eines Jahres bestimmte Bücher zu lesen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, vollkommen planlos von Buch zu Buch zu flanieren, mich durch fremde Welten, Zeiten und Leben treiben zu lassen. Mich vor das überquellende Buchregal zu stellen und in aller Ruhe zu überlegen, welches Buch gerade passen würde. Und wenn das Jahr zu Ende geht, ist eine bunte, spannende und so manches Mal überraschende Mischung an Lektüren zusammengekommen. Wie immer habe ich für diesen Rückblick meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich 2025 am meisten bewegt, beschäftigt oder inspiriert haben. Und wie immer sind einige davon Neuerscheinungen gewesen, andere standen schon länger im Bücherregal und hatten auf den passenden Lesemoment gewartet. Und genau deshalb kann man gar nicht genug ungelesene Bücher zuhause haben. Ich nenne sie Lesevorräte.

Doch genug der langen Vorrede, das hier sind sie, meine persönlichen Lesehighlights des Jahres 2025. „Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher“ weiterlesen

Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute hundert Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen

In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen