Ein Buch wie ein Rocksong

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Als ich das Buch »Die wilde Ballade vom lauten Leben« von Joseph O’Connor gekauft habe, wusste ich noch nicht, auf was für eine atemlose und sehr persönliche Gedankenreise mich dieser Roman schicken würde. Der Klappentext versprach die Geschichte einer Rockband mit ihren Höhen und Tiefen, die sich nach ihrem Überraschungserfolg zerstreiten würde; alles sei erzählt mit schrägem irischem Humor. Etwas für Zwischendurch, dachte ich. Etwas zur Entspannung, dachte ich. Doch weit gefehlt: Als ich das Buch nach fünf Jahren im Bücherregal endlich zur Hand nahm, fand ich darin viel, viel mehr als entspannende Unterhaltung. Und was ich am Ende bekommen habe, war nicht nur eine Romanhandlung, sondern ein Buch wie ein Rocksong aus Papier, Gänsehaut-Feeling inklusive.

Dabei konnte ich zu Beginn nur wenig mit der Handlung anfangen, es war okay, aber nicht mehr. Bis ich auf Seite 153 auf eine Passage stieß, die mich innehalten ließ. Nur ein paar Zeilen, aber die haben mich gepackt und regelrecht in die Story hineingerissen. Aber der Reihe nach.

Erzählt wird die Geschichte von Robbie »Rob« Goulding und Francis »Fran« Mulvey; zwei äußerst unterschiedliche Jungs, die zu besten Freunden werden und beginnen, zusammen Musik zu machen. Robbie stammt aus einer Arbeiterfamilie und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf; er ist eher der etwas ruhigere, dafür aber hemdsärmelige Typ. Fran ist als vietnamesisches Flüchtlingskind in den Siebzigern nach England gekommen und durch die Hölle liebloser Pflegefamilien gegangen. Androgyn, extrem exzentrisch gekleidet und vollkommen unnahbar ist er die auffälligste Erscheinung in der Provinz-Uni im kleinstädtischen Luton. Wir befinden uns in den beginnenden Achtzigerjahren; gemeinsam haben die beiden ihre Außenseiterrollen, und aus einer Schicksalsgemeinschaft wird Freundschaft. 

Und aus dem dilettantischen Musikprojekt entsteht eine Band, als Trez, die eigentlich Sarah heißt, und Seán dazustoßen, ein Geschwisterpaar. Trez ist ein musikalisches Wunderkind, spielt Geige und Cello genauso exzellent wie Bass und für Seán bedeutete Schlagzeugspielen das Ticket in ein neues Leben.

Das alles erfahren die Leser aus verschiedenen Perspektiven: Meistens berichtet Robbie als Ich-Erzähler von den lange zurück liegenden Geschehnissen. Inzwischen ist er ein Mann Ende Fünfzig, der auf einem nicht mehr ganz taufrischen Hausboot auf der Themse lebt. »Hierher hat es mich verschlagen, als mein Leben auf Grund lief, in diesen Archipel alter Kähne nicht weit vom Zentrum Londons. Zuflucht vor dem Sturm.« Verbitterung liegt in der Luft. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit den anderen Bandmitgliedern, Tagebucheinträge und Rückblicke sowie die Perspektive von Robbies erwachsener Tochter Molly. 

Und in einem dieser Rückblicke bin ich auf die vorhin erwähnte Passage gestoßen, die mich bei Lesen innehalten ließ. Seán berichtet, wie er als jugendlicher Intensivtäter im Jugendknast saß. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet, bis es einem der Betreuer gelingt, seine Begeisterung für Musik, für das Schlagzeugspielen zu wecken. 

»Es gibt Tage im Leben, da ändert sich alles. Meiner Erfahrung nach sind das Tage, die nicht danach aussehen. Du betrittst einen Raum. Am Fenster steht ein Schlagzeug. Jeder Freund, den du haben wirst, jedes Land, das du sehen wirst, die Frau, von der du nicht wusstest, dass du sie bekommen wirst, deine wunderbaren Kinder, dein ganzes Leben. Alles geht auf den Tag zurück, an dem du zum ersten Mal getrommelt hast. Unheimlicher Gedanke, dass es vielleicht nie passiert wäre.«

Damit war der Funke endlich übergesprungen. Denn Gedanken dieser Art habe ich oft. Das Leben vergeht und wenn ich zurückblicke, gibt es eine Handvoll Tage, die alles verändert und geprägt haben, die den Weg bereiteten bis zum Moment, in dem ich das gerade schreibe. Und gleichzeitig ist dabei immer die Frage im Raum, wie ein Leben anders hätte verlaufen können – wenn eine Entscheidung anders gefallen wäre, wenn ich einmal »nein« statt »ja« gesagt hätte oder umgekehrt, wenn ich einen Raum vielleicht ein paar Minuten später betreten hätte. Oder, in einem extremen Fall, wenn ich einmal zehn Sekunden langsamer gelaufen wäre. Es mögen müßige Gedanken sein, aber ich habe schon viele Stunden mit ihnen verbracht.

Jetzt hatte mich das Buch und ich begleitete die Band auf ihrem Weg, der erst einmal steil bergab führte. Nach einem Umzug nach New York folgt ein Leben im Abbruchhaus, es folgen Drogen, viele Drogen, viel Sex, viel Alkohol, alles nur einen Hauch vor dem endgültigen Absturz entfernt. Dann gab es eine erste kleine Chance, dann die zweite, dann plötzlich der Durchbruch, ein paar Jahre werden die »The Ships« als Weltstars gefeiert. Grandios sind die Hits der Band in die Musikgeschichte der Achtzigerjahre eingebettet, zahllose echte Namen tauchen auf und vermischen sich mit erfundenen Erfolgen einer erfundenen Band. Alles wirkt so authentisch, dass ich fast glaubte, ich hätte deren Musik in meiner Jugend tatsächlich gehört. Dann platzt der Traum, brutal und endgültig. Und die Bandmitglieder zerstreuen sich in alle Welt.

Was war geschehen? Mit dem Ich-Erzähler Rob schauen wir aus der Gegenwart auf die Bandgeschichte zurück. Nach und nach wird klar, was ihm seinerzeit den Boden unter den Füßen weggezogen, was ihn zu einem enttäuschten Menschen gemacht hat, zu jemanden, der ohne Ziele, ohne Träume lebt. Alles was er hat, sind seine Erinnerungen, sehr schöne, aber auch sehr bittere. 

Doch da ist noch mehr, noch sehr viel mehr. Denn im Laufe der Erzählung wird er feststellen, dass es Menschen gibt, auf die man sich verlassen kann und die füreinander da sind – auch wenn es der andere nicht immer merkt. Es geht um Freundschaft. Um Verbundenheit, über all die Jahre hinweg. Und es geht um die Macht der Musik, die Macht eines Rocksongs. Musik ist nicht nur ein Erinnerungsspeicher, sondern sie kann auch die Energie über die Zeit retten, die sie einmal für einen ausstrahlte. Denn die Erinnerungen an die Musik, die man mochte, sind immer auch eine Reise zu sich selbst, zu dem Menschen, der man einst war, bevor Alltag und Enttäuschungen so vieles im Leben überlagerten. Musik kann diesen Menschen wieder hervorholen – und das wird für Robbie allerhöchste Zeit. 

»Dann gibt es noch die Fehlschläge, die man aus ganz anderen Gründen bedauert, wenn man nur die Sprache hätte, um es auszudrücken, aber die hat man nicht und bekommt man jetzt auch nicht mehr. Deshalb haben wir Songs. Die wissen, dass wir überfordert sind. Sie dringen in die interstellaren Räume zwischen den Tintenklecksen vor, die wir Wörter nennen, leben ohne Sauerstoff, heben die Entfernungen auf.«

Ich bin ein Buchmensch durch und durch, und es gibt viele Textstellen, die mich an wichtige Zeiten meines Lebens erinnern. Doch gegen die Macht eines Songs kommen sie nicht an – Musik ist eine Zeitkapsel, bei der nur wenige Takte genügen, um Erinnerungen hervorzurufen, so lebendig, als wären sie nicht Jahre, sondern nur ein paar Tage her. Literatur und Musik – zwischen diesen beiden Welten schlägt »Die wilde Ballade vom lauten Leben« eine perfekte Brücke. Als großartige Liebeserklärung an die Macht der Rocksongs, die einen das ganze Leben begleiten.

Bonustrack: Ein Erinnerungs-Mixtape

Nachdem ich das Buch beendet hatte, begann ein regelrechtes Gedankenkarussell; es sind eine Menge Songs, mit denen ich etwas verbinde, ein bestimmtes Erlebnis, manchmal nur einen kurzen Moment, manchmal auch ein ganzes Jahr. Es sind Erinnerungen an Situationen, die sich eingeprägt haben und die ich mit ein paar Takten Musik sofort wieder abrufen kann. Aber auch Erinnerungen an Menschen, an schöne und traurige Erlebnisse, an ausgelassene Abende oder melancholische Herbstnachmittage. Daraus ist eine Gedankenreise entstanden, die mich weit in der Zeit zurückgeführt hat. Und ein paar Stationen habe ich aufgeschrieben.

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – das ist die Musik die ich mag. Laut muss sie sein und mitreißend. Ich bekomme Gänsehaut, wenn im Song »Let It Die« von den Foo Fighters in Minute 3:36 die Sologitarre einsetzt. Oder bei »State of Love and Trust» von Pearl Jam, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Überhaupt Pearl Jam: Dieser Band verdanke ich mit »Alive« den Soundtrack eines ganzen Jahres. 

Meine erste große Reise führte mich 1988 per Interrail bis nach Marrakesch. Hier, im Innenhof eines Hostels, schwärmte ein anderer Reisender von einer Sängerin namens Tracy Chapman, die gerade ihr erstes Album veröffentlicht hatte. Er gab mir seinen Walkman, um einmal hineinzuhören. Ich schaltete ein, und hatte mitten in der marokkanischen Nacht »Talkin‘ Bout a Revolution« im Ohr. Ein Song, der mich damals vollkommen umgehauen hat – und die Themen, über die sie singt, sind heute noch so aktuell wie vor 32 Jahren. 

Durch die nächtliche Stille eines südfranzösischen Campingplatzes schallte im Sommer 1987 ein Song voller Kraft und Melancholie. Nur dieses eine Lied, dann war alles wieder vollkommen ruhig. Ich lag auf meiner Isomatte vor dem Zelt und war hingerissen. Es dauerte Monate, bis ich herausgefunden hatte, dass dies »Theme From Subway Sue« von Pavlov’s Dog gewesen war. 

Anfang der Neunziger lief »Losing My Religion« von REM die Playlists rauf und runter. Heute hat man diesen Song schon tausend Mal gehört, aber damals war er neu und elektrisierend. Ich verbinde ihn für immer mit einem Abend in einem Freiburger Club (hat man damals schon »Club« gesagt?) und mit dem Gefühl von Scherben unter den Schuhsohlen auf der Tanzfläche. Es war ein rauschhafter Moment, möglicherweise habe ich die Gläser heruntergefegt; ich weiß es nicht mehr. Vielleicht kann sich meine gute Freundin Julia daran erinnern, die hier gelegentlich mitliest. 

Es war auf einer anderen Tanzfläche in einem vollkommen verqualmten Raum, wo ich zum ersten Mal das grandiose Gitarrensolo von Carolyne Mas im Song »Sittin‘ in the Dark« erlebt habe. Ich war nicht nüchtern und es ist ziemlich lange her, aber fast meine ich noch das von der Decke tropfende Kondenswasser zu spüren und die neben mir ekstatisch tanzenden Menschen am Rand des Gesichtsfelds wahrzunehmen. 

Ein paar Jahre später war die Musik von Nirvana wie ein Erweckungserlebnis, der Rausch einer Tanzfläche mit sich zu »Smells Like Teen Spirit« umherschubsenden Menschen ist unvergesslich – was für eine Energie! Und selten haben die Zigarette und das Bier danach so gut geschmeckt. Es war die Zeit, in der es normal war, morgens mit pfeifenden Ohren und Kopfweh aufzuwachen, während die Kleidung des Vorabends roch wie Problemmüll. Es war mein lautes Leben und ich habe es geliebt. 

»Tonight, Tonight« von den Smashing Pumpkins bringe ich in Gedanken stets mit einer Freundin zusammen, mit der ich an einem 31. Dezember zu einer Silvester-Party getrampt bin. Es ging von Hamburg nach Köln, wir waren zu dritt unterwegs, erhielten Bierdosen in die Hände gedrückt, saßen auf Bierkästen in einem Lieferwagen, bekamen von einem Fahrer einen Joint angeboten, waren in einen Auffahrunfall verwickelt und wurden zum Schluss auf der Standspur der Autobahn rausgelassen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später in Köln leben würde. Jene Freundin begann schon damals, Mitte der Neunziger, mit ersten größeren Tattoos zu experimentieren. Wir haben uns aus den Augen verloren und ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist. Außer, dass sie wahrscheinlich heute durchtätowiert sein dürfte und vermutlich irgendwo als Architektin arbeitet. 

»Am Fenster« von City ist einer der wenigen Songs, bei dem ich einen deutschen Text erträglich finde. In einem Lagerschuppen außerhalb Freiburgs lief er jeden Mittwoch als letztes Lied des Abends – und es war nicht immer ganz einfach, den vielen Öko-Barfußtänzern nicht auf die Zehen zu treten. 

Ich erinnere mich an eine Fahrt durch das nächtliche Berlin. Im alten Golf eines Freundes, der schon viele Jahre dort lebte, bretterten wir durch die Straßen und hatten das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort unterwegs zu sein. Entlang der Kreuzberger Hochbahn schrie sich Skin, die Sängerin von Skunk Anansie in voller Lautstärke ihre Wut aus dem Leib. »Stoosh« ist eines der großen Alben der Neunziger und »Brazen« dessen Hymne. 

»One« von U2 bringt mich sofort zurück in die irische Connemara, die ich zusammen mit einem Freund zu Fuß durchquerte. Oder zumindest liefen wir ein paar Tage einfach darauflos. Ohne Zelt, mit viel zu schweren Rucksäcken und einer Gitarre, auf der jener Freund versuchte, diesen – damals ganz neuen – U2-Song  zu spielen. Unterwegs stoppten wir an einem CD-Laden in einer kleinen Stadt im Nirgendwo und baten darum, den Text abschreiben zu dürfen. Und liefen weiter. Es war März, ständig zogen Regenwolken am Horizont auf, doch irgendwie haben wir immer einen trockenen Platz zum Schlafen gefunden. 

Das Album »August And Everything After« von den Counting Crows ist Melancholie pur. Ich weiß nicht, wie oft ich »Omaha« oder »Raining in Baltimore« im Herbst des Erscheinungsjahres gehört habe, während ich in meinem kleinen WG-Zimmer am Dachgaubenfenster saß und auf den Regen oder den Nebel oder den Dunst geschaut habe. In Dauerschleife. Wahrscheinlich haben mich die anderen Bewohner des Hauses gehasst. 

Und manchmal reicht auch einfach nur eine einzige Gitarre und eine eindrucksvolle Stimme, so wie beim Song »To Leave Something Behind« von Sean Rowe – ein Lied, das ich hörte, als ich dabei war, mein Elternhaus auszuräumen. Es lief in meiner Playlist, und als mir die Bedeutung der Worte klar wurde, kamen die Tränen. To leave something behind. 

Zurücklassen müssen wir viel, wenn die Jahre vergehen und wir älter werden. Ein Leben zu führen wie in jener grandiosen, rauschhaften Zeit, ständig unterwegs, rauchend, trinkend, niemals schlafend – das würde ich heute keine Woche mehr durchhalten. Manchmal kommen mir viele dieser Erinnerungen fast so vor, als hätte ich sie geträumt – und in Zeiten von Corona-Kontaktbeschränkungen wirken sie noch ein Stück unwirklicher. Aber da ist die Musik. Sie ist immer noch da, sie bringt die Bilder in den Kopf zurück und dann weiß ich: Es ist alles wahr. 

Was wäre jetzt der passende Abschluss für diesen langen Blogbeitrag? Vielleicht ein Zitat aus einem der schönsten Songs des großen Bruce Springsteen: »No retreat, baby, no surrender!«

Zum Nachhören gibt es das Erinnerungs-Mixtape auf Spotify

Buchinformation
Joseph O’Connor, Die wilde Ballade vom lauten Leben 
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-002296-7

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Der Weg in die Dunkelheit

Volker Kutscher: Olympia

Im Jahr 2007 startete Volker Kutscher seine Buchreihe um den Kommissar Gereon Rath, den es 1929 von Köln nach Berlin verschlägt und der dort den Weg in die Dunkelheit des »Dritten Reiches« miterleben wird. Ich weiß noch, wie ich den ersten Band – »Der nasse Fisch« – zum ersten Mal sah und durch das Buchcover sofort meine Neugier geweckt wurde: Eine Straßenszene aus den Zwanzigerjahren, eine Limousine, die am Bürgersteig parkt und von Kindern bewundert wird, daneben eine Litfaßsäule, die wie eine Reminiszenz an »Emil und die Detektive« wirkt. Seitdem begleite ich Gereon Rath und Charlotte Ritter auf ihrem Weg durch die immer finsterer werdende Geschichte und auch dreizehn Jahre später ist meine Begeisterung für diese Reihe ungebrochen; der im November 2020 erschienene achte Band »Olympia« spielt im Jahr 1936. Und Gereon Rath ist inzwischen ein desillusionierter Polizist, der sich Gedanken macht über den Sinn von Mordermittlungen in einem Land, das von Mördern regiert wird. „Der Weg in die Dunkelheit“ weiterlesen

Über das Unterwegssein

Ueber das Unterwegssein

Die Qualität dieses Beitragsphotos mag nicht besonders gut sein, doch es gibt nur wenige Bilder, die mir so viel bedeuten wie dieses hier. Entstanden ist es im Mai 1993, irgendwo mitten in Australien zwischen Alice Springs und der Ostküste. Ein Vierteljahr lang war ich auf dem fünften Kontinent unterwegs, ließ mich treiben, hatte kein Ziel, keine Verpflichtungen und keine Pläne. Es war für mich die Zeit der großen Freiheit, und die einzigen beiden Fragen, mit denen man sich täglich auseinandersetzen musste, lauteten: Wo schlafe ich heute Nacht? Und wie komme ich dorthin?

Das alles ist inzwischen 27 Jahre her und doch vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese drei grandiosen Monate denke. Vielleicht ist es nicht nur jene Freiheit, die in Erinnerung geblieben ist, sondern auch das belebende Gefühl des Wegseins. Weit weg von allem. Es war ein Unterwegssein ohne Tripadvisor, ohne Booking.com, ohne Travel-Blogs und ohne Instagram-Selbstinszenierungen; meine einzige Informationsquelle war ein zerlesener Lonely Planet »Australia«, den ich in einem Hostel aus dem Regal der zu verschenkenden Bücher gefischt hatte. „Über das Unterwegssein“ weiterlesen

Ein Diktator im Fadenkreuz

Geoffrey Household: Einzelgaenger, maennlich

Als der Diktator im Fadenkreuz auftauchte und der Zeigefinger des Schützen am Abzug lag, kam ein leichter Wind auf. Dieser Luftzug zwang ihn, das Präzisionsgewehr nachzujustieren und in diesen wenigen Sekunden wurde er von den Sicherheitskräften überwältigt. Damit beginnt der Roman »Einzelgänger, männlich« von Geoffrey Household. Jener Schütze ist der Ich-Erzähler, der berichtet, wie er anschließend in das große Anwesen gebracht und gefoltert wurde. Ohne Fingernägel und mit einem zugeschwollenen, stark verletzten Auge wird er eine Felswand hinabgeworfen, um seinen Tod wie einen Unfall aussehen zu lassen. Denn anhand seiner Papiere identifizierten seine Peiniger ihn als einen prominenten Angehörigen der englischen Oberschicht, den sie nicht einfach so verschwinden lassen konnten. Wie durch ein Wunder überlebt er den Sturz und es beginnt eine dramatische Jagd. 

Es ist immer wieder spannend, beim Stöbern im heimischen Bücherregal verborgene Leseschätze zu entdecken; viele Bücher lagern dort schon seit Jahren. »Einzelgänger, männlich« hatte ich mir irgendwann quasi im Vorbeigehen gekauft, weil mir Titel und Cover gefielen – und weil der Verlag Kein & Aber es schafft, bibliophile Taschenbücher herzustellen. Ich mag diese Gestaltung mit dem schlichten Cover und dem bei Paperbacks außergewöhnlichen Farbschnitt sehr. Und auch wenn ich normalerweise versuche, den Kauf von Taschenbüchern zu vermeiden, mache ich bei dieser Reihe gerne eine Ausnahme. Auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. „Ein Diktator im Fadenkreuz“ weiterlesen

Vom Denkmalsockel geholt

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Das beginnende 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der großen Umbrüche. Politisch veränderten die Feldzüge Napoleons die Landkarte Europas gravierend, gesellschaftlich sorgten die Ideen der französischen Revolution und das erstarkende Bürgertum für frischen Wind, wirtschaftlich stand die industrielle Revolution in den Startlöchern. Und kulturell wurde die Epoche der Klassik abgelöst durch die Zeit der Romantik. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. In ihrem Roman »Anatomie der Wolken« schildert Lea Singer, wie sich die beiden begegneten, beschreibt ihre Lebensumstände, lässt eine längst vergangene Zeit äußerst lebendig wiederauferstehen und holt den Dichter und den Maler mit fein dosierter Ironie von ihren Denkmalsockeln. „Vom Denkmalsockel geholt“ weiterlesen

Zuhause: Ort oder Gefühl?

Daniel Schreiber: Zuhause

Noch nie hat mich die Lektüre eines Buches emotional so aufgewühlt, wie es der schmale Band »Zuhause« von Daniel Schreiber geschafft hat. Schon das Nachdenken über den Begriff »Zuhause« kann die Gefühle auf eine Reise weit zurück in die eigene Vergangenheit schicken, doch in meinem Fall kam noch eine besondere Situation dazu. Und wenn es für jedes Buch den passenden Moment geben sollte, dann traf das auf eine schmerzhafte Weise zu wie niemals zuvor.

Gelesen habe ich es im Zug; ich war auf der Rückfahrt nach Köln, nachdem ich für ein paar Tage die Stadt am Bodensee besucht hatte, in der ich aufgewachsen bin. Es war kein normaler Besuch, denn es ging darum, mit dem Ausräumen des Elternhauses zu beginnen, Photos und Dokumente zu sichten, alte Briefe in verstaubten Kartons zu finden, drei Generationen tief in die Familiengeschichte einzutauchen – und herauszufinden, wie wenig man eigentlich von seinen Großeltern und Eltern gewusst hat. Von denen niemand mehr da ist. „Zuhause: Ort oder Gefühl?“ weiterlesen

Leichtigkeit im Belagerungszustand

Hilmar Klute: Oberkampf

Nicht das Ende zu verraten fällt mir bei diesem Roman außerordentlich schwer, denn die letzte Seite in »Oberkampf« von Hilmar Klute ist wie ein Schlag in die Magengrube. Eine Seite, die dem gesamten Buch eine überraschende, im Rückblick aber konsequente Wendung beschert; ein Finale, das einen schaudernd und hoffend zurücklässt. Und sich ins Gedächtnis einbrennt. 

Das Photo auf dem Umschlag des Buches zeigt die Metro-Station Oberkampf im 11. Arrondissement von Paris. Keiner der ultraschicken Stadteile, aber eine sehr lebendige Gegend mit vielen Cafés, Restaurants und Bars. Das Bild hat mich gedanklich sofort in die wunderbare Stadt an der Seine katapultiert, fast meinte ich, den typischen Geruch der Pariser Metro in der Nase zu haben. Jonas jedenfalls hat ihn in der Nase, als er spätabends sein neues Viertel betritt. Sein Gepäck und ein paar Kisten Bücher, die wenige Tage später mit der Post eintreffen werden, sind alles, was von seinem alten Leben in Berlin übriggeblieben ist. „Leichtigkeit im Belagerungszustand“ weiterlesen

Schwarzer Gott und roter Schienenbus

Bov Bjerg: Serpentinen

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, um den Roman »Serpentinen« von Bov Bjerg einen Bogen zu machen. Die Themenkombination Familiengeschichte, Depression und Suizid schien mir zu heftig – ich war mir nicht sicher, ob ich mich tatsächlich damit auseinandersetzen wollte. Aber wie der Zufall so spielt, liegt das Buch nun doch ausgelesen neben mir. Denn »Serpentinen« steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und als einer von zwanzig Buchpreisbloggern, die jeweils einen der Longlist-Titel auf ihrem Kanal vorstellen, erhielt ich diesen Roman zugeteilt. Mit etwas banger Erwartung habe ich mich an die Lektüre gewagt – und sie war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Um es vorweg zu nehmen: Enttäuschend anders. „Schwarzer Gott und roter Schienenbus“ weiterlesen

Architekt des Umbruchs

Hilary Mantel: Woelfe | Falken | Spiegel und Licht

In den drei Bänden »Wölfe«, »Falken« und »Spiegel und Licht« erzählt die Autorin Hilary Mantel die Lebensgeschichte Thomas Cromwells, jenes Mannes, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Verlauf der englischen Geschichte entscheidend prägte. Zwar handelt es sich um Romane, doch sie beinhalten nur wenig Erfundenes. Das ist auch gar nicht notwendig, denn Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk. „Architekt des Umbruchs“ weiterlesen

Schreiben, um zu leben

Lily King: Writers & Lovers

Der Roman »Writers & Lovers« von Lily King beginnt mit einem starken ersten Satz: »Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken.« Schon hat man als Leser eine Person vor Augen, die vollkommen mit dem Rücken zur Wand steht. Diese Person, diese Ich-Erzählerin ist Casey, die einen ganzen Sack voll heftiger Probleme mit sich trägt; ihr einziger Trost, ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Verlangen ist das Schreiben. »Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.« Casey ist Autorin, 31 Jahre alt, pleite, Halbwaise mit einem gebrochenen Herzen und gelegentlichen Angstattacken, und sie schreibt seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman. „Schreiben, um zu leben“ weiterlesen

Buchpreisbloggen 2020

Es ist wieder Buchpreiszeit. Und auch wenn die Verleihung des Deutschen Buchpreises am 12. Oktober 2020 unter erschwerten Bedingungen stattfinden wird, lenkt das Procedere auch dieses Jahr wieder den Fokus auf die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Die Longlist besteht wie immer aus zwanzig Titeln, sechs davon stehen  am 15. September 2020 auf der Shortlist – und einer von ihnen wird von der Jury zum Roman des Jahres gekürt werden. „Buchpreisbloggen 2020“ weiterlesen

Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick

Kaffeehaussitzers Netzrueckblick

Irgendwann im Sommer 2016 hatte ich einen beruflichen Termin mit Christian von Zittwitz, dem Gründer und Herausgeber der Zeitschrift BuchMarkt. Dabei unterhielten wir uns über das Bloggen und über die Welt der Literaturblogs, die zu dieser Zeit gerade dabei waren, sich einen Platz im Literaturbetrieb zu erarbeiten. Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte, regelmäßig für die Online-Präsenz seiner Zeitschrift eine Auswahl lesenswerter Texte zusammenzustellen. Damit war sie geboren, die Kolumne »Kaffeehaussitzers Netzrückblick« und am 31. August 2016 ging sie zum ersten Mal online. „Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick“ weiterlesen

Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. „Ein Gangster-Triple“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

Germinals Erben

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Es ist die Schlüsselszene im Roman »Am Tag davor« von Sorj Chalandon: Zwei Brüder – der sechzehnjährige Michel und der dreißigjährige Joseph – brettern am 26. Dezember 1974 auf Josephs Moped durch die nächtlichen Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösischen Kohlegebiet. Dieser Moment scheinbar ungetrübter Ausgelassenheit wird im Verlauf der Handlung immer wieder auftauchen, wird seine Bedeutung verändern und zum Schluss die Erzählung auf eine vollkommen neue Ebene hieven. Denn die nächtliche Mopedfahrt prägt das gesamte Leben des Ich-Erzählers Michel. Es ist der Tag davor. 

Sein von ihm vergötterter älterer Bruder Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. „Germinals Erben“ weiterlesen