Bonjour Berlin-Tristesse

Sven Regener: Frankie und Freddie

Das war wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einmal: Als vor ein paar Monaten die Nachricht kam, dass es einen neuen Herr-Lehmann-Roman von Sven Regener geben würde, war die Freude bei mir groß. Riesengroß. Und jetzt liegt »Frankie und Freddie« gelesen neben mir und das Lehmann-Universum ist um ein Kapitel reicher. Als ich 2001 den allerersten Band »Herr Lehmann« in die Hände bekam, fühlte es sich an, als würde ich mit dem Protagonisten Frank Lehmann und seinen planlos durch ihre Leben stolpernden Kumpels alte Freunde treffen. Und wer hier schon etwas länger mitliest, weiß, wie viel mir dieses Buch und die folgenden Bände bedeuten, es sind Romane, die mich seit Jahren begleiten. »Herr Lehmann« lese ich seit 2001 jedes Jahrs aufs Neue – es ist schon fast ein Ritual und ich freue mich jetzt schon auf das diesjährige Wiedersehen. Jetzt geht es aber erst einmal um »Frankie und Freddie«.

Frankie – das ist Frank Lehmann. Und Freddie ist sein Bruder Freddie Lehmann, eigentlich Manfred, aber so nennt ihn niemand. Wir sind im Jahr 1980, es ist kurz vor Weihnachten. Nachdem Frank es geschafft hat, in Bremen vorzeitig aus der Bundeswehr entlassen zu werden (nachzulesen in »Neue Vahr Süd«), war er einige Wochen zuvor nach Berlin gekommen, wo sein älterer Bruder Freddie seit einiger Zeit lebt und versucht, sich einen Namen als Künstler zu machen. Als Objektkünstler, der sich auf Skulpturen aus Schrott spezialisiert hat. Als Frank in Berlin und in Freddies WG – in einer alten Fabriketage irgendwo in Kreuzberg – eintrifft, weiß niemand, wo Freddie steckt. Frank zieht in seines Bruders Zimmer, fängt an dessen Second-Hand-Anzüge zu tragen und beginnt nachzuforschen, wo er untergetaucht sein könnte. Ganz nebenbei ergibt sich ein Job im »Einfall«, einer abgerockten Kreuzberger Kneipe (alles nachzulesen in »Der kleine Bruder«).

So viel Einführungstext musste sein, denn »Frankie und Freddie« beginnt unmittelbar nach dem Ende von »Der kleine Bruder«. Und da an dieser Stelle eine Frage im Raum stehen dürfte, beantworte ich sie gleich hier: Ja, im Prinzip könnte man »Frankie und Freddie« lesen, ohne die anderen Bände zu kennen. Aber zum einen macht es viel mehr Spaß, wenn man das Buch als Teil eines größeren Ganzen genießen kann. Und zum anderen möchte man danach ohnehin wissen, was zuvor geschehen ist und was danach geschehen wird und liest dann sowieso alles.  

Nun ist Freddie jedenfalls wieder aufgetaucht, ist aber bereits auf dem Sprung in ein neues Leben: Mit einem Job als Proband für Antidepressiva hat er genug Geld zusammenbekommen, um sich ein Flugticket nach New York leisten zu können, wo ein Künstlerstipendium auf ihn wartet. Allerdings gibt es ein kleines Problem. Zumindest wirkt es erst einmal wie ein Problem, dass man schnell lösen könnte. Freddie hat in dem Probandenhotel, im dem er wochenlang untergebracht war, eine Tasche mit wichtigen Unterlagen vergessen, ohne die er nicht nach New York aufbrechen kann. Das Hotel liegt irgendwo am weniger schicken Teil des Ku’damms, Frank wird Freddie kurz mit seinem Auto (das früher einmal Freddies Auto war) hinfahren und schon ist das Problem gelöst. Aber natürlich kommt alles ganz anders als gedacht und die beiden Brüder werden stundenlang unterwegs sein, auf einer Irrfahrt kreuz und quer durch West-Berlin, durch eine kalte, schmutzige und chaotische Stadt im vorweihnachtlichen Ausnahmezustand. 

Eigentlich ist das bereits die ganze Handlung, aber Sven Regener erschafft daraus eine grandiose Geschichte. Da sind wieder seine wunderbaren Dialoge, pointiert und derb, schnoddrig und feinsinnig, witzig und melancholisch zugleich. Da ist seine Liebe zu den Figuren und die feine Beobachtung ihrer Marotten. Da sind schräge Überraschungen, die der Handlung neue Wendungen geben. Alltagssituationen, die vor lauter Ungeschick der Protagonisten völlig außer Kontrolle geraten. Autoverkehr, der im Schneetreiben zusammenbricht, trostlose U-Bahn-Fahrten mit schlecht gelaunten Berlinern. Und vor allem ist da die Stadt. Eine Großstadt mit all ihrer Trostlosigkeit, die Tristesse West-Berlins in den Achtzigerjahren. Schmutzige Schneehaufen, Hundekacke, der Gestank der Kohleheizungen, ein eisiger Wind, der durch und durch geht, heruntergekommene Hausfassaden, menschenabweisende Bausünden der Siebzigerjahre, die Geisterstationen der U-Bahn, wenn sie unter DDR-Gebiet entlangfährt. Und Menschen, die nirgendwo hinkönnen. 

»Als sie im Untergrund vom Kottbusser Tor ankamen, war dort noch mehr los als zuvor, Obdachlose, Junkies, Dealer, es war wie eine Vollversammlung, und dazwischen die U-Bahn-Passagiere, es war bedrückend, es roch streng und es sah irgendwie übel aus, wie die Leute da umeinanderstanden und sich, wenn sie denn überhaupt auf den Beinen waren, umkreisten wie die Kaiserpinguine am Nordpol, darüber hatte Frank neulich eine Dokumentation im Fernsehen gesehen, ich sitze zu viel vor der Glotze, dachte er, und dann kommen einem dauernd diese kaputten Vergleiche hoch.«

Gleichzeitig hat diese Tristesse ein Reiz, der anziehend wirkt. Zumindest auf Frank, den Neu-Berliner. Denn wenn alles egal ist, dann ist auch alles möglich, irgendwie, und Berlin kann zu einem Ort werden, an dem Freundschaften entstehen und an dem er bleibt, erst einmal jedenfalls. Freddie dagegen hat bereits mit der Stadt abgeschlossen:

»Das ist eine Falle. Die ganze Stadt ist eine Falle. Das ist eine sterbende Stadt. Die bauen da nur Scheiße und die sind auch alle scheiße, egal, wen du dir anschaust. Ich meine, die eine Hälfte ist da geboren, und die sind voll durch den Wind, die ganzen Alles-frisch-Berliner und Icke-dette-kiekemal-Typen, durch den ganzen Mauerbauscheiß und was weiß ich was sind die total kaputt. … Und die Punks und Hippies die sind mindestens genauso scheiße, die bilden sich Werweißwas ein, aber eigentlich sind sie bloß herzlose Arschlöcher, weil sie einen auf Mauerstadt und Abenteuerspielplatz machen, sich den ganzen Scheiß schöntrinken und Bohème spielen. … Die eine Hälfte ist voll traurig und verbittert und voll angepisst, und die andere Hälfte macht einen auf alles super und Spaß und Mauerstadt.«

Doch Frank lässt sich nicht beirren, er wird bleiben. Und ankommen. Er wird einen Platz für sein Leben finden, wird sich einrichten inmitten der Verlorenen und der Aufbrechenden. Die Berlin-Tristesse, die Sven Regener in »Frankie und Freddie« so wunderbar schildert, ist eine melancholische Liebeserklärung an eine Stadt, die längst verschwunden ist und die es so nur einmal auf dieser Welt gegeben hat. Eine Stadt, über die David Bowie – der hier mehrere Jahre lebte – einst sagte: »Berlin, das ist ein Ort voller trauriger Menschen in traurigen Bars, die sich nur noch betrinken wollen.

Neun Jahre später ist Frank immer noch da, wird Teil des Kreuzberger Mikrokosmos geworden sein. Wir treffen ihn in »Herr Lehmann« dann wieder, hinter der Theke des »Einfall«, kurz bevor sich mit dem Fall der Berliner Mauer alles verändern wird. Auch sein Leben. 

Aber das ist eine andere Geschichte. 

Buchinformation
Sven Regener, Frankie und Freddie
Galiani Verlag
ISBN 978-3-86971-319-9

Eine Übersicht über alle Herr-Lehmann-Romane gibt es hier.

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Sprachlos bergauf

Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los

Es ist nicht immer ganz einfach: Bespricht man einen Roman, möchte man neugierig auf das Buch machen, möchte Interesse für die Figuren und die Handlung wecken und gleichzeitig natürlich nicht zu viel vom Inhalt verraten. Nichts über unvorhergesehene Wendungen schreiben oder über überraschende Entwicklungen – sonst wäre der Reiz für diejenigen, die das Buch noch vor sich haben, schnell dahin. In den frühen Jahren dieses Blogs bin ich bei der ein oder anderen Rezension vor lauter Begeisterung etwas über das Ziel hinausgeschossen. Daher habe ich mir irgendwann angewöhnt, möglichst nicht viel mehr vom Inhalt preiszugeben, als im Klappentext steht. Beim Roman »Wir gehen mal los« von Raffaella Romagnolo war ich von jenem Klappentext allerdings etwas irritiert, denn die paar Sätze auf dem Buchumschlag verraten bereits die gesamte Konstellation der Geschichte.

Aber als ich das Buch dann gelesen habe, wurde mir klar, dass dies in diesem Fall gar nicht wichtig ist – denn auch wenn man weiß, was geschehen wird, entwickeln die Handlung und die wunderbare Sprache einen ganz eigenen Sog. Vielleicht auch, weil man es weiß. „Sprachlos bergauf“ weiterlesen

Ich packe meinen Koffer

Reisebibliothek

Reisebibliothek. Was für ein wunderbares Wort, es verbindet die beiden schönsten Beschäftigungen miteinander – das Lesen und das Reisen. Auf Wikipedia ist eine Definition zu finden, die wie folgt lautet: »Eine Reisebibliothek ist eine eigens zusammengestellte Anzahl oder Reihe von Büchern, die man mit auf eine Reise bzw. in den Urlaub nimmt, um währenddessen diese Zusammenstellung bequem verfügbar zu haben.« Und in der Tat ist die Auswahl der Bücher, die mit in den Urlaub gehen, für mich die wichtigste Reisevorbereitung überhaupt. Nutzt man den Zug oder das Flugzeug als Verkehrsmittel, ist die Menge naturgemäß begrenzt und man muss im Vorfeld gut überlegen, was passen könnte. Ab und zu – wie dieses Jahr – geht es aber auch mit dem Auto in den Urlaub und da gibt es ganz andere Möglichkeiten. „Ich packe meinen Koffer“ weiterlesen

Ein Dorf am Ende der Welt

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Stellt euch vor, ihr reist durch Italien. Ihr kommt dabei durch Städte, kleine Orte und völlig abgelegene Dörfer. Stellt euch ein solch einsames Dorf vor, es liegt vielleicht auf einem Bergrücken. Ihr erreicht es am frühen Nachmittag, es gibt einen Supermercado, der gerade Mittagspause hat, einen leeren Platz mit ein, zwei Cafés und einer Bar. Vielleicht sitzen dort ein paar alte Männer im Schatten der Bäume und schweigen gemeinsam. Stellt euch die Häuser des Dorfes vor, wie sie sich verschachtelt entlang der Durchgangsstraße hinziehen, die ins Nirgendwo zu führen scheint. Die paar engen Gassen, die rechts und links abgehen. Wäsche, die vor den Fenstern zum Trocknen hängt, geschlossene Fensterläden. Natürlich gibt es eine Kirche, alt und verwittert – so wie der ganze Ort. Es ist still. Keine Menschen sind unterwegs. Seht ihr ein solches Dorf vor euch? Hört ihr die Stille? Unwillkürlich würde ich mir in diesem Moment die Frage stellen, wie es wohl sein muss, in einem Ort wie diesem sein Leben zu verbringen. Und was sich wohl hinter all den schweigenden Fassaden abspielen mag. Welche Menschen in den Häusern wohnen, die still der Mittagshitze trotzen. Was sie bewegt. Wie es sich anfühlt, alle anderen Bewohner jahrzehntelang zu kennen. Und ich wäre neugierig darauf, welche Geschichten sie wohl erzählen könnten. In dem Roman »Hinter verschlossenen Türen« von Sacha Naspini lernen wir ein solches Dorf kennen. Und wir erfahren Kapitel für Kapitel mehr über das Leben in einer Dorfgemeinschaft, die eher wie eine Schicksalsgemeinschaft wirkt. Und vielleicht möchte man dann doch nicht so genau wissen, was sich alles hinter den Fassaden abspielt, die in der Mittagszeit vor sich hinbrüten. Denn es sind Dramen und ein Blick tief hinein in menschliche Abgründe. Aber dann ist es zu spät, denn man hat dieses grandiose Buch bereits durchgelesen. Und muss erst einmal tief durchatmen. „Ein Dorf am Ende der Welt“ weiterlesen

In der Wüste ist das Licht zu Hause

James Anderson: Desert Moon

»Ich lese keine Krimis.« Diesen Satz höre ich regelmäßig und er trifft bei mir auf völliges Unverständnis. Denn ich finde es schade, wenn man als Leser solche Genre-Schranken im Kopf hat. Natürlich verstehe ich gut, dass einem nicht der Sinn steht nach Gemetzel, brutalen Schilderungen von Morden oder detailliert beschriebenen Folterszenen – mit Büchern dieser Art kann ich auch nichts anfangen. Aber Kriminalliteratur ist so viel mehr: Es gibt darunter sprachlich grandios erzählte Meisterwerke, brillant recherchierte Reisen in die Vergangenheit oder Gesellschaftsstudien, bei denen das Spannungselement lediglich das Vehikel ist, mit dem wir eine uns unbekannte Welt erkunden können. Ein schönes Beispiel dafür ist der Roman »Desert Moon« von James Anderson, erschienen im Polar-Verlag. »Kriminalroman« steht auf dem Buchcover. Das ist er. Und gleichzeitig so viel mehr. „In der Wüste ist das Licht zu Hause“ weiterlesen

Das rote Glas der Pfaueninsel

Florian Illies: Traeume aus Feuer

Wenn man sich für Bücher und Literatur begeistert, in einem Blog darüber schreibt und gleichzeitig in der Verlagsbranche arbeitet, dann kann es vorkommen, dass sich manchmal Privates und Berufliches miteinander vermischen. Und dann besucht man an einem frühsommerlichen Tag im Mai einen ganz besonderen, zauberhaften Ort, ist umgeben von buchaffinen Menschen und taucht mit allen Sinnen tief ein in die Vergangenheit. Der Ort, das ist die Pfaueninsel bei Berlin. Und auf die Reise weit zurück in die Geschichte schickte uns das Buch »Träume aus Feuer« von Florian Illies. Aber der Reihe nach. 

Die Pfaueninsel liegt in der Havel, die zwischen Berlin und Potsdam eher wie ein großer See wirkt. Etwa eineinhalb Kilometer ist sie lang und wie aus der Zeit gefallen, eine grüne Idylle, verwunschen, friedlich und trotz der Nähe zu Berlin vollkommen abgelegen – bis heute ist die Insel nur per Schiff zu erreichen. Per Fußgängerfähre, um genau zu sein; sechs Euro hin und zurück, um 18 Uhr fährt sie zum letzten Mal ans Festland. Danach gehört die Insel den Pfauen, die sie bevölkern und die Handvoll Menschen, die als Verwalter und Gärtner permanent auf dem Eiland leben, würdevoll bei sich dulden. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an war die Pfaueninsel ein Rückzugsort für Mitglieder des preußischen Königshauses; das kleine Schloss, ein paar verstreut gelegene Gebäude im Stil des Klassizismus, der Rosengarten des berühmten Gartengestalters Peter Joseph Lenné und zahlreiche durch den Wald geschlagene Sichtachsen zeugen noch heute davon. Eine Insel als preußisches Arkadien, ein Refugium fernab von den Mühen der Welt – diese Anmutung hat sich bis in unsere Gegenwart erhalten. „Das rote Glas der Pfaueninsel“ weiterlesen

In der Zeitschleife

»Suedkurier« vom 18. September 1968

Es sind eigentlich nur ein paar Blätter Papier und doch so viel mehr als das. Ein Blick zurück durch die Jahrzehnte. Eine Pforte für eine gedankliche Zeitreise, verbunden mit dem Gefühl, gleichzeitig in einer immer gleichen Zeitschleife festzustecken. Oder ganz profan: Eine alte Zeitung, eine Ausgabe des »Südkurier« vom 18. September 1968. Aber der Reihe nach.

Kürzlich war ich damit beschäftigt, zusammen mit meinem Bruder unser Elternhaus final aufzulösen. Die letzten beweglichen Dinge wurden zusammengetragen, dabei öffnete ich eine Holztruhe. Sie war leer, nur der Boden mit Zeitungspapier ausgelegt. Mit jener Ausgabe des »Südkurier«, der wichtigsten Regionalzeitung im Konstanzer Raum, die unsere Mutter ihr ganzes Erwachsenenleben lang abonniert hatte.

Ich nahm die Blätter heraus, wollte sie schon auf den Haufen mit dem Altpapier werfen, als mein Blick auf die Schlagzeile fiel. Dann auf die Überschrift und den Kommentar daneben, dann auf weitere Meldungen. Und das war so faszinierend, dass ich mich in einer achtundfünfzig Jahre alten Tageszeitung festgelesen habe. Hier ein paar Auszüge. „In der Zeitschleife“ weiterlesen

Gelebte Leben

Elizabeth Strout: Die langen Abende

»Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Dieses Zitat von Henry David Thoreau wurde 1989 durch den Film »Der Club der toten Dichter« weltbekannt. Auf mich wirkten die Sätze damals wie ein Faustschlag – es war die Zeit des Aufbruchs in das Erwachsenenleben, in das ich gerade vollkommen planlos hineinstolperte. Und die mahnenden Worte »Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte« waren prägend für mein Leben, ich habe sie nie wieder vergessen. Bewusst oder unbewusst ließen sie mich die Veränderung lieben und den Stillstand fürchten, sorgten für Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, für Aufbrüche ins Ungewisse, für große Umwege – und damit für unzählige Erfahrungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Beim Lesen des Romans »Die langen Abende« von Elizabeth Strout musste ich unwillkürlich an Thoreaus Sätze denken, denn viele der Personen, die das Buch bevölkern, sind Menschen in der Endphase ihres Lebens. Und die Frage, ob das jetzt tatsächlich alles gewesen war, schwingt in ihren Gedanken und in ihrem Handeln mit. „Gelebte Leben“ weiterlesen

Literatur verbindet

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Literatur verbindet Menschen. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, aber selten habe ich dies so unmittelbar gespürt wie bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung. Wie immer – so kann man inzwischen sagen – stellt mein guter Freund Hannes Lehner während der Leipziger Buchmesse sein Wohnzimmer für eine Lesung zur Verfügung, die wir gemeinsam organisieren. Zu Gast war dieses Jahr die Autorin Anne Stern mit ihrem Roman »Die weiße Nacht«. Und wie immer war das Wohnzimmer leergeräumt und mit Bierbänken ausgestattet. Wie immer war der Raum mit etwas mehr als dreißig Personen proppenvoll. Wie immer war die Atmosphäre ganz und war wunderbar. Und wie immer kannten wir einen Teil der Anwesenden überhaupt nicht, es waren Menschen, die über die Ankündigungen im Leipzig-liest-Programm, über Postings in den sozialen Medien oder über den Veranstaltungs-Newsletter des Verlags den Weg ins Wohnzimmer gefunden hatten. Dieses Mal waren etwa zwei Drittel der Lesungsgäste Unbekannte; mehr als in den Jahren zuvor – aber es fühlte sich gar nicht so an. Hannes brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: Gerade in Zeiten großer Ungewissheiten wie diesen sei es ihm eine große Freude, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit einander fremde Menschen für einen Moment zusammenfinden, miteinander ins Gespräch kommen, sich über Bücher austauschen, ein Glas Wein gemeinsam trinken. Denn dieses Miteinander sei das, auf was es ankommt. In diesem Augenblick waren wir alle in diesem Raum eine Gemeinschaft. Und dann redeten Anne Stern und ich über ihr Buch. „Literatur verbindet“ weiterlesen

Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später

Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben – eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Um sie einigermaßen meistern zu können, hatte ich damals den Betrachtungszeitraum auf eine Dekade eingegrenzt. Und wie die Zeit vergeht: diese zehn Jahre sind nun vorbei. Ein schöner Anlass, sich den damaligen Text noch einmal anzuschauen und mit unserer heutigen Realität abzugleichen. Der Originaltext ist jeweils mit »Kaffeesatz2016« markiert und in einer anderen Farbe gesetzt. „Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später“ weiterlesen