Der Kaffeehaussitzer im Schaufenster

Ein Schaufenster mit Büchern aus dem Literaturblog Kaffeehaussitzer in der Buchhandlung Olitzky in Köln-Klettenberg.

Die Buchhandlung Olitzky in Köln-Klettenberg ist eine der Buchhandlungen meines Vertrauens und die für mich am nächsten gelegene. Es ist kein großer Buchladen, man könnte ihn eher als recht klein bezeichnen – aber das Sortiment ist so fein ausgewählt, dass ich bei fast jedem Besuch ein, zwei Bücher entdecke, von denen ich zuvor noch gar nicht gewusst hatte, dass ich sie unbedingt brauchen würde. Das ist etwas, das kein Algorithmus kann – und auch wenn er es könnte, lasse ich mir Bücher lieber von Menschen empfehlen, mit denen ich die Leidenschaft für die Literatur teile. Daher ist es kein Zufall, dass ich ein Photo der markanten Ladenbeschriftung im Beitrag »Wo ich Bücher kaufe. Und wo nicht« verwende; einer der meistgelesenen hier im Blog. Und der mir wichtige Hashtag #SupportYourLocalBookstore steht am Ende jeder Buchbesprechung.

Als sich die mit mir gut befreundete Reisebloggerin Britta Ullrich – ebenfalls eine Stammkundin – mit der Buchhändlerin Nora Ruland unterhielt, kam ein Projekt zustande, dessen Umsetzung im obigen Beitragsphoto zu sehen ist. Die beiden sprachen über Buchempfehlungen in Literaturblogs und teilten mir dann mit, dass es ein Kaffeehaussitzer-Schaufenster geben solle – und natürlich konnte ich zu so einer charmanten Idee unmöglich nein sagen. Also stellte ich eine Auswahl von Büchern zusammen, die hier im Blog besprochen werden, zu jedem Buch gibt es eine Karte mit ein paar Sätzen von mir; gestaltet wurden die Karten von Britta Ullrich. Ergänzt wird das alles durch eine kurze Vorstellung dieses Blogs – wer also durch das Olitzky-Fenster hierher gelangt sein sollte: Herzlich willkommen.

Und welche Titel sind es nun geworden? Für achtundzwanzig Bücher bot das Schaufenster Platz. Gemeinsam ist ihnen, dass jedes eine besondere Lektüre war; manche davon begleiten mich schon seit vielen Jahren, andere habe ich erst in der letzten Zeit gelesen. Hier sind sie aufgelistet, mitsamt den Kartentexten. Zum Stöbern, Nachlesen und Entdecken.

Guillermo Arriaga, Der Wilde 
An der Oberfläche ist der Roman die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Juan Gómez Bárcena, Kanada
In vielen Buchbesprechungen fallen Worte wie »großartig«, »bewegend« oder »grandios«. Da dabei kaum Steigerungsmöglichkeiten vorhanden sind, handhabe ich es bei »Kanada« ganz schlicht: Ihr solltet dieses Buch lesen.

Simone de Beauvoir, Alle Menschen sind sterblich 
Ein Buch über die Unsterblichkeit, über den Sinn des Lebens, der sich dadurch ergibt, dass wir eben sterblich sind und all unsere Handlungen daran gemessen werden.

Ray Bradbury, Fahrenheit 451
Ein zeitloses Plädoyer für die Freiheit des geschriebenen Wortes, für die Bedeutung eines frei zugänglichen Wissens und für die Macht der Literatur.

Cormac McCarthy, Die Straße
Ein Text wie ein permanenter Faustschlag und für mich eines der ganz großen Werke der Weltliteratur. 

Sorj Chalandon, Am Tag davor
Ein perfekt komponierter, wuchtiger Roman über den Wunsch nach Vergeltung, der ein Leben so überschatten kann, dass die eigenen Erinnerungen ausgelöscht werden.

Jeanine Cummins, American Dirt
»American Dirt« beginnt wie ein knallharter Thriller und wird zu einer Geschichte über Flucht und Migration. Ein Roman voller Empathie, Mitgefühl und Solidarität. 

Carys Davies, West
Mit subtilem Humor und feiner Ironie bricht die Autorin die oft übertrieben ernsthafte Männerwelt der Noir-Western auf und hievt damit ihren Roman auf eine neue erzählerische Ebene, leichtfüßig und elegant.

Mathijs Deen, Über alte Wege
Europa ist nicht einfach nur die EU. Dieses Europa mit seinen vielen Sprachen, seinen unterschiedlichen Kulturen und den Menschen auf der Wanderschaft, dieses Europa, das sind wir alle.

Philippe Djian, Betty Blue 
Dieser Autor hat ein ganzes Jahrzehnt meines Lebens mitgeprägt und ich habe keine Ahnung, wie oft ich »Betty Blue« gelesen habe. In einer Lebensphase, die geprägt war vom Aufbruch ins Erwachsenenleben und vom Gefühl, seinen eigenen Weg finden zu müssen, hat Philippe Djian dazu den literarischen Soundtrack geliefert.

Lucy Fricke, Töchter 
Obwohl die beiden Protagonistinnen nahezu alle Klischees zweier ausgebrannter Großstadtbewohnerinnen erfüllen, schildert die Autorin ihre Heldinnen nicht als zerbrechliche, verzweifelte Frauen, sondern als zwei zähe Kämpferinnen, die trotzig weitermachen; und immer wieder schimmert dabei ein schräger Humor mit einer Prise sarkastischer Selbstironie hindurch.

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille
11. September 2001: Garrett M. Graff hat tausende von Gesprächsprotokollen von Augenzeugen, von Betroffenen, von Menschen, die auf irgendeine Weise mit den Ereignissen zu tun hatten, ausgewertet und daraus eine Chronologie jenes dramatischen Tages zusammengestellt, die unter die Haut geht. Mehr als einmal denkt man, das darf doch alles nicht wahr sein und kann doch nicht aufhören zu lesen. Denn es ist alles wahr und Stunde für Stunde erleben wir diesen sonnigen Dienstag mit, den wir niemals vergessen werden. 

Yaa Gyasi, Heimkehren 
Ein Roman, der aufwühlt, immer wieder schockiert und einen Blick freigibt auf die unfassbaren Grausamkeiten, denen dunkelhäutige Menschen ausgesetzt waren. Und den Blick schärft für die Ungerechtigkeiten, denen sie bis heute ausgesetzt sind.

Johan Harstad, Max, Mischa und die Tet-Offensive
Der Einstieg war etwas zäh, aber dann folgte ein so intensives Leseerlebnis, wie ich es bisher nur selten erlebt habe. Ein Buch wie ein guter Freund, der mich über Wochen begleitet hat. Oder anders gesagt: 1.242 Seiten und keine einzige zu viel.

Pierre Jarawan, Ein Lied für die Vermissten
Durch Pierre Jarawans kraftvolle, poetische Sprache entsteht das Bild eines geschundenen Landes; eines Libanons, dessen unaufgearbeitete Geschichte seiner Zukunft im Wege steht.

Daniel Kehlmann, Tyll 
Tyll Ulenspiegel bleibt in Daniel Kehlmanns Roman ein Mythos, eine Legende. In einem anderen Leben huscht er wie ein Schatten durch eine andere Zeit, ungreifbar, unnahbar. Eine Zeit, die er uns mit all ihren Verwerfungen und all ihrem Elend so nahebringt, wie es mit Hilfe einer Erzählung nur möglich ist.

Doris Knecht, weg 
Doris Knecht erzählt die Geschichte einer unsicheren Frau, die es schafft, sich ihren Ängsten zu stellen und damit über sich selbst hinauszuwachsen. Und das ist großartig zu lesen.

John Lanchester, Die Mauer
»Es ist kalt auf der Mauer.« In der ewigen Hitliste der besten Buchanfänge ist John Lanchester mit diesem Satz ganz weit oben eingestiegen. Er führt mitten hinein in die Geschichte und nimmt die gesamte Stimmung des Romans vorweg.

Hilary Mantel, Die Thomas-Cromwell-Trilogie
Thomas Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines prügelnden Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk.

Daniel Mason, Der Wintersoldat 
Während des Ersten Weltkriegs leitet ein Medizinstudent aus Wien als Soldat ein Lazarett in den Karpaten. Eine Aufgabe, die seine fachlichen und emotionalen Kompetenzen weit überschreitet, und als Front, Gesellschaftsordnung und das Europa seiner Jugend zusammenbrechen, muss er sich entscheiden, wohin er gehören möchte. 

Thomas Mullen, Darktown-Trilogie
Die Darktown-Trilogie erzählt von der ersten afroamerikanischen Polizeieinheit der USA, ein Trupp mutiger Männer, die von beiden Seiten mit Misstrauen und Verachtung beäugt wurden und sich in dieser brodelnden Stimmung behaupten mussten. Kriminalliteratur vom Feinsten.

Steven Price, Die Frau in der Themse 
Ein Katz- und Maus-Spiel in den düsteren Straßen des viktorianischen London; einer Stadt im Rausch der Industrialisierung, voller Armut, Verzweiflung und Elend, mit trostlosen Schicksalen, die aus der Feder eines Charles Dickens stammen könnten.

Dorit Rabinyan, Wir sehen uns am Meer
Die Tragik zweier Liebender, die bedingt durch äußere Umstände nicht zueinander finden können, ist ein klassisches Thema in der Literatur. Doch der aktuelle politisch-religiöse und der autobiographische Bezug vervielfachen die Intensität der Lektüre dieses Romans, der mich sehr bewegt hat.

Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste 
Ein Buch wie eine Erkundungsreise. Selten habe ich auf etwas mehr als 250 Seiten und in so abwechslungsreicher Art und Weise so viel Wissen vermittelt bekommen.

Daniel Schreiber, Zuhause
Dieses schmale Werk ist voller Gedanken, die mir das Gefühl vermittelten, als würden sich im Kopf neue Türen öffnen. Durchgehen muss man dann selbst. Und das ist eine spannende, aber nicht immer ganz einfache Reise.

Donna Tartt, Der Distelfink
»Der Distelfink« ist nicht einfach nur ein Roman. Dieses Buch ist ein Leseerlebnis. Eines, das sehr lange im Kopf bleiben wird. Und im Herzen.

Christian Torkler, Der Platz an der Sonne
Der Roman erzählt von Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel.

D. Vance, Hillbilly Elegie
Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in »Hillbilly-Elegie« eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft.

Die Schaufensteraktion fällt mitten hinein in die Ausnahmesituation, die uns Corona beschert hat. Es sind Zeiten, die einen mürbe machen. Ich weiß nicht, wie ich diese Monate, die sich immer länger aneinanderreihen, ohne die Literatur, das Lesen und mein überquellendes Bücherregal überstehen könnte. Bücher geben mir Trost, Hoffnung und Ablenkung, sie lassen zumindest die Gedanken auf Reisen gehen und machen die Welt in Pandemiezeiten erträglicher. Und daher sind für mich Buchhandlungen selbstverständlich systemrelevant und Bücher Teil meiner Grundversorgung.

Waren sie schon immer. Werden sie immer sein.

#SupportYourLocalBookstore

Die Geschichte einer Rache

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Das Cover des Buches »Die Harpyie« von Megan Hunter ist phänomenal, ein echter Hingucker und hätte eigentlich gleich mein Interesse geweckt. Eigentlich. Denn den Vorgängerroman der Autorin fand ich sehr enttäuschend, fast schon banal. »Vom Ende an« war eine Dystopie mit viel zu gewollt apokalyptisch-dramatischer Sprache, ein ermüdendes Buch, das vom Verlag als »ein weibliches Gegenstück zu Cormac McCarthys ›Die Straße‹« angekündigt war – doch von diesem Meisterwerk war es weit entfernt. Aber gut, manchmal passen Bücher und Leser einfach nicht zusammen. Nun also der nächste Versuch, denn nachdem ich mehrere begeisterte Stimmen zu »Die Harpyie« gehört hatte, zog das zweite Buch von Megan Hunter in mein Bücherregal ein. Gleich vorab: Geblieben ist es dort nicht.  „Die Geschichte einer Rache“ weiterlesen

Zwölf Leben, zwölf Kämpfe

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Beinahe hätte ich ein beeindruckendes Leseerlebnis verpasst. Der Roman »Mädchen, Frau etc.« von Bernadine Evaristo wäre ohne eine der Buchhandlungen meines Vertrauens an mir vorbeigegangen, denn nach den ersten Ankündigungstexten hatte ich das Buch gedanklich in die Schublade ›identitätspolitisches Manifest‹ gepackt und hätte es niemals auch nur in die Hand genommen. Der identitätspolitische Aktivismus unserer Zeit steht in meinen Augen für ein Gegeneinander statt einem Miteinander, für Ab- und Ausgrenzung, für eine brachiale Einteilung der Menschen in Gut und Böse und für eine Verneinung menschlicher Individualität. Mit dem eigentlichen Anliegen, Rassismus, Unterdrückung, Diskriminierung und deren Strukturen zu bekämpfen, hat dies längst nichts mehr zu tun; die Fanatiker einer linken Identitätspolitik sind inzwischen so weit nach links abgebogen, dass sie auf der rechten Seite wieder herausgekommen sind. Denn der rechtsidentitäre Populismus mag zwar konträre Ziele verfolgen, in ihrem Menschenrechtsrelativismus und in ihrem Antiuniversalismus ähneln sich die beiden Fronten aber auf fatale Weise, wie es in der ZEIT treffend analysiert wurde.

Aber ich schweife ab, denn es soll ja um das Buch von Bernadine Evaristo gehen, das mit einem fehlgeleiteten Aktivismus nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil. „Zwölf Leben, zwölf Kämpfe“ weiterlesen

Wem gehört die Stadt?

Eva Ladipo: Raeuber

Eine marode Sozialbausiedlung steht im Zentrum des Romans »Räuber« von Eva Ladipo. Aber natürlich geht es um viel mehr; die Überschrift, die ich mir von der Rückseite des Buches geliehen habe, sagt es schon: Die Frage, wie wir in den Städten leben wollen oder vielmehr können – sie ist für viele Menschen existenziell geworden. Und zwar nicht erst, seit Wohnungen zu reinen Spekulations- und Investitionsobjekten verkommen sind; diese Entwicklung hat schon viel früher eingesetzt. Nur haben diejenigen, die bereits seit Jahren von der Gentrifizierung vor sich hergetrieben werden, keine Lobby, keine Stimme und meist keine Kraft, sich zu wehren. Und sie stehen nun mit dem Rücken an der Wand. Solche sozialen Verwerfungen gibt es in vielen Großstädten, aber in Berlin sind sie besonders drastisch. Die fiktive Sozialbausiedlung in diesem Buch symbolisiert stellvertretend die Veränderungen in der Stadt. Ebenso wie die drei Protagonisten der Handlung, die aus unterschiedlichen Perspektiven mit den geschilderten Entwicklungen zu tun haben. „Wem gehört die Stadt?“ weiterlesen

Der Krieg, die Lügen und die Politik

Steffen Kopetzky: Propaganda

»Propaganda (von lateinisch propagare ›weiter ausbreiten, verbreiten‹) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die zielgerichteten Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine erwünschte Richtung zu lenken.« So definiert Wikipedia den Begriff und genau darum geht es im Roman »Propaganda« von Steffen Kopetzky: Um das Beeinflussen von Meinungen in Kriegszeiten. Um das Schönreden, Verschleiern und Vertuschen. Um das Lügen. Und John Glueck, der Held der Geschichte, ist einer dieser Menschen, die genau damit befasst sind. „Der Krieg, die Lügen und die Politik“ weiterlesen

Zur anderen Seite der Welt

Antonin Varenne: Aequator

Im Roman »Äquator« erzählt Antonin Varenne die Geschichte eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst: Pete Ferguson ist ein Getriebener, ein steckbrieflich Gesuchter, der sich im Nebraska des Jahres 1871 auf den Weg in Richtung Äquator macht. Denn dort im tropischen Nirgendwo, so glaubt er, wird er sein Leben neu beginnen können. Varenne hat bereits mit »Die sieben Leben des Arthur Bowman« den Abenteuerroman stilistisch in unsere Zeit geholt. Mit »Äquator« gelingt ihm dies erneut. „Zur anderen Seite der Welt“ weiterlesen

Das Ende des Davonlaufens

Salih Jamal: Das perfekte Grau

Wenn ich ein Buch aufschlage, dann schaue ich instinktiv, ob auch ein Bleistift in Reichweite liegt, mit dem ich die Stellen, die den Text für mich besonders machen, markieren kann. Beim Roman »Das perfekte Grau« von Salih Jamal allerdings hatte ich den Bleistift fast von Beginn an in der Hand und habe ihn über weite Strecken des Buches nicht mehr losgelassen. Gleich auf den ersten Seiten stieß ich auf eine Stelle, die mich schon innehalten ließ, bevor die Geschichte richtig gestartet war. „Das Ende des Davonlaufens“ weiterlesen

Kensington Avenue, Philadelphia

Liz Moore: Long Bright River

Lesen ist Reisen im Kopf – dieser Satz ist vollkommen überstrapaziert, aber vor allem ist er eines: wahr. Und manchmal führen einen diese Reisen in Gegenden, in die man im echten Leben eher nicht kommen würde. So wie etwa nach Kensington im Roman »Long Bright River« von Liz Moore, einem Stadtteil Philadelphias, der allerdings mit seinem edlen Namensvetter in London nichts gemein hat. Denn Philadelphias Kensington ist einer der größten Drogen-Hotspots im Osten der USA und ein Viertel, das geprägt ist von Drogenhandel, Kriminalität, Straßenprostituion, Obdachlosigkeit, leerstehenden Industriebauten, Abbruchhäusern, zugemüllten Brachflächen, Perspektivlosigkeit und kaputten Menschen. Und einer Menge Drogentoten, Jahr für Jahr. Dazwischen leben diejenigen, die schon immer dort wohnen, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen. Oder es auch nicht wollen. Die sich irgendwie arrangieren, durchschlagen, kleine Geschäfte betreiben, Nagelstudios, Handy-Läden, Mini-Märkte, Pfandhäuser, Diner oder einfache Cafés und auf ein besseres Morgen hoffen. Und zwischen dem Elend auf der Straße blinzelt die Gentrifizierung durch die Abgase und den Staub, denn die Mieten sind billig, ziehen die ersten jungen Leute mit Geld an, die gerne urbane  Bohème spielen, »ernst, reich, naiv«. Hippe Imbisse, Craft-Bier-Kneipen oder schicke Cafés sind in den letzten Jahren im Viertel aufgetaucht; mit Preisen, die sich die Alteingesessenen kaum leisten können. „Kensington Avenue, Philadelphia“ weiterlesen

Die Reise ins Nirgendwo

Alma Katsu: The Hunger - Die letzte Reise

Der lange Weg nach Westen gehört zu den Gründungsmythen der USA. Die Bilder dazu in unseren Köpfen verdanken wir Hollywoods Traumfabriken: Planwagenkolonnen, die durch eine endlose Prärie ziehen, hoffnungsvolle Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Die harte Wirklichkeit sah anders aus, denn abgesehen davon, dass die Besiedlung des Westens einherging mit der gewaltsamen Vertreibung der indigenen Bevölkerung, waren es keine heldenhaften Pioniere, die Wagen an Wagen in Richtung Abendröte zogen. Sondern Familien, die nichts zu verlieren hatten, die aufgebrochen waren, um der Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen; Gücksritter waren dabei, die alles auf eine Karte setzten, Entwurzelte, aber auch Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren und eine zweite Chance suchten. Und längst nicht alle überstanden die monatelange Reise durch eine raue Natur, die lebensbedrohlich werden konnte. Die Opfer forderte und manchmal für furchtbare Tragödien verantwortlich war. Von einer dieser Tragödien erzählt die Autorin Alma Katsu in ihrem Roman »The Hunger« – mit dem vielsagenden Untertitel »Die letzte Reise«. „Die Reise ins Nirgendwo“ weiterlesen

Ein Literaturportal für Köln

Das Literaturportal literaturszene-koeln.de bietet Informationen zu allen Facetten des literarischen Lebens in Koeln

»Das literarische Leben der Stadt sichtbarer machen, die Arbeitsbedingungen der Kölner Literaturschaffenden verbessern und die Vernetzung zwischen den verschiedenen literarischen Praxisbereichen sowie mit anderen Kunstsparten fördern.« Das sind die Aufgaben, die sich der Verein Literaturszene Köln e. V. auf die Fahnen geschrieben hat. Eine erste große Aktion war die Organisation der Kölner Literaturnacht, deren Wiederholung 2020 aus bekannten Gründen auf dieses Jahr verschoben werden musste. Nun hat ein weiteres Projekt Gestalt angenommen:  Die Vereinswebsite literaturszene-koeln.de wurde aufwendig umgebaut und herausgekommen ist dabei ein Literaturportal für Köln. „Ein Literaturportal für Köln“ weiterlesen

»Fahrenheit 451«: Ein Interview zur Neuübersetzung

Der Dystopie-Klassiker »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury wurde von Peter Torberg neu übersetzt. Entstanden ist dabei ein mitreißend erzählter Roman mit einer bildgewaltigen Sprache – ganz im Sinne des Autors, der dieses Buch seinerzeit in nur neun Tagen niederschrieb; seine Aufgewühltheit beim Verfassen des Textes ist in der Neuübertragung deutlich spürbar. Überhaupt verdanke ich der Übersetzungsleistung Peter Torbergs etliche großartige Leseerlebnisse; als Beispiele seien »Winters Knochen« von Daniel Woodrell, »Bitter Wash Road« von Gary Disher oder »Einsame Tiere« von Bruce Holbert genannt. Vor einiger Zeit hatten wir uns auf der Frankfurter Buchmesse auf einen Kaffee getroffen und ein Interview verabredet. Nun bot die Neuübersetzung von »Fahrenheit 451« einen guten Anlass, ihm Fragen zu seiner Tätigkeit zu stellen. „»Fahrenheit 451«: Ein Interview zur Neuübersetzung“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2020: Die besten Bücher

Vor einem Jahr endete der Leserückblick 2019 mit den Worten: »Ich wünsche uns allen einen guten Start in unsere Zwanzigerjahre.« Das war wohl leider ein vergeblicher Wunsch, und nun liegt ein seltsames, anstrengendes und oftmals bedrohlich wirkendes 2020 hinter uns. Ein Jahr, das Gewissheiten über den Haufen geworfen und unseren Alltag massiv verändert hat. Aber für mich war es auch ein Bücherjahr, denn selten habe ich so viel gelesen wie in den letzten zwölf Monaten. Die fünfzehn Werke, die mich dabei am meisten berührt, begeistert und beschäftigt haben, stelle ich in diesem Rückblick vor. Wobei sich die Formulierung »Die besten Bücher« nicht auf 2020 als Erscheinungsjahr bezieht, denn mir geht es bei der Lektüreauswahl nie darum, stets die aktuellen Verlagsprogramme im Fokus zu haben; viele Titel lese ich erst Jahre nach deren Erscheinungstermin. Daher ist auch diesmal eine bunte Mischung an neuen und älteren Werken zusammengekommen. Aber seht selbst.  „Mein Lesejahr 2020: Die besten Bücher“ weiterlesen

Europa im Geschwindigkeitsrausch

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent - Europa 1900 bis 1914

Das Buch »Der taumelnde Kontinent« von Philipp Blom beschreibt ein Europa im Wandel. Sich verändernde gesellschaftliche Strukturen, ein atemberaubender technischer Fortschritt, der ungeahnte Möglichkeiten am Horizont erkennen lässt, die brutalen Folgen kolonialistischer Eroberungszüge und ein Alltag, in dem die Gewissheiten stetig weniger werden. Fünfzehn Jahre umfasst die mitreißend geschriebene Schilderung der Entwicklungen unseres Kontinents – es ist der Zeitraum von 1900 bis 1914. Eine Zeit, die viel moderner war, als wir es uns heute vorstellen können. Und die in vielen Aspekten mit der Epoche vergleichbar ist, in der wir leben. „Europa im Geschwindigkeitsrausch“ weiterlesen

Lesestoff. Mit Erinnerungen

Eine bedruckte Stofftasche ist oft viel mehr als nur ein Werbeträger – sie ist ein Statement. Von einigen Buchmenschen weiß ich, dass sie Taschen mit literarischen Motiven leidenschaftlich gern sammeln. Ich würde das nicht von mir behaupten, aber trotzdem sind in den letzten Jahren einige davon zusammengekommen. Und jede von ihnen erinnert mich an eine Reise oder ein besonderes Erlebnis, immer im Zusammenhang mit Büchern oder Literatur. Die Stofftaschen sind alle nicht mehr taufrisch, denn sie sind in ständiger Benutzung – meist, um die Bücher darin einzuwickeln, die mich tagsüber begleiten. „Lesestoff. Mit Erinnerungen“ weiterlesen

Das Leuchten der Schönheit

Donna Tartt: Der Distelfink

Nur widerstrebend habe ich den Roman »Der Distelfink« von Donna Tartt wieder zurück ins Regal gestellt. Denn das fühlte sich an wie ein Abschied; schweren Herzens musste ich Theodore Decker ziehen lassen, nachdem ich ihn 1022 Seiten lang auf der Reise durch sein Leben begleiten durfte. Es war ein Sonntagabend, an dem ich das Buch zu Ende gelesen habe; der Abend eines grauen Dezembertages. Einer dieser Tage, an denen es kurz nach Mittag wieder dunkel wird. Was wiederum perfekt zum Beginn des Buches passte: ein Hotelzimmer in Amsterdam kurz vor Weihnachten, alles ist grau, kalt und nass. Und die Autorin schafft es, mit nur wenigen Sätzen eine unfassbar trostlose Stimmung zu beschreiben, die uns Leser hineinkatapultiert in eine Geschichte voll dunkler Tiefen, überraschender Wendungen und einem hoffnungsvollen Leuchten, das stets zwischen den Zeilen zu erahnen ist. „Das Leuchten der Schönheit“ weiterlesen