Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später

Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben – eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Um sie einigermaßen meistern zu können, hatte ich damals den Betrachtungszeitraum auf eine Dekade eingegrenzt. Und wie die Zeit vergeht: diese zehn Jahre sind nun vorbei. Ein schöner Anlass, sich den damaligen Text noch einmal anzuschauen und mit unserer heutigen Realität abzugleichen. Der Originaltext ist jeweils mit »Kaffeesatz2016« markiert und in einer anderen Farbe gesetzt. 

[Kaffeesatz 2016] Als ich die Anfrage der Streifband-Redaktion erhielt, ob ich einen Text über die Zukunft der Buchbranche schreiben wolle, war ich etwas erschrocken; unsere Branche ist so im Umbruch, dass ernsthafte Prognosen schwierig sind. Doch dann erschien diese Aufgabe in einem immer reizvolleren Licht, schließlich habe ich seit 1993 beruflich mit Büchern und Medien zu tun und bin selbst sehr gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. So versuche ich mich nun an einer Kaffeesatzleserei, um – rein subjektiv – vorherzusagen, wohin die Reise gehen mag.

Betrachtungszeitraum
[Kaffeesatz 2016] Vor dem Hintergrund der vielfältigen technischen Veränderungen in den letzten Jahren und einer Entwicklung, die gerade erst begonnen hat, genügt es, sich zehn Jahre als Betrachtungszeitraum vorzunehmen. In einer Dekade wird es technische Möglichkeiten geben, die wir uns im Moment noch nicht einmal vorzustellen vermögen. Bei einem Blick zurück erscheint es heute aber gleichzeitig absurd, dass vor einigen Jahren von so manchen ambitionierten Digitalpionieren der baldige Tod des gedruckten Buches ausgerufen wurde.
[Eine Dekade später: 2026] Genau so ist es gekommen, auch wenn man sich 2016 noch nicht einmal ansatzweise vorstellen konnte, was mit dem Thema Künstliche Intelligenz
auf unsere Welt zukommen würde. Wie wird es in der Buchbranche damit weitergehen? Ich persönlich bin der Meinung, dass bei kreativen Tätigkeiten der Einsatz von KI nichts zu suchen hat – egal ob es um das Schreiben von Büchern, das Lektorieren, das Übersetzen, das Coverdesign oder die Vermarktung geht. Doch es wird überall in diesen Bereichen schon damit experimentiert – eine Entwicklung, die für mich kein Fortschritt, sondern eine Bedrohung einer ganzen Branche darstellt und die wir alle mit großer Sorge betrachten müssten (und z.B. keine Bücher kaufen sollten, die mit Einsatz von KI zustande kamen oder vermarktet wurden). Ein Beispiel? Der Roman »Trophäe« von Gea Schoeters ist für mich eines der Lese-Highlights der letzten Jahre gewesen. Auch das prägnante Cover hat mich sehr begeistert. Als ich aber im Impressum sah, dass dieses Cover mit Hilfe von KI erstellt wurde, war ich enttäuscht. So sehr, dass ich das Buch am liebsten aussortieren würde – was ich aber nicht machen werde, denn dazu war es zu gut. Aber trotzdem, das Gefühl der Enttäuschung bleibt. 

Buchbranche? Welche?
[Kaffeesatz 2016] DIE Buchbranche gibt es nicht, zu vielfältig ist sie in ihren Ausprägungen. Zwei Bereiche klaffen in den Bereichen Digitalisierung und Rezeption bereits meilenweit auseinander: Das Fachbuch und der Bereich Belletristik/Sachbuch. Im Fachbuch ist die Digitalisierung besonders weit fortgeschritten, naturwissenschaftliches, aber auch juristisches Arbeiten ist ohne eJournals und Datenbanken schon längst nicht mehr denkbar. Der Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen, auch bei den traditionell papieraffineren Juristen werden die Bibliotheksregale in den Kanzleien verschwinden. Verlage, die ihre Werke nicht in den marktführenden Datenbanken unterbringen können, haben bereits mittelfristig ein ernstes Problem – denn Fachautoren veröffentlichen nur dort, wo sie auch gesehen und zitiert werden. Momentan erwirtschaften bei allen großen Fachverlagen Zeitschriften und Loseblattwerke als Cash-Cows einen wichtigen Umsatzanteil. Die Herausforderung der Verlage wird u.a. darin bestehen, insbesondere diesen Anteil ins Digitale zu übertragen.
[Eine Dekade später: 2026] Auch hier ist das Thema KI voll in der Praxis angekommen. Datenbanken haben »KI-Assistenten«, die Recherchen auf ein neues Level gehoben haben, Legal Tech strukturiert Arbeitsabläufe in Anwaltskanzleien völlig neu. Gleichzeitig ist es bei Studierenden vieler Fachgebiete  schon längst unüblich, sich Lehr- oder Fachbücher zuzulegen – alle Materialien werden online als Skripte zur Verfügung gestellt. Bei den Juristen allerdings ist immer noch der Schönfelder – der seit 2021 Habersack heißt – im Einsatz, da diese Loseblattsammlung (ein inzwischen wunderbar anachronistisch klingendes Wort) zur ersten und zweiten juristischen Staatsprüfung zugelassen ist. In gedruckter Form. 

[Kaffeesatz 2016] Und wie wird der Bereich Belletristik in zehn Jahren aussehen? Die Diskussion Print vs. E-Book wird dann hoffentlich nicht mehr geführt werden. Auch wenn momentan eine Stagnation der E-Book-Verkäufe zu beobachten sein mag (je nachdem, welcher Statistik man glaubt), werden sich elektronische Bücher in den nächsten Jahren mehr und mehr Umsatzanteile sichern. Besonders die Unterhaltungsliteratur wird in einer Dekade zu großen Teilen digital gelesen werden, der Taschenbuchmarkt sich deutlich verkleinern. Gleichzeitig werden gedruckte Bücher aufwändiger hergestellt, um das für viele Buchmenschen enorm wichtige – und wichtige bleibende – Argument der Haptik und Optik zu bedienen. Der Trend in diese Richtung ist bereits jetzt zu beobachten. Interessant ist dabei, dass Verlage, die als reine E-Book-Verlage gestartet sind, gerade damit beginnen, auch gedruckte Bücher herauszugeben. Bei CulturBooks heißen tragen sie dann charmanterweise den Reihentitel »Unplugged«. In zehn Jahren werden gedruckte Bücher stets einen Zugangscode zum Download des entsprechenden E-Books enthalten, um das auf die jeweilige Situation angepasste optimale Leseerlebnis zu ermöglichen. Der Weg in diese Richtung war schon von einigen engagierten Verlagen beschritten worden, bis 2015 die deutsche Steuergesetzgebung mit der unsäglichen E-Bundle-Regelung dieses zarte Pflänzchen der Innovation zertrampelt hat. In diesem Zusammenhang über medienneutrale Datenproduktion zu reden, ist eigentlich müßig; es ist schließlich eines der wichtigsten und entscheidendsten Themen. Und Verlage, die sich damit nicht auseinandersetzen, wird es in zehn Jahren wohl nicht mehr geben.
[Eine Dekade später: 2026] Tatsächlich hat sich der E-Book-Anteil am Publikumsmarkt nur wenig verändert: Von 4,6 % im Jahr 2016 auf 6,3 % im Jahr 2025. Einen detaillierten Überblick über die Entwicklung gibt es hier. Die Prognose der aufwändigeren Ausstattung von Büchern hat sich bewahrheitet. Insbesondere der seit Jahren boomende Young- und New-Adult-Markt kommt ohne Farbschnitte, beigelegte Page-Overlays oder Charakterkarten nicht aus. Aber auch bei anderen Programmen sind Farbschnitte gang und gäbe, quer durch alle Verlage und Genres. Ich finde es bemerkenswert und freue mich darüber, dass in unserer digitalen Welt das Buch als Objekt an sich einen solchen Platz gefunden hat – und muss immer wieder daran denken, wie mit dem Kindle-Launch im Jahr 2007 das Ende des gedruckten Buches ausgerufen wurde. Die Zugangscodes  für E-Book-Downloads in gedruckten Büchern sind Wunschdenken geblieben. Ich persönlich vermisse sie allerdings auch nicht, da ich gar nicht mehr weiß, in welcher Schublade mein Tolino verstaubt. 

[Kaffeesatz 2016] Bei weiteren wichtigen Marktsegmenten wie dem Kinderbuch oder dem Kochbuch ist eine Prognose schwierig. Als haptischer Mensch und begeisterter Vorleser hoffe und glaube ich persönlich, dass Kinderbücher auch in zehn Jahren vor allem in gedruckter Form existieren. Momentan ist die Nachfrage ungebrochen, was mich in dieser Vermutung bestärkt.  Für viele Kinder sind ihre Bücher wie gute Freunde, und für diese Projektion braucht es einen Gegenstand, keine Datei. Auch das Vorlesen aus einem E-Book ist für mich ein gruseliger Gedanke, aber umso mehr bin ich gespannt, wie es im Jahr 2026 aussehen wird.
[Eine Dekade später: 2026] Natürlich gibt es nach wie vor Kinderbücher in gedruckter Form und Kinder, die sie lieben. Dazu haben in den letzten Jahren die »tonies« eine grandiose Erfolgsgeschichte hingelegt, die Spielen und Hören miteinander verbinden. Aber gleichzeitig finde ich es erschreckend, wie oft man inzwischen Eltern sieht, die ihren Kleinen im Kinderwagen ein Smartphone oder Tablet in die Hand drücken, um sie ruhig zu stellen. Genau so schlimm ist der Anblick von Eltern, die von ihrem Smartphone absorbiert sind, wenn ihre Kinder dabei sind. Beides hat nicht direkt mit dem Thema Buchbranche zu tun – aber indirekt schon, denn damit wächst eine Generation heran, deren Konzentrationsvermögen schon in frühesten Jahren durch digitalen Medienkonsum beeinträchtigt oder beschädigt wird. 

Und was Kochbücher angeht: Sie werden nicht nur den darin enthaltenen Rezepten wegen gekauft, denn Kochrezepte gibt es hunderttausendfach gratis online. Ansprechend gestaltet ist ein Kochbuch nicht nur eine Rezeptsammlung, sondern vermittelt ein Stück Vorfreude auf ein gelungenes Essen mit der Familie und mit Freunden. Es ist ein Stück Lifestyle und als solches wird es auch den digitalen Wandel begleiten. Auch hier wird es E-Bundle-Lösungen geben, um das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt miteinander zu vereinen: Das Kochbuch zum genüsslichen Blättern, das Rezept auf dem iPad neben dem Herd.
[Eine Dekade später: 2026] Hier habe ich keine ganz aktuellen Zahlen gefunden, aber doch recht beeindruckende: Im Jahr 2017 sind 2.635 verschiedene Kochbücher erschienen, im Jahr 2023 waren es 2.333 Kochbücher. In allen Jahren – außer 2019 – wurde die 2.000er-Marke geknackt.  Der Kochbuchmarkt ist nach wie vor quicklebendig, aber die prognostizierten E-Bundle-Lösungen habe ich noch nicht entdeckt; vielleicht braucht es die auch gar nicht. Ich selbst koche sehr gern, nutze Kochbücher intensiv, hole Anregungen aber ebenso auf Foodblogs wie etwa bei Emmi kocht einfach (die inzwischen wiederum Kochbücher veröffentlicht hat).

Selfpublisher
[Kaffeesatz 2016] Das Thema Selfpublishing ist in aller Munde, dabei ist es nichts Neues. Vor ein paar Jahren hießen Selfpublisher noch Selbstverleger und die so publizierten Werke waren in erster Linie Ergebnisse eines Selbstverwirklichungshobbys. Daran hat sich bei gefühlten 95 Prozent der heutigen Selfpublishing-Titel zwar nichts geändert, aber durch die neuen Möglichkeiten des Publizierens und der Vermarktung ist eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten. Erfolgreiche Selfpublisher kaufen Dienstleistungen wie Lektorat, Korrektorat, Herstellung und Vermarktung ein, so dass dadurch eine ganze eigene, kleinteilige Verlagslandschaft im Entstehen begriffen ist. Für entsprechende Spezialisten der genannten Dienstleistungen könnten dadurch in den nächsten Jahren auch außerhalb der Verlagsbranche neue Job-Möglichkeiten entstehen. Und auch für etablierte Schriftsteller könnte dies ein gangbarer Weg sein, wie das Beispiel von Cornelia Funke und dem US-amerikanischen Buchmarkt zeigt.
[Eine Dekade später: 2026] Das Segment des Selfpublishing ist innerhalb des Buchmarkts ein eigener Bereich geblieben, insbesondere zum Buchhandel gibt es nur wenig Berührungspunkte. Gleichzeitig beobachten Verlage und Literaturagenturen durchaus, was sich dort tut. Immer wieder ergibt sich für Selfpublisher der Schritt zu einem Verlagsvertrag; so erscheinen etwa die Bücher der Autorin Anne Stern (die dieses Jahr bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung zu Gast war) seit mehreren Jahren bei Rowohlt, im Aufbau-Verlag und bei Piper. Angefangen hatte sie als Selfpublisherin. Für die meisten der Selbstverleger ist das Schreiben aber nach wie vor eher ein Selbstverwirklichungshobby, 67 % der Selfpublisher erzielten 2025 laut einer repräsentativen Umfrage des Portals Autorenwelt einen Umsatz von weniger als 50 Euro im Monat. 

Social Reading
[Kaffeesatz 2016] Social-Reading-Plattformen wie LovelyBooks oder Goodreads sind die moderne Fortführung der Lesezirkel, in denen man sich mit ähnlich Interessierten zum Austausch über Literatur trifft – früher im großbürgerlichen Salon, heute im egalitären Netz. Beiden gemeinsam ist das Reden über ein Buch nach dessen Lektüre, kapitelweise oder im Ganzen. Über Bücher zu reden ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und deshalb wird die Buchszene im Netz von den genannten Großplattformen bis hin zu den unzähligen privat betriebenen Blogs zunehmend an Bedeutung gewinnen und in zehn Jahren das klassische Feuilleton weit hinter sich gelassen haben. Social-Reading-Plattformen, in denen »live« gelesen und beim Lesen kommentiert und diskutiert werden kann – wie etwa Sobooks oder der FAZ-Lesesaal – werden dabei allerdings keine große Rolle spielen und höchstens ein Nischendasein führen. Denn der eigentliche Akt des Lesens ist eine zutiefst einsame Beschäftigung und genau dies ist auch das Reizvolle daran; der Rückzug aus dem Alltag, aus der Gegenwart. Daran wird sich nie etwas ändern, egal welches Medium man dafür nutzt.
[Eine Dekade später: 2026] Hier hat sich viel getan in den letzten Jahren. Bookstagram und Booktok haben sich rasant als die wichtigsten beiden digitalen Kanäle etabliert, in denen sich Menschen über Bücher austauschen. Die »klassischen« Buchblogs sind nicht mehr so sichtbar wie 2016, aber nach wie vor quicklebendig, die meisten von ihnen haben Dependancen bei Instagram & Co. Das Feuilleton hat weiter an Bedeutung verloren, wenn es darum geht über Bücher zu sprechen – der Platz dafür in den großen Zeitungen wird knapper, gleichzeitig streichen die öffentlich-rechtlichen Sender die Formate für Literatur zusammen. Aber zugleich boomt seit mehreren Jahren das Format der Buchclubs – vor allem derjenigen vor Ort, rein analog. Der Wunsch nach Austausch mit gleichgesinnten literaturaffinen Menschen ist immens: Es gibt unzählige private Buchclubs, einen kleinen Einblick erhält man auf der Seite Leemos.de, auf der man nach Buchclubs suchen oder seinen eigenen eintragen kann. Viele Buchhandlungen richten für ihre Kunden literarische Treffen aus, auch hier existieren zahllose Buchclubs. Und für diejenigen, die einfach in Gesellschaft lesen möchten, gibt es das Format des »Silent Reading«, bei dem man sich in einem Café oder einer Buchhandlung trifft – um zu lesen. Die große kommerzielle Variante ist der Buchclub »Gemeinsam lesen« als Kooperation zwischen Thalia und der FAZ, der Anfang 2026 an den Start gegangen ist. Die 2016 aufgeführten, damals ganz neuen digitalen Buchclub-Formate Sobooks und der FAZ-Lesesaal existieren schon lange nicht mehr. 

Der Buchhandel
[Kaffeesatz 2016] Der Buchhandel ist die wichtigste Vertriebsform für Bücher und Literatur. Wird er das bleiben? Fest steht, dass auch in zehn Jahren engagierte, begeisterte Menschen mit Herzblut Bücher verkaufen werden. Aber die Strukturen verändern sich stark, wobei es schon lange nicht mehr reicht, sich hinter seinen Ladentisch zu stellen und auf Kundschaft zu warten. Von einem Buchladen der Zukunft erwarte ich neben einem selbstverständlichen guten Service, ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment, das die Entdeckung neuer Autoren und neuer Inhalte ermöglicht. Dazu gehören Lesungen und andere Veranstaltungen, Informationen per Newsletter und sozialen Medien, Aktionen, Engagement im Stadtteil und vieles mehr, was einen Buchladen schon heute zu einer Kulturtankstelle macht. Buchhandlungen ohne Service und ohne Engagement werden verschwinden – und das zu Recht.  Auch Großflächen werden weniger, die Branche insgesamt kleinteiliger werden.
[Eine Dekade später: 2026] Auch zehn Jahre später gibt es ein dichtes Netz an Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum und nach wie vor arbeiten dort engagierte und begeisterte Buchhändlerinnen und Buchhändler. Aber ein Strukturwandel ist nicht zu übersehen. Der Deutschlandfunk berichtete 2024: »Jedes Jahr schließen etwa 100 Buchläden in Deutschland, also im Durchschnitt etwa zwei pro Woche. Gründe dafür sind unter anderem die hohen Mieten und die gestiegenen Energiekosten – aber auch weil immer weniger Menschen Bücher kaufen. Hier erweisen sich die großen Ketten wie Thalia und Hugendubel als Konstanten.« Nicht wenige mittelständische Buchhandlungen wurden in den letzten Jahren von Thalia übernommen, da sich kein Nachfolger fand oder die Besitzer die gestiegenen Kosten nicht mehr stemmen konnten – was natürlich auf Kosten der Vielfalt des unabhängigen Buchhandels geht. Daher kann man es nicht oft genug sagen: Kauft eure Bücher vor Ort und in den Buchhandlungen eures Vertrauens.

[Kaffeesatz 2016]  Die Online- und die reale Welt verschmelzen auch hier immer stärker miteinander, Webauftritte, Webshops, Blogs und Partizipation in den sozialen Medien ergeben zusammen mit einem Einkaufserlebnis in angenehmen Ambiente eine Mischung, die auch in zehn Jahren einem Riesen wie Amazon die Stirn bieten kann. Überhaupt Amazon: Was wird dieser ungeliebte, aber wichtige Innovationstreiber in einer Dekade anbieten? Bei dem vorgelegten Tempo eine schwierige Vorstellung. Wird es flächendeckend stationäre Amazon-Buchhandlungen geben? Oder wird andererseits der Tolino den Kindle vom Thron gestoßen haben? Der destruktive Schub, mit dem Amazon die Buchbranche umgekrempelt hat, scheint momentan in konstruktive Innovationen zu münden, die allen Beteiligten nutzen. Wobei der Buchbereich schon längst nicht mehr das wichtigste Geschäft des Giganten aus Seattle ist und an Bedeutung für ihn weiter verlieren wird. Aber alleine, dass es jetzt die erste Amazon-Buchhandlung gibt, ist als untrügliches Zeichen zu werten, dass gedruckte Bücher eine Zukunft haben.
[Eine Dekade später: 2026] Die ersten stationären Amazon-Bookstores in den USA gab es nicht lange, sie waren 2023 schon wieder verschwunden. Denn was ein algorithmusgetriebenes Geschäftsmodell nicht kann, ist genau das, was Buchhandlungen einzigartig macht: Sie sind Orte für Entdeckungen und Überraschungen. Und für Begegnungen. Ganz in diesem Sinne wurden in den letzten Jahren mehrere Bücher-Cafés eröffnet, wie etwa Kapitel Drei in Hamburg, ein ganz und gar wunderbarer Ort. Und was E-Books angeht, liefern sich Tolino und Kindle nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen; dem Gemischtwarenhändler aus Seattle ist es nicht gelungen, den deutschsprachigen E-Book-Markt zu dominieren. 

[Kaffeesatz 2016] Der Fachbuchhandel wiederum wird sich noch stärker dem Service-Gedanken verschreiben müssen, um überlebensfähig zu bleiben, denn ob es in zehn Jahren noch genügend gedruckte Fachmedien geben wird, um davon leben zu können, ist fraglich. »Alles-aus-einer-Hand«-Lösungen wie etwa das Media-Center von Schweitzer Sortiment, durch das ein Kunde seine maßgeschneiderte Datenbank erstellen kann, sind Schritte in die richtige Richtung.
[Eine Dekade später: 2026] Hier gab es radikale Veränderungen. Die genannte Fachbuchhandelskette Schweitzer Sortiment hat sich z. B. fast vollständig aus dem stationären Geschäft zurückgezogen. Früher gab es in den wichtigen Uni-Städten stets eine Schweitzer-Filiale, heute existieren noch diejenigen in Hamburg und Potsdam. Dazu kommen bundesweit zwanzig Beratungs- und Vertriebsbüros, für das B2B-Geschäft. Ähnlich ist der Buchhandelskette Sack Fachmedien ergangen, während die Lehmanns-Kette 2021 von Thalia übernommen wurde.

Fazit
[Kaffeesatz 2016] In 7.000 Zeichen über die Zukunft einer Branche im Wandel zu räsonieren, ist eine echte Herausforderung. Vieles muss ungesagt bleiben; um richtig in die Tiefe zu gehen, wäre eine Null mehr nötig gewesen. Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich nicht an einen abrupten, radikalen Wandel aller Lesegewohnheiten glaube, wie er vor ein paar Jahren noch angekündigt wurde. Verändern wird sich vieles, doch ich sehe eine Zukunft, in der sich das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt immer stärker miteinander verbindet. Die Aufgabe der Buchbranche ist es, diesen Wandel zu gestalten und die Komfortzone rechtzeitig zu verlassen, bevor es diese nicht mehr geben wird.
[Eine Dekade später: 2026] In den zehn Jahren, die vergangen sind, seit ich den Text geschrieben habe, hat sich unsere Welt drastisch verändert. Wir mussten eine Pandemie ertragen, erleben gerade, wie sich die USA aus unserem Wertesystem verabschieden, während gleichzeitig ein Eroberungskrieg in Europa tobt und der Nahe Osten im Chaos versinkt. Autoritäres Denken und faschistoide Weltanschauungen sind weltweit auf dem Vormarsch. All dies steckt den Rahmen auch für die Buchbranche ab. Während Buchhandlungen und Verlage größtenteils gut durch die Corona-Zeit gekommen sind, machen momentan die steigenden Energiekosten und die durch die Unsicherheit bedingte Kaufzurückhaltung allen Marktteilnehmern schwer zu schaffen – besonders den kleineren, mittelständischen Unternehmen. Dazu kommt eine durch den rasant zunehmenden Einsatz von KI stattfindende technische Umwälzung, die eine Zukunftsplanung schwierig macht. Parallel dazu sorgen Übernahmen und Zusammenschlüsse für weitere Konzentrationen auf Handels- wie auf Verlagsebene – was den Gesamtmarkt verengt. Zugleich sinkt laut Markforschungsdaten die Zahl der Buchleser, wobei man das nach ein paar Tagen Buchmesse kaum glauben mag. Es sind viele Herausforderungen, die – nicht nur – auf die Buchbranche warten. Wie sie wohl in weiteren zehn Jahren aussehen wird? 

Wenn ich zwei Wünsche äußern dürfte, dann wären es folgende: Eine deutliche Reduzierung der jährlich erscheinenden Bücher. Jeder Roman hat nur vier, fünf Monate Zeit, dass ihn Leserinnen und Leser entdecken, bevor die nächsten Verlagsprogramme die Regale der Buchhandlungen fluten. Bei der Menge an Büchern bleiben viele großartige Romane auf Kosten unter dem Radar – ein Trauerspiel, immer wieder. Und der andere Wunsch betrifft den Einsatz von KI: Man mag sie dort verwenden, wo es sinnvoll ist – bei Auswertungen, Prozessoptimierungen und bei anderen organisatorischen Anforderungen. Aber bei Kreativprozessen hat Künstliche »Intelligenz« nichts zu suchen, egal ob es sich um Lektorat, Covergestaltung oder auch nur der Erstellung eines redaktionellen Newsletters handelt. Kreativität mit Hilfe von KI ist in meinen Augen nichts wert. 

Beide Wünsche werden nicht in Erfüllung gehen. Aber da ich ein unverbesserlicher Optimist bin, glaube ich fest daran, dass ich auch nach den nächsten zehn Jahren in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens spazieren und mit einem Buch herauskommen werde, von dem ich eine Viertelstunde zuvor noch nicht wusste, dass ich es dringend brauchen würde.

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In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Deutscher Buchhandlungspreis

Die Buchhandlungslandschaft in Deutschland ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo sonst gibt es ein solch dichtes Netz an unabhängigen und inhabergeführten Buchhandlungen. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, denn es sind fragile Handelsstrukturen. Unabhängige Buchhandlungen stehen unter großem Druck; auf der einen Seite das zunehmend schwierigere Umfeld in verödenden Innenstädten, steigende Kosten bei gleichbleibenden Gewinnmargen, die ohnehin nicht üppig sind, fehlende Nachfolger, wenn die altgedienten Inhaber in Ruhestand gehen. Hier springt zwar immer häufiger Thalia ein und übernimmt mittelständische Buchhandlungen, aber das geht letztendlich auf Kosten der Vielfalt. 

Vielfalt ist ein gutes Stichwort: Jede Buchhandlung in unseren Städten ist nicht nur ein Schaufenster für Literatur und Bücher, sondern trägt aktiv zur Meinungsvielfalt in unserem Land bei. Denn jede unabhängige Buchhandlung hat ihr eigenes Profil – nicht umsonst heißt der Beruf offiziell »Sortimentsbuchhändler«, geht es doch darum, ein kuratiertes Sortiment zusammenzustellen. Die Buchhandlungslandschaft ist daher ein bedeutender Teil unserer Kulturlandschaft. Um dies nicht nur ideell, sondern auch materiell zu unterstützen, gibt es seit 2015 den Deutschen Buchhandlungspreis. Eine Jury wählt dafür 118 Buchhandlungen aus, von denen hundert ein Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro erhalten, fünf Buchhandlungen ein Preisgeld von 15.000 Euro und drei Buchhandlungen ein Preisgeld von 25.000 Euro. In einer Branche, die von Idealismus bis zur Selbstausbeutung geprägt ist, sind dies handfeste Preisgelder. 

Eine feine Sache ist dieser Preis. Zumindest war er das bis zu diesem Jahr. Am 10. Februar 2026 wurden die Buchhandlungen bekannt gegeben, die den Preis erhalten sollen. Sie wurden von einer unabhängigen Jury aus 483 Bewerbungen ausgewählt. Same procedure as every year? Nicht dieses Mal. Denn knapp drei Wochen später überschlugen sich die Ereignisse und was dann geschehen ist, dürften die meisten buchaffinen Menschen mitbekommen haben. Daher soll es hier vor allem darum gehen, Stimmen und Statements zu sammeln, um zumindest einen kleinen Überblick über die Geschehnisse zu geben. „In Berlin gewesen. Bücher gekauft.“ weiterlesen

Schlamm und Drohnen

Szczepan Twardoch: Die Nulllinie - Roman aus dem Krieg

1.461 Tage. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen überzieht das russische Terrorregime die Ukraine mit Krieg. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen werden ukrainische Städte, Dörfer, Landstriche verwüstet, sterben Menschen. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen leidet die ukrainische Bevölkerung unter Drohnen- und Raketenangriffen, unter zerstörter Infrastruktur, unter dem Horror des Angriffs eines größenwahnsinnigen Despoten. Seit vier Jahren tobt ein Krieg in Europa. Oder vielmehr: Seit vier Jahren führt Russland einen Krieg gegen Europa. Die Nachrichten darüber gehören inzwischen zum Alltag – so sehr, dass vielen von uns gar nicht mehr bewusst ist, was da eigentlich gerade geschieht, dort, weit im Osten unseres Kontinents. Der Roman »Die Nulllinie« von Szczepan Twardoch ändert das. Ändert das sehr drastisch – denn er schickt uns an jene Nulllinie, die nur ein anderes Wort ist für Front oder für Niemandsland. „Schlamm und Drohnen“ weiterlesen

Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder. „Über Haltung in schwierigen Zeiten“ weiterlesen

Leipziger Wohnzimmerlesung 2026

Leipziger Wohnzimmerlesung

Schon eine kleine Tradition: Unsere Leipziger Wohnzimmerlesung.

Die Leipziger Buchmesse ist seit vielen Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Einer, auf den ich mich jedes Mal besonders freue – denn es ist immer wieder etwas Besonderes, all die literaturbegeisterten und buchaffinen Menschen zu treffen. Nicht nur auf dem Messegelände, sondern in der ganzen Stadt; in unzähligen Veranstaltungsorten, in Cafés, Kneipen, Restaurants, Clubs. Und im Wohnzimmer meines guten Freundes Hannes, der bei jedem Leipzig-Besuch mein Gastgeber ist.

Seit 2018 veranstalten wir bei ihm unsere Wohnzimmerlesungen, für die er den größten Raum seiner Wohnung leer räumt, ihn mit Bierbänken ausstattet und den Kühlschrank mit Getränken befüllt. Eine Autorin oder ein Autor tritt auf, ich habe das Vergnügen, die Moderation zu übernehmen, das Wohnzimmer ist voller Menschen, von denen wir nur die Hälfte kennen und es sind wunderbare Abende mit guten Gesprächen und spannenden Begegnungen. Mareike Fallwickl war bereits dabei (mit ihr fing alles an), Demian Lienhard, Stefan Ineichen mit seinem großartigen Buch »Principessa Mafalda«, Kai Meyer ließ im Leipziger Wohnzimmer das legendäre Leipziger Graphische Viertel wiederauferstehen und im letzten Jahr sprach ich mit Pierre Jarawan über seinen wunderbaren Roman »Frau im Mond«.

Diesmal ist am Donnerstag, 19. März 2026 die Autorin Anne Stern im Wohnzimmer zu Gast. Dabei hat sie ihren neuen Roman »Die weiße Nacht«, der uns Leser mitten hinein führt in das zerstörte Berlin des Jahres 1946. Mit den literarischen Mitteln eines Kriminalromans lässt sie eine Epoche des Umbruchs wiederauferstehen – als die Düsternis des Alten noch überall in den Trümmern zu spüren war und eine neue Zeit noch nicht begonnen hatte. Ein grandioses Buch, brillant recherchiert und ich freue mich schon riesig auf unser Gespräch darüber.


Wer dabei sein mag: Verbindliche Anmeldungen per E-Mail an hannes_lehner@icloud.com. Adresse und Informationen zur Wohnzimmerlesung werden dann mitgeteilt.

Es gibt 30 Plätze. Einlass ist ab 20 Uhr, Beginn um 20.30 Uhr.
Fünf Euro Unkostenbeitrag für Getränke.
Ausgebucht!

Sehen wir uns? Es würde mich freuen.

Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit. „Nichts ist, wie es scheint“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2025: Die besten Buecher

»Was lese ich als nächstes?« Dies ist für mich eine der schönsten Fragen, die es gibt. Manche Menschen planen ihre Lektüren im Voraus oder nehmen sich vor, während eines Jahres bestimmte Bücher zu lesen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, vollkommen planlos von Buch zu Buch zu flanieren, mich durch fremde Welten, Zeiten und Leben treiben zu lassen. Mich vor das überquellende Buchregal zu stellen und in aller Ruhe zu überlegen, welches Buch gerade passen würde. Und wenn das Jahr zu Ende geht, ist eine bunte, spannende und so manches Mal überraschende Mischung an Lektüren zusammengekommen. Wie immer habe ich für diesen Rückblick meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich 2025 am meisten bewegt, beschäftigt oder inspiriert haben. Und wie immer sind einige davon Neuerscheinungen gewesen, andere standen schon länger im Bücherregal und hatten auf den passenden Lesemoment gewartet. Und genau deshalb kann man gar nicht genug ungelesene Bücher zuhause haben. Ich nenne sie Lesevorräte.

Doch genug der langen Vorrede, das hier sind sie, meine persönlichen Lesehighlights des Jahres 2025. „Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher“ weiterlesen

Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute hundert Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen

In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen

Wie ein Riss in der Leinwand

Gabriel Zuchtriegel: Vom Zauber des Untergangs | Robert Harris: Pompeji

Pompeji ist wohl einer der faszinierendsten Orte der Welt. Mein Besuch dort liegt schon einige Jahre zurück, aber ich kann mich so gut daran erinnern, als sei es erst vor ein paar Wochen gewesen. Auf alten, gepflasterten Straßen durch die Ruinenlandschaft flanieren, Blicke in Häuser, kleine Geschäfte und Werkstätten werfen: das Gefühl, unmittelbar durch den Alltag der Menschen zu laufen, die vor fast zweitausend Jahren dort gelebt haben, ist ein überwältigendes Gefühl. Und am Horizont hat man dabei stets den dunklen, drohenden Umriss des Vesuvs vor Augen, der vor dem großen Vulkanausbruch 79 n. Chr. noch wuchtiger ausgesehen haben muss. Die Zeugen dieser Katastrophe treffen wir dort noch an, die Gipsabgüsse der Menschen in der Stunde ihres Todes zeigen die Gewalt der Natur, die an diesem sommerlichen Unglückstag Pompeji zerstörte. Pompeji und die umliegenden Orte. Und sie in der Zerstörung durch den alles überdeckenden Asche- und Steinregen konservierte. Bis heute. 

Zwei Bücher stelle ich hier vor, die unterschiedlicher kaum sein können, die aber für mich perfekt zusammenpassen und die ich direkt hintereinander gelesen habe: »Vom Zauber des Untergangs« von Gabriel Zuchtriegel und »Pompeji« von Robert Harris. „Wie ein Riss in der Leinwand“ weiterlesen