Im Finale: Buchblog-Award 2019

Bei diesem Beitrag gibt es heute kein eigenes Beitragsphoto, sondern einfach das Signet des Buchblog-Awards 2019. Denn der Kaffeehaussitzer gehört zu den zehn Finalisten in der Kategorie „Bester Buchblog“ – und was soll ich sagen? Ich freue mich riesig, wieder dabei zu sein. 2017 hat der Kaffeehaussitzer den Buchblog-Award gewonnen – ein unglaublicher Adrenalinrausch -, 2018 hatte ich die Ehre, die Verleihung moderieren zu dürfen und 2019 liegt der Hut wieder im Ring.

Geworfen habe aber nicht ich ihn, sondern die vielen Menschen, die während des Publikumsvoting in den letzten Wochen für diesen Blog gestimmt haben. Ich bedanke mich daher von ganzem Herzen bei allen Leserinnen und Lesern, Blogbesucherinnen und -besuchern: Ihr seid wunderbar. Als Blogger redet man sich manchmal ein (zumindest mir geht das so), dass man vor allem für sich schreibt, aber letztendlich wird dieses Schreiben erst dann zu etwas Besonderem, wenn man merkt, dass andere Menschen die Texte lesen, dass sie Leseanregungen mitnehmen, die empfohlenen Bücher kaufen, Beiträge kommentieren, manchmal auch anderer Meinung sind – es ist der Gedanke der Vernetzung, der das Bloggen so reizvoll macht. Und den Blog zu einem wichtigen Bestandteil des eigenen Lebens werden lässt. Daher noch einmal: Ich danke Euch. Nicht nur für das Abstimmen für den Kaffeehaussitzer, sondern dafür, dass Ihr da seid. Es ist schön mit Euch in diesem Internet.

Und wie geht es weiter? Aus den zehn Finalisten des Buchblog-Awards in der Kategorie „Bester Buchblog“ wählt die Jury einen Gewinner. Bekanntgegeben wird er am 18. Oktober 2019 um 12.00 Uhr auf der Frankfurter Buchmesse – High Noon am Main. Und es ist eine illustre und vielseitige Runde, in der sich der Kaffeehaussitzer bewegt; folgende Blogs und Kanäle sind im Finale:

Bookbroker
Bookster HRO
Kaffeehaussitzer
literaturpalast
Mit Büchern um die Welt
Nacht und Tag
ohwieschoenistbuchgerede
Recensio
Stories
Zwischen den Zeilen

Es bleibt spannend.

Wie so oft mischt sich auch ein kleiner Wermutstropfen in die Freude. Denn in den letzten Tagen hat es begonnen, an mehreren Ecken hier auf Kaffeehaussitzer zu knirschen. Die Photogalerie wird in Google Chrome nicht mehr korrekt angezeigt, im Internet Explorer ist der gesamte Blog ohne Headerbilder dargestellt und es gibt noch ein paar virtuelle Wehwehchen mehr. Der Grund ist simpel: Das WordPress-Theme, mit dem die Seite gestaltet ist, wird vom Anbieter schon länger nicht mehr weiterentwickelt und ist inzwischen in die Jahre gekommen. Was bedeutet, dass mehr und mehr Funktionen irgendwann nicht mehr mit neueren Browseranforderungen kompatibel sein werden. Was wiederum zur Folge hat, dass ich mich nach einer neuen Gestaltung umsehen muss. Das heißt, die Tage des Kaffeehaussitzers, wie er mir seit 2013 ans Herz gewachsen ist, sind gezählt. Mal sehen, wie es weitergeht und wie es bald hier aussehen wird.

Auch hier bleibt es spannend.

Aber wie Aragorn schon sagte: „But it is not this day!“ Denn heute wird gefeiert.

Cheers! Auf Euch!

Zerbrechliche Gewissheiten

Ein Kaffeehaussitzer-Gastbeitrag im Blog TraLaLit über das Übersetzerpaar Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.

Ein Kaffeehaussitzer-Gastbeitrag im Blog TraLaLit über das Übersetzerpaar Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.

Kurze und knackige Blogbeiträge schreiben ist etwas, das ich nicht kann. Meistens werden die Texte viel länger als gedacht und meistens ist mir das einfach egal. Diesmal allerdings wird es mir leichtfallen, mich kurz zu fassen, den der eigentliche Beitragstext steht nicht hier, sondern im Blog TraLaLit. Die Seite nennt sich Plattform für übersetzte Literatur und ist – meines Wissens – der einzige Blog, der sich ausschließlich mit dem Thema Literaturübersetzung sowie mit Übersetzerinnen und Übersetzern beschäftigt. Ein Blog, eher schon ein Online-Magazin, das ich schon länger mit großem Interesse verfolge. Und dessen Beiträge ich sehr mag.

Als mich Freyja Melsted, eine der TraLaLit-Macherinnen, fragte, ob ich einen Gastbeitrag verfassen möchte, habe ich nicht lange überlegt. Denn das Thema Übersetzung beschäftigt und fasziniert mich schon lange, besonders vor dem Hintergrund, dass vermutlich zwei Drittel der von mir gelesenen Bücher übersetzte Literatur sind.

Der Gastbeitrag sollte sich – natürlich – mit einer Übersetzung beschäftigen, mit einer, die ich besonders schätze, die mir besonders am Herzen liegt. Hier musste ich nicht lange überlegen. Bereits in den Anfangszeiten des Kaffeehaussitzers habe ich einen Beitrag über eine Textstelle aus „Das Bildnis des Dorian Gray“ veröffentlicht, die mich seit vielen Jahren begleitet. Es geht um Gefühle, die das Menschsein ausmachen, um Erinnerungen, um zerbrechliche Gewissheiten. Für mich ist es einer der schönsten Texte, den ich kenne.

Warum das so ist und warum keine der vielen Neuübersetzungen an die erste von 1909 herankommt, die Hedwig Lachmann und Gustav Landauer verfasst haben – das habe ich für TraLaLit aufgeschrieben. Aber lest selbst: Bitte hier entlang.

Und alles ändert sich

Roscoe T. Martin ist Elektriker. Das wäre an sich nicht besonders spektakulär. Im Alabama des Jahres 1923 allerdings schon, denn abseits der großen Städte ist die Elektrifizierung noch lange nicht angekommen und das Leben auf den Farmen hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht groß verändert. Und auf einer solchen Farm ist Roscoe T. Martin gestrandet – bis eine einzige falsche Idee sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman „Ein anderes Leben als dieses“ seine Geschichte. Eine Geschichte über den Wunsch nach Fortschritt und Glück, über das Scheitern, den Verlust und – vielleicht – der Möglichkeit eines Neuanfangs.

„Die Transformatoren, die eines Tages George Haskin töten würden, befanden sich auf einem hohen Mast etwa zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt, auf der Roscoe T. Martin mit seiner Familie lebte.“ 

Das ist der Buchbeginn, ein markiger erster Satz, der sofort eine Spannung aufbaut, den Leser direkt in die Handlung hineinzieht und klar macht, dass es keine Wohlfühlgeschichte wird.

Roscoe T. Martin liebt seinen Job. Er ist mit Herz und Seele Elektriker, sein Talent und seine Begeisterung boten ihm die Chance, dem Schicksal als Minenarbeiter zu entkommen, das ihm durch seine Familiengeschichte vorherbestimmt schien. Er ist glücklich, geht auf in seiner Arbeit, lernt Marie kennen, sie heiraten, ihr gemeinsamer Sohn Gerald wird geboren. Alles könnte perfekt sein. Dann stirbt Maries Vater, sie erbt seine Farm und die Familie zieht aufs Land, um ein neues Leben als Farmer zu beginnen. Marie fühlt sich dazu verpflichtet, Roscoe kommt widerstrebend mit. Eine fatale Entscheidung. Denn zum einen sind die Zeiten nicht einfach für ein solches Leben, zum anderen wird Roscoes Aversion gegen ein bäuerliches Dasein immer größer. Die Farm wirft zu wenig ab, sie können ohne Geld für Hilfskräfte die Arbeit nicht bewältigen, die Schulden wachsen – ein Teufelskreis.

„Die Farbe der Verandatreppe war gesprungen, einige Splitter davon flogen durch die Luft, als Roscoe die Stufen hinunterging. Früher war die Treppe ebenso weiß gewesen wie das Haus, aber jetzt war alles grau, sowohl die nackten Bohlen als auch die verbliebene, vom Alter stumpf gewordene Farbe. Roscoe blickte zu seiner Frau auf der Veranda zurück, sah, wie trostlos alles war, was sie umgab, die Spuren des Verfalls am Haus und auf dem Land ihres Vaters. Kletterpflanzen überwucherten die Schornsteine und Fliegengitter der Veranda, zerfraßen den Mörtel. Das Heim ihrer Kindheit war nicht mehr dasselbe, und Roscoe konnte, hier und jetzt, die Enttäuschung seiner Frau verstehen. Sie hatte die Farm retten und den Glanz, den diese unter ihrem Vater erlebt hatte, wiederherstellen wollen, aber seit ihrer Ankunft hatte sich nichts zum Besseren gewendet. Ihnen gelang es nicht einmal, den Status quo aufrechtzuerhalten. Ihre Erträge und ihre Ersparnisse schrumpften mehr und mehr, das Haus verfiel und das Land ließ sie im Stich.“

Die Ehe von Roscoe und Marie, ihre gemeinsame Existenz stehen kurz vor dem Aus. Da setzt Roscoe alles auf eine Karte und zapft gemeinsam mit Wilson, dem schwarzen Hilfsarbeiter der Farm, die Überlandstromleitung an, die – wie wir ja im ersten Satz des Buches erfahren haben – „etwa zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt“ vorbeiführt. Marie erzählt er die Lüge, dass er als Elektriker den Auftrag erhalten habe, quasi als Pilotprojekt mit der Elektrifizierung auch der abgelegenen Farmen zu starten. Wilson hilft ihm bei dem illegalen Vorhaben nur widerwillig.

Und alles ändert sich.

Eine elektrische Dreschmaschine übernimmt mühsame Arbeiten, die Erträge können gesteigert werden, es gibt elektrisches Licht, die Talsohle scheint durchschritten, Roscoe beginnt sich mit seinem Leben als moderner Farmer anzufreunden und eine im wahrsten Sinne des Wortes leuchtende Zukunft zeichnet sich am Horizont ab.

Und alles ändert sich.

George Haskin ist als Techniker beauftragt, regelmäßig die staatlichen Stromleitungen zu überprüfen und zu warten. Als er sich die  von Roscoe installierte Abzweigung genauer ansieht, wird er von einem Stromschlag getötet, die Hände verkohlen, Kopf und Gesicht verbrennen.

Roscoe und Wilson werden verhaftet und verurteilt. Roscoe muss für zwanzig Jahre ins Gefängnis, Wilson erhält zehn Jahre Haft, wird aber als Schwarzer zu Zwangsarbeit in einer Kohlenmine verurteilt – ein System, dass in jener Zeit den großen Industrieunternehmen zu Gute kam und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine verdeckte und perfide Fortsetzung der Sklaverei war. Bei der Gelegenheit eine Leseempfehlung: Im Roman „White Tears“ beschäftigt sich auch Hari Kunzru mit diesem Thema.

Ein großer Teil des Romans spielt im Gefängnis, als Ich-Erzähler berichtet Roscoe darüber, wie die Jahre vergehen, wie er versucht, irgendwie durchzukommen, wie ein Gnadengesuch abgelehnt wird und noch eines, wie der letzte Rest Hoffnung sich nach und nach in Fatalismus verwandelt. Aber auch, wie er als Hilfskraft des Gefängnisbibliothekars einen neuen Zugang zu Büchern und zur Literatur findet, wie er lernt, mit der Situation klar zu kommen, wie sich auch im Gefängnis kleine Auszeiten vom tristen Alltag ergeben können. Wie er nichts erwartet, aber auch niemals vergisst, dass er seine Zukunft an die Wand gefahren hat.

Durch regelmäßige Rückblicke erfahren wir mehr über sein Leben vor der Zeit im Gefängnis, über sein Aufwachsen, sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, seinen Entschluss, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, sein und Maries Kennenlernen, den Umzug auf die Farm und die Erosion des kurzen Glücks. Bis hin zur falschen, aber nachvollziehbaren Entscheidung, die Stromleitung anzuzapfen – mit all ihren dramatischen Folgen. Dramatisch nicht nur für ihn, sondern auch für Wilson, den er mit hinunterzieht in den Strudel von Verantwortung und Strafe. Ebenso erfahren wir, wie es in der ersten Zeit nach seiner Verhaftung bei seiner Frau und seinem Sohn weitergeht, wie sie mit der Situation umgehen, welche Konsequenzen alles für sie hat. Und welche sie daraus ziehen. Dieser Erzählstrang dünnt mehr und mehr aus, bis er fast ganz verschwindet. Neun Jahre lang wird Roscoe seine Familie nicht mehr sehen, denn die beiden kommen ihn nie besuchen, lassen Briefe unbeantwortet.

Wie wird sie sein, die Zeit nach dem Gefängnis? Roscoe weiß, dass er Schuld auf sich geladen hat, die er nie wieder gut machen kann. Beginnt zu ahnen, dass da draußen nichts und niemand mehr auf ihn wartet. Und fragt sich, ob er sich je selbst verzeihen kann.

„Es ist 1926, und man sollte doch meinen, es bedeutet etwas, dass schon ein Viertel dieses Jahrhunderts hinter uns liegt. Ich bin jetzt seit drei Jahren an diesem Ort, und auch das bedeutet etwas, sollte man meinen. Ich habe gerade meinen dreiundreißigsten Geburtstag hinter mir und mein Leben besteht nur noch aus den Jahren vor Kilby und denen darin. Ich hoffe auf die Jahre danach, aber nicht zu oft. Hoffnung macht die darauffolgende Enttäuschung nur umso bitterer.“

Doch als er dann wegen guter Führung einige Jahre vor dem offiziellen Ende seiner Strafe tatsächlich entlassen wird und zur Farm seiner Frau zurückkehrt, kommt alles ganz anders. So anders, wie es weder er noch wir Leser erwartet hätten.

Im Zentrum der Handlung steht die Frage nach Schuld und Verantwortung. Haben Menschen eine zweite Chance verdient, die für den Tod eines anderen verantwortlich sind? Die ein Leben genommen haben? Die nicht aus Bösartigkeit oder mit Vorsatz getötet haben, sondern die durch eine fatale Verkettung von Umständen mit dieser Schuld leben müssen. Und ebenso mit der Schuld, das Leben des Mithelfenden in die falsche Richtung gelenkt zu haben. Kann Roscoe für sich selbst einen Neuanfang finden? Und wie könnte dieser aussehen? Die behutsamen Antworten darauf sind eingebettet in die gelungene Schilderung einer Zeit, in der Rückständigkeit und technische Veränderungen aufeinanderprallen. In der Rassismus zum Alltag gehört und wirtschaftliche Schwierigkeiten die Menschen in die Knie zwingen und durch alle Netze fallen lassen.

Roscoe T. Martin trifft eine falsche Entscheidung. Und alles ändert sich.

Nicht nur für ihn.

Buchinformation
Virginia Reeves, Ein anderes Leben als dieses
Aus dem Englischen von Simone Jakob und Hannes Meyer
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9869-5

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Zum Wolf werden

Guillermo Arriaga: Der Wilde

Wie anfangen? Diese Frage stelle ich mir oft zu Beginn einer Buchvorstellung, doch selten war ich so unschlüssig wie diesmal. Denn es geht um ein Buch, in dem zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt werden; das alles auf drei, vier Zeitebenen. An der Oberfläche ist der Roman „Der Wilde“ von Guillermo Arriaga die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Im Zentrum der Handlung steht das Kleine-Leute-Viertel Unidad Modelo in Mexiko-City, in dem der Ich-Erzähler Juan Guillermo und sein Bruder Carlos aufwachsen. Das Leben findet zu großen Teilen auf den flachen Dächern der Häuser statt, die „Landschaft aus Wassertanks, Wäscheleinen und Fernsehantennen“ ist ein Ort, an dem sich besonders die jungen Menschen treffen. Es gibt Wege von Dach zu Dach, die schmalen Gassen müssen übersprungen werden. Der Grund für diese Rückzugsgebiete ist die politische Situation: Es ist das Jahr 1969 und die konservative mexikanische Regierung mit ihrer Kommunisten-Paranoia geht rigoros gegen jeden vor, der nicht in das offizielle Weltbild passt; lange Haare bei einem Mann reichen, um von den patrouillierenden Polizisten zusammengeschlagen zu werden. Ein Jahr zuvor endete eine Studenten-Demonstration im Kreuzfeuer des mexikanischen Militärs. Weiterlesen

Derbe Zärtlichkeit

Sven Heuchert: Koenige von Nichts

Kann man objektiv über ein Buch urteilen, wenn ein Zitat von einem selbst auf der Rückseite steht? Wenn man mit dem Autor zwei-, dreimal im Jahr ein Bier trinken geht und über das Schreiben, die Literatur und Gott und Welt quatscht? Das waren die Gedanken, als ich Sven Heucherts „Könige von Nichts“ aufschlug, ein Band mit vierzehn Short Stories. Allerdings waren sie schnell vergessen, diese Gedanken, denn die Geschichten haben es in sich.

Nach einem Roman ist dies Heucherts zweites Buch mit Erzählungen, kurz und knapp, ganz in der Tradition der amerikanischen Short Stories eben. Schon das erste beinhaltete Miniaturen der Hoffnungslosigkeit, die eine Alltagstristesse schilderten, die manchmal schwer zu ertragen war. Aber geschrieben mit einer erzählerischen Eleganz, welche die Kunst des Weglassens zelebriert. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Mit dem neuen Band „Könige von Nichts“ ist dem Autor ein würdiger Nachfolger gelungen. Weiterlesen

Die Lebenden und die Toten

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein Bild. Das Bild eines Dorfes, einer kleinen Stadt mit ihren Bewohnern, mit all den unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihrem Glück, ihrer Trauer, ihren verpassten Chancen, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung, ihrem  Hadern, ihren Tränen und ihrem Lachen, kurz: Ihrem Menschsein. Es ist eine literarische Collage, durch die sich die Stadt nach und nach bevölkert, wir Leser langsam Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte erkennen können. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, die genau dies mit ihrer Erzähltechnik fertigbringen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Denn das eine berichtet von den Lebenden, das andere von den Toten. Es sind die Romane „Speicher 13“ von Jon McGregor und „Das Feld“ von Robert Seethaler. Weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. „Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas“ führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn „unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.“

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. Weiterlesen

Nicht wegschauen!

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski zur Schließung des Georgian National Book Center

Photo: (c) Henriette Gängel

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski* zur Schließung des Georgian National Book Center

Die erfahreneren Buchmessebesucherinnen und -besucher raunten bewundernd: So etwas hätten sie seit Island nicht mehr erlebt, diese Stimmung der Begeisterung, des Mitgerissenwerdens, der literarischen Euphorie.

Georgien ist ein kleines Land am Schwarzen Meer, das geografisch bereits zu Asien gehört, ein Grenzland der Kontinente, ein Verbindungsstück der Kulturen.

Auf einer Fläche kleiner als Bayern leben nur ungefähr ein Viertel so viele Menschen. Und doch hat Georgien einen leidenschaftlichen Sturm der Sympathie für seine Literatur entfacht, als es im vergangenen Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Auch der Auftritt des Gastlandes Brasilien im Jahr 2013 bleibt den meisten als besonders gelungen in Erinnerung, doch Georgien hat 2018 noch einmal völlig neue Maßstäbe gesetzt und für viele sogar den eingangs erwähnten, oft gerühmten Auftritt Islands in den Schatten gestellt. Georgien in Frankfurt war etwas Einmaliges. Weiterlesen

Älterwerden. Ein Textbaustein*

Ueber das Aelterwerden. Ein Textbaustein von Steffen Kopetzky.

In der Rubrik Textbausteine stelle ich Textpassagen vor, die mir wichtig sind. Es sind manchmal nur ein paar kurze Sätze, die mich beim Lesen mit einer solchen Wucht getroffen haben, dass ich sie nie wieder vergessen werde. Manche davon begleiten mich schon viele Jahre, über andere bin ich gerade erst gestolpert. Miteinander gemein haben sie, dass sie Gefühle in Worte fassen, für die mir bisher die passenden Worte fehlten oder dass ich sie genau dann gefunden habe, als ich sie brauchte. Gerade ist es mir wieder so ergangen, diesmal mit einer kurzen Textstelle aus dem Buch „Propaganda“ von Steffen Kopetzky. Weiterlesen

In zwei Welten

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

In New York begegnen sich durch Zufall zwei junge Menschen, die sich ineinander verlieben und eine intensive Zeit miteinander verbringen. Etwas, das tagtäglich geschieht. Doch diese beiden wissen von Beginn an, dass diese Zeit nur ein paar Monate dauern, dass ihre Liebe keine Zukunft in ihren jeweiligen Welten haben kann. Denn Liat ist Israelin und Chilmi Palästinenser. Im Roman „Wir sehen uns am Meer“ erzählt Dorit Rabinyan ihre Geschichte. Weiterlesen

Zwei Jäger

Niklas Natt och Dag: 1793

Gut recherchierte historische Kriminalromane lassen auf ihrem Weg weit zurück in die Vergangenheit Epochen auferstehen, die scheinbar längst verschwunden sind. Aber nur selten gelingt dies so vielschichtig wie in dem Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag, der uns mitnimmt nach Stockholm in das titelgebende Jahr. Und in eine Zeit der Umbrüche.

1793 also. 100 Jahre zuvor war Schweden noch eine der wichtigen europäischen Großmächte gewesen, ein Land, dem der Dreißigjährige Krieg große Territorialgewinne eingebracht hatte. Mit dem Scheitern der Feldzüge Karls XII. und dessem Tod im Jahr 1718 setzte der Niedergang ein und 1793 war Schweden ein Land der extremen Gegensätze, bitterste Armut existierte neben dem verschwenderischen Lebensstil der Reichen. Vier Jahre zuvor hatten genau diese Gegensätze in Frankreich zu einer Revolution geführt, und nur wenige Monate vor Beginn der Romanhandlung war der französische König guil­lo­ti­nie­rt worden – ein Ereignis, das in ganz Europa für Unruhe unter den Mächtigen sorgte. Es brodelte auf dem Kontinent und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen bekammen erste Risse. Weiterlesen

Verwehte Spuren

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

„Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch, nein, Gesamtkunstwerk war dieses Gefühl sofort da.

Schon der Geruch. Jede Lektüre beginnt mit einem tiefen Einatmen des Buchgeruchs, dieser wunderbaren Mischung aus Papier, Druckerschwärze und Leim, besser als jedes Parfum dieser Welt. Bücher riechen unterschiedlich und das „Verzeichnis einiger Verluste“ duftete phänomenal – ich saß mit begeistertem Gesichtsausdruck in der Straßenbahn und erntete einen wissenenden Blick von gegenüber. Nach den ersten Seiten beschloss ich, dieses Buch nicht in der Bahn zu lesen, es nicht der Hektik des Arbeitswegs auszusetzen; schon die zweiseitige Vorbemerkung lässt den Leser so tief in das Thema eintauchen, dass es schade um jede Störung von außen ist. Weiterlesen

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen

Koelner Literaturnacht 2019

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen. Das war einer der unzähligen, leicht wirren Gedanken, die mir am 3. Mai 2019 spätabends durch den Kopf wirbelten. In 24 Stunden sollte die 1. Kölner Literaturnacht stattfinden und ich kam nicht zur Ruhe. Das war auch nicht verwunderlich: Das Organisationsteam der Kölner Literaturnacht, zu dem auch ich gehöre, hatte jetzt vier Monate lang an diesem Projekt gearbeitet. Stunden über Stunden, alles ehrenamtlich und neben unseren eigentlichen Jobs. An anderer Stelle hatte ich bereits darüber berichtet. Weiterlesen

Abhandengekommen

Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

In Köln gibt es die Redewendung: „Beim ersten Mal haben wir es ausprobiert, beim zweiten Mal ist es schon Tradition und beim dritten Mal Brauchtum.“ Allerdings geht es jetzt nicht um Köln, sondern um Leipzig. Genauer gesagt um die Wohnzimmerlesung anlässlich der Leipziger Buchmesse. Diese Lesung fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt, ist nach obiger Definition also schon eine Tradition. Und genau so hat es sich angefühlt, etliche der letztjährigen Besucher waren wieder dabei, aber auch einige neue Gesichter. Zu Gast war dieses Jahr Demian Lienhard mit seinem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“. Ein Buch, dass den Lesern die dramatische Situation im Zürich der Achtzigerjahre nahebringt. Sehr nahe. Weiterlesen

Eine Geschichte erzählen

Alex Capus: Koenigskinder

Die Bücher von Alex Capus mochte ich schon immer und einmal durfte ich auch seine Entertainer-Qualitäten bei einem Liveauftritt erleben – ein denkwürdiger Spätnachmittag auf einem Ausflugsschiff weit draußen auf dem Zürichsee. Jetzt aber soll es um seinen Roman „Königskinder“ gehen. Darin erzählt Alex Capus die unglaubliche Liebesgeschichte von Jakob und Marie, die es aus den Schweizer Bergen am Vorabend der französischen Revolution an den Versailler Königshof verschlug. Und das alles charmant eingebettet in eine Autopanne im Hier und Jetzt – denn elegant springt die Handlung immer wieder ins Heute und schafft mit diesem Perspektivwechsel ein wunderbares Lesevergnügen.
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