Schwarzer Gott und roter Schienenbus

Bov Bjerg: Serpentinen

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, um den Roman »Serpentinen« von Bov Bjerg einen Bogen zu machen. Die Themenkombination Familiengeschichte, Depression und Suizid schien mir zu heftig – ich war mir nicht sicher, ob ich mich tatsächlich damit auseinandersetzen wollte. Aber wie der Zufall so spielt, liegt das Buch nun doch ausgelesen neben mir. Denn »Serpentinen« steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und als einer von zwanzig Buchpreisbloggern, die jeweils einen der Longlist-Titel auf ihrem Kanal vorstellen, erhielt ich diesen Roman zugeteilt. Mit etwas banger Erwartung habe ich mich an die Lektüre gewagt – und sie war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Um es vorweg zu nehmen: Enttäuschend anders. 

Der Ich-Erzähler – Soziologie-Professor aus Berlin, etwas über fünfzig – fährt mit seinem Sohn im Grundschulalter zu dem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb, in dem er aufgewachsen ist. Bjerg-Leser kennen ihn schon aus dem Roman »Auerhaus«, wobei die beiden Bücher nicht miteinander verbunden sind. Viele Jahre nach der Handlung des ersten Romans möchte er seinem Sohn die Plätze der eigenen Kindheit zeigen, sich insgeheim aber den Dämonen stellen, die ihn schon sein ganzes Leben lang verfolgen. Es ist »der Schwarze Gott«, der ihn plagt, eine Umschreibung für die Depressionen, an denen schon seit mehreren Generationen die männlichen Mitglieder seiner Familie erkranken. Und die fatale Folgen hatten: »Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben.« Selbstmord als Familientradition. Er hatte es bis jetzt geschafft, mit dieser Tradition zu brechen, war der Enge der Provinz entkommen. Doch an Depressionen erkrankt war er ebenfalls und je älter er wurde, desto mehr rückte die Möglichkeit eines Suizids in sein Bewusstsein. Kann die Reise zurück, die Fahrt die Serpentinen hoch in den Ort der Kindheit dabei helfen, dies zu überwinden? Und wie kann er seinen Sohn vor dieser Familienkrankheit schützen?

»Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch Vater werden würde. Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte. Was war, wenn ich mich geirrt hatte?« 

Am Ort seines Aufwachsens prasseln die Erinnerungen auf ihn ein. Erinnerungen an Väter, die ihre Kinder verprügeln, an Mütter, die ihre Kinder schlagen, an Männer, die ihre Ehefrauen mit dem Messer bedrohen, an Alkohol, an Arbeitslosigkeit und Alltagstristesse, an ein Klima der Gewalt, der Borniertheit und der Ausgrenzung. 

Ein prägendes Gefühl ist dabei das der Fremdheit. Egal, ob es sich um die Vertriebenenschicksale seiner sudetendeutschen Vorfahren handelt, die als Katholiken in einer streng protestantischen Gegend unterkommen mussten. Oder um das ständige Unter-Beobachtung-stehen, das mit dem Leben in einem kleinen Ort einhergeht. Oder um das herkunftsbedingte Gefühl des Fremdseins, das den Ich-Erzähler auch viele Jahre später niemals verlassen sollte; auch nicht als Professor im Kreise anderer Akademiker, die bürgerliche, städtische Elternhäuser hatten. Und letztendlich auch nicht in seiner Ehe mit einer erfolgreichen Anwältin und als Vater. An einer Stelle gibt es eine kleine Reminiszenz an das Buch »Rückkehr nach Reims«, die wütende Anklage Didier Eribons an die mal mehr, mal weniger subtile Undurchlässigkeit einer Gesellschaft.  

Über allem schwebt ständig der Schwarze Gott. Und die unausgesprochene Frage, ob Depressionen die Folge oder die Ursache eines solchen Lebens sind. 

Immer wieder rauscht ein Schienenbus durch seine Erinnerungen – dies fand ich ein wunderbares Symbol für die Zeit der frühen Siebzigerjahre. Auch ich kann mich noch vage an diese roten Schienenbusse erinnern, die in Sichtweite meines Elternhauses auf dem brombeerbewachsenen Bahndamm vorbeifuhren. Es war die Nahverkehrsverbindung auf den Nebenstrecken jener Zeit; auf der einen Seite ein Symbol der Provinz, auf der anderen Seite ein Versprechen, in einem solchen Schienenbus aufzubrechen in die große weite Welt. Schon lange habe ich nicht mehr an diese Fahrzeuge gedacht. 

Doch trotz dieser Schienenbus-Erinnerungen konnte mich »Serpentinen« als Roman nicht überzeugen. Die Geschichte hat mich fast gänzlich kalt gelassen, ist an mir abgeperlt. Das meiste war mir zu glatt erzählt, hatte keine Widerhaken, in denen ich mich als Leser hätte verfangen können. Sehr konstruiert wirkte alles – Depression plus Familiengeschichte plus Klassismus plus Provinz-Bashing, alles nur grob angedeutet und etwas lieblos gewürzt mit eingestreuter Nazi-Vergangenheitsbewältigung. 

Dabei gab es immer wieder kurze, vielversprechende Stellen, an denen zu sehen war, was möglich gewesen wäre, welches erzählerische Potential unter der Oberfläche schlummerte. Etwa bei Sätzen wie diesen: »Ich fragte mich, ob es richtig gewesen war, mit dem Jungen hierherzukommen. Ihm zu zeigen, was von mir und meiner Kindheit noch übrig war. Dadurch machte ich alles unnötig schwer. Alles wurde zäh, jede Bewegung, jeder Gedanke. Fette Brocken Lehm klebten an den Schuhen um am Hirn und bremsten alles. Ich konnte doch nur drum herumreden. Ich musste den Schwarzen Gott von ihm fernhalten, und ich wusste nicht wie.«

Und im letzten Viertel – als die Situation langsam unberechenbar zu werden beginnt – da hätte mich die Handlung fast doch noch gekriegt. Aber da war das Buch dann schon zu Ende. 

Was mir an diesem Roman fehlt, ist eine erzählerische Kraft, die mich in die Geschichte, in die dunklen Gedanken des Protagonisten hineinzieht. Die eine Energie entwickelt, die mich packt und dazu bringt, mich mit einem Thema zu beschäftigen, das wehtut. Ein aktuelles Beispiel dafür, wie dies gelingen kann, ist zum Beispiel der Roman »Was man sät« von Marieke Lucas Rijneveld, der eine bedrückende, unangenehme Stimmung so mitreißend vermittelt, dass man trotz seines Unbehagens nicht aufhören mag zu lesen. Bei »Serpentinen« habe ich genau dieses Mitreißende vermisst. Und zwar fast vollständig. 

Nun ist der Buchgeschmack immer ein subjektiver, andere mögen dieses Buch ganz anders wahrnehmen. Dem Roman sei der Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gegönnt, wobei ich mich persönlich über Titel wie »Der Empfänger« von Ulla Lenze, »Stern 111« von Lutz Seiler oder »Leben ist ein unregelmäßiges Verb« von Rolf Lappert mehr gefreut hätte. 

Eine ausführliche Besprechung von »Serpentinen« gibt es bei meinen Bloggerkolleginnen Lena Stöneberg und Nicola Kammer vom Blog Wortgelüste, die ebenfalls zum diesjährigen Team der Buchpreisbloggenden gehören. 

Verlosung!

Wer dieses Buch gerne selbst lesen möchte, hat die Möglichkeit, es auf Instagram (nur dort) zu gewinnen: Mir wurde vom Claasen Verlag freundlicherweise ein zusätzliches Exemplar von »Serpentinen« für eine Verlosung zur Verfügung gestellt. Was müsst ihr tun? Einfach dem Link zu Instagram folgen und dort den Post zum Buch kommentieren. Stichtag: Sonntag, 13. September 2020 um 24.00 Uhr. Viel Glück! Das Buch ist verlost und wurde der Gewinnerin zugesandt. Vielen Dank für die rege Teilnahme und die zahlreichen Kommentare.

Buchinformation
Bov Bjerg, Serpentinen
Claassen Verlag
ISBN 978-3-456-10003-8

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Architekt des Umbruchs

Hilary Mantel: Woelfe | Falken | Spiegel und Licht

In den drei Bänden »Wölfe«, »Falken« und »Spiegel und Licht« erzählt die Autorin Hilary Mantel die Lebensgeschichte Thomas Cromwells, jenes Mannes, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Verlauf der englischen Geschichte entscheidend prägte. Zwar handelt es sich um Romane, doch sie beinhalten nur wenig Erfundenes. Das ist auch gar nicht notwendig, denn Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk. „Architekt des Umbruchs“ weiterlesen

Schreiben, um zu leben

Lily King: Writers & Lovers

Der Roman »Writers & Lovers« von Lily King beginnt mit einem starken ersten Satz: »Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken.« Schon hat man als Leser eine Person vor Augen, die vollkommen mit dem Rücken zur Wand steht. Diese Person, diese Ich-Erzählerin ist Casey, die einen ganzen Sack voll heftiger Probleme mit sich trägt; ihr einziger Trost, ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Verlangen ist das Schreiben. »Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.« Casey ist Autorin, 31 Jahre alt, pleite, Halbwaise mit einem gebrochenen Herzen und gelegentlichen Angstattacken, und sie schreibt seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman. „Schreiben, um zu leben“ weiterlesen

Buchpreisbloggen 2020

Es ist wieder Buchpreiszeit. Und auch wenn die Verleihung des Deutschen Buchpreises am 12. Oktober 2020 unter erschwerten Bedingungen stattfinden wird, lenkt das Procedere auch dieses Jahr wieder den Fokus auf die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Die Longlist besteht wie immer aus zwanzig Titeln, sechs davon stehen  am 15. September 2020 auf der Shortlist – und einer von ihnen wird von der Jury zum Roman des Jahres gekürt werden. „Buchpreisbloggen 2020“ weiterlesen

Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick

Kaffeehaussitzers Netzrueckblick

Irgendwann im Sommer 2016 hatte ich einen beruflichen Termin mit Christian von Zittwitz, dem Gründer und Herausgeber der Zeitschrift BuchMarkt. Dabei unterhielten wir uns über das Bloggen und über die Welt der Literaturblogs, die zu dieser Zeit gerade dabei waren, sich einen Platz im Literaturbetrieb zu erarbeiten. Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte, regelmäßig für die Online-Präsenz seiner Zeitschrift eine Auswahl lesenswerter Texte zusammenzustellen. Damit war sie geboren, die Kolumne »Kaffeehaussitzers Netzrückblick« und am 31. August 2016 ging sie zum ersten Mal online. „Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick“ weiterlesen

Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. „Ein Gangster-Triple“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

Germinals Erben

Sorj Chalandon: Am Tag davor

Es ist die Schlüsselszene im Roman »Am Tag davor« von Sorj Chalandon: Zwei Brüder – der sechzehnjährige Michel und der dreißigjährige Joseph – brettern am 26. Dezember 1974 auf Josephs Moped durch die nächtlichen Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösischen Kohlegebiet. Dieser Moment scheinbar ungetrübter Ausgelassenheit wird im Verlauf der Handlung immer wieder auftauchen, wird seine Bedeutung verändern und zum Schluss die Erzählung auf eine vollkommen neue Ebene hieven. Denn die nächtliche Mopedfahrt prägt das gesamte Leben des Ich-Erzählers Michel. Es ist der Tag davor. 

Sein von ihm vergötterter älterer Bruder Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. „Germinals Erben“ weiterlesen

Das Schreiben und der Zorn

Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller

Während momentan darüber diskutiert wird, ob und wie die Frankfurter Buchmesse 2020 in Zeiten von Corona stattfinden kann, denke ich an die Messe im letzten Herbst. Genauer gesagt, an ein Gespräch mit der Autorin Mareike Fallwickl, denn mit jenem Gespräch im Hinterkopf habe ich kürzlich ihr Buch »Das Licht ist hier viel heller« ein zweites Mal gelesen. Und wenn man weiß, dass der Plot ursprünglich anders geplant war, das Schreiben aber von der Realität überholt wurde, dann entfaltet das Buch eine andere Wirkung. Intensiver. Und wütender. „Das Schreiben und der Zorn“ weiterlesen

Acht Tage, sechs Bücher

Acht Tage, sechs Buecher

Ende Mai hatte ich eine Operation am Knie. Danach war ich im wahrsten Sinne des Wortes für acht Tage ausgebremst; damit die OP-Narbe gut verheilen konnte, verbrachte ich die Zeit mehr oder weniger liegend. Und lesend. Sechs Bücher sind es geworden, von denen vier schon länger im Regal standen und auf den richtigen Lesemoment gewartet haben. Ein neues Buch eines Lieblingsautors aus alten Zeiten war dabei, dann ein Buch, dass mich mit einer völlig unerwarteten Wucht traf. Ein Buch, das ich fast wieder weggelegt hätte, bevor eine kurze Textstelle mich geradezu in die Story hineingerissen hat. Ein Ausflug ins 19. Jahrhundert gehörte dazu, außerdem eine literarische Begegnung mit einem amerikanischen Kultautor. Und ein Buch, das weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. „Acht Tage, sechs Bücher“ weiterlesen

Vom Untergang einer Welt

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Fast hätte ich mir das Buch »Der Wintersoldat« von Daniel Mason gar nicht gekauft. Das Buchcover zeigt einen Menschen in Rückenansicht, der sich mit wehendem Mantel vom Betrachter weg bewegt – diese Art der Buchgestaltung gibt es bereits in viel zu vielen Varianten und ich mag sie nicht besonders. Aber trotzdem sprach mich irgendetwas daran an, sorgte zumindest für ein zweites Hinsehen. Vielleicht war es der Titel »Wintersoldat«, vielleicht waren es die dunklen, wolkenverhangenen Bergrücken auf dem Umschlagbild, die eine Düsternis ausstrahlten, die mich neugierig machte. Als dann der Klappentext eine Handlung in den Karpaten während des Ersten Weltkriegs versprach, war die Kaufentscheidung getroffen. Denn dies ist ein fast vergessener Schauplatz in den vielen Darstellungen jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und ich war gespannt, wie die Lektüre zu meinem Leseprojekt Erster Weltkrieg passen würde. „Vom Untergang einer Welt“ weiterlesen

Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta. „Land Of The Free?“ weiterlesen

Die große Angst. Ein Textbaustein*

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund

Als ich Anfang zwanzig war, drückte mir ein Freund den Roman »Siddhartha« in die Hand und meinte, ich müsse ihn unbedingt lesen. Darauf folgte eine kurze, aber intensive Phase, in der ich so ziemlich alles von Hermann Hesse verschlungen habe, was mir in die Finger kam. Das ist inzwischen knapp drei Jahrzehnte her, doch kürzlich fand ich beim Durchforsten der Buchregale »Narziß und Goldmund« wieder, das einzige Hesse-Buch, das ich neben jenem »Siddhartha« noch besitze. Als ich den schmalen Suhrkamp-Band in der prägnanten Gestaltung dieser Zeit durchblätterte, fand ich eine markierte Textstelle. Es sind Worte, die mich mich damals bis ins Mark getroffen haben. Und sofort waren eine Menge Erinnerungen wieder da. „Die große Angst. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Murakami, zweiter Versuch

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Es ist schon einige Jahre her, dass ich mein erstes Buch von Haruki Murakami gelesen habe. Es war »Wilde Schafsjagd«, ich habe mich bis zur letzten Seite durchgequält und fand es furchtbar. Abgehakt, dachte ich lange Zeit. Allerdings ist der Name des Autors so präsent, dass man immer wieder auf ihn stößt. Und durch das Bloggen über Literatur kenne ich etliche Menschen, deren Buchempfehlungen ich sehr schätze und die jedem neuen Murakami-Roman begeistert entgegenfiebern. Irgendetwas scheine ich überlesen zu haben, irgendetwas, das es doch noch zu entdecken gibt – diese Gedanken waren der Auslöser für den zweiten Versuch, den ich letzten Herbst mit »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« startete. Denn, so versicherten mir mehrere Murakami-Fans, dieser Roman sei einer der am leichtesten zugängliche und ein guter Einstieg. 

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich gehöre immer noch nicht zur Murakami-Fangemeinde. Doch die Lektüre von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« war ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art. „Murakami, zweiter Versuch“ weiterlesen

Abgebrochene Brücken

Kai Havaii: Rubicon

Eigentlich hätte ich den Namen Kai Havaii kennen müssen, denn ich bin in den Achtzigerjahren aufgewachsen und er war – oder vielmehr ist – der Sänger der Band »Extrabreit«. Aber die Musik der Neuen Deutschen Welle mochte ich noch nie und auch dreißig Jahre später wechsele ich auf Partys schnell den Raum, wenn die NDW-Nostalgierunde läuft. Wobei ich in Zeiten, wie wir sie momentan erleben,  gerne dazu auf dem Tisch tanzen würde, wenn Partys überhaupt wieder möglich wären.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte ich den Namen Kai Havaii noch nie gehört, als ich bei der Frankfurter Buchmesse 2019 am Blauen Sofa vorbeikam, dem Veranstaltungsformat des ZDF. Genau in diesem Moment war eine Krimirunde zu Gast, es saßen dort Simone Buchholz, Judith Ahrendt, Sebastian Fitzek und eben Kai Havaii. Ein lässiger Typ, der gerade von seinem Kriminalroman »Rubicon« erzählte, der kurz zuvor erschienen war. Und das auf eine Weise, die mich so neugierig machte, dass ich zwei Stunden später mit diesem Buch im Zug saß, auf dem Weg zurück nach Köln. Und mit zunehmender Begeisterung in die Geschichte von Carl Overbeck eintauchte. „Abgebrochene Brücken“ weiterlesen