Geschichte vergeht nicht

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es ist ja so: Von den hunderten oder eher tausenden Büchern, die man in einem Leserleben liest, bleiben viele nur bruchstückhaft im Gedächtnis und bei manchen kann man sich nach ein paar Jahren höchstens noch vage an den Inhalt erinnern – wenn überhaupt. Aber dann gibt es auch die ganz besonderen Werke, jene, auf die man ab und zu stößt, jedes von ihnen eine wertvolle Entdeckung. Jene, deren erzählerische Wucht eine Sogwirkung auslöst, die unbeschreiblich ist. Jene, die einem eine neue Welt eröffnen oder einen mit Haut und Haaren in eine andere Epoche schicken. Jene, die den eigenen Horizont ein Stück vergrößern. Jene, deren Sprache Bilder im Kopf entstehen lassen, die unvergesslich sind; Bilder voller Schönheit und Schrecken. Es gibt sie nicht allzu oft, jene Bücher, die all das in sich vereinen, und ich bin dankbar für jedes von ihnen, das seinen Weg in mein Bücherregal gefunden hat. Und eines davon ist »Alle, außer mir« von Francesca Melandri.

Der Erscheinungstermin des Romans liegt schon etwas zurück. Er sorgte vor ein paar Jahren für viele begeisterte Stimmen, auch bei zahlreichen Menschen, deren Lesevorlieben ich sehr schätze. Daher kaufte ich mir das Buch, aber, wie so oft, wenn ein Roman in aller Munde ist, las ich ihn nicht sofort; es ist dieses Gefühl, schon so viel darüber gehört zu haben, dass man es mit der eigenen Lektüre nicht mehr eilig hat. Vielleicht war es auch das unscheinbare, fast möchte ich sagen, langweilige Cover, das mich so lange zögern ließ. Und so stand das Buch im Regal, wartend auf den perfekten Lesemoment. Der war da, als ich es bei einer Italienreise im Gepäck hatte und mich in einer vom Meer umgebenen italienischen Kleinstadt geradezu hineinfallen ließ in eine unfassbar großartig erzählte Geschichte. 

Die Rahmenhandlung ist dabei das Tor zu mehreren, eng miteinander verzahnten Erzählsträngen, die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt sind, uns zum einen weit zurückführen in die Vergangenheit und uns zum anderen Kontinuitäten aufzeigen, die bis in unsere Zeit reichen. Alles ist miteinander verbunden. 

Die Erzählung beginnt in Rom, im Viertel Esquilin, südlich des Hauptbahnhofs gelegen. An einem Augusttag des Jahres 2010 staunt die 46jährige, alleinlebende Lehrerin Ilaria Profeti nicht schlecht, als sie beim Nachhausekommen vor ihrer Wohnungstüre einen jungen Mann trifft. Ein Afrikaner, genauer gesagt, ein Äthiopier, der nach ihrem Vater Attilio Profeti sucht. Und dessen Namen trägt: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Er sei sein Enkel. Kann das sein? Wie kann das sein? Das sind Ilarias erste Gedanken – bevor sie sich zusammen mit ihrem Halbruder Attilio, der ebenfalls den Namen seines Vaters trägt, auf die Suche macht. Auf die Suche nach der Geschichte jenes Attilio Profetis, der gerade dabei ist, als alter Mensch in seiner Demenz zu verschwinden. Und von dessen Jugend sie viel weniger wissen, als gedacht – ein paar entscheidende Puzzlesteine fehlen. Nach und nach gelingt es ihnen durch die unterschiedlichsten Recherchen Licht in die Dunkelheit zu bringen – in die Dunkelheit eines Lebens und einer ganzen Epoche.

1915 geboren wuchs Attilo Profeti hinein in den Faschismus Mussolinis. Außerordentlich gutaussehend mit einem markanten, »arischen« Profil, sportlich, intelligent und charmant entsprach er dem männlichen Idealbild der faschistischen Ideologie.  Und zog 1935 als Freiwilliger in den Krieg, nach Äthiopien. Oder Abessinien, wie es damals hieß. 

Der Abessinienkrieg ist eines der vielen düsteren, brutalen Kapitel der Kolonialgeschichte. Das Kaiserreich am Horn von Afrika war das einzige Land des Kontinents, das sich jahrhundertelang gegen alle Eroberungsversuche erfolgreich verteidigt hatte. Mussolini, der von einem italienischen Großreich träumte, überfiel Abessinien im Oktober 1935 und es folgte ein gnadenloser Vernichtungsfeldzug, in dem mit dem Einsatz von Bombenteppichen, Giftgas und Flammenwerfern wahllos gemordet wurde. Und in dem es den italienischen Aggressoren trotzdem nicht gelang, das gesamte Land zu besetzen. 

Francesca Melandri erzählt aus der Sicht Attilios, der sich einige Jahre in Abessinien aufhalten wird und dabei wertvolle Kontakte für sein späteres Leben knüpft. Sie erzählt die Geschichte Abebas, einer Äthiopierin, die mit Attilio zusammenlebte und die die Mutter seines Sohnes werden sollte. Ein Sohn, den Attilio nie sehen würde. Viele der italienischen Besatzungssoldaten nahmen sich eine Äthiopierin zur Frau, wobei die »Eheschließung« eine Farce war, um den Schein zu wahren. Bei ihrer Rückkehr nach Italien vergaßen sie ihre dortigen »Ehefrauen« rasch wieder. 

Sie erzählt am Beispiel von Attilios Sohn die Geschichte Äthiopiens, das die italienische Kolonialherrschaft zwar abschütteln konnte, aber nie zur Ruhe kommen sollte, bis heute. Sie erzählt am Beispiel von Attilio selbst, wie alte Seilschaften den Faschismus in italienischen Amtsstuben, Behörden und staatlichen Einrichtungen überdauern sollten, wie ein ganzes Land geprägt wurde von Korruption und gegenseitigen Gefälligkeiten. Und vom Schweigen. Denn die Zeit des Faschismus ist bis heute in Italien nur wenig aufgearbeitet, Mussolinis Diktatur wird von vielen verklärt, gilt schon beinahe als harmlos im Vergleich zu den Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten. Doch Melandris Buch macht klar, dass Benito Mussolini nicht eine Art Operetten-Faschist war, der martialische Auftritte liebte. Sondern ein Gewaltherrscher, der unzählige Opfer zu verantworten hat. Der mörderische Vernichtungskrieg in Abessinien stand den Verbrechen der SS und Wehrmacht in nichts nach; allerdings wird über Gräuel wie etwa das Pogrom von Addis Abeba oder das Massaker von Zeret heute kaum gesprochen, so als seien sie aus dem Bewusstsein der Italiener, der Europäer verschwunden. Mit ihrem Roman sorgt Francesca Melandri dafür, dass diese Schrecken nicht vergessen werden. 

»Alle, außer mir« verknüpft die italienische und die äthiopische Geschichte auf das Engste miteinander. Wir erfahren, was aus den für die Gräuel verantwortlichen Kriegsverbrechern wurde, wie auch lange nach dem Krieg durch die italienische Entwicklungspolitik die Ausbeutung Äthiopiens fortgesetzt wurde. Und was die Flüchtlingsdramen, die sich heute im Mittelmeer abspielen, mit einer längst vergangenen Zeit zu tun haben. Die Epochen gehen ineinander über und selten wird durch einen Roman so deutlich, dass die Geschichte nie vergeht, sondern unser Heute prägt. In allen Facetten.

Mit der Person des Attilio Profeti hat die Autorin dabei einen Fixpunkt geschaffen, um den sich ein ganzes Jahrhundert dreht. Gekonnt wird die Faszination beschrieben, die der Faschismus auf junge, abenteuerlustige Menschen ausüben konnte. Und wie schnell die Schwelle zwischen dieser Abenteuerlust und Gnadenlosigkeit überschritten werden konnte. Dabei vermeidet sie die simple Unterscheidung zwischen Gut und Böse, denn das wäre zu einfach. Attilio mag als Familienvater ein Patriarch gewesen sein, ein Macho, einer, der sich in seinem späteren Leben geschickt im morschen politischen System der italienischen Republik zu bewegen weiß. Aber er wird weder als ein guter, noch als ein schlechter Mensch dargestellt. Sondern als ein Kind seiner Zeit, einer, der sich in seinen Lebenslügen eingerichtet hat.

Um wieder ins Jahr 2010 zurückzukehren: Ilaria wiederum, Attilios Tochter, hasst dieses morsche politische System der unzähligen Gefälligkeiten. Sie will sich vollkommen daraus heraushalten, bis sie einsehen muss, längst eine Nutznießerin zu sein. Und bis sie es letztlich benötigt, um Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti zu helfen. Dem Enkel ihres Vaters. Aus Äthiopien. 

An dieser Stelle habe ich beim Verfassen dieses Textes innegehalten und noch einmal durch das Buch geblättert, das – wie immer, wenn ich einen Blogbeitrag schreibe – neben mir liegt. Das Vorsatzblatt ist übersät mit notierten Seitenzahlen; insgesamt habe ich einundneunzig Textstellen angestrichen, die mir wichtig erschienen. Und daher ist mir auch klar, dass ich bisher nur von einem Bruchteil der Handlung gesprochen, mich vor allem auf den historischen Teil des Buches konzentriert habe. Dabei gäbe es noch viele weitere Aspekte und Stränge der Romanhandlung herauszuarbeiten, über viele weitere Details zu sprechen, die das gegenwärtige Italien betreffen: Etwa über die  italienisch-europäische Flüchtlingspolitik, die gescheiterte italienische Integrationspolitik, so sie denn jemals existierte, über das Entstehen von Parallelwelten, über den Niedergang der Wirtschaft, über gesellschaftliche Bruchstellen. Und vor allem über die Kontinuität postfaschistischen Denkens, das in Italien niemals verschwunden war – bis heute kann man in Souvenirläden Duce-Devotionalien erwerben. 

Ich habe schon länger an dieser Buchvorstellung geschrieben, zwischenzeitlich ruhte sie im Entwürfeordner; es fiel mir nicht ganz leicht die Komplexität des Werkes in Worte zu fassen. Eine Komplexität, die mit eleganter Leichtigkeit daherkommt und einen als Leser geradezu durch die Seiten fliegen lässt – im Bewusstsein, gerade eines jener besonderen Bücher zu lesen, die einem nicht allzu oft begegnen. Doch einen passenderen Tag für eine Veröffentlichung dieser Besprechung kann es kaum geben: Am heutigen 24. September 2022 ist Wahl in Italien – und die Kandidatin Giorgia Meloni mit ihrer rechtsextremen Partei Fratelli d’Italia hat beste Chancen, diese Wahl zu gewinnen (Nachtrag, einen Tag später: Genau so ist es leider auch gekommen). »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« – diesem Satz von Bertolt Brecht ist wohl nichts hinzuzufügen. Denn ein Land, dass sich den Verbrechen, die in seinem Namen verübt wurden, nicht stellt, kann aus der Geschichte nichts lernen und ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. 

Daher ist Francesca Melandris Roman nicht nur ein brillant geschriebenes Buch, sondern ein wichtiges. Wichtiger denn je.

Buchinformation
Francesca Melandri, Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-3296-3

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Die Bücher der Rose

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In der Beschreibung dieses Blogs heißt es, dass es darin um Bücher, Texte und Leseerlebnisse geht. Manchmal werde ich gefragt, was unter einem Leseerlebnis zu verstehen sei, doch darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es kann etwa ein Buch sein, das mich zurückführt in eine vergangene Zeit meines Lebens, so, als würde ich in einen Spiegel schauen. Oder ein Roman, in dem eine mir wenig bekannte Epoche so intensiv vor mir ausgebreitet wird, wie es mit literarischen Mitteln nur möglich ist. Ein Buch, das seltsame Träume auslöst. Oder eines, das mich so tief in die Handlung hineinzieht, dass ich mich danach wochenlang auf keine neue Lektüre einlassen kann. Und manchmal kann ein Leseerlebnis lediglich aus einer kurzen Textstelle* bestehen oder aus einem einzigen Satz; wenn ich dort Worte finde, die etwas in mir verändern. Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Die Trost spenden und eine offene Wunde schließen. Oder zumindest ein Pflaster darauf kleben. Und genau solch ein Pflaster, solch eine Textstelle ist mir auf den ersten Seiten des Romans »Chamäleon« von Annabel Wahba begegnet. Davon möchte ich hier erzählen. „Ein Satz wie ein Geschenk“ weiterlesen

Ein Wort zum Selfpublishing

Im Impressum dieses Blogs sowie auf der Seite mit den Kontaktangaben steht direkt bei der E-Mail-Adresse »Eine Anmerkung zu Selfpublishing-Titeln«. Und darunter folgender Hinweis: »Bei der Auswahl meiner Lektüre verlasse ich mich vor allem auf die Buchhandlungen meines Vertrauens und auf die Empfehlungen befreundeter Leser und Blogger. Bei der Fülle an Büchern und einer leider nur allzu begrenzten zeitlichen Kapazität lese ich ausschließlich Werke, die in einem Verlag erschienen und in einer Buchhandlung erhältlich sind. Alleine diese Vorauswahl würde für mehrere Leseleben reichen. Ich bitte daher darum, mir keine Informationen zu Selfpublishing-Titeln zukommen zu lassen.«

Wenn ich in mein E-Mail-Postfach schaue, dann frage ich mich an manchen Tagen, was an dieser Bitte nicht zu verstehen ist. Vielleicht entgeht mir ja tatsächlich die ein oder andere literarische Perle, aber dafür entdecke ich durch meine beiden Filter eben andere. In diesem Blogbeitrag möchte ich ein wenig mehr dazu schreiben. „Ein Wort zum Selfpublishing“ weiterlesen

Eine Straße als Sehnsuchtsort

Amor Towles: Lincoln Highway

Der drängende Wunsch, unterwegs zu sein ist eines der prägendsten Gefühle meines Lebens. Ich liebe die Aufbruchsstimmung, wenn ein Zug Fahrt aufnimmt. Ich liebe das einen plötzlich überfallende Fernweh, wenn am Himmel ein Flugzeug in der Abendsonne glänzt. Und besonders liebe ich den Anblick einer Straße, die sich am Horizont im Nirgendwo verliert. Was für ein Symbol: Unterwegs sein zu Neuem, dem Stillstand entfliehen – und sei es lediglich in der Phantasie. Kann es etwas Schöneres geben? Daher musste ich keine Sekunde lang überlegen, als ich den Roman »Lincoln Highway« von Amor Towles sah – nur wegen des Covers war das Buch gekauft, bevor ich den Klappentext gelesen hatte und ohne den hochgelobten Vorgängeroman des Autors – »Ein Gentleman in Moskau« – gelesen zu haben. 

Und dann noch der Titel. Lincoln Highway. Die erste Fernstraße der USA, die beide Küsten als eine durchgehende Strecke miteinander verband; vom Times Square in New York bis zum Lincoln Park in San Francisco. Ich freute mich auf die Lektüre, auf einen Roadtrip ins Ziellose Freute mich, die Protagonisten durch endlose Weiten zu begleiten, Meile um Meile, dem Ungewissen entgegen. Das waren die Assoziationen, die Cover und Titel in mir weckten. Und um das Fazit dieser Buchvorstellung an den Anfang zu stellen: Es war in der Tat ein Roadmovie, das mich begeistert, mich auf einen wilden Trip zu einem Neuanfang mitgenommen hat. Nur vollkommen anders, als gedacht. „Eine Straße als Sehnsuchtsort“ weiterlesen

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Ein Mann mit Rucksack auf dem Weg ins Ungewisse: Das Cover des Romans »Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio« von Remo Rapino erinnert ein wenig an Robert Seethalers »Ein ganzes Leben«. Und wie bei diesem Werk geht es ebenfalls um die Lebensgeschichte eines Einzelgängers, eines Menschen der sich immer wieder mit der Einsamkeit arrangieren muss, die ihn wie ein Kokon umgibt. Es ist jener Liborio Bonfiglio, den wir Leser als alten Menschen kennenlernen. Als Ich-Erzähler nimmt er uns mit auf eine Reise durch acht Jahrzehnte Leben und durch die Wechselbäder der italienischen Geschichte. „Die Augen seines Vaters“ weiterlesen

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Der Roman »Das Feuer retten« von Guillermo Arriaga liegt neben mir, gerade habe ich ihn beendet und schaue auf das ziegelsteingroße Buch. Aus den achthundert Seiten scheint Qualm aufzusteigen, so als verströmen sie nach der Lektüre noch eine Mischung aus Testosteron, Adrenalin und Pulverdampf. Was habe ich da gelesen? Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe. Die Geschichte einer Selbstzerstörung. Die Geschichte einer kaputten Gesellschaft. Die Geschichte eines zerrissenen Landes, geprägt von Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Geschichte zweier Menschen, deren Anziehungskraft füreinander sie alle Normen vergessen lässt – mit dramatischen Folgen. Und lebensgefährlichen Konsequenzen. 

Der Autor hat dem Buch zwei Sätze des französischen Regisseurs und Autors Jean Cocteau vorangestellt: »Wenn das Feuer mein Haus niederbrennt, was würde ich retten? Ich würde das Feuer retten.« Dieses titelgebende Zitat ist eine Kampfansage an die Mittelmäßigkeit, in der es sich die meisten von uns bequem eingerichtet haben. Doch wehe, wenn die Mauer, die unser bequemes Leben umgibt und die das Gefühlschaos und die brennende Leidenschaft aussperrt, auch nur einen hauchdünnen Riss bekommt. Dann bricht die eigene, kleine Welt auseinander. „Leben um des Lebens willen“ weiterlesen

Papiergewordene Geschichte, Teil zwei

Papiergewordene Geschichte, Teil zwei

Im Blogbeitrag »Papiergewordene Geschichte« habe ich vor einiger Zeit alte Bücher aus meinen Buchregalen vorgestellt, die für mich besondere Schätze sind. Nicht, weil sie besonders wertvoll wären, sondern weil sie als Objekte schon selbst Geschichten erzählen – und dadurch ein Stück papiergewordene Geschichte darstellen, vollkommen unabhängig vom Inhalt. Es sind Bücher, die schon seit Jahrzehnten durch die unterschiedlichsten Hände gegangen sind, die historische Umwälzungen überlebt haben und nun durch die Zeiten hindurch zu uns sprechen. Hier kommt die zweite Runde dieser Buchschätze. „Papiergewordene Geschichte, Teil zwei“ weiterlesen

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Nathaniel Rich: King Zeno

Eine Weile habe ich überlegt, wie ich das Buch »King Zeno« von Nathaniel Rich hier vorstellen soll. Denn auf den ersten Blick hat es der Autor als Kriminalroman angelegt; und ja, er erzählt von der Suche nach einem Mörder, von Leichenfunden, es gibt Schusswechsel und Verfolgungsjagden und am Ende einen Showdown. Doch hinter dieser Fassade hat die Geschichte noch viel mehr zu bieten, sie nutzt die Form des Krimis als Vehikel, um von einer Stadt im Umbruch zu berichten, von einer spannenden Musikszene, die der Welt neue Impulse geben wird – und von Umweltsünden, die diese Stadt knapp ein Jahrhundert später einholen sollten. Die Rede ist von New Orleans und »King Zeno« nimmt uns mit in das Jahr 1918; zehn Monate lang begleiten wir drei Menschen, deren Leben sich in diesem Zeitraum verändern wird. Dramatisch verändern wird, auf die ein oder andere Weise. „Eine Stadt im Sumpf“ weiterlesen

Die Toten reisen schnell

Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

An dieser Stelle sollte ein prägnanter erster Satz stehen. Einer, der es schafft, sofort neugierig auf ein Buch zu machen, das mich begeistert, fasziniert und so gepackt hat, wie es nicht oft vorkommt. Das ich rasend schnell gelesen habe, weil ich nicht anders konnte, die Sogwirkung war unbeschreiblich. Um es nur widerstrebend aus der Hand zu legen, da auch die längsten Leseabende irgendwann beendet werden mussten. Ein Buch, das mir ein paar Nächte lang unruhige und seltsame Träume beschert hat, nachdem die letzte Seite umgeblättert war. Das sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Das jetzt beim Schreiben schweigend neben mir liegt und mich wieder hineinzieht in eine der ungewöhnlichsten, aber auch verstörendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Die Rede ist von dem großartigen, düsteren Roman »Unser Teil der Nacht« der argentinischen Autorin Mariana Enriquez. Das alles in einem einzigen prägnanten ersten Satz unterbringen? Es ging nicht. „Die Toten reisen schnell“ weiterlesen

Keine Heldengeschichten

Uwe Wittstock: Februar 33 - Der Winter der Literatur

Am 30. Januar 1933 war die Weimarer Republik am Ende, die Nationalsozialisten an der Macht, und das erste demokratische Experiment auf deutschem Boden versank in Gewalt und staatlichem Terror. Die Dynamik, mit der dies geschah, ist erschreckend: »Für die Zerstörung der der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.« Dieses eindrucksvolle Zitat stammt aus dem Buch »Februar 33 – Winter der Literatur« von Uwe Wittstock. Anhand der Schicksale vieler der damaligen Literaturschaffenden rekonstruiert er die dramatischen Ereignisse. Furchteinflößend und mitreißend gleichzeitig, denn er schafft es, uns so dicht an diese alles verändernden Wochen heranzuführen, wie es mit der Macht der Sprache nur möglich ist. „Keine Heldengeschichten“ weiterlesen

Indiebookday 2022, improvisiert

Indiebookday 2022

Seit 2013 ist der Indiebookday ein fester Termin im Kalender vieler Literaturbegeisterter. Er findet stets an einem der letzten Samstage im März statt und ist den vielen unabhängigen Verlagen gewidmet. Die Idee dazu hatte mairisch-Verleger Daniel Beskos; sie ist einfach und hocheffektiv gleichzeitig. Die Leser sind am Indiebookday dazu aufgerufen, eine Buchhandlung aufzusuchen und ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen; ein Verlag also, der konzernunabhängig ist, dadurch mehr Freiheiten bei der Programmgestaltung hat und meist nur aus einem kleinen Team besteht. Auf der Seite Morehotlist, dem »Magazin für unabhängige Bücher und Buchmenschen« gibt es eine Liste deutschsprachiger Independent-Verlage. Und auf der Seite We Read Indie wird für die Frage »Was ist Indie?« eine gute Definition angeboten.

Das Wichtigste an der Aktion: Das im Lieblingsbuchladen gekaufte Buch wird anschließend auf den Social-Media-Accounts der jeweiligen Buchkäufer präsentiert – zusammen mit dem Hashtag #indiebookday. So erhalten die Bücher aus unabhängigen Verlagen an diesem Tag eine geballte Aufmerksamkeit; gleichzeitig ist es Werbung für die Vielfalt der Literatur. Auch viele Buchhandlungen beteiligen sich daran und haben für diesen Tag entsprechende Büchertische aufgebaut. „Indiebookday 2022, improvisiert“ weiterlesen

Remarque und ein staatlich geprüftes Gewissen

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Im Beitrag »Die Bücher meines Lebens« stelle ich diejenigen Werke vor, die in fünf Lebensjahrzehnten den prägendsten Eindruck hinterlassen haben. Einen Roman habe ich dabei vergessen: »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque ist eines der wenigen Bücher, die ich zwischen meinem sechzehnten und zwanzigsten Lebensjahr gelesen habe. Es war die zweite Hälfte der Achtziger und eine Zeit, in der ich mit Literatur und der einsamen Beschäftigung des Lesens nichts anfangen konnte; die Nachmittage, Abende und Nächte mit den Freunden zu verbringen war viel wichtiger. Und trotzdem hat mich Remarques berühmtes Werk gepackt und fasziniert; ich weiß nicht, wie oft ich es damals las, sieben-, acht-, neunmal bestimmt. Die Ausgabe von »Im Westen nichts Neues«, die mir seinerzeit in die Hände fiel, stammt aus dem Jahr 1929; meine Großeltern müssen sie während der zwölf Jahre, in denen das Buch verboten war, irgendwo versteckt haben. Sie waren zwar überzeugte Parteigenossen und da hätte sich dieses Buch schlecht im Regal gemacht. Aber weggeschmissen haben sie es nicht – sie haben nie etwas weggeworfen. Und irgendwann war es in dem Buchregal meiner Eltern gelandet. Dann in meinem. Da ist es immer noch und jetzt, während ich dies schreibe, liegt es neben mir, ich schaue, welche Stellen ich damals mit Bleistift markierte und rufe mir die Jahre zurück ins Gedächtnis, in denen ich es gelesen habe. „Remarque und ein staatlich geprüftes Gewissen“ weiterlesen

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