Vom Denkmalsockel geholt

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Das beginnende 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der großen Umbrüche. Politisch veränderten die Feldzüge Napoleons die Landkarte Europas gravierend, gesellschaftlich sorgten die Ideen der französischen Revolution und das erstarkende Bürgertum für frischen Wind, wirtschaftlich stand die industrielle Revolution in den Startlöchern. Und kulturell wurde die Epoche der Klassik abgelöst durch die Zeit der Romantik. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. In ihrem Roman »Anatomie der Wolken« schildert Lea Singer, wie sich die beiden begegneten, beschreibt ihre Lebensumstände, lässt eine längst vergangene Zeit äußerst lebendig wiederauferstehen und holt den Dichter und den Maler mit fein dosierter Ironie von ihren Denkmalsockeln. 

Die Handlung setzt ein im Dezember des Jahres 1809. Auftritt Goethe: »Er hatte ihn immer gehasst. Weil er ihn an eine Leiche erinnerte, eine riesige, Raum und Zeit füllende Leiche. Ihr Verwesungsgeruch stieg mit dem Rauch aus den Kaminen, ihr Leichentuch aus Schnee verdreckte durch den Ruß. Er konnte sich aber nicht erinnern, jemals einen Winter so sehr gehasst zu haben wie diesen, den sechzigsten in seinem Leben.«

Mit diesen polternden Worten beginnt der Roman und sofort haben wir Goethe vor uns. Einen verbitterten Goethe, nicht mehr jung, für die damalige Zeit eigentlich schon recht alt. Kurz zuvor war sein Roman »Die Wahlverwandschaften« erschienen, der das Auseinanderbrechen einer Ehe thematisierte und überall moralische Entrüstung ausgelöst hatte. Unverstanden fühlte sich der Herr Geheimrat, immerhin der erfolgreichste lebende Dichter des Kontinents. Unverstanden und alleine, vier Jahre zuvor war Friedrich Schiller, sein Freund und intellektueller Sparringspartner, viel zu jung gestorben, seine Ehe mit Christiane Vulpius hatte ihn in Weimar gesellschaftlich isoliert. 

Und was ihn ebenfalls irritiert: Er, der sich nach wie vor für einen großen Charmeur hält, wird von jungen Frauen nicht mehr als solcher wahrgenommen – stattdessen ist in Gesellschaften immer häufiger von dem Landschaftsmaler Friedrich die Rede, der tage- und wochenlang draußen unterwegs ist, um Inspirationen für seine geheimnisvollen Landschaftsbilder zu sammeln. Eine gerade revolutionäre Vorgehensweise, die bei Goethe auf Unverständnis stößt: »Oje! Jetzt redeten sie auch noch vom Mut, zu wandern. Ohne Mittel, ohne fahrbaren Untersatz, ohne zu wissen, wo man nächtigt. Das imponierte denen offenbar. So ein Maler, der, anstatt sich mit Porträts ordentlich Geld zu verdienen, sich stundenlang in Wolken versenkte, der gab diesen jungen Frauen irgendetwas. Nur was?«

Auftritt Friedrich im zweiten Kapitel des Romans: »Jeden Tag fegte Friedrich den Dielenboden in seiner Wohnung in der Pirnaischen Vorstadt in Dresden, dritter Stock, Straßenseite. Er fegte im Atelier, in der Kammer, in der er unter nichts als einer Wolldecke schlief, in der Küche, in der er sich wusch, sich Roggenbrot vom Laib schnitt, Milch einschenkte, Kartoffeln briet und die Pfanne mit einem Leinenlappen auswischte.« 

1809 war Caspar David Friedrich fünfunddreißig Jahre alt. Ein fast besitzloser Maler, der polarisierte; dessen Mystifizierung der Natur besonders bei der jüngeren Generation auf begeisterte Zustimmung traf, während etablierte Kunstkritiker ihn vehement ablehnten. »Ein Mann von Mitte dreißig, der stundenlang gegen den Sturm anwanderte, Klippen erkletterte, an Steilküsten balancierte, durch Eisbäche auf Steinen watete und durch den schweren nassen Sand am Meer rannte.« Friedrich war am liebsten in der Natur unterwegs, fühlte sich in Gesellschaft nicht wohl, verhielt sich unbeholfen und überspielte seine Unsicherheit mit einem brüsken Verhalten. Doch seine Kunst, die geheimnisvolle Stimmung seiner Werke galt in der jungen Generation als das Symbol für Aufbruch und Erneuerung schlechthin. 

Sein erster größerer Erfolg wurde der Ankauf der Bilder »Der Mönch am Meer« und »Abtei im Eichwald« durch den preußischen König. Nachdem Heinrich von Kleist sie hymnisch besprochen hatte, drängte der Kronprinz seinen Vater, sie zu erwerben. Noch heute hängen beide in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel und wenn mir bei einem Berlin-Besuch Zeit bleibt, versäume ich nie, diese zwei Bilder zu besichtigen. Wie viele Stunden ich insgesamt schon vor ihnen verbracht habe, kann ich nicht sagen, es dürften einige gewesen sein. Für mich sind sie – ebenso wie »Das Eismeer« in der Hamburger Kunsthalle mit die großartigsten und mich am meisten berührenden Kunstwerke aller Zeiten, in ihrer Melancholie verloren zu gehen ist ein schon beinahe spirituelles Erlebnis. Übrigens: Im Blog Of Things Past and Imagined gibt es den wunderbaren Reisebericht »Caspar David Friedrich: A pilgrimage«. Unbedingt vorbeischauen!

Aber ich schweife mal wieder ab. Meine Begeisterung für Friedrichs Kunst war allerdings der Anlass, dieses Buch zu lesen. Durch Lea Singers wunderbar menschliche Darstellung der beiden großen Künstler wurden die Gegensätze so spürbar, dass alleine dadurch ein Spannungsbogen entsteht, der sich durch den gesamten Roman zieht. 

Hier der introvertierte, schüchterne, ärmliche, kaum ein Wort korrekt schreibende Maler, der sich von seinen verkauften Werken nur widerwillig trennen mag. Dort der von sich selbst überzeugte Dichter, etabliert, eitel, voll und ganz im Bewusstsein seiner künstlerischen Bedeutung. Der sich – ganz das Universalgenie – auch als Wissenschaftler sieht; als jemand, der Newton vom Thron zu stoßen vermag, auch wenn schon seine Zeitgenossen die Bedeutung seiner »Farbenlehre« etwas anders einschätzten. Nun sucht er ein neues wissenschaftliches Betätigungsfeld und macht sich Gedanken über die Klassifizierung der Wolken – etwas, das es bis dahin noch nicht gibt. 

Und dabei kommt wieder Friedrich ins Spiel, denn kein anderer Künstler versteht es so meisterhaft, Wolken zu malen. Für ihn sind sie Manifestationen einer geheimnisvollen Natur, für Goethe sind sie eine Ansammlung von Wassermolekülen. Die beiden beginnen sich zu umkreisen, Botschaften werden überbracht, Grüße übermittelt, sie sind zunehmend voneinander fasziniert, aber auch abgestoßen. Wie kann man so leben – denken beide über den jeweils anderen. Hinzu kommt der materielle Aspekt, denn ein gutes Wort von Goethe wäre der große Türöffner in die Welt der Kunstsammler.

Mehrmals begegnen sich die beiden, das letzte Mal am 9. Juli 1811. Der Meister des Wortes, unfähig, sich in die mystischen Gefilde der Bilder Friedrichs hineinzudenken, und der Meister der Landschaften, nicht in der Lage, mit Worten zu formulieren, was er mit seiner Kunst auszudrücken vermag. Die sprachlose Leere zwischen den beiden lässt sich nicht überbrücken. Unaufhaltsam steuert die Handlung des Romans auf den Eklat hin, der das Verhältnis der beiden unwiederbringlich zerstören wird. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

Lea Singer – die eigentlich Eva Gesine Baur heißt und eine renommierte Kulturhistorikerin ist – schildert diese spannende Epoche der Kunstgeschichte auf eine mitreißende Weise, verbindet geschichtliche Hintergründe mit spekulativ dargestellten Emotionen, legt den beiden großen Künstlern alltägliche Gedanken in den Kopf und Sätze in den Mund. Und zeigt dadurch, dass auch Genies vor allem eines sind: Menschen. Fast nebenbei erfahren wir Leser, wie sich Kunst durch neue Impulse, neue Moden oder Techniken stets weiterentwickelt. Wir erleben mit, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den letzten zweihundert Jahren verändert haben, wie modern die Zeit Goethes und Friedrichs war, die heute weit weg erscheint, es aber eigentlich gar nicht ist. 

Beide leben in ihrer Kunst fort. Und ich freue mich bereits auf den nächsten Besuch in der Alten Nationalgalerie, bei dem ich sicherlich etliche Szenen aus diesem Buch im Kopf haben werde.

Die Klassifikation der Wolkenformationen mit den Bezeichnungen Cirrus, Stratus, Cumulus und Nimbus stammt übrigens tatsächlich aus jener Zeit und wird bis heute verwendet. Entwickelt wurde sie allerdings nicht durch Goethe, der das Projekt verwarf, sondern durch den englischen Apotheker Luke Howard

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Das Weimar-Gefühl.

Buchinformation
Lea Singer, Anatomie der Wolken
Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-40519-4

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Zuhause: Ort oder Gefühl?

Daniel Schreiber: Zuhause

Noch nie hat mich die Lektüre eines Buches emotional so aufgewühlt, wie es der schmale Band »Zuhause« von Daniel Schreiber geschafft hat. Schon das Nachdenken über den Begriff »Zuhause« kann die Gefühle auf eine Reise weit zurück in die eigene Vergangenheit schicken, doch in meinem Fall kam noch eine besondere Situation dazu. Und wenn es für jedes Buch den passenden Moment geben sollte, dann traf das auf eine schmerzhafte Weise zu wie niemals zuvor.

Gelesen habe ich es im Zug; ich war auf der Rückfahrt nach Köln, nachdem ich für ein paar Tage die Stadt am Bodensee besucht hatte, in der ich aufgewachsen bin. Es war kein normaler Besuch, denn es ging darum, mit dem Ausräumen des Elternhauses zu beginnen, Photos und Dokumente zu sichten, alte Briefe in verstaubten Kartons zu finden, drei Generationen tief in die Familiengeschichte einzutauchen – und herauszufinden, wie wenig man eigentlich von seinen Großeltern und Eltern gewusst hat. Von denen niemand mehr da ist. „Zuhause: Ort oder Gefühl?“ weiterlesen

Leichtigkeit im Belagerungszustand

Hilmar Klute: Oberkampf

Nicht das Ende zu verraten fällt mir bei diesem Roman außerordentlich schwer, denn die letzte Seite in »Oberkampf« von Hilmar Klute ist wie ein Schlag in die Magengrube. Eine Seite, die dem gesamten Buch eine überraschende, im Rückblick aber konsequente Wendung beschert; ein Finale, das einen schaudernd und hoffend zurücklässt. Und sich ins Gedächtnis einbrennt. 

Das Photo auf dem Umschlag des Buches zeigt die Metro-Station Oberkampf im 11. Arrondissement von Paris. Keiner der ultraschicken Stadteile, aber eine sehr lebendige Gegend mit vielen Cafés, Restaurants und Bars. Das Bild hat mich gedanklich sofort in die wunderbare Stadt an der Seine katapultiert, fast meinte ich, den typischen Geruch der Pariser Metro in der Nase zu haben. Jonas jedenfalls hat ihn in der Nase, als er spätabends sein neues Viertel betritt. Sein Gepäck und ein paar Kisten Bücher, die wenige Tage später mit der Post eintreffen werden, sind alles, was von seinem alten Leben in Berlin übriggeblieben ist. „Leichtigkeit im Belagerungszustand“ weiterlesen

Schwarzer Gott und roter Schienenbus

Bov Bjerg: Serpentinen

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, um den Roman »Serpentinen« von Bov Bjerg einen Bogen zu machen. Die Themenkombination Familiengeschichte, Depression und Suizid schien mir zu heftig – ich war mir nicht sicher, ob ich mich tatsächlich damit auseinandersetzen wollte. Aber wie der Zufall so spielt, liegt das Buch nun doch ausgelesen neben mir. Denn »Serpentinen« steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und als einer von zwanzig Buchpreisbloggern, die jeweils einen der Longlist-Titel auf ihrem Kanal vorstellen, erhielt ich diesen Roman zugeteilt. Mit etwas banger Erwartung habe ich mich an die Lektüre gewagt – und sie war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Um es vorweg zu nehmen: Enttäuschend anders. „Schwarzer Gott und roter Schienenbus“ weiterlesen

Architekt des Umbruchs

Hilary Mantel: Woelfe | Falken | Spiegel und Licht

In den drei Bänden »Wölfe«, »Falken« und »Spiegel und Licht« erzählt die Autorin Hilary Mantel die Lebensgeschichte Thomas Cromwells, jenes Mannes, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Verlauf der englischen Geschichte entscheidend prägte. Zwar handelt es sich um Romane, doch sie beinhalten nur wenig Erfundenes. Das ist auch gar nicht notwendig, denn Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk. „Architekt des Umbruchs“ weiterlesen

Schreiben, um zu leben

Lily King: Writers & Lovers

Der Roman »Writers & Lovers« von Lily King beginnt mit einem starken ersten Satz: »Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken.« Schon hat man als Leser eine Person vor Augen, die vollkommen mit dem Rücken zur Wand steht. Diese Person, diese Ich-Erzählerin ist Casey, die einen ganzen Sack voll heftiger Probleme mit sich trägt; ihr einziger Trost, ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Verlangen ist das Schreiben. »Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.« Casey ist Autorin, 31 Jahre alt, pleite, Halbwaise mit einem gebrochenen Herzen und gelegentlichen Angstattacken, und sie schreibt seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman. „Schreiben, um zu leben“ weiterlesen

Buchpreisbloggen 2020

Es ist wieder Buchpreiszeit. Und auch wenn die Verleihung des Deutschen Buchpreises am 12. Oktober 2020 unter erschwerten Bedingungen stattfinden wird, lenkt das Procedere auch dieses Jahr wieder den Fokus auf die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Die Longlist besteht wie immer aus zwanzig Titeln, sechs davon stehen  am 15. September 2020 auf der Shortlist – und einer von ihnen wird von der Jury zum Roman des Jahres gekürt werden. „Buchpreisbloggen 2020“ weiterlesen

Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick

Kaffeehaussitzers Netzrueckblick

Irgendwann im Sommer 2016 hatte ich einen beruflichen Termin mit Christian von Zittwitz, dem Gründer und Herausgeber der Zeitschrift BuchMarkt. Dabei unterhielten wir uns über das Bloggen und über die Welt der Literaturblogs, die zu dieser Zeit gerade dabei waren, sich einen Platz im Literaturbetrieb zu erarbeiten. Er fragte, ob ich mir vorstellen könnte, regelmäßig für die Online-Präsenz seiner Zeitschrift eine Auswahl lesenswerter Texte zusammenzustellen. Damit war sie geboren, die Kolumne »Kaffeehaussitzers Netzrückblick« und am 31. August 2016 ging sie zum ersten Mal online. „Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick“ weiterlesen

Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. „Ein Gangster-Triple“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

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Es ist die Schlüsselszene im Roman »Am Tag davor« von Sorj Chalandon: Zwei Brüder – der sechzehnjährige Michel und der dreißigjährige Joseph – brettern am 26. Dezember 1974 auf Josephs Moped durch die nächtlichen Straßen von Liévien-Lens, einer Stadt mitten im nordfranzösischen Kohlegebiet. Dieser Moment scheinbar ungetrübter Ausgelassenheit wird im Verlauf der Handlung immer wieder auftauchen, wird seine Bedeutung verändern und zum Schluss die Erzählung auf eine vollkommen neue Ebene hieven. Denn die nächtliche Mopedfahrt prägt das gesamte Leben des Ich-Erzählers Michel. Es ist der Tag davor. 

Sein von ihm vergötterter älterer Bruder Joseph ist Bergmann in der Zeche Saint-Amé, in der am nächsten Tag 42 Bergleute bei einem Unglück ums Leben kommen werden. Joseph stirbt ein paar Wochen später im Krankenhaus. „Germinals Erben“ weiterlesen

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Während momentan darüber diskutiert wird, ob und wie die Frankfurter Buchmesse 2020 in Zeiten von Corona stattfinden kann, denke ich an die Messe im letzten Herbst. Genauer gesagt, an ein Gespräch mit der Autorin Mareike Fallwickl, denn mit jenem Gespräch im Hinterkopf habe ich kürzlich ihr Buch »Das Licht ist hier viel heller« ein zweites Mal gelesen. Und wenn man weiß, dass der Plot ursprünglich anders geplant war, das Schreiben aber von der Realität überholt wurde, dann entfaltet das Buch eine andere Wirkung. Intensiver. Und wütender. „Das Schreiben und der Zorn“ weiterlesen

Acht Tage, sechs Bücher

Acht Tage, sechs Buecher

Ende Mai hatte ich eine Operation am Knie. Danach war ich im wahrsten Sinne des Wortes für acht Tage ausgebremst; damit die OP-Narbe gut verheilen konnte, verbrachte ich die Zeit mehr oder weniger liegend. Und lesend. Sechs Bücher sind es geworden, von denen vier schon länger im Regal standen und auf den richtigen Lesemoment gewartet haben. Ein neues Buch eines Lieblingsautors aus alten Zeiten war dabei, dann ein Buch, dass mich mit einer völlig unerwarteten Wucht traf. Ein Buch, das ich fast wieder weggelegt hätte, bevor eine kurze Textstelle mich geradezu in die Story hineingerissen hat. Ein Ausflug ins 19. Jahrhundert gehörte dazu, außerdem eine literarische Begegnung mit einem amerikanischen Kultautor. Und ein Buch, das weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. „Acht Tage, sechs Bücher“ weiterlesen

Vom Untergang einer Welt

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Fast hätte ich mir das Buch »Der Wintersoldat« von Daniel Mason gar nicht gekauft. Das Buchcover zeigt einen Menschen in Rückenansicht, der sich mit wehendem Mantel vom Betrachter weg bewegt – diese Art der Buchgestaltung gibt es bereits in viel zu vielen Varianten und ich mag sie nicht besonders. Aber trotzdem sprach mich irgendetwas daran an, sorgte zumindest für ein zweites Hinsehen. Vielleicht war es der Titel »Wintersoldat«, vielleicht waren es die dunklen, wolkenverhangenen Bergrücken auf dem Umschlagbild, die eine Düsternis ausstrahlten, die mich neugierig machte. Als dann der Klappentext eine Handlung in den Karpaten während des Ersten Weltkriegs versprach, war die Kaufentscheidung getroffen. Denn dies ist ein fast vergessener Schauplatz in den vielen Darstellungen jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und ich war gespannt, wie die Lektüre zu meinem Leseprojekt Erster Weltkrieg passen würde. „Vom Untergang einer Welt“ weiterlesen

Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta. „Land Of The Free?“ weiterlesen