9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«.

Es ist ein interessantes Phänomen, das mir schon oft aufgefallen ist, und das der Autor auch im Vorwort beschreibt: Kommt die Rede auf den 11. September, beginnt jeder Gesprächspartner sofort zu erzählen, was er in dem Moment machte, als er die Nachricht über die Geschehnisse in New York erhielt. Immer. Und ich selbst bin da keine Ausnahme, denn wie alle anderen weiß ich es natürlich noch ganz genau. Im Buch »Und auf einmal diese Stille« allerdings geht es nicht darum, zu erzählen. Sondern darum, zuzuhören – denn es kommen die Menschen zu Wort, die diesen Tag direkt erleben mussten, als Betroffene und als Opfer, als Zeugen, als Helfer, als Hinterbliebene. Und immer wieder sind es Stimmen von Menschen, die diesen Tag nicht überlebt haben.

Beim Verfassen dieses Buches arbeitete der Autor eng mit der Oral-History-Forscherin Jenny Pachucki zusammen. Sie beschäftigt sich als Historikerin mit dem 11. September und hat für das Buchprojekt etwa 5000 Zeitzeugenberichte, Protokolle, Videointerviews und andere Aufzeichnungen ausgewertet. Nach zweijähriger intensiver Arbeit kristallisierten sich 500 unterschiedliche Stimmen heraus, die Aufnahme in »Und auf einmal diese Stille« gefunden haben. Die Bandbreite ist dabei immens; Büroangestellte unterschiedlichster Firmen im World Trade Center kommen zu Wort, Elektriker, Köche, Wachleute und viele andere, die in den Zwillingstürmen arbeiteten. Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter, Journalisten, Anwohner, Besucher, Menschen die aus welchem Grund auch immer von den Schrecken betroffen waren, die an diesem verhängnisvollen Tag kein Ende zu nehmen schienen.

Das gleiche auch im Pentagon, in das die dritte Maschine hineingesteuert wurde. Denn auch wenn 9/11 vor allem mit den einstürzenden Hochhäusern visuell in Verbindung gebracht wird, verbrannten auch im schwer getroffenen amerikanischen Verteidigungsministerium Menschen in den Flammen des explodierenden Flugzeugs. Letzte Nachrichten aus dem United-Airlines-Flug 93 sowie die aufgezeichneten Sprachprotokolle sind ebenfalls Teil des Buches – sie dokumentieren den mutigen Versuch der Passagiere, sich den Terroristen entgegenzustellen. Ein Versuch, der ebenfalls in einem Feuerball endete. Des weiteren finden die Leser die Stimmen von Flughafenangestellten, von anderen Piloten, von Mitgliedern der Flugsicherung, von Militärs und vielen anderen Menschen, die das Geschehen fassungslos verfolgten und es nicht stoppen konnten. Und nicht zuletzt kommen auch prominente Namen zu Wort, seien es Donald Rumsfeld, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Laura Bush oder Rudy Giuliani, der damals als Bürgermeister New Yorks den ganzen Tag vor Ort war und zwischenzeitlich für vermisst erklärt wurde. 

Garret M. Graff hat die transkribierten Wortprotokolle in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Die Aufzeichnungen wurden dazu entsprechend aufgesplittet, so dass Stunde für Stunde dieses Schicksalstages vor uns abläuft, wir als Leser dadurch vielen Stimmen immer wieder begegnen. Manchen häufig, manchen mehrmals. Und manchen nur ein einziges und letztes Mal. Meist sind es jeweils drei, vier Sätze, manchmal auch mehr; entstanden ist dadurch eine hochemotionale Collage des Grauens, der Angst und des Todes; aber auch der Hoffnung, des Überlebens und des Zusammenhalts in einer extremen Ausnahmesituation.

Es sind unzählige Eindrücke, die sich zu einem Gesamtbild verdichten – so intensiv, wie ich es noch nie in einem Buch erlebt habe. Denn es geht nicht um eine dystopische Romanhandlung, sondern um die Bilder, die ich schon so oft gesehen habe – und die sich plötzlich mit Menschen füllen. 

So erzählt David Kravette, ein Anleihenmakler im 105. Stock des Nordturms, dass Besucher zu einem Meeting eingetroffen waren, sie aber nicht durch die Lobby im Erdgeschoss kamen, weil einer von ihnen keinen Ausweis dabeihatte. Eigentlich hätte seine Assistentin mit dem Aufzug hinunterfahren müssen, um für diese Person zu unterschreiben. Da sie aber im achten Monat schwanger war, dachte er, dass er ihr das nicht zumuten könne und fuhr selbst ins Erdgeschoss. Er sah sie nie wieder; um 8.46 Uhr schlug das erste Flugzeug zwischen dem 93. und 99. Stockwerk des Nordturms ein. (Seite 33)

Mike Tuohey arbeitete am Portland International Jetport und erinnert sich daran, wie er zu einem gerade eingecheckten Passagier sagte: »Mr. Atta, wenn Sie jetzt nicht losgehen, verpassen Sie ihren Flug.« (Seite 28)

»Wir fliegen viel zu tief« lauteten die letzten Worte der Flugbegleiterin Madeline »Amy« Sweeny, die telefonisch Kontakt mit dem American Airlines Flight Services Office hatte. (Seite 45)

Bruno Dellinger, der im 42. Stock des Nordturms arbeitete, erinnert sich an den Moment, als ihm im Treppenhaus die ersten Feuerwehrleute entgegenkamen, die sich mit ihrer schweren Ausrüstung mühsam Stufe für Stufe nach oben schleppten. »Während ich nach unten ging, liefen sie nach oben in ihren Tod. Das werde ich nie vergessen.« (Seite 161) Hunderte von Rettungskräften starben in den einstürzenden Hochhäusern und viele von ihnen hat man nie gefunden. 

Schrecklich zu lesen sind die Zeugenberichte derjenigen, die mitansahen, wie sich die Menschen aus den oberen Stockwerken der Türme in die Tiefe stürzten, um nicht zu verbrennen. Alleine, zu zweit, einmal sogar zu viert, Hand in Hand. (Seite 172 ff.)

Etwa 350 Kilometer weiter südlich sah die Schulleiterin einer Elementary School in Arlington direkt über ihrem Haus das Flugzeug, das gleich darauf ins Pentagon stürzte. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr Mann an Bord war. (Seite 260)

Beverly Eckert telefonierte mit ihrem Mann Sean Rooney, der im 98. Stockwerk des Südturms oberhalb der Einschlagstelle in der Falle saß. Sie erzählt, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel, wie die Hitze immer unerträglicher wurde, wie sie sich voneinander verabschiedeten. Und wie es eine Art scharfes Knacken gab, als der Boden unter ihm einbrach und das Hochhaus in sich zusammenbrach. (Seiten 187 & 196)

Andy Card, Stabschef des Weißen Hauses war mit Präsident Bush bei einem Besuch einer Schule in Florida. Die Bilder gingen damals um die Welt: Bush sitzt in einem Klassenzimmer und erhält die Nachricht ins Ohr geflüstert, dass ein zweites Flugzeug den anderen Turm getroffen hat. Andy Card war der Überbringer der Nachricht und beschreibt, wie dieser Moment für ihn war – denn ihm war klar, dass sich nun alles verändern würde. (Seite 107) 

Dies sind nur einige wenige Momentaufnahmen, von denen es im Buch unzählige gibt. Es sind apokalyptische Bilder, die uns geschildert werden. Das lichterloh brennende Pentagon, während tausende Mitarbeiter unter nahegelegenen Brücken kauern, da sie mit einem weiteren Angriff rechnen. Die Straßen rund um das World Trade Center, die übersät sind mit Körperteilen, Gebäudetrümmern und brennenden Wrackstücken der Flugzeuge. Die gigantische, hochgiftige Betonstaubwolke, die beim Einsturz der beiden Türme mit der Geschwindigkeit eines Tornados alles verschluckte – an den Nachwirkungen sterben bis heute Menschen. 

Immer wieder sind Geschichten dabei, die ein klein wenig Trost spenden in all dem Chaos, der Verwirrung und der Verzweiflung. Berichte von Menschen, die einander helfen, die nicht aufgeben, die sich selbst hintenanstellen, um andere zu retten. Und an vielen Stellen des Buches ist von einer allumfassenden Stille die Rede; Momentaufnahmen, die sich durch den ganzen Tag ziehen. »Nach dem Einsturz des Gebäudes breitete sich eine Stille aus, die ich niemals vergessen werde. Als die Staubwolke kam, war nichts mehr zu hören und zu sehen«, so Det. Sgt. Joe Blozis vom NYPD. Vollkommen gespenstisch der geschilderte Moment, als Menschenmassen über die leere Brooklyn Bridge laufen – voller Staub, mit verdreckter, zerfetzter Kleidung, blutend, hustend; Überlebende mit entsetzten, ungläubigen Blicken.

»Und auf einmal diese Stille« gehört zu den besten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Seit Monaten wollte ich es hier vorstellen, aber es gelang mir nicht, die passenden Worte für dieses vielschichtige Werk zu finden, das ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument darstellt. Anlässlich des 20. Jahrestages der Terroranschläge las ich es ein zweites Mal – und es hat mich auch bei der wiederholten Lektüre vollkommen erschüttert. Stunde für Stunde läuft dieser sonnige Dienstag im September 2001 vor dem inneren Auge ab, und ich weiß nicht, wie oft ich fassungslos kurz innehalten musste.  Besonders im Kopf geblieben ist mir eine Erinnerung, mit der das Buch beginnt. Astronaut Frank Culbertson war an Bord der Weltraumstation ISS, »der einzige Amerikaner, der sich nicht auf dem Planeten Erde befand.« Es war einer der klarsten Tage des Jahres und aus 350 Kilometer Höhe sah er die riesige schwarze Rauchsäule, die über New York aufstieg und weit auf den Atlantik hinaustrieb. Die nächste Überquerung führte ihn über das brennende Pentagon, während weiter im Norden immer noch der Rauch über New York hing. Bei der dritten Umrundung waren alle Kondensstreifen über den USA verschwunden, der Luftraum war gesperrt worden. Nur ein einziges Flugzeug konnte Culbertson ausmachen: Die Air Force One, die mit dem Präsidenten an Bord einsam ins Ungewisse unterwegs war. 

»Und auf einmal diese Stille« ist ein Buch, das mich sehr beschäftigt hat und auch noch sehr lange beschäftigen wird. Die Länge dieses Blogbeitrags gibt einen Eindruck davon und doch habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche dieses vielschichtigen, authentischen Werkes zu kratzen. Und vieles, was die darauf folgenden zwanzig Jahre und damit die Welt von heute prägen sollte, wird darin schon angedeutet: Kriege, Instabilität, gespaltene Gesellschaften. »Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.« Die Folgen des 11. September 2001 dauern an bis heute. Und es ist nicht vorbei. Noch lange nicht.

Oder, wie es Rosemary Dillard, Managerin bei American Airlines, ausdrückte: »Ich glaube nicht, dass die jungen Leute, die das hier lesen werden, die gleichen Freiheiten erleben werden, die ich genoss, als ich aufgewachsen bin.«

Ihr Ehemann befand sich an Bord eines der entführten Flugzeuge. 

Buchinformation
Garrett M. Graff, Und auf einmal diese Stille – Die Oral History des 11. September
Aus dem Englischen von Philipp Albers und Hannes Meyer
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47090-9

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Geplantes Flanieren

2. Koelner Literaturnacht

Jetzt aber. Am 18. September 2021 findet die 2. Kölner Literaturnacht statt und wir freuen uns schon sehr auf diesen Abend. Ich schreibe »wir«, da ich zu den Gründungsmitgliedern und zum Vorstand von Literaturszene Köln e.V. gehöre; dem Verein, der diese Literaturnacht ausrichtet. Ein Ziel des Vereins ist es, das literarische Leben der Stadt sichtbarer zu machen, auch um dadurch mittelfristig die Arbeitsbedingungen der Kölner Literaturschaffenden zu verbessernEin erstes großes Projekt war die Ausrichtung der 1. Kölner Literaturnacht im Mai 2019137 Veranstaltungen fanden an 42 Orten überall in Köln statt. Bekannte Namen waren genauso dabei wie Autorinnen und Autoren, die gerade ihre ersten Texte publiziert hatten, es gab Diskussionen, Workshops, Werkstattbesuche, literarische Initiativen stellten sich vor, Übersetzerinnen und Übersetzer berichteten von ihrer Arbeit, es gab ein frühes Programm für Kinder und Jugendliche – kurz: Den Besuchern der 1. Kölner Literaturnacht wurden sämtliche Facetten des literarischen Lebens in Köln präsentiert.  „Geplantes Flanieren“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Keiner kommt hier lebend raus

Benjamin Whitmer: Flucht

Der Begriff »Noir« dürfte allen Literaturinteressierten bekannt sein, aber was genau verbirgt sich dahinter? Für diese Stilrichtung gibt es keine allgemeingültige Definition; vor einiger Zeit tastete sich Sonja Hartl in ihrem Essay »Was ist Noir?« an die Thematik heran. Unter anderem heißt es darin: »Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. … Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen.« Zwar muss ein Noir-Roman nicht unbedingt ein Kriminalroman sein, aber dieses Genre bietet sich natürlich geradezu an. Daher ist es kein Zufall, dass Sonja Hartls Essay im Blog Polar-Noir veröffentlicht wurde, dem Verlagsblog des Polar-Verlags; eines Verlags, der sich auf grandios-düstere Kriminalromane spezialisiert hat. Und das Buch »Flucht« von Benjamin Whitmer ist ein gutes Beispiel für die literarische Qualität des Verlagsprogramms: Noir vom Feinsten. „Keiner kommt hier lebend raus“ weiterlesen

Alles anders? Ein Textbaustein*

Die Rubrik »Textbausteine« hier im Blog Kaffeehaussitzer wurde ursprünglich dafür geschaffen, um ausgewählte Textstellen aus Büchern vorzustellen. Textstellen, die mich zum Teil schon lange begleiten, die für mich etwas Besonderes darstellen, sei es aufgrund ihrer Schönheit, ihrer Aussage oder ihrer Bedeutung für eine bestimmte Situation im Leben. Inzwischen sind es schon längst nicht mehr nur Zitate aus Büchern, es gehören auch Songtexte, Ausschnitte aus Magazinbeiträgen oder Gedichte dazu – denn eine Textstelle, die einen bewegt oder berührt, kann überall unvermittelt auftauchen. Zum Beispiel auf der Wand in einem Café. „Alles anders? Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Mit eleganter Leichtigkeit

Juan Gabriel Vasquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzaehlungen

Es war der Buchtitel, der mich neugierig gemacht hat. »Lieder für die Feuersbrunst« klingt auf eine so poetische Weise dramatisch, dass ich an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen konnte. Es enthält Erzählungen des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez, ebenso wie der Band »Die Liebenden von Allerheiligen«. Auf beide Bücher machte mich Vanessa Marzog aufmerksam, die für Holtzbrinck Berlin arbeitet und unter anderem für die Kommunikation rund um die Samuel Fischer Gastprofessur verantwortlich ist. Sie bot an, mir diese beiden Bücher zuzusenden; dafür sollte ich sie in einer Café-Situation photographisch in Szene setzen und ein paar Sätze über den Autor schreiben, der im Sommer 2021 Dozent der Samuel Fischer Gastprofessur an der FU Berlin ist. Eigentlich gehe ich auf Kooperationsanfragen dieser Art nie ein, denn zu viele noch nicht vorgestellte Bücher stehen in der Blog-Warteschlange. Aber wie gesagt, den Buchtitel fand ich so grandios und das Thema der Gastprofessur so interessant, dass ich in diesem Fall nicht anders konnte, als zuzusagen. Zumal ich ein Faible für Literatur aus Süd- und Mittelamerika habe. Und es hat sich gelohnt, denn die Erzählungen der beiden Bände haben mich sehr begeistert. „Mit eleganter Leichtigkeit“ weiterlesen

Schreibmaschine und Karabiner

Elsa Osorio: Die Capitana

»Die Capitana« von Elsa Osorio ist ein besonderes Buch; eines das heraussticht, eines, das einen beim Lesen nicht mehr loslässt und eines, das sich tief ins Gedächtnis eingräbt. Mit diesem biographischen Roman hat die Autorin nicht nur eine beeindruckende Frau dem Vergessen der Geschichte entrissen, sondern sie nimmt uns mit in jene Epoche des 20. Jahrhunderts, als der Traum von einer gerechten Welt beinahe mit Händen zu greifen war. Es sind Jahre der Umwälzungen, der revolutionären Ideen, der Diskussionen. Jahre des Kampfes. Und Micaela Feldman Etchebéhère, genannt Mika, war immer dabei, niemals am Rand, sondern stets im Zentrum des Geschehens. Rastlos und ruhelos und angetrieben von dem unbändigen Wunsch, die Welt zu verändern. „Schreibmaschine und Karabiner“ weiterlesen

Majestätische Hoffnungslosigkeit

Hernan Diaz: In der Ferne

Diejenigen, die schon länger in diesem Blog mitlesen, wissen, dass ich ein Faible habe für eher düstere Romane, deren Protagonisten ihrem Leben verloren gegangen sind. Getriebene, Einsame, Suchende – das sind meine literarischen Helden. Dieses Entwurzelte oder dieses Gefühl, komplett auf sich alleine zurückgeworfen zu sein, sind derart existenzielle Situationen, dass sie jene Romanfiguren zu Sinnbildern des Lebens an sich machen. Sie regen zum Nachdenken an, zur Beschäftigung mit den Gedanken, woher wir kommen, wohin wir gehen und was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist – und die viel schneller vorbei sein wird, als wir es uns in jungen Jahren vorstellen können. »In der Ferne« von Hernan Diaz ist daher ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und ist dabei etwas sehr Besonderes, denn noch nie habe ich einen Text gelesen, in dem die geschilderte Einsamkeit so überwältigend präsent war, wie in diesem. „Majestätische Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen

Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht. „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

North Bridge, Edinburgh

North Bridge, Edinburgh

Eine Weile habe ich überlegt, ob dieser Text in einen Literaturblog passt, denn mit Literatur hat er nichts zu tun – außer dass er im März 2021 im Buchhandels-Kundenmagazin KUDU erschienen ist. In der Rubrik »Ein Photo und seine Geschichte« erzählte ich dort, was ein Bild der North Bridge in Edinburgh für mich so besonders macht. Es geht darin um ein Erlebnis, das mir seit bald drei Jahrzehnten nicht mehr aus dem Kopf geht – und deshalb veröffentliche ich den Text nun auch hier auf Kaffeehaussitzer, inklusive einer englischen Übersetzung. Und vielleicht erhalte ich ja irgendwann doch noch eine Antwort auf die Frage, mit der dieser Beitrag endet. „North Bridge, Edinburgh“ weiterlesen

Ins Leben geworfen

Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmaessiges Verb

Ins Leben geworfen: Selten war diese Formulierung passender als für die vier Protagonisten des Romans »Leben ist ein unregelmäßiges Verb« von Rolf Lappert. Frida, Ringo, Leander und Linus wachsen in den Siebzigerjahren in einer Landkommune irgendwo in Norddeutschland auf, abgeschirmt von sämtlichen Eindrücken der Außenwelt. Doch es ist keine Idylle, sondern das Aussteigerprojekt eines Trüppchens Erwachsener, die fernab der Gesellschaft leben möchten und ihren Kindern jeglichen Kontakt nach außen verweigern; sie nicht einmal wissen lassen, wer von ihnen die jeweiligen Eltern sind. Statt Schulbildung gibt es viel Arbeit auf dem Hof, statt dem Aufbau sozialer Kontakte das abgeschottete Kommunenleben. Es ist das Jahr 1980, als die Behörden die Hofgemeinschaft auflösen, den Eltern das Sorgerecht entziehen und die vier Kinder weit voneinander entfernt in Pflegefamilien unterbringen. Damit beginnt der Roman. Und damit beginnen vier Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines eint: Jeder der vier versucht, seinen Weg ins Leben zu finden. Und jeder dieser Wege besteht aus verschlungenen Pfaden, unvorhergesehenen Abzweigungen und der ein oder anderen Sackgasse. „Ins Leben geworfen“ weiterlesen

Die Berge rufen

Paolo Cognetti: Acht Berge & Matteo Righetto: Das Fell des Bären

Die abweisende, schroffe, lebensfeindliche und wunderschöne Welt der italienischen Alpen ist der Hintergrund zweier bewegender Romane. Wobei die Formulierung »Hintergrund« nicht ganz stimmt: Sowohl in »Acht Berge« von Paolo Cognetti wie auch in »Das Fell des Bären« von Matteo Righetto ist sie der alles bestimmende Mittelpunkt der Handlung. Denn die Landschaft formt die Menschen, die in ihr leben. Immer. Und überall. Aber besonders dort, wo sie jederzeit tödlich sein kann. Und wenn Bücher so gut zusammenpassen wie diese beiden, stelle ich sie gerne gemeinsam vor; es sind zwei Romane von nahezu makelloser Schönheit, mit einer perfekt austarierten Mischung aus Aufbruch und Enttäuschung, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod. „Die Berge rufen“ weiterlesen

Der Kaffeehaussitzer im Schaufenster

Ein Schaufenster mit Büchern aus dem Literaturblog Kaffeehaussitzer in der Buchhandlung Olitzky in Köln-Klettenberg.

Die Buchhandlung Olitzky in Köln-Klettenberg ist eine der Buchhandlungen meines Vertrauens und die für mich am nächsten gelegene. Es ist kein großer Buchladen, man könnte ihn eher als recht klein bezeichnen – aber das Sortiment ist so fein ausgewählt, dass ich bei fast jedem Besuch ein, zwei Bücher entdecke, von denen ich zuvor noch gar nicht gewusst hatte, dass ich sie unbedingt brauchen würde. Das ist etwas, das kein Algorithmus kann – und auch wenn er es könnte, lasse ich mir Bücher lieber von Menschen empfehlen, mit denen ich die Leidenschaft für die Literatur teile. Daher ist es kein Zufall, dass ich ein Photo der markanten Ladenbeschriftung im Beitrag »Wo ich Bücher kaufe. Und wo nicht« verwende; einer der meistgelesenen hier im Blog. Und der mir wichtige Hashtag #SupportYourLocalBookstore steht am Ende jeder Buchbesprechung. „Der Kaffeehaussitzer im Schaufenster“ weiterlesen

Die Geschichte einer Rache

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Das Cover des Buches »Die Harpyie« von Megan Hunter ist phänomenal, ein echter Hingucker und hätte eigentlich gleich mein Interesse geweckt. Eigentlich. Denn den Vorgängerroman der Autorin fand ich sehr enttäuschend, fast schon banal. »Vom Ende an« war eine Dystopie mit viel zu gewollt apokalyptisch-dramatischer Sprache, ein ermüdendes Buch, das vom Verlag als »ein weibliches Gegenstück zu Cormac McCarthys ›Die Straße‹« angekündigt war – doch von diesem Meisterwerk war es weit entfernt. Aber gut, manchmal passen Bücher und Leser einfach nicht zusammen. Nun also der nächste Versuch, denn nachdem ich mehrere begeisterte Stimmen zu »Die Harpyie« gehört hatte, zog das zweite Buch von Megan Hunter in mein Bücherregal ein. Gleich vorab: Geblieben ist es dort nicht.  „Die Geschichte einer Rache“ weiterlesen

Zwölf Leben, zwölf Kämpfe

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Beinahe hätte ich ein beeindruckendes Leseerlebnis verpasst. Der Roman »Mädchen, Frau etc.« von Bernadine Evaristo wäre ohne eine der Buchhandlungen meines Vertrauens an mir vorbeigegangen, denn nach den ersten Ankündigungstexten hatte ich das Buch gedanklich in die Schublade ›identitätspolitisches Manifest‹ gepackt und hätte es niemals auch nur in die Hand genommen. Der identitätspolitische Aktivismus unserer Zeit steht in meinen Augen für ein Gegeneinander statt einem Miteinander, für Ab- und Ausgrenzung, für eine brachiale Einteilung der Menschen in Gut und Böse und für eine Verneinung menschlicher Individualität. Mit dem eigentlichen Anliegen, Rassismus, Unterdrückung, Diskriminierung und deren Strukturen zu bekämpfen, hat dies längst nichts mehr zu tun; die Fanatiker einer linken Identitätspolitik sind inzwischen so weit nach links abgebogen, dass sie auf der rechten Seite wieder herausgekommen sind. Denn der rechtsidentitäre Populismus mag zwar konträre Ziele verfolgen, in ihrem Menschenrechtsrelativismus und in ihrem Antiuniversalismus ähneln sich die beiden Fronten aber auf fatale Weise, wie es in der ZEIT treffend analysiert wurde.

Aber ich schweife ab, denn es soll ja um das Buch von Bernadine Evaristo gehen, das mit einem fehlgeleiteten Aktivismus nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil. „Zwölf Leben, zwölf Kämpfe“ weiterlesen