Die Lebenden und die Toten

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein Bild. Das Bild eines Dorfes, einer kleinen Stadt mit ihren Bewohnern, mit all den unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihrem Glück, ihrer Trauer, ihren verpassten Chancen, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung, ihrem  Hadern, ihren Tränen und ihrem Lachen, kurz: Ihrem Menschsein. Es ist eine literarische Collage, durch die sich die Stadt nach und nach bevölkert, wir Leser langsam Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte erkennen können. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, die genau dies mit ihrer Erzähltechnik fertigbringen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Denn das eine berichtet von den Lebenden, das andere von den Toten. Es sind die Romane „Speicher 13“ von Jon McGregor und „Das Feld“ von Robert Seethaler.

„Speicher 13“ von Jon McGregor

Der Roman führt uns nach Mittelengland, in ein Dorf, umgeben von Bergen, Hochmooren und Speicherseen. Es ist kurz vor Weihnachten und alles beginnt mit einer Suche. Die dreizehnjährige Rebecca Shaw verbrachte mit ihren Eltern zusammen die Weihnachtsferien in dem Dorf; bei einem winterlichen Spaziergang geriet sie in Nebel und Moor außer Sichtweite und tauchte nicht mehr auf. Die Aufregung ist groß, doch die großangelegte Suchaktion bleibt erfolglos, die alles domininierende feuchte Landschaft verschluckt sämtliche Spuren.

„Ein bleiches Licht wanderte langsam über das Moor, es schimmerte auf den wasserführenden Tümpeln und Gräben, und leuchtete immer heller, bis die Wolkendecke sich wieder schloss. Am Flussufer in Richtung Wehr stand in der Abenddämmerung ein Graureiher und betrachtete das Wasser. Ein klebriger Nebel kroch nachts vom Moor herab.“

Rebecca taucht nicht wieder auf. Was wie ein Thriller um ein verschwundenes Mädchen beginnt, entwickelt sich dann aber zu einer vollkommen anderen Geschichte. Ihr Verschwinden bleibt eine der beiden Klammern, mit der die Erzählung zusammengehalten wird. Im Mittelpunkt allerdings stehen die Menschen des Dorfes und die Zeit, die vergeht. Jahr um Jahr.

Als Leser wird man am Anfang mit einer wahren Flut an Namen überschüttet. Erst nach und nach kristallisieren sich familiäre Zusammenhänge heraus, Freundschaften, aber auch gegenseitige Abneigung, Dorftratsch und das ein oder andere Geheimnis. Die Zeit vergeht, Kinder werden zu Jugendlichen, Jugendliche zu Erwachsenen und Erwachsene zu Greisen. Und sterben. Die Geschichte des verschwundenen Mädchens aber bleibt über all die Jahre präsent, immer wieder werden neue, noch unbekannte Informationen in die Handlung eingeflochten, Gerüchte tauchen auf, irgendwo soll das Mädchen gesichtet worden sein, die Vorstellung, wie sie wohl als Erwachsene aussehen könnte, bewegt die Menschen. Und erst Jahre später fallen Dorfbewohnern Details ein, die damals vielleicht eine Rolle gespielt haben.

Die andere der beiden Klammern der Erzählstruktur sind die dreizehn Wasserspeicher, die das Dorf im weiten Umkreis umgeben; aufgestaute, kleine Seen inmitten der Hochmoorlandschaft. Sie alle werden nach dem verschwundenen Mädchen abgesucht, und jedes der dreizehn Kapitel ist – zumindest am Rande – einem der Seen und dessen Umfeld zugeordnet. Landschaftsbeschreibungen wechseln sich ab mit familiären Dramen, während das Dorfleben seinen Gang geht, sich die dörflichen Strukturen ändern und das Verschwinden des Mädchens zwar immer mehr in den Hintergrund rückt, aber nie in Vergessenheit gerät.

Jon McGregor hat ein literarisches Wimmelbild geschaffen; souverän entwickelt er anhand von mehreren Fixpunkten die Geschichte einer Dorfgemeinschaft mit all ihren Verwerfungen und mit wunderbar treffenden Personenbeschreibungen. Etwa, wenn es von den Söhnen eines Schafzüchters heißt: „Sie machten den Eindruck von Männern, die hart arbeiten, aber nicht gern darüber redeten, in der Hand Teetassen und Zigaretten.“ Schon hat man ein Bild vor Augen. Oder wenn er nur wenige Worte braucht, um die Abgeschiedenheit des Ortes darzustellen: „Am späten Nachmittag, kurz vor der Dämmerung, kam Nebel auf, und als die Kinder von der weiterführenden Schule aus dem Bus stiegen, klangen ihre Stimmen auf der Hauptstraße gedämpft und verloren.“

Es ist ein Roman, für den man zu Beginn etwas Geduld benötigt, der einen aber mit einer grandios komponierten Handlung belohnt. Ein Buch über das Werden und Vergehen, über das Älterwerden und das Verstreichen der Zeit.

„Das Feld“ von Robert Seethaler

Robert Seethaler ist ein Autor, den ich sehr schätze. Seine Romane „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ haben mich begeistert, auf „Das Feld“ war ich daher sehr gespannt. Zum Inhalt muss ich wahrscheinlich nicht viel sagen, das Buch wurde in den Literaturblogs und im Feuilleton sehr oft besprochen, die für mich schönste Buchvorstellung gab es auf buchrevier.

Durch Seethalers Idee, einen Friedhof zum Leben zu erwecken, indem die dort Ruhenden noch einmal ihre Lebensgeschichte erzählen, entstehen wunderbar kleinteilige Handlungsfetzen, die nach und nach das große Ganze ergeben; anhand von Einzelschicksalen Geschichte und Geschichten einer kleinen Stadt rekonstruieren. Den Einstieg macht die Perspektive eines Friedhofsbesuchers, ein alter Mann, der jeden Tag dort den Toten Gesellschaft leistet. „Er war überzeugt davon, die Toten reden zu hören. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber er nahm ihre Stimmen ebenso deutlich wahr wie das Vogelgezwitscher oder das Summen der Insekten um ihn herum. Manchmal bildete er sich sogar ein, aus dem Schwarm der Stimmen einzelne Wörter oder Satzfetzen herauszuhören, doch so angestrengt er auch lauschte, schaffte er es doch nie, die Fragmente zu etwas Sinnvollem zusammenzusetzen.“

Dies übernimmt dann Robert Seethaler für den Leser, der in jedem Kapitel einen anderen Toten von seinem Leben berichten lässt. Vor dem Auge des Lesers entsteht eine kleinbürgerliche Welt, mit all ihren Tragödien, kleinen und großen Dramen und den Leben, die ohne große Ansprüche gelebt wurden. Dabei vermittelt der Autor einen schon fast zärtlichen Blick auf die Lebensläufe einfacher Menschen, ohne Herablassung, ohne Hochmut.

Allerdings blieb das Buch etwas hinter meinen Erwartungen zurück, denn die 29 Miniaturen sind zu sehr aus einem stilistischen Guß, um tatsächlich als unterschiedliche Stimmen wahrgenommen zu werden. Und obwohl ich Seethalers minimalistische Schreibweise sehr bewundere, gab es ein paar Stellen, die schon fast zu poesiealbenhaft auf den Punkt gebracht sind. Etwa wenn es heißt „als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen.“

Insgesamt ist „Das Feld“ aber ein reizvolles Gedankenexperiment, zumal das Buch dafür sorgte, dass eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit, aus einem anderen Leben plötzlich wieder präsent war. Denn ich bin in einer kleinen Stadt am Bodensee aufgewachsen, 20.000 Einwohner und viel Natur. Wenn ich als Jugendlicher spätabends, nachts auf dem Heimweg war, führte eine Abkürzung durch den Alten Friedhof, ein ummauertes Gräberfeld aus dem 19. Jahrhundert, überragt von hohen Kastanien.

Schon tagsüber herrschte hier eine verwunschene Stimmung, aber nachts alleine dort zu sein war mit einem leichten Gruseln verbunden; besonders, wenn man an dem Familiengrab einer alteingesessenen Fabrikantendynastie vorbeikam. Auf dem Grabmal saß eine Frauenstatue, eine marmorne Kapuze leicht über das Gesicht gezogen. Durch den Schein einer Straßenlaterne, die hinter der Friedhofsmauer stand, warf die Kapuze einen Schatten auf das Gesicht – und im Vorbeilaufen änderte sich dieser Schatten, so dass man das Gefühl hatte, die Statue würde ganz langsam den Kopf drehen und einem hinterherschauen. Und aus dem Rauschen der Kastanien im nächtlichen Wind wurde das Wispern leiser Stimmen.

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Daran musste ich denken, als ich „Das Feld“ gelesen habe. Für das Beitragsphoto zu diesem Text war ich deshalb nach dreißig Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Alten Friedhof meiner Heimatstadt und habe die Bücher auf genau jener Statue photographiert. Auch wenn das Gelände ein wenig kleiner war als in meiner Erinnerung – die mystische Stimmung ist geblieben. Vielleicht sogar noch stärker geworden, denn heute ist dieser Friedhof ein aufgelassener Park, in dem sich die Natur die menschlichen Anlagen zurückholt. Bis auf das Grabmal mit der Statue und drei, vier anderen sind alle Gräber abgeräumt. Aus den früher sauber angelegten Kieswegen sind zugewachsene Pfade geworden, das Gras steht überall kniehoch. Doch die Gebeine von etwa 6.000 Menschen liegen dort noch in der Erde und die prächtigen, einen tiefen Schatten werfenden Kastanien rauschen immer noch im Wind und lassen einen die Stimmen der Verstorbenen hören.

Wenn man will.

Buchinformationen

Jon McGregor, Speicher 13
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-084-8

Robert Seethaler, Das Feld
Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-26038-2

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Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. „Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas“ führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn „unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.“

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. Weiterlesen

Nicht wegschauen!

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski zur Schließung des Georgian National Book Center

Photo: (c) Henriette Gängel

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski* zur Schließung des Georgian National Book Center

Die erfahreneren Buchmessebesucherinnen und -besucher raunten bewundernd: So etwas hätten sie seit Island nicht mehr erlebt, diese Stimmung der Begeisterung, des Mitgerissenwerdens, der literarischen Euphorie.

Georgien ist ein kleines Land am Schwarzen Meer, das geografisch bereits zu Asien gehört, ein Grenzland der Kontinente, ein Verbindungsstück der Kulturen.

Auf einer Fläche kleiner als Bayern leben nur ungefähr ein Viertel so viele Menschen. Und doch hat Georgien einen leidenschaftlichen Sturm der Sympathie für seine Literatur entfacht, als es im vergangenen Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Auch der Auftritt des Gastlandes Brasilien im Jahr 2013 bleibt den meisten als besonders gelungen in Erinnerung, doch Georgien hat 2018 noch einmal völlig neue Maßstäbe gesetzt und für viele sogar den eingangs erwähnten, oft gerühmten Auftritt Islands in den Schatten gestellt. Georgien in Frankfurt war etwas Einmaliges. Weiterlesen

Älterwerden. Ein Textbaustein*

Ueber das Aelterwerden. Ein Textbaustein von Steffen Kopetzky.

In der Rubrik Textbausteine stelle ich Textpassagen vor, die mir wichtig sind. Es sind manchmal nur ein paar kurze Sätze, die mich beim Lesen mit einer solchen Wucht getroffen haben, dass ich sie nie wieder vergessen werde. Manche davon begleiten mich schon viele Jahre, über andere bin ich gerade erst gestolpert. Miteinander gemein haben sie, dass sie Gefühle in Worte fassen, für die mir bisher die passenden Worte fehlten oder dass ich sie genau dann gefunden habe, als ich sie brauchte. Gerade ist es mir wieder so ergangen, diesmal mit einer kurzen Textstelle aus dem Buch „Propaganda“ von Steffen Kopetzky. Weiterlesen

In zwei Welten

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

In New York begegnen sich durch Zufall zwei junge Menschen, die sich ineinander verlieben und eine intensive Zeit miteinander verbringen. Etwas, das tagtäglich geschieht. Doch diese beiden wissen von Beginn an, dass diese Zeit nur ein paar Monate dauern, dass ihre Liebe keine Zukunft in ihren jeweiligen Welten haben kann. Denn Liat ist Israelin und Chilmi Palästinenser. Im Roman „Wir sehen uns am Meer“ erzählt Dorit Rabinyan ihre Geschichte. Weiterlesen

Zwei Jäger

Niklas Natt och Dag: 1793

Gut recherchierte historische Kriminalromane lassen auf ihrem Weg weit zurück in die Vergangenheit Epochen auferstehen, die scheinbar längst verschwunden sind. Aber nur selten gelingt dies so vielschichtig wie in dem Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag, der uns mitnimmt nach Stockholm in das titelgebende Jahr. Und in eine Zeit der Umbrüche.

1793 also. 100 Jahre zuvor war Schweden noch eine der wichtigen europäischen Großmächte gewesen, ein Land, dem der Dreißigjährige Krieg große Territorialgewinne eingebracht hatte. Mit dem Scheitern der Feldzüge Karls XII. und dessem Tod im Jahr 1718 setzte der Niedergang ein und 1793 war Schweden ein Land der extremen Gegensätze, bitterste Armut existierte neben dem verschwenderischen Lebensstil der Reichen. Vier Jahre zuvor hatten genau diese Gegensätze in Frankreich zu einer Revolution geführt, und nur wenige Monate vor Beginn der Romanhandlung war der französische König guil­lo­ti­nie­rt worden – ein Ereignis, das in ganz Europa für Unruhe unter den Mächtigen sorgte. Es brodelte auf dem Kontinent und jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen bekammen erste Risse. Weiterlesen

Verwehte Spuren

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

„Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch, nein, Gesamtkunstwerk war dieses Gefühl sofort da.

Schon der Geruch. Jede Lektüre beginnt mit einem tiefen Einatmen des Buchgeruchs, dieser wunderbaren Mischung aus Papier, Druckerschwärze und Leim, besser als jedes Parfum dieser Welt. Bücher riechen unterschiedlich und das „Verzeichnis einiger Verluste“ duftete phänomenal – ich saß mit begeistertem Gesichtsausdruck in der Straßenbahn und erntete einen wissenenden Blick von gegenüber. Nach den ersten Seiten beschloss ich, dieses Buch nicht in der Bahn zu lesen, es nicht der Hektik des Arbeitswegs auszusetzen; schon die zweiseitige Vorbemerkung lässt den Leser so tief in das Thema eintauchen, dass es schade um jede Störung von außen ist. Weiterlesen

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen

Koelner Literaturnacht 2019

Eigentlich wollte ich nur über Bücher bloggen. Das war einer der unzähligen, leicht wirren Gedanken, die mir am 3. Mai 2019 spätabends durch den Kopf wirbelten. In 24 Stunden sollte die 1. Kölner Literaturnacht stattfinden und ich kam nicht zur Ruhe. Das war auch nicht verwunderlich: Das Organisationsteam der Kölner Literaturnacht, zu dem auch ich gehöre, hatte jetzt vier Monate lang an diesem Projekt gearbeitet. Stunden über Stunden, alles ehrenamtlich und neben unseren eigentlichen Jobs. An anderer Stelle hatte ich bereits darüber berichtet. Weiterlesen

Abhandengekommen

Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

In Köln gibt es die Redewendung: „Beim ersten Mal haben wir es ausprobiert, beim zweiten Mal ist es schon Tradition und beim dritten Mal Brauchtum.“ Allerdings geht es jetzt nicht um Köln, sondern um Leipzig. Genauer gesagt um die Wohnzimmerlesung anlässlich der Leipziger Buchmesse. Diese Lesung fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt, ist nach obiger Definition also schon eine Tradition. Und genau so hat es sich angefühlt, etliche der letztjährigen Besucher waren wieder dabei, aber auch einige neue Gesichter. Zu Gast war dieses Jahr Demian Lienhard mit seinem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“. Ein Buch, dass den Lesern die dramatische Situation im Zürich der Achtzigerjahre nahebringt. Sehr nahe. Weiterlesen

Eine Geschichte erzählen

Alex Capus: Koenigskinder

Die Bücher von Alex Capus mochte ich schon immer und einmal durfte ich auch seine Entertainer-Qualitäten bei einem Liveauftritt erleben – ein denkwürdiger Spätnachmittag auf einem Ausflugsschiff weit draußen auf dem Zürichsee. Jetzt aber soll es um seinen Roman „Königskinder“ gehen. Darin erzählt Alex Capus die unglaubliche Liebesgeschichte von Jakob und Marie, die es aus den Schweizer Bergen am Vorabend der französischen Revolution an den Versailler Königshof verschlug. Und das alles charmant eingebettet in eine Autopanne im Hier und Jetzt – denn elegant springt die Handlung immer wieder ins Heute und schafft mit diesem Perspektivwechsel ein wunderbares Lesevergnügen.
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Gegen das Vergessen: Bücher für junge Leser

Gegen das Vergessen: Buecher fuer junge Leser

Für das Leseprojekt Das Unerzählbare wurde hier auf Kaffeehaussitzer eine Bücherliste zusammengestellt, die sich mit dem Thema Holocaust beschäftigt. Auslöser dafür ist eine Entwicklung, die man zunehmend mit Sorge betrachten muss: Jener monströse Zivilisationsbruch gerät langsam aber sicher aus dem Bewusstsein vieler Menschen, ewiggestrige Geschichtsrevisionisten wittern Morgenluft, Antisemiten unterschiedlichster Couleur versprühen immer aggressiver ihr Gift. Und in der Literatur droht die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit zum bloßen atmosphärischen Hintergrundrauschen einer Romanhandlung zu verkommen.

Jetzt hat dieses Leseprojekt eine hochwillkommene Ergänzung erhalten, nämlich eine Titelliste speziell für junge Menschen. Sie stammt von der Journalistin, Autorin und Übersetzerin Ute Wegmann, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik auseinandersetzt und sich durch Initiierung von Projekten wie „HEIMSPIEL – Kölner Autoren lesen in Kölner Schulen“ in der Leseförderung engagiert. 2018 erschien ihre Übersetzung von Judith Kerrs Autobiographie „Geschöpfe“ – einer Autorin, mit deren Persönlichkeit und Werk sie sich schon lange intensiv beschäftigt. Weiterlesen

Der Sessel

Der Sessel. Ein Beitrag für das Lesemagazin KUDU.

Mitten im Raum stand der Sessel. Ein wuchtiges Ding, das dazu einlud, es sich darin mit einem Buch bequem zu machen. Der Fußboden war übersät mit Mörtelbrocken und Glasscherben, die Wände waren vollgesprüht mit Graffiti, in einer Ecke lagen angekohlte Holzstücke und durch die eingeschlagenen Fenster wehte ein eiskalter Wind. Und doch ratterte beim Anblick dieses Sessels sofort das Kopfkino los. Wie mochte er wohl an diesen Platz gekommen sein? Aber bevor ich weitererzähle, sollte ich zuvor die Frage beantworten, wo wir eigentlich gerade sind. Und was ich da mache. Weiterlesen

Mit Literatur durch die Nacht

4. Mai 2019. An diesem Datum findet die erste Kölner Literaturnacht statt. Das Programm steht: 137 Veranstaltungen an 42 Orten sind zusammengekommen, unter koelner-literaturnacht.de kann man sich darüber informieren. Und die 76seitige Programmbroschüre wird ab liegt seit der 13. Kalenderwoche an den üblichen Stellen in Köln ausliegen.

Dies alles ist der Grund, warum es hier auf dem Blog in letzter Zeit etwas ruhiger war. Ich bin Mitglied im Team der #kölnerliteraturnacht und die letzten Wochen und Monate waren für uns sehr arbeitsintensiv. Beim Schreiben stelle ich mir das gerade wie eine Art Werkstattschuppen vor: Abends treffen sich darin Menschen, um gemeinsam an einem Projekt zu werkeln, die winterliche Dunkelheit senkt sich über die Stadt, aber die Fenster des Schuppens leuchten hell. Von drinnen hört man es Hämmern und Sägen, mal das durchdringende Geräusch eines Bohrers, dann das laut summende Rütteln einer Schleifmaschine. Dazwischen lebhafte Gespräche, Lachen, auch mal ein lautes Fluchen und dann, endlich, öffnen sich die Türen und das fertige Projekt wird aus dem Werkstattschuppen hinaus in den hellen Tag geschoben. Weiterlesen

Es ist kalt auf der Mauer

John Lanchester: Die Mauer

Anfang Februar saß ich an einem Samstagnachmittag am Küchentisch und las in der ZEIT Burkhard Müllers mitreißende Besprechung des Romans „Die Mauer“ von John Lanchester. Direkt danach stand ich auf, zog mir die Jacke an, ging ein paar Straßen weiter zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens, kaufte das Buch, kehrte an den Küchentisch zurück und las es durch. Und war beeindruckt von dem düsteren Stimmungsbild, das John Lanchester geschaffen hatte; ein dystopisches Szenario, das in einer nicht weit entfernten Zukunft spielt. Wobei „nicht weit entfernt“ etwas vage klingt. Denn eigentlich sind es nur ein paar Schritte, die uns von dieser Zukunft trennen mögen. Weiterlesen

Das Unerzählbare. Ein Leseprojekt

Das Unerzaehlbare: Ein Leseprojekt gegen das Vergessen

Das Unerzählbare. Mit diesem Begriff umschreibt der Autor Daniel Kehlmann die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust und dem mit deutscher Gründlichkeit organisierten Massenmord an sechs Millionen Menschen. Denn wie soll man, wie kann man über diesen monströsen Tiefpunkt der Zivilisation und der deutschen Geschichte reden, schreiben, sprechen? Und gleichzeitig muss man darüber reden und darüber schreiben und darüber sprechen, damit dieses Unerzählbare niemals in Vergessenheit gerät. Deshalb habe ich für ein Leseprojekt Bücher zusammengestellt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Weiterlesen

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