Täterland ist abgebrannt

Andreas Pflueger: Ritchie Girl

»So hätte ein Roman beginnen können, der im Reich der Toten spielte: mit den Schemen von Häusern, die sie fühlte, obwohl sie nicht mehr da waren, Geistergebäude, blumengeschmückt, fahnenbehängt, an jedem Fenster schreiende Menschen, ihre Heil-Rufe ein Echo, so wie alles in  Deutschland nur noch ein Echo war – von Schamlosigkeit und Obszönität und Gier, von Hass, von weißer Farbe, die auf Schaufensterscheiben klatschte, von klirrendem Glas, von Zahnbürsten auf Straßenpflaster, vom Wegschauen, Schulterzucken, dem Was-hätte-ich-denn-tun-können, dem Das-ging-mich-nichts-an. Das schlimmste und lauteste Echo, der wahre Grund für all dies. Sie fragte sich, was käme, wenn die Echos irgendwann verhallt wären, wenn es still wurde.«

Der Roman »Ritchie Girl« von Andreas Pflüger ist voller Textstellen, die einen den Atem stocken lassen und die einen tief in die erzählte Geschichte hineinziehen. Doch diese starke Passage ragt noch einmal daraus hervor und ich konnte nicht anders, als die Buchvorstellung mit ihr beginnen zu lassen. Denn mit wenigen Worten skizziert der Autor darin ein Land in Trümmern, besiegt, zerstört, am Ende. Und beladen mit einer Schuld, wie es sie nie zuvor gegeben hat.

Mit »sie« ist Paula Bloom gemeint, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs im Dienst der US-Army in Italien eintrifft. Mit der Ankunft in Genua beginnt das Buch – die Stadt liegt in Schutt und Asche, im Hafenbecken treiben Leichen, »von den Quais hingen Krangerippe halb ins Wasser, ihr Stahl verbogen von gewaltiger Hitze.« 

Paula hatte eine Ausbildung im Camp Ritchie erhalten, einer Einrichtung in der unter anderem deutschstämmige Amerikaner oder deutsche Emigranten trainiert wurden, um gegen das NS-Regime in Europa zu kämpfen. Prominente Namen waren dabei, Stefan Heym etwa oder Klaus Mann. Paula Bloom ist eine der wenigen Frauen, die von dort an die Front geschickt werden, um als Dolmetscherin zu arbeiten. Ihr Vater war Douglas Bloom, ein amerikanischer Geschäftsmann. Nachdem er gegen den Willen seiner reichen Familie eine Deutsche geheiratet hatte, lebte er seit den Zwanzigerjahren in Berlin, der Stadt, in der Paula geboren wurde. Er vertrat dort die Interessen amerikanischer Großunternehmen in Deutschland – auch nach der Machtergreifung der Nazis, als die Geschäfte zunehmend schmutziger wurden. In seiner Villa in Berlin-Grunewald gehen Männer wie Hjalmar Schacht, Albert Speer oder Allen Dulles ein und aus – widerwärtige Menschen, die beispielhaft dafür stehen, dass Profite wichtiger sind als Moral oder Menschenleben.

Paula bekommt nicht viel von den Geschäften ihres Vaters mit; erst später wird ihr klar, mit wem er sich eingelassen hat. Sie wächst in wohlhabenden Verhältnissen auf, doch der frühe Tod der Mutter wirft einen ersten Schatten auf ihr Leben. Bald darauf verdunkelt sich das ganze Land, und als 1937 ihr Vater mit betrunkenen SA-Schlägern aneinandergerät und von ihnen ermordet wird, verlässt sie Deutschland in Richtung USA. Zurück bleiben Georg, eine unglücklich geendete Jugendliebe, und ihre beste Freundin Judith, die nach zahlreichen antisemitischen Anfeindungen verschwunden ist – zwei Namen, die im Verlauf der Romanhandlung sehr oft erwähnt werden. Paula ist eine junge Frau, gezeichnet von Verlust, Sorge und Angst. Doch als sie wiederkommt, trägt sie die Uniform der amerikanischen Armee. 

Gerade frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, die Komplexität der Hauptfigur Paula Bloom mit ein paar dürren Worten darzustellen. Denn mit ihr hat Autor Andreas Pflüger eine Protagonistin geschaffen, in deren Leben die historischen Verwerfungen, von denen er erzählen wird, fast komplett aufeinandertreffen. Ein beeindruckender erzählerischer Kniff, der es wiederum nicht einfach macht, sie hier zu charakterisieren. Durch ihre Herkunft ist sie bestens vernetzt, doch durch ihre Erlebnisse gleichzeitig wurzellos, unendlich traurig. Und wütend. Wütend auf die Deutschen, die Europa mit einem verbrecherischen Krieg überzogen haben, wütend auf die Mörder in SS-Uniformen, die unfassbare Grausamkeiten zu verantworten haben, willfährig unterstützt von der Wehrmacht. Wütend auf die Profiteure dieses Zivilisationsbruchs, zu denen auch die alten Geschäftspartner ihres Vaters auf beiden Seiten des Ozeans gehören. Und wütend auf die amerikanischen Bestrebungen, zahlreiche deutsche Verantwortliche ungestraft davonkommen zu lassen.

Der größte Teil des Romans spielt im Jahr 1946. Während in Nürnberg die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher stattfinden, bilden sich hinter den Kulissen neue Allianzen. Wir treffen Paula bei ihrer Ankunft in Frankfurt wieder, »die Stadt gähnte sie an wie ein Mund, aus dem alle Zähne herausgebrochen waren.« Sie soll in »Camp King« eingesetzt werden, einem Lager, in dem Deutsche interniert sind, die möglicherweise über wertvolle Informationen verfügen. Bei ihrem Einsatz wird uns Lesern die Dramatik jener Zeit deutlich, denn es geht nicht um Gerechtigkeit und Verantwortung, sondern darum, sich gegen den neuen Feind Sowjetunion in Stellung zu bringen – und aus SS-Kadern und Kriegsverbrechern werden neue Verbündete. Bestes Beispiel dafür ist Reinhard Gehlen, der Gründer unseres Bundesnachrichtendienstes, den wir in Andreas Pflügers Roman ebenfalls kennenlernen. Bei all diesen Entwicklungen und Winkelzügen konkurriert der CIC, der Geheimdienst der US-Army, dabei mit dem OSS, einem Vorläufer der CIA – deren erster Direktor Paulas alter Bekannter Allen Dulles werden sollte. 

An dieser Stelle bin ich beim Schreiben dieser Buchvorstellung hängengeblieben und habe zwei, drei Tage lang überlegt, wie ich sie weiterführen und beenden soll. Üblicherweise liegt das Buch, um das es jeweils geht, neben dem Rechner, ich überlege, was es für mich besonders gemacht hat und wie ich dies in Worte fassen kann. »Ritchie Girl« allerdings hat so viele Facetten, die es zu einem außergewöhnlichen Buch machen, dass ich Gefahr laufe, mich in diesem Text zu verzetteln. Mehr zur Handlung sollte ich nicht erzählen, und was genau Paulas Auftrag im »Camp King« sein wird, muss nicht Gegenstand dieser Buchvorstellung sein. Es sind drei Hauptthemen, um die es in diesem Roman geht, und die Andreas Pflüger in der Person seiner Protagonistin meisterhaft miteinander verknüpft hat. 

Zum einen ist es die Situation im zerstörten Nachkriegsdeutschland. Durch Paulas Augen sehen wir Elend und Not, halbverhungerte Menschen, die versuchen, inmitten der Trümmer irgendwie zu überleben. Durch ihre Nase riechen wir den Gestank der Verwesung, der über den eingestürzten und zerbombten Häusern hängt. Während nach und nach das Ausmaß der deutschen Verbrechen deutlich wird, während Ortsnamen wie Auschwitz oder Treblinka zu Synonymen für einen vollkommenen Zivilisationsbruch werden; im Roman fällt der Name Eichmann zu Beginn wie beiläufig und kaum jemand kennt ihn – was sich im Laufe der Handlung ändern wird. Eines der vielen Details dieses Buches. 

Und damit sind wir beim zweiten Hauptthema des Buches: Schuld und Sühne. Kann einem Tätervolk, das unfassbare Barbarei über einen Kontinent gebracht hat, jemals vergeben werden? Anfangs hat Paula keinerlei Mitleid mit den ausgemergelten Menschen in den Stadtruinen, die in ihren Augen das erhielten, was sie verdienten, als sie voller Begeisterung einer Verbrecherbande in den Abgrund folgten. Erst durch ihren Kollegen und Freund Sam – ein jüdischer Emigrant, den sie aus dem Camp Ritchie kennt – lernt sie, Dinge differenzierter zu sehen. Besonders als sie merkt, wie die Hauptverantwortlichen in Scharen davonkommen werden, da ihr Wissen zu wichtig für die Geheimdienste ist. 

Und das dritte große Thema ist die enge Verzahnung zwischen der Nazi-Herrschaft und der Industrie. Nicht zufällig ist auf dem Buchcover ein Bild des I.G.-Farben-Gebäudes in Frankfurt abgedruckt. Die I.G. Farben waren ein Zusammenschluss von acht großen deutschen Unternehmen; in dieser Konstellation seinerzeit das größte Chemieunternehmen der Welt. Der Name steht wie kaum ein anderer für eine über Leichen gehende Profitgier in den Diensten des »Dritten Reiches«. Andreas Pflügers Roman beschäftigt sich dabei mit einem besonderen Aspekt: Mit dem Engagement US-amerikanischer Investoren bei I.G. Farben, das noch bis weit in den Krieg hinein dauerte. Abgewickelt wurden diese Geschäfte mit Hilfe entsprechend ausgerichteter Kanzleien in den USA, etwa der von Allan Dulles. Dabei geht es dem Autor aber in keinster Weise um Relativierung der Nazi-Verbrechen, denn auch wenn eine Profitgier jenseits aller moralischen Vorstellungen verachtenswert sein mag – die Täter saßen an deutschen Schreibtischen. 

Die gesamte Romanhandlung bewegt sich eng an der historischen Realität; im Nachwort gibt es Erläuterungen, wann vereinzelt aus dramaturgischen Gründen davon abgewichen wurde. Ein Großteil der Handelnden hat es tatsächlich gegeben, auch über sie können die Leser sich im Nachwort informieren. 

Andres Pflüger verbindet die geschichtlichen Fakten mit einer spannenden Romanhandlung, aber vor allem besticht das Buch durch seine Sprache. Eine Sprache, die real wirkende Bilder im Kopf entstehen lässt und uns dadurch eindrucksvoll eine Zeit nahebringt, in der die Weichen für unsere heutige Weltordnung gestellt wurden. Zum Abschluss dieser Buchvorstellung gibt es daher eine weitere Textstelle, in der wenige Sätze genügen, um mit den Lebenslügen einer ganzen Generation abzurechnen. 

»So bitter sehnte Paula sich danach, dass es einen gäbe, einen Einzigen bloß, der vor sich selbst und der Welt sein Versagen eingestand, nicht jammerte, wie schlimm es ihm erging, nicht fragte, womit er dieses Elend verdient hatte, nicht stammelte, er habe ja nichts gewusst und seine Kinder hätten mit Juden gespielt; der nicht von Befreiung faselte, das verlogene Blöken von Schafen, die nach einem Wolfsrudel gelechzt hatten. Und genauso schamlos war das Wort Zusammenbruch. Wie konnte man das in den Mund nehmen nach der totalen Kapitulation jeder Menschlichkeit? 
Und damit meinte Paula nicht 1945. 
Sondern 1933.«

Große, sehr große Leseempfehlung!

Buchinformation
Andreas Pflüger, Ritchie Girl
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3518-43027-9

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Leïla Slimani über wahre »Cancel Culture«. Ein Textbaustein*

Die wahre »Cancel Culture« - Leïla Slimanis brillante Rede bei der Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2021

Der Roman »Das Land der Anderen« von Leïla Slimani ist eines der wichtigen Bücher des Jahres. In diesem Beitrag wird es allerdings nicht um das Buch gehen, sondern um eine Rede. Genauer gesagt, um die Rede, die Leïla Slimani zur Eröffnung des 21. Internationalen Literaturfestivals in Berlin gehalten hat. Die Übersetzung war in der FAS abgedruckt, ich bin zufälllig darauf gestoßen. Während einer Zugfahrt von Leipzig zurück nach Köln blätterte ich durch die Zeitung und blieb an dem Text der Rede hängen. Las sie gleich noch einmal. Und bekomme sie nicht mehr aus dem Kopf. Die französisch-marokkanische Autorin, geboren in Rabat, spricht darin von ihrem Aufwachsen in einer patriarchalen Gesellschaft, in der für Frauen kein selbstbestimmtes Leben vorgesehen ist. Sie erinnert sich an ihre ersten Kontakte mit Büchern und daran, wie die Literatur ihr die Türen in die Welt hinein aufgestoßen hat. Sie ist hindurchgegangen; es war ein steiniger Weg voller Hindernisse und Ressentiments, aber ein Umkehren kam nie in Frage. Und er hat sie bis weit nach oben geführt, Leïla Slimani ist eine der großen Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. „Leïla Slimani über wahre »Cancel Culture«. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«. „9/11: Der Tag, der alles veränderte“ weiterlesen

Geplantes Flanieren

2. Koelner Literaturnacht

Jetzt aber. Am 18. September 2021 findet die 2. Kölner Literaturnacht statt und wir freuen uns schon sehr auf diesen Abend. Ich schreibe »wir«, da ich zu den Gründungsmitgliedern und zum Vorstand von Literaturszene Köln e.V. gehöre; dem Verein, der diese Literaturnacht ausrichtet. Ein Ziel des Vereins ist es, das literarische Leben der Stadt sichtbarer zu machen, auch um dadurch mittelfristig die Arbeitsbedingungen der Kölner Literaturschaffenden zu verbessernEin erstes großes Projekt war die Ausrichtung der 1. Kölner Literaturnacht im Mai 2019137 Veranstaltungen fanden an 42 Orten überall in Köln statt. Bekannte Namen waren genauso dabei wie Autorinnen und Autoren, die gerade ihre ersten Texte publiziert hatten, es gab Diskussionen, Workshops, Werkstattbesuche, literarische Initiativen stellten sich vor, Übersetzerinnen und Übersetzer berichteten von ihrer Arbeit, es gab ein frühes Programm für Kinder und Jugendliche – kurz: Den Besuchern der 1. Kölner Literaturnacht wurden sämtliche Facetten des literarischen Lebens in Köln präsentiert.  „Geplantes Flanieren“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Keiner kommt hier lebend raus

Benjamin Whitmer: Flucht

Der Begriff »Noir« dürfte allen Literaturinteressierten bekannt sein, aber was genau verbirgt sich dahinter? Für diese Stilrichtung gibt es keine allgemeingültige Definition; vor einiger Zeit tastete sich Sonja Hartl in ihrem Essay »Was ist Noir?« an die Thematik heran. Unter anderem heißt es darin: »Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. … Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen.« Zwar muss ein Noir-Roman nicht unbedingt ein Kriminalroman sein, aber dieses Genre bietet sich natürlich geradezu an. Daher ist es kein Zufall, dass Sonja Hartls Essay im Blog Polar-Noir veröffentlicht wurde, dem Verlagsblog des Polar-Verlags; eines Verlags, der sich auf grandios-düstere Kriminalromane spezialisiert hat. Und das Buch »Flucht« von Benjamin Whitmer ist ein gutes Beispiel für die literarische Qualität des Verlagsprogramms: Noir vom Feinsten. „Keiner kommt hier lebend raus“ weiterlesen

Alles anders? Ein Textbaustein*

Die Rubrik »Textbausteine« hier im Blog Kaffeehaussitzer wurde ursprünglich dafür geschaffen, um ausgewählte Textstellen aus Büchern vorzustellen. Textstellen, die mich zum Teil schon lange begleiten, die für mich etwas Besonderes darstellen, sei es aufgrund ihrer Schönheit, ihrer Aussage oder ihrer Bedeutung für eine bestimmte Situation im Leben. Inzwischen sind es schon längst nicht mehr nur Zitate aus Büchern, es gehören auch Songtexte, Ausschnitte aus Magazinbeiträgen oder Gedichte dazu – denn eine Textstelle, die einen bewegt oder berührt, kann überall unvermittelt auftauchen. Zum Beispiel auf der Wand in einem Café. „Alles anders? Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Mit eleganter Leichtigkeit

Juan Gabriel Vasquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzaehlungen

Es war der Buchtitel, der mich neugierig gemacht hat. »Lieder für die Feuersbrunst« klingt auf eine so poetische Weise dramatisch, dass ich an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen konnte. Es enthält Erzählungen des kolumbianischen Autors Juan Gabriel Vásquez, ebenso wie der Band »Die Liebenden von Allerheiligen«. Auf beide Bücher machte mich Vanessa Marzog aufmerksam, die für Holtzbrinck Berlin arbeitet und unter anderem für die Kommunikation rund um die Samuel Fischer Gastprofessur verantwortlich ist. Sie bot an, mir diese beiden Bücher zuzusenden; dafür sollte ich sie in einer Café-Situation photographisch in Szene setzen und ein paar Sätze über den Autor schreiben, der im Sommer 2021 Dozent der Samuel Fischer Gastprofessur an der FU Berlin ist. Eigentlich gehe ich auf Kooperationsanfragen dieser Art nie ein, denn zu viele noch nicht vorgestellte Bücher stehen in der Blog-Warteschlange. Aber wie gesagt, den Buchtitel fand ich so grandios und das Thema der Gastprofessur so interessant, dass ich in diesem Fall nicht anders konnte, als zuzusagen. Zumal ich ein Faible für Literatur aus Süd- und Mittelamerika habe. Und es hat sich gelohnt, denn die Erzählungen der beiden Bände haben mich sehr begeistert. „Mit eleganter Leichtigkeit“ weiterlesen

Schreibmaschine und Karabiner

Elsa Osorio: Die Capitana

»Die Capitana« von Elsa Osorio ist ein besonderes Buch; eines das heraussticht, eines, das einen beim Lesen nicht mehr loslässt und eines, das sich tief ins Gedächtnis eingräbt. Mit diesem biographischen Roman hat die Autorin nicht nur eine beeindruckende Frau dem Vergessen der Geschichte entrissen, sondern sie nimmt uns mit in jene Epoche des 20. Jahrhunderts, als der Traum von einer gerechten Welt beinahe mit Händen zu greifen war. Es sind Jahre der Umwälzungen, der revolutionären Ideen, der Diskussionen. Jahre des Kampfes. Und Micaela Feldman Etchebéhère, genannt Mika, war immer dabei, niemals am Rand, sondern stets im Zentrum des Geschehens. Rastlos und ruhelos und angetrieben von dem unbändigen Wunsch, die Welt zu verändern. „Schreibmaschine und Karabiner“ weiterlesen

Majestätische Hoffnungslosigkeit

Hernan Diaz: In der Ferne

Diejenigen, die schon länger in diesem Blog mitlesen, wissen, dass ich ein Faible habe für eher düstere Romane, deren Protagonisten ihrem Leben verloren gegangen sind. Getriebene, Einsame, Suchende – das sind meine literarischen Helden. Dieses Entwurzelte oder dieses Gefühl, komplett auf sich alleine zurückgeworfen zu sein, sind derart existenzielle Situationen, dass sie jene Romanfiguren zu Sinnbildern des Lebens an sich machen. Sie regen zum Nachdenken an, zur Beschäftigung mit den Gedanken, woher wir kommen, wohin wir gehen und was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist – und die viel schneller vorbei sein wird, als wir es uns in jungen Jahren vorstellen können. »In der Ferne« von Hernan Diaz ist daher ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und ist dabei etwas sehr Besonderes, denn noch nie habe ich einen Text gelesen, in dem die geschilderte Einsamkeit so überwältigend präsent war, wie in diesem. „Majestätische Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen

Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht. „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

North Bridge, Edinburgh

North Bridge, Edinburgh

Eine Weile habe ich überlegt, ob dieser Text in einen Literaturblog passt, denn mit Literatur hat er nichts zu tun – außer dass er im März 2021 im Buchhandels-Kundenmagazin KUDU erschienen ist. In der Rubrik »Ein Photo und seine Geschichte« erzählte ich dort, was ein Bild der North Bridge in Edinburgh für mich so besonders macht. Es geht darin um ein Erlebnis, das mir seit bald drei Jahrzehnten nicht mehr aus dem Kopf geht – und deshalb veröffentliche ich den Text nun auch hier auf Kaffeehaussitzer, inklusive einer englischen Übersetzung. Und vielleicht erhalte ich ja irgendwann doch noch eine Antwort auf die Frage, mit der dieser Beitrag endet. „North Bridge, Edinburgh“ weiterlesen

Ins Leben geworfen

Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmaessiges Verb

Ins Leben geworfen: Selten war diese Formulierung passender als für die vier Protagonisten des Romans »Leben ist ein unregelmäßiges Verb« von Rolf Lappert. Frida, Ringo, Leander und Linus wachsen in den Siebzigerjahren in einer Landkommune irgendwo in Norddeutschland auf, abgeschirmt von sämtlichen Eindrücken der Außenwelt. Doch es ist keine Idylle, sondern das Aussteigerprojekt eines Trüppchens Erwachsener, die fernab der Gesellschaft leben möchten und ihren Kindern jeglichen Kontakt nach außen verweigern; sie nicht einmal wissen lassen, wer von ihnen die jeweiligen Eltern sind. Statt Schulbildung gibt es viel Arbeit auf dem Hof, statt dem Aufbau sozialer Kontakte das abgeschottete Kommunenleben. Es ist das Jahr 1980, als die Behörden die Hofgemeinschaft auflösen, den Eltern das Sorgerecht entziehen und die vier Kinder weit voneinander entfernt in Pflegefamilien unterbringen. Damit beginnt der Roman. Und damit beginnen vier Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines eint: Jeder der vier versucht, seinen Weg ins Leben zu finden. Und jeder dieser Wege besteht aus verschlungenen Pfaden, unvorhergesehenen Abzweigungen und der ein oder anderen Sackgasse. „Ins Leben geworfen“ weiterlesen

Die Berge rufen

Paolo Cognetti: Acht Berge & Matteo Righetto: Das Fell des Bären

Die abweisende, schroffe, lebensfeindliche und wunderschöne Welt der italienischen Alpen ist der Hintergrund zweier bewegender Romane. Wobei die Formulierung »Hintergrund« nicht ganz stimmt: Sowohl in »Acht Berge« von Paolo Cognetti wie auch in »Das Fell des Bären« von Matteo Righetto ist sie der alles bestimmende Mittelpunkt der Handlung. Denn die Landschaft formt die Menschen, die in ihr leben. Immer. Und überall. Aber besonders dort, wo sie jederzeit tödlich sein kann. Und wenn Bücher so gut zusammenpassen wie diese beiden, stelle ich sie gerne gemeinsam vor; es sind zwei Romane von nahezu makelloser Schönheit, mit einer perfekt austarierten Mischung aus Aufbruch und Enttäuschung, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod. „Die Berge rufen“ weiterlesen

Der Kaffeehaussitzer im Schaufenster

Ein Schaufenster mit Büchern aus dem Literaturblog Kaffeehaussitzer in der Buchhandlung Olitzky in Köln-Klettenberg.

Die Buchhandlung Olitzky in Köln-Klettenberg ist eine der Buchhandlungen meines Vertrauens und die für mich am nächsten gelegene. Es ist kein großer Buchladen, man könnte ihn eher als recht klein bezeichnen – aber das Sortiment ist so fein ausgewählt, dass ich bei fast jedem Besuch ein, zwei Bücher entdecke, von denen ich zuvor noch gar nicht gewusst hatte, dass ich sie unbedingt brauchen würde. Das ist etwas, das kein Algorithmus kann – und auch wenn er es könnte, lasse ich mir Bücher lieber von Menschen empfehlen, mit denen ich die Leidenschaft für die Literatur teile. Daher ist es kein Zufall, dass ich ein Photo der markanten Ladenbeschriftung im Beitrag »Wo ich Bücher kaufe. Und wo nicht« verwende; einer der meistgelesenen hier im Blog. Und der mir wichtige Hashtag #SupportYourLocalBookstore steht am Ende jeder Buchbesprechung. „Der Kaffeehaussitzer im Schaufenster“ weiterlesen