Mein Lesejahr 2019: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2019: Die besten Buecher

2019 war ein lohnendes Lesejahr mit zahlreichen Entdeckungen und vielen Büchern, die mich begeistert haben. Eine Statistik führe ich nicht und zähle auch nicht, wie viel ich in einem Jahr lese – mehr als ein Buch nach dem anderen geht ja nicht und letztendlich sind sowieso nur die Inhalte wichtig. Für diesen Beitrag habe ich meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich am meisten bewegt haben. Manche sind 2019 erschienen, andere standen schon seit ein paar Jahren im Buchregal. Und nicht alle davon sind schon hier auf Kaffeehaussitzer präsentiert worden, daher ist die Liste auch als eine Art Ausblick auf kommende Beiträge zu sehen.

Da ich Bücher meistens sehr zeitversetzt nach der Lektüre hier vorstelle, sind einige Titel hier nicht aufgeführt, die zwar 2019 auf Kaffeehaussitzer besprochen wurden, die ich aber bereits im Jahr davor gelesen hatte. Denn sonst wären zum Beispiel die Romane »Nordwasser« von Ian McGuire, »All die Nacht über uns« von Gerhard Jäger oder »1793« von Niklas Natt och Dag natürlich hier enthalten.

Das sind sie also, meine persönlichen Lesehighlights 2019.

Guillermo Arriaga: Der Wilde
Was für ein Buch! »Der Wilde« von Guillermo Arriaga erzählt vordergründig die Geschichte einer Rache. Doch was wird sein, wenn der Zeitpunkt der Rache gekommen sein mag? Einer Rache, die auch den sich Rächenden am Ende mit zerstören würde. Kann es danach ein Weiterleben geben? Haben wir eine Wahl? Einen freien Willen? Oder weiter gedacht: Kann man überhaupt leben, wenn die eigenen Gedanken dauerhaft um Rache kreisen? Man besessen davon ist? Auf die Beantwortung dieser Fragen steuert die Romanhandlung unaufhaltsam hin. Und ein Wolf wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Ein vielschichtig erzählter und raffiniert mit den unterschiedlichsten Zeit- und Handlungsebenen spielender Roman.

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent
Die Jahre zwischen 1900 und 1914 waren eine Zeit, die uns heute weit weg erscheint, die der unseren aber viel ähnlicher war, als den meisten Menschen klar ist. Philipp Blom zeigt uns in »Der taumelnde Kontinent« ein Europa im Umbruch; in vierzehn Kapiteln stellt er die rasanten technischen Entwicklungen und die gesellschaftlichen Veränderungen vor. Die wirtschaftliche Globalisierung sorgte bereits damals für Verwerfungen und insbesondere die brutale Politik des europäischen Kolonialismus stellte die Weichen für Konflikte, unter denen die Welt heute noch leidet. Ein Buch mit zahlreichen Aha-Erlebnissen, geschrieben in einer mitreißenden Sprache.

Carys Davies: West
Carys Davies ist mit »West« etwas Besonders gelungen. Sie knüpft nahtlos an die Tradition der Noir-Western an und verbindet die Handlung mit subtilem Humor und feiner Ironie, dezent eingestreut, doch stets durchscheinend. Damit bricht sie souverän die manchmal übertrieben ernsthafte Männerwelt dieses Genres auf und hievt ihren Noir-Western auf eine neue erzählerische Ebene, leichtfüßig und elegant. Und gnadenlos.

Mathijs Deen: Über alte Wege
Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen.
Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander.

Daniel Galera: Flut
Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. In der tiefsten Krise seines Lebens zieht er ans Meer, in einen kleinen Strandort im Süden Brasiliens. Hier war vor vielen Jahren – noch vor seiner Geburt – sein Großvater umgebracht worden, hier verlieren sich dessen Spuren. Der namenlos bleibende Mann möchte herausfinden, was damals geschah. Ein Drama von existenzialistischer Wucht nimmt seinen Lauf, bei dem das Meer mit seiner Leere, seiner Endlosigkeit, seiner Gewalt und seiner Stille eine zentrale Rolle spielt. 

Juan Gómez Bárcena: Kanada
Ein schmales Buch mit einem kurzen Titel. Doch was »Kanada« für den namenlos bleibenden Überlebenden einer grauenvollen Zeit bedeutet, wird erst nach und nach klar. Es ist ein bewegender Bericht über einen hochtraumatisierten Menschen, der nicht wieder in sein altes Leben zurückfindet. Da es kein altes Leben mehr gibt und da alles, was es für ihn ausmachte, verschwunden ist. Bald schreibe ich mehr zu diesem Buch, das ein wichtiger Baustein des Leseprojekts »Das Unerzählbare« ist.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive
Der Einstieg war etwas zäh, aber dann folgte ein so intensives Leseerlebnis, wie ich es bisher nur selten erlebt habe: »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad ist für mich das beste Buch des Jahres 2019 und einer der herausragendsten Romane der letzten Dekade. Ein Buch wie ein guter Freund, der mich über Wochen begleitet hat. Oder anders gesagt: 1.242 Seiten und keine einzige zuviel.

Robert Harris: Der zweite Schlaf
Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman: Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten. Denn bald stellt sich die Frage, welches Jahr 1468 eigentlich gemeint ist – und aus einem Historienschmöker wird plötzlich eine Dystopie vom Feinsten. Große Leseempfehlung.

Steffen Kopetzky: Propaganda
Die Handlung dieses Romans spannt einen Bogen von der blutigen Schlacht im Hürtgenwald im Herbst 1944 bis hin zum Skandal um die Pentagon Papers, die 1971 die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg ins Wanken brachten. Es geht um den Umgang mit der Wahrheit, um die Beeinflussung der Bevölkerung, um das Spiel der Mächtigen mit Menschenleben – Themen, die alt sind und zugleich aktueller denn je. Eine Textstelle darin hat mich besonders bewegt; so sehr dass sie direkt in die Rubrik der »Textbausteine« aufgenommen wurde. Eine Buchvorstellung zum gesamten Roman folgt bald.

John Lanchester: Die Mauer
»Es ist kalt auf der Mauer.« In der ewigen Hitliste der besten Buchanfänge ist John Lanchester mit diesem Satz ganz weit oben eingestiegen. Er führt mitten hinein in die Geschichte und nimmt die gesamte Stimmung des Romans vorweg. Bei vielen Dystopien spürt man bei der Lektüre ein wohliges Grauen, nicht so bei »Die Mauer«. Hier ist nichts wohlig, es läuft einem kalt den Rücken hinunter, denn die geschilderte Zukunft ist nur einen kleinen Schritt von uns entfernt.

Daniel Mason: Der Wintersoldat
Seit einigen Jahren läuft mein Leseprojekt zum Ersten Weltkrieg. »Der Wintersoldat« von Daniel Mason passt perfekt dazu, denn die Handlung führt die Leser in eine vergessene Region dieses Jahrhundertgemetzels – in die Karpaten, wo ein Medizinstudent aus Wien ein abgelegenes Lazarett leiten soll. Es ist eine Aufgabe, die seine fachlichen und emotionalen Kompetenzen weit überschreitet, und als Front, Gesellschaftsordnung und das Europa seiner Jugend zusammenbrechen, muss er sich entscheiden, wohin er gehören möchte. Bald mehr dazu.

Steven Price: Die Frau in der Themse
London im Winter 1885/1886 – eine Stadt im undurchdringlichen Nebel, voller Feuchtigkeit, modrigen Gerüchen, Schmutz, Armut und dunkler Gestalten. In dieser eindrucksvoll dargestellen Atmosphäre sind die Wege dreier Menschen schicksalhaft miteinander verknüpft. Es geht um Verrat, Spionage, einen mysteriösen Todesfall und den Namen eines Phantoms. Und um eine Geschichte, deren Anfänge zurückreichen in die Wirren des Amerikanischen Bürgerkriegs. Ein großartiges Leseerlebnis und ein Buch, das ich hier ebenfalls bald noch ausführlicher vorstellen möchte.

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
In New York begegnen sich durch Zufall zwei junge Menschen, die sich ineinander verlieben und eine intensive Zeit miteinander verbringen. Etwas, das tagtäglich geschieht. Doch diese beiden wissen von Beginn an, dass diese Zeit nur ein paar Monate dauern, dass ihre Liebe keine Zukunft in ihren jeweiligen Welten haben kann. Denn Liat ist Israelin und Chilmi Palästinenser. Nun ist die Tragik zweier Liebender, die bedingt durch äußere Umstände nicht zueinander finden können, ein klassisches Thema in der Literatur. Doch der aktuelle politisch-religiöse Bezug und die autobiographischen Anspielungen vervielfachen die Intensität der Lektüre dieses Romans, der mich sehr bewegt und begeistert hat.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
»Verzeichnis einiger Verluste« von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch war dieses Gefühl sofort da. Aufwendig recherchiert, klug geschrieben, elegant gestaltet und perfekt verarbeitet, kurz: Ein Gesamtkunstwerk. Und nur sehr selten habe ich auf etwas mehr als 250 Seiten und in so abwechslungsreicher Art und Weise so viel Wissen vermittelt bekommen.

Antonin Varenne: Äquator
Die Geschichte eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst: Pete Ferguson ist ein Getriebener, der meint, ein Verbrechen begannen zu haben und sich im Nebraska des Jahres 1871 auf den Weg in Richtung Äquator macht. Denn dort im Süden, so glaubt er, wird er endlich zu sich selbst finden. Eine Reise zu Pferd, zu Fuß und Schiff beginnt; sie führt ihn durch eine Revolution, einen Urwald mit vergessenen Überresten einer einstigen Zivilisation bis hin zu einem Punkt, an dem es kein Weiter mehr geben kann. Antonin Varenne hat bereits mit »Die sieben Leben des Arthur Bowman« den Abenteuerroman ins 21. Jahrhundert geholt. Mit »Äquator« legt er einen grandiosen Nachfolger vor. Bald mehr dazu.

Das sind sie also, meine persönlichen Favoriten und für mich die besten Bücher meines Lesejahrs 2019. Es ist immer spannend, die Best-of-Rückblicke in den anderen Literaturblogs zu lesen und oft entdecke ich dabei Titel, von denen ich zuvor kaum gehört habe. Ein schönes Zeichen für die Vielfalt der Literatur und der individuellen Lesevorlieben. Und ich hoffe, auch mit dieser Buchzusammenstellung ein paar Leseanregungen geben zu können.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Start in unsere Zwanzigerjahre.

#SupportYourLocalBookstore

306 Quadratmeter in Manhattan

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Normalerweise hat bei mir ein gelesenes Buch fast keine Gebrauchsspuren; ich kann gar nicht anders, als meine Bücher äußerst pfleglich zu behandeln. Bei »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad war das allerdings nicht möglich, denn dieses 1.242-Seiten-Werk habe ich über mehrere Wochen überallhin mitgeschleppt, um so oft wie möglich darin zu lesen. Verschrammt ist es nun, die Ecken angeschlagen, der Buchblock nicht mehr strahlend weiß und das Vorsatzblatt vollgeschrieben mit notierten Seitenzahlen. Und es fühlte sich an, als würden mich ein paar Freunde die ganze Zeit begleiten; nachdem die letzte Seite umgeblättert war, empfand ich so etwas wie Abschiedsschmerz, nun, da ich Max, Mischa, Mordecai und Owen zurücklassen musste. Dabei hatte ich ursprünglich gar nicht vor, den Roman zu lesen. „306 Quadratmeter in Manhattan“ weiterlesen

Zurück auf Null

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman. Der junge, unerfahrene Priester Christopher Fairfax wird vom Bischof von Exeter in einen abgelegenen Ort im Südwesten Englands entsandt. Dort war der Pfarrer bei einem Unfall ums Leben gekommen; Fairfax soll die Beisetzung regeln und alles für einen Nachfolger vorbereiten. Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten. „Zurück auf Null“ weiterlesen

Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Vor dem Untergang

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod. „Vor dem Untergang“ weiterlesen

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)

Zeig doch mal die Bilder (Teil 2): Zwölf ganz unterschiedliche Graphic Novels

Im Beitrag »Zeig doch mal die Bilder« hatte ich vor einiger Zeit beschrieben, wie ich durch den Austausch mit anderen Literaturbloggern die literarische Gattung der Graphic Novels für mich entdeckt habe. Damals stellte ich den ersten Stapel der beginnenden Sammlung vor. Inzwischen sind über zwei Jahre vergangen, es sind einige Bände dazugekommen und es wird Zeit für eine Fortsetzung.

Beim Zusammenstellen ist mir aufgefallen, dass es vor allem düstere Themen sind – wie beim ersten Teil auch. Nun habe ich ein Faible für Romane mit einem eher finsteren Setting, mit tragischen Schicksalen und mit einem offenen Ende; Geschichten mit weichgespültem Happy-End sind mir meist zu lebensfern. Diese Lesevorlieben schlagen sich auch in der Auswahl der Graphic Novels nieder – zumal man Düsternis in dieser Kunstform besonders intensiv zum Ausdruck bringen kann. Und es ist diesmal auch einiges Geschichtliches dabei, was ebenfalls eher zur dunklen Grundstimmung der Sammlung beiträgt.

Hier kommen die nächsten zwölf Graphic-Novel-Empfehlungen. „Zeig doch mal die Bilder (Teil 2)“ weiterlesen

Der Wächter und seine Dämonen

Gerhard Jaeger: All die Nacht ueber uns

Einen Zaun. Einen Wachturm. Einen Mann. Und seine Dämonen. Mehr benötigt Gerhard Jäger nicht, um uns in seinem Roman »All die Nacht über uns« auf eine Reise tief in die Seele eines Menschen zu schicken, dorthin, wo es dunkel ist. So dunkel, wie die Nacht, die diesen Mann umgibt, als er auf dem Wachturm steht, um einen Zaun zu bewachen. Eine einzige, endlose Nacht lang begleiten wir Leser ihn dabei.

Europa in einer nahen Zukunft: Die Flüchtlingskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht, als tausende von Menschen versuchen, dem tödlichen Chaos im zerfallenden Nahen Osten zu entkommen. Die Staaten Mitteleuropas riegeln ihre Grenzen ab, bauen Zäune. In einem nicht näher genannten Land sind die widerwärtigen Phantasien rechtsnationaler Politiker Wirklichkeit geworden: Es wird geschossen, wenn Flüchtlinge versuchen, den Grenzzaun zu überwinden; egal, ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt. Dies ist die Aufgabe des einsamen Soldaten auf dem Wachturm. Auf den Zaun zu achten, in die Nacht hinaus zu starren und im Zweifelsfall das Feuer zu eröffnen. „Der Wächter und seine Dämonen“ weiterlesen

Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. „Ein Fremder unter Fremden“ weiterlesen

Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings auch wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit.  „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“ weiterlesen

Ein Suchender, verloren gegangen

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Ab und zu habe ich Buchpost im Briefkasten. Doch über diese habe ich mich ganz besonders gefreut: »Das Angeln von Piranhas« von Tina Ger hatte ich im Februar 2018 Jahren als Manuskript in der Rohfassung gelesen und es für den Blogbuster-Preis eingereicht. Damals gewann ein anderer Titel und erhielt dadurch einen Verlagsvertrag. Umso schöner finde ich es, dass nun auch mein Favorit als gedrucktes Buch erschienen ist. „Ein Suchender, verloren gegangen“ weiterlesen

Schlaflos in Stuttgart

Frank O. Rudkoffsky: Fake

Nicht oft führt ein Roman die Leser nach Stuttgart. Stopp! Bitte nicht gähnend wegklicken. Denn die eigentliche Handlung in »Fake« von Frank O. Rudkoffsky spielt in den Weiten der sozialen Netzwerke. Das Buch zeigt auf eine beeindruckende Weise, wie sehr virtuelle und reale Welt zusammengehören. Wie diese Unterscheidung eigentlich schon längst verschwunden ist. Wie das Verhalten im Digitalen unser Leben im Realen mehr prägt, als sich viele eingestehen möchten. Und wie dies manchmal fatale Folgen haben kann. „Schlaflos in Stuttgart“ weiterlesen

Über den Umgang mit Büchern

Eigentlich ist es fast so etwas wie die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Blogbeitrag über das Wegschmeißen von Büchern zu den meistgelesenen hier auf Kaffeehaussitzer gehört. Darin hatte ich beschrieben, wie befreiend es sein kann, ein Buch, das sich als Lesezeitverschwender herausgestellt hat, einfach ins Altpapier zu werfen. Sucht man auf Google nach diesem Thema, stand der Blogbeitrag lange Zeit an Platz eins der Suchergebnisse, bis ein Artikel aus der FAZ diese Stelle eingenommen hat. Und obwohl der Text jetzt schon ein paar Jahre alt ist, kommen nach wie vor neue Besucher darüber auf den Blog; die Frage nach dem Wegschmeißen von Büchern scheint viele zu bewegen.

Ironie des Schicksals – das habe ich geschrieben, weil die Menschen, die mich gut kennen, wissen, wie wichtig mir der sorgfältige Umgang mit meinen Büchern ist. Ohne besonders darauf zu achten, sieht bei mir ein gelesenes Buch fast noch unbenutzt aus, von ein paar Bleistiftmarkierungen im Inneren abgesehen. Und einmal hatte ich einen Albtraum, bei dem ich auf der Flucht vor irgendetwas sehr, sehr Furchterregendem nicht vorangekommen bin, weil ich auf keinen Fall die vielen Bücher zurücklassen wollte, die ich bei mir trug.

Daher gibt es jetzt diesen Blogbeitrag über meinen Umgang mit Büchern, über meine ganz persönlichen Gebräuche, Rituale und Marotten. „Über den Umgang mit Büchern“ weiterlesen

Zerbrechliche Gewissheiten

Ein Kaffeehaussitzer-Gastbeitrag im Blog TraLaLit über das Übersetzerpaar Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.
Ein Kaffeehaussitzer-Gastbeitrag im Blog TraLaLit über das Übersetzerpaar Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.

Kurze und knackige Blogbeiträge schreiben ist etwas, das ich nicht kann. Meistens werden die Texte viel länger als gedacht und meistens ist mir das einfach egal. Diesmal allerdings wird es mir leichtfallen, mich kurz zu fassen, den der eigentliche Beitragstext steht nicht hier, sondern im Blog TraLaLit. Die Seite nennt sich Plattform für übersetzte Literatur und ist – meines Wissens – der einzige Blog, der sich ausschließlich mit dem Thema Literaturübersetzung sowie mit Übersetzerinnen und Übersetzern beschäftigt. Ein Blog, eher schon ein Online-Magazin, das ich schon länger mit großem Interesse verfolge. Und dessen Beiträge ich sehr mag. „Zerbrechliche Gewissheiten“ weiterlesen

Und alles ändert sich

Roscoe T. Martin ist Elektriker. Das wäre an sich nicht besonders spektakulär. Im Alabama des Jahres 1923 allerdings schon, denn abseits der großen Städte ist die Elektrifizierung noch lange nicht angekommen und das Leben auf den Farmen hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht groß verändert. Und auf einer solchen Farm ist Roscoe T. Martin gestrandet – bis eine einzige falsche Idee sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman »Ein anderes Leben als dieses« seine Geschichte. Eine Geschichte über den Wunsch nach Fortschritt und Glück, über das Scheitern, den Verlust und – vielleicht – der Möglichkeit eines Neuanfangs. „Und alles ändert sich“ weiterlesen

Zum Wolf werden

Guillermo Arriaga: Der Wilde

Wie anfangen? Diese Frage stelle ich mir oft zu Beginn einer Buchvorstellung, doch selten war ich so unschlüssig wie diesmal. Denn es geht um ein Buch, in dem zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt werden; das alles auf drei, vier Zeitebenen. An der Oberfläche ist der Roman »Der Wilde« von Guillermo Arriaga die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Im Zentrum der Handlung steht das Kleine-Leute-Viertel Unidad Modelo in Mexiko-City, in dem der Ich-Erzähler Juan Guillermo und sein Bruder Carlos aufwachsen. Das Leben findet zu großen Teilen auf den flachen Dächern der Häuser statt, die »Landschaft aus Wassertanks, Wäscheleinen und Fernsehantennen« ist ein Ort, an dem sich besonders die jungen Menschen treffen. Es gibt Wege von Dach zu Dach, die schmalen Gassen müssen übersprungen werden. Der Grund für diese Rückzugsgebiete ist die politische Situation: Es ist das Jahr 1969 und die konservative mexikanische Regierung mit ihrer Kommunisten-Paranoia geht rigoros gegen jeden vor, der nicht in das offizielle Weltbild passt; lange Haare bei einem Mann reichen, um von den patrouillierenden Polizisten zusammengeschlagen zu werden. Ein Jahr zuvor endete eine Studenten-Demonstration im Kreuzfeuer des mexikanischen Militärs. „Zum Wolf werden“ weiterlesen