Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder.

Timothy Snyder ist ein US-amerikanischer Historiker, Professor für Geschichte an der Yale University. Seine Bücher »Bloodlands« und »Black Earth« sind Standardwerke zur Geschichte des europäischen Totalitarismus im 20. Jahrhundert. 2025 wechselte er an die Universität Toronto, er gilt als einer der schärfsten Kritiker des Trump-Regimes. Die Ausgabe von »Über Tyrannei«, die mir vorliegt, erschien bereits 2017, während der ersten Präsidentschaft Donald Trumps – und vor diesem Hintergrund lesen sich einige Passagen heute noch dramatischer. 

Zwanzig Lektionen für den Widerstand also. Sie lauten wie folgt: 

  1. Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
  2. Verteidige Institutionen.
  3. Hüte dich vor dem Einparteienstaat.
  4. Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt.
  5. Denk an deine Berufsehre.
  6. Nimm dich in Acht vor Paramilitärs.
  7. Sei bedächtig, wenn du eine Waffe tragen darfst.
  8. Setze ein Zeichen.
  9. Sei freundlich zu unserer Sprache.
  10. Glaube an die Wahrheit.
  11. Frage nach und überprüfe.
  12. Nimm Blickkontakt auf und unterhalte dich mit anderen.
  13. Praktiziere physische Politik.
  14. Führe ein Privatleben.
  15. Engagiere dich für einen guten Zweck.
  16. Lerne von Gleichgesinnten in anderen Ländern.
  17. Achte auf gefährliche Wörter.
  18. Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt.
  19. Sei patriotisch.
  20. Sei so mutig wie möglich.

Zwanzig Sätze, kurz und prägnant. Zwanzig Handlungsaufforderungen. Zwanzig Denkanstöße. Manche dieser Sätze klingen auf den ersten Blick nach Selbstverständlichkeiten, doch dem ist nicht so. Denn bei den Dingen, die wir für selbstverständlich halten, bemerkt man erst zu spät, wenn sie gefährdet sind. Oder verschwinden. Jede dieser Aufforderungen wird mit einem einführenden Absatz vorgestellt und dann auf zwei, drei, maximal vier Seiten erläutert. Zum einen zieht Snyder dabei historische Vergleiche, schreibt über faschistische, nationalsozialistische und kommunistische Tyrannei, zum anderen kommt er auch immer wieder auf die Verlogenheit von Donald Trump zu sprechen – das Entsetzen darüber, dass ein solch primitiver Mensch zum Präsidenten gewählt wurde, ist nicht zu überhören. 

Doch die zwanzig Denkanstöße beziehen sich nicht auf ein Land im Besonderen oder auf eine konkrete Situation, sie sind universell gültig. Und jeder von uns sollte sie beherzigen. Auf ein paar der zwanzig »Lektionen für den Widerstand« möchte ich hier etwas näher eingehen. Etwa auf die erste: »Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.« In Diktaturen entwickelt sich oftmals eine Eigendynamik, Mitläufer wie fanatische Anhänger versuchen sich selbst dabei zu übertreffen, die Wünsche der Herrschenden zu erfüllen, noch bevor sie ausgesprochen wurden. Der Historiker Ian Kershaw nannte dies in seiner bahnbrechenden Hitler-Biographie »dem Führer entgegen arbeiten« – ein Zitat eines NSDAP-Funktionärs. Dieses »entgegen arbeiten« erzeugt einen Strudel der Radikalisierung, der am Ende alles und jeden mit sich reißt, hinab ins Verderben.

Bei Lektion vier, »Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt« heißt es: »Die Symbole von heute ermöglichen die Realität von morgen. Achte auf die Hakenkreuze und die anderen Zeichen des Hasses. Schau nicht weg und gewöhne dich nicht daran. Entferne sie selbst und setze damit ein Beispiel für andere, das auch zu tun.« Genau so. Tipp: Bei Aufklebern einen Spachtel benutzen, falls jemand eine Rasierklinge darunter platziert hat.

In Lektion vier »Verteidige Institutionen« geht es um die Säulen unserer Freiheit. Schon eine unabhängige Zeitung zu abonnieren trägt dazu bei, diese Säulen zu stabilisieren.  

Lektion vierzehn »Führe ein Privatleben« beschäftigt sich damit, dass viele von uns viel zu viel von sich im Internet preisgeben. Was in den falschen Händen für enormen Schaden sorgen kann, denn: »Tyrannen suchen nach dem Haken, an dem sie dich aufhängen können. Versuche, ihnen keinen solchen Haken zu bieten.«

Lektion neunzehn: »Sei patriotisch«. Eine Aufforderung, die für viele von uns befremdlich klingt. Timothy Snyders Erläuterung dazu macht allerdings klar, dass Patriotismus das Gegenteil von Nationalismus ist, denn ein Patriot sorgt sich um sein Land, um dessen Freiheit und Wohlergehen. Ein Nationalist ist getrieben von seinem Hass auf andere – was wiederum dem eigenen Land schadet. Es ist daher patriotisch, Parteien wie die AfD nicht zu wählen. 

»Die Demokratie ist in Europa in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren gescheitert und heute scheitert sie nicht nur in großen Teilen Europas, sondern auch in vielen Teilen der Welt. Es ist diese Geschichte und Erfahrung, die uns das finstere Spektrum unserer möglichen Zukunft offenbart. Ein Nationalist wird sagen: ›Das kann hier nicht passieren‹, und das ist schon der erste Schritt in Richtung Katastrophe. Ein Patriot sagt, dass es auch hier passieren könnte, aber dass wir das verhindern werden.«

Und schließlich Lektion sechs, »Nimm dich in Acht vor Paramilitärs«. Hier schlägt er einen Bogen von den SA-Schlägern, die von rabiaten Saalordnern zu Mördern wurden, hin zu einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump, bei der er das Publikum gegen anwesende Journalisten aufhetzt. Wie erwähnt ist meine Ausgabe des Buches von 2017 (die inzwischen im Handel erhältliche Auflage stammt aus dem Jahr 2025) und zu dieser Zeit waren die bewaffneten ICE-Horden, die amerikanische Städte terrorisieren, noch nicht denkbar gewesen. Damals schrieb Snyder: »Damit Gewalt nicht nur das Klima, sondern auch das System verändert, müssen die Emotionen von Wahlkampfveranstaltungen und die Ideologie der Exklusion in die Ausbildung bewaffneter Sicherheitstrupps Eingang finden. Diese fordern zunächst Polizei und Militär heraus, durchdringen anschließend Polizei und Militär und verändern schließlich Polizei und Militär grundlegend.« 

Timothy Snyders »Zwanzig Lektionen für den Widerstand« sind besonders eines: Zwanzig Lehren aus der Geschichte. Ein aufrüttelndes Buch, das eines klar macht: Schaut nicht nur zu, denn sonst triumphieren die Feinde der Freiheit. Und jeder von uns kann etwas dagegen unternehmen – wir sind nicht allein. Ihr solltet dieses kleine, aber immens wichtige Buch lesen; kauft es am besten gleich doppelt, um ein Exemplar zu verschenken. 

Lektion acht heißt: »Setze ein Zeichen«. Ein kleines Zeichen möchte ich mit diesem Blogbeitrag setzen. Daher verschenke ich zehn Exemplare dieses Buches an die ersten zehn Leserinnen und Leser, die mir eine E-Mail an postlagernd@kaffeehaussitzer.de schreiben und mir mitteilen, wohin ich eines der Bücher schicken darf. Update: Die zehn Bücher sind vergeben, danke für Eure Nachrichten!

Während ich an diesem Text geschrieben habe, wurden die iranischen Revolutionsgarden endlich, endlich, endlich von der EU als das eingestuft, was sie schon immer gewesen sind: Als Terroristen. Und Bruce Springsteen hat mit »Streets of Minneapolis« einen Song als Hymne des Widerstands veröffentlicht, während tausende Menschen gegen Trump und seine Schergen auf die Straße gehen. Kleine Funken der Hoffnung auf eine bessere Welt. 

Buchinformation
Timothy Snyder, Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-83597-1

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Leipziger Wohnzimmerlesung 2026

Leipziger Wohnzimmerlesung

Schon eine kleine Tradition: Unsere Leipziger Wohnzimmerlesung.

Die Leipziger Buchmesse ist seit vielen Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Einer, auf den ich mich jedes Mal besonders freue – denn es ist immer wieder etwas Besonderes, all die literaturbegeisterten und buchaffinen Menschen zu treffen. Nicht nur auf dem Messegelände, sondern in der ganzen Stadt; in unzähligen Veranstaltungsorten, in Cafés, Kneipen, Restaurants, Clubs. Und im Wohnzimmer meines guten Freundes Hannes, der bei jedem Leipzig-Besuch mein Gastgeber ist.

Seit 2018 veranstalten wir bei ihm unsere Wohnzimmerlesungen, für die er den größten Raum seiner Wohnung leer räumt, ihn mit Bierbänken ausstattet und den Kühlschrank mit Getränken befüllt. Eine Autorin oder ein Autor tritt auf, ich habe das Vergnügen, die Moderation zu übernehmen, das Wohnzimmer ist voller Menschen, von denen wir nur die Hälfte kennen und es sind wunderbare Abende mit guten Gesprächen und spannenden Begegnungen. Mareike Fallwickl war bereits dabei (mit ihr fing alles an), Demian Lienhard, Stefan Ineichen mit seinem großartigen Buch »Principessa Mafalda«, Kai Meyer ließ im Leipziger Wohnzimmer das legendäre Leipziger Graphische Viertel wiederauferstehen und im letzten Jahr sprach ich mit Pierre Jarawan über seinen wunderbaren Roman »Frau im Mond«.

Diesmal ist am Donnerstag, 19. März 2026 die Autorin Anne Stern im Wohnzimmer zu Gast. Dabei hat sie ihren neuen Roman »Die weiße Nacht«, der uns Leser mitten hinein führt in das zerstörte Berlin des Jahres 1946. Mit den literarischen Mitteln eines Kriminalromans lässt sie eine Epoche des Umbruchs wiederauferstehen – als die Düsternis des Alten noch überall in den Trümmern zu spüren war und eine neue Zeit noch nicht begonnen hatte. Ein grandioses Buch, brillant recherchiert und ich freue mich schon riesig auf unser Gespräch darüber.


Wer dabei sein mag: Verbindliche Anmeldungen per E-Mail an hannes_lehner@icloud.com. Adresse und Informationen zur Wohnzimmerlesung werden dann mitgeteilt.

Es gibt 30 Plätze. Einlass ist ab 20 Uhr, Beginn um 20.30 Uhr.
Fünf Euro Unkostenbeitrag für Getränke.

Sehen wir uns? Es würde mich freuen.

Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit. „Nichts ist, wie es scheint“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2025: Die besten Buecher

»Was lese ich als nächstes?« Dies ist für mich eine der schönsten Fragen, die es gibt. Manche Menschen planen ihre Lektüren im Voraus oder nehmen sich vor, während eines Jahres bestimmte Bücher zu lesen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, vollkommen planlos von Buch zu Buch zu flanieren, mich durch fremde Welten, Zeiten und Leben treiben zu lassen. Mich vor das überquellende Buchregal zu stellen und in aller Ruhe zu überlegen, welches Buch gerade passen würde. Und wenn das Jahr zu Ende geht, ist eine bunte, spannende und so manches Mal überraschende Mischung an Lektüren zusammengekommen. Wie immer habe ich für diesen Rückblick meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich 2025 am meisten bewegt, beschäftigt oder inspiriert haben. Und wie immer sind einige davon Neuerscheinungen gewesen, andere standen schon länger im Bücherregal und hatten auf den passenden Lesemoment gewartet. Und genau deshalb kann man gar nicht genug ungelesene Bücher zuhause haben. Ich nenne sie Lesevorräte.

Doch genug der langen Vorrede, das hier sind sie, meine persönlichen Lesehighlights des Jahres 2025. „Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher“ weiterlesen

Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute 150 Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen

In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen

Wie ein Riss in der Leinwand

Gabriel Zuchtriegel: Vom Zauber des Untergangs | Robert Harris: Pompeji

Pompeji ist wohl einer der faszinierendsten Orte der Welt. Mein Besuch dort liegt schon einige Jahre zurück, aber ich kann mich so gut daran erinnern, als sei es erst vor ein paar Wochen gewesen. Auf alten, gepflasterten Straßen durch die Ruinenlandschaft flanieren, Blicke in Häuser, kleine Geschäfte und Werkstätten werfen: das Gefühl, unmittelbar durch den Alltag der Menschen zu laufen, die vor fast zweitausend Jahren dort gelebt haben, ist ein überwältigendes Gefühl. Und am Horizont hat man dabei stets den dunklen, drohenden Umriss des Vesuvs vor Augen, der vor dem großen Vulkanausbruch 79 n. Chr. fast 800 Meter höher gewesen sein muss. Die Zeugen dieser Katastrophe treffen wir dort noch an, die Gipsabgüsse der Menschen in der Stunde ihres Todes zeigen die Gewalt der Natur, die an diesem sommerlichen Unglückstag Pompeji zerstörte. Pompeji und die umliegenden Orte. Und sie in der Zerstörung durch den alles überdeckenden Asche- und Steinregen konservierte. Bis heute. 

Zwei Bücher stelle ich hier vor, die unterschiedlicher kaum sein können, die aber für mich perfekt zusammenpassen und die ich direkt hintereinander gelesen habe: »Vom Zauber des Untergangs« von Gabriel Zuchtriegel und »Pompeji« von Robert Harris. „Wie ein Riss in der Leinwand“ weiterlesen

Das Finale nach dem Finale

Volker Kutscher: Westend

Das habe ich noch nie erlebt: Man freut sich auf ein Buch, kann den Erscheinungstermin kaum erwarten – und als man es schließlich in der Hand hält, weiß man nicht, ob man es überhaupt lesen möchte. So ist es mir gegangen mit »Westend« von Volker Kutscher. Der Name dieses Autors ist hier schon oft gefallen, und wer schon eine Weile im Blog mitliest, der weiß, wie begeistert ich von seiner Buchreihe rund um den Ermittler Gereon Rath bin, die 2007 mit dem ersten Band »Der nasse Fisch« gestartet ist. Danach folgten neun weitere Bände; die Handlung ist im Berlin der Jahre 1929 bis 1938 angesiedelt und sie führt uns mitten hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches«. Tatsächlich gibt es nur selten Romane, die das Leben in dieser Zeit so glaubwürdig schildern, wie diejenigen von Volker Kutscher. Aber das habe ich schon einmal aufgeschrieben, nachzulesen im Beitrag »Der Weg in die Finsternis«, in der ich die Serie komplett vorstelle und dabei erzähle, was die Bücher so besonders macht. Anlass für jenen Text war das Erscheinen des letzten, des zehnten Bands, der den schlichten Titel »Rath« trägt. Mein Fazit: »Der Schluss von ›Rath‹ ist so gelungen wie die gesamte Buchreihe. Ein dünner Rest Hoffnung bleibt, während Dunkelheit und Nebelschwaden alles verhüllen – wie ein prophetischer Blick auf das, was kommen wird.« 

Und genau so war es: Das Ende der Reihe ist perfekt. Es bleiben viele offene Fragen – und alles verliert sich in der Dunkelheit. Ein anderer Schluss wäre angesichts des komplexen Figurentableaus, das über zehn Bände aufgebaut wurde, nicht glaubwürdig und kaum denkbar gewesen. Und jetzt, ein Jahr später, liefert Volker Kutscher noch einen schmalen Band nach: »Westend« hat gerade einmal 104 Seiten Text und führt ins Jahr 1973, es sind also 35 Jahre vergangen seit dem Ende in der Buchreihe. „Das Finale nach dem Finale“ weiterlesen

Die zehn Leseregeln von Roger Willemsen. Ein Textbaustein*

Roger Willemsen: Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Buechern

Was für eine wunderbare Lektüre: Im Buch »Liegen Sie bequem?« sind Texte von Roger Willemsen versammelt, in denen es um das Lesen geht, um Bücher und um Literatur: Buchbesprechungen, kurze Porträts von Autorinnen und Autoren quer durch die Literaturgeschichte, manchmal knappe, manchmal ausführliche Leseempfehlungen, fiktive wie tatsächlich geführte Interviews, Kolumnen, Streitgespräche, Feuilletonbeiträge, Aufzeichnungen und Notizen. Ein wahres Roger-Willemsen-Lesebuch und ein Genuss von der ersten bis zur letzten Seite. 

Roger Willemsen ist 2016 mit nur sechzig Jahren gestorben. Viel zu früh. Der Journalist, Moderator, Autor und Literaturkritiker faszinierte auf vielen Bühnen unzählige Menschen mit seiner nahbaren Intellektualität und seiner brillanten Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Und genau deshalb ist es ein großes Lesevergnügen, sich durch Willemsens Gedanken zu lesen, die stilistische Eleganz seiner Sätze zu genießen und den eigenen Horizont – fast wie nebenbei – permanent erweitert zu finden. „Die zehn Leseregeln von Roger Willemsen. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Ein Brandbrief, 183 Seiten lang

Pilipp Peyman Engel: Deutsche Lebenslügen - Der Antisemitismus, wieder und immer noch

Kommt dieser Blogbeitrag zu spät? Man möchte es meinen: Schließlich liegt das Erscheinen des Buches schon eineinhalb Jahre zurück. Und der Abend, an dem ich den Autor im Literaturhaus Köln live erlebt habe, ist ebenfalls schon fast ein Jahr her. Und ja, ich würde mir wünschen, dass es diese Buchvorstellung gar nicht gäbe, dass dieses Buch gar nicht notwendig gewesen wäre. Aber leider ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil: »Deutsche Lebenslügen« von Philipp Peyman Engel ist angesichts des schockierenden Zustands unserer Gesellschaft eine hochaktuelle und dringliche Lektüre. Es trägt den Untertitel »Der Antisemitismus, wieder und immer noch«. Und es ist ein hundertdreiundachtzig Seiten langer Brandbrief.

Philipp Peyman Engel stammt aus einer jüdischen deutsch-iranischen Familie, wuchs im Ruhrgebiet auf, lebt in Berlin und ist der Chefredakteur der »Jüdischen Allgemeine«. Als deutscher Jude schreibt er über die Situation in der Zeit nach dem 7. Oktober 2023 – und diese sehr persönliche Analyse der dramatischen Entwicklungen in unserem Land ist ein Text, der einen beim Lesen schockiert, traurig macht und wütend zugleich. „Ein Brandbrief, 183 Seiten lang“ weiterlesen