9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«.

Es ist ein interessantes Phänomen, das mir schon oft aufgefallen ist, und das der Autor auch im Vorwort beschreibt: Kommt die Rede auf den 11. September, beginnt jeder Gesprächspartner sofort zu erzählen, was er in dem Moment machte, als er die Nachricht über die Geschehnisse in New York erhielt. Immer. Und ich selbst bin da keine Ausnahme, denn wie alle anderen weiß ich es natürlich noch ganz genau. Im Buch »Und auf einmal diese Stille« allerdings geht es nicht darum, zu erzählen. Sondern darum, zuzuhören – denn es kommen die Menschen zu Wort, die diesen Tag direkt erleben mussten, als Betroffene und als Opfer, als Zeugen, als Helfer, als Hinterbliebene. Und immer wieder sind es Stimmen von Menschen, die diesen Tag nicht überlebt haben.

Beim Verfassen dieses Buches arbeitete der Autor eng mit der Oral-History-Forscherin Jenny Pachucki zusammen. Sie beschäftigt sich als Historikerin mit dem 11. September und hat für das Buchprojekt etwa 5000 Zeitzeugenberichte, Protokolle, Videointerviews und andere Aufzeichnungen ausgewertet. Nach zweijähriger intensiver Arbeit kristallisierten sich 500 unterschiedliche Stimmen heraus, die Aufnahme in »Und auf einmal diese Stille« gefunden haben. Die Bandbreite ist dabei immens; Büroangestellte unterschiedlichster Firmen im World Trade Center kommen zu Wort, Elektriker, Köche, Wachleute und viele andere, die in den Zwillingstürmen arbeiteten. Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter, Journalisten, Anwohner, Besucher, Menschen die aus welchem Grund auch immer von den Schrecken betroffen waren, die an diesem verhängnisvollen Tag kein Ende zu nehmen schienen.

Das gleiche auch im Pentagon, in das die dritte Maschine hineingesteuert wurde. Denn auch wenn 9/11 vor allem mit den einstürzenden Hochhäusern visuell in Verbindung gebracht wird, verbrannten auch im schwer getroffenen amerikanischen Verteidigungsministerium Menschen in den Flammen des explodierenden Flugzeugs. Letzte Nachrichten aus dem United-Airlines-Flug 93 sowie die aufgezeichneten Sprachprotokolle sind ebenfalls Teil des Buches – sie dokumentieren den mutigen Versuch der Passagiere, sich den Terroristen entgegenzustellen. Ein Versuch, der ebenfalls in einem Feuerball endete. Des weiteren finden die Leser die Stimmen von Flughafenangestellten, von anderen Piloten, von Mitgliedern der Flugsicherung, von Militärs und vielen anderen Menschen, die das Geschehen fassungslos verfolgten und es nicht stoppen konnten. Und nicht zuletzt kommen auch prominente Namen zu Wort, seien es Donald Rumsfeld, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Laura Bush oder Rudy Giuliani, der damals als Bürgermeister New Yorks den ganzen Tag vor Ort war und zwischenzeitlich für vermisst erklärt wurde. 

Garret M. Graff hat die transkribierten Wortprotokolle in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Die Aufzeichnungen wurden dazu entsprechend aufgesplittet, so dass Stunde für Stunde dieses Schicksalstages vor uns abläuft, wir als Leser dadurch vielen Stimmen immer wieder begegnen. Manchen häufig, manchen mehrmals. Und manchen nur ein einziges und letztes Mal. Meist sind es jeweils drei, vier Sätze, manchmal auch mehr; entstanden ist dadurch eine hochemotionale Collage des Grauens, der Angst und des Todes; aber auch der Hoffnung, des Überlebens und des Zusammenhalts in einer extremen Ausnahmesituation.

Es sind unzählige Eindrücke, die sich zu einem Gesamtbild verdichten – so intensiv, wie ich es noch nie in einem Buch erlebt habe. Denn es geht nicht um eine dystopische Romanhandlung, sondern um die Bilder, die ich schon so oft gesehen habe – und die sich plötzlich mit Menschen füllen. 

So erzählt David Kravette, ein Anleihenmakler im 105. Stock des Nordturms, dass Besucher zu einem Meeting eingetroffen waren, sie aber nicht durch die Lobby im Erdgeschoss kamen, weil einer von ihnen keinen Ausweis dabeihatte. Eigentlich hätte seine Assistentin mit dem Aufzug hinunterfahren müssen, um für diese Person zu unterschreiben. Da sie aber im achten Monat schwanger war, dachte er, dass er ihr das nicht zumuten könne und fuhr selbst ins Erdgeschoss. Er sah sie nie wieder; um 8.46 Uhr schlug das erste Flugzeug zwischen dem 93. und 99. Stockwerk des Nordturms ein. (Seite 33)

Mike Tuohey arbeitete am Portland International Jetport und erinnert sich daran, wie er zu einem gerade eingecheckten Passagier sagte: »Mr. Atta, wenn Sie jetzt nicht losgehen, verpassen Sie ihren Flug.« (Seite 28)

»Wir fliegen viel zu tief« lauteten die letzten Worte der Flugbegleiterin Madeline »Amy« Sweeny, die telefonisch Kontakt mit dem American Airlines Flight Services Office hatte. (Seite 45)

Bruno Dellinger, der im 42. Stock des Nordturms arbeitete, erinnert sich an den Moment, als ihm im Treppenhaus die ersten Feuerwehrleute entgegenkamen, die sich mit ihrer schweren Ausrüstung mühsam Stufe für Stufe nach oben schleppten. »Während ich nach unten ging, liefen sie nach oben in ihren Tod. Das werde ich nie vergessen.« (Seite 161) Hunderte von Rettungskräften starben in den einstürzenden Hochhäusern und viele von ihnen hat man nie gefunden. 

Schrecklich zu lesen sind die Zeugenberichte derjenigen, die mitansahen, wie sich die Menschen aus den oberen Stockwerken der Türme in die Tiefe stürzten, um nicht zu verbrennen. Alleine, zu zweit, einmal sogar zu viert, Hand in Hand. (Seite 172 ff.)

Etwa 350 Kilometer weiter südlich sah die Schulleiterin einer Elementary School in Arlington direkt über ihrem Haus das Flugzeug, das gleich darauf ins Pentagon stürzte. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr Mann an Bord war. (Seite 260)

Beverly Eckert telefonierte mit ihrem Mann Sean Rooney, der im 98. Stockwerk des Südturms oberhalb der Einschlagstelle in der Falle saß. Sie erzählt, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel, wie die Hitze immer unerträglicher wurde, wie sie sich voneinander verabschiedeten. Und wie es eine Art scharfes Knacken gab, als der Boden unter ihm einbrach und das Hochhaus in sich zusammenbrach. (Seiten 187 & 196)

Andy Card, Stabschef des Weißen Hauses war mit Präsident Bush bei einem Besuch einer Schule in Florida. Die Bilder gingen damals um die Welt: Bush sitzt in einem Klassenzimmer und erhält die Nachricht ins Ohr geflüstert, dass ein zweites Flugzeug den anderen Turm getroffen hat. Andy Card war der Überbringer der Nachricht und beschreibt, wie dieser Moment für ihn war – denn ihm war klar, dass sich nun alles verändern würde. (Seite 107) 

Dies sind nur einige wenige Momentaufnahmen, von denen es im Buch unzählige gibt. Es sind apokalyptische Bilder, die uns geschildert werden. Das lichterloh brennende Pentagon, während tausende Mitarbeiter unter nahegelegenen Brücken kauern, da sie mit einem weiteren Angriff rechnen. Die Straßen rund um das World Trade Center, die übersät sind mit Körperteilen, Gebäudetrümmern und brennenden Wrackstücken der Flugzeuge. Die gigantische, hochgiftige Betonstaubwolke, die beim Einsturz der beiden Türme mit der Geschwindigkeit eines Tornados alles verschluckte – an den Nachwirkungen sterben bis heute Menschen. 

Immer wieder sind Geschichten dabei, die ein klein wenig Trost spenden in all dem Chaos, der Verwirrung und der Verzweiflung. Berichte von Menschen, die einander helfen, die nicht aufgeben, die sich selbst hintenanstellen, um andere zu retten. Und an vielen Stellen des Buches ist von einer allumfassenden Stille die Rede; Momentaufnahmen, die sich durch den ganzen Tag ziehen. »Nach dem Einsturz des Gebäudes breitete sich eine Stille aus, die ich niemals vergessen werde. Als die Staubwolke kam, war nichts mehr zu hören und zu sehen«, so Det. Sgt. Joe Blozis vom NYPD. Vollkommen gespenstisch der geschilderte Moment, als Menschenmassen über die leere Brooklyn Bridge laufen – voller Staub, mit verdreckter, zerfetzter Kleidung, blutend, hustend; Überlebende mit entsetzten, ungläubigen Blicken.

»Und auf einmal diese Stille« gehört zu den besten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Seit Monaten wollte ich es hier vorstellen, aber es gelang mir nicht, die passenden Worte für dieses vielschichtige Werk zu finden, das ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument darstellt. Anlässlich des 20. Jahrestages der Terroranschläge las ich es ein zweites Mal – und es hat mich auch bei der wiederholten Lektüre vollkommen erschüttert. Stunde für Stunde läuft dieser sonnige Dienstag im September 2001 vor dem inneren Auge ab, und ich weiß nicht, wie oft ich fassungslos kurz innehalten musste.  Besonders im Kopf geblieben ist mir eine Erinnerung, mit der das Buch beginnt. Astronaut Frank Culbertson war an Bord der Weltraumstation ISS, »der einzige Amerikaner, der sich nicht auf dem Planeten Erde befand.« Es war einer der klarsten Tage des Jahres und aus 350 Kilometer Höhe sah er die riesige schwarze Rauchsäule, die über New York aufstieg und weit auf den Atlantik hinaustrieb. Die nächste Überquerung führte ihn über das brennende Pentagon, während weiter im Norden immer noch der Rauch über New York hing. Bei der dritten Umrundung waren alle Kondensstreifen über den USA verschwunden, der Luftraum war gesperrt worden. Nur ein einziges Flugzeug konnte Culbertson ausmachen: Die Air Force One, die mit dem Präsidenten an Bord einsam ins Ungewisse unterwegs war. 

»Und auf einmal diese Stille« ist ein Buch, das mich sehr beschäftigt hat und auch noch sehr lange beschäftigen wird. Die Länge dieses Blogbeitrags gibt einen Eindruck davon und doch habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche dieses vielschichtigen, authentischen Werkes zu kratzen. Und vieles, was die darauf folgenden zwanzig Jahre und damit die Welt von heute prägen sollte, wird darin schon angedeutet: Kriege, Instabilität, gespaltene Gesellschaften. »Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.« Die Folgen des 11. September 2001 dauern an bis heute. Und es ist nicht vorbei. Noch lange nicht.

Oder, wie es Rosemary Dillard, Managerin bei American Airlines, ausdrückte: »Ich glaube nicht, dass die jungen Leute, die das hier lesen werden, die gleichen Freiheiten erleben werden, die ich genoss, als ich aufgewachsen bin.«

Ihr Ehemann befand sich an Bord eines der entführten Flugzeuge. 

Buchinformation
Garrett M. Graff, Und auf einmal diese Stille – Die Oral History des 11. September
Aus dem Englischen von Philipp Albers und Hannes Meyer
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47090-9

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Die Nachricht kam passend zur Lektüre: Während ich »Die Fassadendiebe« von John Freeman Gill las, berichtete der Kölner Stadtanzeiger darüber, dass in dem Viertel, in dem ich lebe, ein Häuserensemble aus den Zwanzigerjahren abgerissen werden soll. Es war eine Nachricht, die mich traurig und wütend zugleich gemacht hat. Traurig, weil wieder einmal ein Stück historischer Qualitätsarchitektur einem gesichts- und einfallslosen Neubau weichen muss. Und wütend, weil die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung nicht zu verstehen scheinen, dass eine gewachsene Architektur die Seele eines Viertels, einer Stadt darstellt. Mal davon abgesehen, dass mit dem zum Abriss freigegebenen Quartier auch Dutzende bezahlbarer Wohnungen verschwinden werden.

Von daher ist es kein Wunder, dass ich mich so gut in Nick Watts hineinversetzen konnte. Er ist New Yorker, liebt seine Stadt und muss in den Siebzigern mit ansehen, wie ein wunderschönes Art-Deco-Schmuckstück nach dem anderen den Kahlschlagplänen betonversessener Modernisten zum Opfer fällt. Wie kunstvolle Fassaden abgeschlagen und schmucklos neu verkleidet werden, zahllose Details aus New Yorks architektonischer Blütezeit verschwinden. Er versucht, zu retten, was er irgendwie retten kann und verliert dabei irgendwann den Bezug zur Realität vollständig aus den Augen – mit dramatischen Folgen. Sein Sohn Griffin Watts berichtet uns als Ich-Erzähler in »Die Fassadendiebe« über das Leben und Verschwinden seines Vaters. „Jagd auf Wasserspeier“ weiterlesen

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