Der Wächter und seine Dämonen

Gerhard Jaeger: All die Nacht ueber uns

Einen Zaun. Einen Wachturm. Einen Mann. Und seine Dämonen. Mehr benötigt Gerhard Jäger nicht, um uns in seinem Roman »All die Nacht über uns« auf eine Reise tief in die Seele eines Menschen zu schicken, dorthin, wo es dunkel ist. So dunkel, wie die Nacht, die diesen Mann umgibt, als er auf dem Wachturm steht, um einen Zaun zu bewachen. Eine einzige, endlose Nacht lang begleiten wir Leser ihn dabei.

Europa in einer nahen Zukunft: Die Flüchtlingskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht, als tausende von Menschen versuchen, dem tödlichen Chaos im zerfallenden Nahen Osten zu entkommen. Die Staaten Mitteleuropas riegeln ihre Grenzen ab, bauen Zäune. In einem nicht näher genannten Land sind die widerwärtigen Phantasien rechtsnationaler Politiker Wirklichkeit geworden: Es wird geschossen, wenn Flüchtlinge versuchen, den Grenzzaun zu überwinden; egal, ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt. Dies ist die Aufgabe des einsamen Soldaten auf dem Wachturm. Auf den Zaun zu achten, in die Nacht hinaus zu starren und im Zweifelsfall das Feuer zu eröffnen. „Der Wächter und seine Dämonen“ weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn »unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.«

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. „Wir Europäer“ weiterlesen

Es ist kalt auf der Mauer

John Lanchester: Die Mauer

Anfang Februar saß ich an einem Samstagnachmittag am Küchentisch und las in der ZEIT Burkhard Müllers mitreißende Besprechung des Romans »Die Mauer« von John Lanchester. Direkt danach stand ich auf, zog mir die Jacke an, ging ein paar Straßen weiter zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens, kaufte das Buch, kehrte an den Küchentisch zurück und las es durch. Und war beeindruckt von dem düsteren Stimmungsbild, das John Lanchester geschaffen hatte; ein dystopisches Szenario, das in einer nicht weit entfernten Zukunft spielt. Wobei »nicht weit entfernt« etwas vage klingt. Denn eigentlich sind es nur ein paar Schritte, die uns von dieser Zukunft trennen mögen. „Es ist kalt auf der Mauer“ weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. „Gespiegelte Verzweiflung“ weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. „Menschen auf der Flucht“ weiterlesen

Flüchtling im eigenen Land

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Als ich das Buch „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz zu Ende gelesen hatte und es zugeschlagen neben mir auf dem Tisch lag, musste ich erst einmal tief durchatmen. Um die Anspannung zu lösen, mit der ich bis zuletzt Seite für Seite umgeblättert habe. Und um das Gefühl der Beklemmung loszuwerden, denn „Der Reisende“ ist kein gewöhnlicher Roman. Vielmehr ist dieses Buch ein Zeitdokument in Romanform, das uns einen tiefen Einblick gewährt in das Deutschland des Novembers 1938. „Flüchtling im eigenen Land“ weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. „Unsere Welt. Nur anders“ weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. „Fluchtgedanken“ weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. „Suppen für Syrien“ weiterlesen

Heimatlose Schachspieler

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe. „Heimatlose Schachspieler“ weiterlesen

Vaters Land

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Am plötzlichen und spurlosen Verschwinden seines Vaters droht ein Heranwachsender zu zerbrechen. Über zwanzig Jahre später macht er sich auf die Suche nach dem Verschwundenen, um sein zerrüttetes Leben in den Griff zu bekommen. So könnte man das Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan mit ein paar dürren Worten zusammenfassen. Doch das würde diesem Roman mit seiner poetischen Sprache und einer bewegenden und dramatischen Geschichte in keinster Weise gerecht werden. Ganz und gar nicht. „Vaters Land“ weiterlesen

Israels Schattenwelt

Liad Shoham: Stadt der Verlorenen und Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Wir sind Zeugen eines Weltwandels, den wir in den letzten Jahren in der Rolle des Zuschauers miterlebten. So, als würde uns das alles nicht betreffen, als würden wir im ruhigen Auge eines Wirbelsturms leben. Das war ein Irrtum. Die Bilder von Flüchtlingen sahen wir schon seit Jahrzehnten, sie waren stets irgendwo ganz weit weg, auf anderen Kontinenten, fern unserer Wohlstandsgesellschaft. Und jetzt sind sie hier, mitten unter uns, vor unseren Toren, hunderttausende sind angekommen, hunderttausende sind unterwegs, ein Ende ist nicht abzusehen.

Andere Länder sind schon längst mit dieser Entwicklung konfrontiert, wie etwa Israel. Hier hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Schattenwelt etabliert; Flüchtlinge ohne Papiere leben im Elend, ignoriert von den einen, ausgebeutet von den anderen. Zwei Bücher beschäftigen sich intensiv damit und öffnen dem Leser eine Türe in eine düstere Gesellschaft, wie sie in Zukunft auch bei uns existieren könnte, wenn die falschen politischen Weichen gestellt werden. Es sind die Romane „Stadt der Verlorenen“ von Liad Shoham und „Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen. „Israels Schattenwelt“ weiterlesen

Blogger für Flüchtlinge

Blogger fuer Fluechtlinge

Auf den Tag genau heute vor 23 Jahren saß ich in einer französischen Kneipe, irgendwo zwischen Burgund und den Rhône-Alpen. Wir waren zu zweit unterwegs, mit dem Fahrrad von Freiburg aus in die Camarque. Nach einem langen und anstrengenden Rad-Tag freuten wir uns auf ein entspanntes Feierabendbier, aber daraus wurde leider nichts. Denn in jener Kneipe hing ein Fernseher, auf den alle wie gebannt starrten. Zu sehen waren bürgerkriegsähnliche Zustände, ein Mob, der Brandsätze warf, auf Polizisten losging und versuchte, Häuser anzuzünden, aus denen verängstigte Menschen schauten. Es war widerlich. Und das alles in Deutschland, in Rostock-Lichtenhagen. Wir sagten kein Wort, da wir es vermeiden wollten, Deutsch zu sprechen und schauten, dass wir so schnell wie möglich die Kneipe verließen. Wir waren wütend und sprachlos zugleich und schämten uns für das, was in unserem Land geschah.

Allerdings war und ist das falsch. Komplett falsch. Denn schämen müssen nicht wir uns, sondern diejenigen, die dumpfbackig grölend auf hilflose Menschen losgehen und damit alles was gut ist in unserem Land in den Dreck ziehen und beleidigen. „Blogger für Flüchtlinge“ weiterlesen

Entwurzelt in Hamburgs Obstgarten

Dörte Hansen: Altes Land

Vor einigen Monaten hatte ich vollmundig verkündet, das Leseprojekt Herkunft und Heimat zu starten; ein Thema, das mich schon seit sehr vielen Jahren gedanklich beschäftigt. Es ist auch eine beachtliche Bücherliste zusammengekommen, allein, mir fehlte der Einstieg. Den habe ich mit dem Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen jetzt gefunden. „Entwurzelt in Hamburgs Obstgarten“ weiterlesen

Leseprojekt Herkunft und Heimat

Leseprojekt Herkunft und Heimat

Ich bin der Sohn eines Flüchtlings. Der Enkel von Flüchtlingen. Und der Ur-Ur-Ur-Urenkel einer Flüchtlingsfamilie, dadurch ist ein großer Teil meiner Familiengeschichte kaum noch rekonstruierbar. Meine Ahnen mütterlicherseits waren Religionsflüchtlinge, sie zogen um 1700 als vertriebene Hugenotten aus Frankreich quer durch Europa bis nach Westpreußen, wo ihnen der preußische König Asyl gewährte. Dort hatten sie zwei Jahrhunderte Ruhe, bis 1918/1919 das Ende des Ersten Weltkriegs die mittel- und osteuropäische Landkarte gehörig durcheinander wirbelte. Westpreußen wurde dem wiedergegründeten polnischen Staat zugeschlagen, meine Vorfahren und viele andere Bewohner wurden vertrieben. Mit dabei war meine Großmutter, die 1919 zwanzig Jahre alt war. Sie starb 1981 und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie erzählte, dass sie, ihre Eltern und fünf Geschwister bei Nacht und Nebel ihr vertrautes Zuhause verlassen mussten. Jeder konnte ein Gepäckstück mitnehmen. „Leseprojekt Herkunft und Heimat“ weiterlesen