Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden.

Ulla Lenze: Der Empfänger

Im Sommer 1949 ist Josef Klein ist im Haus seines Bruders Carl gestrandet. Es ist ein kleines Haus, irgendwo im zerbombten Neuss, einer kleinen Stadt in der Nähe von Düsseldorf. Wenige Tage zuvor war er noch in New York gewesen, als Gefangener, als internierter Deutscher, der dann aus den USA abgeschoben wurde. Und jetzt ist er wieder dort, wo ein Vierteljahrhundert zuvor alles begann. Denn 1925 wollten die beiden Brüder gemeinsam auswandern, wollten der wirtschaftlichen Misere in Deutschland entkommen, einen Neuanfang wagen. Da verlor Carl bei einem Unfall ein Auge und hätte mit dieser Verletzung keine Chance bei den US-Einwanderungsbehörden gehabt. Und Josef ging alleine.

1949 begegnen wir einem Menschen, der das Gefühl hat, nirgendwo hinzugehören. Der in einer Mischung aus Rastlosigkeit und Fatalismus die Tage verbringt. Der innerlich auf dem Sprung ist, aber nicht weiß, wohin. Der gescheitert ist, aber sich weigert, dies als endgültig anzusehen. Nur eines ist Josef schnell klar: Seine ehemalige Heimatstadt ist nur eine Zwischenstation. In Rückblicken erfahren wir, wie es ihm seit der Ankunft auf Ellis Island mit Blick auf das überwältigende New Yorker Panorama ergangen war.

Der Anfang in New York im Januar 1925 war hart für Josef. Niemand wartete auf ihn, einen weiteren Migranten auf der Suche nach Arbeit und einem Dach über dem Kopf. Ulla Lenze beschreibt einfühlsam die Einsamkeit und Wurzellosigkeit des Ausgewanderten. Die zerplatzten Träume, die anfängliche Euphorie des Ankommens, die aufgefressen wurde von existenzieller Not. Irgendwie schaffte er es, sich über Wasser zu halten, irgendwann fand er einen Job in einer Druckerei, lebte in einem heruntergekommenen Apartment in East Harlem und die Jahre vergingen. Der große Traum des Neuanfangs war zu einem Alltag geschrumpft, in dem Josef irgendwie über die Runden kam. Immerhin.

Sein einziger Luxus war seine Funktechnik; er hatte sich durch Bücher gearbeitet, sich die Materialien besorgt und ein Funkgerät gebaut. Und erwies sich dabei als erstaunlich talentiert. Vor allem kompensierte er damit seine Einsamkeit, denn wenn er mit Menschen irgendwo im Funknetz anonym kommunizierte, vergaß er für ein paar Stunden, dass er zu einem Eigenbrötler geworden war, der planlos und für andere unsichtbar durch sein Leben stolperte. Nur manchmal dachte er an die erste Zeit nach seiner Ankunft in den USA: »Er konnte in diese Gefühle hineinwaten wie in einen See, dessen Wasser ganz langsam an ihm hochstieg. Als wäre alles noch ganz nah, und wenn er nicht aufpasste, könnte das, was er erreicht hatte, als Trugbild auffliegen, als Kartenhaus zusammenbrechen, als hätte er nichts erreicht, nur federleichtes Sein, das gegen nichts gefeit war.«

Kundenkontakte der Druckerei führen Josef hinein in die deutsche Community New Yorks und bringen ihn in Kontakt mit einer faschistischen Organisation, die begeistert die Entwicklungen im Deutschen Reich verfolgt. Es gibt viele Deutsche in New York, im Stadtteil Yorkville sind ganze Straßenzüge deutsch beschriftet. Zwischen Central Park und Second Avenue und zwischen der 70. und 90. Straße gibt es das »Café Geiger« oder die »Kleine Konditorei«, das »Jägerhaus«, den »Schwarzen Adler«, die »Lorelei«, Kinos, in denen deutsche Filme laufen, Brauhäuser und Bierkeller, man kann Blut- und Leberwurst kaufen und deutsche Zeitungen. Und es ist eine Gegend, mit der Josef nichts zu tun haben möchte, sein East Harlem mit seinen Jazzclubs und dem bunten Leben auf der Straße ist im lieber.

Natürlich sind viele der Deutschen in den USA keine Nazis, nicht einmal deren Sympathisanten. Doch durch das Auftreten faschistischer Gruppierungen entstehen antideutsche Ressentiments, von denen die gesamte deutschstämmige Community betroffen ist. Was gleichzeitig zum perfekten Nährboden für die Rekrutierungstaktiken der Abwehr wurde, wie der Auslandsgeheimdienst des »Dritten Reiches« hieß.

Dann beginnt der Zweite Weltkrieg.

»Er saß auf einer Couch in einer Wohnung in Harlem. Es hatte alles miteinander zu tun, und zum ersten Mal spürte er es.«

Und Josef Klein, der ein neues Leben anfangen wollte und sich in seiner Mittelmäßigkeit eingerichtet hatte, gerät ohne es zu wollen – und ohne es anfangs zu merken – aufgrund seiner Kenntnisse als Funker zwischen die Mahlsteine der Politik. Und hinein in einen Krieg hinter den Kulissen, den er nur mit viel Glück überlebt. Bis er 1949 wieder in Neuss landet, im Haus seines Bruders.

Geblieben ist seine Wurzellosigkeit, die Zeit bei seinem Bruder ist nur eine Etappe auf seinem Weg nach Südamerika, nach Argentinien – wo er wieder auf dieselben Nazigestalten treffen wird, die er schon in New York zu verachten gelernt hat. Aber die mit seinem Schicksal verbunden sind, ob er es will oder nicht.

Ulla Lenze hat einen wunderbar vielschichtigen Roman geschrieben. Sie schildert die Geschichte eines Menschen, der auf der Suche nach einem etwas besserem Leben zu einem Heimatlosen wurde: »Wie oft er irgendwo ankam und so tun musste, als sei es sein Zuhause.«

Und ganz nebenbei lässt die Autorin das New York der Dreißigerjahre auferstehen, so lebendig, als würde man sich selbst durch die geschäftigen Menschenmassen schieben, die die breiten Gehwege bevölkern.

Ganz große Leseempfehlung!


Felix Kucher: Kamnick

Es schon etwas her, seit ich den Roman »Kamnick« von Felix Kucher gelesen habe und ich wollte schon seit längerem etwas darüber schreiben – denn es ist ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Im Zusammenhang mit der Buchvorstellung von »Der Empfänger« passt es jetzt perfekt, denn auch hier geht es um das mühsame Ankommen eines Auswanderers, der Mitte der Zwanziger Jahre sein Glück in der Fremde versucht. Diesmal in Argentinien, in Buenos Aires. Und diesmal handelt es sich um den Österreicher Anton, der aus dem südlichen Kärnten stammt, einer Gegend, in der nach dem Ersten Weltkrieg die Emotionen hochkochen und Ressentiments an der Tagesordnung sind.

Denn Anton stammt aus einer slowenischen Familie; einer Volksgruppe, die seit Jahrhunderten fest in Kärnten verwurzelt ist. Nachdem sich nach dem verlorenen Krieg 1918 das riesige Habsburgerreich fast über Nacht auflöste, entstand im Süden Österreichs das neugegründete Jugoslawien, das versuchte, die slowenischen Gebiete Kärntens zu annektieren. Schließlich kam es zu einer Volksabstimmung, bei der die Mehrheit der Kärntner Slowenen für einen Verbleib bei Österreich stimmte. Doch von den deutschnationalen Kräften wurden sie mit Misstrauen betrachtet; nach dem »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 begann die Zeit der Unterdrückung bis hin zur Deportation, um die eigenständige slowenische Kultur zum Verschwinden zu bringen.

Als Anton 1925 den Plan fasst, die Armut seines Heimatortes hinter sich zu lassen, liegt dies alles noch in weiter Ferne. Doch die angespannte Situation zwischen slowenisch- und deutschsprachigen Österreichern ist im Roman deutlich spürbar. Dazu ist die Gegend wirtschaftlich abgehängt, die Dörfer sind heruntergekommen und bieten vielen ihrer Bewohner keine Zukunft. Eine eindrucksvolle Szene: Nach mehreren Monaten Arbeit auf einer Baustelle kommt Anton zurück in seinen Weiler, sieht im verschwindenden Abendlicht die zusammengeduckten, kleinen Häuser. »Es war zwar schon dämmrig, aber er konnte ihre Armseligkeit fühlen, wie Nebelfeuchte kroch sie ihm jetzt unter das Gewand.« Hier gibt es nichts für ihn.

Also Argentinien. Er lässt seine Familie zurück, seine Eltern, seine Schwester Bepa und seinen Bruder Josl. Niemanden von ihnen wird er wiedersehen.

Es beginnt ein mühseliger Weg, Anton kommt als Habenichts in Buenos Aires an, die Sprachbarriere scheint zu Beginn unüberwindlich, er wird gedemütigt, ausgebeutet, schuftet bis zum Umfallen, aber beißt sich durch, immer weiter – bis sich ganz sachte das erste Licht am Ende des Tunnels zu zeigen beginnt und er es schafft, sich nach und nach eine Existenz aufzubauen. Und eine Familie gründet. Während wir dies alles miterleben, schwenkt die Handlung immer wieder zurück nach Südkärnten. Denn es gibt in diesem Roman eine weitere Handlungsschiene. Eine, die erst parallel läuft und scheinbar nichts mit Anton zu tun hat. Es ist der Lebenslauf von Kamnick, einem überzeugten Nazi, der 1926 in München in die NSDAP eintrat und in den Dreißigern in Österreich mithilft, den Boden zu bereiten für das kommende Böse. Im südlichen Kärnten macht er sich an die Arbeit; skrupellos, gewalttätig, fanatisch – und dabei stets auf den eigenen Vorteil bedacht.

Jahre später erreicht eine weitere Auswanderungswelle Südamerika, vor allem Argentinien und Chile. Es waren die Nazischergen, die auf den sogenannten »Rattenlinien« ihrer verdienten Bestrafung zu entkommen suchten. Auch Kamnick wird dadurch 1945 nach Buenos Aires gespült – inzwischen ein gesuchter Mörder, der seine Untaten in der Uniform der braunen Machthaber verübte. Über drei Ecken lernt Anton – der inzwischen vor allem Spanisch spricht und darauf bedacht ist, in der multikulturellen argentinischen Gesellschaft aufzugehen – jenen Kamnick kennen. Er ahnt nicht, wen er da vor sich hat. Und auch nicht, wie eng ihre beiden Schicksale miteinander verbunden sind.

Felix Kucher verknüpft in »Kamnick« die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts mit den alltäglichen Sorgen der Menschen auf zwei Kontinenten. Das Besondere und Faszinierende an diesem ist Buch ist die Gleichzeitigkeit der Ereignisse, hier die Geschichte eines Migranten und dessen ganz langsamer Aufstieg in ein menschenwürdiges Leben; dort die  Daheimgebliebenen und der Weg in die Finsternis. Dazu kommt der kunstvolle Umgang mit zeitlichen Rückblenden und die in der Rückschau unaufhaltsam wirkende Verflechtung beider Erzählstränge – Literatur, die im Gedächtnis bleibt.

Und dazu gibt eine Stelle in dem Roman, über die ich regelrecht gestolpert bin und nach deren Lektüre ich direkt den Karton mit meinen Familienandenken durchsuchen musste:

»War Anton daheim noch der Exot und Querdenker gewesen, war er hier einer von vielen, ein Routinefall. Vermutlich schreiben alle Auswanderer in den ersten Tagen dieselben Ansichtskarten, vermutlich wählten viele die Karte mit dem Schiff auf dem sie alle ihrem Elend entflohen. Überall trafen dann fast zeitgleich dieselben Karten auf die Zurückgebliebenen mit derselben Botschaft: Sehr her, ich bin unterwegs, ich habe es geschafft. Und überall dachten die Empfänger mit Neid, Wehmut oder Verachtung an die Auswanderer.«

Genau solch eine Karte hat mein Großvater geschickt, als er sich 1931 auf den Weg nach Kanada gemacht hat, abgebildet ist das Schiff, auf dem er unterwegs war, gestempelt ist sie mit »posted at sea«. Die Empfängerin war seine Verlobte, meine Großmutter, die damals – wie ich dadurch weiß – in der Bismarckallee 19 in Berlin-Grunewald lebte, wo sie als Köchin arbeitete. Mein Großvater suchte seine Zukunft vergeblich auf dem amerikanischen Kontinent; er kam wieder zurück – an einer anderen Stelle hatte ich schon darüber berichtet. Und ich habe schon oft überlegt, was für ein Mensch ich jetzt wohl wäre, wenn er sich anders entschieden hätte. Wahrscheinlich Kanadier – und das wäre ja nicht das Schlechteste.

Buchinformationen
Ulla Lenze, Der Empfänger
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96463-9

Felix Kucher, Kamnick
Picus Verlag
ISBN 978-3-7117-2058-0

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Der Wächter und seine Dämonen

Gerhard Jaeger: All die Nacht ueber uns

Einen Zaun. Einen Wachturm. Einen Mann. Und seine Dämonen. Mehr benötigt Gerhard Jäger nicht, um uns in seinem Roman »All die Nacht über uns« auf eine Reise tief in die Seele eines Menschen zu schicken, dorthin, wo es dunkel ist. So dunkel, wie die Nacht, die diesen Mann umgibt, als er auf dem Wachturm steht, um einen Zaun zu bewachen. Eine einzige, endlose Nacht lang begleiten wir Leser ihn dabei.

Europa in einer nahen Zukunft: Die Flüchtlingskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht, als tausende von Menschen versuchen, dem tödlichen Chaos im zerfallenden Nahen Osten zu entkommen. Die Staaten Mitteleuropas riegeln ihre Grenzen ab, bauen Zäune. In einem nicht näher genannten Land sind die widerwärtigen Phantasien rechtsnationaler Politiker Wirklichkeit geworden: Es wird geschossen, wenn Flüchtlinge versuchen, den Grenzzaun zu überwinden; egal, ob es sich um Männer, Frauen oder Kinder handelt. Dies ist die Aufgabe des einsamen Soldaten auf dem Wachturm. Auf den Zaun zu achten, in die Nacht hinaus zu starren und im Zweifelsfall das Feuer zu eröffnen. „Der Wächter und seine Dämonen“ weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn »unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.«

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. „Wir Europäer“ weiterlesen

Es ist kalt auf der Mauer

John Lanchester: Die Mauer

Anfang Februar saß ich an einem Samstagnachmittag am Küchentisch und las in der ZEIT Burkhard Müllers mitreißende Besprechung des Romans »Die Mauer« von John Lanchester. Direkt danach stand ich auf, zog mir die Jacke an, ging ein paar Straßen weiter zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens, kaufte das Buch, kehrte an den Küchentisch zurück und las es durch. Und war beeindruckt von dem düsteren Stimmungsbild, das John Lanchester geschaffen hatte; ein dystopisches Szenario, das in einer nicht weit entfernten Zukunft spielt. Wobei »nicht weit entfernt« etwas vage klingt. Denn eigentlich sind es nur ein paar Schritte, die uns von dieser Zukunft trennen mögen. „Es ist kalt auf der Mauer“ weiterlesen

Gespiegelte Verzweiflung

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Mit Sätzen wie „Dieses Buch sollte jeder lesen“ bin ich immer etwas vorsichtig, denn zu unterschiedlich sind die Lesevorlieben der Menschen. Dem Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler wünsche ich allerdings so viele Leser wie möglich, denn er ist für mich eines der wichtigsten Bücher für die Zeit, in der wir gerade leben. Es geht darin um Flucht und Migration, aber auf eine Art und Weise, die uns dieses emotional aufgeladene Thema vollkommen anders nahebringt als gewohnt. Und das mit einem ganz einfachen Trick: Torkler vertauscht den Blickwinkel. Wobei „einfach“ das falsche Wort ist, denn der Autor hat eine vollkommen neue Welt erschaffen, ausgefüllt mit zahllosen Details, die das Geschehen so wahrheitsgetreu und realistisch wie möglich machen. „Gespiegelte Verzweiflung“ weiterlesen

Menschen auf der Flucht

Sebastiao Salgado: Exodus

Ist es möglich, sich dem Thema Flucht und Migration auf eine künstlerisch anspruchsvolle Weise zu nähern? Darf man das überhaupt, ohne die Tragik zahlloser menschlicher Schicksale zu ästhetisieren? Oder hilft es den von unzähligen Nachrichtenmeldungen abgestumpften Betrachtern ihr Mitgefühl zu bewahren? Ein Buch möchte ich hier vorstellen, das in herausragender Form klar macht, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen – auf der Flucht vor Krieg, Folter und Tod oder auf der Suche nach einem Stückchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Es ist der Photoband „Exodus“ von Sebastião Salgado, der bereits 2000 erschienen ist und 2016 vom Taschen Verlag neu aufgelegt wurde. Und in Zeiten, in denen Zynismus und Menschenverachtung zunehmend die Politik dominieren, ist dieses Werk aktueller denn je. „Menschen auf der Flucht“ weiterlesen

Flüchtling im eigenen Land

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Als ich das Buch „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz zu Ende gelesen hatte und es zugeschlagen neben mir auf dem Tisch lag, musste ich erst einmal tief durchatmen. Um die Anspannung zu lösen, mit der ich bis zuletzt Seite für Seite umgeblättert habe. Und um das Gefühl der Beklemmung loszuwerden, denn „Der Reisende“ ist kein gewöhnlicher Roman. Vielmehr ist dieses Buch ein Zeitdokument in Romanform, das uns einen tiefen Einblick gewährt in das Deutschland des Novembers 1938. „Flüchtling im eigenen Land“ weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. „Unsere Welt. Nur anders“ weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch „Nach der Flucht“ im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. „Fluchtgedanken“ weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. „Suppen für Syrien“ weiterlesen

Heimatlose Schachspieler

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch »Der Club der unverbesserlichen Optimisten« von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe. „Heimatlose Schachspieler“ weiterlesen

Vaters Land

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Am plötzlichen und spurlosen Verschwinden seines Vaters droht ein Heranwachsender zu zerbrechen. Über zwanzig Jahre später macht er sich auf die Suche nach dem Verschwundenen, um sein zerrüttetes Leben in den Griff zu bekommen. So könnte man das Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan mit ein paar dürren Worten zusammenfassen. Doch das würde diesem Roman mit seiner poetischen Sprache und einer bewegenden und dramatischen Geschichte in keinster Weise gerecht werden. Ganz und gar nicht. „Vaters Land“ weiterlesen

Israels Schattenwelt

Liad Shoham: Stadt der Verlorenen und Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Wir sind Zeugen eines Weltwandels, den wir in den letzten Jahren in der Rolle des Zuschauers miterlebten. So, als würde uns das alles nicht betreffen, als würden wir im ruhigen Auge eines Wirbelsturms leben. Das war ein Irrtum. Die Bilder von Flüchtlingen sahen wir schon seit Jahrzehnten, sie waren stets irgendwo ganz weit weg, auf anderen Kontinenten, fern unserer Wohlstandsgesellschaft. Und jetzt sind sie hier, mitten unter uns, vor unseren Toren, hunderttausende sind angekommen, hunderttausende sind unterwegs, ein Ende ist nicht abzusehen.

Andere Länder sind schon längst mit dieser Entwicklung konfrontiert, wie etwa Israel. Hier hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Schattenwelt etabliert; Flüchtlinge ohne Papiere leben im Elend, ignoriert von den einen, ausgebeutet von den anderen. Zwei Bücher beschäftigen sich intensiv damit und öffnen dem Leser eine Türe in eine düstere Gesellschaft, wie sie in Zukunft auch bei uns existieren könnte, wenn die falschen politischen Weichen gestellt werden. Es sind die Romane „Stadt der Verlorenen“ von Liad Shoham und „Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen. „Israels Schattenwelt“ weiterlesen

Blogger für Flüchtlinge

Blogger fuer Fluechtlinge

Auf den Tag genau heute vor 23 Jahren saß ich in einer französischen Kneipe, irgendwo zwischen Burgund und den Rhône-Alpen. Wir waren zu zweit unterwegs, mit dem Fahrrad von Freiburg aus in die Camarque. Nach einem langen und anstrengenden Rad-Tag freuten wir uns auf ein entspanntes Feierabendbier, aber daraus wurde leider nichts. Denn in jener Kneipe hing ein Fernseher, auf den alle wie gebannt starrten. Zu sehen waren bürgerkriegsähnliche Zustände, ein Mob, der Brandsätze warf, auf Polizisten losging und versuchte, Häuser anzuzünden, aus denen verängstigte Menschen schauten. Es war widerlich. Und das alles in Deutschland, in Rostock-Lichtenhagen. Wir sagten kein Wort, da wir es vermeiden wollten, Deutsch zu sprechen und schauten, dass wir so schnell wie möglich die Kneipe verließen. Wir waren wütend und sprachlos zugleich und schämten uns für das, was in unserem Land geschah.

Allerdings war und ist das falsch. Komplett falsch. Denn schämen müssen nicht wir uns, sondern diejenigen, die dumpfbackig grölend auf hilflose Menschen losgehen und damit alles was gut ist in unserem Land in den Dreck ziehen und beleidigen. „Blogger für Flüchtlinge“ weiterlesen

Entwurzelt in Hamburgs Obstgarten

Dörte Hansen: Altes Land

Vor einigen Monaten hatte ich vollmundig verkündet, das Leseprojekt Herkunft und Heimat zu starten; ein Thema, das mich schon seit sehr vielen Jahren gedanklich beschäftigt. Es ist auch eine beachtliche Bücherliste zusammengekommen, allein, mir fehlte der Einstieg. Den habe ich mit dem Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen jetzt gefunden. „Entwurzelt in Hamburgs Obstgarten“ weiterlesen