In der Wüste ist das Licht zu Hause

James Anderson: Desert Moon

»Ich lese keine Krimis.« Diesen Satz höre ich regelmäßig und er trifft bei mir auf völliges Unverständnis. Denn ich finde es schade, wenn man als Leser solche Genre-Schranken im Kopf hat. Natürlich verstehe ich gut, dass einem nicht der Sinn steht nach Gemetzel, brutalen Schilderungen von Morden oder detailliert beschriebenen Folterszenen – mit Büchern dieser Art kann ich auch nichts anfangen. Aber Kriminalliteratur ist so viel mehr: Es gibt darunter sprachlich grandios erzählte Meisterwerke, brillant recherchierte Reisen in die Vergangenheit oder Gesellschaftsstudien, bei denen das Spannungselement lediglich das Vehikel ist, mit dem wir eine uns unbekannte Welt erkunden können. Ein schönes Beispiel dafür ist der Roman »Desert Moon« von James Anderson, erschienen im Polar-Verlag. »Kriminalroman« steht auf dem Buchcover. Das ist er. Und gleichzeitig so viel mehr. 

Schon mit dem Titelphoto hat mich der Verlag gekriegt: Ein weiter Himmel mit vereinzelten Wolkenfetzen, im Vordergrund eine alte, verrostete Leuchtreklame mit dem Schriftzug »Diner« und das alles in Schwarzweiß. Die Leuchtreklame sieht so aus, als habe jener Diner schon seit vielen Jahren, nicht mehr geöffnet. Und genau auf einen solchen werden wir in dem Buch treffen, der »Well-Known-Desert-Diner« liegt mitten in der Wüste in Utah und ist seit Jahrzehnten geschlossen, seit 1973. Aber sein Besitzer lebt dort noch, der fast achtzigjährige Walt Butterfield, verschlossen, knurrig und sehr, sehr zornig, wenn man seine Einsamkeit stört. 

»Der Diner wurde 1929 erbaut. Wegen der hellen Kieseinfahrt, der altmodischen Zapfsäule mit dem Glaszylinder und der weißen Lehmwände mit den grünen Fensterrahmen wirkt der Diner vertraut, wie ein Zuhause, das man sein Leben lang gekannt, aber nie besucht hat. Selbst hartgesottene, sonnenverbrannte Trucker drosseln im Vorbeifahren das Tempo und lächeln in sich hinein.«

Ich-Erzähler Ben Jones ist einer der sehr wenigen Menschen, die ab und zu mit Walt sprechen. Ben besitzt einen Truck und fährt jeden Tag die State Road 117 entlang, die an dem Diner vorbeiführt. Jeden Tag hundert Meilen durch die Wüste. Und wieder zurück. Er beliefert die Menschen, die weit verstreut rechts und links der Straße leben – zurückgezogen auf einsamen Ranches, in maroden Trailern, Blechhütten, fernab der Welt. 

»Sie versteckten sich freiwillig zwischen Sand, Steinen und Steppenläufern und waren nur über meilenlange namenlose Schotterpisten zu erreichen. Es war eine besondere Spezies. Ich kannte sie alle, obwohl man mit den Worten, die wir jemals gewechselt hatten, nicht mal eine Postkarte hätte füllen könnten. Mit drei, vier Sätzen wurden ganze Lebensgeschichten erzählt, als Satzzeichen diente ein Blinzeln, eine Handbewegung.« 

Direkt mit Beginn des Romans schafft es der Autor, eine unwirtliche Landschaft mit ihren Bewohnern zum Leben zu erwecken und uns mitten hinein in die Wüste zu schicken. Mit Sätzen wie diesem: »In der Hochwüste waren Gespräche rationiert wie Wasser, jeder Tropfen ein kostbares Gut, denn er enthielt ein ganzes Leben.«

Tagein, tagaus fährt Ben Jones durch diese Landschaft, mit seinem Truck bringt er Lieferungen aller Art noch zu den entlegensten Orten und nimmt dort Bestellungen auf. Die großen Lieferfirmen wie FedEx oder UPS haben sich schon längst aus der Gegend zurückgezogen. Ben hat mit seinem Ein-Mann-Betrieb »Ben’s Desert Moon Delivery« die Route übernommen, es ist ein einsamer, mühsamer und staubiger Job, aber er liebt seine Wüste. Liebt die Leere und die Weite. Liebt das Licht, das die Landschaft zu jeder Tageszeit anders wirken lässt – »in der Wüste ist das Licht zu Hause« heißt es an einer Stelle, was für ein schöner Satz. Liebt es, seine Ruhe zu haben, wie die Menschen, die er beliefert und für die er die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellt. Allerdings – und auch das erfahren wir gleich zu Beginn des Buches – ist Ben pleite. Die Touren bringen nicht genug ein, um die Raten für den Truck abzubezahlen, bald wird alles vorbei sein. 

Dann entdeckt er – nicht weit von Walts Diner entfernt – ein einsames Haus, das er all die Jahre noch nicht wahrgenommen hat, da es versteckt hinter einem Hügel liegt. Es steht alleine auf einem riesigen Grundstück, auf dem offensichtlich einst eine Wohnsiedlung entstehen sollte, man erkennt erste Strukturen, ein Einfahrtstor. Aber über das eine Haus ist das Projekt nie hinausgekommen. Und es ist bewohnt. Er trifft dort Claire, eine junge Frau mit einem Cello, die seit ein paar Wochen darin untergekommen ist. Doch warum auch nicht, die Wüste ist voller Menschen, die sich aus allem zurückgezogen haben, die irgendwo einen Rückzugsort suchen, ihre Lasten mit sich tragen und nicht darüber sprechen. Es ist eine zufällige Begegnung. Sie wird Bens Leben verändern – und nicht nur seines. Denn Dinge geraten in Bewegung, die sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aufhalten lassen.

Wer sind die fremden Menschen, die plötzlich versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen? Wieso hat er das Gefühl, beobachtet zu werden? Wer ist eigentlich jene Claire und was hat es mit dem Cello auf sich? Nichts ist so, wie es scheint, und während Ben versucht, herauszufinden, was eigentlich gerade geschieht und gleichzeitig täglich weiter in Richtung Pleite schlittert, erfahren wir, welches furchtbare Drama sich einst in Walt Butterfields Diner ereignete und warum er seitdem geschlossen hat. Lesen über gescheiterte Pläne, zerstörte Leben und eine Geschichte, die noch nie erzählt wurde. Und über Walts einsame Wüstentouren mit seinem schon fast manisch gepflegten Motorrad, einer Vincent Black Shadow, dem schönsten Motorrad aller Zeiten. Und wir lernen etliche der Menschen kennen, die in der Abgeschiedenheit der Wüste leben und versuchen, ihren Frieden mit der Welt zu finden. 

Irgendwann geht es um Leben und Tod. Und um die Vergangenheit. Ben stolpert mitten hinein in eine Geschichte, deren Ausmaße ihm erst nach und nach klar werden und die ihm zeigt: Sein Platz ist genau hier, auf der endlosen Straße durch die Wüste und all die schweigsamen Verstreuten fernab der Städte und Dörfer sind so etwas wie seine Familie. Irgendwie. 

»Wenn Gott irgendwann entscheiden musste, ob ich Himmel oder Hölle verdient hätte, dann konnte er mich meinetwegen einfach wieder auf die 117 schicken. Ich würde mich nicht beschweren, sondern ihn höchstens freundlich darum bitten, die Benzinkosten zu übernehmen und meine Kunden dazu zu bringen, mich – falls möglich – pünktlich zu bezahlen. Die 117 ist weder Himmel noch Hölle, sie führt nur geradewegs zwischen ihnen hindurch. Hin und wieder streift sie vielleicht auch eine der beiden Seiten. Die 117 eben.«

»Desert Moon« ist ein wunderbarer Roman, hart und warmherzig, lakonisch und poetisch zugleich und eine einzige Liebeserklärung an eine raue Landschaft voll unerwarteter Schönheit. Vermutlich werde ich Utahs Wüste nie besuchen, aber nach diesem Buch habe ich das Gefühl, als sei ich schon einmal dagewesen.

Buchinformation
James Anderson, Desert Moon
Aus dem Englischen von Harriet Fricke
Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-67-5

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Literatur verbindet

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Literatur verbindet Menschen. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, aber selten habe ich dies so unmittelbar gespürt wie bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung. Wie immer – so kann man inzwischen sagen – stellt mein guter Freund Hannes Lehner während der Leipziger Buchmesse sein Wohnzimmer für eine Lesung zur Verfügung, die wir gemeinsam organisieren. Zu Gast war dieses Jahr die Autorin Anne Stern mit ihrem Roman »Die weiße Nacht«. Und wie immer war das Wohnzimmer leergeräumt und mit Bierbänken ausgestattet. Wie immer war der Raum mit etwas mehr als dreißig Personen proppenvoll. Wie immer war die Atmosphäre ganz und war wunderbar. Und wie immer kannten wir einen Teil der Anwesenden überhaupt nicht, es waren Menschen, die über die Ankündigungen im Leipzig-liest-Programm, über Postings in den sozialen Medien oder über den Veranstaltungs-Newsletter des Verlags den Weg ins Wohnzimmer gefunden hatten. Dieses Mal waren etwa zwei Drittel der Lesungsgäste Unbekannte; mehr als in den Jahren zuvor – aber es fühlte sich gar nicht so an. Hannes brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: Gerade in Zeiten großer Ungewissheiten wie diesen sei es ihm eine große Freude, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit einander fremde Menschen für einen Moment zusammenfinden, miteinander ins Gespräch kommen, sich über Bücher austauschen, ein Glas Wein gemeinsam trinken. Denn dieses Miteinander sei das, auf was es ankommt. In diesem Augenblick waren wir alle in diesem Raum eine Gemeinschaft. Und dann redeten Anne Stern und ich über ihr Buch. „Literatur verbindet“ weiterlesen

Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit. „Nichts ist, wie es scheint“ weiterlesen

Das Finale nach dem Finale

Volker Kutscher: Westend

Das habe ich noch nie erlebt: Man freut sich auf ein Buch, kann den Erscheinungstermin kaum erwarten – und als man es schließlich in der Hand hält, weiß man nicht, ob man es überhaupt lesen möchte. So ist es mir gegangen mit »Westend« von Volker Kutscher. Der Name dieses Autors ist hier schon oft gefallen, und wer schon eine Weile im Blog mitliest, der weiß, wie begeistert ich von seiner Buchreihe rund um den Ermittler Gereon Rath bin, die 2007 mit dem ersten Band »Der nasse Fisch« gestartet ist. Danach folgten neun weitere Bände; die Handlung ist im Berlin der Jahre 1929 bis 1938 angesiedelt und sie führt uns mitten hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches«. Tatsächlich gibt es nur selten Romane, die das Leben in dieser Zeit so glaubwürdig schildern, wie diejenigen von Volker Kutscher. Aber das habe ich schon einmal aufgeschrieben, nachzulesen im Beitrag »Der Weg in die Finsternis«, in der ich die Serie komplett vorstelle und dabei erzähle, was die Bücher so besonders macht. Anlass für jenen Text war das Erscheinen des letzten, des zehnten Bands, der den schlichten Titel »Rath« trägt. Mein Fazit: »Der Schluss von ›Rath‹ ist so gelungen wie die gesamte Buchreihe. Ein dünner Rest Hoffnung bleibt, während Dunkelheit und Nebelschwaden alles verhüllen – wie ein prophetischer Blick auf das, was kommen wird.« 

Und genau so war es: Das Ende der Reihe ist perfekt. Es bleiben viele offene Fragen – und alles verliert sich in der Dunkelheit. Ein anderer Schluss wäre angesichts des komplexen Figurentableaus, das über zehn Bände aufgebaut wurde, nicht glaubwürdig und kaum denkbar gewesen. Und jetzt, ein Jahr später, liefert Volker Kutscher noch einen schmalen Band nach: »Westend« hat gerade einmal 104 Seiten Text und führt ins Jahr 1973, es sind also 35 Jahre vergangen seit dem Ende in der Buchreihe. „Das Finale nach dem Finale“ weiterlesen

Madonna in den Trümmern

Cay Rademacher: Nacht der Ruinen

Eigentlich mag ich sie sehr, die Romane von Cay Rademacher, die ein historisches Setting haben. Die Hamburg-Trilogie etwa, angesiedelt in den Jahren 1947 und 1948, als es in der zerstörten Stadt für viele Menschen um die nackte Existenz ging. Oder den Roman »Die Passage nach Maskat«, in dem die Passagiere eines Ozeandampfers ein Abbild der Gesellschaft Deutschlands sind, unmittelbar vor der großen Weltwirtschaftskrise 1929 – und das inklusive einer spannenden Whodunit-Geschichte in der Tradition Agatha Christies. Der Roman, um den es in diesem Beitrag gehen soll, trägt den Titel »Nacht der Ruinen«, er führt uns nach Köln und in das Jahr 1945. Das Wort »eigentlich«, mit dem ich den Text begonnen habe, lässt erahnen, dass mich dieses Buch nicht ganz überzeugen konnte. Zumindest was die Handlung angeht; vieles wirkte zu überfrachtet und gleichzeitig zu vorhersehbar. Doch die Schilderung der vollkommen zerbombten Stadt geht unter die Haut. „Madonna in den Trümmern“ weiterlesen

God Bless America

Jussi Adler-Olsen: Das Washington-Dekret

Ich liebe überquellende Bücherregale und die Stapel davor. Sehr sogar. Trotzdem ist irgendwann eine Kapazitätsgrenze erreicht. Daher habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, ein gelesenes Buch nur dann zu behalten, wenn ich mir vorstellen könnte, es ein weiteres Mal zu lesen. Irgendwann. Ansonsten verschenke ich es oder stelle es in einen öffentlichen Bücherschrank. Daher war ich etwas überrascht, als ich kürzlich ganz unten in einem Stapel den Thriller »Das Washington Dekret« von Jussi Adler-Olsen entdeckt habe. Es ist ein Buch, das ich vor etwa zehn Jahren gelesen habe, als mir wieder einmal der Sinn nach Spannungsliteratur stand. Sprachlich ohne jegliche Finesse mit ein paar überraschenden Wendungen, aber nicht wenigen Logiklücken hätte es nach meiner Aussortier-Gewohnheit gar nicht mehr da sein sollen. Eigentlich. 

Ich weiß noch, dass mich die Grundidee des Romans damals fasziniert hat. Ein neuer US-Präsident, Bruce Jansen, übernimmt nach einem überragenden Gewinn der Wahl die Regierung der Vereinigten Staaten. Durch Gewalterfahrungen und Schicksalsschläge hoch traumatisiert möchte er das Land sicherer machen. Und beginnt einen Law-and-Order-Feldzug, der die USA in einen autoritären Unrechtsstaat verwandeln und sie an den Rand eines Bürgerkriegs bringen wird. Seine Ziele klingen dabei auf den ersten Blick nachvollziehbar: Abschaffung der Arbeitslosigkeit, rücksichtslose Bekämpfung der Drogenkriminalität, entschlossenes Vorgehen gegen Korruption und Schwarzarbeit, hundertprozentige Kontrolle der Einwanderung, Entwaffnung der Zivilbevölkerung. „God Bless America“ weiterlesen

Der Weg in die Finsternis

Volker Kutscher: Die Rath-Reihe

Es ist der starke Abschluss einer großartigen Reihe und es fühlt sich an wie eine Reise, die zu Ende gegangen ist. Eine Reise, die in die Finsternis führt. 2007 habe ich »Der nasse Fisch« in die Hände bekommen, den ersten Band von Volker Kutschers Buchreihe rund um den Kriminalkommissar Gereon Rath und die Ermittlerin Charlotte Ritter. Ins Jahr 1929 schickte uns damals die Handlung – jetzt ist der zehnte Band erschienen, der den schlichten Titel »Rath« trägt und mit ihm endet die Reihe. Inzwischen befinden wir uns im Jahr 1938, mit der Pogromnacht schlägt Deutschland den letzten Schritt in Richtung Barbarei ein – von nun an wird es kein Zurück mehr geben. 

Kriminalromane, die in einer vergangenen Epoche spielen, sind ein perfektes Vehikel, um Lesern geschichtliche Zusammenhänge nahezubringen – sofern sie gut recherchiert sind und das Historische nicht nur atmosphärisches Hintergrundrauschen darstellt. Volker Kutscher beherrscht dies mit seiner Rath-Reihe perfekt: Er schickt uns nicht nur auf eine spannende und zugleich erschütternde Zeitreise, sondern er zeigt Band für Band, dass das »Dritte Reich« kein Betriebsunfall der Geschichte war. Sondern dass die Entwicklung hin zu einem faschistischen Verbrecherstaat schleichend beginnt, vielleicht zu Beginn sogar etwas stockend, dann aber, sobald nur ein Zipfel der Macht in den falschen Händen ist, es kein Halten mehr gibt, gleichzeitig die Radikalisierung der Gesellschaft rasch fortschreitet und Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit untergehen in einem Strudel der Gewalt. „Der Weg in die Finsternis“ weiterlesen

Ein Buch wie ein Flächenbrand

Lavie Tidhar: Maror

Die Geschichte des Staates Israel lässt sich auf verschiedene Weise erzählen. Als Geschichte des Aufbruchs nach den Grauen der Shoah. Als Geschichte eines kleinen Landes, das sich als einzige Demokratie des Nahen Ostens behauptet – umgeben von Todfeinden. Als Geschichte der Verwirklichung des Traums eines jüdischen Staates auf historischem jüdischen Boden. Als Geschichte einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft in permanentem Verteidigungszustand. Oder als Geschichte eines Landes, in dem sich Drogenkartelle und das organisierte Verbrechen ausbreiten, in dem die Korruption wuchert wie ein Geschwür und die Verstrickung zwischen Politik und Kriminalität zum Alltag gehört. Genau darum geht es in dem Roman »Maror« des israelischen Autors Lavie Tidhar. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und wie nebenbei tauchen historische Wegmarken und bekannte Namen auf, während sich viele kleine Tragödien in einem großen Drama abspielen – und alles ist miteinander aufs Engste verzahnt. „Ein Buch wie ein Flächenbrand“ weiterlesen

Als Trauermusik im Radio lief

Andreas Pflueger: Wie Sterben geht

Im Februar 2017 schrieb ich hier im Blog: »Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: »Endgültig« von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.« Diesen Einstieg würde ich am liebsten noch einmal verwenden, wieder für einen Roman von Andreas Pflüger; diesmal ist es – man ahnt es schon – »Wie Sterben geht«. Ein Agententhriller vom Feinsten, der gerade eine begeisterte Besprechung nach der anderen erhält. Der Vergleich mit John Le Carré ist regelmäßig zu lesen und auch ich dachte bei der Lektüre unweigerlich an den Großmeister des Spionageromans. Und ja, »Wie Sterben geht« hält diesem Vergleich locker stand, auch wenn Le Carrés Romane – zumindest diejenigen, die ich kenne – fast noch eine Spur düsterer sind. Und düster ist es bei Andreas Pflüger, denn die Handlung führt uns in die Zeit des Kalten Krieges, als sich die Nato und die Warschauer-Pakt-Staaten waffenstarrend gegenüberstanden, sich in einem bedrohlichen Patt belauerten, während hinter den Kulissen erbittert um das gekämpft wurde, wofür alle Geheimdienste dieser Welt bereit sind, über Leichen zu gehen. Um Informationen. „Als Trauermusik im Radio lief“ weiterlesen

George Grosz trifft Agatha Christie

Cay Rademacher: Die Passage nach Maskat

Wenn ich einen Blogbeitrag beginne, um ein Buch vorzustellen, habe ich in der Regel bereits eine grobe Gliederung im Kopf. Oftmals wird der Text dann ganz anders als gedacht, doch zumindest der Einstieg fällt mir nie schwer. Dieses Mal ist es anders. Einen Abend lang habe ich versucht, die ersten Sätze zu schreiben, aber die Worte wollten nicht so wie ich. Jetzt also der nächste Versuch. Es geht um das Buch »Die Passage nach Maskat« von Cay Rademacher, auf dessen Umschlag das Wort »Kriminalroman« steht. Und ja, auf den ersten Blick ist es eine beinahe klassische Whodunit-Geschichte. Doch beim zweiten Blick gibt es darin noch eine ganze Menge mehr zu entdecken – und dies herauszuarbeiten, ohne zu viel von der Handlung zu verraten, ist nicht ganz einfach. Beginnen wir erst einmal mit der zeitlichen Einordnung.  „George Grosz trifft Agatha Christie“ weiterlesen