Ein Buch wie ein Flächenbrand

Lavie Tidhar: Maror

Die Geschichte des Staates Israel lässt sich auf verschiedene Weise erzählen. Als Geschichte des Aufbruchs nach den Grauen der Shoah. Als Geschichte eines kleinen Landes, dass sich als einzige Demokratie des Nahen Ostens behauptet – umgeben von Todfeinden. Als Geschichte der Verwirklichung des Traums eines jüdischen Staates auf historischem jüdischen Boden. Als Geschichte einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft in permanentem Verteidigungszustand. Oder als Geschichte eines Landes, in dem sich Drogenkartelle und das organisierte Verbrechen ausbreiten, in dem die Korruption wuchert wie ein Geschwür und die Verstrickung zwischen Politik und Kriminalität zum Alltag gehört. Genau darum geht es in dem Roman »Maror« des israelischen Autors Lavie Tidhar. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und wie nebenbei tauchen historische Wegmarken und bekannte Namen auf, während sich viele kleine Tragödien in einem großen Drama abspielen – und alles ist miteinander aufs Engste verzahnt. 

Im ersten Kapitel, im Jahr 2003, lernen wir Avi Sagi kennen. Er treibt Schutzgeld oder andere ausstehende Beträge ein, ist ein Schläger und Mörder. Und arbeitet als Polizist in Tel Aviv. Als er zu einem Tatort gerufen wird – eine Autobombe ist explodiert – lernt er den berühmt-berüchtigten Chief Inspector Cohen kennen, »groß, adrett, ungefähr Ende fünfzig. Graue Augen, so kalt wie das Meer in einem fernen Land. Ganz bestimmt nicht das Mittelmeer.« Cohen, dessen Ermittlungserfolge legendär sind. Cohen, der über Leichen geht. Cohen, »der ständig die Bibel zitierte, wie es nur Menschen ohne Glauben je fertigbringen.« Cohen, für den Gerechtigkeit und Rache das gleiche sind. Cohen, der Mann im Hintergrund, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der Avi in sein Team aufnimmt. Ihm werden wir einige Kapitel später wieder begegnen, aber zuerst geht es weit zurück in das Jahr 1974, als Cohen selbst noch ein Neuling im Staatsdienst war und als Streifenpolizist in Haifa und Umgebung Patrouille fuhr. Und damit beginnt eine atemberaubende Reise durch viele Jahre voller Gewalt, Verbrechen und Tod. Jahre, in denen sich der Unterschied zwischen Gut und Böse mehr und mehr aufzulösen beginnt. 

Die Handlung des Romans ist in einzelne Episoden aufgeteilt, die in unterschiedlichen Jahren angesiedelt sind. Mal geht es um einen Serienmörder und ein erzwungenes Geständnis, mal um illegale Grundbesitzgeschäfte im besetzten Westjordanland, mal um Mord aus Habgier. Durch fein gesponnene Fäden sind die einzelnen Kapitel miteinander verknüpft, verweben sich immer dichter, bis sich das zentrale Thema des Buches herauszubilden beginnt: Der Drogenhandel und die organisierte Kriminalität. Und die zunehmend enger werdende Verflechtung mit staatlichen Strukturen.

Nun gibt es kaum ein Land, das sich nicht mit dem Problem des Drogenhandels und der damit einhergehenden Plage des organisierten Verbrechens herumschlagen muss. Doch bei einer Gesellschaft in permanentem Ausnahmezustand, bei einem Staat, der angesichts der ihn umgebenden Erzfeinde ununterbrochen um sein Überleben zu kämpfen hat, ist die Gefahr groß, dass der Zweck zunehmend die Mittel heiligt, dass sich Dinge zu verschieben beginnen – bis ein Verrutschen moralischer Maßstäbe nicht mehr aufzuhalten ist, wenn ein Kipppunkt überschritten wurde. In der Geschichte, die Lavie Tidhar in »Maror« erzählt, ist dieser Kipppunkt der Libanonkrieg im Jahr 1982. Geplant war eine schnelle Angriffsoperation, um die Terroristen der PLO zu besiegen, die sich im Libanon festgesetzt hatten. Doch der Angriff endete in einem blutigen Desaster und führte zu einer weiteren Eskalation des libanesischen Bürgerkriegs, der schon seit einigen Jahren andauerte – und die Kriegswirren öffneten Tür und Tor für den Drogenhandel über die israelische Grenze. Denn in jener Zeit war die Beeka-Hochebene im östlichen Libanon ein Zentrum des Cannabis-Anbaus. Und beim Drogenhandel spielen Politik oder Religion keine Rolle – alle wollen verdienen. Korrupte Militäreinheiten, Schmuggler, Polizisten, Juden, Moslems, Drusen – jeder redet sein Handeln für sich schön. Und wie immer und überall auf der Welt geht es um Geld, Macht und Einfluss. Es sind eindrucksvolle Kapitel, in denen Lavie Tidhar diese Strukturen aufschlüsselt und die Bedeutung jener Jahre für die Geschichte Israels herausarbeitet.

Und natürlich bleibt es nicht beim Haschisch. Je länger der Bürgerkrieg im Libanon dauerte, desto dramatischer wurde die Drogensituation: »Er war voll auf Koks. Seit Beginn der Invasion gab es im Libanon jede Menge von dem Zeug. Die schiitischen Flüchtlinge in Südamerika schickten tonnenweise rohes Kokain in die neu entstandenen Labore in Bekaa. Von dort wurde es nach Israel und nach Europa gebracht. Und mit dem Koks änderte sich alles. Mit dem Koks und dem Libanon.« 

Später dann werden israelische Libanon-Veteranen, die nicht mehr ins zivile Leben zurückgefunden haben, in Südamerika auftauchen, werden als Ausbilder für die Killertruppen kolumbianischer Drogenkartelle arbeiten, werden Waffen für die Contras in Nicaragua schmuggeln, werden Pinochets Armeeeinheiten in Chile trainieren. »Die Armee hatte ihnen einen Beruf verschafft und eine Aufgabe im Libanon, und als sie dort nicht mehr gebraucht wurden, waren sie für kaum etwas anderes gut.«

Offiziell gibt es sie nicht, sie arbeiten mal mit der CIA zusammen, mal ohne deren Kenntnis; gleichzeitig baut die israelische Mafia eigene Strukturen in den USA auf, um das Drogengeschäft, das durch den Libanonkrieg erst richtig in Gang gekommen ist, zu internationalisieren. Und immer mit Cohen als Strippenzieher im Hintergrund, der mal mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeitet, mal die Banden gegeneinander ausspielt; dem es egal ist, ob er es mit jüdischen oder arabischen Clans zu tun hat, der tötet oder töten lässt, ohne mit der Wimper zu zucken, der alle kennt, den alle fürchten – und der glaubt, mit seinem Handeln für das Gleichgewicht zu sorgen, das Israel für sein Überleben braucht. 

»Das Land«, sagte Cohen. »Ich diene meinem Land. Du findest unsere Arbeit abstoßend. Ich auch. Aber Habgier treibt mich nicht an, sondern das Bedürfnis nach Stabilität. ›Der Habgierige erregt Streit, / wer auf den Herrn vertraut, wird reichlich gelabt.‹ Buch der Sprüche 28. Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden. Verstehst du das?«

Als eine Art Gegenpol zu Cohen verkörpert die Journalistin Sylvie Gold die andere Seite des Landes; die Seite, die an Recht und Gerechtigkeit glaubt, die Seite, die sich verzweifelt gegen das Zerbröseln moralischer Werte stemmt. Verzweifelt und erfolglos, denn so viel sie auch recherchiert, aufdeckt und herausfindet – ihre Enthüllungsstories werden nie gedruckt. Mal wissen staatliche Stellen dies zu verhindern, mal wird sie massiv bedroht. Und vielleicht würde es auch niemanden interessieren. Nur einmal gibt es Hoffnung, als zu Beginn der neunziger Jahre ein Hauch von Frieden in der Luft zu liegen scheint. Als Sylvie ein neues Israel wahrzunehmen beginnt, allen dunklen Verstrickungen im Hintergrund zum Trotz. Bis diese Hoffnung am 4. November 1995 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin stirbt. Ermordet wird. Diese Tat erschüttert die gesamte Welt und sie wirkt in Israel nach bis heute. Danach dreht sich das Rad der Gewalt wieder und Cohen wird auf seine Weise weiter für Stabilität sorgen. Oder für das, was er dafür hält. Und im vierzehnten Kapitel – wir sind im Jahr 1994 und befinden uns auf einem Empfang, bei dem sich High Society und Gangster mischen – taucht an einer Stelle ein Name auf, der in den darauf folgenden dreißig Jahren zur größten Bedrohung des israelischen Staates werden sollte: »Netanjahu war gerade von seiner Amtszeit als israelischer Botschafter der UN zurück, hatte aber eine größere politische Laufbahn im Visier, und für diese würde er noch eine Menge Geld brauchen.«

Lavie Tidhars Roman fegt wie eine wuchtige Naturgewalt durch die Jahrzehnte israelischer Geschichte. Und wie ein unaufhaltsamer Flächenbrand verzehrt das Buch das Vertrauen in staatliche Organe und den Glauben an das Gute im Menschen. Der Titel »Maror« passt dabei perfekt, denn damit bezeichnet man die bitteren Kräuter, die bei der Mahlzeit zu Beginn des Pessach-Festes gegessen werden: »Mit bitteren Kräutern sollen sie es essen.« Exodus 12:8.

Und im Buchregal gibt es eigentlich nur einen einzigen passenden Platz: Direkt neben Don Winslows »Tage der Toten«. 

Buchinformation
Lavie Tidhar, Maror
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47397-9

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Als Trauermusik im Radio lief

Andreas Pflueger: Wie Sterben geht

Im Februar 2017 schrieb ich hier im Blog: »Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: »Endgültig« von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.« Diesen Einstieg würde ich am liebsten noch einmal verwenden, wieder für einen Roman von Andreas Pflüger; diesmal ist es – man ahnt es schon – »Wie Sterben geht«. Ein Agententhriller vom Feinsten, der gerade eine begeisterte Besprechung nach der anderen erhält. Der Vergleich mit John Le Carré ist regelmäßig zu lesen und auch ich dachte bei der Lektüre unweigerlich an den Großmeister des Spionageromans. Und ja, »Wie Sterben geht« hält diesem Vergleich locker stand, auch wenn Le Carrés Romane – zumindest diejenigen, die ich kenne – fast noch eine Spur düsterer sind. Und düster ist es bei Andreas Pflüger, denn die Handlung führt uns in die Zeit des Kalten Krieges, als sich die Nato und die Warschauer-Pakt-Staaten waffenstarrend gegenüberstanden, sich in einem bedrohlichen Patt belauerten, während hinter den Kulissen erbittert um das gekämpft wurde, wofür alle Geheimdienste dieser Welt bereit sind, über Leichen zu gehen. Um Informationen. „Als Trauermusik im Radio lief“ weiterlesen

George Grosz trifft Agatha Christie

Cay Rademacher: Die Passage nach Maskat

Wenn ich einen Blogbeitrag beginne, um ein Buch vorzustellen, habe ich in der Regel bereits eine grobe Gliederung im Kopf. Oftmals wird der Text dann doch ganz anders als gedacht, doch zumindest der Einstieg fällt mir nie schwer. Dieses Mal ist es anders. Einen Abend lang habe ich versucht, die ersten Sätze zu schreiben, aber die Worte wollten nicht so wie ich. Jetzt also der nächste Versuch. Es geht um das Buch »Die Passage nach Maskat« von Cay Rademacher, auf dessen Umschlag das Wort »Kriminalroman« steht. Und ja, auf den ersten Blick ist es eine beinahe klassische Whodunit-Geschichte. Doch beim zweiten Blick gibt es darin noch eine ganze Menge mehr zu entdecken – und dies herauszuarbeiten, ohne zu viel von der Handlung zu verraten, ist nicht ganz einfach. Beginnen wir erst einmal mit der zeitlichen Einordnung.  „George Grosz trifft Agatha Christie“ weiterlesen

Die Lebensreise des Joe McGrady

James Kestrel: Fuenf Winter

»Ein Krimi-Epos für die Ewigkeit.« Dieses überschwängliche Urteil von Dennis Lehane ziert den Einband des Buches. Angesichts des schnelllebigen Buchmarkts mag die Formulierung »Ewigkeit« etwas zu hoch gegriffen sein. Doch »Fünf Winter« von James Kestrel ist in der Tat ein Roman, bei dem alles stimmt. Ein nahezu perfekter Spannungsbogen, ein großartig komponierter Plot, ein markanter Protagonist in einem überzeugenden Figurenensemble und gut recherchierte historische Details ergeben zusammen mit der passenden Buchgestaltung und einem einprägsamen Titel ein Werk, das vielleicht nicht in alle Ewigkeit existieren wird. Aber nach dem Lesen wird man noch sehr lange an diesen Roman denken – zumindest mir ging und geht es so. Denn die Lektüre liegt schon einige Monate zurück, doch der Inhalt steht mir so klar vor Augen, als hätte ich das Buch erst gestern spätabends zugeklappt. „Die Lebensreise des Joe McGrady“ weiterlesen

An der Schwelle einer neuen Zeit

Das 19. Jahrhundert ist für mich eine der interessantesten Epochen der Geschichte. Hier liegen die Wurzeln unserer Gegenwart; unsere heutige Welt mit all ihren Verwerfungen, aber auch Errungenschaften der letzten hundert Jahre fußt zu einem großen Teil auf Geschehnissen, die sich zwischen 1789 und 1918 ereignet haben – weshalb oft vom »langen 19. Jahrhundert« die Rede ist, das eigentlich mit der Französischen Revolution begann und mit dem Ersten Weltkrieg endete. Gleichzeitig lese ich gerne historische Kriminalromane, sofern sie – und hier trennt sich die Spreu vom Weizen – präzise recherchiert sind. Denn wie schon einmal geschrieben, eignet sich kaum etwas besser, um in der Geschichte herumzustromern. Und ich finde es spannend durch die Straßen eines längst vergangenen Berlins zu flanieren und eine Atmosphäre in mich aufzunehmen, die es schon lange nicht mehr gibt. Kriminalroman, 19. Jahrhundert, Berlin: Die beiden Bücher von Ralph Knobelsdorf vereinen all dies miteinander, weshalb ich die Lektüre von »Des Kummers Nacht« und »Ein Fremder hier zu Lande« sehr genossen habe. Denn bei diesen Romanen passte einfach alles. „An der Schwelle einer neuen Zeit“ weiterlesen

Aus Overstolz wird Camel

Volker Kutscher: Transatlantik - der neunte Roman der Gereon-Rath-Reihe

»Er zündete sich eine Overstolz an« – dieser Satz kündigt den Auftritt von Gereon Rath an und in den bisherigen Bänden der Buchreihe von Volker Kutscher dauert es nicht lange, bis er fällt. Diesmal nicht. In »Transatlantik«, dem neunten Rath-Roman, müssen wir bis Seite 63 warten, erst dann können wir ihn zum ersten Mal lesen. Denn inzwischen ist die Reihe im Jahr 1937 angekommen und für die Protagonisten hat sich alles verändert. Charlotte »Charlie« Rath arbeitet nach wie vor in der Detektei ihres früheren Vorgesetzten bei der Kripo und weiß nicht, ob und wo ihr Mann lebt. Gereon Rath, von SS und Gestapo verfolgt, schafft es per Zeppelin aus Deutschland heraus und versucht in New Jersey Fuß zu fassen. Und Ziehsohn Fritze, einst begeistertes HJ-Mitglied, wird zum Opfer des Systems und seiner verbrecherischen Machenschaften. Diese drei Erzählstränge bilden den Rahmen für die Handlung des Romans – der uns wieder einen Schritt weiter hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches« führt. 

Bevölkert ist »Transatlantik« mit vielen Personen aus der Welt des Gereon Rath, die Volker Kutscher nunmehr seit fünfzehn Jahren mit akribischer Recherche und schriftstellerischer Leidenschaft geschaffen hat. Und wie es so ist beim neunten Band einer Reihe: Selbstverständlich kann man ihn auch einzeln lesen, im Großen und Ganzen ist die Handlung in sich abgeschlossen. Doch natürlich gibt es zahllose Verweise und Anspielungen auf die vorhergehenden Bände, so dass es empfehlenswert ist, mit Teil eins zu beginnen. Dann nämlich entfaltet die Reihe ihren ganz besonderen Reiz. „Aus Overstolz wird Camel“ weiterlesen

Die Gescheiterten von Slough House

Mick Herron: Slow Horses

Wie die Zeit vergeht: Im Dezember 2018 habe ich »Slow Horses« von Mick Herron gelesen, den Auftaktband einer Reihe, und seitdem steht der Roman auf der Liste der Bücher, die ich hier unbedingt vorstellen möchte. Inzwischen sind einige Jahre verstrichen, unsere Welt ist eine andere geworden, aber die Reihe wächst und gedeiht; gerade ist in der Übersetzung von Stefanie Schäfer der mittlerweile fünfte Band mit dem Titel »London Rules« erschienen. Und hier kommt nun endlich der Blogbeitrag dazu.

Auf den allerersten Blick handelt es sich um eine Krimireihe, um Agententhriller rund um den britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Und im Prinzip ist das richtig, allerdings sind es keine gewöhnlichen Agententhriller, denn die Protagonisten sind zwar noch offiziell Angehörige des britischen Geheimdienstes, aber allesamt wegen beruflichen Versagens auf dem Abstellgleis gelandet. Übersetzt man »Slow Horses« mit »lahme Gäule«, trifft es das ganz gut. Im Zentrum der Handlung steht »Slough House«, ein altes, mehrstöckiges und vollkommen heruntergekommenes Gebäude in London, in dem die Büros der Slow Horses untergebracht sind. »Es war eine dieser verlorenen Gegenden, die jede Stadt kennt; eine übersehene Lücke zwischen zwei Postleitzahlen.« Hier sitzt die Versagertruppe tagein, tagaus; da es nicht möglich ist, sie einfach aus dem Staatsdienst zu entlassen, sollen sie mit sinnlosen Tätigkeiten in einer trostlosen Umgebung mürbe gekocht werden. „Die Gescheiterten von Slough House“ weiterlesen

Die Bücher der Rose

Umberto Eco: Der Name der Rose | Dirk Schuemer: Die schwarze Rose

2022 jährte sich das Erscheinen der deutschen Ausgabe von »Der Name der Rose« zum vierzigsten Mal. Dies feierte der Hanser Verlag mit einer wunderschön gestalteten Neuauflage des Romans von Umberto Eco in der bewährten Übersetzung von Burkhart Kroeber. Eine Ausgabe, an der ich nicht vorbeigehen konnte und die ich zum Anlass nahm, nach fünfunddreißig Jahren dieses großartige Werk ein zweites Mal zu lesen. Gleichzeitig erschien – im Zsolnay Verlag, der ebenfalls zu Hanser gehört – der Roman »Die schwarze Rose« von Dirk Schümer; laut der Ankündigung im Klappentext eine Art lose Fortsetzung von Ecos Meisterwerk. Zumindest würde man ein paar alte Bekannte wieder treffen: »Dort, wo Umberto Ecos ›Der Name der Rose‹ aufhört, setzt Dirk Schümers historischer Roman an«, heißt es auf der Buchrückseite. An ein Meisterwerk, an einen der ganz großen Romane der letzten Dekaden anknüpfen? Kann ein so schon fast anmaßendes Unterfangen gut gehen? Gelingen? Ich war skeptisch. Und neugierig. Aber lest selbst. „Die Bücher der Rose“ weiterlesen

Eine Stadt im Sumpf

Nathaniel Rich: King Zeno

Eine Weile habe ich überlegt, wie ich das Buch »King Zeno« von Nathaniel Rich hier vorstellen soll. Denn auf den ersten Blick hat es der Autor als Kriminalroman angelegt; und ja, er erzählt von der Suche nach einem Mörder, von Leichenfunden, es gibt Schusswechsel und Verfolgungsjagden und am Ende einen Showdown. Doch hinter dieser Fassade hat die Geschichte noch viel mehr zu bieten, sie nutzt die Form des Krimis als Vehikel, um von einer Stadt im Umbruch zu berichten, von einer spannenden Musikszene, die der Welt neue Impulse geben wird – und von Umweltsünden, die diese Stadt knapp ein Jahrhundert später einholen sollten. Die Rede ist von New Orleans und »King Zeno« nimmt uns mit in das Jahr 1918; zehn Monate lang begleiten wir drei Menschen, deren Leben sich in diesem Zeitraum verändern wird. Dramatisch verändern wird, auf die ein oder andere Weise. „Eine Stadt im Sumpf“ weiterlesen

Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen. „Ein Echo aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Keiner kommt hier lebend raus

Benjamin Whitmer: Flucht

Der Begriff »Noir« dürfte allen Literaturinteressierten bekannt sein, aber was genau verbirgt sich dahinter? Für diese Stilrichtung gibt es keine allgemeingültige Definition; vor einiger Zeit tastete sich die Journalistin Sonja Hartl in ihrem Essay »Was ist Noir?« an die Thematik heran. Unter anderem heißt es darin: »Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. … Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen.« Zwar muss ein Noir-Roman nicht unbedingt ein Kriminalroman sein, aber dieses Genre bietet sich natürlich geradezu an. Daher ist es kein Zufall, dass Sonja Hartls Essay im Blog Polar-Noir veröffentlicht wurde, dem Verlagsblog des Polar-Verlags; eines Verlags, der sich auf grandios-düstere Kriminalromane spezialisiert hat. Und das Buch »Flucht« von Benjamin Whitmer ist ein gutes Beispiel für die literarische Qualität des Verlagsprogramms: Noir vom Feinsten. „Keiner kommt hier lebend raus“ weiterlesen

Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht. „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Kensington Avenue, Philadelphia

Liz Moore: Long Bright River

Lesen ist Reisen im Kopf – dieser Satz ist vollkommen überstrapaziert, aber vor allem ist er eines: wahr. Und manchmal führen einen diese Reisen in Gegenden, in die man im echten Leben eher nicht kommen würde. So wie etwa nach Kensington im Roman »Long Bright River« von Liz Moore, einem Stadtteil Philadelphias, der allerdings mit seinem edlen Namensvetter in London nichts gemein hat. Denn Philadelphias Kensington ist einer der größten Drogen-Hotspots im Osten der USA und ein Viertel, das geprägt ist von Drogenhandel, Kriminalität, Straßenprostituion, Obdachlosigkeit, leerstehenden Industriebauten, Abbruchhäusern, zugemüllten Brachflächen, Perspektivlosigkeit und kaputten Menschen. Und einer Menge Drogentoten, Jahr für Jahr. Dazwischen leben diejenigen, die schon immer dort wohnen, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen. Oder es auch nicht wollen. Die sich irgendwie arrangieren, durchschlagen, kleine Geschäfte betreiben, Nagelstudios, Handy-Läden, Mini-Märkte, Pfandhäuser, Diner oder einfache Cafés und auf ein besseres Morgen hoffen. Und zwischen dem Elend auf der Straße blinzelt die Gentrifizierung durch die Abgase und den Staub, denn die Mieten sind billig, ziehen die ersten jungen Leute mit Geld an, die gerne urbane  Bohème spielen, »ernst, reich, naiv«. Hippe Imbisse, Craft-Bier-Kneipen oder schicke Cafés sind in den letzten Jahren im Viertel aufgetaucht; mit Preisen, die sich die Alteingesessenen kaum leisten können. „Kensington Avenue, Philadelphia“ weiterlesen

Der Weg in die Dunkelheit

Volker Kutscher: Olympia

Im Jahr 2007 startete Volker Kutscher seine Buchreihe um den Kommissar Gereon Rath, den es 1929 von Köln nach Berlin verschlägt und der dort den Weg in die Dunkelheit des »Dritten Reiches« miterleben wird. Ich weiß noch, wie ich den ersten Band – »Der nasse Fisch« – zum ersten Mal sah und durch das Buchcover sofort meine Neugier geweckt wurde: Eine Straßenszene aus den Zwanzigerjahren, eine Limousine, die am Bürgersteig parkt und von Kindern bewundert wird, daneben eine Litfaßsäule, die wie eine Reminiszenz an »Emil und die Detektive« wirkt. Seitdem begleite ich Gereon Rath und Charlotte Ritter auf ihrem Weg durch die immer finsterer werdende Geschichte und auch dreizehn Jahre später ist meine Begeisterung für diese Reihe ungebrochen; der im November 2020 erschienene achte Band »Olympia« spielt im Jahr 1936. Und Gereon Rath ist inzwischen ein desillusionierter Polizist, der sich Gedanken macht über den Sinn von Mordermittlungen in einem Land, das von Mördern regiert wird. „Der Weg in die Dunkelheit“ weiterlesen

Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. „Ein Gangster-Triple“ weiterlesen