Vom Denkmalsockel geholt

Lea Singer: Anatomie der Wolken

Das beginnende 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der großen Umbrüche. Politisch veränderten die Feldzüge Napoleons die Landkarte Europas gravierend, gesellschaftlich sorgten die Ideen der französischen Revolution und das erstarkende Bürgertum für frischen Wind, wirtschaftlich stand die industrielle Revolution in den Startlöchern. Und kulturell wurde die Epoche der Klassik abgelöst durch die Zeit der Romantik. Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler verkörpern wie kaum jemand sonst die Gegensätze, die damals aufeinandertrafen: Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich. Sie mochten sich nicht – und waren doch fasziniert voneinander. In ihrem Roman »Anatomie der Wolken« schildert Lea Singer, wie sich die beiden begegneten, beschreibt ihre Lebensumstände, lässt eine längst vergangene Zeit äußerst lebendig wiederauferstehen und holt den Dichter und den Maler mit fein dosierter Ironie von ihren Denkmalsockeln. 

Die Handlung setzt ein im Dezember des Jahres 1809. Auftritt Goethe: »Er hatte ihn immer gehasst. Weil er ihn an eine Leiche erinnerte, eine riesige, Raum und Zeit füllende Leiche. Ihr Verwesungsgeruch stieg mit dem Rauch aus den Kaminen, ihr Leichentuch aus Schnee verdreckte durch den Ruß. Er konnte sich aber nicht erinnern, jemals einen Winter so sehr gehasst zu haben wie diesen, den sechzigsten in seinem Leben.«

Mit diesen polternden Worten beginnt der Roman und sofort haben wir Goethe vor uns. Einen verbitterten Goethe, nicht mehr jung, für die damalige Zeit eigentlich schon recht alt. Kurz zuvor war sein Roman »Die Wahlverwandschaften« erschienen, der das Auseinanderbrechen einer Ehe thematisierte und überall moralische Entrüstung ausgelöst hatte. Unverstanden fühlte sich der Herr Geheimrat, immerhin der erfolgreichste lebende Dichter des Kontinents. Unverstanden und alleine, vier Jahre zuvor war Friedrich Schiller, sein Freund und intellektueller Sparringspartner, viel zu jung gestorben, seine Ehe mit Christiane Vulpius hatte ihn in Weimar gesellschaftlich isoliert. 

Und was ihn ebenfalls irritiert: Er, der sich nach wie vor für einen großen Charmeur hält, wird von jungen Frauen nicht mehr als solcher wahrgenommen – stattdessen ist in Gesellschaften immer häufiger von dem Landschaftsmaler Friedrich die Rede, der tage- und wochenlang draußen unterwegs ist, um Inspirationen für seine geheimnisvollen Landschaftsbilder zu sammeln. Eine gerade revolutionäre Vorgehensweise, die bei Goethe auf Unverständnis stößt: »Oje! Jetzt redeten sie auch noch vom Mut, zu wandern. Ohne Mittel, ohne fahrbaren Untersatz, ohne zu wissen, wo man nächtigt. Das imponierte denen offenbar. So ein Maler, der, anstatt sich mit Porträts ordentlich Geld zu verdienen, sich stundenlang in Wolken versenkte, der gab diesen jungen Frauen irgendetwas. Nur was?«

Auftritt Friedrich im zweiten Kapitel des Romans: »Jeden Tag fegte Friedrich den Dielenboden in seiner Wohnung in der Pirnaischen Vorstadt in Dresden, dritter Stock, Straßenseite. Er fegte im Atelier, in der Kammer, in der er unter nichts als einer Wolldecke schlief, in der Küche, in der er sich wusch, sich Roggenbrot vom Laib schnitt, Milch einschenkte, Kartoffeln briet und die Pfanne mit einem Leinenlappen auswischte.« 

1809 war Caspar David Friedrich fünfunddreißig Jahre alt. Ein fast besitzloser Maler, der polarisierte; dessen Mystifizierung der Natur besonders bei der jüngeren Generation auf begeisterte Zustimmung traf, während etablierte Kunstkritiker ihn vehement ablehnten. »Ein Mann von Mitte dreißig, der stundenlang gegen den Sturm anwanderte, Klippen erkletterte, an Steilküsten balancierte, durch Eisbäche auf Steinen watete und durch den schweren nassen Sand am Meer rannte.« Friedrich war am liebsten in der Natur unterwegs, fühlte sich in Gesellschaft nicht wohl, verhielt sich unbeholfen und überspielte seine Unsicherheit mit einem brüsken Verhalten. Doch seine Kunst, die geheimnisvolle Stimmung seiner Werke galt in der jungen Generation als das Symbol für Aufbruch und Erneuerung schlechthin. 

Sein erster größerer Erfolg wurde der Ankauf der Bilder »Der Mönch am Meer« und »Abtei im Eichwald« durch den preußischen König. Nachdem Heinrich von Kleist sie hymnisch besprochen hatte, drängte der Kronprinz seinen Vater, sie zu erwerben. Noch heute hängen beide in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel und wenn mir bei einem Berlin-Besuch Zeit bleibt, versäume ich nie, diese zwei Bilder zu besichtigen. Wie viele Stunden ich insgesamt schon vor ihnen verbracht habe, kann ich nicht sagen, es dürften einige gewesen sein. Für mich sind sie – ebenso wie »Das Eismeer« in der Hamburger Kunsthalle mit die großartigsten und mich am meisten berührenden Kunstwerke aller Zeiten, in ihrer Melancholie verloren zu gehen ist ein schon beinahe spirituelles Erlebnis. Übrigens: Im Blog Of Things Past and Imagined gibt es den wunderbaren Reisebericht »Caspar David Friedrich: A pilgrimage«. Unbedingt vorbeischauen!

Aber ich schweife mal wieder ab. Meine Begeisterung für Friedrichs Kunst war allerdings der Anlass, dieses Buch zu lesen. Durch Lea Singers wunderbar menschliche Darstellung der beiden großen Künstler wurden die Gegensätze so spürbar, dass alleine dadurch ein Spannungsbogen entsteht, der sich durch den gesamten Roman zieht. 

Hier der introvertierte, schüchterne, ärmliche, kaum ein Wort korrekt schreibende Maler, der sich von seinen verkauften Werken nur widerwillig trennen mag. Dort der von sich selbst überzeugte Dichter, etabliert, eitel, voll und ganz im Bewusstsein seiner künstlerischen Bedeutung. Der sich – ganz das Universalgenie – auch als Wissenschaftler sieht; als jemand, der Newton vom Thron zu stoßen vermag, auch wenn schon seine Zeitgenossen die Bedeutung seiner »Farbenlehre« etwas anders einschätzten. Nun sucht er ein neues wissenschaftliches Betätigungsfeld und macht sich Gedanken über die Klassifizierung der Wolken – etwas, das es bis dahin noch nicht gibt. 

Und dabei kommt wieder Friedrich ins Spiel, denn kein anderer Künstler versteht es so meisterhaft, Wolken zu malen. Für ihn sind sie Manifestationen einer geheimnisvollen Natur, für Goethe sind sie eine Ansammlung von Wassermolekülen. Die beiden beginnen sich zu umkreisen, Botschaften werden überbracht, Grüße übermittelt, sie sind zunehmend voneinander fasziniert, aber auch abgestoßen. Wie kann man so leben – denken beide über den jeweils anderen. Hinzu kommt der materielle Aspekt, denn ein gutes Wort von Goethe wäre der große Türöffner in die Welt der Kunstsammler.

Mehrmals begegnen sich die beiden, das letzte Mal am 9. Juli 1811. Der Meister des Wortes, unfähig, sich in die mystischen Gefilde der Bilder Friedrichs hineinzudenken, und der Meister der Landschaften, nicht in der Lage, mit Worten zu formulieren, was er mit seiner Kunst auszudrücken vermag. Die sprachlose Leere zwischen den beiden lässt sich nicht überbrücken. Unaufhaltsam steuert die Handlung des Romans auf den Eklat hin, der das Verhältnis der beiden unwiederbringlich zerstören wird. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

Lea Singer – die eigentlich Eva Gesine Baur heißt und eine renommierte Kulturhistorikerin ist – schildert diese spannende Epoche der Kunstgeschichte auf eine mitreißende Weise, verbindet geschichtliche Hintergründe mit spekulativ dargestellten Emotionen, legt den beiden großen Künstlern alltägliche Gedanken in den Kopf und Sätze in den Mund. Und zeigt dadurch, dass auch Genies vor allem eines sind: Menschen. Fast nebenbei erfahren wir Leser, wie sich Kunst durch neue Impulse, neue Moden oder Techniken stets weiterentwickelt. Wir erleben mit, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den letzten zweihundert Jahren verändert haben, wie modern die Zeit Goethes und Friedrichs war, die heute weit weg erscheint, es aber eigentlich gar nicht ist. 

Beide leben in ihrer Kunst fort. Und ich freue mich bereits auf den nächsten Besuch in der Alten Nationalgalerie, bei dem ich sicherlich etliche Szenen aus diesem Buch im Kopf haben werde.

Die Klassifikation der Wolkenformationen mit den Bezeichnungen Cirrus, Stratus, Cumulus und Nimbus stammt übrigens tatsächlich aus jener Zeit und wird bis heute verwendet. Entwickelt wurde sie allerdings nicht durch Goethe, der das Projekt verwarf, sondern durch den englischen Apotheker Luke Howard

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Das Weimar-Gefühl.

Buchinformation
Lea Singer, Anatomie der Wolken
Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-40519-4

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Zuhause: Ort oder Gefühl?

Daniel Schreiber: Zuhause

Noch nie hat mich die Lektüre eines Buches emotional so aufgewühlt, wie es der schmale Band »Zuhause« von Daniel Schreiber geschafft hat. Schon das Nachdenken über den Begriff »Zuhause« kann die Gefühle auf eine Reise weit zurück in die eigene Vergangenheit schicken, doch in meinem Fall kam noch eine besondere Situation dazu. Und wenn es für jedes Buch den passenden Moment geben sollte, dann traf das auf eine schmerzhafte Weise zu wie niemals zuvor.

Gelesen habe ich es im Zug; ich war auf der Rückfahrt nach Köln, nachdem ich für ein paar Tage die Stadt am Bodensee besucht hatte, in der ich aufgewachsen bin. Es war kein normaler Besuch, denn es ging darum, mit dem Ausräumen des Elternhauses zu beginnen, Photos und Dokumente zu sichten, alte Briefe in verstaubten Kartons zu finden, drei Generationen tief in die Familiengeschichte einzutauchen – und herauszufinden, wie wenig man eigentlich von seinen Großeltern und Eltern gewusst hat. Von denen niemand mehr da ist. „Zuhause: Ort oder Gefühl?“ weiterlesen

Vom Untergang einer Welt

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Fast hätte ich mir das Buch »Der Wintersoldat« von Daniel Mason gar nicht gekauft. Das Buchcover zeigt einen Menschen in Rückenansicht, der sich mit wehendem Mantel vom Betrachter weg bewegt – diese Art der Buchgestaltung gibt es bereits in viel zu vielen Varianten und ich mag sie nicht besonders. Aber trotzdem sprach mich irgendetwas daran an, sorgte zumindest für ein zweites Hinsehen. Vielleicht war es der Titel »Wintersoldat«, vielleicht waren es die dunklen, wolkenverhangenen Bergrücken auf dem Umschlagbild, die eine Düsternis ausstrahlten, die mich neugierig machte. Als dann der Klappentext eine Handlung in den Karpaten während des Ersten Weltkriegs versprach, war die Kaufentscheidung getroffen. Denn dies ist ein fast vergessener Schauplatz in den vielen Darstellungen jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und ich war gespannt, wie die Lektüre zu meinem Leseprojekt Erster Weltkrieg passen würde. „Vom Untergang einer Welt“ weiterlesen

Nummer 122892

Juan Gómez Bárcena: Kanada

»Dein Haus steht noch. Du hattest die Hoffnung, dass es eingestürzt wäre. Vielleicht ist Hoffnung nicht das angemessene Wort, doch wenn nicht, welches dann? Du hattest, so viel kannst Du sagen, die Gewissheit, dass es dein Haus nicht mehr gab, und gleichzeitig die Gewissheit, dass dies überhaupt keine Rolle spielte.« So beginnt der Roman »Kanada« von Juan Gómez Bárcena.

Das Haus, in dem er lebte und glücklich war, existiert noch. Doch der Mann, der es betrachtet, steht vor den Trümmern seines Lebens. Und langsam tastet er sich voran, betritt das Haus, wird von seinem Nachbarn jovial begrüßt, findet sich in der ausgeplünderten, nur notdürftig möbilierten Wohnung wieder. »An den weißen Wänden schattige Stellen, die aussehen wie zugemauerte Fenster – dort, wo früher einmal Fotografien und Gemälde hingen. Du bleibst vor einem dieser nachgedunktelten Rechtecke stehen und versuchst, dich zu erinnern. Es gelingt dir nicht.« Was war geschehen? Und wo war er gewesen? „Nummer 122892“ weiterlesen

Vor dem Untergang

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod. „Vor dem Untergang“ weiterlesen

Das Unerzählbare. Ein Leseprojekt

Das Unerzaehlbare: Ein Leseprojekt gegen das Vergessen

Das Unerzählbare. Mit diesem Begriff umschreibt der Autor Daniel Kehlmann die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust und dem mit deutscher Gründlichkeit organisierten Massenmord an sechs Millionen Menschen. Denn wie soll man, wie kann man über diesen monströsen Tiefpunkt der Zivilisation und der deutschen Geschichte reden, schreiben, sprechen? Und gleichzeitig muss man darüber reden und darüber schreiben und darüber sprechen, damit dieses Unerzählbare niemals in Vergessenheit gerät. Deshalb habe ich für ein Leseprojekt Bücher zusammengestellt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. „Das Unerzählbare. Ein Leseprojekt“ weiterlesen

Reise durch die Zerstörung

Daniel Kehlmann: Tyll

Die Legende von Tyll Ulenspiegel ist entstanden im 14. Jahrhundert. Das erste Mal aufgezeichnet wurde die Geschichte des – angeblich um 1300 im niedersächsischen Kneitlingen geborenen – Schelmen und seiner derben Späße um das Jahr 1483, gedruckt erschien sie 1515 in Straßburg. Sie taucht im Laufe der Jahrhunderte immer wieder in unterschiedlichen Varianten auf, der Autor Charles de Coster schuf im 19. Jahrhundert daraus ein belgisches Nationalepos in französischer Sprache. Mit seinem Roman »Tyll« fügt Daniel Kehlmann eine weitere Fassung des Stoffes hinzu: Entstanden ist daraus ein vollkommen neues Werk. Und große Literatur.

Im Original macht Tyll Ulenspiegel das spätmittelalterliche Norddeutschland und Flandern unsicher. Daniel Kehlmann nutzt jedoch die dichterische Freiheit des Schriftstellers und versetzt seinen Helden mitten hinein in den Dreißigjährigen Krieg zweihundert Jahre später. Die Zeit zwischen 1618 und 1648 war eine der katastrophalsten Epochen der Geschichte Mitteleuropas. Drei Jahrzehnte lang ziehen Heerhaufen durch die Lande, plündern, rauben, brandschatzen, morden, vergewaltigen und hinterlassen eine vollkommen verwüstete, zu weiten Teilen fast menschenleere Ödnis. „Reise durch die Zerstörung“ weiterlesen

Literarischer Gedenkstein

Ueber den Feldern - Der Erste Weltkrieg in grossen Erzaehlungen der Weltliteratur

Guillaume Apollinaire, Isaac Babel, Tania Blixen, Jorge Luis Borges, Bertolt Brecht, Louis-Ferdinand Céline, Joseph Conrad, Gabriele d’Annunzio, Heimito von Doderer, Alfred Döblin, Ilja Ehrenburg, William Faulkner, Ford Madox Ford, Anatole France, Claire Goll, Jaroslav Hašek, Ernest Hemingway, Franz Kafka, Eduard Graf von Keyserling, Rudyard Kipling, Klabund, Karl Kraus, Vernon Lee, Heinrich Mann, Katherine Mansfield, William Somerset Maughan, Robert Musil, Boris Pasternak, Joseph Roth, Gertrude Stein, Franz Werfel, Edith Wharton, Thomas Wolfe, Virginia Woolf, Carl Zuckmayer, Arnold Zweig, Stefan Zweig.

Viele berühmte Namen.

Doch neben der Tatsache, dass sie Weltliteratur verfasst haben, eint diese Menschen noch etwas mehr: Sie alle lebten während des Ersten Weltkriegs und diese vier mörderischen Jahre haben in ihren Biographien Spuren hinterlassen. Direkte und indirekte, künstlerische und alltägliche. Sie haben diesen Krieg literarisch verarbeitet und das von Horst Lauinger herausgegebene Buch »Über den Feldern – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur« versammelt Texte von ihnen allen in einem Band. Wobei ich zu Beginn nur die ganz bekannten Namen erwähnt habe; die Textsammlung geht noch weit darüber hinaus und sorgt für Neu- und Wiederentdeckungen von Stimmen aus jener Zeit. Längst verklungen, aber zwischen zwei Buchdeckeln immer noch da. Hörbar, lesbar, wie ein hundert Jahre altes Echo. „Literarischer Gedenkstein“ weiterlesen

Die Stunde der Idealisten

Volker Weidermann: Traeumer

Volker Weidermann beschreibt in seinem Buch »Träumer« die wenigen Monate zwischen November 1918 und Mai 1919, als in München eine Handvoll beherzter Idealisten nach der Macht griff, um eine bessere Welt zu schaffen. Und die damit dramatisch scheiterten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen des Buches finden wir gleich im ersten Kapitel: Kurt Eisner, Journalist, Schriftsteller und Pazifist, besetzt mitten in der Nacht mit einer Gruppe Getreuer den bayerischen Landtag. Schon fast verwirrt über diesen leichten Erfolg übernehmen sie den notdürftig beleuchteten, leeren Sitzungssaal und entwerfen eine Proklamation für die Republik. Eine gespenstische Situation. In den frühen Morgenstunden ruft Eisner den bayerischen Freistaat aus, mit sich als Regierungschef. Es ist November 1918 und auf den Straßen herrscht das Chaos. „Die Stunde der Idealisten“ weiterlesen

Das Bovary-Projekt

Gustave Flaubert: Madame Bovary

»Madame Bovary« von Gustave Flaubert ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1857 löste er einen Skandal aus, der Autor wurde wegen unmoralischen Verhaltens, insbesondere »Verherrlichung des Ehebruchs« angeklagt und musste sich vor Gericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch – und förderte natürlich die Popularität des Werkes enorm. Der Roman ist als Frühwerk des Realismus ein Meilenstein auf dem Weg in die literarische Moderne; Flaubert zieht sich als Autor auf die Rolle eines Beobachters, eines Chronisten der Ereignisse zurück und beschreibt das tragische Leben der Emma Bovary. Eine Frau, die an ihrer provinziellen Umgebung verzweifelt und auf der Suche nach Erfüllung alles opfert. Und eben jenes Stilmittel der bloßen Beschreibung – ohne Wertung und ohne moralische Richtschnur – sorgte für die Empörung der Öffentlichkeit, die es nicht gewohnt war, auf solche Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Realistisch und ohne Verklärung.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 sprach ich mit BuchGeschichten-Booktuberin Ilke Sayan über »Madame Bovary« und wir stellten fest, dass wir beide das Buch noch nie gelesen haben. So beschlossen wir, gleichzeitig mit der Lektüre zu starten und uns anschließend darüber auszutauschen. Die Idee war, im Gespräch über das Buch die weibliche und die männliche Leserperspektive miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen auszuloten. Daraus ist nun ein Film auf BuchGeschichten entstanden – mein erster Booktube-Auftritt, ich war ehrlich gesagt, etwas nervös und bewundere alle Menschen, die entspannt und ohne zu stocken vor der Kamera über Bücher sprechen. Und dieser Blogbeitrag, der parallel zum BuchGeschichten-Film veröffentlicht wird. „Das Bovary-Projekt“ weiterlesen

Flüchtling im eigenen Land

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Als ich das Buch »Der Reisende« von Ulrich Alexander Boschwitz zu Ende gelesen hatte und es zugeschlagen neben mir auf dem Tisch lag, musste ich erst einmal tief durchatmen. Um die Anspannung zu lösen, mit der ich bis zuletzt Seite für Seite umgeblättert habe. Und um das Gefühl der Beklemmung loszuwerden, denn »Der Reisende« ist kein gewöhnlicher Roman. Vielmehr ist dieses Buch ein Zeitdokument in Romanform, das uns einen tiefen Einblick gewährt in das Deutschland des Novembers 1938. „Flüchtling im eigenen Land“ weiterlesen

Drei Jahrzehnte Verwüstung

Dreissigjaehriger Krieg: Leseprojekt

Die Formulierung »Dreißigjähriger Krieg« ist so gebräuchlich und das Ereignis liegt so lange zurück, dass man sich nur selten Gedanken darüber macht, was für eine furchtbare Zeit die Jahre zwischen 1618 und 1648 gewesen sein müssen. Oder wie sie sich auf den weiteren Verlauf der Geschichte ausgewirkt haben, mit Folgen bis ins 20. Jahrhundert und damit bis heute.

2018 jährt sich der Beginn dieses Konflikts zum vierhundertsten Mal und das ist ein guter Anlass, sich etwas näher mit dieser Epoche zu beschäftigen. Und damit, was diese dreißig Jahre eigentlich für die Menschen damals bedeutet haben: Drei Jahrzehnte Verwüstung, Gewalt und millionenfacher Tod, ein Leben in ständiger Unsicherheit. Dorfbewohner wussten nicht, ob ihre Höfe und Häuser heute oder morgen von marodierenden, verrohten Soldatenhorden niedergebrannt würden, Städter mussten stets darauf gefasst sein, Opfer einer Belagerung mit anschließender Plünderung und Brandschatzung zu werden. Folter und Grausamkeiten aller Art waren an der Tagesordnung, Reisen und Handel waren kaum möglich, nach den drei Jahrzehnten glichen weite Teile Mitteleuropas einer unbewohnten Ödnis.

Drei Jahrzehnte. Was für ein gewaltiger Zeitraum, damals fast ein gesamtes Menschenleben. Jetzt, zum vierhundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns, bin ich 48 Jahre alt; falls ich 78 Jahre alt werde, jährt sich das Ende zum vierhundertsten Mal. Zeit genug für einige Bücher, die ich zu diesem Thema hier vorstellen möchte. Erst einmal in aller Kürze, ausführlichere Besprechungen werden folgen. Ein weiteres Lesesprojekt hier im Blog Kaffeehaussitzer. „Drei Jahrzehnte Verwüstung“ weiterlesen

Der Künstler und die Macht

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch war einer der bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Wenn man es etwas präziser ausdrücken möchte, dann müsste man sagen, er sei einer der bedeutendsten sowjetischen Komponisten gewesen. Und in diesem feinen Unterschied zwischen russisch und sowjetisch liegt die gesamte Tragik eines Künstlerlebens, das sich in einer totalitären Diktatur bei aller Bedeutsamkeit nicht frei entfalten konnte. Und was dies für einen Menschen wie Schostakowitsch bedeutete, beschreibt Julian Barnes in seinem Roman »Der Lärm der Zeit«. „Der Künstler und die Macht“ weiterlesen

Leseprojekt Tragödie eines Volkes

Leseprojekt Tragoedie eines Volkes

Seit etlichen Jahren steht das Buch »Die Tragödie eines Volkes« des Historikers Orlando Figes ungelesen im heimischen Regal. Es beschreibt die russischen Schicksalsjahre zwischen 1891 und 1924. Im Oktober 2017 jährte sich die russische Revolution zum hundertsten Mal – also ein perfekter Anlass, um sich endlich einmal diesem Meilenstein der Geschichtsschreibung zu widmen. Dabei fiel mir auf, dass Figes‘ Werk nicht das einzige Buch in meinem Bücherschrank ist, dass sich mit dem Thema russischer Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigt. Bei weitem nicht. Vielmehr hat sich hier ein ganzer Stapel an Literatur angesammelt, der die verschiedendsten Facetten dieser hundert russischen Jahre ausleuchtet.

Aus diesem Grund wird es nun ein weiteres Leseprojekt auf Kaffeehaussitzer geben. Meine Leseprojekte sind thematisch zusammengestellte Titellisten, die oft während der Leküre weiter anwachsen. Sie dienen der Orientierung, das Ende ist vollkommen offen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Sachbücher oder Romane handelt; vor allem geht es dabei um die inhaltliche Klammer, mit der die zusammengestellten Bücher in einen Kontext gestellt werden, um sich intensiver mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. „Leseprojekt Tragödie eines Volkes“ weiterlesen

Fluchtgedanken

Ilija Trojanow: Nach der Flucht

Es war ein beeindruckender Abend, als Ilija Trojanow sein Buch »Nach der Flucht« im Kölner Literaturhaus vorstellte. Selten habe ich erlebt, wie jemand in kurzer Zeit so viele brillante Gedanken perfekt auf den Punkt bringen kann. Gedanken, in einfachen Sätzen formuliert, dabei aber von solch einer intellektuellen Tiefe, dass der Abend wie das Buch sich nachhaltig im Gedächtnis verankern werden – denn das Nachdenken über die Folgen der Flucht für einen Geflüchteten ist ein Thema so alt wie die Menscheit. Und immer aktuell, besonders heute. Ilija Trojanow schafft es, in einem schmalen Buch von gerade einmal 125 Seiten das Trauma Flucht eindrucksvoll zu schildern. Denn für einen Flüchtling endet die Flucht nie wirklich, er ist der, der mit Akzent spricht, der einen anderen Namen trägt, eine andere Hautfarbe hat, nicht zurück kann und trotzdem für viele immer ein Fremder bleiben wird. Was wiederum zu der Frage führt, was eigentlich Heimat ausmacht, doch dazu später. „Fluchtgedanken“ weiterlesen