Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta. „Land Of The Free?“ weiterlesen

Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden. „Migrantenschicksale“ weiterlesen

Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit.  „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“ weiterlesen

Die Lebenden und die Toten

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein Bild. Das Bild eines Dorfes, einer kleinen Stadt mit ihren Bewohnern, mit all den unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihrem Glück, ihrer Trauer, ihren verpassten Chancen, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung, ihrem  Hadern, ihren Tränen und ihrem Lachen, kurz: Ihrem Menschsein. Es ist eine literarische Collage, durch die sich die Stadt nach und nach bevölkert, wir Leser langsam Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte erkennen können. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, die genau dies mit ihrer Erzähltechnik fertigbringen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Denn das eine berichtet von den Lebenden, das andere von den Toten. Es sind die Romane »Speicher 13« von Jon McGregor und »Das Feld« von Robert Seethaler. „Die Lebenden und die Toten“ weiterlesen

Neue Ermittler, neue Zeitreisen

Alex Beer und Christof Weigold mit Auftaktbaenden neuer Krimireihen

Wenn historische Kriminalromane sauber recherchiert sind, wenn Sprache sowie Ambiente die geschilderte Zeit passend wiedergeben – dann kann es sehr reizvoll sein, mit ihrer Hilfe vergangene Epochen kennenzulernen. Was die Zwanziger- und Dreißigerjahre in Berlin betrifft, hat der Autor Volker Kutscher mit seiner Gereon-Rath-Reihe in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt. Umso gespannter bin ich jedesmal, wenn neue Krimireihen an den Start gehen, die in einem ähnlichen Zeitraum angesiedelt sind. In den letzten Monaten war das gleich zwei Mal der Fall; die Auftaktbände zweier neuer Reihen schicken die Leser in das Wien des Jahres 1919/1920 und in das Los Angeles des Jahres 1921. Um es gleich vorwegzunehmen: Beide haben mir sehr gut gefallen und versprechen viel Potential für die Folgebände. „Neue Ermittler, neue Zeitreisen“ weiterlesen

Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen »Rattenlinien«.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies »Rattenlinien« des Autors Martin von Arndt sowie »Der vierte Mann« von Stuart Neville. „Auf Rattenjagd“ weiterlesen

Abenteuergeschichten vom Feinsten

Arturo Perez-Reverte: Capitan Alatriste

Es ist höchste Zeit für diesen Beitrag, denn mit großem Schrecken musste ich feststellen, dass zwei meiner absoluten Lieblingsbücher nicht mehr lieferbar sind. Das ist mir völlig unverständlich, gehören doch »Alatriste« und »Das Gold des Königs« von Arturo Pérez-Reverte mit zum Besten, was historische Romane mit literarischem Anspruch zu bieten haben. Oder anders gesagt: Es sind Abenteuergeschichten vom Feinsten, die in einer Reihe stehen mit Werken der Weltliteratur wie Stevensons Schatzinsel oder Dumas‘ drei Musketieren. „Abenteuergeschichten vom Feinsten“ weiterlesen

Europas offene Wunde

Zwei Bücher: Yuri Dojc und Katya Krausova, Last Folio und Alter Kacyzne, Poyln

Gerne wird momentan von der abendländischen Kultur Europas geredet, um unsere Identität gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen abzugrenzen. Und gerne wird dabei auf den christlich-jüdischen Hintergrund unserer kulturellen Entwicklung hingewiesen. Dabei drücken diese Wörter eine Symbiose aus, die es so nie gab; die vor dem Hintergrund eines jahrtausendealten europäischen Antisemitismus wie blanker Hohn wirkt. Es ist eher so, dass in Europa trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen eine lebendige jüdische Kultur existierte, die erst durch den industrialisierten Massenmord des Holocaust so dezimiert wurde, dass sie heute nur noch vage wahrnehmbar und in vielen Gegenden – insbesondere Osteuropas – vollkommen verschwunden ist. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, eines, das auf eindrucksvoll photographierte Art und Weise letzte Spuren dieser Welt zeigt, Zeugnisse des Verfalls und des endgültigen Verschwindens. Und eines, das uns an jene verschwundene Welt in seltenen Photographien erinnert. „Europas offene Wunde“ weiterlesen

Tief in den Wäldern

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr und Castle Freeman: Männer mit Erfahrung

In diesem Beitrag geht es um zwei Bücher, die inhaltlich und stilistisch sehr verschieden sind. Doch sie haben ein verbindendes Element: Den Wald. Oder vielmehr den Wald als Rückzugsort von der Gesellschaft, als Versteck vor anderen Menschen, weitab von allem. Im zersiedelten und straßenzerschnittenen Mitteleuropa kann man sich solche Wälder nur schwerlich vorstellen, doch mit den Romanen »Ein Leben mehr« von Jocelyne Saucier und »Männer mit Erfahrung« von Castle Freeman lernen wir Waldgebiete ganz anderer Dimensionen kennen. Und Lebensentwürfe, die so bei uns kaum möglich sein dürften. „Tief in den Wäldern“ weiterlesen

Mit T.C. zurück ins Leseleben

T.C. Boyle: Wassermusik und Grün ist die Hoffnung

Heute kommt es mir kaum vorstellbar vor, aber es gab einmal eine Zeit, in der ich jahrelang fast kein einziges Buch gelesen habe. In der ich beinahe die Freude am Lesen verloren hätte. Es ist schon ein Weilchen her, aber ich habe nie vergessen, welchem Autor ich es verdanke, aus dieser buchlosen Zeit wieder herausgefunden zu haben. Es war T.C. Boyle mit seinen wunderbaren Werken »Wassermusik« und »Grün ist die Hoffnung«. 2014 und 2015 sind beide Bücher neu aufgelegt worden, in neuer Übersetzung und in wunderschöner Ausstattung. Ein guter Grund, sich wieder an längst vergangene Jahre zu erinnern. „Mit T.C. zurück ins Leseleben“ weiterlesen

Israels Schattenwelt

Liad Shoham: Stadt der Verlorenen und Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Wir sind Zeugen eines Weltwandels, den wir in den letzten Jahren in der Rolle des Zuschauers miterlebten. So, als würde uns das alles nicht betreffen, als würden wir im ruhigen Auge eines Wirbelsturms leben. Das war ein Irrtum. Die Bilder von Flüchtlingen sahen wir schon seit Jahrzehnten, sie waren stets irgendwo ganz weit weg, auf anderen Kontinenten, fern unserer Wohlstandsgesellschaft. Und jetzt sind sie hier, mitten unter uns, vor unseren Toren, hunderttausende sind angekommen, hunderttausende sind unterwegs, ein Ende ist nicht abzusehen.

Andere Länder sind schon längst mit dieser Entwicklung konfrontiert, wie etwa Israel. Hier hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte Schattenwelt etabliert; Flüchtlinge ohne Papiere leben im Elend, ignoriert von den einen, ausgebeutet von den anderen. Zwei Bücher beschäftigen sich intensiv damit und öffnen dem Leser eine Türe in eine düstere Gesellschaft, wie sie in Zukunft auch bei uns existieren könnte, wenn die falschen politischen Weichen gestellt werden. Es sind die Romane »Stadt der Verlorenen« von Liad Shoham und »Löwen wecken« von Ayelet Gundar-Goshen. „Israels Schattenwelt“ weiterlesen