Ein Buch wie ein Rocksong

Joseph O'Connor: Die wilde Ballade vom lauten Leben

Als ich das Buch »Die wilde Ballade vom lauten Leben« von Joseph O’Connor gekauft habe, wusste ich noch nicht, auf was für eine atemlose und sehr persönliche Gedankenreise mich dieser Roman schicken würde. Der Klappentext versprach die Geschichte einer Rockband mit ihren Höhen und Tiefen, die sich nach ihrem Überraschungserfolg zerstreiten würde; alles sei erzählt mit schrägem irischem Humor. Etwas für Zwischendurch, dachte ich. Etwas zur Entspannung, dachte ich. Doch weit gefehlt: Als ich das Buch nach fünf Jahren im Bücherregal endlich zur Hand nahm, fand ich darin viel, viel mehr als entspannende Unterhaltung. Und was ich am Ende bekommen habe, war nicht nur eine Romanhandlung, sondern ein Buch wie ein Rocksong aus Papier, Gänsehaut-Feeling inklusive.

Dabei konnte ich zu Beginn nur wenig mit der Handlung anfangen, es war okay, aber nicht mehr. Bis ich auf Seite 153 auf eine Passage stieß, die mich innehalten ließ. Nur ein paar Zeilen, aber die haben mich gepackt und regelrecht in die Story hineingerissen. Aber der Reihe nach.

Erzählt wird die Geschichte von Robbie »Rob« Goulding und Francis »Fran« Mulvey; zwei äußerst unterschiedliche Jungs, die zu besten Freunden werden und beginnen, zusammen Musik zu machen. Robbie stammt aus einer Arbeiterfamilie und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf; er ist eher der etwas ruhigere, dafür aber hemdsärmelige Typ. Fran ist als vietnamesisches Flüchtlingskind in den Siebzigern nach England gekommen und durch die Hölle liebloser Pflegefamilien gegangen. Androgyn, extrem exzentrisch gekleidet und vollkommen unnahbar ist er die auffälligste Erscheinung in der Provinz-Uni im kleinstädtischen Luton. Wir befinden uns in den beginnenden Achtzigerjahren; gemeinsam haben die beiden ihre Außenseiterrollen, und aus einer Schicksalsgemeinschaft wird Freundschaft. 

Und aus dem dilettantischen Musikprojekt entsteht eine Band, als Trez, die eigentlich Sarah heißt, und Seán dazustoßen, ein Geschwisterpaar. Trez ist ein musikalisches Wunderkind, spielt Geige und Cello genauso exzellent wie Bass und für Seán bedeutete Schlagzeugspielen das Ticket in ein neues Leben.

Das alles erfahren die Leser aus verschiedenen Perspektiven: Meistens berichtet Robbie als Ich-Erzähler von den lange zurück liegenden Geschehnissen. Inzwischen ist er ein Mann Ende Fünfzig, der auf einem nicht mehr ganz taufrischen Hausboot auf der Themse lebt. »Hierher hat es mich verschlagen, als mein Leben auf Grund lief, in diesen Archipel alter Kähne nicht weit vom Zentrum Londons. Zuflucht vor dem Sturm.« Verbitterung liegt in der Luft. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit den anderen Bandmitgliedern, Tagebucheinträge und Rückblicke sowie die Perspektive von Robbies erwachsener Tochter Molly. 

Und in einem dieser Rückblicke bin ich auf die vorhin erwähnte Passage gestoßen, die mich bei Lesen innehalten ließ. Seán berichtet, wie er als jugendlicher Intensivtäter im Jugendknast saß. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet, bis es einem der Betreuer gelingt, seine Begeisterung für Musik, für das Schlagzeugspielen zu wecken. 

»Es gibt Tage im Leben, da ändert sich alles. Meiner Erfahrung nach sind das Tage, die nicht danach aussehen. Du betrittst einen Raum. Am Fenster steht ein Schlagzeug. Jeder Freund, den du haben wirst, jedes Land, das du sehen wirst, die Frau, von der du nicht wusstest, dass du sie bekommen wirst, deine wunderbaren Kinder, dein ganzes Leben. Alles geht auf den Tag zurück, an dem du zum ersten Mal getrommelt hast. Unheimlicher Gedanke, dass es vielleicht nie passiert wäre.«

Damit war der Funke endlich übergesprungen. Denn Gedanken dieser Art habe ich oft. Das Leben vergeht und wenn ich zurückblicke, gibt es eine Handvoll Tage, die alles verändert und geprägt haben, die den Weg bereiteten bis zum Moment, in dem ich das gerade schreibe. Und gleichzeitig ist dabei immer die Frage im Raum, wie ein Leben anders hätte verlaufen können – wenn eine Entscheidung anders gefallen wäre, wenn ich einmal »nein« statt »ja« gesagt hätte oder umgekehrt, wenn ich einen Raum vielleicht ein paar Minuten später betreten hätte. Oder, in einem extremen Fall, wenn ich einmal zehn Sekunden langsamer gelaufen wäre. Es mögen müßige Gedanken sein, aber ich habe schon viele Stunden mit ihnen verbracht.

Jetzt hatte mich das Buch und ich begleitete die Band auf ihrem Weg, der erst einmal steil bergab führte. Nach einem Umzug nach New York folgt ein Leben im Abbruchhaus, es folgen Drogen, viele Drogen, viel Sex, viel Alkohol, alles nur einen Hauch vor dem endgültigen Absturz entfernt. Dann gab es eine erste kleine Chance, dann die zweite, dann plötzlich der Durchbruch, ein paar Jahre werden die »The Ships« als Weltstars gefeiert. Grandios sind die Hits der Band in die Musikgeschichte der Achtzigerjahre eingebettet, zahllose echte Namen tauchen auf und vermischen sich mit erfundenen Erfolgen einer erfundenen Band. Alles wirkt so authentisch, dass ich fast glaubte, ich hätte deren Musik in meiner Jugend tatsächlich gehört. Dann platzt der Traum, brutal und endgültig. Und die Bandmitglieder zerstreuen sich in alle Welt.

Was war geschehen? Mit dem Ich-Erzähler Rob schauen wir aus der Gegenwart auf die Bandgeschichte zurück. Nach und nach wird klar, was ihm seinerzeit den Boden unter den Füßen weggezogen, was ihn zu einem enttäuschten Menschen gemacht hat, zu jemanden, der ohne Ziele, ohne Träume lebt. Alles was er hat, sind seine Erinnerungen, sehr schöne, aber auch sehr bittere. 

Doch da ist noch mehr, noch sehr viel mehr. Denn im Laufe der Erzählung wird er feststellen, dass es Menschen gibt, auf die man sich verlassen kann und die füreinander da sind – auch wenn es der andere nicht immer merkt. Es geht um Freundschaft. Um Verbundenheit, über all die Jahre hinweg. Und es geht um die Macht der Musik, die Macht eines Rocksongs. Musik ist nicht nur ein Erinnerungsspeicher, sondern sie kann auch die Energie über die Zeit retten, die sie einmal für einen ausstrahlte. Denn die Erinnerungen an die Musik, die man mochte, sind immer auch eine Reise zu sich selbst, zu dem Menschen, der man einst war, bevor Alltag und Enttäuschungen so vieles im Leben überlagerten. Musik kann diesen Menschen wieder hervorholen – und das wird für Robbie allerhöchste Zeit. 

»Dann gibt es noch die Fehlschläge, die man aus ganz anderen Gründen bedauert, wenn man nur die Sprache hätte, um es auszudrücken, aber die hat man nicht und bekommt man jetzt auch nicht mehr. Deshalb haben wir Songs. Die wissen, dass wir überfordert sind. Sie dringen in die interstellaren Räume zwischen den Tintenklecksen vor, die wir Wörter nennen, leben ohne Sauerstoff, heben die Entfernungen auf.«

Ich bin ein Buchmensch durch und durch, und es gibt viele Textstellen, die mich an wichtige Zeiten meines Lebens erinnern. Doch gegen die Macht eines Songs kommen sie nicht an – Musik ist eine Zeitkapsel, bei der nur wenige Takte genügen, um Erinnerungen hervorzurufen, so lebendig, als wären sie nicht Jahre, sondern nur ein paar Tage her. Literatur und Musik – zwischen diesen beiden Welten schlägt »Die wilde Ballade vom lauten Leben« eine perfekte Brücke. Als großartige Liebeserklärung an die Macht der Rocksongs, die einen das ganze Leben begleiten.

Bonustrack: Ein Erinnerungs-Mixtape

Nachdem ich das Buch beendet hatte, begann ein regelrechtes Gedankenkarussell; es sind eine Menge Songs, mit denen ich etwas verbinde, ein bestimmtes Erlebnis, manchmal nur einen kurzen Moment, manchmal auch ein ganzes Jahr. Es sind Erinnerungen an Situationen, die sich eingeprägt haben und die ich mit ein paar Takten Musik sofort wieder abrufen kann. Aber auch Erinnerungen an Menschen, an schöne und traurige Erlebnisse, an ausgelassene Abende oder melancholische Herbstnachmittage. Daraus ist eine Gedankenreise entstanden, die mich weit in der Zeit zurückgeführt hat. Und ein paar Stationen habe ich aufgeschrieben.

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – das ist die Musik die ich mag. Laut muss sie sein und mitreißend. Ich bekomme Gänsehaut, wenn im Song »Let It Die« von den Foo Fighters in Minute 3:36 die Sologitarre einsetzt. Oder bei »State of Love and Trust» von Pearl Jam, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Überhaupt Pearl Jam: Dieser Band verdanke ich mit »Alive« den Soundtrack eines ganzen Jahres. 

Meine erste große Reise führte mich 1988 per Interrail bis nach Marrakesch. Hier, im Innenhof eines Hostels, schwärmte ein anderer Reisender von einer Sängerin namens Tracy Chapman, die gerade ihr erstes Album veröffentlicht hatte. Er gab mir seinen Walkman, um einmal hineinzuhören. Ich schaltete ein, und hatte mitten in der marokkanischen Nacht »Talkin‘ Bout a Revolution« im Ohr. Ein Song, der mich damals vollkommen umgehauen hat – und die Themen, über die sie singt, sind heute noch so aktuell wie vor 32 Jahren. 

Durch die nächtliche Stille eines südfranzösischen Campingplatzes schallte im Sommer 1987 ein Song voller Kraft und Melancholie. Nur dieses eine Lied, dann war alles wieder vollkommen ruhig. Ich lag auf meiner Isomatte vor dem Zelt und war hingerissen. Es dauerte Monate, bis ich herausgefunden hatte, dass dies »Theme From Subway Sue« von Pavlov’s Dog gewesen war. 

Anfang der Neunziger lief »Losing My Religion« von REM die Playlists rauf und runter. Heute hat man diesen Song schon tausend Mal gehört, aber damals war er neu und elektrisierend. Ich verbinde ihn für immer mit einem Abend in einem Freiburger Club (hat man damals schon »Club« gesagt?) und mit dem Gefühl von Scherben unter den Schuhsohlen auf der Tanzfläche. Es war ein rauschhafter Moment, möglicherweise habe ich die Gläser heruntergefegt; ich weiß es nicht mehr. Vielleicht kann sich meine gute Freundin Julia daran erinnern, die hier gelegentlich mitliest. 

Es war auf einer anderen Tanzfläche in einem vollkommen verqualmten Raum, wo ich zum ersten Mal das grandiose Gitarrensolo von Carolyne Mas im Song »Sittin‘ in the Dark« erlebt habe. Ich war nicht nüchtern und es ist ziemlich lange her, aber fast meine ich noch das von der Decke tropfende Kondenswasser zu spüren und die neben mir ekstatisch tanzenden Menschen am Rand des Gesichtsfelds wahrzunehmen. 

Ein paar Jahre später war die Musik von Nirvana wie ein Erweckungserlebnis, der Rausch einer Tanzfläche mit sich zu »Smells Like Teen Spirit« umherschubsenden Menschen ist unvergesslich – was für eine Energie! Und selten haben die Zigarette und das Bier danach so gut geschmeckt. Es war die Zeit, in der es normal war, morgens mit pfeifenden Ohren und Kopfweh aufzuwachen, während die Kleidung des Vorabends roch wie Problemmüll. Es war mein lautes Leben und ich habe es geliebt. 

»Tonight, Tonight« von den Smashing Pumpkins bringe ich in Gedanken stets mit einer Freundin zusammen, mit der ich an einem 31. Dezember zu einer Silvester-Party getrampt bin. Es ging von Hamburg nach Köln, wir waren zu dritt unterwegs, erhielten Bierdosen in die Hände gedrückt, saßen auf Bierkästen in einem Lieferwagen, bekamen von einem Fahrer einen Joint angeboten, waren in einen Auffahrunfall verwickelt und wurden zum Schluss auf der Standspur der Autobahn rausgelassen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später in Köln leben würde. Jene Freundin begann schon damals, Mitte der Neunziger, mit ersten größeren Tattoos zu experimentieren. Wir haben uns aus den Augen verloren und ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist. Außer, dass sie wahrscheinlich heute durchtätowiert sein dürfte und vermutlich irgendwo als Architektin arbeitet. 

»Am Fenster« von City ist einer der wenigen Songs, bei dem ich einen deutschen Text erträglich finde. In einem Lagerschuppen außerhalb Freiburgs lief er jeden Mittwoch als letztes Lied des Abends – und es war nicht immer ganz einfach, den vielen Öko-Barfußtänzern nicht auf die Zehen zu treten. 

Ich erinnere mich an eine Fahrt durch das nächtliche Berlin. Im alten Golf eines Freundes, der schon viele Jahre dort lebte, bretterten wir durch die Straßen und hatten das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort unterwegs zu sein. Entlang der Kreuzberger Hochbahn schrie sich Skin, die Sängerin von Skunk Anansie in voller Lautstärke ihre Wut aus dem Leib. »Stoosh« ist eines der großen Alben der Neunziger und »Brazen« dessen Hymne. 

»One« von U2 bringt mich sofort zurück in die irische Connemara, die ich zusammen mit einem Freund zu Fuß durchquerte. Oder zumindest liefen wir ein paar Tage einfach darauflos. Ohne Zelt, mit viel zu schweren Rucksäcken und einer Gitarre, auf der jener Freund versuchte, diesen – damals ganz neuen – U2-Song  zu spielen. Unterwegs stoppten wir an einem CD-Laden in einer kleinen Stadt im Nirgendwo und baten darum, den Text abschreiben zu dürfen. Und liefen weiter. Es war März, ständig zogen Regenwolken am Horizont auf, doch irgendwie haben wir immer einen trockenen Platz zum Schlafen gefunden. 

Das Album »August And Everything After« von den Counting Crows ist Melancholie pur. Ich weiß nicht, wie oft ich »Omaha« oder »Raining in Baltimore« im Herbst des Erscheinungsjahres gehört habe, während ich in meinem kleinen WG-Zimmer am Dachgaubenfenster saß und auf den Regen oder den Nebel oder den Dunst geschaut habe. In Dauerschleife. Wahrscheinlich haben mich die anderen Bewohner des Hauses gehasst. 

Und manchmal reicht auch einfach nur eine einzige Gitarre und eine eindrucksvolle Stimme, so wie beim Song »To Leave Something Behind« von Sean Rowe – ein Lied, das ich hörte, als ich dabei war, mein Elternhaus auszuräumen. Es lief in meiner Playlist, und als mir die Bedeutung der Worte klar wurde, kamen die Tränen. To leave something behind. 

Zurücklassen müssen wir viel, wenn die Jahre vergehen und wir älter werden. Ein Leben zu führen wie in jener grandiosen, rauschhaften Zeit, ständig unterwegs, rauchend, trinkend, niemals schlafend – das würde ich heute keine Woche mehr durchhalten. Manchmal kommen mir viele dieser Erinnerungen fast so vor, als hätte ich sie geträumt – und in Zeiten von Corona-Kontaktbeschränkungen wirken sie noch ein Stück unwirklicher. Aber da ist die Musik. Sie ist immer noch da, sie bringt die Bilder in den Kopf zurück und dann weiß ich: Es ist alles wahr. 

Was wäre jetzt der passende Abschluss für diesen langen Blogbeitrag? Vielleicht ein Zitat aus einem der schönsten Songs des großen Bruce Springsteen: »No retreat, baby, no surrender!«

Zum Nachhören gibt es das Erinnerungs-Mixtape auf Spotify

Buchinformation
Joseph O’Connor, Die wilde Ballade vom lauten Leben 
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-002296-7

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Über das Unterwegssein

Ueber das Unterwegssein

Die Qualität dieses Beitragsphotos mag nicht besonders gut sein, doch es gibt nur wenige Bilder, die mir so viel bedeuten wie dieses hier. Entstanden ist es im Mai 1993, irgendwo mitten in Australien zwischen Alice Springs und der Ostküste. Ein Vierteljahr lang war ich auf dem fünften Kontinent unterwegs, ließ mich treiben, hatte kein Ziel, keine Verpflichtungen und keine Pläne. Es war für mich die Zeit der großen Freiheit, und die einzigen beiden Fragen, mit denen man sich täglich auseinandersetzen musste, lauteten: Wo schlafe ich heute Nacht? Und wie komme ich dorthin?

Das alles ist inzwischen 27 Jahre her und doch vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese drei grandiosen Monate denke. Vielleicht ist es nicht nur jene Freiheit, die in Erinnerung geblieben ist, sondern auch das belebende Gefühl des Wegseins. Weit weg von allem. Es war ein Unterwegssein ohne Tripadvisor, ohne Booking.com, ohne Travel-Blogs und ohne Instagram-Selbstinszenierungen; meine einzige Informationsquelle war ein zerlesener Lonely Planet »Australia«, den ich in einem Hostel aus dem Regal der zu verschenkenden Bücher gefischt hatte. „Über das Unterwegssein“ weiterlesen

Zuhause: Ort oder Gefühl?

Daniel Schreiber: Zuhause

Noch nie hat mich die Lektüre eines Buches emotional so aufgewühlt, wie es der schmale Band »Zuhause« von Daniel Schreiber geschafft hat. Schon das Nachdenken über den Begriff »Zuhause« kann die Gefühle auf eine Reise weit zurück in die eigene Vergangenheit schicken, doch in meinem Fall kam noch eine besondere Situation dazu. Und wenn es für jedes Buch den passenden Moment geben sollte, dann traf das auf eine schmerzhafte Weise zu wie niemals zuvor.

Gelesen habe ich es im Zug; ich war auf der Rückfahrt nach Köln, nachdem ich für ein paar Tage die Stadt am Bodensee besucht hatte, in der ich aufgewachsen bin. Es war kein normaler Besuch, denn es ging darum, mit dem Ausräumen des Elternhauses zu beginnen, Photos und Dokumente zu sichten, alte Briefe in verstaubten Kartons zu finden, drei Generationen tief in die Familiengeschichte einzutauchen – und herauszufinden, wie wenig man eigentlich von seinen Großeltern und Eltern gewusst hat. Von denen niemand mehr da ist. „Zuhause: Ort oder Gefühl?“ weiterlesen

Die große Angst. Ein Textbaustein*

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund

Als ich Anfang zwanzig war, drückte mir ein Freund den Roman »Siddhartha« in die Hand und meinte, ich müsse ihn unbedingt lesen. Darauf folgte eine kurze, aber intensive Phase, in der ich so ziemlich alles von Hermann Hesse verschlungen habe, was mir in die Finger kam. Das ist inzwischen knapp drei Jahrzehnte her, doch kürzlich fand ich beim Durchforsten der Buchregale »Narziß und Goldmund« wieder, das einzige Hesse-Buch, das ich neben jenem »Siddhartha« noch besitze. Als ich den schmalen Suhrkamp-Band in der prägnanten Gestaltung dieser Zeit durchblätterte, fand ich eine markierte Textstelle. Es sind Worte, die mich mich damals bis ins Mark getroffen haben. Und sofort waren eine Menge Erinnerungen wieder da. „Die große Angst. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Mehr lesen, wissen, können

Mehr lesen, wissen, können: Das Leipziger Buchmaennchen

»Mehr lesen, wissen, können« – eine Weile kam ich fast jeden Tag an diesem Satz vorbei. Er gehört zu einer alten DDR-Leuchtreklame, die an der Fassade des LKG-Gebäudes in Leipzig hängt. Ein stilisierter Mensch reckt froh ein Buch in die Luft und darunter ist jener Slogan zu lesen. Die Leuchtreklame stammt aus dem Jahr 1964; einer Zeit, in der diese Art der Werbung sich in der DDR zu einer eigenen Kunstform entwickelt hatte.

Die Leipziger Kommissons- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) war die wichtigste Buchauslieferung in der DDR und trug entscheidend zur Versorgung der Bevölkerung mit dem gedruckten Wort bei. Als ich Ende der Neunzigerjahre in Leipzig studierte, lag das wuchtige Gebäude an meinem Weg in die Innenstadt, wo ich einen Nebenjob als Buchhändler hatte. Zu diesem Zeitpunkt leuchtete die Lichtwerbeanlage – so die offizielle Bezeichnung – schon lange nicht mehr, das Areal stand leer und verfiel; ein Schicksal, das es mit zahlreichen Leipziger Industriebauten teilte. „Mehr lesen, wissen, können“ weiterlesen

Über den Umgang mit Büchern

Eigentlich ist es fast so etwas wie die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Blogbeitrag über das Wegschmeißen von Büchern zu den meistgelesenen hier auf Kaffeehaussitzer gehört. Darin hatte ich beschrieben, wie befreiend es sein kann, ein Buch, das sich als Lesezeitverschwender herausgestellt hat, einfach ins Altpapier zu werfen. Sucht man auf Google nach diesem Thema, stand der Blogbeitrag lange Zeit an Platz eins der Suchergebnisse, bis ein Artikel aus der FAZ diese Stelle eingenommen hat. Und obwohl der Text jetzt schon ein paar Jahre alt ist, kommen nach wie vor neue Besucher darüber auf den Blog; die Frage nach dem Wegschmeißen von Büchern scheint viele zu bewegen.

Ironie des Schicksals – das habe ich geschrieben, weil die Menschen, die mich gut kennen, wissen, wie wichtig mir der sorgfältige Umgang mit meinen Büchern ist. Ohne besonders darauf zu achten, sieht bei mir ein gelesenes Buch fast noch unbenutzt aus, von ein paar Bleistiftmarkierungen im Inneren abgesehen. Und einmal hatte ich einen Albtraum, bei dem ich auf der Flucht vor irgendetwas sehr, sehr Furchterregendem nicht vorangekommen bin, weil ich auf keinen Fall die vielen Bücher zurücklassen wollte, die ich bei mir trug.

Daher gibt es jetzt diesen Blogbeitrag über meinen Umgang mit Büchern, über meine ganz persönlichen Gebräuche, Rituale und Marotten. „Über den Umgang mit Büchern“ weiterlesen

Die Lebenden und die Toten

Jon McGregor: Speicher 13 | Robert Seethaler: Das Feld

Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein Bild. Das Bild eines Dorfes, einer kleinen Stadt mit ihren Bewohnern, mit all den unterschiedlichen Schicksalen und Lebensläufen. Ihrem Glück, ihrer Trauer, ihren verpassten Chancen, ihrer Liebe, ihrer Verzweiflung, ihrem  Hadern, ihren Tränen und ihrem Lachen, kurz: Ihrem Menschsein. Es ist eine literarische Collage, durch die sich die Stadt nach und nach bevölkert, wir Leser langsam Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte erkennen können. Zwei Bücher möchte ich hier vorstellen, die genau dies mit ihrer Erzähltechnik fertigbringen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Denn das eine berichtet von den Lebenden, das andere von den Toten. Es sind die Romane »Speicher 13« von Jon McGregor und »Das Feld« von Robert Seethaler. „Die Lebenden und die Toten“ weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn »unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.«

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. „Wir Europäer“ weiterlesen

Älterwerden. Ein Textbaustein*

Ueber das Aelterwerden. Ein Textbaustein von Steffen Kopetzky.

In der Rubrik Textbausteine stelle ich Textpassagen vor, die mir wichtig sind. Es sind manchmal nur ein paar kurze Sätze, die mich beim Lesen mit einer solchen Wucht getroffen haben, dass ich sie nie wieder vergessen werde. Manche davon begleiten mich schon viele Jahre, über andere bin ich gerade erst gestolpert. Miteinander gemein haben sie, dass sie Gefühle in Worte fassen, für die mir bisher die passenden Worte fehlten oder dass ich sie genau dann gefunden habe, als ich sie brauchte. Gerade ist es mir wieder so ergangen, diesmal mit einer kurzen Textstelle aus dem Buch »Propaganda« von Steffen Kopetzky. „Älterwerden. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Die Bücher meines Lebens

Die Buecher meines Lebens

Es gibt manchmal Tage, an denen man zurückschaut auf die Jahre und Jahrzehnte, die hinter einem liegen und sich verwundert die Augen reibt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Der fünfzigste Geburtstag ist bei mir ein solcher Tag und ich bin froh, ihn zwar mit der ein oder anderen Narbe, aber ohne größere Blessuren erreicht zu haben. Denn das ist ganz und gar nicht selbstverständlich.

Ein Rückblick also. Und natürlich ein Rückblick, der sich mit Büchern beschäftigt. Der Beitragstitel kündigt es an, es geht um die diejenigen, die in den letzten fünf Jahrzehnten die tiefsten Spuren hinterlassen haben, es geht um die Bücher meines Lebens. Auf fünfzehn Werke bin ich gekommen und sie möchte ich hier nun vorstellen. In chronologischer Reihenfolge. „Die Bücher meines Lebens“ weiterlesen

Ein Mann in Schwarz

John Wray: Die rechte Hand des Schlafes

Es ist manchmal erstaunlich, auf welchen Wegen man auf ein Buch aufmerksam wird. Die meisten Empfehlungen erhalte ich durch Buchhandlungsbesuche oder über andere Literaturblogs. Bei »Die rechte Hand des Schlafes« von John Wray allerdings war eine Photographie der Auslöser für den Kauf des Buches. Und zwar ein Portraitphoto, das ich schon seit über 25 Jahren in meinen Besitz habe. Ohne zu wissen, wen es eigentlich zeigt.  „Ein Mann in Schwarz“ weiterlesen

Was wäre, wenn?

Hannes Koehler: Ein moegliches Leben

Wahrscheinlich kennt sie jeder, diese Momente, in denen das eigene Leben einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können, wenn eine Entscheidung anders ausgefallen wäre. Oder wenn man den Mut gehabt hätte, eine Veränderung zu wagen. Vielleicht nur einen winzigen Schritt in eine andere Richtung zu tun. Dem Herz zu folgen, nicht dem Verstand. Oft werden einem diese möglichen Abzweigungen erst lange Zeit später bewusst, aber manchmal denkt man sein ganzes Leben darüber nach. Und kommt nie zu einem Ergebnis; die Was-wäre-wenn-Frage lauert stets im Dunkeln, und in so manchen Nächten lässt sie einen nicht einschlafen. Der Roman »Ein mögliches Leben« von Hannes Köhler beschäftigt sich mit einer solchen Abzweigung, eingebettet in einen historischen Kontext, der uns Lesern einen wenig erforschten Ausschnitt der Geschichte des 20. Jahrhunderts näher bringt. „Was wäre, wenn?“ weiterlesen

Stadt der Geschichten

New York: Stadt der Geschichten

Angefangen hat vermutlich alles mit einem Blick in ein Schaufenster. An einem kalten Dezembertag vor vielen Jahren – es müsste 1989 gewesen sein – hastete ich an einer Galerie vorbei, die Kunstdrucke verkaufte. Im Fenster ausgestellt war die Reproduktion einer Photographie von Andreas Feininger: Die Brooklyn Bridge im Nebel. Das Bild hat mich auf Anhieb fasziniert. Der mächtige Brückenpfeiler, der vor einer Nebelwand aufragt. Lagerhäuser, die sich darunter ducken, dahinter der East River, auf dem schemenhaft ein Schiff zu erkennen ist. Und auf der anderen Seite verschwindet alles im Dunst, im Ungewissen – obwohl man weiß, dass dort in Manhattan das Leben pulsiert. Auf diesem Bild ist nichts davon zu sehen, es herrscht eine fast meditative Ruhe und trotzdem sind die tausend Versprechungen der Großstadt spürbar. Und vielleicht spiegelte die Photographie in diesem Moment das eigene Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen wieder, den Aufbruch ins Unbekannte. „Stadt der Geschichten“ weiterlesen

Leben geschieht

Hilmar Klute: Was dann nachher so schoen fliegt

Natürlich weiß ich, dass man sich als Leser nicht mit den Protagonisten eines Romans zu identifizieren braucht, um sich eine Meinung über den Inhalt und die Qualität des Werkes zu bilden. In Kreisen professioneller Rezensenten gilt eine solche Identifikation auch eher als etwas, das es zu vermeiden gilt. Das Gute am Bloggen ist aber, dass man in seinem Blog machen kann, was man möchte. Und dass einem manche Gepflogenheiten egal sein dürfen – besonders wenn man auf ein Buch trifft, das einen zurück in eine Zeit des eigenen Lebens katapultiert. Eine Zeit, die zwar längst vergangen ist, die einen aber geprägt hat, wie kaum eine andere. Und die für so manche Weichenstellungen entscheidend war, die mit all ihren Umwegen bis ins Hier und Heute führen. »Was dann nachher so schön fliegt« von Hilmar Klute ist genau eines dieser Bücher. „Leben geschieht“ weiterlesen

Welten hören auf

Jewgeni Jewtuschenko: Welten hoeren auf

Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Als er ein letztes Mal tief ausatmete, klang es wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.

Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da. „Welten hören auf“ weiterlesen