Mein Lesejahr 2019: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2019: Die besten Buecher

2019 war ein lohnendes Lesejahr mit zahlreichen Entdeckungen und vielen Büchern, die mich begeistert haben. Eine Statistik führe ich nicht und zähle auch nicht, wie viel ich in einem Jahr lese – mehr als ein Buch nach dem anderen geht ja nicht und letztendlich sind sowieso nur die Inhalte wichtig. Für diesen Beitrag habe ich meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich am meisten bewegt haben. Manche sind 2019 erschienen, andere standen schon seit ein paar Jahren im Buchregal. Und nicht alle davon sind schon hier auf Kaffeehaussitzer präsentiert worden, daher ist die Liste auch als eine Art Ausblick auf kommende Beiträge zu sehen.

Da ich Bücher meistens sehr zeitversetzt nach der Lektüre hier vorstelle, sind einige Titel hier nicht aufgeführt, die zwar 2019 auf Kaffeehaussitzer besprochen wurden, die ich aber bereits im Jahr davor gelesen hatte. Denn sonst wären zum Beispiel die Romane »Nordwasser« von Ian McGuire, »All die Nacht über uns« von Gerhard Jäger oder »1793« von Niklas Natt och Dag natürlich hier enthalten.

Das sind sie also, meine persönlichen Lesehighlights 2019.

Guillermo Arriaga: Der Wilde
Was für ein Buch! »Der Wilde« von Guillermo Arriaga erzählt vordergründig die Geschichte einer Rache. Doch was wird sein, wenn der Zeitpunkt der Rache gekommen sein mag? Einer Rache, die auch den sich Rächenden am Ende mit zerstören würde. Kann es danach ein Weiterleben geben? Haben wir eine Wahl? Einen freien Willen? Oder weiter gedacht: Kann man überhaupt leben, wenn die eigenen Gedanken dauerhaft um Rache kreisen? Man besessen davon ist? Auf die Beantwortung dieser Fragen steuert die Romanhandlung unaufhaltsam hin. Und ein Wolf wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Ein vielschichtig erzählter und raffiniert mit den unterschiedlichsten Zeit- und Handlungsebenen spielender Roman.

Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent
Die Jahre zwischen 1900 und 1914 waren eine Zeit, die uns heute weit weg erscheint, die der unseren aber viel ähnlicher war, als den meisten Menschen klar ist. Philipp Blom zeigt uns in »Der taumelnde Kontinent« ein Europa im Umbruch; in vierzehn Kapiteln stellt er die rasanten technischen Entwicklungen und die gesellschaftlichen Veränderungen vor. Die wirtschaftliche Globalisierung sorgte bereits damals für Verwerfungen und insbesondere die brutale Politik des europäischen Kolonialismus stellte die Weichen für Konflikte, unter denen die Welt heute noch leidet. Ein Buch mit zahlreichen Aha-Erlebnissen, geschrieben in einer mitreißenden Sprache.

Carys Davies: West
Carys Davies ist mit »West« etwas Besonders gelungen. Sie knüpft nahtlos an die Tradition der Noir-Western an und verbindet die Handlung mit subtilem Humor und feiner Ironie, dezent eingestreut, doch stets durchscheinend. Damit bricht sie souverän die manchmal übertrieben ernsthafte Männerwelt dieses Genres auf und hievt ihren Noir-Western auf eine neue erzählerische Ebene, leichtfüßig und elegant. Und gnadenlos.

Mathijs Deen: Über alte Wege
Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen.
Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander.

Daniel Galera: Flut
Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. In der tiefsten Krise seines Lebens zieht er ans Meer, in einen kleinen Strandort im Süden Brasiliens. Hier war vor vielen Jahren – noch vor seiner Geburt – sein Großvater umgebracht worden, hier verlieren sich dessen Spuren. Der namenlos bleibende Mann möchte herausfinden, was damals geschah. Ein Drama von existenzialistischer Wucht nimmt seinen Lauf, bei dem das Meer mit seiner Leere, seiner Endlosigkeit, seiner Gewalt und seiner Stille eine zentrale Rolle spielt. 

Juan Gómez Bárcena: Kanada
Ein schmales Buch mit einem kurzen Titel. Doch was »Kanada« für den namenlos bleibenden Überlebenden einer grauenvollen Zeit bedeutet, wird erst nach und nach klar. Es ist ein bewegender Bericht über einen hochtraumatisierten Menschen, der nicht wieder in sein altes Leben zurückfindet. Da es kein altes Leben mehr gibt und da alles, was es für ihn ausmachte, verschwunden ist. Bald schreibe ich mehr zu diesem Buch, das ein wichtiger Baustein des Leseprojekts »Das Unerzählbare« ist.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive
Der Einstieg war etwas zäh, aber dann folgte ein so intensives Leseerlebnis, wie ich es bisher nur selten erlebt habe: »Max, Mischa & die Tet-Offensive« von Johan Harstad ist für mich das beste Buch des Jahres 2019 und einer der herausragendsten Romane der letzten Dekade. Ein Buch wie ein guter Freund, der mich über Wochen begleitet hat. Oder anders gesagt: 1.242 Seiten und keine einzige zuviel.

Robert Harris: Der zweite Schlaf
Es beginnt wie ein klassischer historischer Roman: Robert Harris schickt uns mit »Der zweite Schlaf« in das Jahr 1468, mitten hinein in die Zeit des Spätmittelalters. Denkt man jedenfalls auf den ersten Seiten. Denn bald stellt sich die Frage, welches Jahr 1468 eigentlich gemeint ist – und aus einem Historienschmöker wird plötzlich eine Dystopie vom Feinsten. Große Leseempfehlung.

Steffen Kopetzky: Propaganda
Die Handlung dieses Romans spannt einen Bogen von der blutigen Schlacht im Hürtgenwald im Herbst 1944 bis hin zum Skandal um die Pentagon Papers, die 1971 die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg ins Wanken brachten. Es geht um den Umgang mit der Wahrheit, um die Beeinflussung der Bevölkerung, um das Spiel der Mächtigen mit Menschenleben – Themen, die alt sind und zugleich aktueller denn je. Eine Textstelle darin hat mich besonders bewegt; so sehr dass sie direkt in die Rubrik der »Textbausteine« aufgenommen wurde. Eine Buchvorstellung zum gesamten Roman folgt bald.

John Lanchester: Die Mauer
»Es ist kalt auf der Mauer.« In der ewigen Hitliste der besten Buchanfänge ist John Lanchester mit diesem Satz ganz weit oben eingestiegen. Er führt mitten hinein in die Geschichte und nimmt die gesamte Stimmung des Romans vorweg. Bei vielen Dystopien spürt man bei der Lektüre ein wohliges Grauen, nicht so bei »Die Mauer«. Hier ist nichts wohlig, es läuft einem kalt den Rücken hinunter, denn die geschilderte Zukunft ist nur einen kleinen Schritt von uns entfernt.

Daniel Mason: Der Wintersoldat
Seit einigen Jahren läuft mein Leseprojekt zum Ersten Weltkrieg. »Der Wintersoldat« von Daniel Mason passt perfekt dazu, denn die Handlung führt die Leser in eine vergessene Region dieses Jahrhundertgemetzels – in die Karpaten, wo ein Medizinstudent aus Wien ein abgelegenes Lazarett leiten soll. Es ist eine Aufgabe, die seine fachlichen und emotionalen Kompetenzen weit überschreitet, und als Front, Gesellschaftsordnung und das Europa seiner Jugend zusammenbrechen, muss er sich entscheiden, wohin er gehören möchte. Bald mehr dazu.

Steven Price: Die Frau in der Themse
London im Winter 1885/1886 – eine Stadt im undurchdringlichen Nebel, voller Feuchtigkeit, modrigen Gerüchen, Schmutz, Armut und dunkler Gestalten. In dieser eindrucksvoll dargestellen Atmosphäre sind die Wege dreier Menschen schicksalhaft miteinander verknüpft. Es geht um Verrat, Spionage, einen mysteriösen Todesfall und den Namen eines Phantoms. Und um eine Geschichte, deren Anfänge zurückreichen in die Wirren des Amerikanischen Bürgerkriegs. Ein großartiges Leseerlebnis und ein Buch, das ich hier ebenfalls bald noch ausführlicher vorstellen möchte.

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
In New York begegnen sich durch Zufall zwei junge Menschen, die sich ineinander verlieben und eine intensive Zeit miteinander verbringen. Etwas, das tagtäglich geschieht. Doch diese beiden wissen von Beginn an, dass diese Zeit nur ein paar Monate dauern, dass ihre Liebe keine Zukunft in ihren jeweiligen Welten haben kann. Denn Liat ist Israelin und Chilmi Palästinenser. Nun ist die Tragik zweier Liebender, die bedingt durch äußere Umstände nicht zueinander finden können, ein klassisches Thema in der Literatur. Doch der aktuelle politisch-religiöse Bezug und die autobiographischen Anspielungen vervielfachen die Intensität der Lektüre dieses Romans, der mich sehr bewegt und begeistert hat.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
»Verzeichnis einiger Verluste« von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch war dieses Gefühl sofort da. Aufwendig recherchiert, klug geschrieben, elegant gestaltet und perfekt verarbeitet, kurz: Ein Gesamtkunstwerk. Und nur sehr selten habe ich auf etwas mehr als 250 Seiten und in so abwechslungsreicher Art und Weise so viel Wissen vermittelt bekommen.

Antonin Varenne: Äquator
Die Geschichte eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst: Pete Ferguson ist ein Getriebener, der meint, ein Verbrechen begannen zu haben und sich im Nebraska des Jahres 1871 auf den Weg in Richtung Äquator macht. Denn dort im Süden, so glaubt er, wird er endlich zu sich selbst finden. Eine Reise zu Pferd, zu Fuß und Schiff beginnt; sie führt ihn durch eine Revolution, einen Urwald mit vergessenen Überresten einer einstigen Zivilisation bis hin zu einem Punkt, an dem es kein Weiter mehr geben kann. Antonin Varenne hat bereits mit »Die sieben Leben des Arthur Bowman« den Abenteuerroman ins 21. Jahrhundert geholt. Mit »Äquator« legt er einen grandiosen Nachfolger vor. Bald mehr dazu.

Das sind sie also, meine persönlichen Favoriten und für mich die besten Bücher meines Lesejahrs 2019. Es ist immer spannend, die Best-of-Rückblicke in den anderen Literaturblogs zu lesen und oft entdecke ich dabei Titel, von denen ich zuvor kaum gehört habe. Ein schönes Zeichen für die Vielfalt der Literatur und der individuellen Lesevorlieben. Und ich hoffe, auch mit dieser Buchzusammenstellung ein paar Leseanregungen geben zu können.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Start in unsere Zwanzigerjahre.

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Nicht wegschauen!

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski zur Schließung des Georgian National Book Center
Photo: (c) Henriette Gängel

Ein Gastbeitrag von Maria-Christina Piwowarski* zur Schließung des Georgian National Book Center

Die erfahreneren Buchmessebesucherinnen und -besucher raunten bewundernd: So etwas hätten sie seit Island nicht mehr erlebt, diese Stimmung der Begeisterung, des Mitgerissenwerdens, der literarischen Euphorie.

Georgien ist ein kleines Land am Schwarzen Meer, das geografisch bereits zu Asien gehört, ein Grenzland der Kontinente, ein Verbindungsstück der Kulturen.

Auf einer Fläche kleiner als Bayern leben nur ungefähr ein Viertel so viele Menschen. Und doch hat Georgien einen leidenschaftlichen Sturm der Sympathie für seine Literatur entfacht, als es im vergangenen Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Auch der Auftritt des Gastlandes Brasilien im Jahr 2013 bleibt den meisten als besonders gelungen in Erinnerung, doch Georgien hat 2018 noch einmal völlig neue Maßstäbe gesetzt und für viele sogar den eingangs erwähnten, oft gerühmten Auftritt Islands in den Schatten gestellt. Georgien in Frankfurt war etwas Einmaliges. „Nicht wegschauen!“ weiterlesen

Der Sessel

Der Sessel. Ein Beitrag für das Lesemagazin KUDU.

Mitten im Raum stand der Sessel. Ein wuchtiges Ding, das dazu einlud, es sich darin mit einem Buch bequem zu machen. Der Fußboden war übersät mit Mörtelbrocken und Glasscherben, die Wände waren vollgesprüht mit Graffiti, in einer Ecke lagen angekohlte Holzstücke und durch die eingeschlagenen Fenster wehte ein eiskalter Wind. Und doch ratterte beim Anblick dieses Sessels sofort das Kopfkino los. Wie mochte er wohl an diesen Platz gekommen sein? Aber bevor ich weitererzähle, sollte ich zuvor die Frage beantworten, wo wir eigentlich gerade sind. Und was ich da mache. „Der Sessel“ weiterlesen

Der Zeit nicht mehr gewachsen

Lucy Fricke: Toechter

Es geschieht manchmal, aber nicht oft: Man beginnt abends mit einem neuen Buch, versinkt vollkommen darin und klappt es komplett durchgelesen mitten in der Nacht wieder zu. Bei „Töchter“ von Lucy Fricke war es genau so. Am Tag danach war ich zwar furchtbar müde, aber es hat sich gelohnt. Jede Seite. Jedes Wort.

Ich hatte sowieso vor, den Roman zu lesen. Bald. Dann landete ich beim abendlichen Durchforsten der Literaturblogs wieder einmal bei buchrevier, wo Blogger Tobias Nazemi Lucy Frickes Buch vorstellte – so begeisternd, dass ich „Töchter“ direkt aus dem Berg der Buchvorräte hervorgezogen habe. „Der Zeit nicht mehr gewachsen“ weiterlesen

Gesellschaftsstudie

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in „Hillbilly-Elegie“ eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft. Außerdem ist es ein Buch, das mir eine Türe zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen aufgestoßen hat. Aber davon später. „Gesellschaftsstudie“ weiterlesen

Provokation als Geschäftsmodell

Buchblogger gegen Rechts

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 haben drei Kleinverlage, die rechtslastige und rechtsradikale Schriften publizieren, die gesamte Medienlandschaft genutzt, um mit mindestmöglichem Aufwand größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Und man muss sagen, sie waren und sind damit sehr erfolgreich. Leider.

Es ist eine Zwickmühle: Auf der einen Seite ist es richtig, sich darüber zu empören, dass auf der Buchmesse die geistigen Brandstifter der rechten Szene in Deutschland auftreten. Auf der anderen Seite steigert jeder Aufreger ihren Bekanntheitsgrad weiter. „Provokation als Geschäftsmodell“ weiterlesen

Buchblog-Award, Buchmesse und Adrenalinrausch

So. Jetzt muss ich das endlich mal aufschreiben, damit ich es schwarz auf weiß lesen kann: Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wurde der Kaffeehaussitzer mit dem Hauptpreis des 1. Buchblog-Awards ausgezeichnet.

Ich bin immer noch überwältigt. Da fängt man aus einer Laune heraus an, einen Literaturblog zu betreiben, erschafft sich mit Hilfe der sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets ein virtuelles Zuhause – und steht viereinhalb Jahre später auf einer Tribüne vor hunderten von applaudierenden Menschen, um einen Preis für den besten deutschsprachigen Buchblog entgegenzunehmen. Ich habe den Rest des Tages im Adrenalinrausch verbracht, bin spätabends zurück nach Köln gefahren und war am nächsten Morgen schon wieder wach, als es noch dunkel war. Den Tag habe ich mit einem langen Spaziergang am Rhein verbracht, bin später durch verschiedene Buchhandlungen gebummelt und anschließend in einem meiner Kölner Lieblingscafés gelandet. Klar, wo sonst? „Buchblog-Award, Buchmesse und Adrenalinrausch“ weiterlesen

Wir haben die Wahl. Jeden Tag

Wo anfangen? Vielleicht mit dem vorläufigen Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung: Bei der Bundestagswahl 2017 wurde mit der AfD eine Partei in unser Parlament gewählt, die offen rassistisches, antisemitisches und reaktionäres Gedankengut vertritt. Die für all das steht, was viele von uns für überwunden gehalten haben. Oder von dem sie zumindest gedacht haben, es sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weit gefehlt. Leider.

Aber woher kommt dieser Trend hin zum rechten Rand? Woher kommt diese Wut auf die etablierten Parteien und die Politik? Dieser Wunsch, „denen da oben“ mal so einen richtigen Denkzettel zu verpassen? Viel wurde darüber im Vorfeld der Wahl geredet und geschrieben, es ging um die Situation der Abgehängten, der Wendeverlierer, um immer weiter auseinanderklaffende gesellschaftliche Risse, arm und reich, Stadt und Land, Flüchtlingskrise, Unterschiede im kulturellen Denken und vieles mehr.

All diese Punkte, einzeln oder gemeinsam betrachtet, sind Symptome eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, der vor drei Jahrzehnten begonnen hat und der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vielmehr sind es nur die ersten politischen Ausläufer, die wir durch die Bundestagswahl mitbekommen haben. Dieser gesellschaftliche Wandel ist die Erosion des Mittelstands und er betrifft uns alle. „Wir haben die Wahl. Jeden Tag“ weiterlesen

Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut

Treibgut: Literaturblogs als Literaturvermittler?

Das Internet wirkt manchmal wie ein riesiger Fluss, der ununterbrochen vorüberströmt. Ein Fluss aus unzähligen Beiträgen, Artikeln, Tweets, Posts, Texten aller Art. Vielleicht habe ich dieses Bild deshalb vor Augen, weil ich gerade die Bayou-Trilogie „Im Süden“ gelesen habe; die ersten Krimis von Daniel Woodrell, angesiedelt in einem fiktiven Ort im Mündungsgebiet des Mississippi. Und dieser gewaltige Fluss ist in der Handlung der Romane ständig präsent, Landschaft und Menschen prägend.

Aber heute soll es nicht um ein bestimmtes Buch gehen, sondern um das Treibgut, das einem der virtuelle Strom Internet ab und zu vor die Füße spült. Denn in den letzten Wochen waren es drei Textstücke, die kurz hintereinander bei mir landeten und in ihren gegenteiligen Aussagen so schön zueinander passten, dass ich sie hier miteinander verknüpfen möchte. „Blogs als Literaturvermittler? Dreimal Treibgut“ weiterlesen

Ein virtuelles Zuhause

Der Kaffeehaussitzer ist vier Jahre alt geworden. Kurz hatte ich überlegt, dies gar nicht groß zu thematisieren, da der Blog inzwischen solch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens geworden ist. Aber gerade, dass dem so ist, erstaunt mich dann doch immer wieder aufs Neue. Als am 16. Juni 2013 der erste Beitrag online ging, hätte ich niemals geahnt, was für eine Bedeutung für mich das Bloggen einmal haben würde. Durch diese vier Jahre ist das Netz zu einer virtuellen Heimat und ist der Kaffeehaussitzer ein virtuelles Zuhause geworden. Und zwar eine Heimat, die ich mit vielen anderen literaturbegeisterten Menschen teile. „Ein virtuelles Zuhause“ weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. „Land in Trümmern“ weiterlesen

Suppen für Syrien

Suppen fuer Syrien

Gelegentlich müssen sich Buchblogger den Vorwurf anhören, sich vor den Marketingkarren der Verlage spannen zu lassen. Nun ja, Nörgler wird es immer geben, weshalb ich das Thema nicht vertiefen möchte. Zumal ich in folgendem Text ganz bewusst Werbung für ein Buch machen werde, nämlich für das Kochbuch „Suppen für Syrien“. Das viel, viel mehr ist als ein Kochbuch: Eine Hilfskampagne für Kinder und Jugendliche in dem verwüsteten Land mit seinen kriegsversehrten Menschen.

Dieses Hilfsprojekt ist von Barbara Abdeni Massaad ins Leben gerufen worden, einer in Beirut und Florida lebenden Photographin und Kochbuchautorin. Sie hatte damit begonnen, in einem nahe ihrer Beiruter Wohnung liegenden Flüchtlingslager für und mit den Menschen dort zu kochen. Suppen vor allem; nahrhaft, einfach und tröstend. Es geschah aus dem Wunsch heraus, zu helfen, den syrischen Flüchtlingen in dem provisorischen Lager zu zeigen, dass jemand an sie denkt. „Suppen für Syrien“ weiterlesen

Besuch bei Liebeskind

Besuch beim Liebeskind Verlag

Ganz exakt weiß ich nicht mehr, wann ich das erste Buch aus dem Liebeskind Verlag in die Hände bekommen habe. Aber sehr genau erinnere ich mich daran, sofort vollkommen begeistert gewesen zu sein. Es sind Bücher, wie sie sein sollen: Inhalt, Gestaltung, Papier, Geruch, Haptik – alles passt perfekt zusammen und machen jedes zu einem kleinen Gesamtkunstwerk. Und bis auf wenige Ausnahmen haben bisher fast alle meinen Lesegeschmack exakt getroffen. Deshalb wollte ich schon lange wissen, wer sich eigentlich hinter dem Verlagsnamen verbirgt. Als ich kürzlich beruflich einige Tage in München war, ergab sich ein Termin für einen Besuch. So stieg ich im dämmrigen Licht eines Märznachmittags die Holztreppe eines alten Hauses irgendwo in der Nähe des Marienplatzes hoch, hörte das Fischgrätparkett unter meinen Füßen knarren und stand schließlich vor der Türe des Liebeskind Verlags. Ich war gespannt. „Besuch bei Liebeskind“ weiterlesen

Neues aus den USA

Neue Bücher von T.C. Boyle, Paul Auster, Jonathan Safran Foer und Hanya Yanagihara

Ich war noch niemals in New York (Nachtrag, eineinhalb Jahre später: Stimmt nicht mehr). Und noch niemals in San Francisco. Oder in Chicago. Noch niemals in den USA, außer einmal vier Stunden lang auf dem Flughafen von Los Angeles beim Warten auf den Anschlussflug nach Neuseeland. Durch unzählige Bücher und Filme fühlen sich die USA trotzdem stets irgendwie vertraut an, keine Ahnung wie oft ich mit Roman- oder Filmhelden schon in New Yorker Cafés saß, schnurgerade Straßen in eine endlose Weite hinein gefahren bin oder die Golden Gate Bridge im Nebel auftauchen sah.

Die USA sind für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, trotz ihrer Doppelmoral, wegen der es unter 21-Jährigen zwar möglich ist, eine Waffe zu besitzen, nicht aber ein Bier zu kaufen. Oder trotz ihrer Prüderie, übertriebenen, weltfremden Political Correctness oder einer bornierten Religiösität, die das eigene Land in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, wie viel Elend die Außenpolitik Amerikas über die Welt gebracht hat. Aber Literatur aus den USA ist ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Kanons. Einer, den ich auf keinen Fall missen möchte, der mich mit geprägt hat, auch wenn ich noch nie in dem Land war, das in so vielen Geschichten in meinem Kopf vorkommt.

Die meisten von uns schauen gerade fassungslos über den Atlantik und sehen, wie eine jahrhundertealte Demokratie durch einen blondierten Egomanen und seine Helfershelfer demontiert oder zumindest schwer beschädigt wird. Jeden Tag prasseln neue Nachrichten von Ungeheuerlichkeiten auf uns ein. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass ein sehr großer Anteil der Amerikaner es gut findet, was da gerade geschieht. Was das Ganze noch schwerer verständlich macht.

Aber das hier soll keine Analyse des politischen Zustands des land of the free and the home of the brave werden, sondern dieser Beitrag möchte daran erinnern, dass nach wie vor auch Gutes aus den USA kommt – Gutes in Form von großartiger Literatur. „Neues aus den USA“ weiterlesen

Die Festival-Macherinnen

Interview mit Nathalie Widmer, einer der beiden Macherinnen von Zürich liest.
Die Macherinnen von ZÜRICH LIEST: Nathalie Widmer (links) und Violanta von Salis. Photographin: Ayse Yavas

Der Besuch des Lesefestivals »Zürich liest 2016« als einer von fünf offiziellen Blogger-Kooperationspartnern war für mich eines der Highlights des letzten Jahres. Meine Bloggerkolleginnen und ich haben drei intensive Tage voller Literatur erlebt und darüber auf unseren Blogs berichtet; vor Ort über unsere Twitter-, Facebook- und Instagram-Kanäle in Echtzeit das Lesefest ins Netz getragen. Einen ausführlichen Bericht über »Zürich liest« gab es hier bereits im vergangenen November. Heute geht es um einen Blick hinter die Kulissen dieses literarischen Ereignisses: Die Festival-Macherinnen Violanta von Salis und Nathalie Widmer, die das größte Lesefest der Schweiz konzipieren und organisieren, habe ich in Zürich kennengelernt. Und Nathalie Widmer hat mir ein paar Fragen beantwortet. „Die Festival-Macherinnen“ weiterlesen