Zwei Bücher, drei Jahrzehnte

Franz Kafka: Erzaehlungen

Ich konnte nicht widerstehen. Als ich in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens die Neuausgabe der Erzählungen von Franz Kafka sah, musste ich sie einfach haben. Ein leinengebundenes Buch – das findet man heute außerhalb der Programme der Büchergilde und des Manesse-Verlags nur noch selten. Und ich liebe Leineneinbände, deshalb konnte ich gar nicht anders. Nun habe ich den neu erworbenen Band neben dem alten Taschenbuch photographiert und beim Blick auf die beiden Bücher wird mir bewusst, dass über dreiunddreißig Jahre zwischen ihnen liegen. Das Taschenbuch ist die Ausgabe, von der ich hier im Blog schön öfters erzählt habe, vergilbt, zerkratzt und zerknickt begleitet es mich schon seit dem Herbst 1990; es ist mit all seinen Narben und Blessuren ein Teil meines Lebens. Mit ihm verbinde ich viele Monate der Lektüre und viele Stunden in Cafés und Kneipen, es begleitete mich durch die Zeit, als der Aufbruch ins Erwachsenenleben von einer großen Ungewissheit geprägt war.

In der Taschenbuchausgabe sind die Erzählungen chronologisch sortiert. Erst die Erzählungen, die von Kafka veröffentlicht wurden, beginnend mit dem Band »Betrachtung« aus dem Jahr 1913, endend mit »Ein Hungerkünstler« aus dem Jahr 1924. Danach eine Handvoll weitere, zerstreut veröffentlichte Erzählungen, die nicht in Bücher aufgenommen wurden. Und anschließend die vierunddreißig Erzählungen aus dem Nachlass, beginnend mit »Beschreibung eines Kampfes«, endend mit »Der Bau«. 

In der Neuausgabe sind keine Jahreszahlen angegeben, doch die Anordnung dürfte ebenfalls chronologisch sein; diesmal aber streng nach Entstehungsdatum sortiert, egal, ob die Erzählung zu Lebzeiten des Autors veröffentlicht wurde oder nicht. Beides hat seinen Reiz, die ursprüngliche Sortierung finde ich übersichtlicher, während die neue Reihenfolge einen zeitlich klar verlaufenden Einblick in Kafkas Schaffen gibt. Allerdings wird dadurch die vom Autor vorgegebene Zusammenstellung in seinen veröffentlichten Erzählbänden aufgebrochen. 

Doch von diesen Details abgesehen war der Erwerb des neuen Buches ein willkommener Anlass, wieder einmal einen Kaffeehaustag einzulegen, wieder einmal einen Tag lang lesend durch die Cafés der Stadt zu ziehen. Es kam dann allerdings ganz anders. Denn als ich im Café Sehnsucht saß – einem Kölner Lieblingsort – und das Buch aufschlug, vergaß ich alles um mich herum und blieb dort. Es ist schon eine Weile her, dass ich das letzte Mal Erzählungen von Franz Kafka gelesen habe, doch seine präzise Sprache, die gleichzeitig so vieles im Unklaren lässt, faszinierte mich einmal mehr. Und so streifte ich durch den Band, las den schauerlichen Text »In der Strafkolonie«, war wie schon so oft in den Bann geschlagen von dem berühmten ersten Satz »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt«, mit dem »Die Verwandlung« beginnt (dazu bald mehr), litt mit dem Mann vom Lande, der in »Vor dem Gesetz« so lange auf einen Einlass wartet, bis es zu spät ist, las die Erzählungen »Beim Bau der chinesischen Mauer«, die wiederum den Text »Eine kaiserliche Botschaft« beinhaltet, »Das Urteil«, symbolisch hochaufgeladen und unendlich oft interpretiert, »Auf der Galerie« und viele mehr. 

Franz Kafka: Erzaehlungen

Es vergingen einige Stunden im Café, aber zwei Erzählungen habe ich mir bis zum Schluss aufgespart. »Kinder auf der Landstraße« war der erste Text, den ich jemals von Franz Kafka gelesen habe, denn mit ihm beginnt die alte Taschenbuchausgabe. Diese Erzählung ist für mich wie eine Zeitkapsel, und während ich an diesem Tisch saß, vor mir die dritte Tasse Milchkaffe, bin ich plötzlich wieder einundzwanzig Jahre alt, es ist ein Herbstabend 1990, ich stehe lesend im Licht einer Straßenlaterne und habe das Gefühl, etwas ganz Besonderes entdeckt zu haben.

Doch der eigentliche Zeitreise-Moment kam erst noch. Denn Franz Kafkas Erzählung »Die Fürsprecher« hat seinerzeit prägende Spuren in meinem Leben hinterlassen. In einem der ersten Blogbeiträge habe ich über den Moment berichtet, als ich die Geschichte las – und über das Gefühl, als sei gerade ein Vorhang weggezogen worden, der die Gedanken blockiert hatte. Damals, im Frühjahr 1991, haben Kafkas Sätze mir geholfen, meinen eigenen Weg zu finden: »Solange du nicht zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter deinen steigenden Füßen wachsen sie aufwärts.« Kein Stehenbleiben, denn Veränderung heißt Leben, Stillstand oder Rückwärtsgewandtheit bedeuten das Ende: »Hast du also einen Weg begonnen, setze ihn fort, unter allen Umständen, du kannst nur gewinnen, du läufst keine Gefahr, vielleicht wirst du am Ende abstürzen, hättest du aber schon nach den ersten Schritten dich zurückgewendet und wärest die Treppe hinuntergelaufen, wärst du gleich am Anfang abgestürzt und nicht vielleicht sondern ganz gewiß.«

Es ist nur ein kurzer Ausschnitt aus der Erzählung, die im Gesamtbild geprägt ist von Unruhe und Verlorenheit, wie so oft bei Kafka. Doch mir vermittelte sie – vielleicht gerade deshalb – eine Aufbruchsstimmung, eine Gewissheit, dass es immer irgendwie weitergehen würde, solange ich nur offen bliebe für Neues. Und dieses Gefühl hat mir damals über eine schwierige Zeit hinweggeholfen, hat mich die Ungewissheit des Lebens annehmen lassen. Und hat so manche Entscheidungen beeinflusst, die mich bis ins Hier und Heute getragen haben. Daran musste ich denken, als ich jetzt im Café saß, den Text vor mir, dreiunddreißig Jahre später. Ein anderes Buch, aber dieselben Worte – es war für mich ein Gänsehaut-Moment. Und egal wohin mich die Stufen noch führen werden, dieser Text wird mich dabei begleiten. 

Der Kaffeehaustag endete mit einem langen Spaziergang. Zu Hause angekommen zog ich das alte Taschenbuch aus dem Regal und las »Die Fürsprecher« noch ein weiteres Mal. Denn so schön die Leinenausgabe auch sein mag, das zerschrammte, zerknickte, angegilbte Taschenbuch wird immer ein Teil von mir bleiben. Es ist papiergewordene Erinnerung, wertvoll und unersetzlich.

#KaffeehaussitzersKafkaJahr

Buchinformationen
Franz Kafka, Die Erzählungen 
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397595-6

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7 Antworten auf „Zwei Bücher, drei Jahrzehnte“

  1. Uwe, ich bewundere immer wieder deine Fähigkeit, Buchvorstellungen mit deinem persönlichen Erleben und deiner Biografie zusammenzubringen. Das liest sich super anregend. Auch wenn ich mich persönlich eher schwer mit Kafka tue. Ausnahme: Der plötzliche Spaziergang.

  2. Ich war auch da, letzte Woche in zufälliger Sehnsucht (Schweiz-Schottland) Ein wunderbarer Ort. Im kleinen Buchladen Ende Domstrasse habe ich den neuen Stanisic gekauft und meinen CH-Lieblingsautor empfohlen (Markus Werner) Schön wars.

    1. An dieser Buchhandlung komme ich mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit oft vorbei, aber ich habe sie tatsächlich noch nie besucht – das sollte sich mal ändern.

  3. Lieber Uwe,
    vielen Dank für die wunderbare Beschreibung eines Lesetages, wie man ihn sich beglückender nicht vorstellen kann.
    Ich hatte Franz Kafka in meinem Leserinnenleben lange Zeit aus den Augen verloren. Nach einer wahrscheinlich viel zu frühen Schulerfahrung durch eine ambitionierte Deutschlehrerin habe ich erst als junge Studentin wieder etwas von Franz Kafka gelesen und war durchaus beeindruckt. Dann hat es eine sehr lange Kafka-Pause gegeben und erst jetzt im Kafka-Jahr begegnet er mir ständig wieder.
    Diese schöne, von dir empfohlene Ausgabe könnte auch in meine engere Wahl kommen. Ich liebäugle jedoch auch noch mit der ebenfalls in Leinen gebundenen und illustrierten Ausgabe der „Verwandlung“ aus der Büchergilde.
    Ich ahne aber schon, dass es wahrscheinlich sowohl die eine als auch die andere Ausgabe wird.
    Vielen Dank für deine Anregungen und dass du uns Leserinnen immer wieder an deinen Leseerfahrungen teilhaben lässt.

    1. Liebe Petra,
      ich danke Dir für Deinen Kommentar. Und die Büchergilde-Ausgabe von »Die Verwandlung« kann ich wärmstens empfehlen, sie ist etwas ganz besonderes. Bald mehr dazu …

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