Die Toten reisen schnell

Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

An dieser Stelle sollte ein prägnanter erster Satz stehen. Einer, der es schafft, sofort neugierig auf ein Buch zu machen, das mich begeistert, fasziniert und so gepackt hat, wie es nicht oft vorkommt. Das ich rasend schnell gelesen habe, weil ich nicht anders konnte, die Sogwirkung war unbeschreiblich. Um es nur widerstrebend aus der Hand zu legen, da auch die längsten Leseabende irgendwann beendet werden mussten. Ein Buch, das mir ein paar Nächte lang unruhige und seltsame Träume beschert hat, nachdem die letzte Seite umgeblättert war. Das sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben hat. Das jetzt beim Schreiben schweigend neben mir liegt und mich wieder hineinzieht in eine der ungewöhnlichsten, aber auch verstörendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Die Rede ist von dem großartigen, düsteren Roman »Unser Teil der Nacht« der argentinischen Autorin Mariana Enriquez. Das alles in einem einzigen prägnanten ersten Satz unterbringen? Es ging nicht.

Gleich vorab: Ich habe ein Faible für düstere Geschichten, aber so tief hinab in die Dunkelheit hat mich Literatur noch nie geschickt. Als Leser verlässt man die Welt, die wir kennen, und taucht ein in eine Handlung voll finsterer Phantastik, die so real geschildert ist, als sei man tatsächlich dabei gewesen – was ich niemandem wünschen würde. Denn Mariana Enriquez hat die Form eines Horrorromans gewählt, um damit große Literatur zu schaffen. Dabei enthält diese äußere stilistische Hülle zahllose Querverweise auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen; dazu so viele brillant miteinander verwebte Nebenhandlungsstränge, dass es schier unmöglich ist, in einer Buchbesprechung diesem Werk nur annähernd gerecht zu werden. 

Zentraler Ort der Handlung ist Argentinien in den Jahren von 1981 bis 1997. Und auch wenn die Zeit der Militärdiktatur mit all ihren Schrecken und den unzähligen Verschwundenen im Jahr 1983 offiziell endete, ist sie eines der prägendsten Elemente. So wie auch Argentinien bis heute unter den Nachwirkungen dieser Zeit und ihrer unmenschlichen Verbrechen leidet, die niemals aufgearbeitet wurden. Bei einer Lesung in Leipzig, bei der ich die Autorin live erleben konnte, erzählte sie, dass es sich für sie vollkommen konsequent angefühlt habe, die Traumata der argentinischen Gesellschaft in Form eines Horrorromans darzustellen. Und so ist die Erzählung gespickt mit Hinweisen auf Folterkeller, Geheimgefängnisse, Entführte und Ermordete, auf die unselige Verquickung zwischen Wirtschaft und Militär, auf Ausbeutung und Zwangsarbeit.

Juan Peterson und die Dunkelheit

Juan ist eine der drei Hauptpersonen des Romans; ihm ist der erste Teil des Buches gewidmet. Wir treffen ihn, als er mit seinem kleinen Sohn Gaspar fluchtartig Buenos Aires verlässt. Und merken schnell, dass er eine besondere Gabe hat: Denn Juan kann die Dunkelheit heraufbeschwören; eine formlose Schwärze, die alles verschlingt, was ihr zu nahekommt, Finger, Arme, Menschen. Seit seiner Kindheit ist Juan, Sohn armer schwedischer Einwanderer, schwer herzkrank. Als der begnadete Arzt Dr. Jorge Bradford ihn behandelte, entdeckte er die Gabe Juans. Und konnte sein Glück kaum fassen: Denn gleichzeitig ist Bradford, der aus einer reichen argentinisch-englischen Familie stammt, ein ranghohes Mitglied des »Ordens«, einem Geheimbund, der stets auf der Suche ist nach Menschen, die jene Dunkelheit heraufbeschwören können. Die Mitglieder des Ordens versprechen sich davon Macht, Erkenntnis und die Unsterblichkeit – durch die Möglichkeit, das eigene Bewusstsein auf einen anderen Menschen zu übertragen, dessen Persönlichkeit dadurch ausgelöscht würde. Immer wieder hatte der Orden Menschen, meist noch Kinder, gefunden, und deren Begabung als Medium gnadenlos ausgenutzt; bis zur völligen Erschöpfung, bis zu einem frühen Tod. 

Juan ist anders. Niemals zuvor gab es ein Medium mit seinen Fähigkeiten. Niemals zuvor erreichte ein Medium das Erwachsenenalter, wurde Vater. Er kann mit Toten Kontakt aufnehmen, erkennt die Orte, an denen Menschen gestorben sind, kann Dämonen beschwören, wird von keinem Schloss, keiner Türe gehindert, einen Raum zu betreten und hat die Möglichkeit, den Anderen Ort zu besuchen, die Heimstatt der Dunkelheit, gegen die der Hades wie ein Vergnügungspark wirkt. Permanent steht Juan unter Beobachtung des Ordens; doch jetzt kommt alles darauf an, dass ihm die Flucht gelingt. Denn seinem Sohn, der wahrscheinlich viele seiner Fähigkeiten geerbt hat, möchte er ein Schicksal als Medium ersparen. Und er versucht verzweifelt, Kontakt mit seiner Frau Rosario aufnehmen, die vor einigen Monaten bei einem Verkehrsunfall starb und die in einem Teil des Totenreichs verschwunden ist, wo er sie nicht finden kann.

Der Orden und die Matriarchin

In England gegründet, besteht der Orden seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Schattenkult, gleichzeitig ein »internationaler Zirkel aus Geld, Privilegien und Beziehungen.« Als die Familie Bradford um die Jahrhundertwende nach Argentinien auswanderte, war sie genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit Hilfe von Kontakten zu den Mächtigen des Landes, mit Bestechungen, Gewalt und durch den Einsatz der Macht der Dunkelheit gelang es ihr in kürzester Zeit, ein gewaltiges Imperium aus Plantagen, Haziendas, Farmen und Anwesen in zahlreichen Städten zusammenzuraffen. In der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist Mercedes Bradford, die Mutter des Arztes, die unangefochtene Matriarchin der Familie, misstrauisch, kalt, gewissenlos und grausam. Und immer auf der Suche nach dem nächsten Medium. Aber erfolglos, niemand ist wie Juan. Der, als er ihre Tochter Rosario heiratete, zu ihrem Schwiegersohn wurde – den sie jederzeit opfern würde für das Erlangen der ersehnten Unsterblichkeit; ebenso wie ihren Enkel Gaspar. 

Gaspar und das Erbe der Diktatur

Wie es mit Juan und Gaspar weitergeht, kann ich natürlich unmöglich verraten. Im zweiten großen Teil des Buches steht Gaspar jedenfalls im Mittelpunkt der Handlung. Ein Teenager mit einem seltsamen Vater in einem Haus voller Geheimnisse. Ein Vater, der stets gedanklich abwesend ist und zu Gewaltausbrüchen neigt. Verschüttete Erinnerungen, schmerzhafte Erfahrungen, die am Rand seines Gedächtnisses auftauchen, unbestimmt, vage. Es ist ein Leben in einer Stadt, in der über manche Dinge nicht gesprochen wird, nicht über Geheimgefängnisse mitten in Wohngebieten, nicht über verschwundene Nachbarn, nicht über eine düster-lähmende Stimmung, die über der ganzen Stadt, dem ganzen Land liegt. Dann geraten Dinge in Bewegung, und das Leben von Gaspar und seinen Freunden ändert sich, brutal und unwiderruflich.

Rosario, die tote Mutter

Als das Buch beginnt, ist Rosario Reyes Bradford, Gaspars Mutter bereits tot. Doch in einem weiteren der langen Hauptkapitel lernen wir sie in einem Rückblick kennen. Und sie kommt selbst zu Wort, denn die Perspektive wechselt zu einer Ich-Erzählerin. Es vervollständigen sich die Informationen über den Orden, es komplettieren sich die Bilder unmenschlicher Praktiken, wir erfahren mehr über die unsägliche Verquickung von Reichtum und politischer Macht – denn unter dem Schutzschild der Militärdiktatur konnte der argentinische Ableger des Ordens nach Gutdünken schalten und walten. »Die Verbrechen der Diktatur waren äußerst nützlich für den Orden, sie sorgten für Körper, für Alibis und für Ströme von Schmerz und Angst; Empfindungen, die Manipulation vereinfachten.«

Rosario wird vieles erst nach und nach klar, als junge Frau lebt sie eine Weile in London. Sie kennt Juan schon von klein auf, der nach der Herzoperation in ihrem Elternhaus einquartiert wurde – um dieses wertvolle Medium nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Als die beiden heiraten, als Gaspar geboren wird, als die Macht des Ordens unerbittlich über ihre kleine Familie wacht, beginnen Entwicklungen, die mehr und mehr Fahrt aufnehmen und irgendwann nicht mehr zu stoppen sein werden. 

Das bisher Geschriebene mag den Eindruck einer Nacherzählung wecken. Aber das täuscht: Mit all dem kratze ich nur an der Oberfläche des Buches mit seiner düsteren Anziehungskraft; Dutzende von Personen und der größte Teil der komplexen Handlung bleiben unerwähnt. Auf den letzten knapp 200 Seiten wachsen die drei Haupteile, unterbrochen von kurzen Zwischenkapiteln, die wiederum die Handlung vorantreiben, zusammen; es entsteht ein einziger, wilder, alles mit sich reißender Strudel tief hinein in Schatten, Dunkelheit und Schwärze. Mariana Enriquez schreibt mit einer erzählerischen Wucht, die ihresgleichen sucht. Und der man nicht allzu oft in einem Leserleben begegnet. Zu verdanken habe ich dieses Lektüreerlebnis der grandiosen Übersetzungsleistung von Silke Kleemann und Inka Marter.

»Die Toten reisen schnell«

Die Essenz dieses Buches? Zum einen die Allgegenwärtigkeit des Todes, die Präsenz von Menschen, die zwar nicht mehr leben, aber auch nicht verschwunden sind. »Die Toten reisen schnell« – so lautet ein Satz aus einem Gedicht der Schwarzen Romantik, der sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht. Doch zwischen all der Schwärze und Grausamkeit geht es vor allem um die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Eine unbedingte Liebe, für die er alles zu opfern bereit ist – nicht nur sein Leben, sondern auch das Bild, das sein Sohn von ihm hat. Denn Gaspar fürchtet seinen unheimlichen Vater, fürchtet seine grimmige Abwesenheit, auch wenn sie im selben Raum sind. Fürchtet die überraschende Gewalt, die von ihm ausgehen kann. Fürchtet den Schmerz, den er ihm zufügt. Denn er weiß noch nicht, dass dies alles geschieht, um ihm das Schicksal Juans zu ersparen, der der Dunkelheit verfallen ist. 

In einer der schönsten Szenen des Buches offenbart Juan seinem Sohn, dass auch er über Gaben verfügt, die nur sehr wenige Menschen haben – in der Hoffnung, dass Gaspar es vielleicht schaffen mag, einen Weg abseits des Ordens und der alles zerstörenden Dunkelheit zu finden. Als Vater ist er bereit, alles dafür zu tun. Wirklich alles. 

»Du hast etwas von mir, ich habe dir etwas von mir hinterlassen, hoffentlich ist es nichts Schlechtes, ich weiß nicht, ob ich dir etwas hinterlassen kann, das nicht beschmutzt ist, nicht dunkel, unser Teil der Nacht.«

Eine wunderbare Textstelle und ein perfekter Titel für dieses Buch: Nuestra parte de noche.

Buchinformation
Mariana Enriquez, Unser Teil der Nacht
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Inka Marter
Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50161-2

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12 Antworten auf „Die Toten reisen schnell“

  1. Lieber Uwe,
    vielen Dank für den Tipp und die wirklich Lust machende Vorstellung des Buches. (Wie schaffst du das immer wieder bei Büchern, die mich sonst kaum interessieren würden?)
    Ich habe mit der Lektüre begonnen und fand das Buch zunächst etwas zäh, hatte keinen richtigen Zugang zu den Protagonisten. Aber Uwe wird schon recht haben, dachte ich mir. Nach einem Viertel lief der Stoff für mich deutlich flüssiger, man versteht alles etwas besser und die Personen kommen“näher“. Nun bin ich bei der Hälfte und das ganze gefällt mir! Bin sehr gespannt, wie es weitergeht :)

    1. Liebe Katrin,
      vielen für das schöne Kompliment. Nun ist dies ein Buch, bei dem ich mir vorstellen kann, dass so manche Leserinnnen und Leser ihre Schwierigkeiten damit haben könnten – die Handlung ist ja schon recht außergewöhnlich. Ich war sehr begeistert davon, daher freut es mich, dass Du Dich hineingelesen hast. Bin gespannt auf Deine endgültige Meinung.
      Herzliche Grüße
      Uwe

      1. Hallo Uwe,
        leider wurde meine Antwort irgendwie abgeschnitten…
        Also, ich gebe dir Recht, das Buch ist sicher nicht für jeden geeignet und ohne deine Empfehlung hätte ich es mir kaum vorgenommen. Andererseits finde ich, man kann nur davon profitieren sich auch mal aus der Gewohnheitsschublade rauszuwagen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir ein Horrorroman solchen Spaß machen würde. Ich bin völlig im Stoff versunken, fand das Ende wirklich spannend und wurde absolut nicht enttäuscht!

  2. Was für eine Rezension. Wie kann man jetzt nicht in das Buch hineinschauen. Krass … Danke für diese glühende Empfehlung. Hat mich in vielerlei Hinsicht an „Über Helden und Gräber“ von Ernesto Sábato erinnert. Nicht vom Plot, aber von der Stimmung, vom Setting her. Ein Buch, das ich auch nicht aus der Hand legen konnte.

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