Die Suche nach dem Hart-Crane-Gedicht

Hart Crane: The Bridge - Die Bruecke

Dieser Blog und das Schreiben über Literatur sind wichtige, geradezu unverzichtbare Bestandteile meines Lebens geworden. Damit meine ich nicht nur das Bloggen an sich, sondern vor allem auch die Vernetzung mit anderen Menschen und die unzähligen Kontakte zu Buchbegeisterten, die sonst nie entstanden wären. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass dadurch die Online- und die Offline-Welt so zusammengewachsen sind, dass sie nicht mehr voneinander getrennt werden können, dann liegt er nun vor mir. In Form – natürlich – eines Buches. Eines Buches, das ich lange gesucht habe: Die zweisprachige Ausgabe des epischen Gedichts »Die Brücke/The Bridge« von Hart Crane, in der Übersetzung von Ute Eisinger.

Aufmerksam auf das Gedicht wurde ich durch die Lektüre des Romans »Der Distelfink« von Donna Tartt; es war eines der eindrucksvollsten und intensivsten Leseerlebnisse der letzten Jahre. Theo Decker, die Hauptperson der Geschichte, wächst in New York auf. Hoch traumatisiert durch die Geschehnisse der Romanhandlung bleiben die Streifzüge durch die endlosen Straßen die Konstante in seinem wurzellos gewordenen Leben – bis er als Jugendlicher gegen seinen Willen New York verlassen muss, um bei seinem Vater zu leben, der ein unstetes Spielerleben in Las Vegas führt. Dort, in einem gesichtslosen Wohngebiet am Stadtrand, schon fast in der Wüste, verzehrt sich Theo vor Sehnsucht nach seiner geliebten Stadt am Hudson. Und an einer Stelle – auf Seite 423 – heißt es: »Ich … versuchte, mir so gut ich konnte, das Hart-Crane-Gedicht ins Gedächtnis zu rufen, wobei nicht viel herauskam, obwohl selbst in einzelnen Wörtern wie Möwe, Verkehr, Lärm und Morgen etwas mitschwang von seinen weiten Flügen und Bögen von hoch oben bis tief unten, bis ich kurz vor dem Einschlafen von einer sinnlich konkreten Erinnerung an den schmalen, windigen und nach Abgasen stinkenden Park in der der Nähe unserer alten Wohnung am East River überwältigt wurde, wo der Verkehrslärm körperlos über einen hinwegrauschte, während der Fluss sich in reißenden, verwirrenden Strömungen kräuselte, dass es manchmal aussah, als würde er in zwei verschiedene Richtungen fließen.«

Das Hart-Crane-Gedicht also. Meine Neugier war geweckt. Ich mag es, wenn sich durch kurze, wie nebenbei erwähnte Verweise in einer Romanhandlung die Türen in ganz andere Richtungen öffnen. Hart Crane war mir – wie ich gestehen muss – bislang nicht bekannt gewesen. Dabei ist dieser jung gestorbene amerikanische Dichter, der sich 1932 knapp dreiunddreißigjährig das Leben nahm, indem er von einem Ozeandampfer in den Golf von Mexiko sprang, ein wichtiger Name der US-amerikanischen Literaturgeschichte. Sein Gedicht »The Bridge« – um das es in »Der Distelfink« geht – handelt vordergründig von der New Yorker Brooklyn Bridge und ist laut Wikipedia »ein Schlüsseltext der amerikanischen Moderne, in dem Mythen und Werbeslogans, Technik und Großstadterfahrung, Blues- und Gospelgesänge eingearbeitet sind. Crane schuf damit sowohl eine Sprach- und Gesellschaftsanalyse als auch ein Klangbild von bizarrer Schönheit.« Eine Photographie von Andreas Feininger wiederum, auf der die Brooklyn Bridge im Nebel zu sehen ist, und die ich einst in einer Postergalerie im Schaufenster sah, war vor über drei Jahrzehnten ein Auslöser meiner New-York-Sehnsucht. Für mich ist sie eines der schönsten Bauwerke der Welt.

Kreise schließen sich, und natürlich sollte dieses Gedicht unbedingt in gedruckter Form in mein Bücherregal einziehen. Eine Recherche führte mich zu der zweisprachigen Ausgabe, die 2004 im Verlag Jung und Jung erschienen war und in der »The Bridge« erstmals ins Deutsche übersetzt worden war. Ein aufgrund der Komplexität des Textes nicht einfaches Unterfangen, die damals erschienene Rezension des Bandes auf literaturkritik.de würdigt dieses mit einem ausführlichen Nachwort ausgestattete editorische Projekt ausführlich. Auch die Rezensionsnotizen, die auf der Seite Perlentaucher zu lesen sind, klingen vielversprechend. Und für mich war klar: Dieses Buch muss es sein. Allerdings ist es schon lange vergriffen und nicht mehr lieferbar. So begann meine Suche danach. 

Über ein Jahr lang durchforstete ich regelmäßig sämtliche Plattformen, auf denen mit antiquarischen Büchern gehandelt wird, nach »Die Brücke/The Bridge« aus dem Verlag Jung und Jung, erschienen 2004 und – wie es schien – komplett vom Erdboden verschwunden. Es war, als hätte es nie existiert. Egal ob ZVAB, Booklooker, abebooks, ebay, medimops oder sogar Amazon Marketplace: Nichts. Alleine die Tatsache, dass ich auf der Plattform des Gemischtwarenhändlers aus Seattle suchte, zeigt, wie ernst mir die Sache war; die regelmäßigen Leser dieses Blogs kennen meine Meinung zu Amazon. Und ja, ich weiß, dass auch abebooks und ZVAB mit Amazon verbandelt sind. Ich klapperte Antiquariate ab. Nichts. Ich schrieb an den Verlag, in der Hoffnung, dass es noch das ein oder andere Restexemplar geben könnte. Nichts. Wieder ZVAB, Booklooker, abebooks, ebay, medimops und Amazon Marketplace. Nichts. Ich fragte über Twitter nach dem Buch, schrieb auf Facebook, dass ich es suchen würde. Klickte mich wieder durch sämtliche Plattformen. Nichts. Nichts. Nichts. Es war kaum zu glauben, denn eigentlich findet man immer irgendein Exemplar eines vergriffenen Buches und sei es auch nur mit eingerissenem Schutzumschlag und »in akzeptablem Zustand.« Diesmal aber nicht. Wie konnte das sein? Irgendwie faszinierend. 

Ein Überraschungspäckchen

Um es kurz zu machen: Das Buch steht nun in meinem Bücherregal. Denn ich erhielt ein Päckchen von Torsten Woywod, dem Marketingleiter des DuMont-Buchverlags. Torsten und ich kennen uns durch das Bloggen, durch den Austausch über Literatur. Wie kaum ein anderer schafft er es, Bücher in den Sozialen Medien sichtbar zu machen, Gleichgesinnte zueinander zu bringen und andere Menschen mit seiner Buchbegeisterung anzustecken. Viele erinnern sich sicherlich noch an seine Tour quer durch Europa, in der er wochenlang eine Buchhandlung nach der anderen besuchte – und uns wunderschöne Bilder bescherte, die anschließend in einem Photoband in gedruckter Form erschienen sind. Kurz darauf kündigte er seinen damaligen Job und dehnte die Buchhandlungsbesuche auf die ganze Welt aus – auch hieraus entstand ein Photoband. Manchmal – viel zu selten – treffen wir uns in Köln auf ein Feierabendgetränk. Torsten hatte wohl auf Facebook von meiner Suche nach dem Buch gelesen. Es tatsächlich in einem Antiquariat gefunden. Und es mir zugeschickt. Auf der Karte dabei stand, dass ihm in den letzten Jahren Antiquariate ebenso ans Herz gewachsen seien wie Buchhandlungen, da sie immer unverhoffte Entdeckungen ermöglichen würden. Seine jüngste Entdeckung sei anbei und sie würde sicherlich auch mich überraschen. Und auch wenn es angesichts der Textmenge dieses Beitrags nicht so aussehen mag, bin ich immer noch sprachlos.

Und dankbar. Dankbar für das Buch, aber vor allem für diese wunderbar aufmerksame Geste. Eine Geste unter Buchliebhabern, die mir zeigt, wie sehr die Beschäftigung mit Literatur verbindet. Und wie sehr das virtuelle Leben ein Teil des realen Lebens geworden ist. Untrennbar gehören sie zusammen. 

Aber wenn wir uns im realen Leben wieder einmal treffen, lieber Torsten, dann geht die Runde auf mich. 

Dankeschön!

Brooklyn Bridge

Buchinformation
Hart Crane, Die Brücke/The Bridge
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem amerikanischen Englisch und kommentiert von Ute Eisinger
Nachwort von Klaus Reichert
Jung und Jung Verlag
ISBN 3-902144-71-8
Leider vergriffen

2 Antworten auf „Die Suche nach dem Hart-Crane-Gedicht“

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