Das Leuchten der Schönheit

Donna Tartt: Der Distelfink

Nur widerstrebend habe ich den Roman »Der Distelfink« von Donna Tartt wieder zurück ins Regal gestellt. Denn das fühlte sich an wie ein Abschied; schweren Herzens musste ich Theodore Decker ziehen lassen, nachdem ich ihn 1022 Seiten lang auf der Reise durch sein Leben begleiten durfte. Es war ein Sonntagabend, an dem ich das Buch zu Ende gelesen habe; der Abend eines grauen Dezembertages. Einer dieser Tage, an denen es kurz nach Mittag wieder dunkel wird. Was wiederum perfekt zum Beginn des Buches passte: ein Hotelzimmer in Amsterdam kurz vor Weihnachten, alles ist grau, kalt und nass. Und die Autorin schafft es, mit nur wenigen Sätzen eine unfassbar trostlose Stimmung zu beschreiben, die uns Leser hineinkatapultiert in eine Geschichte voll dunkler Tiefen, überraschender Wendungen und einem hoffnungsvollen Leuchten, das stets zwischen den Zeilen zu erahnen ist.

»Nachmittags spielte eine Amateurkapelle Weihnachtslieder, die blechern und zerbrechlich in der Winterluft schwebten. … Draußen klopfte Graupel an die Fensterscheiben und rieselte auf die Gracht herab.«

Fiebernd liegt der Ich-Erzähler Theo Decker in diesem Amsterdamer Hotelzimmer, umgeben von überquellenden Aschenbechern und verschwitztem Bettzeug. Und träumt zum ersten Mal seit langer Zeit von seiner Mutter. Seiner verstorbenen Mutter, wie wir zugleich erfahren: »Ihr Tod also der Grenzstein. Vorher und Nachher.« Dieses Nachher sind vierzehn Jahre. Vierzehn Jahre, die ihn in wilden und oftmals schmerzhaften Schleifen an diesen Ort und in dieses Hotelzimmer geführt haben. Was war geschehen? Das erfahren wir Leser auf den folgenden neunhundert Seiten, bevor wir das triste Hotelzimmer erneut betreten werden. In den vielen Lesestunden bin ich einer fiktiven Person so nahegekommen, wie es nur selten geschieht.  

New York. Theo ist dreizehn Jahre alt, als das Davor endet und das Danach beginnt. Ungeplant besucht er mit seiner Mutter – der alkoholkranke Vater war aus dem Leben der beiden verschwunden – eine Ausstellung alter holländischer Meister im Metropolitan Museum of Art. Bewundernd zeigt ihm seine Mutter das Bild »Der Distelfink«, gemalt von Carel Fabritius im Jahr 1654, dessen Leuchten und Faszination die Jahrhunderte überdauert haben. Dann der Blitz, der Knall, die Wucht der Detonation, einstürzende Mauern, Rauch und Schutt. Als Leser bin ich direkt neben ihm, taste mich mit ihm durch den Qualm, meine selbst das Pfeifen im Ohr zu hören, bin bei ihm, als er nach Hause taumelt, warte mit ihm fast die ganze Nacht in der stillen Wohnung auf die Heimkehr seiner Mutter. Und all die Jahre danach. 

Ich erlebe mit, wie Theo die Leere kennenlernt, Hilfe dort findet, wo er nicht damit gerechnet hat, wie er irgendwie versucht weiterzumachen, weiterzuleben in diesem Danach, ein Dreizehnjähriger, der sich vorantastet auf einer brüchigen, dünnen Schicht einer fragwürdigen Normalität – die es für ihn nie wieder geben kann. Mit Theo streife ich durch Greenwich Village, kurz hinter dem Washington Square, auf der Suche nach einer ganz bestimmten Adresse, die seinem Leben eine weitere Wendung geben wird. Bemerke, wie die Jahre vergehen, aber die Wunden bleiben, bin dabei, als er sich verliebt, als er verzweifelt, immer wieder; schaue hilflos zu, wie er droht, im Drogensumpf zu versinken, irgendwo am Rand der Wüste. Bange mit ihm auf einer langen Busfahrt quer durch die USA, auf der Suche nach einem Zuhause. Wage aufzuatmen, als sich endlich alles zum Guten zu wenden scheint, doch merke schnell, dass sie unter dieser Oberfläche immer noch da ist, die allesverschlingende Leere. Nicht nur einmal steht er am Abgrund, weiß, dass er nur ein paar Tabletten seiner Drogen zu viel nehmen muss, um Erlösung zu finden. 

Aber es widerfährt im auch Schönes und Gutes. Da ist Hobie, sein väterlicher Freund, genialer Möbelrestaurator, der in ihm den Sinn für die Ästhetik alter Gegenstände weckt, dessen Wohnung und Werkstatt ineinander übergehen, eine Oase stehengebliebener Zeit mitten im hektischen New York. Und von dem er lernt, dass Restaurierung und Kunstfälschung nur einen Hauch voneinander entfernt sein können. 

Da ist sein Freund Boris, ein kaputter Typ, genauso alleine wie Theo. Eine chaotische, intensive Freundschaft voller Überraschungen. Überraschungen, deren Auswirkungen auf sein eigenes Leben Theo erst Jahre später klar werden. Und die ihn dann umso folgenreicher einholen. 

Und da ist Pippa, das Mädchen mit den roten Haaren, mit der er im Museum Augenkontakt sucht, kurz bevor das Davor zum Danach wird. Sie wird eine von zwei Konstanten in seinem Leben, denn er kann sie niemals vergessen. Wie schicksalhaft diese kurze Begegnung sein sollte, wie sehr sie sein ganzes Leben prägt – auch das kann er in diesem letzten Moment des Davor nicht erahnen. 

Die andere Konstante ist das Bild. »Der Distelfink«, das Meisterwerk jenes Carel Fabritius, dessen Werkstatt bei der Explosion einer Pulvermühle im Jahr 1654 zerstört wurde, bei der er selbst ums Leben kam. »Der Distelfink« überstand diese Explosion, wie auch die andere, Jahrhunderte später in New York. Von der Detonation aus dem Rahmen gedrückt, nimmt Theo das unschätzbar wertvolle Bild an sich, als er verwirrt, halb taub und vollkommen desorientiert seinen Weg aus den Trümmern sucht. Seitdem begleitet ihn dieses Gemälde, immer gut versteckt, geheim gehalten vor der Welt. Es gibt im Kraft, erinnert ihn an seine Mutter, an die Zeit davor. Das Bild ist das Licht in seinem Leben, das Leuchten einer zeitlosen Schönheit, die jede Verzweiflung überdauert – und ist gleichzeitig der Quell seines permanenten Ungemachs, seiner Sorgen, seiner Angst vor dem Entdecktwerden. Denn »Der Distelfink« steht weit oben auf der Fahndungsliste verschwundener Kunstwerke, nach denen weltweit gesucht wird. Dieses ambivalente Gefühlskarussell erzeugt eine permanente Spannung, die sich durch den gesamten Roman zieht.

»Eine zu große Liebe zu Objekten kann dich zerstören. Aber – wenn dir ein Ding wirklich am Herzen liegt, bekommt es ein ganz eigenes Leben, nicht wahr? Und ist das nicht der ganze Sinn der Dinge – der schönen Dinge, dass sie dich mit einer größeren Schönheit verbinden?«

Das Gemälde dieses angeketteten kleinen Vogels, dieses Distelfinks, ist der rote Faden, der alle Facetten von Theos Leben miteinander verbindet, sämtliche Stränge dieser Erzählung grandios miteinander verknüpft. Ein Bild, das Donna Tartt schon fast magisch zu beschreiben weiß: »Was sagt das Gemälde über Fabritius selbst? Nichts über seine religiöse oder romantische oder familiäre Neigung, nichts über bürgerliche Achtung, beruflichen Ehrgeiz, Respekt vor Reichtum und Macht. Da ist nur ein winziger Herzschlag, die Einsamkeit, die helle, sonnenbeschienene Wand und ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Zeit, die sich nicht bewegt, Zeit, die nicht Zeit genannt werden sollte. Und eingesperrt im Herzen des Lichts – der kleine Gefangene, reglos. … Bei diesem kleinen Porträt ist es nicht schwer, das Menschliche in dem Finken zu sehen. Würdevoll, verwundbar. Ein Gefangener, der einen anderen anschaut.«

Zum Schluss noch ein letzter Aspekt des Buches, der mich sehr begeistert hat: »Der Distelfink« ist ein New-York-Roman par excellence. Ein Großteil der Handlung spielt in Manhattan, auf den Straßen und Plätzen, in Upper-East-Side-Wohnungen und in einfachen Quartieren, in Restaurants, Galerien, im Central Park, in Downtown und Tribeca, im Greenwich Village – das Buch atmet regelrecht New Yorker Luft und mehr als einmal habe ich mit Google Streetview Theo Decker auf seinen langen Streifzügen durch die Stadt der Städte begleitet. 

Ebenso intensiv waren die langen Streifzüge durch seine Gedanken – denn immer wieder stößt man dabei auf Passagen von einer solch melancholischen Eleganz, dass deren sprachliche Schönheit schon beinahe schmerzt. Stellen, von denen ich mir manche laut vorgelesen habe, weil sie mich so berührten. Etwa diese hier:

»Wieso sehe ich so klar, dass alles, was ich liebe, was mir am Herzen liegt, Illusion ist, und wieso liegt – für mich jedenfalls – alles, wofür es sich zu leben lohnt, in diesem Zauber? Ein großes Leid und eines, das ich erst jetzt anfange zu verstehen: Wir können uns unser eigenes Herz nicht aussuchen. Wir können uns nicht zwingen zu wollen, was gut für uns oder gut für andere ist. Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.«

Die Übertragung des Romans ins Deutsche ist den Übersetzern Rainer Schmidt und Kristian Lutze beeindruckend gut gelungen, einfühlsam und atmosphärisch.

Ein Fazit? »Der Distelfink« ist nicht einfach nur ein Roman. Dieses Buch ist ein Leseerlebnis. Eines, das sehr lange im Kopf bleiben wird. 

Und im Herzen.

Buchinformation
Donna Tartt, Der Distelfink
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt und Kristian Lutze
Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-31239-9

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