Ein Satz wie ein Geschenk

Annabel Wahba: Chamäleon

In der Beschreibung dieses Blogs heißt es, dass es darin um Bücher, Texte und Leseerlebnisse geht. Manchmal werde ich gefragt, was unter einem Leseerlebnis zu verstehen sei, doch darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es kann etwa ein Buch sein, das mich zurückführt in eine vergangene Zeit meines Lebens, so, als würde ich in einen Spiegel schauen. Oder ein Roman, in dem eine mir wenig bekannte Epoche so intensiv vor mir ausgebreitet wird, wie es mit literarischen Mitteln nur möglich ist. Ein Buch, das seltsame Träume auslöst. Oder eines, das mich so tief in die Handlung hineinzieht, dass ich mich danach wochenlang auf keine neue Lektüre einlassen kann. Und manchmal kann ein Leseerlebnis lediglich aus einer kurzen Textstelle* bestehen oder aus einem einzigen Satz; wenn ich dort Worte finde, die etwas in mir verändern. Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Die Trost spenden und eine offene Wunde schließen. Oder zumindest ein Pflaster darauf kleben. Und genau solch ein Pflaster, solch eine Textstelle ist mir auf den ersten Seiten des Romans »Chamäleon« von Annabel Wahba begegnet. Davon möchte ich hier erzählen.

»Chamäleon« ist ein Roman, den ich schon etliche Wochen vor seinem Erscheinen gelesen habe, denn er erscheint in dem Verlag, für den ich arbeite.  Doch ich schreibe hier nicht als Verlagsmitarbeiter, sondern als Leser, dem mit einem Satz in diesem Buch ein großes Geschenk gemacht wurde. Ganz unverhofft.

Die Autorin  berichtet in »Chamäleon« von ihrer deutsch-ägyptischen Familiengeschichte, nimmt uns Leser mit in die Nachkriegszeit im zerbombten München und in eine ägyptische Stadt im Nildelta, beschreibt zwei junge Menschen, die sich in den Fünfzigerjahren aufmachten, die Welt zu entdecken und die Liebe ihres Lebens fanden. Eine Familie gründeten, in Kairo lebten, bis sie die Stadt Hals über Kopf verlassen mussten, nach München zogen und sich schließlich mit ihren vier Kindern – der Ich-Erzählerin und ihren drei Geschwistern – in der bayerischen Provinz niederließen. In der autofiktionalen Erzählung geht Annabel Wahba den Fragen nach, wie Herkunft das eigene Leben beeinflusst und inwieweit die Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen chamäleonhafte Anpassung bedeutet. Oder sie manchmal sogar notwendig macht; immer mit der Gefahr, sich selbst dabei zu verlieren. 

Der Anlass für dieses Buch war ein trauriger: Vor wenigen Jahren starb André, der Bruder Annabel Wahbas, an einer tückischen Krebserkrankung. In seinen letzten Tagen versammelte sich die Familie an seinem Sterbebett, und in den Gesprächen mit ihm – solange sie noch möglich waren – ging es viel um ihre deutsch-ägyptische Herkunft, um die weitverzweigte Familie und um gemeinsame Reisen, die nie stattgefunden hatten. Das Sterben des Bruders ist der erzählerische Rahmen der Geschichte, eingebettet darin schreibt die Autorin über die Vergangenheit, über ihre Vorfahren in Deutschland und Ägypten. Und über ihre eigenen Erinnerungen. Mehr zum Buch? Eine lesenswerte Besprechung gibt es zum Beispiel im Literaturblog Kulturbowle. Und in einem kurzen Film spricht die Autorin selbst über die Entstehungsgeschichte des Werkes. 

Nun aber zu der Textstelle, die mir so wichtig geworden ist. 

Der Prolog führt uns in den Februar 2019, es sind die letzten Stunden Andrés. Und die Ich-Erzählerin Annabel Wahba berichtet, was sie von Ruth – einer Sterbebegleiterin, die der Familie zu Seite steht – erfährt:

»Jetzt, da du im Sterben liegst, will ich so viel Zeit wie möglich in deiner Nähe verbringen. Am liebsten würde ich dich umarmen und nicht mehr loslassen. Aber wir sollen dich nicht zurückhalten, hat Ruth gesagt. Sterben ist Arbeit, und diese Arbeit müssen wir dich jetzt machen lassen. Sterbende Menschen suchen sich einen unbeobachteten Moment, um zu gehen, einen, in dem sie allein sind. Tiere machen das ähnlich, sie verstecken sich draußen in der Natur, wenn sie merken, dass ihr Ende kommt.«

Es ist dieser eine Satz, den ich regelrecht aufgesogen habe, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Und der dafür sorgt, dass etwas Frieden in meinen Gedanken eingekehrt ist: »Sterbende Menschen suchen sich einen unbeobachteten Moment, um zu gehen, einen, in dem sie allein sind.«

An einem Nachmittag im April 2020 saß ich selbst an einem Sterbebett in einem Krankenhaus am Bodensee. Ansprechbar war meine Mutter schon seit vielen Wochen nicht mehr, doch es würde nun nicht mehr lange dauern. Einen Tag noch, vielleicht auch zwei. Mein Bruder und ich waren da, um Abschied zu nehmen, allerdings durften wir nur abwechselnd zu ihr – es war die Zeit des ersten Corona-Lockdowns. Etwas mehr als eine Stunde, nachdem wir abends das Krankenhaus verlassen hatten, kam der Anruf – es schien so, als hätte sie nur noch auf uns gewartet gehabt. Die Situation war schon fast gespenstisch: Wir standen mitten in den menschenleeren, vollkommen stillen Altstadtgassen der Stadt am Bodensee, in denen um diese Zeit normalerweise das Leben pulsierte, als das Mobiltelefon klingelte und uns das Krankenhaus über den Tod unserer Mutter informierte. Sie war einfach eingeschlafen und hatte zu atmen aufgehört. 

Warum waren wir – oder der Umstände halber – nicht wenigstens einer von uns bei ihr gewesen bei ihrem letzten Weg? Warum waren wir nicht noch etwas länger geblieben? Am nächsten Morgen hatten wir so früh wie möglich wieder zu ihr fahren wollen, aber jetzt war es zu spät – und seit diesem Tag habe ich mir deswegen Vorwürfe gemacht. In dem Text über Daniel Schreibers großartiges Buch »Zuhause«, das ich unmittelbar nach dem Ausräumen des Elternhauses gelesen habe, schrieb ich: »Ihr Tod mag die Erlösung nach einem langen Leidensweg gewesen sein, aber er hat mich vollkommen aus der Spur geworfen. Und jetzt, wo ich diese Sätze schreibe, merke ich, dass ich noch weit davon entfernt bin, zu dieser zurückzufinden – falls es sie überhaupt noch gibt.« Der Gedanke, sie zum Schluss alleine gelassen zu haben, trug zu einem großen Teil zu diesem Gefühl bei. Und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf, keinen einzigen Tag. 

Dann dieser Satz: »»Sterbende Menschen suchen sich einen unbeobachteten Moment, um zu gehen, einen, in dem sie allein sind.«

Ich saß da und starrte das Buch an. Las ihn noch einmal. Und noch einmal. Dann, ganz langsam, fühlte es sich so an, als würde ein großes Gewicht von meinen Schultern genommen. Als würde sich die Klammer des Selbstvorwurfs lockern und mir helfen, mit dem Erlebten endlich Frieden zu schließen. Und meine Mutter endgültig gehen zu lassen.

Es sind lediglich sechzehn Wörter. Doch eine kurze Textstelle wie diese, ein einziger Satz kann vieles verändern. Deswegen habe ich das alles aufgeschrieben, denn dieses Erlebnis hat mir ganz unmittelbar gezeigt, welche Macht das geschriebene Wort haben, welchen Trost es spenden, welche Wunden es verarzten kann. 

Sechzehn schlichte Wörter. Und ein Satz wie ein Geschenk.

Danke dafür. 

* Hier auf Kaffeehaussitzer gibt es die Textbausteine, eine Sammlung von Texten, die mir wichtig sind. 

Buchinformation
Annabel Wahba, Chamäleon
Eichborn Verlag
ISBN 978-3-8479-0097-9

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13 Antworten auf „Ein Satz wie ein Geschenk“

  1. Ich bin Krankenschwester und habe diesen Satz schon oft gehört……will sagen, das ist nicht die Erfahrung einer einzigen Sterbegleiterin, sondern schon lange eine sehr häufige Beobachtung….und auch, dass Sterbende anscheinend ein wenig Einfluss auf den Zeitpunkt ihres Sterbens haben, wie auch Ihre Erfahrung zeigt (also eine Stunde, nachdem ihre Kinder noch einmal da waren) …….im Grunde ist es, so merkwürdig das klingt, ein Grund zur Dankbarkeit, dass sie beide trotz Lockdown (!) noch einmal zu Ihrer Mutter durften im richtigen Moment und sie danach so friedlich einschlafen konnte….alles richtig gemacht!!

  2. Oh wie gut kann ich es nachvollziehen. Meine Mutter musste zuletzt noch ins Krankenhaus, ich hatte den Morgen neben ihr gelegen, ihre Hand gehalten. Gehen könnte sie dann kurz nachdem sie im Nähe gelegen Krankenhaus war. Mein Vater ist einfach eingeschlafen, als meine Schwester kurz einkaufen war. Beide Male dachten wir uns kurz, wären wir doch … aber es ist kein Versäumnis. GLG, Brigitte

  3. Respektvollen Dank für diese literarisch inspirierte und persönliche Trauerreflexion. Mag es nach einem oder zwei, vielleicht auch nach fünf Jahren sein – ein solcher Satz oder Gedanke kann so lösend sein.
    Herzliche Wünsche und Grüße

  4. Dankeschön für diesen wunderbaren Beitrag, der in sehr persönlichen Worten beschreibt, welches Geschenk dieses Buch ist und warum es so ungemein lesenswert ist! Und es gibt noch viele weitere wunderbare Aspekte und Textbausteine in „Chamäleon“ zu entdecken…
    (P.S.: Darüber hinaus natürlich auch ein herzliches Dankeschön fürs Verlinken!)

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