Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? „Zehn Sekunden mit Paul Auster“ weiterlesen

Zehn Fragen – neun Bücher

Lesebiographie: Zehn Fragen zu Büchern - neun Antworten

Über die eigene Lesebiographie nachzudenken, ist stets ein spannendes Unterfangen. Genau so interessant ist es, diejenige anderer Buchmenschen zu erfahren. Im Literaturblog Sätze & Schätze – dessen Besuch sowieso nachdrücklich zu empfehlen ist – gibt es deshalb zehn Fragen zu Büchern. Fragen, die sich großer Beliebheit erfreuen. Wie viele andere habe auch ich mich daran gemacht, sie zu beantworten – und muss gestehen, dass ich bei einigen ziemlich lange nachdenken musste. Die Fragen sind nämlich schwieriger, als sie auf den ersten Blick scheinen und einmal musste ich sogar passen. Aber lest selbst. „Zehn Fragen – neun Bücher“ weiterlesen

Ein Jahr am Abgrund

Benedict Wells: Spinner

„Spinner“ ist ein früher Roman von Benedict Wells, den er jetzt, sieben Jahre nach Erscheinen, noch einmal überarbeitet hat. Das machte mich neugierig, denn es kommt selten vor, dass ein heutiger Autor ein Buch noch einmal in einer neuen Version veröffentlicht. Also habe ich es gekauft. Angefangen es zu lesen. Nicht mehr damit aufgehört, bis die letzte Seite umgeblättert war. Es hat mich umgehauen. Dabei ist die Handlung an sich schon beinahe banal: Ein junger Mann irrt durch Berlin auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben. Schon tausend Mal gelesen. Aber niemals so. Denn es waren unzählige Sätze und Gedanken in diesem Buch, die mich auf eine Reise zu einem anderen Ich aus einer längst vergangenen Zeit geschickt haben; eine Zeit, 27 Jahre her, die ich schon beinahe vergessen hatte, die mich aber geprägt hat bis heute. Es wird also gleich mal wieder etwas persönlicher, nur zur Vorwarnung. „Ein Jahr am Abgrund“ weiterlesen

Viva la librería

Viva la librería: Über die Freiheit des Wortes

Zu Beginn der neunziger Jahre war es in meinem Bekanntenkreis en vogue, sich für Südamerika zu begeistern. Es wurde Spanisch gelernt, man nahm alle möglichen Nebenjobs an, um das Geld für Flüge zusammen zu bekommen, Freunde reisten monatelang durch den Kontinent, in südamerikanischen Metropolen wurden Praktika oder Auslandssemester absolviert, es wurde abendelang geredet und über südamerikanische Länder im Umbruch diskutiert. Länder, die es geschafft hatten, die Fesseln von Militärdiktaturen abzustreifen, Bürgerkriege zu überwinden und sich auf dem Weg in eine gerechtere Zukunft befanden. Zumindest hofften wir das damals.

Aus dieser Zeit – es muss etwa 1993 gewesen sein – habe ich von einer Freundin eine Postkarte erhalten. Woher genau die Karte war, weiß ich leider nicht mehr, denn obwohl ich die letzten Wochen überall wegen des Photos für diesen Beitrag nach dieser Postkarte gesucht habe, konnte ich sie nicht mehr finden. Schade. Aber eigentlich auch egal, denn es waren lediglich drei Sätze, die darauf standen, und die Abbildung des Schaufensters einer Buchhandlung. Die Sätze habe ich nie vergessen: „Viva la librería“ weiterlesen

Die lange Nacht der Buchregale

Fischer TOR

Die Buchbranche ist eine überschaubare Welt und es ist an sich nichts Ungewöhnliches, Personen, Gesichtern oder Namen bei unterschiedlichen Gelegenheiten ein zweites oder drittes Mal zu begegnen. Als ich aber kürzlich Post im Briefkasten hatte, schloss sich der Kreis zu einem Abend, der schon lange zurückliegt, den ich aber noch gut in Erinnerung habe. Es würde mir aber auch schwerfallen, solch einen Abend, solch eine Büchernacht zu vergessen. Doch der Reihe nach. „Die lange Nacht der Buchregale“ weiterlesen

Warum ich lese

Warum ich lese
Photo: Vera Prinz

„Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig.“ Dies sagte ich kürzlich in einem Interview, das Karla Paul mit mir geführt hatte. Lebensinhalt klingt vielleicht ein wenig pathetisch, beschreibt aber treffend den Stellenwert, den Bücher und Literatur in meinem Leben haben.

Aber warum ist das so?

Die Frage nach dem Warum stellte Sandro Abbate, Betreiber des lesenswerten Literaturblogs novelero. In seinem sehr persönlichen Beitrag Warum ich lese erzählt er, wie und warum er zum Leser wurde und was dies für ihn bedeutet. Direkt nach der Lektüre seines Textes begannen die Gedanken in meinem Kopf sich um diese Frage, diese Aussage zu drehen. Und das ist jetzt dabei herausgekommen. „Warum ich lese“ weiterlesen

Der Tote am Strand

Kamel Daoud: Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

Moussa Ould el-Assasse – das ist der Name eines der berühmtesten Toten der Literaturgeschichte. Er ist der am Strand von Algier erschossene Araber in Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“. Oder zumindest könnte das sein Name sein, denn bei Camus bleibt der von seinem Protagonisten Meursault Erschossene namenlos. Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat sich der Geschichte angenommen und stellt sie uns aus arabischer Perspektive dar, weshalb sein Buch den Titel trägt „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“. Ein Anspruch, der mich sofort neugierig auf den Roman machte, versprach er doch, mich auf eine Reise in die eigene Erinnerung mitzunehmen. „Der Tote am Strand“ weiterlesen

Mit T.C. zurück ins Leseleben

T.C. Boyle: Wassermusik und Grün ist die Hoffnung

Heute kommt es mir kaum vorstellbar vor, aber es gab einmal eine Zeit, in der ich jahrelang fast kein einziges Buch gelesen habe. In der ich beinahe die Freude am Lesen verloren hätte. Es ist schon ein Weilchen her, aber ich habe nie vergessen, welchem Autor ich es verdanke, aus dieser buchlosen Zeit wieder herausgefunden zu haben. Es war T.C. Boyle mit seinen wunderbaren Werken „Wassermusik“ und „Grün ist die Hoffnung“. 2014 und 2015 sind beide Bücher neu aufgelegt worden, in neuer Übersetzung und in wunderschöner Ausstattung. Ein guter Grund, sich wieder an längst vergangene Jahre zu erinnern. „Mit T.C. zurück ins Leseleben“ weiterlesen

Weg.Gegangen

Olivier Adam: An den Rändern der Welt

Das Buch „An den Rändern der Welt“ von Olivier Adam habe ich vor über fünf Monaten gelesen und es hat mich seit Jahren kein Roman so berührt und getroffen wie dieser. Seither überlege ich, wie ich diese Begeisterung in Worte fassen kann. Es fällt mir diesmal nicht leicht und auch jetzt sitze ich schon seit geraumer Zeit vor dem Bildschirm und versuche es wieder einmal aufs Neue. Denn es geht um nichts weniger als alles, was mich in den letzten Jahrzehnten meines Lebens bewegt hat. „Weg.Gegangen“ weiterlesen

Noch Fragen?

Blogfragen für Buchblogger: Hier gibt es die Antworten des Kaffeehaussitzers

Der Literaturkritiker, Journalist, Schriftsteller und unermüdliche Listenersteller Stefan Mesch hat auf seinem Blog „Blogfragen für Buchblogger – Fragen zum Mitnehmen“ bereitgestellt. Er möchte dadurch mehr über die Menschen hinter den von ihm besuchten Literaturblogs erfahren. Da auch der Kaffeehaussitzer regelmäßig auf seinen Empfehlungslisten auftaucht, habe ich mich jetzt an die Beantwortung der Fragen gemacht, von denen manche kniffliger sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Und das ist dabei herausgekommen. „Noch Fragen?“ weiterlesen

Die Buchhändler-Rose

Die Buchhändler-Rose

Seit über zwanzig Jahren hängt an meinem Bücherregal eine getrocknete Rose. Nicht irgendeine, sondern meine Buchhändler-Rose. Ich habe sie Ende Juli 1995 geschenkt bekommen, als ich meine Buchhändlerlehre beendet hatte. Seitdem begleitet mich diese Rose – sie hat acht Umzüge und mehrere Stadtwechsel überlebt. „Die Buchhändler-Rose“ weiterlesen

Tod Einhundertsechsundfünfzig

Christiane Frohmann (Hrsg.), Tausend Tode schreiben

Wir sind von Tod und Vergänglichkeit umgeben. Immer und überall, wohl fast jeder von uns hat seine Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Während meiner Schulzeit war ich zwei Jahre lang Sargträger auf dem städtischen Friedhof, ein makabrer, aber gut bezahlter Nebenjob. Beim achtlosen und durch Musik in den Kopfhörern von der Außenwelt abgeschotteten Überqueren von Bahngleisen wurde ich fast von einem Güterzug überfahren, der nur wenige Sekunden danach hinter mir vorbeidonnerte. Ein Erlebnis, das mir jahrelange Alpträume bescherte. Als Altenpflegehelfer war ich mehrmals dabei, als ein Mensch seinen letzten Atemzug tat; ein Mysterium, denn er war da, noch vor mir, seine Anwesenheit war noch im Raum spürbar und gleichzeitig war er einfach gegangen. Weit weg. Er ist nicht fassbar, dieser Tod und doch allgegenwärtig. Beunruhigend und faszinierend zugleich.

Im August 2014 startete der E-Book-Verlag Frohmann das Projekt „Tausend Tode schreiben“, dass alleine von seinem schieren Umfang her beeindruckend ist. „Tod Einhundertsechsundfünfzig“ weiterlesen

Heiligabend mit John Dos Passos

John Dos Passos: Manhattan Transfer

Den 24. Dezember 1997 habe ich als einen der grauesten Tage meines Lebens in Erinnerung und trotzdem ist er verknüpft mit einer intensiven Leseerfahrung. Wenige Monate zuvor war ich als Student nach Leipzig gezogen, eine Stadt im Umbruch, nicht vergleichbar mit der Glitzerkulisse mit der sich die Leipziger Innenstadt heute umgibt. Abgebröckelte Fassaden, unsanierte, aber wunderschöne Gründerzeithäuser, der Braunkohlegeruch allgegenwärtig, dazu an vielen Gebäuden noch Kriegsschäden oder sogar verblichene Reklamemalereien aus den zwanziger Jahren. Ich als Süddeutscher hatte plötzlich das Gefühl, ganz nah an der Geschichte Deutschlands dran zu sein, denn überall stieß man auf ihre Spuren, seien es Einschusslöcher oder die Folgen der sozialistischen Mangelwirtschaft. „Heiligabend mit John Dos Passos“ weiterlesen

Leseprojekt Herkunft und Heimat

Leseprojekt Herkunft und Heimat

Ich bin der Sohn eines Flüchtlings. Der Enkel von Flüchtlingen. Und der Ur-Ur-Ur-Urenkel einer Flüchtlingsfamilie, dadurch ist ein großer Teil meiner Familiengeschichte kaum noch rekonstruierbar. Meine Ahnen mütterlicherseits waren Religionsflüchtlinge, sie zogen um 1700 als vertriebene Hugenotten aus Frankreich quer durch Europa bis nach Westpreußen, wo ihnen der preußische König Asyl gewährte. Dort hatten sie zwei Jahrhunderte Ruhe, bis 1918/1919 das Ende des Ersten Weltkriegs die mittel- und osteuropäische Landkarte gehörig durcheinander wirbelte. Westpreußen wurde dem wiedergegründeten polnischen Staat zugeschlagen, meine Vorfahren und viele andere Bewohner wurden vertrieben. Mit dabei war meine Großmutter, die 1919 zwanzig Jahre alt war. Sie starb 1981 und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie erzählte, dass sie, ihre Eltern und fünf Geschwister bei Nacht und Nebel ihr vertrautes Zuhause verlassen mussten. Jeder konnte ein Gepäckstück mitnehmen. „Leseprojekt Herkunft und Heimat“ weiterlesen

Die Mauer ist offen

25 Jahre Mauerfall: Wie ein historisches Ereignis nicht nur das Land, den Kontinent, sondern auch das eigene Leben verändert hat.

Dieses Bild eines Hauses der Brunnenstraße in Berlin-Mitte zeigt eindrucksvoll, wie man 25 Jahre Geschichte mit einem einzigen Satz zusammenfassen kann. Es sind tatsächlich schon zweieinhalb Jahrzehnte vergangen, seit ich mit ein paar Freunden zusammen abends vor dem Fernseher saß und wir fassungslos sahen, wie die Menschen in Berlin auf der Mauer standen, jubelten, tanzten und der Strom der Trabbis gen Westteil der Stadt einsetzte. Es war unglaublich und wir ahnten, wussten, dass wir gerade Zeugen eines historischen Umbruchs wurden. „Die Mauer ist offen“ weiterlesen