Architekt des Umbruchs

Hilary Mantel: Woelfe | Falken | Spiegel und Licht

In den drei Bänden »Wölfe«, »Falken« und »Spiegel und Licht« erzählt die Autorin Hilary Mantel die Lebensgeschichte Thomas Cromwells, jenes Mannes, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Verlauf der englischen Geschichte entscheidend prägte. Zwar handelt es sich um Romane, doch sie beinhalten nur wenig Erfundenes. Das ist auch gar nicht notwendig, denn Cromwells Biographie ist so unglaublich, dass sie bereits wie eine Romanhandlung klingt – vom Sohn eines Schmieds zu einem englischen Earl, zum Architekten der englischen Reformation, die das Land bis heute geprägt hat. Dazwischen ein Leben voller Höhen und dunkelster Tiefen. Und Hilary Mantel hat dieses Leben spannend und unglaublich vielschichtig in Szene gesetzt – herausgekommen ist dabei ein wahrhaft epochales Werk.

Nur selten wurde ich bisher so tief hinein in eine andere Zeit und in ein anderes Leben gezogen wie durch diese Trilogie. Gelungen ist dies nicht nur durch einen außergewöhnlichen Reichtum an Details, sondern vor allem durch die verwendete Erzähltechnik. Doch wie packe ich den Inhalt von 2.308 Seiten Romanhandlung in einen einzigen Blogbeitrag? Die Komplexität dieses Meisterwerks ist schier atemberaubend.

Vielleicht ist es gut, mit ein paar historischen Eckdaten zu beginnen. 1485 als Sohn des Schmieds Walter Cromwell geboren floh Thomas Cromwell als Fünfzehnjähriger vor den Schlägen seines trinkenden und prügelnden Vaters. Eine Flucht, die ihn durch halb Europa führte, als Schiffsjunge, als Handlanger, als Glückspieler, immer auf dem Sprung. Als Söldner geriet er in die Kriege der italienischen Stadtstaaten, desertierte vom Schlachtfeld, war wieder auf der Flucht, landete in Florenz, wo er im Haus der Bankiersfamilie Frescobaldi als Dienstjunge unterkam. Sein Talent für Sprachen und Zahlen sowie sein extrem gutes Gedächtnis blieben nicht lange unbemerkt, bald war er der Gehilfe des Bankiers und lernte alles, was es über den Handel der damaligen Zeit zu wissen gab. Jahre später, um 1520,  kehrte er nach London zurück und wurde nach einem Studium der Rechtswissenschaften Advokat. Und als solcher zum persönlichen Assistenten des Erzbischofs Thomas Wolsey, Lordkanzler und mächtigster Kirchenmann auf der britischen Insel. 

Die Handlung setzt nach Cromwells Rückkehr und kurz vor dem Sturz des Erzbischofs ein, der beim König in Ungnade gefallen war. Dieser Sturz Wolseys im Herbst 1529 ist eine der Schlüsselszenen zu Beginn des ersten Romans: Der Kardinal, kniend im Morast, vertrieben aus seinem Palast, ein Anblick, an den im Verlauf der gesamten Handlung immer wieder erinnert wird. Cromwell bleibt an der Seite Wolseys, verlässt mit ihm London, hält seinem Förderer die Treue. Diese Loyalität weckt das Interesse König Heinrichs VIII. Bei ersten, mehr oder weniger zufälligen Aufeinandertreffen am Hofe, beginnt er Cromwells Rat einzuholen – und das ist der Beginn einer spektakulären Karriere, die den Sohn des Schmieds ganz nach oben führen und ihn zu einem der wichtigsten und meistgehassten Männer Englands machen wird. 

England zur Zeit Heinrichs VIII. 

Die Ehe Heinrichs VIII. mit Katherine von Aragon war ohne männlichen Thronerben geblieben; eine Scheidung nach katholischem Recht undenkbar. Was folgte ist bekannt: England sagte sich vom Katholizismus los, die anglikanische Staatskirche entstand und der geschiedene Heinrich VIII. heiratete Anne Boleyn. Dies kann hier in wenigen Zeilen zusammengefasst werden, aber es bedeutete für die Gesellschaft, für das Land, für die Kirche, für Europa einen dramatischen Umbruch, der sich über Jahre hinzog. Und Thomas Cromwell war der maßgebliche Konstrukteur dieses Umbruchs – der Vollstrecker des Königs. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn etliche Kritiker oder Gegner der Veränderungen mussten zum Schweigen gebracht werden, viele landeten auf dem Schafott. Der Rechtsgelehrte und Politiker Thomas Moore – Autor des bis heute bekannten Werkes »Utopia« – wurde 1535 geköpft, weil er der Rechtmäßigkeit der Ehe Heinrichs mit Anna Boleyn aus seiner Überzeugung heraus nicht zustimmen konnte. Nicht einmal ein Jahr später stieg jene Anna Boleyn – ohne einen männlichen Thronfolger geboren zu haben und des Ehebruchs beschuldigt – ebenfalls die Stufen zu dem wartenden Scharfrichter hinauf. Und im Jahr 1540 sollte dies auch Thomas Cromwells Schicksal sein. 

Cromwells Vision eines modernen Staatswesens

Doch Cromwell war kein gewissenloser Schlächter, der über Leichen ging. Er träumte davon, ein modernes England zu schaffen. Ein Land mit einer einheitlichen Sprache, mit einer Bibel auf Englisch – damals ein Sakrileg, das für Drucker und   Buchhändler den Scheiterhaufen bedeutete. Die Macht des Hochadels wollte er brechen, ebenso die Macht der katholischen Kirche. Heiligenverehrung war für ihn Götzendienst und im Zuge der Lossagung von Rom wurden Klöster geschlossen und Reliquien eingestampft. In einer starken Szene dieser drei an grandiosen Auftritten so reichhaltigen Bücher hält Cromwell den Schädel von Thomas Becket in der Hand, nachdem er dessen Grabstätte in der Kathedrale von Canterbury aufbrechen ließ.

»Er hält Becket in die Höhe, Auge in Auge, und blickt in die leere Höhlung, dreht den Schädel, um zu sehen, wo er vom Rückgrat geschnitten wurde. Es gibt keine Aufzeichnung dazu, dass die vier Ritter Beckets Kopf vom Körper abgetrennt hätten. Das haben seine Bewunderer später getan.«

Fragile Macht

Hilary Mantel schildert einen Mann, der gnadenlos sein konnte, aber das Ideal eines modernen Staates vor Augen hatte. Der seine Familie liebte. Der im ständigen Austausch mit seinen Briefpartnern im Ausland kosmopolitisch lebte. Der loyal war, aber auch nachtragend. Der Talent erkannte, wenn er es sah, Menschen von der Straße in seine Dienste nahm, ihnen eine Chance gab. Der unermüdlich arbeitete, aber genau wusste, dass das Zeigen auch nur der geringsten Schwäche von seinen Feinden ohne Erbarmen ausgenutzt würde. Und Feinde hatte er viele. Für die Adligen war er ein Emporkömmling, der ihre angestammten Rechte bedrohte. Für die romtreuen Kirchenleute war er der Antichrist, der Wegbereiter der Reformation in England. Und für viele Menschen aus dem Volk, war er derjenige, der ihnen die kirchlichen Traditionen wegnahm, sie der von ihnen verehrten Heiligen beraubte.

Sie alle warteten darauf, eine Blöße zu entdecken, in die sie ihre Dolche rammen konnten – bildlich gesprochen, aber auch ganz real gemeint. Als König Heinrich einen Herzanfall erleidet und schon für tot gehalten wird, treffen wir Cromwell an Heinrichs Lager, umgeben von den adligen Begleitern des Königs. Ein Umsturz liegt in der Luft, eine Verschiebung der Macht beginnt sich vage anzudeuten – es gäbe dann keinen Platz mehr für den verhassten Lordkanzler Thomas Cromwell. Gewalt wird als Möglichkeit spürbar: Die Stimmung in dieser Szene ist so verdichtet, dass uns Lesern schlagartig klar wird, wie fragil seine Position ist und an was für einem dünnen Faden sein Leben hängt.

Momentaufnahmen und das große Ganze

Das Lesen der drei Romane erfordert hohe Konzentration, oft springt die Handlung absatzweise zu unterschiedlichsten Ereignissen in den unterschiedlichsten Jahren – so, wie die Gedanken eines Menschen hin und her zu wandern pflegen. Dabei wirken sie wie kleine Momentaufnahmen, die sich irgendwann zu einem großen Ganzen zusammenfügen und die ganze Dramatik jener Epoche erkennen lassen. Die vielen dutzend – fast ausschließlich historisch realen – Personen der Handlung werden meist nicht eingeführt, sie sind einfach da; deshalb sind die mehrseitigen Verzeichnisse am Ende jedes Bandes für die Lektüre sehr wichtig – es sei denn, man hat sich zuvor schon intensiv mit dem England zur Zeit Heinrichs VIII. beschäftigt. Oftmals führte das Nachschlagen im Personenregister zur weiteren Recherche bei Wikipedia & Co.; so dass ich viel erfahren habe über die englische Geschichte, deren Verlauf wiederum die europäische und damit auch die unsere beeinflussten.

Jene Zeit war geprägt von der ständigen Spannung zwischen England und Frankreich, zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und zwischen dem Kirchenstaat – jeder gegen jeden, drei gegen einen, politische Schachzüge, kriegerische Auseinandersetzungen, ein stetiges Ränkeschmieden. Es ging um Gebietsansprüche, um Macht und um die Erbfolge – ein entscheidendes Motiv für Heinrich VIII., seine erste Ehe zu lösen. Und der Grund, sich mit Papst, Kirche und halb Europa anzulegen. Die einsetzende Reformation, ausgelöst durch Martin Luther im Jahr 1525, wirkte dabei wie ein Brandbeschleuniger. 

Hilary Mantels Erzähltechnik

Grandios ist Hilary Mantels Wahl der Perspektive: Von Cromwell ist in der dritten Person die Rede, stets im fließenden Wechsel zur zweiten Person: »Er hat selbst einmal geglaubt, er könne aus Kummer sterben: Kummer um seine Frau, seine Töchter, seine Schwestern, seinen Vater und seinen Master, den Kardinal. Aber der Puls behält hartnäckig seinen Rhythmus bei. Du denkst, du kannst nicht weiteratmen, aber dein Brustkasten hat andere Vorstellungen, er hebt sich und senkt sich und stößt Seufzer aus. Gegen deinen Willen gedeihst du, und damit das geht, nimmt Gott dein Herz aus Fleisch aus dir heraus und gibt dir eines aus Stein.«

Damit hat man als Leser das Gefühl, ihn die ganze Zeit zu begleiten, ihm über den Rücken zu schauen, mit ihm Zwiesprache zu halten. Ganz nah lässt uns Thomas Cromwell an sich heran; egal, ob er mit seinen Vertrauten redet, den König berät, im Tower eingesperrte Gegner verhört, spätabends seine Korrespondenz erledigt, alleine seinen Gedanken nachhängt oder am Ende seinem Schicksal entgegengeht – wir laufen und reiten mit ihm durch die Welt der Jahre 1527 bis 1540, die so lebendig vor Augen steht, wie das mit schriftstellerischen Mitteln nur möglich ist. Alle Personen der Handlung sind mit äußerster Liebe zum Detail gezeichnet, all ihr Sehnen, ihre Wünsche, ihre Wut, ihre Resignation, ihre Euphorie – wir sehen sie durch Cromwells Augen und Gedanken. Es ist, als wären wir mitten in einem lebendigen Bild jener Zeit – mehr Kopfkino geht nicht. Dabei ist es auch vollkommen egal, dass man als Leser weiß, wie Thomas Moore, Anne Boleyn oder Thomas Cromwell selbst endeten – die unterschwellige Spannung der historischen Abläufe mit all ihren Intrigen oder Absprachen hinter den Kulissen ist so plastisch dargestellt, dass man sie fast körperlich spürt.

Bei alldem sind die Bezüge zum Heute unverkennbar: Winkelzüge der Politik, Intrigen, das Haifischbecken des Hofes, geopolitische Strategien, die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen bitterarm und steinreich. Nur dass heute ein in Ungnade gefallener Politiker in der Regel seine Pension genießen kann. Damals verloren sie nicht nur ihre Stellung, sondern auch ihren Kopf. 

»Er denkt, zehn Jahre lang haben sie mir die Seele malträtiert, dass sie kaum noch da ist. Henry hat mich wieder und wieder durch die Mühle seiner Wünsche gedreht, sodass ich kaum mehr als etwas Staub im Wind, nutzlos für ihn bin. Fürsten hassen Leute, denen gegenüber sie Schulden angehäuft haben.«

Eine unvergleichliche Atmosphäre

Und England natürlich. Die englische Landschaft spielt eine große Rolle in der Handlung und verleiht dem Werk eine unvergleichliche Atmosphäre. Auf der einen Seite das überfüllte London mit all seinem Dreck und Gestank, regelmäßig geplagt von tödlichen Fieberepidemien, die auch Cromwell schmerzhafte Verluste zufügen. Verluste, über die er sein ganzes Leben nicht hinwegkommen wird. Aber dann eben auch die Landschaft – die damals nicht zersiedelt oder von breiten Straßen durchschnitten war. Ein Beispiel ist ein Ausritt Cromwells mit seinem Sohn Gregory.

»Vater und Sohn reiten zusammen aus, die Sonne eine perfekte purpurne Kugel über dem sanft dahinschwingenden Hügelland. Der Himmel ist zu einem Spiegel geworden, vor dem sich die Sonne bewegt: Licht ohne Schatten, wie das Licht zu Beginn dieser Welt. Das Knarren des Zaumzeugs, der Atem der Pferde, alles wirkt wie gedämpft, und so reiten sie schweigend, silbrig umrandete Umrisse, groß vor dem Himmel, und als die Anhöhen in der bauschigen Ferne vergehen, fühlt er sich ins Nichts reiten, eine Leere, in der nur die Erinnerung lebt.«

Ist das nicht unfassbar schön? 

Die drei Bände stellen eine großartige übersetzerische Leistung dar. »Wölfe« wurde von Christiane Trabant ins Deutsche übertragen, »Falken« und »Spiegel und Licht« von Werner Löcher-Lawrence. Trotz des Übersetzerwechsels bemerkte ich als Leser keinen Bruch – auch das hat mich sehr beeindruckt.

Unzählige Stellen habe ich während der Lektüre angestrichen und markiert. Und trotzdem kann die Buchvorstellung diesem Meisterwerk kaum gerecht werden. Seite um Seite bin ich darin verschwunden, manchmal habe ich gestöhnt ob der Ausführlichkeit der geschilderten Szenen – und konnte nicht aufhören zu lesen. Zum Ende hin wurde die Lesegeschwindigkeit immer langsamer, denn ich wollte nicht aufhören müssen. Nicht, weil ich wusste, wie Thomas Cromwell sein Leben aushauchen würde, sondern weil ich diese Geschichte und diese unvergleichliche Stimmung nicht verlassen wollte.

Am besten endet dieser Beitrag mit einem Zitat aus der britischen Wochenzeitung New Statesman, in der seinerzeit »Wölfe« besprochen wurde. Und mit diesem ist eigentlich alles gesagt: »Wer ›Wölfe‹ als historischen Roman bezeichnet, hält ›Moby Dick‹ für ein Buch über Fischfang.« 

Wenn man die Formulierung »große Literatur« verwenden mag: Hier ist sie voll und ganz angebracht. 

Bücherinformationen
Hilary Mantel, Wölfe
Aus dem Englischen von Christiane Trabant
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9593-9

Hilary Mantel, Falken
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9698-1

Hilary Mantel, Spiegel und Licht
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9724-7

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7 Antworten auf „Architekt des Umbruchs“

  1. Ich habe The Mirror and the Light auch vor Kurzem beendet. Mantels Sprache ist wirklich ganz wunderbar, die oben zitierte Stelle ist mir auch ganz besonders aufgefallen. Die Übersetzung scheint wirklich gelungen.

    1. Spannend, dass uns bei einem Werk dieses Umfangs die gleiche Stelle auffällt. Aber sie ist auch einfach wunderschön – muss ich mir mal in der Originalsprache anschauen.

  2. Schöne Rezension, die gut die Stimmung der drei Bände und ihre Qualitäten wiedergibt – leider habe ich sie schon gelesen. Und werde es wieder tun.
    Übrigens ist für mich das Besondere, wie hier Natur erfasst wird, zB auch wiederzufinden bei Chris Yates, Nachtwandern.

  3. Das sind wirklich hervorragende historische Romane – ich kann Ihnen nur zustimmen!
    Anne Boleyn ist allerdings nicht kinderlos geblieben. Sie und Heinrich VIII hatten eine Tochter Elizabeth.
    Von 1558 bis 1603 als ElizabethI. Königin von England.

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