Leben geschieht

Hilmar Klute: Was dann nachher so schoen fliegt

Natürlich weiß ich, dass man sich als Leser nicht mit den Protagonisten eines Romans zu identifizieren braucht, um sich eine Meinung über den Inhalt und die Qualität des Werkes zu bilden. In Kreisen professioneller Rezensenten gilt eine solche Identifikation auch eher als etwas, das es zu vermeiden gilt. Das Gute am Bloggen ist aber, dass man in seinem Blog machen kann, was man möchte. Und dass einem manche Gepflogenheiten egal sein dürfen – besonders wenn man auf ein Buch trifft, das einen zurück in eine Zeit des eigenen Lebens katapultiert. Eine Zeit, die zwar längst vergangen ist, die einen aber geprägt hat, wie kaum eine andere. Und die für so manche Weichenstellungen entscheidend war, die mit all ihren Umwegen bis ins Hier und Heute führen. »Was dann nachher so schön fliegt« von Hilmar Klute ist genau eines dieser Bücher.

Irgendwo im Ruhrgebiet: Der Ich-Erzähler Volker Winterberg stolpert nach der Schule in sein Erwachsenenleben und wird 1986 Zivildienstleistender in einem Altenpflegeheim. Einen richtigen Plan für seine Zukunft hat er keinen, aber dafür so etwas wie ein vages Vorhaben, eher eine Art Traum. Er möchte ein Dichter werden, Lyrik schreiben und davon seinen Lebensunterhalt bestreiten können. Und klar, berühmt werden auch, warum nicht. Seine Helden sind Paul Celan, Peter Rühmkorf oder Nicolas Born und in seinen Tagträumen tritt er vor der – auch damals schon seit zwanzig Jahren nicht mehr existierenden – Gruppe 47 auf. Seine freie Zeit verbringt er rauchend, nachdenkend und nach Worten suchend in Kneipen oder Cafés, eine unaufgeregte Liaison mit seiner Kollegin Erika ist ihm eher lästig.

»Ich hatte keine große Lust auf den Sex mit Erika. Mein Schwerpunkt lag ja auch mehr auf der Lyrik, ich war eigentlich nur zufrieden, wenn ich alleine in meinem Zimmer hockte und an meinen Texten herumdrehte. Ich wollte es so machen, wie die ganz Großen, für jeden Vers dreißig Fassungen schreiben und diese noch mit Querverweisen, französischen Flüchen und fünf Alternativwörtern versehen. Ich wollte ein richtiger Schwerstarbeiter der Literatur werden, so wie Peter Rühmkorf, der unter der Last seiner Verse fast zusammenbrach.«

Als Volker eine Einladung zu einer Art Nachwuchstreffen junger Schriftsteller im West-Berliner Literaturhaus erhält, ist das für ihn der erste Schritt, seinen Traum in die Tat umzusetzen. Er hatte ein Gedicht eingereicht, dass ein Ergebnis eines Paris-Trips war. Volker war in diese Stadt getrampt, um bohèmeartig durch die Straßen zu ziehen oder existenzialistisch mit Zigarette und schwarzem Kaffee in Straßencafés herumzusitzen. Der Trip lief dann etwas aus dem Ruder, aber das Gedicht war geschrieben und soll nun seine Eintrittskarte sein in die schillernde Welt der Literaturbranche. Er nimmt sich ein paar Tage Urlaub von der Trostlosigkeit seines Zivildienstes, packt eine Mappe Geschriebenes ein und fährt mit dem Zug durch die DDR nach Berlin. Nach West-Berlin, Bahnhof Zoo.

Dies sind die beiden Handlungsstränge des Romans. Zum einen die abgekapselte Welt eines Pflegeheims, zum anderen das Literaturtreffen im damals ebenso abgekapselten West-Berlin und dessen Folgen. Stagnation und Aufbruch, ein junger Mensch in den Startlöchern, aber er hat keine Ahnung, wohin er eigenlich laufen soll. West-Berlin erweist sich als graue Trostlosigkeit, das Schriftstellertreffen ist geprägt von Banalität und Überheblichkeit, »weil man Literatur nicht in Workshops lernen kann. Du musst einfach loslaufen, verstehst Du. Du musst morgens dein Fenster öffnen und den Lärm reinlassen, das Taubengegurre, die Müllmänner, die die Tonnen ausleeren, die Straßenbahn, die in der Kurve quietscht.« Volker quält sich mit seinen Texten, er verliebt sich, aber nur vielleicht, und überhaupt hat er das Gefühl, nirgendwo hinzugehören.

Diese Ungewissheit, die Ahnungslosigkeit von der Welt, die Rastlosigkeit eines jungen Erwachsenen, der nicht weiß wohin mit sich – diese Gefühlswelt hat Hilmar Klute in seinem Roman grandios eingefangen. Es ist eine Art Zwischenzeit, die Zukunft ist unklar, während der genau getaktete Dienstplan der Pflegestation die Woche in Früh- und Spätdienste strukturiert. Und genau hier ratterten meine Erinnerungen los. Ich sah mich wieder bei meinem ersten Zivi-Tag im Altenpflegeheim; ein paar Tage zuvor war ich noch Schüler gewesen, mit Freunden den Abschluss feiernd. Jetzt sollte ich den Auffangbeutel eines künstlichen Darmausgangs wechseln, den zähflüssigen Urin aus einem Kathederbeutel entleeren, war umgeben von Siechtum, Demenz, Menschen am Ende ihres Weges – ich war fassungslos, entsetzt und machte, was zu tun war. Am meisten schockierte mich die Tatsache, dass all dies vollkommen abgeschottet von unserem Alltag existiert, so als seien Alter und Tod etwas, das man hinter einen Vorhang, schiebt, um nicht damit konfrontiert zu werden, sich nicht der eigenen Vergänglichkeit stellen zu müssen.

Volker Winterberg rebelliert gegen die trostlose Routine, gegen die Würdelosigkeit, mit der die alten Menschen behandelt werden, gegen den Zynismus der abgestumpften Pflegekräfte. Versucht, »seinen Alten« wenigstens etwas Zuwendung zukommen zu lassen, legt sich mit respektlosen Pflegekräften an, macht sich im Team unbeliebt. Doch das ist ihm egal, denn er hat seine Lyrik, seinen Rückzugsort der Sprache, seinen Traum, Dichter zu werden. Das alles angesiedelt irgendwo zwischen Talent und Attitüde, doch brennend vor Leidenschaft.

Auch mir hat damals die Literatur über so manchen Frust hinweggeholfen. Besser gesagt, deren Wiederentdeckung, denn nach einer mehrjährigen Lesepause hatte ich wieder zu den Büchern gefunden. Oder sie zu mir. Und gleichzeitig war der Zivildienst die Fahrkarte weg von Zuhause, die erste Etappe auf dem Weg ins eigene Leben. Denn auch das gehört zu dieser Zeit, diese unglaublich intensive Aufbruchstimmung, ein Start hinein ins Ungewisse, verbunden mit den großen Gesten der Jugend. Eine Unbekümmertheit, die einen eben mal nach Paris trampen lässt, ohne darüber nachzudenken, wo man dort unterkommen oder wie man wieder zurückkommen soll. Auch diese Erinnerung wurde durch das Buch wieder geweckt. Und ja, genau diese Unbekümmertheit ist es, die einem im Lauf der Jahre verloren geht, unwiederbringlich. Etwas wehmütig denke ich beim Lesen des Romans an jene Sorglosigkeit zurück, die einen damals durch die Tage getragen hat. Verbunden allerdings mit einer anfangs ganz leise nagenden Unzufriedenheit, die man jedoch schnell in den emotionalen Abstellraum zurückschubsen konnte. Doch sie stieß die Türe immer wieder auf und kam zurück, stets ein wenig größer geworden.

Diese Zeit war ein Wechselbad der Gefühle und sie steht mir wieder klar vor Augen, wenn ich Volker Winterberg rauchend durch nasse Berliner Straßen laufen, ihn zweifelnd über seine Zukunft nachdenken sehe. Euphorie, die Suche nach dem Sinn des Lebens und dumpfe Hoffnungslosigkeit wechseln sich ab, die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Weg scheint manchmal zum Greifen nahe zu sein, manchmal aber versteckt sie sich im Nebel der Routine und der Tristesse des Alltags.

All das steckt für mich in Hilmar Klutes Buch. Vor allem aber ist es eine einzige Liebeserklärung an die Poesie, an die Kraft und Zartheit der Sprache, die Magie der Worte und eine Hommage an die großen Dichter der alten Bundesrepublik. Der Titel des Buches stammt von Peter Rühmkorf und der Satz lautet vollständig: »Was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden.« Denn sprachliche Leichtigkeit ist meist das Resultat schwerer Arbeit. »Die Welt berühren und in eine andere Möglichkeit verwandeln. … Ist das nicht das Geheimnis der Poesie: der Welt ähnlich zu sein und gleichzeitig abgewandt von ihr?«

Wie es bei mir weiterging? Im Spätsommer 1990 wurde die Zivi-Dienstzeit überraschend von zwanzig auf fünfzehn Monate verkürzt und Ende Oktober stand ich dann da und hatte absolut keine Ahnung, was ich machen sollte. Der Einfachheit halber bin ich dann erst einmal Altenpflegehelfer geblieben, und was als Überbrückung gedacht war, bis mir die erleuchtende Idee kommen würde, hat dann drei Jahre gedauert. Nebenher begann ich etwas lustlos Sozialarbeit zu studieren. Dann erzählte mir ein Bekannter, er würde jetzt eine Buchhändlerlehre machen. Und das war es dann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und Volker Winterberg? Auch er findet einen Weg, zumindest eine Richtung. Aber mehr braucht es eigentlich auch nicht, der Rest passiert dann eben. Leben geschieht. Wenn man es lässt.

»Und du?«, fragte er. »Schon Pläne?«
»Ja«, sagte ich, »ich will Gedichte schreiben und davon leben.«
Er überlegte kurz, justierte den Strohhalm an der Cola-Flasche mit dem Mund und sagte, bevor er daran zog: »Klingt ganz vernünftig.«

Vielen Dank, Hilmar Klute, für dieses wunderbare Buch und für all die wiedergefundenen Erinnerungen.

Buchinformation
Hilmar Klute, Was dann nachher so schön fliegt
Galiani Berlin
ISBN 978-3-86971-178-2

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20 Antworten auf „Leben geschieht“

  1. Habe ich sehr gern gelesen diesen Beitrag, ohne das Buch zu kennen. Was sich jetzt eventuell ändert.
    Ja diese Zwischenzeit, ich erlebe sie erneut nun im Aufbruch der eigenen Kinder.
    Die Erfahrung im Altersheim habe ich ebenso erlebt. Ein Schock.
    Das Trampen, das Träumen, das Suchen…

  2. Lieber Uwe, du solltest Bücher schreiben ;) Diese Formulierung von dir ist grandios: „Verbunden allerdings mit einer anfangs ganz leise nagenden Unzufriedenheit, die man jedoch schnell in den emotionalen Abstellraum zurück schubsen konnte. Doch sie stieß die Türe immer wieder auf und kam zurück, stets ein wenig größer geworden.“ Ganz feine Rezension und auf jeden Fall ein Buch, was mich an eine längst vergangene Zeit erinnern wird. Und seit dem literarischen Quartett verkaufen wir es gut. Und icke? : Berlin 1982, nicht wissen wohin. Tätigkeit als Nachtwache Urologie, Dichten was das Zeugs hält, als würde Else Lasker Schüler stets hinter mir stehen. Und immer schön fertig sein und bis morgens im Mehringhof herumlungern, und wieder ein Gedicht auf den Lippen….Ich grüße dich herzlich ;) aus einer kleinen feinen Buchhandlung in Rinteln Buch & Wein Rinteln

  3. ? Ich bin Arzt und habe schon viele Arten von Urin gesehen: gelben, roten, bierbraunen, flockigen, schäumenden, stinkenden…..Aber zähflüssigen?? Echt noch nie!

    1. Es war eine honigartige Konsistenz, die nur ganz, ganz langsam aus dem Kathederbeutel tropfte. Da finde ich „zähflüssig“ eigentlich eine ganz passende Beschreibung.

      1. ???? Ein Mensch mit so einem Urin sollte mit Blaulicht zum Urologen. Nichts, was auch nur halbwegs in die Blase gehört, macht so eine Konsistenz. Ein Urin von honigartiger Dichte würde ja an den Blasenwänden kleben bleiben, Bakterien würden sich festsetzen und die Urosepsis wäre vorprogrammiert. Die Harnleiter sind ja auch nur wenige Millimeter dick, sie würden auch in kürzester Zeit verkleben und die Nierenbecken würden sich aufstauen. Sehr unschön!
        Ich glaube hier handelt es sich eher um eine retrospektiv vermischte Projektion der zähflüssigen Zeit des Zivi-Lebens auf die arme unschuldige Base des Bewohners oder doch einfach um eine leicht dahingeschlampte Metapher?
        Sie sind verhaftet!
        Grüße, die Wortpolizei

  4. Danke. Das Buch liegt schon eine Weile hier, aber man kommt ja zu nichts. Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass der Autor im Brotberuf das Streiflicht der Süddeutschen verantwortet. Wer die dort anzutreffende Leichtigkeit der Sprache liebt, wird sich auch in diesem Buch wohlfühlen.

  5. Teile deine Meinung, auch ich konnte mich in der Hauptfigur teilweise wiederfinden, vor allem was die Zivildienstpassagen angeht. Es ging dann, wie bei dir, zu den Büchern, in meinem Fall in den Verlag und die Bibliothek. Klute gibt ganz nebenbei noch den einen oder anderen Einblick in die literarische Szene nach dem 2. WK. Tolles Buch.

    1. Ja, diese Zivildiensterlebnisse auf der Pflegestation vergisst man nicht. Ist zwar schon ewig lange her, aber beim Lesen war das alles wieder so präsent, das war unglaublich.

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