Zum Wolf werden

Guillermo Arriaga: Der Wilde

Wie anfangen? Diese Frage stelle ich mir oft zu Beginn einer Buchvorstellung, doch selten war ich so unschlüssig wie diesmal. Denn es geht um ein Buch, in dem zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zusammengeführt werden; das alles auf drei, vier Zeitebenen. An der Oberfläche ist der Roman »Der Wilde« von Guillermo Arriaga die Geschichte einer Rache. Doch dies in einer Vielschichtigkeit, die weit darüber hinaus geht.

Im Zentrum der Handlung steht das Kleine-Leute-Viertel Unidad Modelo in Mexiko-City, in dem der Ich-Erzähler Juan Guillermo und sein Bruder Carlos aufwachsen. Das Leben findet zu großen Teilen auf den flachen Dächern der Häuser statt, die »Landschaft aus Wassertanks, Wäscheleinen und Fernsehantennen« ist ein Ort, an dem sich besonders die jungen Menschen treffen. Es gibt Wege von Dach zu Dach, die schmalen Gassen müssen übersprungen werden. Der Grund für diese Rückzugsgebiete ist die politische Situation: Es ist das Jahr 1969 und die konservative mexikanische Regierung mit ihrer Kommunisten-Paranoia geht rigoros gegen jeden vor, der nicht in das offizielle Weltbild passt; lange Haare bei einem Mann reichen, um von den patrouillierenden Polizisten zusammengeschlagen zu werden. Ein Jahr zuvor endete eine Studenten-Demonstration im Kreuzfeuer des mexikanischen Militärs.

Das sind ein paar Eckdaten des Romans. Auf den ersten Seiten stellt uns der Ich-Erzähler seine Familie vor, seine Eltern, seine Großmutter und seinen Bruder, die zusammen mit zwei Wellensittichen und dem Hund King ein Haus mitten im Viertel bewohnen. Gleich auf der zweiten Seite kommt der erste Faustschlag: »Im Laufe der kommenden vier Jahre würden alle sterben. Mein Bruder, meine Eltern, meine Großmutter, die Wellensittiche und King.« Dann beginnt er zu erzählen. Und viele Faustschläge werden folgen.

Juan ist vierzehn, sein von ihm bewunderter und geliebter großer Bruder Carlos ist ein paar Jahre älter, ein junger Erwachsener. Und ein gewiefter und erfolgreicher Drogendealer. Angefangen hat er – natürlich auf den Dächern – mit einer Chinchillazucht; die Erlöse aus dem Fellverkauf dienten als Grundkapital, um zusammen mit zwei Freunden einen florierenden Drogenhandel aufzubauen: Sie verkaufen Morphium und LSD an Jugendliche der Upper-Class mit Hippie-Allüren und dem nötigen Kleingeld. Denn »im Kapitalismus besaß Rebellentum – das hatte Carlos scharfsinnig erkannt – einen hohen kommerziellen Wert«. Der Erfolg schafft Feinde; der Polizeichef Commandante Zurita versucht Carlos und seinen beiden Freunden das Handwerk zu legen – allerdings nur deshalb, weil sich die drei standhaft weigern, der durch und durch korrupten Polizei einen Anteil an den Verkaufserlösen zu bezahlen.

Dann gibt es noch die »guten Jungs«, wie sie abschätzig genannt werden. Es sind junge Katholiken, immer ordentlich angezogen, die langärmigen Hemden stets gebügelt. Ihnen ist der Drogenhandel ein Dorn im Auge, doch Carlos nimmt sie erst einmal nicht weiter ernst. Damit unterschätzt er seinen Gegner gewaltig, denn die guten Jungs nennen sich selbst »die jungen Christgeweihten« – und aus ihnen wird der paramilitärische Arm der katholischen Jugendbewegung in Mexiko. Dogmatisch, fanatisch, mörderisch. Es sind »Gotteskranke«.

Den großartigen Begriff »gotteskrank« habe ich durch dieses Buch kennengelernt und ich werde ihn sicherlich noch häufig verwenden, denn besser kann man religiösen Fanatismus nicht bezeichnen. Egal, ob die Gotteskranken gebügelte Hemden oder ungepflegte Bärte tragen.

Am gleichen Tag, an dem auf dem Mond zum ersten Mal zwei Astronauten herumhüpfen, wird Carlos ermordet. Brutal und gnadenlos, vor den Augen des ganzen Viertels; eine Szene, die zu den eindringlichsten im Roman gehört.

Zwei, drei Jahre danach sind auch – wie auf der zweiten Seite des Buches angekündigt – Juans restliche Angehörigen tot. Er ist verzweifelt, alleine und besessen von den Gedanken an seine Rache. Rache. So blutig wie möglich. Nur die Liebe der Nachbarstochter Chelo kann verhindern, dass er vollends in eine Dunkelheit voll Raserei abgleitet. Und dann tritt der Wolf in sein Leben.

Der Wolf heißt Colmillo und gehört einem Nachbarn, der ihn aus Kanada kommen ließ; eigentlich hatte er bei einem Züchter einen Wolfshund bestellt, um ihn als Wachhund auszubilden. Bekommen hatte er jenen Wolf, der durch die vollkommen falsche Haltung zu einer Bestie wurde, gefährlich, heimtückisch, schnell und tödlich. Ein Lebewesen, eingesperrt in einem engen Hof, alleine mit seiner Wut. Als er eingeschläfert werden soll, nimmt Juan ihn zu sich. In wochenlanger Schwerstarbeit und nach vielen Verletzungen gelingt es ihm mit Hilfe der Tipps eines Zirkusdompteurs, Colmillo zu zähmen. Wobei das nicht das richtige Wort ist. Zu unterwerfen wäre passender.

Dieser Wolf ist ein Spiegelbild von Juans Seele. Voll unterdrücktem Hass und eingesperrtem Zorn, ruhelos, unberechenbar. Wild.

Inzwischen hat ein zweiter Handlungsstrang begonnen, der uns weit weg von den Geschehnissen führt, hoch hinauf in den Norden Kanadas. Es ist die Geschichte des Jägers Amaruq, der einige Jahre vor den bisher geschilderten dramatischen Ereignissen einem Wolfsrudel auf der Spur ist. Immer weiter entfernt er sich von den letzten menschlichen Außenposten, die wochenlange Jagd führt ihn tiefer und tiefer hinein in Schnee, Kälte und Eis. Er ist besessen davon, den Leitwolf des Rudels zu erlegen, ein legendär großes Tier, das von den Inuit »Nujuaqtutuq« genannt wird, was soviel heißt wie: Der Wilde.

»Um einen Wolf zu jagen, muss man selber ein Wolf sein.«

Dieser Grundsatz gilt auch für Juan. Doch was wird sein, wenn der Zeitpunkt der Rache gekommen sein mag? Einer Rache, die auch den sich Rächenden am Ende mit zerstören würde. Kann es danach ein Weiterleben geben? Haben wir eine Wahl? Einen freien Willen? Oder weiter gedacht: Kann man überhaupt leben, wenn die eigenen Gedanken dauerhaft um Rache kreisen? Man besessen davon ist? Auf die Beantwortung dieser Fragen steuert die Romanhandlung unaufhaltsam hin. Und Juans Wolf wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Die unterschiedlichen Handlungsstränge sorgen für einen ständigen Perspektivwechsel: Berichtet wird vom Aufwachsen der Brüder Juan und Carlos in der Zeit lange vor dem Mord. Erzählt wird von den Monaten und Wochen unmittelbar vor Carlos‘ Tod; ein verhängnisvolles Rädchen greift in das andere, bis die Ereignisse nicht mehr zu stoppen sind, die zu Carlos‘ gewaltsamen Ende führen. Die zentrale Erzählebene ist die Zeit nach dem Mord bis in die Gegenwart der Handlung. Und dazu kommt die Geschichte der mythischen Jagd auf „Nujuaqtutuq“, anfangs vollkommen für sich stehend, bis sich immer mehr Verknüpfungen herauskristallisieren, auf eine ruhige Art und Weise rasant erzählt. Am Ende liegen die Zusammenhänge klar ausgebreitet vor dem Leser und alles ergibt einen Sinn. Alles musste genau so kommen.

Der Autor Guillermo Arriaga hält dabei sämtliche Handlungsfäden souverän in den Händen und verwebt sie meisterhaft zu einem Erzählteppich. Jedes Kapitel hat mehrere Abschnitte, jeder Abschnitt spielt in einer anderern Zeit- oder Handlungsebene; trotzdem wirkt das alles nie verwirrend – und aus Platzgründen habe ich nur die wichtigsten Erzählstränge erwähnt.

Und wenn man das Buch nach 745 Seiten zuklappt, ist das wie ein Abschied.

Von Juan. Und von Colmillo, dem Wolf.

Buchinformation
Guillermo Arriaga, Der Wilde
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96177-5

#SupportYourLocalBookstore

14 Antworten auf „Zum Wolf werden“

  1. Hi, wenn ich ehrlich bin hab ich nicht so recht eine Ahnung, was mich hier so erwarten wird. Vor allem der beschriebene zentrale Punkt, die Rache und was daraus womöglich folgt, also die womögliche Selbstzerstörung der Hauptperson. Ich meine, Rache, eines der großen Gefühle, so wie Liebe, Eifersucht etc., das ist schließlich als Antrieb fürs Handeln nichts ungewöhnliches und die Folgen daraus, insbesondere wenn es zur Bessenheit wird, na ja, das ist doch das Futter, aus dem Literatur ist. Eigentlich wollt ich den Ausdruck vermeiden, aber so wie es beschrieben ist drifte ich so ein bisschen in Richtung banal.

    VG
    Christian

    1. Das Buch ist alles andere als banal. Daher schrieb ich auch, dass es nur an der Oberfläche um eine simple Rache-Geschichte geht. Das Aufdröseln der Handlung, die verschiedenen Zeitebenen und die Entwicklung des Hauptprotagonisten – das ist große Erzählkunst.
      Beste Grüße
      Uwe

      1. Hi nochmal, ja, bin ich dabei, die Verbindung mehrerer Handlungsebenen kann interessant sein. Nur darum geht es mir nicht.
        Ich versuche es mal andersherum – der Hauptstrang ist die Rache und die Konsequenzen, füllt ca. 100 Seiten, dann der Wolf, ca 50. Bleiben noch ca. 600 Seiten, was passiert da? Ich hätt gerne ein wenig mehr Appetit daruf…gemacht bekommen.

        VG
        Christian

        1. Die Sache ist die: Was verrät man von einem Roman, um über ihn zu schreiben, aber ohne zu viel vorwegzunehmen? Dazu kommt bei diesem hier die große Komplexität der aufeinander aufbauenden und ineinander verschachtelten Zeit- und Erzählebenen, in denen es um viel mehr geht, als in einer Buchvorstellung erwähnt werden kann. Es würde den Rahmen sprengen, auch über das Leben von Carlos zu schreiben, über die ausgeklügelten Drogenbeschaffungsstrategieen, über das Schicksal seiner beiden Freunde, über die sozialen Strukturen der mexikanischen Gesellschaft, über die fanatisierten Katholiken und Juans Verhältnis zu ihnen, über Juans unfreiwillige Mithilfe bei der Ermordung seines Bruders, über die unglaubliche Perfidie jener Ermordung, über die Liebesgeschichte zwischen Chelo und Juan, über die wichtige Rolle des Dompteurs in Juans Leben, über das versteckte Drogengeld und noch vieles mehr. Und zur Geschichte des Wolfes gäbe es ähnlich viel zusätzlich zu erwähnen. Aber – wie gesagt – die Komplexität des Buches würde den Rahmen sprengen, weshalb ich mich lediglich auf die Hauptstränge beschränkt habe.
          Herzliche Grüße
          Uwe

          1. Ich hab mir eine Probeexemplar besorgt, die ersten 30 Seiten. War gut, das ich es gefunden habe, nur gefallen hat es mir leider nicht. Es werden sehr schnell sehr viele Informationen geschrieben, ein Rahmen aufgebaut, in den der Autor dann relativ problemlos hinein erzählen kann. Das ist nicht so mein Ding, ich mag es lieber, wenn ein Bild langsamer gemalt wird. So ist mir der Hauptdarsteller nach den 30 Seiten maximal egal, bei seinem Bruder hatte ich eher Antipatie.
            Außerdem fehlt aus meiner Sicht etwas entscheidedendes – Atmosphäre. Ich kenne Mittelamerika nicht, war aber beispielsweise schon in Asien. Manila hat einen ganz eigenen Geruch, Lärm, Geräuschkulisse. NIchts davon ist in dem Text zu finden, entweder man weiß Bescheid, oder man landet bei etwas, was man kennt, so wie ich.
            Na ja, wird also leider nichts aus mir und dem Buch. Was schade ist, ich fand die Kombination von 745 Seiten und dem Schlusssatz, den ja schon Wolfgang gelobt hat, reichlich vielversprechend.

            VG
            Christian

            1. Dann passt es einfach nicht – das ist bei Büchern ja nicht ungewöhnlich, denn die Geschmäcker sind einfach verschieden. Aber danke für die Beschäftigung damit und den Versuch.
              Viele Grüße
              Uwe

  2. Hallo,

    das klingt großartig – da musste ich doch direkt mal schauen, ob die Onleihe das eBook hat! Hat sie. Es sind gerade alle verfügbaren Lizenzen ausgeliehen, aber ich habe mich aber auf die Vormerkerliste gesetzt und sollte das eBook Ende August schon bekommen. Ich bin gespannt!

    LG,
    Mikka

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.