9/11: Der Tag, der alles veränderte

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille

Am frühen Morgen des 12. September 2001 war ich auf dem Weg zum nächstgelegenen Zeitungskiosk, um zwei, drei Tageszeitungen zu kaufen. Nicht, um sie zu lesen, sondern um sie als zeitgeschichtliche Dokumente aufzubewahren. Denn es war vollkommen klar, dass der Tag zuvor alles verändern würde. Als die beiden Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gekracht waren, als Manhattan in einer riesigen Staub- und Rauchwolke versank, als tausende von Menschen starben, als all dies live über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt flimmerte – da hörte die Welt, die wir bisher kannten, auf zu existieren. Die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und auch nach zwanzig Jahren lösen sie beim Betrachten Entsetzen aus. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich viel über diesen Schicksalstag gelesen – aber noch nie ein Buch wie »Und auf einmal diese Stille« von Garrett M. Graff. Das uns so nahe an die Geschehnisse heranführt, wie es für Außenstehende möglich ist. Der Untertitel schickt es bereits voraus: »Die Oral History des 11. September«.

Es ist ein interessantes Phänomen, das mir schon oft aufgefallen ist, und das der Autor auch im Vorwort beschreibt: Kommt die Rede auf den 11. September, beginnt jeder Gesprächspartner sofort zu erzählen, was er in dem Moment machte, als er die Nachricht über die Geschehnisse in New York erhielt. Immer. Und ich selbst bin da keine Ausnahme, denn wie alle anderen weiß ich es natürlich noch ganz genau. Im Buch »Und auf einmal diese Stille« allerdings geht es nicht darum, zu erzählen. Sondern darum, zuzuhören – denn es kommen die Menschen zu Wort, die diesen Tag direkt erleben mussten, als Betroffene und als Opfer, als Zeugen, als Helfer, als Hinterbliebene. Und immer wieder sind es Stimmen von Menschen, die diesen Tag nicht überlebt haben.

Beim Verfassen dieses Buches arbeitete der Autor eng mit der Oral-History-Forscherin Jenny Pachucki zusammen. Sie beschäftigt sich als Historikerin mit dem 11. September und hat für das Buchprojekt etwa 5000 Zeitzeugenberichte, Protokolle, Videointerviews und andere Aufzeichnungen ausgewertet. Nach zweijähriger intensiver Arbeit kristallisierten sich 500 unterschiedliche Stimmen heraus, die Aufnahme in »Und auf einmal diese Stille« gefunden haben. Die Bandbreite ist dabei immens; Büroangestellte unterschiedlichster Firmen im World Trade Center kommen zu Wort, Elektriker, Köche, Wachleute und viele andere, die in den Zwillingstürmen arbeiteten. Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter, Journalisten, Anwohner, Besucher, Menschen die aus welchem Grund auch immer von den Schrecken betroffen waren, die an diesem verhängnisvollen Tag kein Ende zu nehmen schienen.

Das gleiche auch im Pentagon, in das die dritte Maschine hineingesteuert wurde. Denn auch wenn 9/11 vor allem mit den einstürzenden Hochhäusern visuell in Verbindung gebracht wird, verbrannten auch im schwer getroffenen amerikanischen Verteidigungsministerium Menschen in den Flammen des explodierenden Flugzeugs. Letzte Nachrichten aus dem United-Airlines-Flug 93 sowie die aufgezeichneten Sprachprotokolle sind ebenfalls Teil des Buches – sie dokumentieren den mutigen Versuch der Passagiere, sich den Terroristen entgegenzustellen. Ein Versuch, der ebenfalls in einem Feuerball endete. Des weiteren finden die Leser die Stimmen von Flughafenangestellten, von anderen Piloten, von Mitgliedern der Flugsicherung, von Militärs und vielen anderen Menschen, die das Geschehen fassungslos verfolgten und es nicht stoppen konnten. Und nicht zuletzt kommen auch prominente Namen zu Wort, seien es Donald Rumsfeld, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Laura Bush oder Rudy Giuliani, der damals als Bürgermeister New Yorks den ganzen Tag vor Ort war und zwischenzeitlich für vermisst erklärt wurde. 

Garret M. Graff hat die transkribierten Wortprotokolle in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Die Aufzeichnungen wurden dazu entsprechend aufgesplittet, so dass Stunde für Stunde dieses Schicksalstages vor uns abläuft, wir als Leser dadurch vielen Stimmen immer wieder begegnen. Manchen häufig, manchen mehrmals. Und manchen nur ein einziges und letztes Mal. Meist sind es jeweils drei, vier Sätze, manchmal auch mehr; entstanden ist dadurch eine hochemotionale Collage des Grauens, der Angst und des Todes; aber auch der Hoffnung, des Überlebens und des Zusammenhalts in einer extremen Ausnahmesituation.

Es sind unzählige Eindrücke, die sich zu einem Gesamtbild verdichten – so intensiv, wie ich es noch nie in einem Buch erlebt habe. Denn es geht nicht um eine dystopische Romanhandlung, sondern um die Bilder, die ich schon so oft gesehen habe – und die sich plötzlich mit Menschen füllen. 

So erzählt David Kravette, ein Anleihenmakler im 105. Stock des Nordturms, dass Besucher zu einem Meeting eingetroffen waren, sie aber nicht durch die Lobby im Erdgeschoss kamen, weil einer von ihnen keinen Ausweis dabeihatte. Eigentlich hätte seine Assistentin mit dem Aufzug hinunterfahren müssen, um für diese Person zu unterschreiben. Da sie aber im achten Monat schwanger war, dachte er, dass er ihr das nicht zumuten könne und fuhr selbst ins Erdgeschoss. Er sah sie nie wieder; um 8.46 Uhr schlug das erste Flugzeug zwischen dem 93. und 99. Stockwerk des Nordturms ein. (Seite 33)

Mike Tuohey arbeitete am Portland International Jetport und erinnert sich daran, wie er zu einem gerade eingecheckten Passagier sagte: »Mr. Atta, wenn Sie jetzt nicht losgehen, verpassen Sie ihren Flug.« (Seite 28)

»Wir fliegen viel zu tief« lauteten die letzten Worte der Flugbegleiterin Madeline »Amy« Sweeny, die telefonisch Kontakt mit dem American Airlines Flight Services Office hatte. (Seite 45)

Bruno Dellinger, der im 42. Stock des Nordturms arbeitete, erinnert sich an den Moment, als ihm im Treppenhaus die ersten Feuerwehrleute entgegenkamen, die sich mit ihrer schweren Ausrüstung mühsam Stufe für Stufe nach oben schleppten. »Während ich nach unten ging, liefen sie nach oben in ihren Tod. Das werde ich nie vergessen.« (Seite 161) Hunderte von Rettungskräften starben in den einstürzenden Hochhäusern und viele von ihnen hat man nie gefunden. 

Schrecklich zu lesen sind die Zeugenberichte derjenigen, die mitansahen, wie sich die Menschen aus den oberen Stockwerken der Türme in die Tiefe stürzten, um nicht zu verbrennen. Alleine, zu zweit, einmal sogar zu viert, Hand in Hand. (Seite 172 ff.)

Etwa 350 Kilometer weiter südlich sah die Schulleiterin einer Elementary School in Arlington direkt über ihrem Haus das Flugzeug, das gleich darauf ins Pentagon stürzte. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr Mann an Bord war. (Seite 260)

Beverly Eckert telefonierte mit ihrem Mann Sean Rooney, der im 98. Stockwerk des Südturms oberhalb der Einschlagstelle in der Falle saß. Sie erzählt, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel, wie die Hitze immer unerträglicher wurde, wie sie sich voneinander verabschiedeten. Und wie es eine Art scharfes Knacken gab, als der Boden unter ihm einbrach und das Hochhaus in sich zusammenbrach. (Seiten 187 & 196)

Andy Card, Stabschef des Weißen Hauses war mit Präsident Bush bei einem Besuch einer Schule in Florida. Die Bilder gingen damals um die Welt: Bush sitzt in einem Klassenzimmer und erhält die Nachricht ins Ohr geflüstert, dass ein zweites Flugzeug den anderen Turm getroffen hat. Andy Card war der Überbringer der Nachricht und beschreibt, wie dieser Moment für ihn war – denn ihm war klar, dass sich nun alles verändern würde. (Seite 107) 

Dies sind nur einige wenige Momentaufnahmen, von denen es im Buch unzählige gibt. Es sind apokalyptische Bilder, die uns geschildert werden. Das lichterloh brennende Pentagon, während tausende Mitarbeiter unter nahegelegenen Brücken kauern, da sie mit einem weiteren Angriff rechnen. Die Straßen rund um das World Trade Center, die übersät sind mit Körperteilen, Gebäudetrümmern und brennenden Wrackstücken der Flugzeuge. Die gigantische, hochgiftige Betonstaubwolke, die beim Einsturz der beiden Türme mit der Geschwindigkeit eines Tornados alles verschluckte – an den Nachwirkungen sterben bis heute Menschen. 

Immer wieder sind Geschichten dabei, die ein klein wenig Trost spenden in all dem Chaos, der Verwirrung und der Verzweiflung. Berichte von Menschen, die einander helfen, die nicht aufgeben, die sich selbst hintenanstellen, um andere zu retten. Und an vielen Stellen des Buches ist von einer allumfassenden Stille die Rede; Momentaufnahmen, die sich durch den ganzen Tag ziehen. »Nach dem Einsturz des Gebäudes breitete sich eine Stille aus, die ich niemals vergessen werde. Als die Staubwolke kam, war nichts mehr zu hören und zu sehen«, so Det. Sgt. Joe Blozis vom NYPD. Vollkommen gespenstisch der geschilderte Moment, als Menschenmassen über die leere Brooklyn Bridge laufen – voller Staub, mit verdreckter, zerfetzter Kleidung, blutend, hustend; Überlebende mit entsetzten, ungläubigen Blicken.

»Und auf einmal diese Stille« gehört zu den besten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Seit Monaten wollte ich es hier vorstellen, aber es gelang mir nicht, die passenden Worte für dieses vielschichtige Werk zu finden, das ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument darstellt. Anlässlich des 20. Jahrestages der Terroranschläge las ich es ein zweites Mal – und es hat mich auch bei der wiederholten Lektüre vollkommen erschüttert. Stunde für Stunde läuft dieser sonnige Dienstag im September 2001 vor dem inneren Auge ab, und ich weiß nicht, wie oft ich fassungslos kurz innehalten musste.  Besonders im Kopf geblieben ist mir eine Erinnerung, mit der das Buch beginnt. Astronaut Frank Culbertson war an Bord der Weltraumstation ISS, »der einzige Amerikaner, der sich nicht auf dem Planeten Erde befand.« Es war einer der klarsten Tage des Jahres und aus 350 Kilometer Höhe sah er die riesige schwarze Rauchsäule, die über New York aufstieg und weit auf den Atlantik hinaustrieb. Die nächste Überquerung führte ihn über das brennende Pentagon, während weiter im Norden immer noch der Rauch über New York hing. Bei der dritten Umrundung waren alle Kondensstreifen über den USA verschwunden, der Luftraum war gesperrt worden. Nur ein einziges Flugzeug konnte Culbertson ausmachen: Die Air Force One, die mit dem Präsidenten an Bord einsam ins Ungewisse unterwegs war. 

»Und auf einmal diese Stille« ist ein Buch, das mich sehr beschäftigt hat und auch noch sehr lange beschäftigen wird. Die Länge dieses Blogbeitrags gibt einen Eindruck davon und doch habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche dieses vielschichtigen, authentischen Werkes zu kratzen. Und vieles, was die darauf folgenden zwanzig Jahre und damit die Welt von heute prägen sollte, wird darin schon angedeutet: Kriege, Instabilität, gespaltene Gesellschaften. »Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.« Die Folgen des 11. September 2001 dauern an bis heute. Und es ist nicht vorbei. Noch lange nicht.

Oder, wie es Rosemary Dillard, Managerin bei American Airlines, ausdrückte: »Ich glaube nicht, dass die jungen Leute, die das hier lesen werden, die gleichen Freiheiten erleben werden, die ich genoss, als ich aufgewachsen bin.«

Ihr Ehemann befand sich an Bord eines der entführten Flugzeuge. 

Buchinformation
Garrett M. Graff, Und auf einmal diese Stille – Die Oral History des 11. September
Aus dem Englischen von Philipp Albers und Hannes Meyer
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47090-9

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Keiner kommt hier lebend raus

Benjamin Whitmer: Flucht

Der Begriff »Noir« dürfte allen Literaturinteressierten bekannt sein, aber was genau verbirgt sich dahinter? Für diese Stilrichtung gibt es keine allgemeingültige Definition; vor einiger Zeit tastete sich Sonja Hartl in ihrem Essay »Was ist Noir?« an die Thematik heran. Unter anderem heißt es darin: »Die Düsterheit der Existenz, das Erkennen von Moral bzw. deren Abwesenheit und die Einsicht, dass es keine Erlösung – kein glückliches Ende – gibt, machen somit den Noir aus. … Aus dieser zugrunde liegenden Weltsicht lassen sich Themen und Handlungselemente ableiten. Oft geht es um die zerstörerische Kraft der Macht, die Bedeutungslosigkeit und Absurdität der Existenz, die Korrumpierung des öffentlichen Lebens, um Unordnung, Missbehagen, Unzufriedenheit. Die Protagonisten sind häufig Einzelgänger und soziale Außenseiter. Sogar wenn die Hauptfigur gut ist, ist sie zynisch und glaubt, dass die Gesellschaft korrupt sei, sie aber der Gerechtigkeit Genüge tun kann. Extreme sind die Norm – und weder das Gute noch die Gerechtigkeit werden zwangsläufig siegen.« Zwar muss ein Noir-Roman nicht unbedingt ein Kriminalroman sein, aber dieses Genre bietet sich natürlich geradezu an. Daher ist es kein Zufall, dass Sonja Hartls Essay im Blog Polar-Noir veröffentlicht wurde, dem Verlagsblog des Polar-Verlags; eines Verlags, der sich auf grandios-düstere Kriminalromane spezialisiert hat. Und das Buch »Flucht« von Benjamin Whitmer ist ein gutes Beispiel für die literarische Qualität des Verlagsprogramms: Noir vom Feinsten. „Keiner kommt hier lebend raus“ weiterlesen

Majestätische Hoffnungslosigkeit

Hernan Diaz: In der Ferne

Diejenigen, die schon länger in diesem Blog mitlesen, wissen, dass ich ein Faible habe für eher düstere Romane, deren Protagonisten ihrem Leben verloren gegangen sind. Getriebene, Einsame, Suchende – das sind meine literarischen Helden. Dieses Entwurzelte oder dieses Gefühl, komplett auf sich alleine zurückgeworfen zu sein, sind derart existenzielle Situationen, dass sie jene Romanfiguren zu Sinnbildern des Lebens an sich machen. Sie regen zum Nachdenken an, zur Beschäftigung mit den Gedanken, woher wir kommen, wohin wir gehen und was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist – und die viel schneller vorbei sein wird, als wir es uns in jungen Jahren vorstellen können. »In der Ferne« von Hernan Diaz ist daher ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und ist dabei etwas sehr Besonderes, denn noch nie habe ich einen Text gelesen, in dem die geschilderte Einsamkeit so überwältigend präsent war, wie in diesem. „Majestätische Hoffnungslosigkeit“ weiterlesen

Der Krieg, die Lügen und die Politik

Steffen Kopetzky: Propaganda

»Propaganda (von lateinisch propagare ›weiter ausbreiten, verbreiten‹) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die zielgerichteten Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine erwünschte Richtung zu lenken.« So definiert Wikipedia den Begriff und genau darum geht es im Roman »Propaganda« von Steffen Kopetzky: Um das Beeinflussen von Meinungen in Kriegszeiten. Um das Schönreden, Verschleiern und Vertuschen. Um das Lügen. Und John Glueck, der Held der Geschichte, ist einer dieser Menschen, die genau damit befasst sind. „Der Krieg, die Lügen und die Politik“ weiterlesen

Zur anderen Seite der Welt

Antonin Varenne: Aequator

Im Roman »Äquator« erzählt Antonin Varenne die Geschichte eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst: Pete Ferguson ist ein Getriebener, ein steckbrieflich Gesuchter, der sich im Nebraska des Jahres 1871 auf den Weg in Richtung Äquator macht. Denn dort im tropischen Nirgendwo, so glaubt er, wird er sein Leben neu beginnen können. Varenne hat bereits mit »Die sieben Leben des Arthur Bowman« den Abenteuerroman stilistisch in unsere Zeit geholt. Mit »Äquator« gelingt ihm dies erneut. „Zur anderen Seite der Welt“ weiterlesen

Kensington Avenue, Philadelphia

Liz Moore: Long Bright River

Lesen ist Reisen im Kopf – dieser Satz ist vollkommen überstrapaziert, aber vor allem ist er eines: wahr. Und manchmal führen einen diese Reisen in Gegenden, in die man im echten Leben eher nicht kommen würde. So wie etwa nach Kensington im Roman »Long Bright River« von Liz Moore, einem Stadtteil Philadelphias, der allerdings mit seinem edlen Namensvetter in London nichts gemein hat. Denn Philadelphias Kensington ist einer der größten Drogen-Hotspots im Osten der USA und ein Viertel, das geprägt ist von Drogenhandel, Kriminalität, Straßenprostituion, Obdachlosigkeit, leerstehenden Industriebauten, Abbruchhäusern, zugemüllten Brachflächen, Perspektivlosigkeit und kaputten Menschen. Und einer Menge Drogentoten, Jahr für Jahr. Dazwischen leben diejenigen, die schon immer dort wohnen, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen. Oder es auch nicht wollen. Die sich irgendwie arrangieren, durchschlagen, kleine Geschäfte betreiben, Nagelstudios, Handy-Läden, Mini-Märkte, Pfandhäuser, Diner oder einfache Cafés und auf ein besseres Morgen hoffen. Und zwischen dem Elend auf der Straße blinzelt die Gentrifizierung durch die Abgase und den Staub, denn die Mieten sind billig, ziehen die ersten jungen Leute mit Geld an, die gerne urbane  Bohème spielen, »ernst, reich, naiv«. Hippe Imbisse, Craft-Bier-Kneipen oder schicke Cafés sind in den letzten Jahren im Viertel aufgetaucht; mit Preisen, die sich die Alteingesessenen kaum leisten können. „Kensington Avenue, Philadelphia“ weiterlesen

Die Reise ins Nirgendwo

Alma Katsu: The Hunger - Die letzte Reise

Der lange Weg nach Westen gehört zu den Gründungsmythen der USA. Die Bilder dazu in unseren Köpfen verdanken wir Hollywoods Traumfabriken: Planwagenkolonnen, die durch eine endlose Prärie ziehen, hoffnungsvolle Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Die harte Wirklichkeit sah anders aus, denn abgesehen davon, dass die Besiedlung des Westens einherging mit der gewaltsamen Vertreibung der indigenen Bevölkerung, waren es keine heldenhaften Pioniere, die Wagen an Wagen in Richtung Abendröte zogen. Sondern Familien, die nichts zu verlieren hatten, die aufgebrochen waren, um der Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen; Gücksritter waren dabei, die alles auf eine Karte setzten, Entwurzelte, aber auch Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren und eine zweite Chance suchten. Und längst nicht alle überstanden die monatelange Reise durch eine raue Natur, die lebensbedrohlich werden konnte. Die Opfer forderte und manchmal für furchtbare Tragödien verantwortlich war. Von einer dieser Tragödien erzählt die Autorin Alma Katsu in ihrem Roman »The Hunger« – mit dem vielsagenden Untertitel »Die letzte Reise«. „Die Reise ins Nirgendwo“ weiterlesen

»Fahrenheit 451«: Ein Interview zur Neuübersetzung

Der Dystopie-Klassiker »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury wurde von Peter Torberg neu übersetzt. Entstanden ist dabei ein mitreißend erzählter Roman mit einer bildgewaltigen Sprache – ganz im Sinne des Autors, der dieses Buch seinerzeit in nur neun Tagen niederschrieb; seine Aufgewühltheit beim Verfassen des Textes ist in der Neuübertragung deutlich spürbar. Überhaupt verdanke ich der Übersetzungsleistung Peter Torbergs etliche großartige Leseerlebnisse; als Beispiele seien »Winters Knochen« von Daniel Woodrell, »Bitter Wash Road« von Gary Disher oder »Einsame Tiere« von Bruce Holbert genannt. Vor einiger Zeit hatten wir uns auf der Frankfurter Buchmesse auf einen Kaffee getroffen und ein Interview verabredet. Nun bot die Neuübersetzung von »Fahrenheit 451« einen guten Anlass, ihm Fragen zu seiner Tätigkeit zu stellen. „»Fahrenheit 451«: Ein Interview zur Neuübersetzung“ weiterlesen

Acht Generationen, zwei Kontinente

Yaa Gyasi: Heimkehren

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Sklaverei. Egal wann oder wo auf der Welt, stets wurden Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt, die nicht viel kosteten und jederzeit ersetzt werden konnten. Doch der massive Sklavenhandel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen Millionen von Verschleppten hatte noch einmal ganz andere Dimensionen: Er prägte gesellschaftlich und politisch den afrikanischen und die beiden amerikanischen Kontinente bis heute – egal, ob es sich um strukturellen Rassismus oder das blutige Erbe europäischer Kolonialherrschaft handelt. In ihrem Roman »Heimkehren« erzählt Yaa Gyasi eine von diesen Entwicklungen geprägte Familiengeschichte über acht Generationen, die auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt ist. „Acht Generationen, zwei Kontinente“ weiterlesen

Schreiben, um zu leben

Lily King: Writers & Lovers

Der Roman »Writers & Lovers« von Lily King beginnt mit einem starken ersten Satz: »Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken.« Schon hat man als Leser eine Person vor Augen, die vollkommen mit dem Rücken zur Wand steht. Diese Person, diese Ich-Erzählerin ist Casey, die einen ganzen Sack voll heftiger Probleme mit sich trägt; ihr einziger Trost, ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Verlangen ist das Schreiben. »Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.« Casey ist Autorin, 31 Jahre alt, pleite, Halbwaise mit einem gebrochenen Herzen und gelegentlichen Angstattacken, und sie schreibt seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman. „Schreiben, um zu leben“ weiterlesen

Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. „Ein Gangster-Triple“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta. „Land Of The Free?“ weiterlesen

Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden. „Migrantenschicksale“ weiterlesen

Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen