Acht Generationen, zwei Kontinente

Yaa Gyasi: Heimkehren

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Sklaverei. Egal wann oder wo auf der Welt, stets wurden Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt, die nicht viel kosteten und jederzeit ersetzt werden konnten. Doch der massive Sklavenhandel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen Millionen von Verschleppten hatte noch einmal ganz andere Dimensionen: Er prägte gesellschaftlich und politisch den afrikanischen und die beiden amerikanischen Kontinente bis heute – egal, ob es sich um strukturellen Rassismus oder das blutige Erbe europäischer Kolonialherrschaft handelt. In ihrem Roman »Heimkehren« erzählt Yaa Gyasi eine von diesen Entwicklungen geprägte Familiengeschichte über acht Generationen, die auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt ist. 

Es beginnt im Ghana des 18. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der die europäischen Mächte dabei waren, ihre kolonialen Stützpunkte an der westafrikanischen Küste auszubauen. Mit Sklaven war viel Geld zu verdienen, die Zuckerrohrfelder und Kaffeeplantagen in Süd- und Mittelamerika sowie die Baumwollfelder im südlichen Nordamerika garantierten eine steigende Nachfrage. Zwei Schwestern lernen die Leser kennen, Effia Otcher und Esi Asare. Zwei Schwestern, die zwar die gleiche Mutter haben, aber nichts voneinander wissen. Effia gehört zu Stamm der Fante; eine Volksgruppe, die sich mit den Briten verbündet hatte und ihnen die Sklaven verkaufte. Die Sklaven wiederum wurden von dem kriegerischen Stamm der Aschanti geliefert, die auf Kriegszügen weit ins Landesinnere zogen, um Menschen zu erbeuten. 

Das ist ein wichtiger Aspekt des Buches: Ohne die Mithilfe afrikanischer Völker wären die Europäer kaum in der Lage gewesen, in einem solch großen Umfang Sklavenhandel zu betreiben. Zwar war es bei vielen Stämmen üblich, Gefangene nach einer kriegerischen Auseinandersetzung als Sklaven zu behalten. Doch erst durch die immense Nachfrage der europäischen Kolonialmächte entstanden daraus regelrechte Menschenjagden und es wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die für unzählige dieser Menschen unsägliches Leid bedeutete. 

Wie etwa für Esi Asare, Effias Halbschwester. Während Effia mit einem britischen Offizier verheiratet wird – weiße Offiziere nahmen sich gerne schwarze Mädchen als Nebenfrauen, auch wenn sie in der Heimat schon längst eine Familie hatten – ist Esi in den Kellergewölben des Forts eingekerkert. Die Schilderung, wie zahllose Frauen in diesen Räumen eingesperrt auf den Sklaventransport warten – übereinander in ihren Exkrementen liegend, verzweifelt ihrem Schicksal entgegensehend – gehört zu den Szenen in diesem Buch, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen und uns Leser entsetzt zurücklassen. Esi überlebt die Qualen des Transports und kommt lebend in Amerika an. Schwanger nach der Vergewaltigung durch einen Soldaten. 

Effia und Esi. Von den beiden Halbschwestern ausgehend spannt die Autorin einen erzählerischen Bogen bis ins Heute. Und das ist brillant gelöst: Kapitelweise springt die Handlung zwischen Ghana und Amerika hin und her, doch jedes Kapitel führt uns eine Generation weiter. Wir lernen die Nachkommen der Schwestern kennen und deren Nachkommen; Namen tauchen auf, verschwinden wieder, verwischen im Wirbel der dramatischen Ereignisse. Niemand bleibt für lange. Das erfordert beim Lesen ein ständiges Um- und Weiterdenken, eine dauernde Neuorientierung und ist eine grandiose Zeitreise. 

Denn jede Generation hat ihre eigenen Kämpfe auszufechten. In Westafrika sind es die Streitigkeiten der Stämme untereinander, aber vor allem der stetig zunehmende Kolonialisierungsdruck seitens der Weißen – die Aschanti gehörten zu den wenigen Völkern, die den europäischen Imperialisten kriegerisch entgegentraten und damit jahrzehntelang Erfolg hatten, bis die immer moderneren Waffen sie zur Aufgabe zwangen. Später dann die Zeit der Dekolonialisierung, die Auflösung des Empire, Unruhen, ein fragiles wirtschaftliches und politisches System. In dem USA-Erzählstrang steht der mühsame Weg von der Sklaverei hin zur Freiheit im Mittelpunkt; Flucht, Menschenjagd, Krieg, rassistische Anfeindungen, die Ungerechtigkeiten der Jim-Crow-Gesetze. Erfahrungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. 

»Wenn Esi ein Lächeln auf einem weißen Gesicht sah, dachte sie für den Rest ihres Lebens daran, wie der Soldat sie angelächelt hatte, bevor er sie in sein Quartier geführt hatte. Lächelnde weiße Männer bedeuteten nur, dass mit der nächsten Woge noch mehr Böses über sie hinwegrollen würde.«

Mit diesen Sätzen endet das erste Kapitel dieser verästelten Familiengeschichte, die am Ende des Buches dankenswerterweise mit einem Stammbaum illustriert ist. Und auch wenn Esis Name in den folgenden Jahrzehnten bei ihren Kindeskindern in Vergessenheit gerät, steht der letzte Satz wie eine prophetische Klammer über der gesamten Geschichte. Eine Klammer aber, die zunehmend aufgebogen wird, denn »Heimkehren« erzählt nicht nur von Sklaverei und menschenverachtenden Strukturen. Sondern auch von dem unbändigen Wunsch nach Freiheit, nach Gerechtigkeit und nach einem selbstbestimmten Leben. Ein Kampf, der bis heute nicht vollständig zu seinem Ende gekommen ist.  

Ganz am Ende des Buches führt die Handlung noch einmal zu jener britischen Festung an der ghanaischen Küste, in dem die beiden Halbschwestern Esi und Effia zweihundert Jahre zuvor aufeinandertrafen, ohne voneinander zu wissen; als Sklavin in Ketten und Schmutz die eine, als Braut die andere. Es handelt sich dabei um das Cape Coast Castle, ein Schandfleck der an Schandflecken reichen europäischen Kolonialgeschichte: »Wenn es je einen Ort gegeben hatte, der verflucht war, dann dieser. Von außen schimmerte die Festung weiß. Strahlend weiß, als wäre das gesamte Gebäude gewaschen, von allen Flecken gesäubert worden. … Als sie hineingingen, begann alles schmuddeliger auszusehen. Das schmutzige Skelett der lange zurückliegenden Schande, das das Gebäude zusammenhielt, zeigte sich in schwarz angelaufenem Verputz und rostigen Türangeln.«

»Heimkehren« ist ein Roman, der aufwühlt, immer wieder schockiert und einen Blick freigibt auf die unfassbaren Grausamkeiten, denen dunkelhäutige Menschen ausgesetzt waren. Und den Blick schärft für die Ungerechtigkeiten, denen sie bis heute ausgesetzt sind.

Auf mich hat dieses Buch wegen einer Reise besonders intensiv gewirkt, denn ein Jahr zuvor hatte ich in Brasilien eine alteingesessene Kaffeeplantage besichtigt. Dort standen noch etliche Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, unter anderem die Sklavenunterkunft: Ein niedriges, etwa hundert Meter langes Haus. Ohne Fenster, ohne Türen, ohne Licht, ohne frische Luft. Der einzige Zugang war lediglich etwa einen Meter hoch, so dass man ihn nur stark gebückt durchqueren konnte. Später war eine richtige Türe aus der Wand gebrochen worden, um das Gebäude nach Abschaffung der Sklaverei anders nutzen zu können, aber den ursprünglichen, niedrigen Eingang konnte man noch gut erkennen. Der Anblick dieses Hauses, dieser »Türe« und die Vorstellung, dass darin hunderte von Menschen zusammengepfercht ihr Leben verbringen mussten – das hat mich fassungslos gemacht.  

Durch Yaa Gyasis Roman wurde diese Fassungslosigkeit mit Schicksalen gefüllt, die es in irgendeiner Form so gegeben hat, sei es in Brasilien, den europäischen Kolonien, den USA oder ganz woanders in dieser Welt – wie etwa in den arabischen Ländern, unter deren Sklavenraubzügen der afrikanische Kontinent ebenfalls massiv zu leiden hatte. Dies ist ein Teil der Weltgeschichte, der bislang wenig erforscht und so gut wie gar nicht aufgearbeitet ist. 

Und die Sklaverei ist im 21. Jahrhundert noch längst nicht verschwunden, ganz im Gegenteil. Für unseren Wohlstand arbeiten weltweit Millionen von Menschen als Sklaven oder in sklavenähnlichen Verhältnissen – ein boomendes Geschäft mit Milliardenumsätzen, das unmittelbar mit unseren Konsumgewohnheiten zusammenhängt. Auf der Seite slaveryfootprint.org kann sich jeder ausrechnen lassen, wie viele Sklaven seine Einkäufe möglich gemacht haben, von der Kleidung über das Smartphone und etliche Nahrungsmittel bis hin zum Auto. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei mir waren es sechzehn. Sechzehn Menschen.

Buchinformation
Yaa Gyasi, Heimkehren
Aus dem Englischen von Anette Grube
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9838-1

#SupportYourLocalBookstore

Schreiben, um zu leben

Lily King: Writers & Lovers

Der Roman »Writers & Lovers« von Lily King beginnt mit einem starken ersten Satz: »Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken.« Schon hat man als Leser eine Person vor Augen, die vollkommen mit dem Rücken zur Wand steht. Diese Person, diese Ich-Erzählerin ist Casey, die einen ganzen Sack voll heftiger Probleme mit sich trägt; ihr einziger Trost, ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Verlangen ist das Schreiben. »Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.« Casey ist Autorin, 31 Jahre alt, pleite, Halbwaise mit einem gebrochenen Herzen und gelegentlichen Angstattacken, und sie schreibt seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman. „Schreiben, um zu leben“ weiterlesen

Ein Gangster-Triple

Gangster-Triple: »Die himmlische Tafel« von Pollock, »Red Grass River« von Blake und »Der Boxer« von Twardoch.

Dies sind drei Bücher, die für einen Blogbeitrag perfekt zusammen passen. Drei Gangster-Geschichten, dreimal ein Setting in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dreimal eine grandiose Noir-Atmosphäre: »Die himmlische Tafel« von Donald Ray Pollock, »Red Grass River« von James Carlos Blake und »Der Boxer« von Szczepan Twardoch. Und noch etwas haben die Romane gemeinsam: Ständig sind die Protagonisten mit ihren Autos unterwegs, rasen über einsame Landstraßen, brettern über Knüppeldämme oder fahren langsam und einschüchternd durch ihr Stadtviertel. Wie immer bei Büchern, die in dieser Zeit spielen, springt automatisch das Kopfkino an und man hat die robusten Lieferwagen oder eleganten Limousinen jener Zeit vor Augen. Filme wie »Road to Perdition«, »Public Enemies« oder »Lawless« lassen grüßen.

Vor diesem Hintergrund war das Photoshooting für das Beitragsphoto etwas ganz Besonders. Ich durfte die Bücher auf einem Ford Model A aus dem Jahr 1929 drapieren – zuvor habe ich aber mit dem Besitzer dieses original erhaltenen Schmuckstücks eine kleine Runde durch Köln gedreht. Und das war wie eine Zeitreise. Der Aufbau des Autos ist komplett aus Holz, durch den laufenden Motor wird es in der Fahrerkabine recht warm, doch dafür sind die Seitenfenster unverglast; bei Regen wurden einfach Planen in die seitlichen Fensteröffnungen gehängt. Am Lenkrad sitzt ein Hebel, mit dem ständig die Zündung reguliert werden muss, sonst knallt der Motor. Und vor dem Anlassen muss die Benzinpumpe aufgedreht werden. Laut Auskunft des Ford-Museums in Detroit existieren von diesem Auto in einem solch perfekten Zustand noch etwa dreißig Exemplare weltweit. Wie gesagt, es war ein ganz besonderes Photoshooting. Am Ende des Textes gibt es mehr Bilder. „Ein Gangster-Triple“ weiterlesen

Überleben, irgendwie

Jeanine Cummins: American Dirt

An einem frühen Sonntagnachmittag habe ich den Roman »American Dirt« von Jeanine Cummins zu Ende gelesen. Danach konnte ich mit dem Rest des Tages nichts mehr anfangen, musste mich bewegen und sehr lange durch die Straßen meines Stadtteils laufen. Die Gedanken kreisten pausenlos um das Gelesene. Dabei war ich lediglich auf der Suche nach etwas nervenkitzelnder Unterhaltung, als ich »American Dirt« in der Buchhandlung liegen sah. Gutes Cover, neugierig machender Klappentext – das Versprechen für ein, zwei spannende Lesetage. Und dann bin ich in eine Geschichte hineingestolpert, die mich gepackt, zutiefst berührt und nicht mehr losgelassen hat. Für mich war das Buch ein absoluter Zufallsfund; vielleicht hätte ich es anders gelesen, wenn mir bewusst gewesen wäre, welch erbitterte Debatte durch diesen Roman in den USA losgetreten wurde. Aber die Nachrichten darüber sind komplett an mir vorbeigegangen. Mehr dazu am Ende des Beitrags. „Überleben, irgendwie“ weiterlesen

Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta. „Land Of The Free?“ weiterlesen

Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden. „Migrantenschicksale“ weiterlesen

Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Und alles ändert sich

Roscoe T. Martin ist Elektriker. Das wäre an sich nicht besonders spektakulär. Im Alabama des Jahres 1923 allerdings schon, denn abseits der großen Städte ist die Elektrifizierung noch lange nicht angekommen und das Leben auf den Farmen hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht groß verändert. Und auf einer solchen Farm ist Roscoe T. Martin gestrandet – bis eine einzige falsche Idee sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman »Ein anderes Leben als dieses« seine Geschichte. Eine Geschichte über den Wunsch nach Fortschritt und Glück, über das Scheitern, den Verlust und – vielleicht – der Möglichkeit eines Neuanfangs. „Und alles ändert sich“ weiterlesen

Was wäre, wenn?

Hannes Koehler: Ein moegliches Leben

Wahrscheinlich kennt sie jeder, diese Momente, in denen das eigene Leben einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können, wenn eine Entscheidung anders ausgefallen wäre. Oder wenn man den Mut gehabt hätte, eine Veränderung zu wagen. Vielleicht nur einen winzigen Schritt in eine andere Richtung zu tun. Dem Herz zu folgen, nicht dem Verstand. Oft werden einem diese möglichen Abzweigungen erst lange Zeit später bewusst, aber manchmal denkt man sein ganzes Leben darüber nach. Und kommt nie zu einem Ergebnis; die Was-wäre-wenn-Frage lauert stets im Dunkeln, und in so manchen Nächten lässt sie einen nicht einschlafen. Der Roman »Ein mögliches Leben« von Hannes Köhler beschäftigt sich mit einer solchen Abzweigung, eingebettet in einen historischen Kontext, der uns Lesern einen wenig erforschten Ausschnitt der Geschichte des 20. Jahrhunderts näher bringt. „Was wäre, wenn?“ weiterlesen

Stadt der Geschichten

New York: Stadt der Geschichten

Angefangen hat vermutlich alles mit einem Blick in ein Schaufenster. An einem kalten Dezembertag vor vielen Jahren – es müsste 1989 gewesen sein – hastete ich an einer Galerie vorbei, die Kunstdrucke verkaufte. Im Fenster ausgestellt war die Reproduktion einer Photographie von Andreas Feininger: Die Brooklyn Bridge im Nebel. Das Bild hat mich auf Anhieb fasziniert. Der mächtige Brückenpfeiler, der vor einer Nebelwand aufragt. Lagerhäuser, die sich darunter ducken, dahinter der East River, auf dem schemenhaft ein Schiff zu erkennen ist. Und auf der anderen Seite verschwindet alles im Dunst, im Ungewissen – obwohl man weiß, dass dort in Manhattan das Leben pulsiert. Auf diesem Bild ist nichts davon zu sehen, es herrscht eine fast meditative Ruhe und trotzdem sind die tausend Versprechungen der Großstadt spürbar. Und vielleicht spiegelte die Photographie in diesem Moment das eigene Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen wieder, den Aufbruch ins Unbekannte. „Stadt der Geschichten“ weiterlesen

Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch »Shotgun Lovesongs« von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman »Die Herzen der Männer« und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber einen solch wunderbaren Abend mit einem sympathischen Autor vergisst man nicht.  „Wer ist ein Held?“ weiterlesen

Nach dem Lesen Hände waschen

Ottessa Moshfegh: Eileen

Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman »Eileen« mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.

Der Kaffeehaussitzer gehörte eine Zeitlang zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über »Eileen« ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits »McGlue«, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. „Nach dem Lesen Hände waschen“ weiterlesen

Neue Ermittler, neue Zeitreisen

Alex Beer und Christof Weigold mit Auftaktbaenden neuer Krimireihen

Wenn historische Kriminalromane sauber recherchiert sind, wenn Sprache sowie Ambiente die geschilderte Zeit passend wiedergeben – dann kann es sehr reizvoll sein, mit ihrer Hilfe vergangene Epochen kennenzulernen. Was die Zwanziger- und Dreißigerjahre in Berlin betrifft, hat der Autor Volker Kutscher mit seiner Gereon-Rath-Reihe in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt. Umso gespannter bin ich jedesmal, wenn neue Krimireihen an den Start gehen, die in einem ähnlichen Zeitraum angesiedelt sind. In den letzten Monaten war das gleich zwei Mal der Fall; die Auftaktbände zweier neuer Reihen schicken die Leser in das Wien des Jahres 1919/1920 und in das Los Angeles des Jahres 1921. Um es gleich vorwegzunehmen: Beide haben mir sehr gut gefallen und versprechen viel Potential für die Folgebände. „Neue Ermittler, neue Zeitreisen“ weiterlesen

Gesellschaftsstudie

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in »Hillbilly-Elegie« eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft. Außerdem ist es ein Buch, das mir eine Türe zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen aufgestoßen hat. Aber davon später. „Gesellschaftsstudie“ weiterlesen

Ein Blues-Song als Botschaft

Hari Kunzru: White Tears

Der Roman »White Tears« von Hari Kunzru ist für mich eines der bemerkenswertesten, spannendsten und vielschichtigsten Bücher des Jahres. Im September hatte ich außerdem das große Vergnügen, den charismatischen Autor im Kölner Literaturhaus live zu erleben. Es war ein gelungener Abend und seine Erläuterungen haben noch einmal die zentralen Aussagen der Erzählung unterstrichen.

Worum geht es? Auf den ersten Blick um die Geschichte der beiden Freunde Seth und Carter, die in New York ein Tonstudio betreiben. Auf den zweiten Blick aber um viel, viel mehr. Aber der Reihe nach. „Ein Blues-Song als Botschaft“ weiterlesen