Migrantenschicksale

Ulla Lenze: Der Empfaenger und Felix Kucher: Kamnick | Migrantenschicksale

Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort für Menschen, deren Situation in ihrem Heimatland so perspektivlos ist, dass sie versuchen, sich in der Fremde eine menschenwürdige Existenz aufzubauen. Über ein Jahrhundert lang war Mitteleuropa eine Auswanderungsregion; Millionen dieser Wirtschaftsflüchtlinge ließen Deutschland  oder Österreich hinter sich, alle auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Es begann mit den großen Migrationswellen im 19. Jahrhundert als Folge der Verelendung durch die Industrialisierung, der Hungersnöte durch Missernten oder der politischen Unfreiheit.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten ebenfalls viele Auswanderer ihrer Heimat den Rücken. In ihren Ländern, die durch Kriegsfolgen, Inflation und Wirtschaftskrise geschwächt waren und im politischen Chaos zu versinken drohten, sahen sie für sich keine Zukunft mehr. Um zwei Menschen aus genau dieser Zeit geht es in den Romanen »Der Empfänger« von Ulla Lenze und »Kamnick« von Felix Kucher. Beide Bücher schildern auf unterschiedliche Weise, wie mühsam sich für diese Migranten ein Neuanfang gestaltete, wie wenig willkommen sie waren – und wie ihre Schicksale zu Spielbällen der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wurden.

Ulla Lenze: Der Empfänger

Im Sommer 1949 ist Josef Klein ist im Haus seines Bruders Carl gestrandet. Es ist ein kleines Haus, irgendwo im zerbombten Neuss, einer kleinen Stadt in der Nähe von Düsseldorf. Wenige Tage zuvor war er noch in New York gewesen, als Gefangener, als internierter Deutscher, der dann aus den USA abgeschoben wurde. Und jetzt ist er wieder dort, wo ein Vierteljahrhundert zuvor alles begann. Denn 1925 wollten die beiden Brüder gemeinsam auswandern, wollten der wirtschaftlichen Misere in Deutschland entkommen, einen Neuanfang wagen. Da verlor Carl bei einem Unfall ein Auge und hätte mit dieser Verletzung keine Chance bei den US-Einwanderungsbehörden gehabt. Und Josef ging alleine.

1949 begegnen wir einem Menschen, der das Gefühl hat, nirgendwo hinzugehören. Der in einer Mischung aus Rastlosigkeit und Fatalismus die Tage verbringt. Der innerlich auf dem Sprung ist, aber nicht weiß, wohin. Der gescheitert ist, aber sich weigert, dies als endgültig anzusehen. Nur eines ist Josef schnell klar: Seine ehemalige Heimatstadt ist nur eine Zwischenstation. In Rückblicken erfahren wir, wie es ihm seit der Ankunft auf Ellis Island mit Blick auf das überwältigende New Yorker Panorama ergangen war.

Der Anfang in New York im Januar 1925 war hart für Josef. Niemand wartete auf ihn, einen weiteren Migranten auf der Suche nach Arbeit und einem Dach über dem Kopf. Ulla Lenze beschreibt einfühlsam die Einsamkeit und Wurzellosigkeit des Ausgewanderten. Die zerplatzten Träume, die anfängliche Euphorie des Ankommens, die aufgefressen wurde von existenzieller Not. Irgendwie schaffte er es, sich über Wasser zu halten, irgendwann fand er einen Job in einer Druckerei, lebte in einem heruntergekommenen Apartment in East Harlem und die Jahre vergingen. Der große Traum des Neuanfangs war zu einem Alltag geschrumpft, in dem Josef irgendwie über die Runden kam. Immerhin.

Sein einziger Luxus war seine Funktechnik; er hatte sich durch Bücher gearbeitet, sich die Materialien besorgt und ein Funkgerät gebaut. Und erwies sich dabei als erstaunlich talentiert. Vor allem kompensierte er damit seine Einsamkeit, denn wenn er mit Menschen irgendwo im Funknetz anonym kommunizierte, vergaß er für ein paar Stunden, dass er zu einem Eigenbrötler geworden war, der planlos und für andere unsichtbar durch sein Leben stolperte. Nur manchmal dachte er an die erste Zeit nach seiner Ankunft in den USA: »Er konnte in diese Gefühle hineinwaten wie in einen See, dessen Wasser ganz langsam an ihm hochstieg. Als wäre alles noch ganz nah, und wenn er nicht aufpasste, könnte das, was er erreicht hatte, als Trugbild auffliegen, als Kartenhaus zusammenbrechen, als hätte er nichts erreicht, nur federleichtes Sein, das gegen nichts gefeit war.«

Kundenkontakte der Druckerei führen Josef hinein in die deutsche Community New Yorks und bringen ihn in Kontakt mit einer faschistischen Organisation, die begeistert die Entwicklungen im Deutschen Reich verfolgt. Es gibt viele Deutsche in New York, im Stadtteil Yorkville sind ganze Straßenzüge deutsch beschriftet. Zwischen Central Park und Second Avenue und zwischen der 70. und 90. Straße gibt es das »Café Geiger« oder die »Kleine Konditorei«, das »Jägerhaus«, den »Schwarzen Adler«, die »Lorelei«, Kinos, in denen deutsche Filme laufen, Brauhäuser und Bierkeller, man kann Blut- und Leberwurst kaufen und deutsche Zeitungen. Und es ist eine Gegend, mit der Josef nichts zu tun haben möchte, sein East Harlem mit seinen Jazzclubs und dem bunten Leben auf der Straße ist im lieber.

Natürlich sind viele der Deutschen in den USA keine Nazis, nicht einmal deren Sympathisanten. Doch durch das Auftreten faschistischer Gruppierungen entstehen antideutsche Ressentiments, von denen die gesamte deutschstämmige Community betroffen ist. Was gleichzeitig zum perfekten Nährboden für die Rekrutierungstaktiken der Abwehr wurde, wie der Auslandsgeheimdienst des »Dritten Reiches« hieß.

Dann beginnt der Zweite Weltkrieg.

»Er saß auf einer Couch in einer Wohnung in Harlem. Es hatte alles miteinander zu tun, und zum ersten Mal spürte er es.«

Und Josef Klein, der ein neues Leben anfangen wollte und sich in seiner Mittelmäßigkeit eingerichtet hatte, gerät ohne es zu wollen – und ohne es anfangs zu merken – aufgrund seiner Kenntnisse als Funker zwischen die Mahlsteine der Politik. Und hinein in einen Krieg hinter den Kulissen, den er nur mit viel Glück überlebt. Bis er 1949 wieder in Neuss landet, im Haus seines Bruders.

Geblieben ist seine Wurzellosigkeit, die Zeit bei seinem Bruder ist nur eine Etappe auf seinem Weg nach Südamerika, nach Argentinien – wo er wieder auf dieselben Nazigestalten treffen wird, die er schon in New York zu verachten gelernt hat. Aber die mit seinem Schicksal verbunden sind, ob er es will oder nicht.

Ulla Lenze hat einen wunderbar vielschichtigen Roman geschrieben. Sie schildert die Geschichte eines Menschen, der auf der Suche nach einem etwas besserem Leben zu einem Heimatlosen wurde: »Wie oft er irgendwo ankam und so tun musste, als sei es sein Zuhause.«

Und ganz nebenbei lässt die Autorin das New York der Dreißigerjahre auferstehen, so lebendig, als würde man sich selbst durch die geschäftigen Menschenmassen schieben, die die breiten Gehwege bevölkern.

Ganz große Leseempfehlung!


Felix Kucher: Kamnick

Es schon etwas her, seit ich den Roman »Kamnick« von Felix Kucher gelesen habe und ich wollte schon seit längerem etwas darüber schreiben – denn es ist ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Im Zusammenhang mit der Buchvorstellung von »Der Empfänger« passt es jetzt perfekt, denn auch hier geht es um das mühsame Ankommen eines Auswanderers, der Mitte der Zwanziger Jahre sein Glück in der Fremde versucht. Diesmal in Argentinien, in Buenos Aires. Und diesmal handelt es sich um den Österreicher Anton, der aus dem südlichen Kärnten stammt, einer Gegend, in der nach dem Ersten Weltkrieg die Emotionen hochkochen und Ressentiments an der Tagesordnung sind.

Denn Anton stammt aus einer slowenischen Familie; einer Volksgruppe, die seit Jahrhunderten fest in Kärnten verwurzelt ist. Nachdem sich nach dem verlorenen Krieg 1918 das riesige Habsburgerreich fast über Nacht auflöste, entstand im Süden Österreichs das neugegründete Jugoslawien, das versuchte, die slowenischen Gebiete Kärntens zu annektieren. Schließlich kam es zu einer Volksabstimmung, bei der die Mehrheit der Kärntner Slowenen für einen Verbleib bei Österreich stimmte. Doch von den deutschnationalen Kräften wurden sie mit Misstrauen betrachtet; nach dem »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 begann die Zeit der Unterdrückung bis hin zur Deportation, um die eigenständige slowenische Kultur zum Verschwinden zu bringen.

Als Anton 1925 den Plan fasst, die Armut seines Heimatortes hinter sich zu lassen, liegt dies alles noch in weiter Ferne. Doch die angespannte Situation zwischen slowenisch- und deutschsprachigen Österreichern ist im Roman deutlich spürbar. Dazu ist die Gegend wirtschaftlich abgehängt, die Dörfer sind heruntergekommen und bieten vielen ihrer Bewohner keine Zukunft. Eine eindrucksvolle Szene: Nach mehreren Monaten Arbeit auf einer Baustelle kommt Anton zurück in seinen Weiler, sieht im verschwindenden Abendlicht die zusammengeduckten, kleinen Häuser. »Es war zwar schon dämmrig, aber er konnte ihre Armseligkeit fühlen, wie Nebelfeuchte kroch sie ihm jetzt unter das Gewand.« Hier gibt es nichts für ihn.

Also Argentinien. Er lässt seine Familie zurück, seine Eltern, seine Schwester Bepa und seinen Bruder Josl. Niemanden von ihnen wird er wiedersehen.

Es beginnt ein mühseliger Weg, Anton kommt als Habenichts in Buenos Aires an, die Sprachbarriere scheint zu Beginn unüberwindlich, er wird gedemütigt, ausgebeutet, schuftet bis zum Umfallen, aber beißt sich durch, immer weiter – bis sich ganz sachte das erste Licht am Ende des Tunnels zu zeigen beginnt und er es schafft, sich nach und nach eine Existenz aufzubauen. Und eine Familie gründet. Während wir dies alles miterleben, schwenkt die Handlung immer wieder zurück nach Südkärnten. Denn es gibt in diesem Roman eine weitere Handlungsschiene. Eine, die erst parallel läuft und scheinbar nichts mit Anton zu tun hat. Es ist der Lebenslauf von Kamnick, einem überzeugten Nazi, der 1926 in München in die NSDAP eintrat und in den Dreißigern in Österreich mithilft, den Boden zu bereiten für das kommende Böse. Im südlichen Kärnten macht er sich an die Arbeit; skrupellos, gewalttätig, fanatisch – und dabei stets auf den eigenen Vorteil bedacht.

Jahre später erreicht eine weitere Auswanderungswelle Südamerika, vor allem Argentinien und Chile. Es waren die Nazischergen, die auf den sogenannten »Rattenlinien« ihrer verdienten Bestrafung zu entkommen suchten. Auch Kamnick wird dadurch 1945 nach Buenos Aires gespült – inzwischen ein gesuchter Mörder, der seine Untaten in der Uniform der braunen Machthaber verübte. Über drei Ecken lernt Anton – der inzwischen vor allem Spanisch spricht und darauf bedacht ist, in der multikulturellen argentinischen Gesellschaft aufzugehen – jenen Kamnick kennen. Er ahnt nicht, wen er da vor sich hat. Und auch nicht, wie eng ihre beiden Schicksale miteinander verbunden sind.

Felix Kucher verknüpft in »Kamnick« die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts mit den alltäglichen Sorgen der Menschen auf zwei Kontinenten. Das Besondere und Faszinierende an diesem ist Buch ist die Gleichzeitigkeit der Ereignisse, hier die Geschichte eines Migranten und dessen ganz langsamer Aufstieg in ein menschenwürdiges Leben; dort die  Daheimgebliebenen und der Weg in die Finsternis. Dazu kommt der kunstvolle Umgang mit zeitlichen Rückblenden und die in der Rückschau unaufhaltsam wirkende Verflechtung beider Erzählstränge – Literatur, die im Gedächtnis bleibt.

Und dazu gibt eine Stelle in dem Roman, über die ich regelrecht gestolpert bin und nach deren Lektüre ich direkt den Karton mit meinen Familienandenken durchsuchen musste:

»War Anton daheim noch der Exot und Querdenker gewesen, war er hier einer von vielen, ein Routinefall. Vermutlich schreiben alle Auswanderer in den ersten Tagen dieselben Ansichtskarten, vermutlich wählten viele die Karte mit dem Schiff auf dem sie alle ihrem Elend entflohen. Überall trafen dann fast zeitgleich dieselben Karten auf die Zurückgebliebenen mit derselben Botschaft: Sehr her, ich bin unterwegs, ich habe es geschafft. Und überall dachten die Empfänger mit Neid, Wehmut oder Verachtung an die Auswanderer.«

Genau solch eine Karte hat mein Großvater geschickt, als er sich 1931 auf den Weg nach Kanada gemacht hat, abgebildet ist das Schiff, auf dem er unterwegs war, gestempelt ist sie mit »posted at sea«. Die Empfängerin war seine Verlobte, meine Großmutter, die damals – wie ich dadurch weiß – in der Bismarckallee 19 in Berlin-Grunewald lebte, wo sie als Köchin arbeitete. Mein Großvater suchte seine Zukunft vergeblich auf dem amerikanischen Kontinent; er kam wieder zurück – an einer anderen Stelle hatte ich schon darüber berichtet. Und ich habe schon oft überlegt, was für ein Mensch ich jetzt wohl wäre, wenn er sich anders entschieden hätte. Wahrscheinlich Kanadier – und das wäre ja nicht das Schlechteste.

Buchinformationen
Ulla Lenze, Der Empfänger
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96463-9

Felix Kucher, Kamnick
Picus Verlag
ISBN 978-3-7117-2058-0

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Westwärts, weiter, immer weiter

Carys Davies: West

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss: In dem Roman »West« von Carys Davies packt der Witwer Cy Bellman im Jahr 1815 seine Sachen und zieht los, in Richtung Westen, in Richtung Prärie. Er lässt sein Leben hinter sich, das er sich als Einwanderer in den damals noch jungen Vereinigten Staaten aufgebaut hatte. Zurück bleibt seine zwölfjährige Tochter Bess, die nun bei ihrer ungeliebten und hartherzigen Tante leben soll.

Wer ist Cy Bellman? Und was treibt ihn an? Er ist schnell beschrieben, mit wenigen Worten skizziert ihn die Autorin: »John Cyrus Bellman war ein hochgewachsener, breitschultriger, rothaariger Mann von fünfunddreißig Jahren. Er hatte große Hände und Füße, einen dichten rotbraunen Vollbart, und er verdiente sein Geld mit der Maultierzucht. Er war einigermaßen gebildet.«  „Westwärts, weiter, immer weiter“ weiterlesen

Und alles ändert sich

Roscoe T. Martin ist Elektriker. Das wäre an sich nicht besonders spektakulär. Im Alabama des Jahres 1923 allerdings schon, denn abseits der großen Städte ist die Elektrifizierung noch lange nicht angekommen und das Leben auf den Farmen hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht groß verändert. Und auf einer solchen Farm ist Roscoe T. Martin gestrandet – bis eine einzige falsche Idee sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman »Ein anderes Leben als dieses« seine Geschichte. Eine Geschichte über den Wunsch nach Fortschritt und Glück, über das Scheitern, den Verlust und – vielleicht – der Möglichkeit eines Neuanfangs. „Und alles ändert sich“ weiterlesen

Was wäre, wenn?

Hannes Koehler: Ein moegliches Leben

Wahrscheinlich kennt sie jeder, diese Momente, in denen das eigene Leben einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können, wenn eine Entscheidung anders ausgefallen wäre. Oder wenn man den Mut gehabt hätte, eine Veränderung zu wagen. Vielleicht nur einen winzigen Schritt in eine andere Richtung zu tun. Dem Herz zu folgen, nicht dem Verstand. Oft werden einem diese möglichen Abzweigungen erst lange Zeit später bewusst, aber manchmal denkt man sein ganzes Leben darüber nach. Und kommt nie zu einem Ergebnis; die Was-wäre-wenn-Frage lauert stets im Dunkeln, und in so manchen Nächten lässt sie einen nicht einschlafen. Der Roman »Ein mögliches Leben« von Hannes Köhler beschäftigt sich mit einer solchen Abzweigung, eingebettet in einen historischen Kontext, der uns Lesern einen wenig erforschten Ausschnitt der Geschichte des 20. Jahrhunderts näher bringt. „Was wäre, wenn?“ weiterlesen

Stadt der Geschichten

New York: Stadt der Geschichten

Angefangen hat vermutlich alles mit einem Blick in ein Schaufenster. An einem kalten Dezembertag vor vielen Jahren – es müsste 1989 gewesen sein – hastete ich an einer Galerie vorbei, die Kunstdrucke verkaufte. Im Fenster ausgestellt war die Reproduktion einer Photographie von Andreas Feininger: Die Brooklyn Bridge im Nebel. Das Bild hat mich auf Anhieb fasziniert. Der mächtige Brückenpfeiler, der vor einer Nebelwand aufragt. Lagerhäuser, die sich darunter ducken, dahinter der East River, auf dem schemenhaft ein Schiff zu erkennen ist. Und auf der anderen Seite verschwindet alles im Dunst, im Ungewissen – obwohl man weiß, dass dort in Manhattan das Leben pulsiert. Auf diesem Bild ist nichts davon zu sehen, es herrscht eine fast meditative Ruhe und trotzdem sind die tausend Versprechungen der Großstadt spürbar. Und vielleicht spiegelte die Photographie in diesem Moment das eigene Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen wieder, den Aufbruch ins Unbekannte. „Stadt der Geschichten“ weiterlesen

Wer ist ein Held?

Nickolas Butler: Die Herzen der Maenner

Vor ein paar Jahren hatte mich das Buch „Shotgun Lovesongs“ von Nickolas Butler sehr begeistert. Umso gespannter war ich auf seinen nächsten Roman „Die Herzen der Männer“ und als ich erfuhr, dass Butler dieses Buch im Literaturhaus Köln vorstellen würde, war klar, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen konnte. Das ist inzwischen einige Monate her und dieser Text hätte schon längst geschrieben sein sollen, aber auch in der Erinnerung war es ein wunderbarer Abend mit einem sympathischen Autor. Und mit einem sehr eindrucksvollen Roman. „Wer ist ein Held?“ weiterlesen

Nach dem Lesen Hände waschen

Ottessa Moshfegh: Eileen

Eine junge Frau ist in Ottessa Moshfeghs Roman „Eileen“ mit ihrem Leben in einer Sackgasse gelandet, finster, trostlos und ohne Hoffnung, umgeben von Schmutz und Verfall. Bis sich eines Tages die Möglichkeit für einen Neuanfang bietet – allerdings vollkommen anders, als sie es sich hätte vorstellen können.

Der Kaffeehaussitzer gehörte eine Zeitlang zum Blogger-Redaktionsteam des Magazins der Büchergilde Gutenberg. So ist dieser Beitrag über „Eileen“ ursprünglich entstanden: Als Text, der neugierig auf das Buch machen, den Lesern des Magazins eine Buchempfehlung geben soll. Doch wie empfiehlt man einen Roman, in dem es um Selbstmitleid, Alkoholismus, Schmutz, Verwahrlosung und eine vollkommen verfahrene Lebenssituation geht? Will man sich das als Leser zumuten? Ich sage: Unbedingt!, denn es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Eines, bei dem von Beginn an eine unterschwellige Spannung mitschwingt, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und bei dem ich von Seite zu Seite neugieriger wurde, wie es wohl ausgehen würde. Nachdem mich bereits „McGlue“, der Debütroman der Autorin, sehr beeindruckt hatte, war ich umso gespannter auf ihr neues Werk – und wurde nicht enttäuscht. „Nach dem Lesen Hände waschen“ weiterlesen

Neue Ermittler, neue Zeitreisen

Alex Beer und Christof Weigold mit Auftaktbaenden neuer Krimireihen

Wenn historische Kriminalromane sauber recherchiert sind, wenn Sprache sowie Ambiente die geschilderte Zeit passend wiedergeben – dann kann es sehr reizvoll sein, mit ihrer Hilfe vergangene Epochen kennenzulernen. Was die Zwanziger- und Dreißigerjahre in Berlin betrifft, hat der Autor Volker Kutscher mit seiner Gereon-Rath-Reihe in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt. Umso gespannter bin ich jedesmal, wenn neue Krimireihen an den Start gehen, die in einem ähnlichen Zeitraum angesiedelt sind. In den letzten Monaten war das gleich zwei Mal der Fall; die Auftaktbände zweier neuer Reihen schicken die Leser in das Wien des Jahres 1919/1920 und in das Los Angeles des Jahres 1921. Um es gleich vorwegzunehmen: Beide haben mir sehr gut gefallen und versprechen viel Potential für die Folgebände. „Neue Ermittler, neue Zeitreisen“ weiterlesen

Gesellschaftsstudie

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Ein Buch über das Verschwinden einer Arbeiterklasse, über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und über den steinigen Weg zu einem bürgerlichen Leben: J.D. Vance zeigt uns in „Hillbilly-Elegie“ eine für uns kaum vorstellbare Welt und beschreibt anschaulich den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft. Außerdem ist es ein Buch, das mir eine Türe zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen aufgestoßen hat. Aber davon später. „Gesellschaftsstudie“ weiterlesen

Ein Blues-Song als Botschaft

Hari Kunzru: White Tears

Der Roman „White Tears“ von Hari Kunzru ist für mich eines der bemerkenswertesten, spannendsten und vielschichtigsten Bücher des Jahres. Im September hatte ich außerdem das große Vergnügen, den charismatischen Autor im Kölner Literaturhaus live zu erleben. Es war ein gelungener Abend und seine Erläuterungen haben noch einmal die zentralen Aussagen der Erzählung unterstrichen.

Worum geht es? Auf den ersten Blick um die Geschichte der beiden Freunde Seth und Carter, die in New York ein Tonstudio betreiben. Auf den zweiten Blick aber um viel, viel mehr. Aber der Reihe nach. „Ein Blues-Song als Botschaft“ weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman „American War“ von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: „Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.“ Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. „Unsere Welt. Nur anders“ weiterlesen

Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer. „Land in Trümmern“ weiterlesen

Leiden im luftleeren Raum

Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts aufgetaucht: Selten war ein Buch einer bis dahin kaum bekannten Autorin so präsent in Blogs und Medien wie Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“. Vorab-Schwärmereien, Besprechungen, Schilderungen von Leseerfahrungen, Gespräche über die Gefühle, die das Buch auslösen würde; es war mir schon fast zu viel, denn wenn alle, wirklich alle über einen Roman sprechen, meint man gerne, ihn gar nicht mehr selbst lesen zu müssen. Erst als dann in den Blogs buchrevier und Buzzaldrins Bücher erste kritischere Stimmen auftauchten, wurde ich neugierig. Und nachdem ich in einer Buchhandlung die ersten Seiten gelesen hatte, wollte ich wissen, wie es weitergeht, denn sie haben eine Art Sog erzeugt, dem ich mich nicht entziehen konnte. „Leiden im luftleeren Raum“ weiterlesen

Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers „4 3 2 1“. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über „4 3 2 1“ berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: „Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!“ Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? „Zehn Sekunden mit Paul Auster“ weiterlesen

Neues aus den USA

Neue Bücher von T.C. Boyle, Paul Auster, Jonathan Safran Foer und Hanya Yanagihara

Ich war noch niemals in New York (Nachtrag, eineinhalb Jahre später: Stimmt nicht mehr). Und noch niemals in San Francisco. Oder in Chicago. Noch niemals in den USA, außer einmal vier Stunden lang auf dem Flughafen von Los Angeles beim Warten auf den Anschlussflug nach Neuseeland. Durch unzählige Bücher und Filme fühlen sich die USA trotzdem stets irgendwie vertraut an, keine Ahnung wie oft ich mit Roman- oder Filmhelden schon in New Yorker Cafés saß, schnurgerade Straßen in eine endlose Weite hinein gefahren bin oder die Golden Gate Bridge im Nebel auftauchen sah.

Die USA sind für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, trotz ihrer Doppelmoral, wegen der es unter 21-Jährigen zwar möglich ist, eine Waffe zu besitzen, nicht aber ein Bier zu kaufen. Oder trotz ihrer Prüderie, übertriebenen, weltfremden Political Correctness oder einer bornierten Religiösität, die das eigene Land in den Mittelpunkt stellt und dabei ausblendet, wie viel Elend die Außenpolitik Amerikas über die Welt gebracht hat. Aber Literatur aus den USA ist ein wesentlicher Bestandteil meines persönlichen Kanons. Einer, den ich auf keinen Fall missen möchte, der mich mit geprägt hat, auch wenn ich noch nie in dem Land war, das in so vielen Geschichten in meinem Kopf vorkommt.

Die meisten von uns schauen gerade fassungslos über den Atlantik und sehen, wie eine jahrhundertealte Demokratie durch einen blondierten Egomanen und seine Helfershelfer demontiert oder zumindest schwer beschädigt wird. Jeden Tag prasseln neue Nachrichten von Ungeheuerlichkeiten auf uns ein. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass ein sehr großer Anteil der Amerikaner es gut findet, was da gerade geschieht. Was das Ganze noch schwerer verständlich macht.

Aber das hier soll keine Analyse des politischen Zustands des land of the free and the home of the brave werden, sondern dieser Beitrag möchte daran erinnern, dass nach wie vor auch Gutes aus den USA kommt – Gutes in Form von großartiger Literatur. „Neues aus den USA“ weiterlesen