Majestätische Hoffnungslosigkeit

Hernan Diaz: In der Ferne

Diejenigen, die schon länger in diesem Blog mitlesen, wissen, dass ich ein Faible habe für eher düstere Romane, deren Protagonisten ihrem Leben verloren gegangen sind. Getriebene, Einsame, Suchende – das sind meine literarischen Helden. Dieses Entwurzelte oder dieses Gefühl, komplett auf sich alleine zurückgeworfen zu sein, sind derart existenzielle Situationen, dass sie jene Romanfiguren zu Sinnbildern des Lebens an sich machen. Sie regen zum Nachdenken an, zur Beschäftigung mit den Gedanken, woher wir kommen, wohin wir gehen und was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist – und die viel schneller vorbei sein wird, als wir es uns in jungen Jahren vorstellen können. »In der Ferne« von Hernan Diaz ist daher ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und ist dabei etwas sehr Besonderes, denn noch nie habe ich einen Text gelesen, in dem die geschilderte Einsamkeit so überwältigend präsent war, wie in diesem.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Håkan und sein älterer Bruder Linus sind die Söhne einer bitterarmen Familie in Schweden um das Jahr 1850. Damit die beiden eine kleine Chance auf ein besseres Leben haben, werden sie von ihren Eltern nach Amerika geschickt. Von Göteborg geht es nach Portsmouth und dort auf eines der Auswandererschiffe in Richtung New York. So die geplante Route. Doch im Gewimmel der vielen Menschen am Hafen in Portsmouth werden die beiden voneinander getrennt, Håkan kann sich nicht verständigen, landet mit seinem gestammelten »Amerika« irgendwie auf irgendeinem Schiff, dass rasch ablegt. Nur mit ihm. Ohne Linus. Und sein Leben lang wird er versuchen, seinen Bruder wiederzufinden. Von diesem Moment der Trennung an beginnt eine Einsamkeit, die seine ganze Zukunft bestimmen wird. 

Es ist die Zeit des großen kalifornischen Goldrauschs und Håkans Schiff fährt über Buenos Aires und Kap Horn nach San Francisco. Auf sich allein gestellt, der Sprache nicht mächtig hat er keine Ahnung, wo er nach der wochenlangen Reise gelandet ist. Aber schnell wird ihm klar, dass sein Bruder auf der anderen Seite des riesigen Landes sein muss, denn dass Linus es nach New York geschafft hat und dort auf ihn wartet, steht für ihn außer Frage. Irgendwie muss er zu ihm kommen, ihn finden – dieser Gedanke treibt ihn an. Jahrelang. Und wir Leser begleiten ihn auf seinem Weg, sehen in vom kleinen Jungen zu einem Mann heranwachsen, der auffallend groß sein wird. Er kann weder lesen noch schreiben, spricht nur Schwedisch, lernt mühsam ein paar Brocken Englisch, trifft auf Menschen, die ihm helfen wollen, andere wiederum nutzen ihn aus, fügen ihm Übles zu. 

Wir begleiten ihn durch endlose Landschaften, durch Wüste und Prärie, durchzogen von dem ausgefahrenen Trail, auf dem ein Siedlertreck nach dem anderen in Richtung Westen zieht. Hunderte, tausende Menschen, die Strecke gesäumt von weggeworfenen Möbeln, die den weiten Weg aus Europa mitgeschleppt wurden, nur um im Nirgendwo zurückgelassen zu werden. Symbole für die Strapazen, unter denen sich die Siedler voranschleppen, einem neuen Leben entgegen, das für viele in vollkommener Enttäuschung enden wird. Wenn sie nicht schon auf dem Weg ums Leben kommen. Håkans Weg führt in die andere Richtung. Eigentlich.

»Die Seiten der Fahrspur waren eine lange Latrine, zu der Männer wie Frauen Eimer für Eimer beitrugen. Hier und da ragten wie unregelmäßige Meilensteine Haufen aus faulem Speck und Innereien aus dem Schlamm. Tote Kühe und Pferde – manche gehäutet – verdorrten in der Sonne. Håkan ging weiter gegen den Strom der Wagen. Es war unvorstellbar, dass die gedrängte Prozession ein Ende hatte.« 

Keine Pionierromantik. 

Der Autor schildert apokalyptische Szenerien: eine lebensfeindliche Salzwüste, die sich scheinbar unendlich in alle Himmelsrichtungen erstreckt – aufgeplatzter Boden, eine Symbiose aus Licht, Hitze und verkrusteter Trockenheit. Oder ein niedergemetzeltes Indianerdorf, brutal ermordete Siedlerfamilien, Gewalterfahrungen, die Håkan verstören – und ihn prägen werden. Bald klebt auch Blut an seinen Händen, und ohne sein Zutun wird er zu einer monströsen Legende, ein Hüne, gefürchtet, verfolgt und gehasst. Da seinen Namen noch nie jemand richtig verstehen konnte, ist aus Håkan »der Hawk« geworden. Und seine Kontakte zu anderen Menschen reduzieren sich mehr und mehr, er verschwindet, beginnt sich in der leeren Landschaft zu verlieren. Die Einsamkeit umgibt ihn wie ein Kokon, aus dem es keinen Weg heraus gibt. Als Leser meint man diesen Kokon spüren zu können, gewebt aus feinen Worten. Etwa wenn es heißt: 

»Der Weg durch die pulsierende Wüste war wie ein Versinken in den Trancezustand direkt vor dem Einschlafen, wenn das Bewusstsein all seine verbleibende Kraft zusammennimmt, um den Augenblick seiner eigenen Auflösung zu registrieren. Zu hören war nur die dünne Krume – über die Jahre pulverisierter Stein, von den Elementen zermahlene Knochen, wie Geflüster über die Ebene wehende Asche -, die sich unter den Hufen weiter zerrieb. Bald wurde dieses Geräusch ein Teil der Stille. Håkan räusperte sich oft, um sich zu versichern, dass er nicht taub geworden war. Über dem harten, flachen Wüstenboden der grausame Himmel und die winzige Sonne – ein dichter, scharfer Punkt.«

Eine grandiose Sprache und eine großartige Übersetzungsleistung von Hannes Meyer. Es gibt zahllose Stellen wie diese in dem Roman, und jede einzelne von ihnen hat mich beim Lesen gepackt und mich hineingeworfen in eine vollkommene Abgeschiedenheit und Einsamkeit – und mitten hinein in eine Landschaft, die nicht für Menschen geschaffen ist. Etwa wenn es heißt: 

»Er wurde von einer aktiven, alles verschlingenden Leere übermannt – einem zersetzenden Schatten, der die Welt auslöschte, wo er hinfiel, einer Stille, die nichts mit Frieden zu tun hatte, einem gefräßigen Schweigen, das absolute Verwüstung forderte, einem ansteckenden Nichts, das alles besiedelte.«

Oder an einer anderen Stelle:

»Der Boden wurde hart, gelb und rot. Übrig blieb nichts als majestätische Hoffnungslosigkeit.«

Majestätische Hoffnungslosigkeit. Was für eine Formulierung – als ich sie las, wusste ich sofort, dass dies der Titel für den Blogbeitrag werden muss. Zwei Worte, die ein ganzes Leben zusammenfassen.

Jahr um Jahr zieht »der Hawk« durch das leere Land, verkriecht sich fernab von allem. Sein Bruder in New York wird zu einem immer abstrakteren Ziel, während er in seiner leeren Gegenwart verharrt, festhängt in einer nur scheinbar grenzenlosen Welt, die er nicht verlassen kann. Fast läge der Vergleich zu Odysseus nahe, doch gegen Håkan war Homers Held ein glücklicher Mensch, denn er hatte ein echtes Ziel, er wusste, dass tatsächlich jemand auf ihn warten würde; Håkans Heimatlosigkeit ist viel brutaler und endgültiger. Dabei ist es faszinierend, wie der Autor Hernan Diaz die Geschichte entwickelt. Schritt für Schritt stolpert Håkan in sein Schicksal hinein, das ihm ohne sein Zutun die ihm zugedachte Rolle zuweist. Die vielen unerwarteten Wendungen erträgt er stoisch, ihre Folgen werden ihm erst nach und nach bewusst. Dies mitzuerleben ist großartige Literatur.

»Durch unzählige Wechsel von Frost und Schmelze zog er Kreise, weiter als Nationen.«

»In der Ferne« ist ein Roman, den ich all denjenigen ans Herz lege, die zum Beispiel Cormac McCarthys »Die Abendröte im Westen«, Carys Davies »West« oder Antonin Varennes »Die sieben Leben des Arthur Bowman« mochten. Und allen anderen Leserinnen und Lesern auch. 

Eine Frage steht natürlich in der Luft. Wird Håkan seinen Bruder finden? Irgendwann? Selbstverständlich werde ich das nicht verraten, aber vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig. Das Buch endet jedenfalls stilecht. 

Mit einem Sonnenuntergang.

Buchinformation
Hernan Diaz, In der Ferne
Aus dem Englischen von Hannes Meyer
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26781-7

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4 Antworten auf „Majestätische Hoffnungslosigkeit“

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