Eine Straße als Sehnsuchtsort

Amor Towles: Lincoln Highway

Der drängende Wunsch, unterwegs zu sein ist eines der prägendsten Gefühle meines Lebens. Ich liebe die Aufbruchsstimmung, wenn ein Zug Fahrt aufnimmt. Ich liebe das einen plötzlich überfallende Fernweh, wenn am Himmel ein Flugzeug in der Abendsonne glänzt. Und besonders liebe ich den Anblick einer Straße, die sich am Horizont im Nirgendwo verliert. Was für ein Symbol: Unterwegs sein zu Neuem, dem Stillstand entfliehen – und sei es lediglich in der Phantasie. Kann es etwas Schöneres geben? Daher musste ich keine Sekunde lang überlegen, als ich den Roman »Lincoln Highway« von Amor Towles sah – nur wegen des Covers war das Buch gekauft, bevor ich den Klappentext gelesen hatte und ohne den hochgelobten Vorgängeroman des Autors – »Ein Gentleman in Moskau« – gelesen zu haben. 

Und dann noch der Titel. Lincoln Highway. Die erste Fernstraße der USA, die beide Küsten als eine durchgehende Strecke miteinander verband; vom Times Square in New York bis zum Lincoln Park in San Francisco. Ich freute mich auf die Lektüre, auf einen Roadtrip ins Ziellose Freute mich, die Protagonisten durch endlose Weiten zu begleiten, Meile um Meile, dem Ungewissen entgegen. Das waren die Assoziationen, die Cover und Titel in mir weckten. Und um das Fazit dieser Buchvorstellung an den Anfang zu stellen: Es war in der Tat ein Roadmovie, das mich begeistert, mich auf einen wilden Trip zu einem Neuanfang mitgenommen hat. Nur vollkommen anders, als gedacht.

Alles beginnt mit einer Ankunft. Der achtzehnjährige Emmett Watson kehrt nach einer verbüßten Strafe in der Jugendhaftanstalt Salina – einer Art Arbeitscamp für Jugendliche – zur elterlichen Farm zurück, irgendwo in der Endlosigkeit von Nebraska. Es ist Juni 1954.

»In Emmetts Augen sahen alle Häuser in dieser Gegend so aus, als wären sie vom Himmel gefallen, und das der Watsons schien besonders hart auf den Boden geprallt zu sein.«

Man sieht es durch diese paar Worte direkt vor sich, das völlig heruntergekommene, schief stehende, von der Witterung verzogene Farmhaus, das einst sein Elternhaus gewesen war. Diese Zeit ist vorbei, der Vater ist während seiner Haft gestorben, die Mutter schon vor Jahren gegangen. Nur sein kleiner Bruder Billy, der die letzten Monate bei den Nachbarn wohnte, wartet auf ihn. Und ein Vertreter der Bank, denn Emmetts Vater konnte wegen einer Missernte nach der anderen seine aufgenommenen Kredite nicht mehr bezahlen. Jetzt ist er tot, die Farm wird zwangsvollstreckt. Und Emmett und Billy sind heimatlos. Ihr Plan: Mit Emmetts Auto, einem rauchblauen 1948er Studebaker, in Richtung Westen zu fahren und in San Francisco einen Neubeginn zu versuchen.

Besonders Billy bestand auf diesem Ziel. Denn beim Durchsuchen der Hinterlassenschaften seines Vaters hatte er Postkarten gefunden, die ihre gegangene Mutter von ihrem Weg nach Westen aus ihren Jungs geschrieben hatte; der Vater wollte den Schmerz der beiden aber nicht vertiefen und hatte sie ihnen nie gezeigt. Die Karten kamen aus Ogallala, Cheyenne, Rawlins, Rock Springs, Salt Lake City, Ely, Reno, Sacramento. Und San Francisco. Alle Orte haben etwas gemeinsam: Sie liegen am Lincoln Highway und Billy ist der festen Überzeugung, dass sie ihre Mutter finden können, wenn sie ihrer Route folgen. 

Bevor sie starten, erleben sie eine Überraschung. Denn plötzlich tauchen Duchess und Woolly auf der Farm auf, zwei Mithäftlinge – und Freunde – von Emmett. Das Wie und Warum tut in dieser Buchvorstellung nichts zur Sache, aber die beiden schließen sich den zwei Brüdern an und eine Fahrt voller überraschenden Begegnungen, irrwitzigen Abenteuern, chaotischen Unwägbarkeiten und unvorhergesehener Wendungen beginnt. Wendungen, die so haarscharf an die Grenzen der Wahrscheinlichkeit führen, dass sie genau so erzählt werden müssen – und dadurch vollkommen plausibel erscheinen, sich gar nicht anders hätten ereignen können. Das verleiht der Geschichte einen ganz besonderen Charme und macht sie zu einem großen Lesevergnügen. Dazu kommt ein permanenter Perspektivwechsel, der einen nicht abreißenden Spannungsbogen erzeugt, denn jedes Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Protagonisten erzählt. 

Und die Reise führt die vier nicht nach San Francisco, sondern erst einmal nach New York. Sie trennen sich zwischenzeitlich, das Auto geht verloren und muss wiedergefunden werden, eine Fahrt als blinde Passagiere in einem Güterzug wartet auf sie, eine Unterkunft in einem Hobo-Camp auf einer stillgelegten New Yorker Hochbahn (deren Beschreibung auf die High Line passt), Streifzüge durch New Yorker Straßen, Bars und Clubs – alles, um endlich, endlich in Richtung Kalifornien starten zu können. Auf dem Lincoln Highway, dessen Name wie eine Verheißung über der Geschichte schwebt.

Emmett Watson

Er ist der strukturierteste der vier. Hat einen Plan für ein neues Leben. Will endlich los, aber meistert geduldig alle Hindernisse, die sich ihrem Aufbruch gen Westen in den Weg legen. Allerdings ist seine Geduld irgendwann aufgebraucht und dann kommt es zu einer ungemütlichen Szene. Einer ziemlich ungemütlichen. Und irgendwann erfahren wir auch, warum er zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Und warum schon deswegen ein Weitermachen in seiner Heimatgegend nicht möglich gewesen wäre.

Billy Watson 

Hat alle Bücher der Bibliothek von Morgen, Nebraska gelesen – dem Ort, in dessen Umgebung die elterliche Farm stand. Geht niemals ohne sein Buch »Professor Abacus Abernathes Kompendium von Helden Abenteurern und anderen unerschrockenen Reisenden« irgendwohin, in dem die wichtigsten Sagen und Mythen, aber auch die wichtigsten Personen der Weltgeschichte vorgestellt werden – der perfekte Reisebegleiter für die Fahrt ins Ungewisse. Billy ist hochintelligent und ein wenig verträumt, wird aber im entscheidenden Moment das Richtige tun. Und das Richtige sagen. Mehrmals.

Duchess über die Kleinstadt Morgen: »Wenn ich neu in einer Stadt bin, sehe ich mich gern ein bisschen um. Ich möchte den Stadtplan verstehen, und auch wie die Leute ticken. In manchen Städten braucht man dafür mehrere Tage. In Boston sind es Wochen, in New York Jahre. Das Beste an Morgen, Nebraska, ist, dass man es in wenigen Minuten schafft.«

Duchess, eigentlich Daniel Hewett

Heißt eigentlich Daniel, wird aber von allen Duchess genannt, ist der Sohn eines zweitklassigen Schauspielers und Varietekünstlers. Mit ihm tingelte er als Kind von Stadt zu Stadt, lernte weder lesen noch schreiben, aber viel über das Leben. Auch wie es sich anfühlt, gnadenlos im Stich gelassen zu werden. Den Grund für seinen Aufenthalt in der Haftanstalt erfahren wir ebenfalls – und verstehen dann, was ihn antreibt und warum er so ist wie er ist. Nämlich ziemlich chaotisch und auf eine brutale Weise gerechtigkeitsliebend. Für seine Perspektive hat der Autor den Ich-Erzähler gewählt.

Townhouse – ein weiterer Ex-Mithäftling – den sie in New York treffen über Duchess: »Er ist ein guter Freund, auf seine verrückte Art, und er ist ein sehr unterhaltsamer Unruhestifter. Aber er ist auch jemand mit einer selektiven Wahrnehmung. Was vor ihm ist, sieht er klar und deutlich, klarer als die meisten von uns, aber wenn etwas zur Seite gerückt wird, weiß er schon nicht mehr, dass es da ist. Und damit schafft er sich selbst, aber auch allen anderen in seinem Dunstkreis jede Menge Ärger.« 

Woolly Wolcott Martin

Kommt aus einer der reichsten und ältesten Ostküstenfamilien. Und ist aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen das schwarze Schaf der Familie. Ein liebenswerter, aber unberechenbarer junger Mensch, der eigentlich nirgendwo richtig dazu gehört. Umso wichtiger ist ihm die Freundschaft mit den anderen dreien, auch wenn er deren Dynamik nicht immer versteht. Und natürlich erfahren wir irgendwann auch bei ihm den Grund, der ihn in die Haftanstalt geführt hat.

Duchess über Woolly: »Das ist Woollys Charme. Er kommt zu allem fünf Minuten zu spät, er rennt mit dem falschen Gepäck zum falschen Bahnsteig, gerade wenn der Zug losfährt. Seine Art bringt manchen auf die Palme, aber mir ist jemand, der in allem eine Verspätung von fünf Minuten hat, um vieles lieber als einer, der fünf Minuten vor der Zeit da ist.«

Auch die meisten anderen Personen, die nach und nach in der Geschichte auftauchen und ihr neue Wendungen verpassen werden, erhalten ihre eigenen Perspektiven – doch diese zu beschreiben, würde den Rahmen einer Buchvorstellung mehr als sprengen. 

Der geschilderte Trip dauert nur zehn Tage, aber es wird die Reise ihres Lebens. Zehn Tage voller Begegnungen, voller Gedanken über die Wechselfälle des Lebens und – auch das – voller Tragik. Denn das Schicksal hat einiges vor mit den Vieren. Amor Towles verbindet in seinem wundervollen Roman einen Hauch Steinbeck mit einer Portion Kerouac und streut eine feine Prise Salinger hinein. Und vergisst dabei den Humor nicht. Ein rundum gelungenes Werk, das eine Straße zu einem Sehnsuchtsort des Unterwegsseins stilisiert. Und das Ganze gleich wieder erdet: 

»Den meisten Menschen ist es gleichgültig, wo sie leben. Wenn sie morgens aufstehen, haben sie nicht die Absicht, die Welt zu verändern. Sie wollen eine Tasse Kaffee trinken und einen Toast mit Butter essen, und wenn sie ihre acht Stunden gearbeitet haben, wollen sie den Tag mit einer Flasche Bier vorm Fernseher beschließen. So leben die Menschen im Allgemeinen, ob in Atlanta, Georgia, oder in Nome, Alaska. Und wenn es den meisten Menschen gleichgültig ist, wo sie leben, dann ist es ihnen noch gleichgültiger, wohin sie reisen.
Und das verlieh dem Lincoln Highway seinen Charme. (…) Wer immer hier unterwegs war, schien zufrieden in dem Gefühl der eigenen Zwecklosigkeit. Lass die Straße auf dich zukommen, sagen die Iren, und genau so machten es die furchtlosen Reisenden auf dem Lincoln Highway. Die Straße kam auf sie zu, ob sie nach Osten oder Westen fuhren oder immer nur im Kreis.«

Ein Buch als eine große Ode an das Reisen. An das Suchen nach der eigenen Bestimmung. An das Durchhalten, egal was kommen mag. 

Und ein Buch voller Hoffnung. Hoffnung darauf, das alles gut werden wird. Irgendwie.

Buchinformation
Amor Towles, Lincoln Highway
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-27400-6

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6 Antworten auf „Eine Straße als Sehnsuchtsort“

  1. Hallo Uwe,
    eine wirklich schöne und neugierig machende Buchbesprechung. Den Autor kenne ich nicht und eigentlich ist der Roman auch nicht mein Genre. Daher wäre ich vermutlich gar nicht auf ihn aufmerksam geworden. Ich werde mir die Leseprobe besorgen und dann schauen, ob ich das ganze Buch lesen möchte.
    Vielen Dank
    Britta ( die gerade mit einer Tasse Kaffee und einem Brot den Tag beginnt und vermutlich heute Abend erschöpft vor den Fernseher sinkt – grins)

  2. Wie schön, dass Du die Lektüre trotz der enttäuschten Erwartungen genießen konntest, das spricht für Amor Towles, wie ich finde. Ich liebe seine Art zu schreiben – „Ein Gentleman in Moskau“ ist eines meiner Lieblingsbücher, sein Romandebüt „Eine Frage der Höflichkeit“ ist mir bis heute wegen des speziellen Sounds im Gedächtnis. LG, Bri

    1. Oh, enttäuscht war ich kein bisschen. Eher überrascht, etwas ganz anderes zu bekommen als erwartet – und das war ziemlich spannend.
      Liebe Grüße
      Uwe

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