Leben um des Lebens willen

Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Der Roman »Das Feuer retten« von Guillermo Arriaga liegt neben mir, gerade habe ich ihn beendet und schaue auf das ziegelsteingroße Buch. Aus den achthundert Seiten scheint Qualm aufzusteigen, so als verströmen sie nach der Lektüre noch eine Mischung aus Testosteron, Adrenalin und Pulverdampf. Was habe ich da gelesen? Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe. Die Geschichte einer Selbstzerstörung. Die Geschichte einer kaputten Gesellschaft. Die Geschichte eines zerrissenen Landes, geprägt von Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Geschichte zweier Menschen, deren Anziehungskraft füreinander sie alle Normen vergessen lässt – mit dramatischen Folgen. Und lebensgefährlichen Konsequenzen. 

Der Autor hat dem Buch zwei Sätze des französischen Regisseurs und Autors Jean Cocteau vorangestellt: »Wenn das Feuer mein Haus niederbrennt, was würde ich retten? Ich würde das Feuer retten.« Dieses titelgebende Zitat ist eine Kampfansage an die Mittelmäßigkeit, in der es sich die meisten von uns bequem eingerichtet haben. Doch wehe, wenn die Mauer, die unser bequemes Leben umgibt und die das Gefühlschaos und die brennende Leidenschaft aussperrt, auch nur einen hauchdünnen Riss bekommt. Dann bricht die eigene, kleine Welt auseinander.

So ergeht es Marina Longines, der Ich-Erzählerin des Romans. Sie ist eine talentierte Tänzerin und Choreographin, Chefin einer eigenen Tanzgruppe. Doch bei aller Brillanz fehlt ihren Choreographien das kleine Quäntchen mehr, das sie zu etwas Einzigartigem machen würde. Die Seele. Das Begehren. Der Bezug zum Leben. Zum echten Leben. Denn Marina und ihre Familie gehören zur vermögenden Oberschicht Mexikos. Abgeschottet durch gepanzerte SUVs, bewachte Straßen in einem Villenviertel Mexiko-Citys und bewaffnete Leibwächter leben sie, ihr Mann und ihre Kinder in der Blase der Reichen – die vollkommen losgelöst von der mexikanischen Bevölkerung existiert; einzige Berührungspunkte sind die Hausmädchen, die Lieferanten oder die Gärtner. Angesichts der Armut großer Teile der mexikanischen Bevölkerung wäre es geradezu obszön zu sagen, dass Marina als Künstlerin das »richtige« Leben fehlt; es ist mehr ein diffuses Gefühl der Leere, das sie umgibt, ohne es richtig greifen zu können.

»Kein Kritiker verriss meine Choreographien oder befand, dass es ihnen an Qualität mangele. Aber – und dieses Eingeständnis schmerzt mich – sie hatten einfach nicht das, was sich nicht in Worte fassen lässt, das, was eine Bewegung auf der Bühne in reines, sich Bahn brechendes Licht verwandelt.«

Zwei ihrer Freunde, Héctor, ein Skandal-Regisseur und sein Partner Pedro – beide natürlich ebenfalls steinreich – haben zusammen mit dem Schriftsteller Julián Soto ein Sozialprojekt angestoßen: Im berüchtigten Männergefängnis Reclusorio Oriente veranstalten sie in der von ihnen eingerichteten Gefängnisbibliothek regelmäßige Creative-Writing-Workshops. Die beteiligten Gefangenen sind fast alles Mörder und Gewaltverbrecher, viele von ihnen haben noch jahrzehntelange Strafen vor sich. In ihren Texten schreiben sie sich ihren Frust, ihre Sehnsucht und ihre Wut von der Seele, manchmal auch ihre Reue. Jedes Kapitel des Buches beginnt mit einem ihrer Texte. Sei es eine Kurzgeschichte, ein Gedicht, oder seien es ein paar Zeilen einer Erinnerung – sie alle führen tief hinein in die Schatten einer zerstörten und korrupten Gesellschaft, in der es schon lange kein Richtig oder Falsch mehr zu geben scheint. 

Pedro bittet Marina, mit ihrer Tanztruppe im Gefängnis aufzutreten, da die Schreibwerkstatt auf weitere Kulturangebote ausgedehnt werden soll. Dieser Auftritt wird zum Wendepunkt in Marina Longines Leben. Und nicht nur ihn ihrem. Denn dabei begegnet sie zum ersten Mal José Cuauhtémoc, verurteilt wegen mehrfachen Mordes zu einer Haftstrafe von fünfzig Jahren. 

»Das ist das Leben um des Lebens willen«

»Das Leben hat sehr unterschiedliche Tempi und Rhythmen. Über lange Phasen fließt es langsam dahin, und dann, ganz plötzlich, überschlagen sich Ereignisse, die so radikal sind, dass sie unser Leben bis zur Unkenntlichkeit verändern. … Wir beschweren uns oft über das Grau des Alltags, aber letztlich ist es unsere Rettungsplanke. Ein Leben ohne Ordnung überrollt uns. … Trotzdem ist da ein Teil in uns, der sich nicht ganz zähmen lässt, der rebelliert und bewirkt, dass wir uns gegen alle Vernunft ins Unbekannte stürzen, in die Gefahr, in den Tod. Der gesunde Menschenverstand fordert uns auf, es nicht zu tun, aber vergeblich: In uns pocht das Adrenalin. Und wenn wir alles verlieren könnten, wenn unser Leben und das unserer Liebsten in Gefahr ist, wenn wir den Hauch des Todes spüren: Wir machen weiter. Das Blut pumpt stoßweise, die Eingeweide verheddern sich, der Blick trübt sich ein. Das Leben vergewissert sich seiner selbst, kehrt zurück in seiner ursprünglichsten, brutalsten Form. Das ist das Leben um des Lebens willen.«

Mit José Cuauhtémoc hat der Autor Guillermo Arriaga eine der spannendsten Romanfiguren geschaffen, die mir in den letzten Jahren begegnet ist. In JC, wie er genannt wird, trifft alles zusammen, was Mexiko ausmacht – im Guten wie im Schlechten. Sein Vater war Ceferino Huiztlic, ein angesehener, wegen seiner Brillanz gefürchteter und fanatischer Intellektueller, der sein Leben dem Kampf für indigene Rechte gewidmet hatte. Josés Mutter war Spanierin, die sein Vater nur geheiratet hatte, um sie in einer lieblosen Ehe gefangen zu halten, wie eine Art postkoloniale Rache für alles, was sein Volk von den spanischen Eroberern zu erdulden hatte. JC hat die indigene Herkunft seines Vaters und das europäische Aussehen seiner Mutter geerbt; er und sein Bruder wurden von dem Vater mit gnadenloser Härte und brutalen Misshandlungen zu emotionalen Wracks herangezogen, hochintelligent und durchtrainiert. Und auf einen Weg geschickt, der José Cuauhtémoc ins Gefängnis führen sollte. In eine Welt aus Hoffnungslosigkeit, Eintönigkeit und Verzweiflung.

Einen ersten Lichtblick gibt es, als er in der Schreibwerkstatt erste Texte verfasst – und sich bald mehr und mehr in die Welt des Schreibens zurückzieht, ein Ausnahmetalent hinter Gittern, verglühend im Dunkel. Dann trifft er Marina. Es ist eine Begegnung, wie sie nur selten in einem Leben vorkommt, meistens nie. Die gegenseitige Anziehung ist unaufhaltsam, zerstörerisch und rücksichtslos gegenüber allem, was bisher wichtig war. 

Der Autor entwickelt die Geschichte langsam, aller Leidenschaft zum Trotz. Denn wie soll es gehen, dass sich eine Frau aus der Oberschicht und ein Häftling näherkommen? Wie sind schon alleine die praktischen Hürden zu überwinden? Und wie lange könnte eine solche Affäre unbemerkt bleiben? Doch letztendlich wirkt es so, als würden zwei Gefangene aufeinandertreffen; Marina eingesperrt im goldenen Käfig ihrer Gesellschaftsschicht, José eingesperrt in einer der übelsten Haftanstalten Mexikos mit über 12.000 Insassen. In ihre Welt bricht das Leben ein, in seine die Hoffnung. 

Ein Land vor dem Kollaps

Das bisher Erzählte ist die Grundhandlung des Romans, eigentlich nicht viel mehr als der etwas erweiterte Klappentext. Weitere Details sollen auf keinen Fall verraten werden, denn Guillermo Arriaga hat einiges mehr in diesem Werk untergebracht. Zwar ist das Aufeinandertreffen der beiden Liebenden durch die Umstände schon außergewöhnlich. Doch eingebettet ist dies alles in die Schilderung eines Landes vor dem Kollaps: Revierkämpfe zwischen verfeindeten Drogenkartellen, Kriege der Regierung und des Militärs gegen die Kartelle, Morde, Schießereien, Entführungen, Erpressungen, Absprachen, ein vollkommen korruptes System und eine Bevölkerung, deren wenige Perspektiven im Strudel von Blut und Gewalt versinken. Und die Haftanstalt Reclusorio Oriente ist – wie alle anderen Gefängnisse auch – ein Teil des Ganzen. 

Strukturiert wird der Roman durch die verschiedenen Perspektiven. Mit der Ich-Erzählerin Marina sind wir mitten in ihrem Gefühlschaos und wissen nicht, ob wir sie zurückhalten oder unterstützen möchten. Als zweiter Ich-Erzähler tritt im Hintergrund Josés Bruder auf, von dem wir die gewalttätige Familiengeschichte der Cuauhtémocs erfahren – ein Bericht, aus dem sich die Person Josés immer deutlicher in all ihrer Vielschichtigkeit herauszuschälen beginnt. Dazu gibt es einen Erzähler aus der Sichtweise Josés; diese Handlung läuft zeitversetzt zur Ich-Erzählerin Marina – ein Kniff, der die Ereignisse von der anderen Seite beleuchtet und so für eine faszinierende Dreidimensionalität sorgt. 

Und dann ist da noch eine weitere Erzählstimme, es ist die auktoriale Perspektive, in der eine tödliche Gefahr beschrieben wird, die sich außerhalb der Gefängnismauern für José Cuauhtémoc zusammenbraut – und für Marina. Langsam, aber sicher. Dieser Part des Romans ist in einem spanischen Straßenslang geschrieben, an dessen deutsche Fassung man sich beim Lesen erst einmal gewöhnen muss. Für den Übersetzer Matthias Strobel war dies sicher eine harte Nuss, und die eingestreuten englischen Floskeln in der Schreibweise, wie man sie spricht, wirken erst einmal etwas seltsam; juhnowateimien? Aber wotsefack, irgendwann habe ich darüber hinweggelesen und hatte genau die Gang-Typen vor Augen, die damit um sich werfen.

Das Manifest

Bin ich mit dieser Buchvorstellung bis zum Grund dieses wuchtigen, vielschichtigen Werkes vorgedrungen? Ich bin mir nicht ganz sicher und möchte daher die Buchvorstellung abschließen mit einem Text voller Wut, Hass und Trotz, den José Cuauhtémoc in der Schreibwerkstatt verfasst hat. Er nennt ihn »Manifest« und als er ihn vorliest, werden Pedro, Julián und Marina sehr still. Und sehr blass angesichts der Verachtung, die er ihnen und ihrer Lebensweise mit diesen Zeilen entgegenschleudert. Diese Szene ist – wie ich finde – eine der eindrucksvollsten und stärksten Stellen des Romans. Außerdem ist José Cuauhtémocs »Manifest« dem Buch vorangestellt – als Einstieg. Hier ist es, als Schlusswort.

Manifest

Dieses Land ist gespalten: in die, die Angst haben, und in die, die wütend sind. 
Ihr Bourgeois seid die, die Angst haben. 
Angst davor, dass ihr euren Schmuck verliert, eure teuren Uhren, eure Handys.
Angst davor, dass man eure Töchter vergewaltigt.
Angst davor, dass man eure Söhne entführt.
Angst davor, dass man euch tötet.
Ihr lebt als Gefangene eurer Angst. 
Eingesperrt in eure gepanzerten Autos, eure Restaurants, eure Bars, eure dämlichen Shoppingcenter. 
Verschanzt.
Verängstigt.
Wir dagegen leben voller Wut.
Immer voller Wut.
Nichts besitzen wir.
Unsere Töchter sind schon von Geburt an vergewaltigt.
Unsere Söhne von Geburt an entführt.
Wir werden geboren ohne Leben, ohne Zukunft, ohne alles.
Aber wir sind frei, weil wir keine Angst haben.
Es macht uns nichts aus, im Dreck aufzuwachsen oder umerzogen zu werden in euren Gefängnissen oder als anonyme Tote zu enden in euren Leichenschauhäusern. 
Wir sind frei. 
Wir können uns von Müll ernähren und die faulige Luft der Abwässer atmen und Urin trinken und in schwarzen Kloaken tauchen und an Durchfall, Diphtherie, Ruhr, Typhus und Syphilis erkranken und auf Exkrementen schlafen und uns nicht waschen und nach Schweiß und Erde und Tod stinken, es macht uns nichts aus, wir lassen uns nicht unterkriegen.
Aber ihr mit eurem schlaffen Fleisch und euren weichen Gehirnen, ihr braucht eure Angst, um zu überleben.
Eure Polizei und eure Armeen können uns noch so sehr massakrieren, wir halten stand. Wir sind unbesiegbar. Wir vermehren uns wie die Ratten. Wenn ihr einen von uns killt, wachsen Tausende nach. Wir überleben im Schutt. Wir entschlüpfen durch Löcher.
Ihr verzehrt euch vor Schmerz, wenn ihr einen der euren verliert. Ihr macht euch in die Hosen vor Angst, wenn ihr das Wort Tod auch nur hört. Wir nicht. Wir sind frei. Frei von Angst. Voller Wut. Frei.

José Cuauhtémoc Huitzlic
Häftling Nr. 29846-8 

Dieses Manifest, dieser Text: Das ist Mexiko.

Dieses Manifest, dieser Text: Das ist die dunkle Seite der Welt, in der wir alle leben. 

Buchinformation
Guillermo Arriaga, Das Feuer retten
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-98440-8

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6 Antworten auf „Leben um des Lebens willen“

  1. Ich habe das Buch heute zu Ende gelesen. Die Geschichte hat mich sehr beschäftigt. So viele Facetten, so viele Schicksale. Die Gewalt in diesem Land! Fällt mir schwer, mich kurz zu fassen. Vielleicht nur so viel: wer sich für Mexiko interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Vielen Dank, lieber Kaffeehaussitzer, für diesen Buchtipp!

  2. Vielleicht brauchen wir auch hierzulande ein solches in die Wunden unserer Gesellschaft getauchtes Werk. Ich habe derartiges jedenfalls noch nicht gelesen, und es wurde mir Ähnliches auch noch nicht vorgestellt. Haben Sie mir da einen Tipp? Danke für diese Vorstellung. Liegt demnächst in meinem Bücherschrank.

    1. Eine Beziehungsgeschichte, die gleichzeitig eine gesamtgesellschaftliche Diagnose stellt und in die offenen Risse unseres Zusammenlebens grätscht? Da fällt mir in der deutschen Gegenwartsliteratur leider kein vergleichbares Werk ein. Zumindest kenne ich keines.

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