Berlin – Chicago – Jerusalem

Dana Vowinckel: Gewaesser im Ziplock

Der Roman »Gewässer im Ziplock« von Dana Vowinckel wurde schon einmal hier erwähnt, gehört er doch zu den fünfzehn besten Büchern, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Nun durfte ich die Autorin bei einer Veranstaltung des Kölner Literaturhauses live erleben und das ist eine gute Gelegenheit, ihr Buch endlich ausführlich vorzustellen. »Gewässer im Ziplock« ist eine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte, durch die sich Risse ziehen; manche sind unübersehbar, andere ganz fein und im täglichen Leben kaum wahrzunehmen. Doch gerade die feinen Risse sind es, aus denen die Schatten der Geschichte hervorquellen und die sich jederzeit in aufplatzende, tiefe Furchen verwandeln können.

Die fünfzehnjährige Margarita lebt in Berlin und schlägt sich mit den üblichen Problemen einer Pubertierenden herum. Etwas ist jedoch anders als bei vielen Gleichaltrigen: Sie ist Jüdin, ihr Vater arbeitet als Chasan, als Vorbeter und -sänger in einer Synagoge. Und dieses Gefühl des Andersseins, das sie nur schwer in Worte fassen kann, zieht sich durch ihren Alltag: Die Schule hinter einem Sicherheitszaun, der Vater, der die Kippa unter einer Baseballkappe verbirgt, dumme Sprüche auf Partys, immer wieder antisemitische Anfeindungen. Und über allem liegt unausgesprochen der finstere Schatten der Shoah, ein Schatten, der nie vergehen kann, besonders nicht im Land der Täter. Die Romanhandlung umfasst wenige Wochen in einem Sommer, der Margarita von Berlin über Chicago nach Jerusalem führen wird; Wochen, die ihr Leben prägen werden. Die Erzählweise aus zwei Perspektiven – der ihren und der ihres alleinerziehenden Vaters Avi – verleihen der Handlung eine besondere Tiefe.

Dana Vowinckel liest aus »Gewaesser im Ziplock«
Dana Vowinckel liest aus »Gewässer im Ziplock«

In jenem Sommer ist Margarita bei ihren Großeltern in Chicago zu Besuch; es sind die Eltern ihrer Mutter. Ihrer Mutter, die sie kaum kennt, da sie die Familie kurz nach dem Umzug nach Berlin verlassen hat. Sie fühlt sich bei ihren Großeltern nicht wohl, kommt sich von ihrem Vater abgeschoben vor, vermisst ihr Leben in Berlin, vermisst den Jungen, in den sie sich – wahrscheinlich – verliebt hat; Heimweh und der Gefühlswirrwarr einer Fünfzehnjährigen vermischen sich zu einer bitteren Einsamkeits-Melange. Da meldet sich ihre Mutter Marsha aus Jerusalem; sie hat an der dortigen Universität eine Stelle als Linguistik-Professorin erhalten. Bis zum ersten Arbeitstag ist noch Zeit und sie schlägt Margarita vor, zu ihr zu kommen, um Israel kennenzulernen. Und ihre Mutter. Widerstrebend macht sie sich auf den Weg zu der Frau, die sie einst im Stich ließ. Und nicht lange nach dem Telefonat landet ihr Flugzeug in Tel Aviv. 

Das sind die drei Handlungsstränge des Romans: Das Leben Margaritas und Avis in Berlin. Die Reise Margaritas und Marshas durch Israel. Und Margaritas Beziehung zu ihren Großeltern in Chicago. Gleichzeitig lernen wir dabei völlig unterschiedliche jüdische Lebenswelten kennen. Diese Unterschiede waren eines der vielen Themen, über die Dana Vowinckel in Köln mit dem Moderator Manuel Gogos gesprochen hat. Denn jüdischen Autorinnen und Autoren wird in Interviews oft die Frage nach der Tradition des jüdischen Familienromans gestellt; Referenzen sind dann gerne die Bücher von Philip Roth oder Maxim Biller oder Werke wie Irene Disches »Großmama packt aus«. Und natürlich gibt es universale Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaften weltweit; das Grauen der Shoah, das erst zwei Generationen zurückliegt, prägt die Gefühle bis heute. Doch innerhalb dieser universalen Erfahrungen sind jüdische Familien so unterschiedlich wie alle anderen auch. Und die jüdischen Gemeinschaften so heterogen wie alle anderen Gemeinschaften; in Deutschland zum Beispiel ist die jüdische Community in vielen Fragen sehr zerstritten – so die Autorin, die sich im Tagesspiegel zu ihrem Buch äußerte: »Ich will jüdisches Leben erzählen, nicht erklären.« Und genau dies gelingt ihr auf großartige, auf mitreißende Weise. 

Durch die Perspektivwechsel, durch die sich parallel entwickelnden Handlungsstränge, durch Rückblenden und durch das Unterwegssein der Protagonisten – auch Avi wird nach Jerusalem kommen, als dort alles aus dem Ruder zu laufen beginnt – erhalten wir Einblicke in die große Vielfalt des jüdischen Lebens. Avi, der erst Pilot bei der israelischen Luftwaffe war, dann den Weg zur Religion gefunden hat und jetzt in einer Synagogen-Gemeinde in Berlin arbeitet; umgeben von dem deutschen Erinnerungstheater, das jederzeit einen Blick freigeben kann auf einen Antisemitismus, der nie weg war. Der als alleinerziehender Vater mit seiner Tochter ein einfaches Leben lebt, ihr aber Stabilität bietet und einen ruhigen, getakteten, schon fast ein wenig spießigen Alltag. Der – natürlich – besorgt ist um ihr Wohlergehen, aber nicht übervorsichtig. 

Marsha, die aus einer gutsituierten Chicagoer Familie stammt. Für die Avis Stelle in Berlin – die er angenommen hatte, ohne es mit ihr abzusprechen – etwas Unvorstellbares bedeutete. Sie war ihm zwar nach Deutschland gefolgt, aber in dem Land des Holocausts, der Shoa, der Vernichtung war es ihr unmöglich zu leben. Es funktionierte nicht, sie musste gehen und ließ ihren Mann mit ihrer Tochter ratlos zurück. 

Und Margarita, die wir auf ihrer Reise durch einen chaotischen Sommer begleiten. Als deutsche Jüdin fühlt sie sich fremd in Israel, fühlt sich fremd bei ihrer Mutter. Fühlt sich fremd mit sich selbst. Die Frage, ob Margaritas Grundemotion geprägt sei von Wut oder Scham verneinte die Autorin. Für Dana Vowinckel ist es in erster Linie das Gefühl der Verwunderung, das Margarita überallhin begleitet und mit dem sie dem Leben begegnet. Wohin, zu wem gehört sie? Wer ist ihre Familie? Es sind existenzielle Fragen, verknüpft mit der Geschichte von Menschen, deren Existenz seit unzähligen Generationen permanent bedroht ist. 

Durch die grauenvollen Ereignisse des 7. Oktober 2023 und deren Folgen hat »Gewässer im Ziplock« eine bedrückende Aktualität erhalten. In Köln ging es natürlich auch um dieses Thema. Doch Dana Vowinckel und Manuel Gogos gelang es, das Gespräch über das Buch dadurch zu vertiefen, ohne dass es alles dominiert hätte. Überhaupt hätte ich den beiden noch viel länger zuhören können, als die neunzig Minuten an diesem Abend, sie harmonierten wunderbar auf der Bühne. Einige Passagen des Gesprächs sind mir besonders im Kopf geblieben. Etwa als Dana Vowinckel sagte, dass für sie das Schreiben immer politisch ist, es sei gar nicht anders möglich – denn auch wenn sich eine Autorin, ein Autor beim Schreiben nicht politisch positioniert, so ist auch dies eine Positionierung. Und wenn sie als Autorin die politische Position einer ihrer Figuren beschreibt, müsse sie sich vollkommen in diese Haltung hineindenken können, auch wenn sie selbst eine gänzlich andere Meinung habe. Eine in diesem Sinne äußerst gelungene Stelle ist der Streit zwischen Avi und seiner Schwester, die beide sehr unterschiedliche Vorstellungen von Israel haben. Dana Vowinckel selbst sieht vieles an der aktuellen israelischen Politik kritisch, lehnt die Siedlerbewegung vehement ab – aber besonders der Erfolg der islamofaschistischen Ideologie zeigt deutlich, dass es den israelischen Staat braucht. Mehr denn je. 

Angesprochen auf die Frage, wie sich ihr eigenes Jüdischsein nach dem 7. Oktober und angesichts der Zunahme antisemitischer Übergriffe anfühlen würde, gab Dana Vowinckel die einzig richtige Antwort: Es ist falsch, dass jüdische Menschen danach gefragt werden. Vielmehr sollte man alle anderen fragen, warum sie diesen Hass auf unseren Straßen dulden? Und wie man es schaffen kann, dass unser Land für alle Menschen sicher ist, die dort leben. 

Dana Vowinckel und Manuel Gogos
Dana Vowinckel und Manuel Gogos

Wie gesagt, ich hätte den beiden noch viel länger zuhören können: Auf der einen Seite die spannenden Fragen von Manuel Gogos, die nicht nur neugierig auf das Buch machten, sondern es in einen größeren Kontext einordneten. Und auf der anderen Seite Dana Vowinckel, deren entspannt, aber gleichzeitig souverän wirkender Auftritt mir noch lange im Kopf bleiben wird. Bei der Gelegenheit sei die Folge des Suhrkamp-Podcasts »Dichtung & Wahrheit« empfohlen, in der sie darüber spricht, wie man über junges jüdisches Leben heute schreibt. 

Und wer wissen möchte, was eigentlich »Gewässer im Ziplock« bedeutet – auch das verriet uns die Autorin an jenem Abend. Der Titel entstand aus einer spontanen Eingebung heraus. Als sie an dem Roman schrieb, reichte Dana Vowinckel die ersten Seiten ihres Textes für den Bachmann-Preis ein. Und als alles für die Post vorbereitet war, musste auf die Schnelle noch ein Titel her. Aus irgendeinem Grund hatte sie in diesem Moment eine Stelle aus dem 93. Psalm im Kopf, wo die Wasser, die Fluten brausen. Und da im Buch viel gereist wird, dachte sie gleichzeitig an die praktischen Ziplock-Beutel, in denen man seinen Kleinkram verstaut. Und wie es manchmal so ist: Die Gedanken verknüpfen sich, seltsame Kombinationen entstehen; etwa wie es wohl wäre, wenn man die brausenden Gewässer transportieren könnte. Tja, und das war es dann. Es blieb der Arbeitstitel, als das fertige Manuskript bei Suhrkamp das Lektorat durchlief, dann in den Satz ging und als alles bereit war zum Drucken meinte jemand noch, ob das jetzt wirklich der endgültige Titel sei – aber die Zeit bis zum Erscheinungstermin drängte und das Buch ging in Produktion. Und auf der Titelseite steht: »Gewässer im Ziplock«. 

Buchinformation
Dana Vowinckel, Gewässer im Ziplock
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47360-3

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Die Lagune weint um ihre Stadt

Isabelle Autissier: Acqua Alta

Zwei Mal in meinem Leben war ich bisher in Venedig: Im Februar 1997 für einen Tag und im Oktober 2003 fast eine ganze Woche lang. Wie so viele andere Menschen hat auch mich diese Stadt bezaubert – mit ihrer Einzigartigkeit, mit ihrer geschichtsträchtigen Atmosphäre, mit ihrem maroden Charme, mit ihren Nebelschwaden, von denen sie regelmäßig eingehüllt wird und mit ihrer ganz besonderen nächtlichen Stimmung, die schon ans Mystische grenzt. Und trotz aller Touristenmassen hinterlässt sie Bilder im Kopf, die mich seitdem begleiten. Dabei ist die Schönheit Venedigs fragil: Das die Lagunenstadt umgebende, äußerst empfindliche Ökosystem ist durch Industrie und menschliche Gier aus dem Gleichgewicht geraten, während der alles niedertrampelnde Massentourismus Venedig mehr und mehr zu einem Freilichtmuseum verkommen lässt – die Photos der alles überragenden Kreuzfahrtschiffe sind schrecklich anzusehen. Im Roman »Acqua Alta« von Isabelle Autissier geht es um all dies. Die Autorin erzählt die Geschichte einer Familie, die aufs Engste mit Venedig verbunden ist. Mit der stolzen Vergangenheit der Stadt – und mit ihrem Untergang. „Die Lagune weint um ihre Stadt“ weiterlesen

Brief an den Vater

Necati Oeziri: Vatermal

Für die Überschrift dieses Blogbeitrags habe ich mir den Titel von Franz Kafkas »Brief an den Vater« geborgt; eines der bekanntesten Zeugnisse der Literaturgeschichte, in dem ein Autor mit der alles dominierenden Präsenz eines Familienpatriarchen abrechnet. Und auch wenn es vollkommen unterschiedliche Texte sind und nichts miteinander zu tun haben, finde ich den Titel auch hier passend. Denn Arda Kaya, der Protagonist des Romans »Vatermal« von Necati Öziri, schreibt ebenfalls an seinen Vater und prangert dessen Verhalten als verhängnisvoll für das Leben seiner Familie an. Zwar gibt es einen wichtigen Unterschied, denn Ardas Vater dominiert nicht mit seiner Präsenz, sondern hat mit seinem unvermittelten Weggang eine riesige Lücke gerissen. Doch gerade diese Leerstelle prägt das Leben von ihm, seiner Schwester Aylin und ihrer Mutter Ümran auf eine alles erdrückende Weise. 

Der Ich-Erzähler Arda liegt im Krankenhaus. Er ist jung, noch zu Beginn seines Studiums, aber es ist sehr ungewiss, ob er die Klinik lebend verlassen wird. Die Diagnose lautet Autoimmunhepatitis, sein eigenes Immunsystem greift die Organe an und niemand weiß, ob und wie dies zu stoppen ist. Ein junger Mensch, dessen Leben gerade gestartet war, steht bereits vor dem Ende. Und er nutzt dies, um alles aufzuschreiben, was er Metin, seinem Vater, gerne gesagt hätte. Seinem Vater, den er nie kennengelernt, der ihn durch seinen Weggang im Stich gelassen hat. Und gleich auf den ersten Seiten fällt ein starker, ein entscheidender Satz: »Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war.«  „Brief an den Vater“ weiterlesen

Ein Satz wie ein Geschenk

Annabel Wahba: Chamäleon

In der Beschreibung dieses Blogs heißt es, dass es darin um Bücher, Texte und Leseerlebnisse geht. Manchmal werde ich gefragt, was unter einem Leseerlebnis zu verstehen sei, doch darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es kann etwa ein Buch sein, das mich zurückführt in eine vergangene Zeit meines Lebens, so, als würde ich in einen Spiegel schauen. Oder ein Roman, in dem eine mir wenig bekannte Epoche so intensiv vor mir ausgebreitet wird, wie es mit literarischen Mitteln nur möglich ist. Ein Buch, das seltsame Träume auslöst. Oder eines, das mich so tief in die Handlung hineinzieht, dass ich mich danach wochenlang auf keine neue Lektüre einlassen kann. Und manchmal kann ein Leseerlebnis lediglich aus einer kurzen Textstelle* bestehen oder aus einem einzigen Satz; wenn ich dort Worte finde, die etwas in mir verändern. Worte, die mich mitten ins Herz treffen. Die Trost spenden und eine offene Wunde schließen. Oder zumindest ein Pflaster darauf kleben. Und genau solch ein Pflaster, solch eine Textstelle ist mir auf den ersten Seiten des Romans »Chamäleon« von Annabel Wahba begegnet. Davon möchte ich hier erzählen. „Ein Satz wie ein Geschenk“ weiterlesen

Über die Leere, die uns umgibt

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke

Anstatt über den Roman »Gesammelte Werke« von Lydia Sandgren zu schreiben, würde ich viel lieber noch darin lesen, wäre gerne noch in der Geschichte gefangen, die mich vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Aber auch 874 Seiten sind leider irgendwann zu Ende und es war mitten in der Nacht, als ich das Buch zugeklappt habe; übermüdet und hellwach gleichzeitig. Am nächsten Tag begann das Gelesene zu sacken, sich im Kopf auszubreiten und mir wurde nach und nach klar, was für ein grandioses Leseerlebnis mir beschert worden war – verbunden mit der Wehmut, die liebgewordenen Personen nun nicht mehr wiederzutreffen. Literatur, die wie ein helles Licht über den trüben pandemischen Winter strahlt. Dabei behandelt »Gesammelte Werke« ernste Themen, es geht um Verlust, um das Gefühl der Leere und die Suche nach einem Sinn im Leben; es gibt viele Fragen und nicht immer Antworten darauf – das alles aber ist eingebettet in einer wunderbaren Erzählung über die Freundschaft, das Älterwerden und die Liebe zur Kunst, zur Literatur und zur Sprache. „Über die Leere, die uns umgibt“ weiterlesen

Acht Generationen, zwei Kontinente

Yaa Gyasi: Heimkehren

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Sklaverei. Egal wann oder wo auf der Welt, stets wurden Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt, die nicht viel kosteten und jederzeit ersetzt werden konnten. Doch der massive Sklavenhandel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen Millionen von Verschleppten hatte noch einmal ganz andere Dimensionen: Er prägte gesellschaftlich und politisch den afrikanischen und die beiden amerikanischen Kontinente bis heute – egal, ob es sich um strukturellen Rassismus oder das blutige Erbe europäischer Kolonialherrschaft handelt. In ihrem Roman »Heimkehren« erzählt Yaa Gyasi eine von diesen Entwicklungen geprägte Familiengeschichte über acht Generationen, die auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt ist. „Acht Generationen, zwei Kontinente“ weiterlesen

Schwarzer Gott und roter Schienenbus

Bov Bjerg: Serpentinen

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, um den Roman »Serpentinen« von Bov Bjerg einen Bogen zu machen. Die Themenkombination Familiengeschichte, Depression und Suizid schien mir zu heftig – ich war mir nicht sicher, ob ich mich tatsächlich damit auseinandersetzen wollte. Aber wie der Zufall so spielt, liegt das Buch nun doch ausgelesen neben mir. Denn »Serpentinen« steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Und als einer von zwanzig Buchpreisbloggern, die jeweils einen der Longlist-Titel auf ihrem Kanal vorstellen, erhielt ich diesen Roman zugeteilt. Mit etwas banger Erwartung habe ich mich an die Lektüre gewagt – und sie war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Um es vorweg zu nehmen: Enttäuschend anders. „Schwarzer Gott und roter Schienenbus“ weiterlesen

Denkmal für die Verschwundenen

Pierre Jarawan: Ein Lied fuer die Vermissten

17415. Siebzehntausendvierhundertfünfzehn. Diese Zahl steht im Mittelpunkt des Romans »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan. Es ist die Anzahl der Menschen, die während des Bürgerkriegs im Libanon verschwanden – und bis heute vermisst werden. Während des Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 vor allem in und um Beirut ausgetragen wurde, der eine der schönsten und multikulturellsten Städte des Mittelmeers in Schutt und Asche legte und der tiefe Wunden in den Seelen der Menschen dort hinterlassen hat. Diese Wunden sind nur schlecht vernarbt, sie drohen ständig wieder aufzureißen – doch von offizieller Seite wird alles getan, um nicht darüber reden zu müssen. Pierre Jarawan – dessen Eltern den Libanon 1982 verließen, als die alltägliche Gewalt einen Höhepunkt erreicht hatte – erzählt in seinem Roman die Geschichte von Amin, der auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie uns Leser tief hineinführt in die Tragik jener Zeit. „Denkmal für die Verschwundenen“ weiterlesen

Die Macht der Erinnerung

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist

Das Buch »Was nie geschehen ist« von Nadja Spiegelman habe ich mir wegen des Covers gekauft, ohne vorher auch nur einen Blick auf den Text zu werfen. Das Photo auf dem Schutzumschlag zeigt eine junge Frau, die gerade mit Zigarette zwischen den Fingern aus einer Kaffeetasse trinkt. In Zeiten, in denen sich alles um gesunde Ernährung und Selbstoptimierung dreht, fand ich das Bild auf eine anarchische Art sympathisch. Zwar rauche ich schon eine ganze Weile nicht mehr, aber die Kombination von Koffein und Nikotin ist ein Genuss, den ich mir drei, vier Mal im Jahr gönne. Belohnt wurde ich bei dieser spontanen Kaufentscheidung mit einem faszinierenden Einblick in die Familiengeschichte der Autorin, genauer gesagt in die Lebensgeschichten ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer eigenen. Lebensgeschichten, die weit in das 20. Jahrhundert zurückreichen. Die um Ungesagtes kreisen, um widersprüchliche Erzählungen und Erinnerungen. Und um die Frage, wie wir uns an bestimmte Geschehnisse erinnern. Erinnnern wollen. Erinnern können. „Die Macht der Erinnerung“ weiterlesen

Wir Europäer

Mathijs Deen: Ueber alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas

Seit Menschen in Europa leben, sind sie unterwegs. Gründe dafür gab es im Laufe der Geschichte viele: Nahrungssuche, Handel, Krieg, Verfolgung oder einfach nur Neugier. Mathijs Deen hat ein Buch über dieses Unterwegssein geschrieben. »Über alte Wege – Eine Reise durch die Geschichte Europas« führt die Leser kreuz und quer durch unseren kleinen und doch so vielfältigen Kontinent; es sind Erkundungen durch alle Epochen und soziale Schichten. Herausgekommen sind dabei faszinierende und äußerst lebendige Beschreibungen uralter Routen, die oftmals heute noch bestehen. Denn »unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.«

Und als wäre es nicht ohnehin schon ein beeindruckendes Buch, so gab es eine Stelle, die ein regelrechtes Gänsehautgefühl bei mir ausgelöst und mir gezeigt hat, wie eng verzahnt das Leben in Europa schon immer war: Denn vor 200 Jahren trafen an einem kleinen, vergessenen Ort an der Ostsee die Familiengeschichte des Autors und meine eigene aufeinander. „Wir Europäer“ weiterlesen

Was wäre, wenn?

Hannes Koehler: Ein moegliches Leben

Wahrscheinlich kennt sie jeder, diese Momente, in denen das eigene Leben einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können, wenn eine Entscheidung anders ausgefallen wäre. Oder wenn man den Mut gehabt hätte, eine Veränderung zu wagen. Vielleicht nur einen winzigen Schritt in eine andere Richtung zu tun. Dem Herz zu folgen, nicht dem Verstand. Oft werden einem diese möglichen Abzweigungen erst lange Zeit später bewusst, aber manchmal denkt man sein ganzes Leben darüber nach. Und kommt nie zu einem Ergebnis; die Was-wäre-wenn-Frage lauert stets im Dunkeln, und in so manchen Nächten lässt sie einen nicht einschlafen. Der Roman »Ein mögliches Leben« von Hannes Köhler beschäftigt sich mit einer solchen Abzweigung, eingebettet in einen historischen Kontext, der uns Lesern einen wenig erforschten Ausschnitt der Geschichte des 20. Jahrhunderts näher bringt. „Was wäre, wenn?“ weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit »Flut und Boden« von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. „Familien.Geschichte“ weiterlesen

Wenn der Krieg kommt

Sandheim ist ein verschlafenes Dorf in der badischen Provinz, fernab von der großen, weiten Welt. Doch im Frühjahr 1945 rollt plötzlich der Krieg darüber hinweg und verändert alles. Jochen Metzger beschreibt in seinem dokumentatorischen Roman »Und doch ist es Heimat« schmerzhaft genau, was mit den Menschen geschieht, wenn ihr Zuhause zum Kriegsgebiet wird. So genau, dass ich immer wieder eine Pause einlegen musste, um das Gelesene zu verarbeiten. „Wenn der Krieg kommt“ weiterlesen

Heimatlose Schachspieler

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit dem Buchhändler in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens. Wir sprachen über Paris, über die Magie und Schönheit dieser Stadt und er bekam leuchtende Augen, hatte er doch dort eine Weile gelebt. Außerdem zog er das Buch »Der Club der unverbesserlichen Optimisten« von Jean-Michel Guenassia aus dem Regal und empfahl es mir. Ich kaufte es sofort. Aufgrund des Covers und des Klappentextes hätte ich es niemals gelesen, deutete beides eher auf eine etwas seichte Liebesgeschichte mit ein bisschen Lokalkolorit aus dem Paris der 60er-Jahre hin. Aber da wäre mir etwas entgangen, denn weder Coverphoto noch der Text auf der Rückseite werden dem Buch gerecht.

Es ist eine äußerst vielschichtige Handlung, erzählt in einem Plauderton voller Tiefgang. Und es ist kein Liebesroman, sondern es geht vor allem um das Gefühl der Heimatlosigkeit. Um die Verlorenheit. Um Schicksale von Emigranten aus dem Ostblock zu Zeiten des Kalten Krieges. Um das Zerbrechen einer Pariser Oberschichten-Familie. Es geht um Literatur, um Ideologien, um den Existenzialismus. Um Schach. Um das Aufwachsen. Und – ja, natürlich doch – um die Liebe. „Heimatlose Schachspieler“ weiterlesen

Auf der Suche

Sandro Veronesi: Fluchtwege

Ein absoluter Zufallstreffer: Ich kannte den Autorennamen nicht, mir sagte der Titel nichts, der Klappentext gab wenig Informationen preis und eigentlich sprach mich das Buchcover nicht besonders an. Aber ich habe das Buch »Fluchtwege« des italienischen Autors Sandro Veronesi trotzdem gekauft. Einfach so. Wahrscheinlich, weil ich in letzter Zeit mit Büchern aus dem Klett-Cotta-Verlag immer Glück hatte. Und diesmal auch, ein Spontankauf, der sich gelohnt hat. Veronesi schreibt über eine rumänisch-italienische Autoschieberbande, über Diebstähle im großen Maßstab, über organisiertes Verbrechen und Korruption. Eigentlich. Aber in Wahrheit ist es die Geschichte Pietro Paladinis, der von alldem nichts weiß. Die Geschichte einer Flucht, die zu einer Reise zu sich selbst wird. Eine Familiengeschichte, die sich wie eine Zwiebel Schicht für Schicht dem Leser enthüllt. Und nicht nur dem Leser, sondern auch Pietro selbst, obwohl es seine eigene ist. „Auf der Suche“ weiterlesen