Acht Generationen, zwei Kontinente

Yaa Gyasi: Heimkehren

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Sklaverei. Egal wann oder wo auf der Welt, stets wurden Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt, die nicht viel kosteten und jederzeit ersetzt werden konnten. Doch der massive Sklavenhandel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinen Millionen von Verschleppten hatte noch einmal ganz andere Dimensionen: Er prägte gesellschaftlich und politisch den afrikanischen und die beiden amerikanischen Kontinente bis heute – egal, ob es sich um strukturellen Rassismus oder das blutige Erbe europäischer Kolonialherrschaft handelt. In ihrem Roman »Heimkehren« erzählt Yaa Gyasi eine von diesen Entwicklungen geprägte Familiengeschichte über acht Generationen, die auf beiden Seiten des Atlantiks angesiedelt ist.

Es beginnt im Ghana des 18. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der die europäischen Mächte dabei waren, ihre kolonialen Stützpunkte an der westafrikanischen Küste auszubauen. Mit Sklaven war viel Geld zu verdienen, die Zuckerrohrfelder und Kaffeeplantagen in Süd- und Mittelamerika sowie die Baumwollfelder im südlichen Nordamerika garantierten eine steigende Nachfrage. Zwei Schwestern lernen die Leser kennen, Effia Otcher und Esi Asare. Zwei Schwestern, die zwar die gleiche Mutter haben, aber nichts voneinander wissen. Effia gehört zu Stamm der Fante; eine Volksgruppe, die sich mit den Briten verbündet hatte und ihnen die Sklaven verkaufte. Die Sklaven wiederum wurden von dem kriegerischen Stamm der Aschanti geliefert, die auf Kriegszügen weit ins Landesinnere zogen, um Menschen zu erbeuten. 

Das ist ein wichtiger Aspekt des Buches: Ohne die Mithilfe afrikanischer Völker wären die Europäer kaum in der Lage gewesen, in einem solch großen Umfang Sklavenhandel zu betreiben. Zwar war es bei vielen Stämmen üblich, Gefangene nach einer kriegerischen Auseinandersetzung als Sklaven zu behalten. Doch erst durch die immense Nachfrage der europäischen Kolonialmächte entstanden daraus regelrechte Menschenjagden und es wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die für unzählige dieser Menschen unsägliches Leid bedeutete. 

Wie etwa für Esi Asare, Effias Halbschwester. Während Effia mit einem britischen Offizier verheiratet wird – weiße Offiziere nahmen sich gerne schwarze Mädchen als Nebenfrauen, auch wenn sie in der Heimat schon längst eine Familie hatten – ist Esi in den Kellergewölben des Forts eingekerkert. Die Schilderung, wie zahllose Frauen in diesen Räumen eingesperrt auf den Sklaventransport warten – übereinander in ihren Exkrementen liegend, verzweifelt ihrem Schicksal entgegensehend – gehört zu den Szenen in diesem Buch, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen und uns Leser entsetzt zurücklassen. Esi überlebt die Qualen des Transports und kommt lebend in Amerika an. Schwanger nach der Vergewaltigung durch einen Soldaten. 

Effia und Esi. Von den beiden Halbschwestern ausgehend spannt die Autorin einen erzählerischen Bogen bis ins Heute. Und das ist brillant gelöst: Kapitelweise springt die Handlung zwischen Ghana und Amerika hin und her, doch jedes Kapitel führt uns eine Generation weiter. Wir lernen die Nachkommen der Schwestern kennen und deren Nachkommen; Namen tauchen auf, verschwinden wieder, verwischen im Wirbel der dramatischen Ereignisse. Niemand bleibt für lange. Das erfordert beim Lesen ein ständiges Um- und Weiterdenken, eine dauernde Neuorientierung und ist eine grandiose Zeitreise. 

Denn jede Generation hat ihre eigenen Kämpfe auszufechten. In Westafrika sind es die Streitigkeiten der Stämme untereinander, aber vor allem der stetig zunehmende Kolonialisierungsdruck seitens der Weißen – die Aschanti gehörten zu den wenigen Völkern, die den europäischen Imperialisten kriegerisch entgegentraten und damit jahrzehntelang Erfolg hatten, bis die immer moderneren Waffen sie zur Aufgabe zwangen. Später dann die Zeit der Dekolonialisierung, die Auflösung des Empire, Unruhen, ein fragiles wirtschaftliches und politisches System. In dem USA-Erzählstrang steht der mühsame Weg von der Sklaverei hin zur Freiheit im Mittelpunkt; Flucht, Menschenjagd, Krieg, rassistische Anfeindungen, die Ungerechtigkeiten der Jim-Crow-Gesetze. Erfahrungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. 

»Wenn Esi ein Lächeln auf einem weißen Gesicht sah, dachte sie für den Rest ihres Lebens daran, wie der Soldat sie angelächelt hatte, bevor er sie in sein Quartier geführt hatte. Lächelnde weiße Männer bedeuteten nur, dass mit der nächsten Woge noch mehr Böses über sie hinwegrollen würde.«

Mit diesen Sätzen endet das erste Kapitel dieser verästelten Familiengeschichte, die am Ende des Buches dankenswerterweise mit einem Stammbaum illustriert ist. Und auch wenn Esis Name in den folgenden Jahrzehnten bei ihren Kindeskindern in Vergessenheit gerät, steht der letzte Satz wie eine prophetische Klammer über der gesamten Geschichte. Eine Klammer aber, die zunehmend aufgebogen wird, denn »Heimkehren« erzählt nicht nur von Sklaverei und menschenverachtenden Strukturen. Sondern auch von dem unbändigen Wunsch nach Freiheit, nach Gerechtigkeit und nach einem selbstbestimmten Leben. Ein Kampf, der bis heute nicht vollständig zu seinem Ende gekommen ist.  

Ganz am Ende des Buches führt die Handlung noch einmal zu jener britischen Festung an der ghanaischen Küste, in dem die beiden Halbschwestern Esi und Effia zweihundert Jahre zuvor aufeinandertrafen, ohne voneinander zu wissen; als Sklavin in Ketten und Schmutz die eine, als Braut die andere. Es handelt sich dabei um das Cape Coast Castle, ein Schandfleck der an Schandflecken reichen europäischen Kolonialgeschichte: »Wenn es je einen Ort gegeben hatte, der verflucht war, dann dieser. Von außen schimmerte die Festung weiß. Strahlend weiß, als wäre das gesamte Gebäude gewaschen, von allen Flecken gesäubert worden. … Als sie hineingingen, begann alles schmuddeliger auszusehen. Das schmutzige Skelett der lange zurückliegenden Schande, das das Gebäude zusammenhielt, zeigte sich in schwarz angelaufenem Verputz und rostigen Türangeln.«

»Heimkehren« ist ein Roman, der aufwühlt, immer wieder schockiert und einen Blick freigibt auf die unfassbaren Grausamkeiten, denen dunkelhäutige Menschen ausgesetzt waren. Und den Blick schärft für die Ungerechtigkeiten, denen sie bis heute ausgesetzt sind.

Auf mich hat dieses Buch wegen einer Reise besonders intensiv gewirkt, denn ein Jahr zuvor hatte ich in Brasilien eine alteingesessene Kaffeeplantage besichtigt. Dort standen noch etliche Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, unter anderem die Sklavenunterkunft: Ein niedriges, etwa hundert Meter langes Haus. Ohne Fenster, ohne Türen, ohne Licht, ohne frische Luft. Der einzige Zugang war lediglich etwa einen Meter hoch, so dass man ihn nur stark gebückt durchqueren konnte. Später war eine richtige Türe aus der Wand gebrochen worden, um das Gebäude nach Abschaffung der Sklaverei anders nutzen zu können, aber den ursprünglichen, niedrigen Eingang konnte man noch gut erkennen. Der Anblick dieses Hauses, dieser »Türe« und die Vorstellung, dass darin hunderte von Menschen zusammengepfercht ihr Leben verbringen mussten – das hat mich fassungslos gemacht.  

Durch Yaa Gyasis Roman wurde diese Fassungslosigkeit mit Schicksalen gefüllt, die es in irgendeiner Form so gegeben hat, sei es in Brasilien, den europäischen Kolonien, den USA oder ganz woanders in dieser Welt – wie etwa in den arabischen Ländern, unter deren Sklavenraubzügen der afrikanische Kontinent ebenfalls massiv zu leiden hatte. Dies ist ein Teil der Weltgeschichte, der bislang wenig erforscht und so gut wie gar nicht aufgearbeitet ist. 

Und die Sklaverei ist im 21. Jahrhundert noch längst nicht verschwunden, ganz im Gegenteil. Für unseren Wohlstand arbeiten weltweit Millionen von Menschen als Sklaven oder in sklavenähnlichen Verhältnissen – ein boomendes Geschäft mit Milliardenumsätzen, das unmittelbar mit unseren Konsumgewohnheiten zusammenhängt. Auf der Seite slaveryfootprint.org kann sich jeder ausrechnen lassen, wie viele Sklaven seine Einkäufe möglich gemacht haben, von der Kleidung über das Smartphone und etliche Nahrungsmittel bis hin zum Auto. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei mir waren es sechzehn. Sechzehn Menschen.

Buchinformation
Yaa Gyasi, Heimkehren
Aus dem Englischen von Anette Grube
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9838-1

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