Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*

Ueber Gentrifizierung: Textstelle aus »Der Sollist« von Jan Seghers

»Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.« Diese dürre Wikipedia-Definition beschreibt eines der größten Probleme unseres Wohnungsmarktes, bei dem es nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern um eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft geht.

Bis zu einem bestimmten Punkt ist Gentrifizierung an sich nichts Schlechtes. Leerstehende Ladenlokale füllen sich, und die alteingesessene Eckkneipe, der Döner-Imbiss und das Nagelstudio existieren neben den ersten Cafés, neuen Restaurants und der ein oder anderen Galerie. Das ist stets eine spannende Mischung, die ein Viertel aufwertet und lebenswert macht. Wenn dann aber der erste Bioladen oder die erste vegane Eisdiele eröffnen, sind dies untrügliche Zeichen, dass ein Wendepunkt erreicht ist – dann nämlich beginnt ein ganz bestimmter Schlag Menschen das Viertel zu bevölkern. Menschen, die vollkommen davon überzeugt sind, dass nur mit ihrer Lebensweise die Welt gerettet werden kann,  die mit ihren Lastenrädern zum Unverpacktladen radeln, ihren Kindern Dinkelbrötchen kaufen, Milchkaffee  mit Sojamilch zubereiten, von Nachhaltigkeit reden, aber auch gerne bei Amazon bestellen, ausnahmsweise natürlich nur.

Selbstverständlich habe ich nichts gegen Lastenräder, finde Unverpacktläden großartig und Dinkelbrötchen lecker (Sojamilch allerdings kommt auf gar keinen Fall in meinen Kaffee …). Doch diese Insignien einer neuen Bürgerlichkeit sind die Symbole dafür, dass für die Alteingesessenen ungemütliche Zeiten anbrechen. Die sanierten Wohnungen werden unbezahlbar, Normalverdiener ohne zahlungskräftigen familiären Background müssen weichen; ihr vertrautes Viertel beginnt sich vor ihren Augen aufzulösen, ohne dass sie dem auch nur das Geringste entgegensetzen können. Das multikulturelle Flair verschwindet, ebenso wie die Eckkneipen, der Döner-Imbiss oder das Nagelstudio. Und die Spaltung unserer Gesellschaft ist wieder etwas tiefer geworden. 

Trunken vor Selbstgerechtigkeit merken die neuen Viertelsbewohner nicht, dass sie keine Weltverbesserer sind, sondern als Verdränger ein Teil der gesellschaftlichen Ungleichheit, die den Schwächeren kaum Chancen lässt. Oder es ist ihnen einfach egal; dafür sprechen sie gerne über Diversität (der Link führt zu einem Text im Blog Brasch & Buch, unbedingt lesen!), geben sich offen gegenüber anderen Kulturen und vergessen niemals, ein Gendersternchen zu setzen.

Diese Entwicklung gibt es in allen Großstädten, aber besonders extrem sind die letzten zwanzig Jahre in Berlin gewesen – und ein Ende ist nicht abzusehen. Der Prenzlauer Berg, der sich nach dem Ende des sozialistischen Verfalls von einem heruntergekommenen Arbeiterviertel in ein homogenes Akademiker-Biotop verwandelt hat, wird gerne als Beispiel genannt. Aber dort ist die Gentrifizierung längst abgeschlossen, während sie in anderen Vierteln der Hauptstadt wie eine gnadenlose Welle die Einkommensschwachen vor sich hertreibt. Bei dieser Gelegenheit sei der Beitrag »Die Gentrifizierung frisst ihre Kinder« im Blog Fräulein Julia empfohlen, inklusive Lektüretipps.

Ein Berliner Viertel, bei dem man seit in paar Jahren einen massiven Strukturwandel betrachten kann, ist der Schillerkiez in Neukölln, also die Gegend zwischen dem Tempelhofer Feld und der Hermannstraße. Die taz hat den Entwicklungen dort eine ganze Artikelserie gewidmet. Und genau dorthin führt eine Textstelle im Kriminalroman »Der Solist« von Jan Seghers, die der eigentliche Anlass für diesen Blogbeitrag ist.

Auf den ersten Blick wirkt »Der Solist« ein wenig wie auf dem Reißbrett konstruiert: Ein BKA-Ermittler der Marke »einsamer Wolf« wird nach Berlin geschickt, um dort mit einer Sondereinheit Mordanschläge mit terroristischem Hintergrund zu untersuchen. Es folgen das übliche Berlin-Ambiente, islamistische Gefährder, ein Neonazi-Netzwerk und eine etwas sehr offensichtliche Lösung des Falls. Was aber dem Roman erzählerische Tiefe verleiht, sind die beiden Protagonisten. Der BKA-Ermittler Neuhaus, wortkarg, vornamenlos und einzelgängerisch ermittelt gemeinsam mit der Kollegin Suna-Marie Özdal, der mit Abstand spannendsten Figur des Buches.

Sie stammt aus einer türkischen Migrantenfamilie, ist in Neukölln aufgewachsen und vertraut mit den Hinterhöfen und abgeschiedenen Ecken, kennt alle türkischen Restaurantbesitzer und Händler, die großen Familien mit ihren vielen Verzweigungen, schafft den nicht immer spannungsfreien Spagat zwischen Polizistin und migrantisch geprägter Community. Und sie ist es, die Neuhaus durch ihr Viertel führt, ihm einige Türen öffnet und mit klaren Worten über aktuelle Entwicklungen nicht hinter dem Berg hält.  Dabei bin ich auf eine Textstelle gestoßen, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Hier ist sie.

»›Das Viertel heißt Schillerkiez. Bis vor ein paar Jahren war hier alles wie überall in Neukölln – die Häuser ziemlich runtergerockt, erschwinglich, laut, viele Kinder, viele Türken, viele Libanesen und Studenten. Dann hat der Flughafen seinen Betrieb eingestellt, der Lärm nahm ab, die Altbauten wurden saniert, die Mieten verdoppelt, und es kamen die jungen Hipster. Die Speisekarten sind jetzt auf Englisch, alles ist öko-bio-fair und scheißteuer. Und wenn du Fleisch bestellst, wirst du erschossen. Hier herrscht das Kalifat des Veganismus.‹
›Aber die Leute sehen doch alle ganz zufrieden aus‹, sagte Neuhaus.
›Weil es ihnen gut geht. Glaub mir, sie beißen jeden weg, der nicht ihren Lebens- und Ernährungsgewohnheiten entspricht. Sie sind tolerant, solange es nach ihren Maßgaben läuft. Sie besuchen Yogakurse und engagieren sich in Flüchtlingsvereinen, zugleich sorgen sie dafür, dass die großen Migrantenfamilien das Viertel verlassen müssen. Arschlöcher.‹«

Derb, polemisch, überspitzt. Trotzig. Und wütend.

Und genau deshalb musste diese Textstelle in meine Sammlung der Textbausteine aufgenommen werden. 

Buchinformation
Jan Seghers, Der Solist
Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05848-7

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* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind. Manche davon begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

2 Antworten auf „Über Gentrifizierung. Ein Textbaustein*“

  1. Die Rezension hat mir sehr gut gefallen, danke dafür. Besonders spannend fand ich, wie am Beginn deines Beitrags die Phänomene der Gentrifizierung beschreibst. Ich würde mir ein solches Vorgehen auch bei anderen Buchrezensionen anderer AutorInnen wünschen: sie in den gesellschaftlichen Kontext einzubetten und sie nicht als „stand alone“ zu betrachten. Das war früher durchaus üblich.

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