Land Of The Free?

Thomas Mullen: Darktown | Weisses Feuer

Wieder einmal brennen in den USA die Straßen, wieder einmal demonstrieren Tausende gegen rassistische Polizeigewalt. Denn wieder einmal wurde ein Mensch mit dunkler Hautfarbe von weißen Polizisten getötet. Der strukturelle Rassismus zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte; auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 galten afroamerikanische Bürger fast ein Jahrhundert lang als Menschen zweiter Klasse. Und bis heute ist die Ungleichbehandlung täglich spürbar – von unterschiedlichen Löhnen bis hin zu eben jener Polizeigewalt, die vor allem dunkelhäutige Amerikaner zu spüren bekommen. Der Autor Thomas Mullen beschäftigt sich in seinen Romanen »Darktown« und »Weißes Feuer« mit einem ganz besonderen Aspekt dieser Entwicklung. Beide Bücher sind dabei Kriminalliteratur vom Feinsten und sie führen uns zurück in das Jahr 1948, in die Stadt Atlanta.

Atlanta, Georgia, war zu dieser Zeit eine schnell wachsende Metropole; oder, wie Thomas Mullen schreibt: »Zu zwei Teilen konförderiert-rassistisch, zu zwei Teilen schwarz und zu einem Teil etwas, für das sich noch keine Bezeichnung gefunden hatte. … Einst ein verschlafener Eisenbahnknoten, doch der Bedarf an Wehrmaterial und dessen Transport hatten zu Kriegszeiten eine Bevölkerungsexplosion verursacht. Auch nach dem Krieg hörten die Kamine der Fabriken, der Textilindustrie und der Eisenbahn nicht auf zu rauchen, denn der Alltag war zurück, die Amerikaner benötigten dringend neue Kleidung, Waschmaschinen und Autos und der Süden hatte billige Arbeitskräfte zu bieten, die in keiner Gewerkschaft waren. Atlanta wuchs weiter, die Züge spuckten immer mehr Neuankömmlinge aus, in den Wohnhäusern wurde es enger, der illegale Handel mit Schnaps wanderte von den Bergen hinunter in die Stadt, und die Straßen wurden überflutet von Ehrgeiz, Intrigen und Prügeleien, denn dort, im Bergvorland von Georgia war etwas entfesselt worden, das wohl nicht mehr aufzuhalten war.«

Ein Zitat, das in ein paar Zeilen die Beschreibung einer Stadt und einer Zeit im Umbruch bietet – in einer wunderbar mitreißenden Sprache, großartig übersetzt von Berni Mayer. 

Es brodelt in Atlanta und besonders die von der schwarzen Bevölkerung bewohnten Stadtteile wachsen rasant; viele Straßen sind kaum gepflastert, in manchen Außenbezirken gibt es keinen Strom, keine Regeln. Und keine Polizei. Um diese rechtsfreien Räume in den Griff zu bekommen, beschließt der Stadtrat eine Neuerung: 1948 wird die erste Einheit afroamerikanischer Polizisten aufgestellt. Aus acht Männern besteht sie und die dunkelhäutigen Cops sorgen im rassistischen Süden für Aufregung. 

Dabei sind ihre Befugnisse stark eingeschränkt: Sie dürfen keine Weißen vernehmen oder gar verhaften, sind in einer eigenen Polizeiwache – eher einem Kellerloch – untergebracht, ihre Einsatzzeiten sind ausschließlich in die Zeit von 18.00 bis 2.00 Uhr gelegt  und ihre Zuständigkeit endet an den Straßen, die wie eine unsichtbare Grenze zwischen den weißen und den schwarzen Stadtteilen verlaufen. Ihre weißen Kollegen lassen sie ihre Verachtung spüren, viele Schwarze betrachten sie als Büttel der Weißen; kurz: Die acht Polizisten – von denen sieben als Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus gekämpft hatten – sitzen zwischen allen Stühlen. Aber es ist ihnen bewusst, welche Bedeutung ihr Job hat. In einem Amerika, das die Rassentrennung staatlich verordnete, war ihre Existenz ein winziger Schritt in Richtung deren Überwindung. »Für uns waren diese Polizisten Helden«, so zitiert die ARD-Sendung ttt – titel, thesen, temperamente Jackson Smith, einen Weggefährten von Martin Luther King. 

»So viele ihrer Interaktionen mit Weißen waren nervenaufreibend, verwirrend, gefährlich. Es gab keine Präzendenzfälle, keine Jim-Crow-Gesetze für farbige Polizisten. Jeder von ihnen hatte es nur durch Leisetreterei ins Erwachsenenalter geschafft, doch jetzt erwartete man von ihnen, dass sie sich entschiedenen Schrittes und in vollem Bewusstsein ihrer neuen Autorität durch ihre Viertel bewegten. In jedem anderen Teil der Stadt hoffte man hingegen immer noch, dass sie wieder verschwanden – oder Schlimmeres.«

Auf die Fälle, mit denen die Handelnden in den beiden Kriminalromanen konfrontiert sind, möchte ich hier gar nicht eingehen. Sie sorgen für Spannung, für den roten Faden. Aber in »Darktown« und »Weißes Feuer« geht es um viel, viel mehr als um deren Aufklärung. Beides sind vielschichtige Gesellschaftsporträts jener Zeit, die durch die starke Ausgestaltung der Protagonisten eine außerordentliche Tiefe erhalten.

Im Mittelpunkt steht das Duo Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei jener acht Cops. Lucius Boggs ist Sohn des Reverend Boggs, eines hochangesehenen und wohlhabenden Priesters der schwarzen Gemeinde; aufgewachsen in materieller Sicherheit hatte sein Vater anderes für ihn bestimmt als ein Dasein als schlecht bezahlter Polizist. Tommy Smith dagegen musste schon früh lernen, sich irgendwie durchzuschlagen, er weiß, dass so etwas wie Gerechtigkeit nicht existiert und dass nicht immer der einwandfrei geradlinige Weg zum Ziel führt. Die beiden werden zu einem eingespielten Ermittlerduo, dessen Zusammenarbeit aber nicht immer konfliktfrei verläuft – zu unterschiedlich sind ihre Lebensläufe. Und Lucius Boggs muss erkennen, dass es in einem Haifischbecken voller Anfeindungen und Schikanen keine saubere Polizeiarbeit geben kann.

Lionel Dunlow ist ein korrupter, extrem rassistischer weißer Officer, einer der Schlimmsten in Atlanta und für Boggs und Smith der meistgehasste weiße Kollege. Er schlägt Schwarze zusammen, nimmt Bestechungsgelder an, erpresst Alkoholschmuggler und kleine Gauner, ist dabei aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn fast alle weißen »Kollegen« behindern die Arbeit der schwarzen Cops, wo sie nur können, lassen Beweismittel verschwinden, bedrohen sie beim Streife gehen. 

Denny Rakestraw ist Dunlows Partner; er erträgt den Rassismus seiner weißen Kollegen nicht, traut sich aber nicht, Position zu beziehen. Rake stammt von deutschen Einwanderen ab, die um die Jahrhundertwende in die USA kamen und während des Ersten Weltkriegs selbst Anfeindungen ausgesetzt waren; als GI führte er die Deutschen, die »von allem nichts gewusst hatten« durch das KZ Dachau. Er wird zum heimlichen Verbündeten von Boggs und Smith.

McInnis ist der weiße Vorgesetzte der acht schwarzen Cops. Ein mürrischer und abweisender Typ, der nur widerwillig den ungeliebten Job übernommen hat. Aber er beginnt die Qualitäten seiner Ermittler zu sehen, hält mehr als einmal schützend die Hand über sie – wenn die Anfeindungen ihrer weißen »Kollegen« bedrohliche Ausmaße annehmen. Doch wo steht er wirklich?

Hannah Greer ist die Schwester von Tommy Smith. Sie ist mit ihrem Mann Malcolm in ein Haus in einer weißen Gegend gezogen, hat damit die unsichtbare Grenze überschritten – was dazu führt, dass Tommy und Lucius Boggs nach dem Ende ihrer Schicht das Haus vor dem tödlichen Zorn der Nachbarn bewachen helfen müssen.

Das sind nur wenige der zahlreichen unterschiedlichen Protagonisten, mit denen Thomas Mullen seine Romane bevölkert hat – sämtliche Männer und Frauen zu nennen, würde den Rahmen des Beitrags komplett sprengen. Mit ihnen allen erweckt der Autor das Atlanta des Jahres 1948 zum Leben und schildert anhand der Polizeiarbeit die unfassbaren Ungerechtigkeiten, unter denen die Negroes zu leiden hatten. (Diese Formulierung verwendet der Übersetzer, um den abfälligen Tonfall der Weißen jener Zeit authentisch klingen zu lassen, dabei aber das eigentlich gemeinte N-Wort zu vermeiden.) 

Es geht um inoffizielle Ausgangsperren für Schwarze, die die weißen Cops rigoros durchsetzen. Um von dunkelhäutigen Familien bewohnte Häuser, die auf der falschen Seite der Straße stehen und ein weißes Viertel in gewalttätigen Aufruhr versetzen. Um Aktionen des Ku Klux Klan. Um Schießereien, Brandstiftung, Mord. Um Alltagsrassismus, um die Durchsetzung der Rassentrennung. Um Schwarze, die von weißen Polizisten so lange mißhandelt werden, bis sie ein Geständnis unterschreiben. Um die Praxis, gerade entlassene Strafgefangenene auf dem Weg zu nächsten Bahnhof wieder aufzugreifen und wegen Landstreicherei erneut zu verhaften und zu Zwangsarbeit zu verurteilen – eine lange im Süden praktizierte indirekte Fortsetzung der Sklaverei, die auch Hari Kunzru in seinem Roman »White Tears« thematisiert.

Aber auch um die Unterschiedlichkeit innerhalb der schwarzen Community, denn auch dort gab es eine Ober- und eine Unterschicht. Priestersohn Lucius Boggs steht dies bei seiner Polizeiarbeit täglich vor Augen: »Auburn Avenue war ein eigener kleiner Kosmos, der über Jahrzehnte hinweg von seinen Vorvätern kultiviert worden war, sogar noch vor den entsetzlichen Rassenunruhen von 1906. Es war eine Glaskuppel, die sie vor dem Rest der Stadt, vor dem Süden, vor ganz Amerika abschirmte. Sie gehörten zu den wenigen glücklichen Auserwählten, die es sich leisten konnten, sie nicht zu verlassen.«

Doch außerhalb dieser Straßen sieht es anders aus, und außerhalb der Stadt sehr viel anders: In einer Szene fahren Boggs und Smith im Zuge ihrer Ermittlungen weit hinaus auf das Land, hinein ins tiefste Georgia. Und überleben es fast nicht, da die weißen Redneck-Cops es kein bisschen interessiert, ob die beiden Polizisten sind. Nur mit gezückten Dienstwaffen kommen sie aus der Situation heraus.

Die in den beiden Romanen geschilderten Ereignisse liegen über 70 Jahre zurück. Vieles hat sich seitdem verändert in Atlanta, in Georgia, in den USA. Aber noch längst nicht alles. Bei weitem nicht. Von einem »land of the free«, wie es die Hymne »The Star-Spangled Banner« verspricht, sind die USA nach wie vor weit entfernt. Und momentan mit einem Präsidenten gestraft, der Öl ins Feuer schüttet und die gesellschaftliche Spaltung schürt wie kaum einer anderer.

Zum Schluss noch die Klärung der Frage, in welcher Reihenfolge »Darktown« und »Weißes Feuer« gelesen werden wollen. Zwar sind die beiden Romane in sich abgeschlossen, doch baut »Weißes Feuer« als zweiter Band lose auf »Darktown« auf – und da man sowieso das andere Buch lesen möchte, wenn man das eine beendet hat, empfehle ich, gleich mit »Darktown« zu beginnen. 

Zum Weiterlesen: Im Literaturblog Buch-Haltung stellt Marius Müller eine Lektüreliste zum Thema #büchergegenrassismus vor.

Bücherinformationen
Thomas Mullen, Darktown
Aus dem Englischen von Berni Mayer
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-8353-0

Thomas Mullen, Weißes Feuer
Aus dem Englischen von Berni Mayer
DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-8395-0

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8 Antworten auf „Land Of The Free?“

  1. Hallo Uwe,
    vielen Dank für diese Literaturempfehlung und dass du uns Leser immer wieder aufmerksam machst auf Neues und Aktuelles. Ich habe „Darktown“ im letzten Sommer gelesen und war ebenfalls sehr beeindruckt von der eindringlichen Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in denen Thomas Mullen seinen Roman angesiedelt hat und bin jetzt sehr neugierig geworden auf den 2. Band. Dass die USA ein seit Jahrhunderten bestehendes Rassismusproblem haben, das sich mit dem Brandstifter aus dem Weißen Haus noch einmal deutlich verschärft hat, ist ja sicherlich keine neue Erkenntnis. Dennoch bin ich von der momentanen Entwicklung ebenfalls einigermaßen geschockt. Ich hoffe sehr, dass der Protest nicht nachlässt und überwiegend friedlich bleibt, damit diejenigen, die das Problem ernsthaft angehen wollen eine Chance haben und endlich erfolgreich sind.
    Der zweite Band „Weißes Feuer“ liegt jetzt, nach deiner Empfehlung, ganz oben auf meinem Stapel der noch zu lesenden Bücher. Gut zu wissen, dass im November ein weiterer Band erscheint.
    Angeregt durch deinen Blog habe ich zu dem Thema Sklaverei und Rassismus ein eigenes kleines Literaturprojekt angefangen. Ich kann zu diesen Themen dringend die beiden mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bücher „Underground Railroad“ und „Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead, „Der Wassertänzer“ von Ta-Nehisi Coates, „Die Herkunft der Anderen“ von Toni Morrison, „Singt ihr Lebenden und ihr Toten singt“ von Jesmyn Ward, „Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop und natürlich zum besseren Verständnis der Bewegung „Black Lives Matter“ das gleichnamige Buch von Patrisse Khan-Cullors.

  2. Vielen Dank für die Ausführungen zum Rassismus in den USA. Vielleicht müssen diejenigen, die irgendwie mit dem Literaturbetrieb zu tun haben, aus Solidarität noch mehr Literatur aufro-amerikanischer Autoren in den Vodergrund rücken. In Bezug auf Minderheiten gehören für mich auch Native-Americans zu diesen Autoren. Man muss da nicht nur an Klassiker wie Vine Deloria denken. Auch jüngere Autoren wie Tommy Orange liegen mittlerweile in deutscher Übersetzung vor.

  3. Lieber Uwe,
    ich hatte Darktown im März gelesen und war gleichermaßen beeindruckt wie gefesselt. Besonders beeindruckte mich, wie geschickt Mullen seine gesellschafts- und sozialpolitische Analyse in die Kriminalhandlung einwob, so daß sie stets präsent war und niemals aufgesetzt oder eingeschoben wirkte.
    Den zweiten Teil kenne ich noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit.
    Vielen Dank für die hochaktuelle Präsentation der beiden Bücher.
    Alles Gute
    Norman

    1. Lieber Norman,
      ja, Du bringst es gut auf den Punkt: Genau diese stets präsente Schilderung der gesellschaftlichen Situation als Rahmen der Handlung macht die Romane so lesenswert. Im November erscheint der dritte Band, auf den ich schon sehr gespannt bin.
      Herzliche Grüße
      Uwe

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