Ein Echo aus der Vergangenheit

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit

Es gibt mehrere Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ein gelesener Roman dauerhaft im Bücherregal bleibt oder nicht. Eine wichtige Frage ist dabei: Hat mich das Buch so begeistert, dass ich mir vorstellen könnte, es noch einmal zu lesen? Denn das mache ich gerne und manchmal ist es sehr spannend, wie ganz anders das Erzählte auf einen wirken kann, wenn seit der ersten Lektüre viele Jahre vergangen sind. So geschehen bei »Der Augenblick der Wahrheit« von Leif Davidsen; ein Roman, den ich vor etwa zwanzig Jahren las – und in dem ich beim erneuten Lesen viele Textstellen fand, die mir damals kaum aufgefallen waren, die dieses Mal aber eine vollkommen andere Stimmung schufen.

Die Handlung führt uns in das Madrid der späten Neunzigerjahre. Der dänische Photograph Peter Lime hat dort nach vielen Jahren der Rastlosigkeit und einer inneren Unruhe einen Lebensmittelpunkt gefunden. Mit seiner Frau Amelia und seiner Tochter Maria Luisa wohnt er an der Plaza Santa Ana, mitten in der spanischen Hauptstadt. Es ist für ihn vertrautes Terrain, denn das erste Mal nach Madrid kam er im Jahr 1977; zwei Jahre nach dem Tod Francos. Dies war eine Zeit der Umbrüche, niemand wusste nach dem Ableben des Diktators, wie es weitergehen, wohin sich Spanien entwickeln würde. Linke Aktivisten aus halb Europa zog es nach Madrid, ebenso wie Mitarbeiter der unterschiedlichsten Geheimdienste, die das Terrain sondieren sollten. Die Stimmung in der Stadt war eine Mischung aus Konspiration und Aufbruch; alles schien möglich. Oder nichts. 

Ich-Erzähler Lime war damals ein junger Photograph am Anfang seines Schaffens; aus dieser Zeit stammt seine Freundschaft mit Oscar und Gloria, einem Paar in ständiger On-Off-Beziehung, mit denen er eine Photoagentur gründete. »Ospe News« spezialisierte sich auf Bilder von Prominenten; Lime wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem erfolgreichen Paparazzo, mit einem großen Netzwerk versorgt die Agentur die Klatschpresse der ganzen Welt mit intimen Bilder von Filmstars oder Politikern. Und mehr als eine Karriere oder Beziehung fiel diesen Photos zum Opfer. Gleichzeitig ist Peter Lime ein begnadeter und sehr gefragter Porträtphotograph. Eines der von ihm angefertigten Porträts, entstanden noch in seiner Jugend in den Siebzigerjahren und von ihm längst vergessen, wird das Leben seiner Familie zerstören und ihn wieder zurückwerfen auf sich selbst. Schon von Beginn der Erzählung an schwingt etwas Unheilvolles in den Zeilen, ein unabwendbares Drama, das sich anzubahnen beginnt. 

»Ich war kein Nomade mehr, sondern sesshaft geworden. Ich hatte mich immer als ewigen Wanderer mit rastlosen Füßen verstanden, der dort wohnte, wo er seinen Hut hinhängte, aber nun war ich wie ein Bauer, der auf seiner Scholle verwurzelt war. Ich hatte mich niedergelassen und gedieh dabei so prächtig, dass ich mich hin und wieder vor der Nemesis fürchtete. Nicht in Form von Gewalt oder Unglück. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Eher fürchtete ich, dass Rastlosigkeit und Unruhe mit alter Kraft zurückkehren und mich von dem Ort wegholen könnten, an dem ich mich so glücklich und geborgen fühlte.«

Doch dies ist ein Irrtum, denn es ist die Gewalt, die alles ändern wird. Bei einem Anschlag zerstört eine Explosion das Haus, in dem er mit seiner Familie lebt. Seine Frau und seine Tochter sterben – und Peter Lime steht vor einer düsteren Leere, die ihn zu verschlingen droht, die jene Rastlosigkeit und Unruhe zurückbringt. Und die ihn zu einem Jäger macht; zu jemandem, der herausfinden muss, was geschehen ist, um zumindest ein wenig Frieden finden zu können, um seine innere Zerrissenheit zu überdecken.

Es ist dieses Gefühl der Zerrissenheit, das sich durch den ganzen Roman zieht, ihm eine melancholische Grundstimmung verleiht und das uns Lesern auf den unterschiedlichsten Ebenen begegnet.

Da ist Spanien, ein zutiefst gespaltenes Land, geprägt von den nur mühsam vernarbten Wunden, die der Spanische Bürgerkrieg verursacht hat und die jederzeit wieder aufbrechen können. Dieses Gefühl, das zum Teil heute noch vorhanden ist, aber gegen Ende des 20. Jahrhunderts prägend für die spanische Gesellschaft war, fängt das Buch in vielen Details ein. Und als Peter Lime mit seinen Recherchen beginnt, nutzt er die unterschiedlichsten Kontakte: Seinen Schwiegervater, der einst im Geheimdienst Francos tätig war, ebenso wie Menschen, die ihm ein Gespräch mit abgetauchten ETA-Mitgliedern vermitteln.

Da sind die Lebensläufe Peter Limes und seiner beiden Freunde und Geschäftspartner Oscar und Gloria: Einst waren sie angetrieben davon, die Weltrevolution voranzubringen, hatten sich politisch weit links verortet, wollten helfen eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen – zumindest in der Theorie. Die Photoagentur machte sie reich, ließ alte Prinzipien über Bord gehen. Vieles aus jener Zeit kommt bei der Recherche wieder zum Vorschein, denn die Spur wird Lime weit hinein führen in die Zeit des Kalten Krieges. Und längst nicht alles von damals ist vergessen und vergangen.

Und da ist diese Zerrissenheit, die Peter Lime tief in sich selbst spürt, wie ein Stachel unter der Haut, den man nicht zu fassen bekommt. Denn auch wenn er den Nervenkitzel seiner Arbeit liebt, verachtet er insgeheim sein Schaffen, die hohle Sinnlosigkeit der Sensationspresse, der er Futter liefert. Seine Arbeit als Porträtphotograph kompensiert dies nur mühsam.

Diese Zerrissenheit als bestimmendes Element des Erzählten habe ich bei der ersten, lange zurück liegenden Leküre nur am Rand wahrgenommen. Vielleicht musste ich auch erst zwanzig Jahre älter werden, um mich in viele Gedanken des Protagonisten hineinfinden zu können. Gedanken, bei denen es um das Älterwerden geht, um das Gefühl einer inneren Unruhe, das Gefühl irgendwo ankommen zu wollen. Und um die Angst, dass einem das bisschen Glück, das man gefunden hat, jederzeit genommen werden kann. 

Sprachlich hat mir »Der Augenblick der Wahrheit« schon beim ersten Mal gefallen, und ich mochte vor allem die erzählerisch perfekt dosierte Spannung, die den Roman prägt. Doch es sind Textstellen wie diese, die mich dieses Mal weit mehr bewegt haben, einfach, weil so viel Zeit dazwischen vergangen ist und ich nun etwa in dem gleichen Alter bin wie der Protagonist – und wie der Autor, als er den Roman geschrieben hat.

»Eigentlich kann man sich nicht erinnern, wie man war, man meint zwar, dass man es kann, aber die Erinnerung liegt nah am Vergessen, und ein Bild hilft weder die Gedanken noch die Gefühle von damals zu präzisieren. Sie sind nur kleine, vibrierende Echos aus einer vergangenen Zeit. Wie wenn ich jetzt das aufschreibe: Kann ich mir eigentlich meinen Gefühlszustand in jenen Tagen wirklich zurückrufen oder glaube ich nur, mich an die Stimmung zu erinnern, jene Mischung aus einer merkwürdigen Euphorie und tiefer Melancholie über das Vergehen der Zeit und das Näherkommen des Todes, Schritt für Schritt, Tag für Tag?«

Alles geht ineinander über: Die Suche nach den Tätern und vor allem nach dem Grund für den Anschlag, die Erinnerungen an ein von Unrast geprägtes Leben, die entscheidende Rolle, die ein längst vergessenes Photo spielt, und das Erkennen einer monströsen Lebenslüge – sie führen Peter Lime an einen Punkt, an dem die Wahrheit kristallklar vor ihm liegen wird, dreieinhalbtausend Kilometer von Madrid entfernt; ein Ort, an dem es eine Vergangenheit gibt, die noch existiert, auch wenn sie schon längst im Dunkel der Geschichte verschwunden sein sollte.

»Der Augenblick der Wahrheit« war damals ein Zufallsfund, ich habe es im Buchregal bei Freunden gesehen, mich direkt festgelesen und gleich selbst gekauft. Jetzt liegt das Buch neben mir, und ich freue mich, dass es mich schon so viele Jahre begleitet. Noch ein Zitat daraus zum Abschluss des Beitrags? Dann dieses hier. Unbedingt.

»Jung sein, heißt frei von Verantwortung und ohne Angst vor dem Tod zu sein. Wir waren glücklicher, weil wir noch nichts zu verlieren hatten. Erst als wir den Schmerz durch Verlust kennenlernten, entdeckten wir, dass wir nicht unsterblich waren. Als uns das aufging, dass wir eines Tages sterben würden, verloren wir die Unschuld, und das Leben wurde nie mehr dasselbe wie zuvor.«

Buchinformation
Leif Davidsen, Der Augenblick der Wahrheit
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
DTV
ISBN 978-3-423-21208-3

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