Die Lebensreise des Joe McGrady

James Kestrel: Fuenf Winter

»Ein Krimi-Epos für die Ewigkeit.« Dieses überschwängliche Urteil von Dennis Lehane ziert den Einband des Buches. Angesichts des schnelllebigen Buchmarkts mag die Formulierung »Ewigkeit« etwas zu hoch gegriffen sein. Doch »Fünf Winter« von James Kestrel ist in der Tat ein Roman, bei dem alles stimmt. Ein nahezu perfekter Spannungsbogen, ein großartig komponierter Plot, ein markanter Protagonist in einem überzeugenden Figurenensemble und gut recherchierte historische Details ergeben zusammen mit der passenden Buchgestaltung und einem einprägsamen Titel ein Werk, das vielleicht nicht in alle Ewigkeit existieren wird. Aber nach dem Lesen wird man noch sehr lange an diesen Roman denken – zumindest mir ging und geht es so. Denn die Lektüre liegt schon einige Monate zurück, doch der Inhalt steht mir so klar vor Augen, als hätte ich das Buch erst gestern spätabends zugeklappt.

»Joe McGrady betrachtete seinen Whiskey. Er war so frisch, dass das Eis noch nicht zu schmelzen begonnen hatte, trotz der Hitze.« Damit beginnt »Fünf Winter«. Und damit hatte der Autor mich sofort, denn was klingt wie ein Noir-Klischee, ist ein Buchbeginn, in dem schon alles angelegt ist. Joe McGrady, ein eigenbrötlerischer Detective, arbeitet beim Honolulu Police Department. Und gerade, als die Hitze Hawaiis dem Eis im Whiskey zuzusetzen beginnt, erhält er in der Bar einen Anruf. Einen Anruf, der ihn zu einem Mordfall schicken und der sein Leben komplett aus der Bahn werfen wird. Es ist der 26. November 1941. 

Im Ka’a’awa Valley, ein, zwei Autostunden von Honolulu entfernt, liegen zwei Leichen in einem Schuppen. Es ist ein Paar, er weißer Amerikaner, sie eine Japanerin. Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen den USA und Japan ist diese Tatsache schon heikel genug, doch zudem ist der junge Ermordete der Neffe des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte. Von dem Moment, an dem McGrady am Tatort eintrifft, sitzt er zwischen allen Stühlen. Und die Handlung nimmt rasant Fahrt auf, erste Ermittlungen führen zu einer heißen Spur, zu einem Verdächtigen, der in letzter Minute entkommen kann – mit einem Pan Am-Flug nach Hongkong, in jener Zeit noch britische Kronkolonie. McGrady wird vom FBI beauftragt, hinterherzufliegen und in Hongkong die Ermittlungen fortzuführen; erst einmal unter dem Radar der britischen Behörden. Ein paar Tage später ist er in Hongkong, schon damals eine pulsierende Großstadt mit einem der wichtigsten Häfen der Welt.

Inzwischen ist es der 7. Dezember 1941. In Pearl Harbour auf Hawaii fallen japanische Bomben. Und mit diesem Angriff auf die amerikanische Pazifikflotte wird der seit 1939 tobende Krieg endgültig zum Weltkrieg. Aber das alles weiß McGrady zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Einen Tag später, am 8. Dezember 1941, setzt die japanische Armee, die bereits seit Jahren in China wütete, zum Sturm auf Hongkong an. Und McGrady gerät in Gefangenschaft. 

Bei der Schilderung des Inhalts orientiere ich mich stets am Klappentext des jeweiligen Buches, um nicht zu viel zu verraten. Hier deutet der Romantitel schon an, wie es weitergeht: Fünf Winter wird es dauern, bis Joe McGrady wieder zurück auf Hawaii ist. Eine lange Zeit. Und es ist ein anderer Mensch, der zurückkehrt, einsamer, illusionsloser, verwundert, noch am Leben zu sein.

»Er machte sich keine Sorgen um die Zukunft. Vielleicht hatte er die Fähigkeit, sich zu sorgen, eingebüßt. Alles würde sich klären. Oder auch nicht. Eigentlich war es egal. Alles, worauf es wirklich ankam, war längst geschehen.«

Doch das stimmt nicht. Und als er dann doch wissen will, was damals, fünf Winter zuvor geschehen ist, als er beginnt, nach inzwischen kaum noch wahrnehmbaren Hinweisen, nach verschütteten Spuren zu suchen, sticht er in ein Wespennest. Und dann, endlich, ergibt alles einen Sinn. Aber sein Weg, seine Lebensreise ist noch nicht zu Ende.

James Kestrel hat mit »Fünf Winter« tatsächlich einen außergewöhnlichen Kriminalroman geschaffen, der epische Züge trägt. Vom subtropischen Hawaii geht es in die Großstadt Hongkong, die vom Krieg überrollt wird; überall Trümmer, Rauch und Leichen. Es folgt die Gefangennahme McGradys inmitten japanischer Kriegsgräuel – die japanischen Soldaten waren berüchtigt für ihre Brutalität, sie hatten seit Juli 1937 große Teile Chinas erobert und dabei hunderttausende chinesischer Zivilisten ermordet. Der Umgang mit den Kriegsgefangenen ist ebenfalls von Gnadenlosigkeit geprägt, und als sich das Gefangenentransportschiff der Küste Japans nähert, hat McGrady mit seinem Leben eigentlich schon abgeschlossen. Eigentlich. Denn dann kommt es anders und an Land kann Joe mit Hilfe von Takahashi Kansei, einem japanischen Diplomaten, der genau weiß, wer McGrady ist, untertauchen. Fünf Winter lang. Doch zu einem Preis, dessen Auswirkungen ihm erst viel später klar werden. Fünf Winter später. 

Diese Zeit in Japan ist für mich der wichtigste Teil des Buches. Denn inmitten des Wirbels der Zerstörung, in dem die alte Welt untergeht, und versteckt unter den Menschen, die seine Feinde sind, findet Joe McGrady einen Frieden, den er zuvor nicht kannte. Und der ihn – bei allen dramatischen Ereignissen, die noch kommen werden – begleiten wird bis tief hinein in den sechsten Winter. Den für ihn und seine Lebensreise entscheidenden. 

Jetzt muss ich mir selbst Einhalt gebieten, um nicht noch mehr zu verraten. Doch tatsächlich befinde ich mich immer noch im abgesteckten Rahmen des Klappentextes. Die Ausführlichkeit, mit der dort über den Inhalt informiert wird, ist notwendig, um die Dimensionen dieses Buches fassen zu können. Die unzähligen unerwarteten Wendungen, die überraschenden Verknüpfungen und die sich erst spät erschließenden Zusammenhänge, die »Fünf Winter« zu einer wunderbar komplexen Geschichte machen, werden aber weder dort noch hier erwähnt. Und ich habe das Buch bereits im ersten Textabschnitt so angepriesen, dass ich mir ein Fazit sparen kann.

Daher nur zwei letzte Worte: Lest es. Und noch ein allerletztes: Unbedingt.

Buchinformation
James Kestrel, Fünf Winter
Aus dem Englischen von Stefan Lux
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47317-7

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4 Antworten auf „Die Lebensreise des Joe McGrady“

  1. Vielen Dank, dass du deine Entdeckungen mit deiner Lesergemeinschaft teilst. Ich werde „James Kestrel und die fünf Winter“ definitiv auf meine Leseliste setzen und freue mich darauf, diese außergewöhnliche Geschichte zu erleben. Mach weiter so und teile weiterhin deine literarischen Schätze!

    Herzliche Grüße,
    Britta

  2. Hallo Uwe,
    vielen Dank für deine Rezension. Ich habe das Buch zwar schon gelesen und war ebenfalls restlos begeistert, obwohl ich nicht der wirklich große Krimi-Fan bin aber ich werde in meinem Freundeskreis häufig nach meinem Leseeindruck verschiedener Bücher gefragt und bei „Fünf Winter“ habe ich mich immer sehr schwer getan mit einer kurzen Inhaltsangabe. Du arbeitest wirklich geschickt den Klappentext ab und es ist trotzdem ein bisschen mehr als das. Bei weiteren Anfragen werde ich künftig auf deine Rezension verweisen.
    Die Zeit in der der Roman spielt, die Orte und die Protagonisten, insbesondere der leicht kauzige McGrady haben mich wirklich überzeugt. Ein richtig guter Kriminalroman, von denen es leider nicht allzu viele gibt und den ich in meinem Urlaub gar nicht mehr aus der Hand legen konnte.
    Liebe Grüße,
    Petra

  3. Hallo,
    genau an dieser Stelle hatte das Buch mich:

    ..zwei Autostunden von Honolulu entfernt, liegen zwei Leichen in einem Schuppen. Es ist ein Paar, er weißer Amerikaner, sie eine Japanerin. Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen den USA und Japan ist diese Tatsache schon heikel genug, doch zudem ist der junge Ermordete der Neffe des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte. ..

    Es ist schon auf der Liste der Herbstwünsche.
    Vielen Dank für den Tipp
    Liebe Grüße,
    Britta

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