Ein Mahnmal aus Papier

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Buecher

Für das zentrale Spektakel war in Berlin auf dem Opernplatz ein großer Scheiterhaufen aufgebaut worden. Doch nicht nur dort, sondern in 30 deutschen Universitätsstädten loderten am Abend des 10. Mai 1933 die Flammen. Verbrannt wurden unzählige Bücher, die fanatisierte Studenten zuvor aus den Bibliotheken gezerrt hatten. Entweder waren ihre Autoren dem sich immer stabiler konstituierenden Nazi-Regime ein Dorn im Auge oder ihr Inhalt entsprach nicht „dem deutschen Geist“. Organisiert wurde die barbarische Aktion nicht von der NSDAP, sondern durch die Deutsche Studentenschaft, dem Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Diese Kampagne ist einer der Tiefpunkte unserer Geistesgeschichte, an Symbolik kaum zu überbieten.

Das Datum dieses widerwärtigen Schauspiels jährt sich 2018 zum fünfundachtzigsten Mal. Ein Grund, hier „Das Buch der verbrannten Bücher“ vorzustellen, mit dem Volker Weidermann den verfemten, verfolgten und zu einem nicht unbedeutenden Teil heute vergessenen Autoren ein Denkmal gesetzt hat. Natürlich eines aus Papier. Bereits vor zehn Jahren erschienen, ist es heute immer noch erhältlich und ich hoffe, dass dies noch lange so bleiben möge. „Ein Mahnmal aus Papier“ weiterlesen

Flüchtling im eigenen Land

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Als ich das Buch „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz zu Ende gelesen hatte und es zugeschlagen neben mir auf dem Tisch lag, musste ich erst einmal tief durchatmen. Um die Anspannung zu lösen, mit der ich bis zuletzt Seite für Seite umgeblättert habe. Und um das Gefühl der Beklemmung loszuwerden, denn „Der Reisende“ ist kein gewöhnlicher Roman. Vielmehr ist dieses Buch ein Zeitdokument in Romanform, das uns einen tiefen Einblick gewährt in das Deutschland des Novembers 1938. „Flüchtling im eigenen Land“ weiterlesen

Peace for our time

Robert Harris: München

Es ist eines der bekanntesten Photos des 20. Jahrhunderts: Der britische Premierminister Neville Chamberlain steht vor zahlreichen Mikrofonen und hält ein Stück Papier in die Höhe. „Peace for our time“ ruft er dabei den zuhörenden Menschen zu. Es ist der 30. September 1938, Chamberlain kommt gerade von der Unterzeichnung des Münchner Abkommens zwischen ihm, dem französischen Präsidenten Daladier, Hitler und Mussolini. Der damit vermeintlich gesicherte Friede war mit der Zerstückelung der Tschechoslowakei erkauft, deren Regierung erst gar nicht um ein Einverständnis gebeten wurde. Das Bild, mit dem Chamberlain in die Geschichtsbücher einging, ist das eines etwas distinguierten, älteren Herrn, der sich mit seiner Appeasement-Politik von dem deutschen Diktator über den Tisch ziehen ließ. Aber war er das wirklich? Der Autor Robert Harris rückt in seinem Roman „München“ dieses Bild zurecht und bringt uns jene dramatischen Tage auf seine unnachahmlich mitreißende Art und Weise so nahe, wie es literarisch nur möglich ist. „Peace for our time“ weiterlesen

Auf Rattenjagd

Der Spruch von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, hat sich selten in einer solchen Dimension bewahrheitet wie nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur im Jahr 1945. Unzählige Täter tauchten unter, vielen gelang es, das von ihnen zerstörte Europa zu verlassen und besonders in südamerikanischen oder arabischen Ländern Zuflucht zu finden. Hier siegte Politik über Gerechtigkeit: Anstatt so viele Nazis wie möglich an den verdienten Galgen zu bringen, duldeten die alliierten Geheimdienste den Mörder-Exodus, wenn sie ihn nicht gar unterstützten. Denn mit dem Triumph Sowjetrusslands und dessen Griff nach großen Teilen Osteuropas war eine neue Bedrohung der westlichen Welt am Horizont erschienen. Der Beginn des kalten Krieges zeichnete sich ab und flüchtende SS-Leute waren plötzlich potenzielle Verbündete im Kampf gegen den Bolschewismus. Natürlich nicht offiziell, aber es etablierten sich feste Fluchtrouten, etwa über die Alpen zu den italienischen Häfen. Mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche und des italienischen Roten Kreuzes. Dies waren die sogenannen „Rattenlinien“.

Der gesamte Aspekt der Täterflucht aus Europa ist bisher nur wenig erforscht, bis heute liegen etliche Zusammenhänge im Dunkeln. Umso spannender ist daher, sich mit zwei Romanen dieser Zeit und diesem Thema zu nähern. Es sind dies „Rattenlinien“ des Autors Martin von Arndt sowie „Der vierte Mann“ von Stuart Neville. „Auf Rattenjagd“ weiterlesen

Ein Buch für unsere Zeit

Ian Kershaw: Höllensturz

Seit über sieben Jahrzehnten herrscht in Europa weitgehend Frieden. Allen Auswüchsen des Kalten Krieges, den Balkankonflikten der Neunziger oder den ehemals bürgerkriegsähnlichen Zuständen Nordirlands zum Trotz: Dass sich Europas Länder gegenseitig zerfleischt und den Kontinent an den Rand des vollkommenen Zusammenbruchs gebracht haben, scheint endlos lange zurückzuliegen. So lange, dass man zu vergessen beginnt, was für ein fragiles Gebilde dieser Friede ist. In Zeiten zunehmender Abschottung, der Rückkehr des Nationalismus, vor dem Hintergrund des Brexit und der Erfolge dumpfrechter Parteien liefert uns der Historiker Ian Kershaw ein Werk, das uns die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringt. Es ist auf zwei Bände angelegt; der erste Band trägt den passenden Namen „Höllensturz“ und beschreibt den Zeitraum zwischen 1914 und 1949. Packend und mitreißend geschrieben, lehrreich ohne professoral-dozierenden Tonfall zeigt er uns, wie Europa den Weg in den Abgrund beschritten hat. Zweimal. „Ein Buch für unsere Zeit“ weiterlesen

Ratlos mit Christian Kracht

Christian Kracht: Die Toten

Bald startet die Bloggerreise nach Zürich, denn der Kaffeehausitzer ist einer der offiziellen Blogger-Kooperationspartner von Zürich liest 2016, dem größten Lesefestival der Schweiz, das dieses Jahr vom 26. bis zum 30. Oktober stattfindet. Ein besonderes Highlight wird die Lesung mit Christian Kracht sein, begleitet mich dieser Autor mit seinem Werk bereits seit über zwanzig Jahren. Allerdings lässt mich sein aktuelles Buch „Die Toten“ etwas verwirrt zurück. „Ratlos mit Christian Kracht“ weiterlesen

Zeitreise in die Chaos-Epoche

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war

In einem anderen Beitrag hatte ich geschrieben, dass ich sofort dabei wäre, sollten eines Tages Zeitreisen möglich sein. Die Epoche, um die es ging, waren die Jahre des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts; eine Zeit, die mir in vielem als lebenswerter erscheint als unsere Gegenwart – warum, habe ich in jenem Beitrag erklärt. Nun ist so etwas mit einem Abstand von 200 Jahren schnell gesagt; wie ist es aber, wenn man diese Aussage, dieses Wunschdenken einmal überprüft? Hier hilft das Buch „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ von Bruno Preisendörfer weiter, das uns tatsächlich auf eine Zeitreise schickt, uns mitnimmt auf eine „Reise in die Goethezeit“, so der Untertitel.

Um es gleich vorab zu sagen: Was der Autor hier an Quellenarbeit geleistet hat, wie viele Informationen zu unzähligen Details er für dieses Buch zusammengetragen hat, das ist außerordentlich beeindruckend. Und spannend zu lesen, denn es ist keine trockene Auflistung, sondern ein lebendig erzähltes Tableau des damaligen Alltags in all seinen Facetten. „Zeitreise in die Chaos-Epoche“ weiterlesen

Vaters Land

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Am plötzlichen und spurlosen Verschwinden seines Vaters droht ein Heranwachsender zu zerbrechen. Über zwanzig Jahre später macht er sich auf die Suche nach dem Verschwundenen, um sein zerrüttetes Leben in den Griff zu bekommen. So könnte man das Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan mit ein paar dürren Worten zusammenfassen. Doch das würde diesem Roman mit seiner poetischen Sprache und einer bewegenden und dramatischen Geschichte in keinster Weise gerecht werden. Ganz und gar nicht. „Vaters Land“ weiterlesen

Ein Vorhang der Wirklichkeit

Philip K. Dick: The Man in the High Castle - Das Orakel vom Berge

Jetzt bin ich tatsächlich über Amazon auf ein Buch aufmerksam geworden. Ausgerechnet. Wer schon öfters einmal hier war, der weiß, dass die Firma Amazon mit ihren rabiaten Geschäftspraktiken auf Kaffeehaussitzer nicht besonders wohlgelitten ist. Gleichwohl fand ich die Nachricht spannend, dass der Gemischtwarenkonzern aus Seattle jetzt als Film- bzw. Serienproduzent agiert, um sich im Streaminggeschäft Marktanteile zu sichern. Eines der ersten großen und offensiv beworbenen Serienprojekte ist „The Man in the High Castle“, die filmische Adaption des 1962 erschienenen, gleichnamigen Romans von Philip K. Dick. Eines Klassikers der phantastischen Literatur, der seit vielen Jahren in deutscher Übersetzung als „Das Orakel vom Berge“ vorliegt. Und von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Um was geht es? Es ist die Beschreibung, wie unsere Welt aussehen würde, wenn Nazi-Deutschland und Japan gemeinsam mit Italien den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten. Eine düstere Was-wäre-wenn-Dystopie, die einen komplett anderen Verlauf der Weltgeschichte schildert. „Ein Vorhang der Wirklichkeit“ weiterlesen

Reise durch die Zwischenwelt

Stephan Abarbanell: Morgenland

Die Suche nach einer verschwundenen Person, ein Roadtrip durch eine Welt im Umbruch und jede Menge zeitgeschichtlicher Hintergrund: Der Klappentext zu „Morgenland“ von Stephan Abarbanell versprach ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Und genau das ist es dann auch gewesen. Ein spannender Roman, der uns eine Epoche in der Geschichte zweier Länder näher bringt, in der das eine noch gar nicht existierte und das andere in Trümmern lag. Israel und Deutschland. „Reise durch die Zwischenwelt“ weiterlesen

Sieben Kilogramm Ästhetik

Deutschland um 1900 - Ein Portraet in Farbe

Ein Markenzeichen des Taschen Verlags sind die hochwertigen, voluminösen Prachtbände zu völlig unterschiedlichen Themen. Mit dem Band „Deutschland um 1900 – Ein Porträt in Farbe“ ist ein weiteres Exemplar erschienen, eine fast sieben Kilogramm schwere Photo-Zeitreise in eine längst vergangene Welt. Das Besondere daran verrät der Titel: Wir sehen diese Welt in Farbe. Und können so noch besser als sonst ermessen, welche Stadtbilder wir im Laufe eines Jahrhunderts verloren haben; es ist eine verschwundene Ästhetik, ein Buch wie ein Spiegel, der unserer – von der Tristesse moderner Stadtplanung geprägten Zeit – entgegengehalten wird. „Sieben Kilogramm Ästhetik“ weiterlesen

Leseprojekt Herkunft und Heimat

Leseprojekt Herkunft und Heimat

Ich bin der Sohn eines Flüchtlings. Der Enkel von Flüchtlingen. Und der Ur-Ur-Ur-Urenkel einer Flüchtlingsfamilie, dadurch ist ein großer Teil meiner Familiengeschichte kaum noch rekonstruierbar. Meine Ahnen mütterlicherseits waren Religionsflüchtlinge, sie zogen um 1700 als vertriebene Hugenotten aus Frankreich quer durch Europa bis nach Westpreußen, wo ihnen der preußische König Asyl gewährte. Dort hatten sie zwei Jahrhunderte Ruhe, bis 1918/1919 das Ende des Ersten Weltkriegs die mittel- und osteuropäische Landkarte gehörig durcheinander wirbelte. Westpreußen wurde dem wiedergegründeten polnischen Staat zugeschlagen, meine Vorfahren und viele andere Bewohner wurden vertrieben. Mit dabei war meine Großmutter, die 1919 zwanzig Jahre alt war. Sie starb 1981 und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie erzählte, dass sie, ihre Eltern und fünf Geschwister bei Nacht und Nebel ihr vertrautes Zuhause verlassen mussten. Jeder konnte ein Gepäckstück mitnehmen. „Leseprojekt Herkunft und Heimat“ weiterlesen

In den Krieg gezogen

Avi Primor: Süß und ehrenvoll

1914. Zwei Männer ziehen in den Krieg. Der eine ist Deutscher, der andere Franzose. Beide sind jung und begeistert von dem großen Abenteuer, das auf sie wartet. Beide tragen den gleichen Vornamen, Ludwig und Louis. Und noch etwas haben sie gemeinsam: Beide stammen aus einer jüdischen Familie. Das ist die Ausgangslage des Romans „Süß und ehrenvoll“ von Avi Primor, der den Leser durch die Hölle der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs führt. Aber nicht das Kriegsgeschehen steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern die Suche der Protagonisten nach der eigenen Identität. „In den Krieg gezogen“ weiterlesen