Welten hören auf

Jewgeni Jewtuschenko: Welten hoeren auf

Der Tod ist ein Mysterium, das uns das ganze Leben begleitet und das wir nie ergründen werden, so oft wir es auch versuchen. Vor vielen Jahren arbeitete ich als Altenpflegehelfer und begleitete eines Nachts einen alten Menschen auf seinem letzten Weg. Als er ein letztes Mal tief ausatmete, klang es wie ein Seufzer der Erleichterung. Dann war alles still. Damals legte ich mein Ohr auf seinen Brustkorb und hörte kein Herz mehr schlagen. Der alte Mann war gegangen. Und gleichzeitig konnte ich spüren, dass er im selben Raum war wie ich, jedenfalls noch eine kurze Zeit. Es war ein vollkommen friedlicher Moment. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Schon davor hatte ich viel über den Tod nachgedacht, nur ein paar Jahre zuvor war mein Vater gestorben. Gleichzeitig fühlte sich damals, mit Anfang zwanzig, die eigene Vergänglichkeit wie etwas Unwirkliches an, wie etwas, das noch nicht einmal vage am Horizont zu erkennen war. Obwohl diese Vergänglichkeit die einzige Gewissheit in unserem Leben ist.

Seitdem sind über zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Inzwischen weiß ich, dass jedes Jahr, jeder Tag ein Geschenk ist. Und wenn man mitbekommen hat, wie das Leben von Menschen, die man kannte – sei es gut oder nur flüchtig – zu Ende gegangen ist, bevor sie alt werden konnten, dann wird man sehr demütig. Nächstes Jahr ist mein fünfzigster Geburtstag. Aber nicht alle meiner Freunde und Bekannten von früher sind noch da.

Doch wie geht man mit diesem Mysterium Tod um? Hier muss jeder von uns einen eigenen Weg finden. Meiner ist die Literatur, es sind Texte über Vergänglichkeit oder die Trostlosigkeit des Wunsches, ewig leben zu wollen. Und letzte Woche ist ein Text hinzugekommen, ein Gedicht, das ich noch nicht kannte, das mich berührt hat, wie es selten Worte schaffen.

Es war bei einer Führung über den Friedhof Melaten, den über 200 Jahre alten, riesigen Kölner Stadtfriedhof; verwunschen, beeindruckend, zugewachsen, überragt von prächtigen Bäumen. Nachdem es den halben Tag geregnet hatte, stieg überall der Dunst auf, die Sonne schien nur fahl durch die Wolken, schwarze Vögel krächzten zwischen den tropfenden Blättern- eine perfekte Friedhofsatmosphäre. Dann zitierte der Stadtführer bei einem Grab ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko und darin die Zeile: „Nicht Menschen sterben: Welten hören auf.“ Es war totenstill, im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst die schwarzen Vögel schwiegen.

Dann kam wieder Bewegung in die Gruppe, die Menschen, mit denen ich unterwegs war, liefen wieder los, verloren sich zwischen den Büschen, den Bäumen, den Grabmälern, der Dunst hing immer noch in den Ästen. Und ich stand einfach nur da, alleine, und ließ diese Worte, dieses Gedicht nachklingen. Auch das war ein vollkommen friedlicher Moment, so als wäre um mich herum gerade für einen Augenblick alles zum Stillstand gekommen.

Dann ging ich weiter.

Aber das Gedicht wird mich ab jetzt begleiten.

Hier ist es:

Uninteressante Menschen gibt es nicht.
Jeder hat seine Geschichte, sein Gesicht,
das nur ihm gehört. Ein jeder ein Planet:
So reich, und keiner, der ihm gleicht. Versteht:

Auch wenn einer unauffällig lebt,
der nichts als Unauffälligkeit erstrebt,
ist er unter allen andern dann
durch seine Unauffälligkeit interessant.

Jeder hat seine geheime Welt,
von einem schönsten Augenblick erhellt,
von einem schrecklichsten Tag versehrt:
und allen andern ist sie ganz verwehrt.

Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm
sein erster Schnee aus jener grauen Früh,
sein erster Kuss nachts und sein erster Zorn:
und all das nimmt er mit sich fort.

Bücher bleiben uns und Brücken, Kram
und Maschinen, Leinwände, gut gerahmt
Geschmeide und Gelumpe – vieles bleibt:
und alles andre zerfällt mit seinem Leib.

Das ist das Gesetz dieses rohen Laufs,
nicht Menschen sterben: Welten hören auf.
Wir weinen ihnen eine Träne nach
und erkannten sie nicht am hellen Tag.

Was wissen wir vom Bruder und vom Freund,
von ihr, die nah uns ist und ferne träumt!
Vom eignen Vater, Gesicht gegen Gesicht,
wissen wir, alles wissend, nichts.

Die Menschen gehen fort… Dann sind sie fort.
Ihre Welten sind ein toter leerer Ort.
Und jedesmal, und denk ich dein,
möchte ich über dieses Ende schrein.

Jewgeni Jewtuschenko (1932-2017)
Uninteressante Menschen gibt es nicht
Übersetzt von Volker Braun

Hier auf Kaffeehaussitzer gibt es die Textbausteine, eine Sammlung von Texten, die mir wichtig sind. Dieses Gedicht gehört unbedingt dazu. 

11 Kommentare

  1. Ein Gedanke, den ich auch schon hatte. Schon Goethe klagte, was für eine „Organisation“ mit ihm zugrunde gehe. Und das geschieht wohl auch. Vorläufig ist mit dem Tod ein Ende erreicht. Eine Art von Auflösung. Ob es aber auf Dauer ein Ende bleibt?

    Leider scheint der Dichter an ein endgültiges Ende zu glauben. Ich bin da skeptisch (normalerweise benutzt man das Wort „skeptisch“ für den gegenteiligen Fall.) Ich meine, dass das Haus nichts verliert, wie das Sprichwort sagt.

    Vom Anfang her gedacht: Dieses Universum trug von Anfang die Möglichkeit in sich, dass wir wurden. Diese grundsätzliche Möglichkeit verschwindet nicht, wenn wir sterben. Sie bleibt erhalten. Und wir leben in diesem Universum. Wir verlassen es nicht. Auch mit dem Tod nicht. Nichts von dem, was wir sind, „verschwindet“ irgendwohin. Wohin denn auch?

    Vom Ende her gedacht: Menschen machen einen Unterschied in dieser Welt. Sie hinterlassen Spuren. Es ist auch in diesem Sinne nicht wirklich alles „weg“, wenn man stirbt.

    Die kleine Welt des Menschen also als Teil einer großen Welt. Schon Demokrit nannte den Menschen einen „Mikrokosmos“. Das trifft es ganz gut.

    Die traditionellen Religionen können mich nicht überzeugen. Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Wir leben in einer Zeit, wo man schnell dabei ist, Vernunft und Materialismus gleichzusetzen. Das ist aber sehr kurz gedacht. Die Vernunft, genauer: Die Philosophie, eröffnet eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Ich setze nur einmal zwei Links zum Weiterlesen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Natürliche_Theologie

    https://de.wikipedia.org/wiki/Panpsychismus

  2. Lieber Uwe,
    Deinen Text fand ich ebenso schön wie das Gedicht selbst. Danke dafür.
    Mein Alltag ist gerade angehalten, da mein Vater mit einer schweren Lungenentzündung im Krankenhaus liegt und ich nicht weiß, ob er morgen noch leben wird oder nicht.
    Gruß, Matthias

    • Lieber Matthias,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und viel Kraft für die nächsten Tage.
      Herzliche Grüße
      Uwe

  3. Lieber Uwe,

    ich danke Dir für das Teilen dieses wirklich besonderen Gedichtes.

    Ich sitze hier auch und weine.
    Weine, weil Jewgeni Jewtuschenkos Worte so anrührend sind, so einfach, voll eines liebenden Blickes auf den anderen. Marschieren ganz leise mittenrein ins Herz und mischen ganz schön auf.
    Und ja, schreien möchte ich, weil ich Tilmans Welt so sehr mochte und weil mir jetzt erst, bald fünf Jahre nach seinem letzten Atemzug, allmählich das Ausmaß klar wird und mich manchmal die Angst beschleicht, dass es nie mehr ganz leicht wird.

    Viele Grüße
    Zsuzsa

    • Liebe Zsuzsa,

      ja, Tilman ist einer der Menschen, an die ich dachte, als ich den Beitrag geschrieben habe. Wir haben uns in den Jahren vor seinem Tod nicht so oft gesehen; deshalb trifft mich auch fünf Jahre danach jedes Mal auf der Buchmesse wie ein Blitz die Erkenntnis, dass ich nie wieder dort mit ihm auf ein Bier zusammensitzen werde und eines der Gespräche führen kann, die ich so mochte. Nie mehr. Und immer, wenn ich die Widmung in Annes wundervollem Buch „Der Grund“ lese, bekomme ich feuchte Augen.

      Ich denke an Dich und wünsche Dir alles Gute.

      Liebe Grüße

      Uwe

  4. Lieber Uwe,

    ich finde solche berührenden Beiträge über Leben und Tod sehr kostbar. Sie lassen einen innehalten und geben die Möglichkeit, nachzudenken und zu fühlen. Tod und Vergänglichkeit ist immer wieder ein wichtiges Thema für mich, da ich im Laufe weniger Jahre meine Eltern verloren habe. Es ist eine sehr bittere, schmerzvolle Erfahrung, die mir allerdings auch den Weg gezeigt hat, das Leben stärker zu fühlen, lebendiger zu sein. Die Trauer ist ein stetiger Begleiter. Sie ist indes kein dunkler Schatten, sondern eher ein Mahner verbunden mit dem Bewusstsein, dass diese Abschiede unwiderruflich sind. Doch nicht nur die Literatur, sondern auch die Menschen helfen mir, im Leben zu stehen, wieder zu lachen, das Leben zu genießen, es als ein riesiges Geschenk anzusehen, das es gilt zu nutzen. Dafür bin ich unheimlich dankbar.

    Viele Grüße und Danke für Deinen wundervollen Beitrag
    Constanze

  5. Lieber Uwe,

    nun sitze ich hier und weine, denke an den letzten Atemzug meiner Tochter, Verlobten und meiner Mutter. Dies sind die letzten Atemzüge, die mich am meisten mitbewegt haben.

    Und nun dieses Gedicht, Bücher sind auch meine Brücken, die mich wieder zum leben gebracht haben.

    Und auch ich habe Schwierigkeiten mit Gedichten, aber dies trifft auch mich mitten ins Herz, dazu noch diesen Text danke dafür.

    Liebe Grüße,

    Markus

    • Lieber Markus,

      Dein Kommentar macht mich sehr betroffen und traurig. Ich danke Dir für diese sehr persönliche Antwort auf meinen Beitrag und wünsche Dir alles Gute und viel Kraft.

      Herzliche Grüße

      Uwe

  6. Lieber Uwe,
    habe bei meiner ersten Tasse Kaffee gerade das wunderschöne Gedicht gelesen.
    Ich habe beruflich viel mit Leben und Sterben zu tun.
    Diese wunderbaren Worte haben mir noch einmal einen ganz anderen Blick darauf geöffnet . Sehr, sehr bewegend!
    Eine Führung über den Melatenfriedhof wollte ich schon immer machen. Jetzt steht es ganz oben auf meiner Liste !
    Liebe Grüße, Andrea

  7. Lieber Uwe,
    danke für diesen Beitrag. Ich habe nun ein Gedicht mehr in meinem Herzen. Es hat mich tief berührt und gerade zu Tränen gerührt.
    Viele Grüße, Marina

    • Liebe Marina,
      es freut mich, dass ich das weitergeben konnte, was dieses Gedicht in mir ausgelöst hat.
      Danke Dir für Deinen Kommentar.
      Viele Grüße, Uwe

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