Vor dem Untergang

Bevor der Mannheimer Photolaborant Erich Sonnemann seinen Namen in Eric Sonneman ändern würde, besuchte er ein letztes Mal seine Verwandtschaft in Freudental – einem Dorf  in der schwäbischen Provinz, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Heilbronn. Mit dabei hatte er seine Kamera, mit der er die Familie seines Onkels und dessen Freunde photographierte. Und die Arbeit auf den Feldern, denn es war Erntezeit, damals im Sommer 1938. Ob Erich Sonnemann wusste, dass es danach kein Wiedersehen geben würde? Er emigrierte kurz darauf in die USA und aus seinen Bildern jenes Sommers sind heute Dokumente der Zeitgeschichte geworden. Denn fast alle der darauf abgebildeten Menschen waren einige Jahre später tot, ermordet von ihren Landsleuten und Mitbürgern. Weil sie Juden waren. In dem schmalen Band »Der letzte Sommer« aus der Reihe »Freudentaler Blätter« können wir einige der Photos anschauen. Und erhalten einen Eindruck von trügerischer Normalität, die keine drei Monate später zerbröseln sollte wie ein morsches Stück Holz. Die Photographien sind das Denkmal einer verschwundenen Welt, untergegangen in Barbarei, Leid und Tod.

Entdeckt habe ich diese Publikation und die Bilder auf dem Blog irgendwie jüdisch von Juna Grossmann. Es ist einer meiner Lieblingsblogs und ich schaue dort regelmäßig vorbei. Dieser Besuch war aber ganz besonders, denn es war ein Photo dort zu sehen, das mit einem Schlag unendlich viele Erinnerungen und Empfindungen zurückbrachte – Erinnerungen an lange Sommertage und an meine Kindheit mit Wiesen, Wäldern und dem Geruch von frisch gemähten Feldern. Ein Sommermorgen, Erntearbeiter auf dem Feld, Streuobstwiesen und bewaldete Hügel im Hintergrund, ein Bild wie aus der heilen Welt unserer Vorstellungen. Eine heile Welt, die es so nie gab und 1938 schon gar nicht. Vor allem nicht für die Menschen auf dem Photo.

Eric Sonneman: Weizenernte bei Sonnenaufgang

Denn es sind jüdische Landarbeiter, die für einen jüdischen Bauern arbeiteten, einen echten Schwaben, der damals sagte »I geh net, und wenn i verreck: I bin a Freudetäler.« Der Ort Freudental hatte eine große jüdische Gemeinde, zu der fast 40 Prozent der Einwohnerschaft gehörten. Doch wie überall im Land hatten auch hier die antisemitische Hetze der Nazis und die systematische Ausgrenzung Folgen gezeigt, die jahrhundertealte relative Sicherheit vor antijüdischen Ausschreitungen war löchrig geworden. Die ersten hatten den Ort verlassen, viele aber konnten sich nicht vorstellen, dass es noch schlimmer werden könnte. Dass ein Kulturvolk in der Mitte Europas zu solchen Verbrechen fähig sein sollte, die kurz darauf den Tiefpunkt unserer Geschichte markieren würden.

Die Bilder in diesem Heft zeigen diese Welt der jüdischen Landbevölkerung Freudentals kurz vor ihrem Untergang. Zeigen die harte Landarbeit mit Sense, Ochsengespannen und Muskelkraft, zeigen Menschen, die trotz der Anstrengungen zufrieden wirken; eins mit sich und ihrer schweißtreibenden Arbeit. Steffen Pross, der zusammen mit Toby Sonneman – dem Sohn des Photographen – die Bilder kuratiert und das Heft herausgegeben hat, schreibt in seinem Begleittext: »Wir Nachgeborenen sehen die Zeugnisse einer Welt am Abgrund – ihre Romantisierung durch die Kamera führt uns vor Augen, dass sie das ahnt, aber nicht weiß. Noch scheint das Land, scheint die Verbundenheit mit Tradition und Natur Sinn stiften zu können. Doch wir, die heutigen Betrachter, wissen ums Ende, das Unpersönlichste, das es geben kann: um die Shoah. Wir können diese Fotos nicht ohne dieses Wissen, nicht ohne ein Erschrecken ansehen: Ihre Schönheit erfüllt uns mit Schmerz.«

Ein berührender Text, denn nur wenige Jahre später gibt es diese Menschen nicht mehr. Erich Sonnemann erhielt sein Visum kurz nach den Progromen der »Reichskristallnacht«, als das Nazi-Regime die letzte Maske fallen ließ. Überall im Land brannten Synagogen, wurden Wohnungen geplündert, Menschen mißhandelt und eingesperrt, es gab zahlreiche Tote. Die Freudentaler Synagoge war nur deswegen nicht niedergebrannt worden, weil durch die enge Bebauung andere Häuser gefährdet gewesen wären.

Heute ist darin das Pädagogisch-Kulturelle Centrum Ehemalige Synagoge (PKC) untergebracht, ein Verein, der zahlreiche Projekte initiiert und unter anderem die »Freudentaler Blätter« herausgibt.

Eric Sonneman, wie er nun hieß, hatte die Negative seiner Photos mitgenommen, sie landeten ganz klassisch in einem Schuhkarton, in dem sie sein Sohn 2007 entdeckte. Und schnell merkte, dass er damit etwas ganz Besonderes in den Händen hielt. In dem Heft beschreibt er den Fund und erinnert sich an die Erzählungen seines inzwischen verstorbenen Vaters.

Etliche der Bilder ähneln denen aus den alten Photoalben meiner Familie. Nicht unbedingt die Bilder mit Motiven der Landarbeit – obwohl meine Oma perfekt mit der Sense umgehen konnte. Aber die Gruppenphotos, auf denen die Menschen in die Kamera schauen, lächelnd, ernst, blinzelnd. Die Männer in schweren Anzügen, oft mit Hut; die Frauen in knielangen Röcken. Gesichter, die austrahlten, dass die Menschen körperliche Arbeit gewohnt waren. Es ist kein Unterschied feststellbar. Doch meine Vorfahren gehörten zu den Tätern, mein Opa – den ich nie kennengelernt habe – war SA-Mitglied, meine Oma war bis zu ihrem Tod 1981 der festen Überzeugung, dass alle Verbrechen der Nazi-Zeit hinter dem Rücken Hitlers begangen worden waren. »Wir haben ja nichts gewusst« – die Lebenslüge dieser Generation habe ich als Kind oft gehört. 

Diese Ähnlichkeit der Bilder geht mir nahe. Denn seit ich mich mit dem Thema beschäftige, frage ich mich, wie es geschehen konnte, dass ein ganzes Volk zu Handlangern von Verbrechern wurde. Dass Millionen von Menschen ihre Mitbürger, Nachbarn, Arbeitskollegen, Schulfreunde ausgegrenzt haben, gedemütigt haben, ihnen ihre Würde genommen haben. Und dann ihr Leben.

Eine Antwort habe ich bis heute nicht gefunden.

Auch dieses kleine Heft mit dem traurig-passenden Titel »Der letzte Sommer« gibt darauf keine Antwort. Eher im Gegenteil, es fügt der Zeit, der wir immer noch fassungslos gegenüberstehen, eine weitere Facette hinzu. Eine wichtige Facette, denn die Bilder der letzten Normalität eines jüdischen Alltags vor der Vernichtung sind eine zeitgeschichtliche Sensation.

Und in Zeiten, in denen dumpfe Hetze gegen andere wieder salonfähig wird, sind diese Erinnerungen wichtiger denn je. Das hat nichts mit Schuldgefühlen zu tun, wohl aber mit Verantwortung dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Das Unerzählbare.

Buchinformation
Eric Sonneman, Der letzte Sommer / The Last Summer
Vorgestellt von Steffen Pross und Toby Sonneman
Freudentaler Blätter
ISBN 978-3-9818559-0-6

Pädagogisch-Kulturelles Centrum Ehemalige Synagoge Freudental

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