Ein Diktator im Fadenkreuz

Geoffrey Household: Einzelgaenger, maennlich

Als der Diktator im Fadenkreuz auftauchte und der Zeigefinger des Schützen am Abzug lag, kam ein leichter Wind auf. Dieser Luftzug zwang ihn, das Präzisionsgewehr nachzujustieren und in diesen wenigen Sekunden wurde er von den Sicherheitskräften überwältigt. Damit beginnt der Roman »Einzelgänger, männlich« von Geoffrey Household. Jener Schütze ist der Ich-Erzähler, der berichtet, wie er anschließend in das große Anwesen gebracht und gefoltert wurde. Ohne Fingernägel und mit einem zugeschwollenen, stark verletzten Auge wird er eine Felswand hinabgeworfen, um seinen Tod wie einen Unfall aussehen zu lassen. Denn anhand seiner Papiere identifizierten seine Peiniger ihn als einen prominenten Angehörigen der englischen Oberschicht, den sie nicht einfach so verschwinden lassen konnten. Wie durch ein Wunder überlebt er den Sturz und es beginnt eine dramatische Jagd. 

Es ist immer wieder spannend, beim Stöbern im heimischen Bücherregal verborgene Leseschätze zu entdecken; viele Bücher lagern dort schon seit Jahren. »Einzelgänger, männlich« hatte ich mir irgendwann quasi im Vorbeigehen gekauft, weil mir Titel und Cover gefielen – und weil der Verlag Kein & Aber es schafft, bibliophile Taschenbücher herzustellen. Ich mag diese Gestaltung mit dem schlichten Cover und dem bei Paperbacks außergewöhnlichen Farbschnitt sehr. Und auch wenn ich normalerweise versuche, den Kauf von Taschenbüchern zu vermeiden, mache ich bei dieser Reihe gerne eine Ausnahme. Auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht.

Der Roman erschien ursprünglich 1939 in England. Schnell ist klar, um welchen Diktator es sich handelt, den sich der Ich-Erzähler als Ziel auserkoren hat, auch wenn sein Name nie genannt wird. Auf den ersten Seiten beschreibt er, wie er auf Jagdurlaub in Polen war, danach die Grenze zu dessen westlichem Nachbarland überquerte, er sich anstatt heimzureisen von Ort zu Ort treiben ließ und dabei eine Idee begann, Gestalt anzunehmen. Als leidenschaftlicher Jäger war er ein Meister des Anpirschens, hatte ein hochwertiges Gewehr bei sich – und wollte ausprobieren, ob er es schaffen würde, an den bestbewachten Mann Europas so weit heranzukommen, dass er einen Schuss abgeben könnte. Ob er tatsächlich geschossen hätte oder ob es ihm lediglich um den Nervenkitzel der Pirsch ging, lässt er auf den ersten Seiten offen. Für seine Verfolger aber wird er zum Staatsfeind Nummer eins.

»Einzelgänger, männlich« ist die Geschichte einer Jagd, doch der eigentliche Jäger wird zum Verfolgten, zum Getriebenen. Um zu überleben, muss er sich verwandeln, muss unsichtbar werden, muss auf seinen Instinkt hören. Er versucht unterzutauchen, lebt wochenlang in einer Erdhöhle, wird zu einem Geist, dessen dreckverkrustetes Aussehen kaum noch menschlich zu nennen ist. Doch die Verfolger lassen nicht locker, auch nicht über Staatsgrenzen und das Meer hinweg. Und irgendwann wird die südenglische Landschaft mit ihren Hecken und Hohlwegen, ihren sanften Hügeln, kleinen Wäldchen und Büschen, ihren abgelegenen Höfen und wortkargen Menschen zum Schauplatz eines tödlichen Showdowns. 

»Indem ich wie ein wildes Tier lebte, war ich wie ein wildes Tier geworden, unfähig, emotionellen Druck zu hinterfragen, unfähig, zwischen allgemeiner Gefährdung und einer bestimmten Gefahrenquelle zu unterscheiden. Ich konnte zwar einen Fuchsrüden aufschrecken, und mich ebenso leise bewegen und ebenso leicht schlafen, aber der Preis, den ich dafür bezahlt hatte, war, dass ich meine gewöhnliche menschliche Schlauheit verloren hatte.«

Das alles ist in einer unnachahmlich britischen Weise erzählt. Fast hat man das Gefühl, man säße in einem Londoner Club mit einem achtzehn Jahre alten Single Malt vor dem prasselnden Kaminfeuer und plaudere mit einem guten Bekannten, der von seinen Abenteuern erzählt. Widrigkeiten sind dazu da, erduldet zu werden, das stundenlange Ausharren in einem Kohlfeld etwa – während ein November-Nieselregen alles durchnässt – ist nichts weiter als eine sportliche Herausforderung.

»Ich kann mir denken, dass es in diesen Dörfern nie mehr so viel Aufregung gegeben hat, seit 1685 Monmouths Truppen aus dem Sedgemoor geflohen waren, um ihre Pferde in diesem gräulichen Ackerland lahmzureiten und durch den Dreck zu kriechen wie ich und die Würmer.«

Viel Aufregung: Inzwischen ist auch die Polizei hinter ihm her, denn sein Verschwinden hat Opfer auf der Seite der Verfolger gekostet. Die Landschaft verändert sich, der Winter steht vor der Türe. Und langsam, aber sicher beginnt sich die Schlinge zuzuziehen.

»Gegenwärtig existiere ich nur in meiner eigenen Zeit, wie man es in einem Albtraum erlebt, und zwinge mir einen Fanatismus des Ausharrens auf. Ohne Gott, ohne Liebe, ohne Hass – und doch ein Fanatiker! Eine Verkörperung jenes für Ausländer mythischen Wesens: der englische Gentleman, der gesittete Engländer.«

»Einzelgänger, männlich« ist weit mehr als ein Abenteuerroman mit britisch-aristokratischem Understatement. Es ist ein Zeitdokument. Denn der Autor Geoffrey Household – der selbst ein sehr umtriebiges Leben führte und während des Zweiten Weltkriegs für den britischen Geheimdienst tätig war – verbindet mit seinem Buch 1939 eine Botschaft: Mit Diktatoren wie Hitler kann man nicht verhandeln; Menschen wie er sind das personifizierte Böse, dass es zu bekämpfen gilt. Man muss sie jagen und mit einem gezielten Schuss zur Strecke bringen. Und nur ein Einzelgänger kommt als Attentäter an einen nahezu perfekt bewachten Mann heran, unerwartet und überraschend. Ein Detail am Rande: Im selben Jahr, in dem das Buch erschien, versuchte der Schreiner Georg Elser – ein Einzelgänger – mit einer Bombe im Münchner Bürgerbräukeller, Hitler mit einer Bombe zu töten. Fast hätte er damit Erfolg gehabt und der Welt viel Leid erspart.

Das alles führte zur Ausgangssituation des Buches, als jener namenlos bleibende Diktator im Fadenkreuz des Zielfernrohrs auftauchte. Doch erst ganz zum Schluss erfahren wir ein wichtiges Detail. Ein Detail, das der Romanhandlung eine vollkommen neue, viel persönlichere Bedeutung gibt.  

Nachdem spätabends die letzte Seite gelesen war, schenkte ich mir einen Talisker ein und dachte darüber nach, wie anders die Geschichte hätte verlaufen können, wenn tatsächlich ein Jäger Jagd auf einen der größten Verbrecher unserer Zeit gemacht hätte.

Und dazu gekommen wäre, auch abzudrücken. 

Buchinformation
Geoffrey Household, Einzelgänger, männlich
Aus dem Englischen von Michel Bodmer
Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5971-9

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Eine Antwort auf „Ein Diktator im Fadenkreuz“

  1. Beim Stöbern in den Buchhandlungen kann es bei mir doch ab und an noch ein Taschenbuch sein, ein Relikt aus Studienzeiten. Ich mag auch die Kein & Aber-Reihe, deshalb kommt dieser Roman auf die Wunschliste und ganz schnell ins Regal. Spannende Geschichte! Danke für diesen wunderbaren Tipp. Beste Grüße

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