Abgebrochene Brücken

Kai Havaii: Rubicon

Eigentlich hätte ich den Namen Kai Havaii kennen müssen, denn ich bin in den Achtzigerjahren aufgewachsen und er war – oder vielmehr ist – der Sänger der Band »Extrabreit«. Aber die Musik der Neuen Deutschen Welle mochte ich noch nie und auch dreißig Jahre später wechsele ich auf Partys schnell den Raum, wenn die NDW-Nostalgierunde läuft. Wobei ich in Zeiten, wie wir sie momentan erleben,  gerne dazu auf dem Tisch tanzen würde, wenn Partys überhaupt wieder möglich wären.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte ich den Namen Kai Havaii noch nie gehört, als ich bei der Frankfurter Buchmesse 2019 am Blauen Sofa vorbeikam, dem Veranstaltungsformat des ZDF. Genau in diesem Moment war eine Krimirunde zu Gast, es saßen dort Simone Buchholz, Judith Ahrendt, Sebastian Fitzek und eben Kai Havaii. Ein lässiger Typ, der gerade von seinem Kriminalroman »Rubicon« erzählte, der kurz zuvor erschienen war. Und das auf eine Weise, die mich so neugierig machte, dass ich zwei Stunden später mit diesem Buch im Zug saß, auf dem Weg zurück nach Köln. Und mit zunehmender Begeisterung in die Geschichte von Carl Overbeck eintauchte.

Dieser Carl Overbeck ist ein Wrack. Einer, der in seinem Einfamlienhaus in einem Hamburger Vorort sitzt und in einem dunklen Loch zu versinken beginnt. Der zu viel trinkt, nicht schlafen kann, die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt, die ihn verfolgen, von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wird, die es nicht mehr mit ihm aushalten. Nach seinem letzten Einsatz in Afghanistan, bei dem sein bester Freund zum Krüppel geschossen wurde, kommt er mit sich und der Welt nicht mehr zurecht. Davor war er Scharfschütze der Bundeswehr, einer der besten, die es gab; ein wahres Naturtalent.

Kai Havaii nimmt das Motiv des traumatisieren, alleingelassenen Kriegsheimkehrers auf, der in einem sinnlosen Konflikt verheizt wurde und jetzt den Weg zurück in die Gesellschaft nicht mehr finden kann. Aber er schafft daraus eine neue, bedrohliche Variante. Denn was wäre, wenn ein perfekt ausgebildeter Scharfschütze sein Talent in die Dienste der Falschen stellen würde? 

Carl hält sich mehr schlecht als recht als Security-Mitarbeiter über Wasser, finanziell steht er durch seine Schulden mit dem Rücken an der Wand; der Job verschafft ihm eine hauchdünne, letzte Sicherheitsleine vor dem totalen Absturz – und diese beginnt schon zu zerfasern. Als er bei einer Abendgesellschaft der Hamburger High Society Dienst tut, trifft er zufällig seinen alten Schulfreund Michele wieder – die beiden waren einst unzertrennlich, bis sie sich aus den Augen verloren hatten. Michele – ein eleganter, reicher Lebemann – stammt aus einer italienischen Familie, die in den Siebzigerjahren nach Deutschland eingewandert war. Und die einer der dreihundertachtzig Familien-Clans der kalabrischen Mafia ‘Ndrangheta ist – aber das weiß Carl nicht.

Noch nicht. 

Ein Mafia-Krimi also. Aber ein sehr besonderer, denn der Autor hat sich intensiv mit der Thematik beschäftigt und seine Recherche-Ergebnisse in die Handlung einfließen lassen. Das nimmt zwar manchmal etwas dozierende Züge an, aber was man als Leser über das weitverzweigte und gut organisierte Netzwerk der ‘Ndrangheta erfährt, ist erschreckend. Es gibt dabei keine Mafia-Romantik à la Marlon Brandos »irgendwann, möglicherweise aber auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen« in »Der Pate«. Es geht um weltweiten Drogenhandel im großen Stil, Korruption und Geldwäsche. Um Erpressung, Gewalt und Mord. 

Man spürt während der Lektüre, wie sehr es Kai Havaii am Herzen liegt, über die Machenschaften der ‘Ndrangheta und die Machtlosigkeit, mit der die deutschen Behörden ihr gegenüberstehen, aufzuklären. Dazu holt er weit aus, berichtet über den langsamen, aber unaufhaltsamen Aufstieg der ‘Ndrangheta erst in Kalabrien, dann in Süditalien, schließlich in vielen Ländern Europas. Die bekannten Mafia-Organisationen wie die Cosa Nostra aus Sizilien oder die Camorra aus Neapel haben die kalabrischen Gangster schon längst hinter sich gelassen, »unter den kriminellen Kartellen ist die ‘Ndrangheta heute die unangefochtene Nummer 1 – und das nicht nur in Italien und und Europa, sondern auf der ganzen Welt.« Laut einer im Buch zitierten Studie belaufen sich die Einnahmen der ‘Ndrangheta auf rund dreiundfünfzig Milliarden Euro. Im Jahr.

In Italien ist die illegale Giftmüllentsorgung eine äußerst profitabler Geschäftszweig: »Von den kalabrischen Häfen aus fahren immer wieder verrostete Frachter mit Tonnen von Krankenhausmüll, radioaktiven Abfällen und auch krebserregenden chemischen Stoffen aufs Mittelmeer hinaus, um nie zurückzukehren. Die ‘Ndrangheta versenkt sie weit vor der Küste.« Giftmüll, der übrigens oftmals aus Nordeuropa stammt. 

Aber zurück zur Handlung. Nachdem sie sich nach ihrem Wiedersehen mehrmals getroffen haben, bietet Michele Carl einen Job an. Vielleicht ein bisschen, weil er ihm aus alter Verbundenheit helfen möchte. Vor allem aber, weil er sein Talent als Scharfschütze benötigt, um unliebsame Konkurrenten oder Gegner aus dem Weg zu schaffen. Und irgendwann liegt Carl gut versteckt auf einem waldigen Hügel etwa 80 Kilometer südlich von Rom, beobachtet den gepflegten Hof eines Landhauses und erschießt sein erstes Opfer. Aus dem Bundeswehr-Elitesoldaten ist ein Berufskiller geworden und es gibt kein Zurück mehr – wie es der Buchtitel andeutet. 

Kai Havaii lässt sich viel Zeit mit der Entwicklung der Geschichte und das tut dem Roman gut. Denn niemand wird einfach so zum Profikiller, erst haben wir den Afghanistan-Heimkehrer Carl Overbeck auf dem Weg nach unten begleitet, seinen Zusammenbruch miterlebt. Dann beginnt er sich gedanklich ganz langsam an die Möglichkeit heranzutasten, so aus seiner finanziellen Misere und der Trostlosigkeit seines Lebens zu entkommen. Einen Neuanfang hinzubekommen. Nachdem er die Ungeheuerlichkeit des Angebots verdaut hat, rasen die Gedanken in seinem Kopf.

»Er hat sich gefragt, ob er das könnte, einen Zivilisten abzuknallen – einen Gangster allerdings …. Es ist ja kein wahlloser Mord. Kein Unschuldiger, oder? ›Und außerdem: Viel spricht dafür, dass es gar nicht funktioniert. Dass ich gar nicht in eine Position komme, von der aus ich einen Schuss setzen kann.‹
Noch ist es einfach nur ein Spiel. Aber es ist sein Spiel.«

 Die Spirale beginnt sich zu drehen. Als er das auf dem Schwarzmarkt erworbene Gewehr einschießt, fühlt er sich endlich zurück auf vertrautem Terrain: »Das dumpfe Wumm des gedämpften Schussknalls, der physische Rückstoß der Waffe und der scharfe Korditgeruch des Pulvers – er inhaliert das alles wie den Duft eines lange entbehrten Elixiers.«

Carl verstrickt sich immer mehr im Geflecht der ‘Ndrangheta, plant Anschläge, tötet, entkommt. Bis etwas sehr schief läuft und er versucht auszusteigen – auch weil sich für ihn ganz vage die Möglichkeit eines Neuanfangs abzuzeichnen beginnt. Aber es ist zu spät: »Es war, als würde ihm plötzlich dämmern, wie sehr er ein Geschöpf seines Jugendfreundes geworden war, des Golden Boy der Mafia, des Puppenspielers und Drahtziehers, der noch nie selbst getötet oder ernsthafte Gewalt ausgeübt hat. Im wurde klar, wie sehr ihm Micheles schwarze Seele unter die Haut gesickert ist wie Tinte, und wie sie ihm zu dem gemacht hatte, was er jetzt ist: ein einsamer, depressiver Exkiller.« 

Ein neues Leben anzufangen, dessen Grundlage auf Blut gebaut ist, erweist sich als unmöglich. Carl Overbeck hat seinen Rubicon überschritten und ist so weit von seinem Ufer entfernt, dass es für ihn nur noch um eines geht: irgendwie zu überleben. Denn ohne dass er es gemerkt hat, ist er zwischen die Fronten eines Bandenkriegs geraten. Und hat nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht. Fast ist es zu spät, aber natürlich nur fast – so wie man es von einem guten Spannungsroman erwartet. Jetzt erst, etwa nach zwei Dritteln, nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf und steuert unaufhaltsam auf ein Finale hin, das eigentlich gar nicht mehr gut ausgehen kann.

Oder vielleicht doch? 

»Rubicon« ist ein Kriminalroman erster Güte. Eine perfekte Mischung aus einem langsam aufgebauten Spannungsbogen, einer gelungenen, tiefgründigen Figurenentwicklung und einem temporeichen – und sehr passenden – Showdown. Und den Namen Kai Havaii werde ich mir ab jetzt gut merken. 

Buchinformation
Kai Havaii, Rubicon
Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00938-9

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