Die Augen seines Vaters

Remo Rapino: Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio

Ein Mann mit Rucksack auf dem Weg ins Ungewisse: Das Cover des Romans »Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio« von Remo Rapino erinnert ein wenig an Robert Seethalers »Ein ganzes Leben«. Und wie bei diesem Werk geht es ebenfalls um die Lebensgeschichte eines Einzelgängers, eines Menschen der sich immer wieder mit der Einsamkeit arrangieren muss, die ihn wie ein Kokon umgibt. Es ist jener Liborio Bonfiglio, den wir Leser als alten Menschen kennenlernen. Als Ich-Erzähler nimmt er uns mit auf eine Reise durch acht Jahrzehnte Leben und durch die Wechselbäder der italienischen Geschichte.

An einem Tisch in seiner baufälligen Behausung sitzt er, der alte Bonfiglio, und schreibt seine Lebenserinnerungen auf. Er berichtet von seiner tumultartigen Geburt, vom Aufwachsen ohne Vater, von der erdrückenden Armut der einfachen Menschen, von seiner kleinen Stadt irgendwo in den südlichen Abruzzen, in Sichtweite des Majella-Gebirges. Erzählt davon, wie er als Kind die Stimme des Duce hörte, die per Radioübertragung aus den Lautsprechern an der zentralen Piazza dröhnte: »Auf einmal kam dann plötzlich wie eine dunkle Wolke eine tiefe Stimme vom Himmel herunter, dass alle stumm wurden wie Kinder, die Angst kriegen.«

Er erzählt vom Krieg, der über seine Stadt hinwegwalzte, Tod und Elend mit sich bringend. Bei diesen eindrucksvollen Szenen dürfte die Stadt Lanciano Pate gestanden haben, Heimatort des Autors. Denn hier gab es im Herbst 1943 einen Aufstand der gesamten Bevölkerung gegen die Deutschen, die nach dem Sturz Mussolinis von Verbündeten zu feindlichen Besatzern geworden waren. Und die Stadt in Trümmer schossen. 

Auch wenn er alles hautnah miterlebt, steht Liborio immer am Rand des Geschehens. Zwar empfindet er ein Gemeinschaftsgefühl, doch dieses bleibt einseitig, denn die anderen nehmen ihn kaum wahr, beachten ihn nicht weiter. Und dieses Phänomen zieht sich durch sein ganzes Leben: Selbst wenn er sich einredet, irgendwo dazuzugehören, kann er die unsichtbare Wand seiner Einsamkeit nicht durchbrechen. Sei es als Wehrpflichtiger, als Fabrikarbeiter, als Gewerkschafter oder als Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. 

Sein Lebensbericht schickt uns durch die kargen Nachkriegsjahre, durch die Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs, der wilden Streiks, der revolutionären Stimmung und schließlich der Bomben. Durch Wirtschaftskrisen und Chaos, durch politische Umwälzungen bis hin in unsere Zeit, ins Jahr 2010. Seine Lebensreise führt von Süditalien in die Fabriken von Mailand und Bologna, wir werfen einen Blick in die Elendsviertel am Rand der Metropolen, streifen durch sich verändernde Innenstädte, begleiten Liborio Bonfiglio bei seinen kurzen Momenten einer zerbrechlichen Zufriedenheit, die Glück zu nennen bereits ein Wagnis wäre. Und sind bei ihm bei seinen vielen Enttäuschungen, die ihn zum Spielball seines Schicksals machen und ihn letztendlich wieder zurück führen werden. Zurück in seine Stadt. In der niemand auf ihn wartet. Niemals gewartet hat. Ein langes Leben, allein. 

Dabei ist die Erzählung gespickt mit Anspielungen auf die italienische Alltagskultur, Gesellschaft und Geschichte – hier hilft das Glossar am Ende des Romans sehr bei der Lektüre. Geschrieben ist das Buch in der Sprache eines Mannes, der nur eine rudimentäre Schulbildung erhalten hat. Der Ich-Erzähler Liborio Bonfiglio beherrscht keine Getrennt- und Zusammenschreibung, verwendet Fremdwörter falsch, benutzt doppelte Negationen, interessiert sich nicht für Groß- und Kleinschreibung, ignoriert Kommaregeln oder gebraucht den Konjunktiv nicht richtig. Der Text – ein Monolog – besteht aus endlosen, abschweifenden Sätzen mit vielen Wiederholungen, zäh trotzt der Schreiber dem Papier jedes einzelne Wort ab. Und der Autor Remo Rapino ist weit davon entfernt, sich über die unbeholfene Ausdrucksweise eines alten Mannes lustig zu machen; vielmehr schafft er mit dieser Sprache einen ganz eigenen Stil, der uns Leser in seinen Bann zu ziehen vermag und an vielen Stellen geradezu poetisch klingt. Auf eine außergewöhnliche Art und grandios übersetzt von Walter Kögler.

Etwa wenn er über den nahenden Tod schreibt: 

»Ich denke auch an meinen Tod, aber nur wenig, einen Vogelschiss, aber jetzt will ich nicht daran denken, weil vorher hab ich diese meine Geschichte zu Ende zu schreiben, das braucht seine Zeit, die es braucht, weil achtzig Jahre sind kein Pappenstiel, auch wenn sie wie ein geölter Blitz vergangen sind, ohne dass ich’s gemerkt hab, und meine Hand ist halt auch wie sie ist. Deswegen schreib ich, schreib ich und schreib nochmal neu, so kann der Tod warten, auch wenn ich ihn manches Mal zu sehen meine, mit seiner schlohweißen Visage und den schwarz umrandeten Augen wie ein Herzkranker, und ich sag ihm, er soll noch ein paar Monate warten, wenigstens bis zur Weihnachtszeit, dann krieg ich wenigstens noch ein letztes Mal die Krippe zu sehen, die sie in der großen Kirche herrichten, und wenn mein Heft voll ist, melde ich mich dann bei ihm, ich geb ihm halt zu verstehen, dass ich bereit bin, denn sowas kapiert der Tod im Flug, das brauchst du ihm nicht lang aufzubröseln. Er ist schließlich irgendwie auch ganz nett, er zeigt sich geduldig und nimmts dir ab und geht, und einmal, aber nur das eine mal, hat er sogar gelächelt, aber nur gerade angedeutet, halb verstohlen, hat gewunken mit seiner dürren Hand, und kaum hat er die Finger bewegt, um winke winke zu machen, haben sie mehrfach geknackt wie bei einem, dem die Arthrose in den Knochen sitzt und den es wetterwendisch überall sticht, wie die Stacheln einer Distel.«

Ein wunderlicher alter Mann erzählt von seinem Leben. Nie hat er wirkliche Freundschaft gefunden, nie die Liebe kennengelernt, niemand vermisst ihn, niemand braucht ihn. Eine schmerzliche Sehnsucht nach Nähe zieht sich durch das ganze Buch, verkörpert durch den fehlenden Vater, der sich schon vor der Geburt seines Sohnes mit einem Auswandererschiff davon machte – hinterlassen hat er ihm seine Augenfarbe, denn Liborio Bonfiglio wird nicht müde zu erwähnen, dass laut seiner Mutter er die Augen seines Vaters habe; es steht auf gefühlt jeder zweiten, dritten Seite. Und er beschäftigt sich ein Leben lang mit der Frage, wie dieser wohl aussehen mag und wohin es ihn verschlagen haben könnte. Durch das Verschwinden des Vaters wurde eine Lücke in Liborios Leben gerissen, die er nicht zu stopfen vermag. Auch nicht in über achtzig Jahren. 

»Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio« ist ein trauriger Roman, der mir sehr nahe gegangen ist; zeigt er doch, wie kostbar die Beziehungen zu den Menschen sind, mit denen wir unser Leben teilen – man vergisst das hin und wieder, vergisst, wie trostlos sich das Alleinsein anfühlen kann. Und wie schnell dieses kurze Leben vorbei ist. Auf der Rückseite des Umschlags steht ein Zitat aus einer Besprechung in der Zeitung L’Indiependente: »Eine literarische Reise, die uns leiden, lachen und fluchen lässt und uns im Innersten berührt.« Und genau so ist es. 

Ich habe das Buch in einer italienischen Kleinstadt gelesen; und als wäre das nicht schon passend genug gewesen, saß gegenüber meiner Unterkunft jeden Abend ein alter Mann auf dem Balkon im ersten Stockwerk. Regungslos schaute er auf die Menschen, die unter ihm durch die Gasse flanierten, die sich unterhielten, die gemeinsam laut lachten, sich lebhaft begrüßten oder verabschiedeten.

Er saß dort, bis es ganz dunkel war. Alleine. 

Buchinformation
Remo Rapino, Das wundersame Leben des Liborio Bonfiglio
Aus dem Italienischen von Walter Kögler
Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5864-4

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