Ein Blues-Song als Botschaft

Hari Kunzru: White Tears

Der Roman »White Tears« von Hari Kunzru ist für mich eines der bemerkenswertesten, spannendsten und vielschichtigsten Bücher des Jahres. Im September hatte ich außerdem das große Vergnügen, den charismatischen Autor im Kölner Literaturhaus live zu erleben. Es war ein gelungener Abend und seine Erläuterungen haben noch einmal die zentralen Aussagen der Erzählung unterstrichen.

Worum geht es? Auf den ersten Blick um die Geschichte der beiden Freunde Seth und Carter, die in New York ein Tonstudio betreiben. Auf den zweiten Blick aber um viel, viel mehr. Aber der Reihe nach. „Ein Blues-Song als Botschaft“ weiterlesen

56 Hope Road, Kingston

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Was weiß ich eigentlich über Jamaika? Oder vielmehr, was wusste ich über diese Insel, bevor ich den Roman »Eine kurze Geschichte von sieben Morden« von Marlon James gelesen habe? Nicht allzu viel, außer dass dort Bob Marley und Peter Tosh den Reggae erfunden hatten. In Verbindung mit dieser Musik stellte ich mir das Leben dort irgendwie entspannt vor. Weit gefehlt. Sehr weit.

Nichts wusste ich von der erschreckenden Gewalttätigkeit. Nichts von den Elendsvierteln in Kingston wie etwa Eight Lanes, Copenhagen City, Rema oder den riesigen Müllbergen in Garbage Lands. Nichts von den Gangs, die diese Viertel beherrschten. Nichts von dem alltäglichen Rassismus, einem Erbe der düsteren Kolonialzeit. Nichts von der brutalen Kriminalität, dem Drogenhandel, der korrupten Polizei, von der Verstrickung der Politik in zahlreiche Morde. Und nichts davon, dass in den siebziger Jahren die PNP – eine der beiden großen politischen Parteien –  eine Art sozialistisches Experiment gestartet hatte. Was auf der einen Seite sofort die CIA mit ihren Destabilisierungsexperten auf den Plan rief, da man kein zweites Kuba vor der Haustüre haben wollte. Und zum anderen Fidel Castro seine Unterstützer schickte. Die rivalisierenden Gangs wurden bewaffnet, Überfälle und Drive-by-Shootings waren an der Tagesordnung, das Land versank in Chaos und Gewalt, Menschenleben zählten nichts, alles war nur einen Schritt von einem Bürgerkrieg entfernt.

Legendär dann das erste Friedenskonzert am 5. Dezember 1976 in Kingston, das Smile Jamaica Peace Concert, in dem Bob Marley zur Versöhnung zwischen den Gangs und zwischen den Parteien aufrief. Ein angeschossener Bob Marley, denn zwei Tage zuvor kam er bei einem Anschlag nur knapp mit dem Leben davon; ein Schuss hatte seine Brust durchlöchert, als sieben Männer mit Pistolen und automatischen Waffen sein Anwesen in der 56 Hope Road stürmten.

Mitten hinein in die aufgeheizte und angespannte Atmosphäre dieser Zeit führt uns Marlon James‘ Roman. „56 Hope Road, Kingston“ weiterlesen

Unsere Welt. Nur anders

Omar El Akkad: American War

Natürlich war mir das Buch mit dem düsteren Cover und dem einprägsamen Titel schon in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens aufgefallen. Doch spätestens nach der mitreißenden Besprechung im Blog masuko13 war klar, dass ich an dem Roman »American War« von Omar El Akkad auf keinen Fall vorbeikommen würde. Und es hat sich gelohnt, denn diese finstere Geschichte wird für eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben.

Um was geht es? Der Titel sagt es schon, um einen amerikanischen Krieg. Genauer: Um den zweiten amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen den Jahren 2074 und 2095 stattgefunden hat und über den rückblickend berichtet wird. Um eine Welt in Auflösung; die letzten zwei Sätze des Prologs fassen das gesamte Buch zusammen: »Dies ist keine Geschichte über den Krieg. Es ist eine Geschichte über Zerstörung.« Und zerstört wird im Laufe der Handlung nicht nur das Land, nicht nur die Städte, nicht nur Straßen und Brücken und Bahnlinien. Zerstört werden die Menschen, auch wenn sie nicht ihr Leben im Krieg verlieren. Zerstört wird alles, was das menschliche Miteinander ausmacht. „Unsere Welt. Nur anders“ weiterlesen

Liebe in Zeiten des Überlebens

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Ein Paar nimmt sich ein Jahr Auszeit, kauft ein Schiff und startet zu einem Segeltörn um die Welt. Was traumhaft klingt, wird zu einem Alptraum, als die beiden bei einer Wanderung auf einer abgeschiedenen Insel ein heftiger Sturm überrascht. Nachdem sie sich aus ihrer Notunterkunft herauswagen, ist das Meer wieder ruhig. Und das Schiff verschwunden. So beginnt der Roman »Herz auf Eis« von Isabelle Autissier. „Liebe in Zeiten des Überlebens“ weiterlesen

Eine Chance nutzen

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

»Alles, was ich am Strand gefunden habe« von Cynan Jones ist eines dieser Bücher, bei denen man erst einmal tief durchatmen muss, wenn die letzte Seite gelesen ist. Zumindest mir ging das so. Nachdem mich schon der Vorgänger »Graben« sehr begeistert hat, war ich gespannt auf den neuen Roman – und wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht. »Alles, was ich am Strand gefunden habe« ist eine düstere Geschichte voller erhabener Momente; eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Erhaben sind die Beschreibungen der walisischen Landschaft, düster die Schicksale dreier Männer.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer übel zugerichteten Leiche an einem Strand irgendwo in Wales. Was war geschehen? Das erfahren die Leser nach und nach, wobei von Beginn an eine unterschwellige Anspannung in jedem Satz mitschwingt. Denn schnell spitzt es sich auf die Frage zu: Für wen geht es nicht gut aus? Wer wird am Ende als Leiche am Strand liegen? „Eine Chance nutzen“ weiterlesen

Zehn Sekunden mit Paul Auster

Paul Auster: 4321

Nach 1259 Seiten war das Buch zu Ende. Zugeklappt lag es vor mir und ich verabschiedete mich schweren Herzens von Archie Ferguson. Es fiel mir schwer, wir hatten einige Wochen miteinander verbracht, waren Vertraute, Freunde geworden. Aber jetzt musste ich ihn ziehen lassen, ihn, den vierfachen Helden aus Paul Austers »4 3 2 1«. Was für ein Roman! Und jetzt überlege ich seit ein paar Tagen, wie ich darüber schreiben soll. Wie sich einem Werk nähern, das bereits seit Wochen in Blogs und im Feuilleton besprochen und hochgelobt wird. Einer der ersten, der über »4 3 2 1« berichtet hat, war Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de und er gelangte zum Fazit: »Das schreibe ich selten bis nie: 4321  ist ein Meisterwerk!« Und dem schließe ich mich von ganzem Herzen an.

Ein Meisterwerk also. Aber warum? Was macht dieses Buch so besonders, so anders? „Zehn Sekunden mit Paul Auster“ weiterlesen

Familien.Geschichte

Per Leo: Flut und Boden

Viele Leser kennen das: Man ist hin- und hergerissen von einem Roman; während der Lektüre kann man gar nicht genau beschreiben, was einem an dem Werk gefällt, ist aber gleichzeitig davon fasziniert. Doch ist es nicht gerade das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass es einen nicht loslässt, auch wenn man beim Lesen merkt, dass es völlig anders ist als erwartet? Dass man es auch danach nicht wieder vergisst und auch viele Monate später noch darüber nachdenkt; eine Stimmung verinnerlicht hat, die nachschwingt. So ging es mir mit »Flut und Boden« von Per Leo. Ich habe es vor über einem Jahr gelesen und merke, dass es zu den Büchern gehört, die mir nachhaltig im Kopf geblieben sind. Ein guter Grund also, es endlich hier vorzustellen. „Familien.Geschichte“ weiterlesen

Monolog im Trinkerhirn

Ottessa Moshfegh: McGlue

Krass. Um dieses Wort inflationär zu benutzen bin ich etwas zu alt. Aber als Einstieg in diesen Beitrag passt es perfekt, denn besser kann man den Roman »McGlue« von Ottessa Moshfegh eigentlich kaum beschreiben. Kostprobe? »Das Schiff legt ab. Ich klammere mich an der Reling fest und kotze, spucke Gift und Galle, während ich dem vorbeirauschenden Wasser zuschaue, bis kein Land mehr in Sicht ist. Eine kurze Zeit ist alles friedlich. Dann will etwas in mir sterben. Ich drehe den Kopf und huste. Zwei Zähne fallen mir aus dem Mund und rollen wie Würfel übers Deck.«

Direkt auf der ersten Seite ist diese Textstelle zu finden, als der Ich-Erzähler McGlue aus einem Vollrausch aufwacht und sich danach in der Zelle des Schiffes wiederfindet, auf dem er als Seemann angeheuert hat. Angeklagt des Mordes an seinem Freund Johnson. Was folgt, ist ein 141 Seiten langer Monolog, das Selbstgespräch eines Mannes, den der Alkohol zerstört hat und in dessen Verlauf nach und nach zu Tage kommt, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. „Monolog im Trinkerhirn“ weiterlesen

Abenteuergeschichten vom Feinsten

Arturo Perez-Reverte: Capitan Alatriste

Es ist höchste Zeit für diesen Beitrag, denn mit großem Schrecken musste ich feststellen, dass zwei meiner absoluten Lieblingsbücher nicht mehr lieferbar sind. Das ist mir völlig unverständlich, gehören doch »Alatriste« und »Das Gold des Königs« von Arturo Pérez-Reverte mit zum Besten, was historische Romane mit literarischem Anspruch zu bieten haben. Oder anders gesagt: Es sind Abenteuergeschichten vom Feinsten, die in einer Reihe stehen mit Werken der Weltliteratur wie Stevensons Schatzinsel oder Dumas‘ drei Musketieren. „Abenteuergeschichten vom Feinsten“ weiterlesen

Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: »Endgültig« von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich sehr beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt. „Im Dunkeln“ weiterlesen