Berlin – Chicago – Jerusalem

Dana Vowinckel: Gewaesser im Ziplock

Der Roman »Gewässer im Ziplock« von Dana Vowinckel wurde schon einmal hier erwähnt, gehört er doch zu den fünfzehn besten Büchern, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Nun durfte ich die Autorin bei einer Veranstaltung des Kölner Literaturhauses live erleben und das ist eine gute Gelegenheit, ihr Buch endlich ausführlich vorzustellen. »Gewässer im Ziplock« ist eine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte, durch die sich Risse ziehen; manche sind unübersehbar, andere ganz fein und im täglichen Leben kaum wahrzunehmen. Doch gerade die feinen Risse sind es, aus denen die Schatten der Geschichte hervorquellen und die sich jederzeit in aufplatzende, tiefe Furchen verwandeln können.

Die fünfzehnjährige Margarita lebt in Berlin und schlägt sich mit den üblichen Problemen einer Pubertierenden herum. Etwas ist jedoch anders als bei vielen Gleichaltrigen: Sie ist Jüdin, ihr Vater arbeitet als Chasan, als Vorbeter und -sänger in einer Synagoge. Und dieses Gefühl des Andersseins, das sie nur schwer in Worte fassen kann, zieht sich durch ihren Alltag: Die Schule hinter einem Sicherheitszaun, der Vater, der die Kippa unter einer Baseballkappe verbirgt, dumme Sprüche auf Partys, immer wieder antisemitische Anfeindungen. Und über allem liegt unausgesprochen der finstere Schatten der Shoah, ein Schatten, der nie vergehen kann, besonders nicht im Land der Täter. Die Romanhandlung umfasst wenige Wochen in einem Sommer, der Margarita von Berlin über Chicago nach Jerusalem führen wird; Wochen, die ihr Leben prägen werden. Die Erzählweise aus zwei Perspektiven – der ihren und der ihres alleinerziehenden Vaters Avi – verleihen der Handlung eine besondere Tiefe.

Dana Vowinckel liest aus »Gewaesser im Ziplock«
Dana Vowinckel liest aus »Gewässer im Ziplock«

In jenem Sommer ist Margarita bei ihren Großeltern in Chicago zu Besuch; es sind die Eltern ihrer Mutter. Ihrer Mutter, die sie kaum kennt, da sie die Familie kurz nach dem Umzug nach Berlin verlassen hat. Sie fühlt sich bei ihren Großeltern nicht wohl, kommt sich von ihrem Vater abgeschoben vor, vermisst ihr Leben in Berlin, vermisst den Jungen, in den sie sich – wahrscheinlich – verliebt hat; Heimweh und der Gefühlswirrwarr einer Fünfzehnjährigen vermischen sich zu einer bitteren Einsamkeits-Melange. Da meldet sich ihre Mutter Marsha aus Jerusalem; sie hat an der dortigen Universität eine Stelle als Linguistik-Professorin erhalten. Bis zum ersten Arbeitstag ist noch Zeit und sie schlägt Margarita vor, zu ihr zu kommen, um Israel kennenzulernen. Und ihre Mutter. Widerstrebend macht sie sich auf den Weg zu der Frau, die sie einst im Stich ließ. Und nicht lange nach dem Telefonat landet ihr Flugzeug in Tel Aviv. 

Das sind die drei Handlungsstränge des Romans: Das Leben Margaritas und Avis in Berlin. Die Reise Margaritas und Marshas durch Israel. Und Margaritas Beziehung zu ihren Großeltern in Chicago. Gleichzeitig lernen wir dabei völlig unterschiedliche jüdische Lebenswelten kennen. Diese Unterschiede waren eines der vielen Themen, über die Dana Vowinckel in Köln mit dem Moderator Manuel Gogos gesprochen hat. Denn jüdischen Autorinnen und Autoren wird in Interviews oft die Frage nach der Tradition des jüdischen Familienromans gestellt; Referenzen sind dann gerne die Bücher von Philip Roth oder Maxim Biller oder Werke wie Irene Disches »Großmama packt aus«. Und natürlich gibt es universale Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaften weltweit; das Grauen der Shoah, das erst zwei Generationen zurückliegt, prägt die Gefühle bis heute. Doch innerhalb dieser universalen Erfahrungen sind jüdische Familien so unterschiedlich wie alle anderen auch. Und die jüdischen Gemeinschaften so heterogen wie alle anderen Gemeinschaften; in Deutschland zum Beispiel ist die jüdische Community in vielen Fragen sehr zerstritten – so die Autorin, die sich im Tagesspiegel zu ihrem Buch äußerte: »Ich will jüdisches Leben erzählen, nicht erklären.« Und genau dies gelingt ihr auf großartige, auf mitreißende Weise. 

Durch die Perspektivwechsel, durch die sich parallel entwickelnden Handlungsstränge, durch Rückblenden und durch das Unterwegssein der Protagonisten – auch Avi wird nach Jerusalem kommen, als dort alles aus dem Ruder zu laufen beginnt – erhalten wir Einblicke in die große Vielfalt des jüdischen Lebens. Avi, der erst Pilot bei der israelischen Luftwaffe war, dann den Weg zur Religion gefunden hat und jetzt in einer Synagogen-Gemeinde in Berlin arbeitet; umgeben von dem deutschen Erinnerungstheater, das jederzeit einen Blick freigeben kann auf einen Antisemitismus, der nie weg war. Der als alleinerziehender Vater mit seiner Tochter ein einfaches Leben lebt, ihr aber Stabilität bietet und einen ruhigen, getakteten, schon fast ein wenig spießigen Alltag. Der – natürlich – besorgt ist um ihr Wohlergehen, aber nicht übervorsichtig. 

Marsha, die aus einer gutsituierten Chicagoer Familie stammt. Für die Avis Stelle in Berlin – die er angenommen hatte, ohne es mit ihr abzusprechen – etwas Unvorstellbares bedeutete. Sie war ihm zwar nach Deutschland gefolgt, aber in dem Land des Holocausts, der Shoa, der Vernichtung war es ihr unmöglich zu leben. Es funktionierte nicht, sie musste gehen und ließ ihren Mann mit ihrer Tochter ratlos zurück. 

Und Margarita, die wir auf ihrer Reise durch einen chaotischen Sommer begleiten. Als deutsche Jüdin fühlt sie sich fremd in Israel, fühlt sich fremd bei ihrer Mutter. Fühlt sich fremd mit sich selbst. Die Frage, ob Margaritas Grundemotion geprägt sei von Wut oder Scham verneinte die Autorin. Für Dana Vowinckel ist es in erster Linie das Gefühl der Verwunderung, das Margarita überallhin begleitet und mit dem sie dem Leben begegnet. Wohin, zu wem gehört sie? Wer ist ihre Familie? Es sind existenzielle Fragen, verknüpft mit der Geschichte von Menschen, deren Existenz seit unzähligen Generationen permanent bedroht ist. 

Durch die grauenvollen Ereignisse des 7. Oktober 2023 und deren Folgen hat »Gewässer im Ziplock« eine bedrückende Aktualität erhalten. In Köln ging es natürlich auch um dieses Thema. Doch Dana Vowinckel und Manuel Gogos gelang es, das Gespräch über das Buch dadurch zu vertiefen, ohne dass es alles dominiert hätte. Überhaupt hätte ich den beiden noch viel länger zuhören können, als die neunzig Minuten an diesem Abend, sie harmonierten wunderbar auf der Bühne. Einige Passagen des Gesprächs sind mir besonders im Kopf geblieben. Etwa als Dana Vowinckel sagte, dass für sie das Schreiben immer politisch ist, es sei gar nicht anders möglich – denn auch wenn sich eine Autorin, ein Autor beim Schreiben nicht politisch positioniert, so ist auch dies eine Positionierung. Und wenn sie als Autorin die politische Position einer ihrer Figuren beschreibt, müsse sie sich vollkommen in diese Haltung hineindenken können, auch wenn sie selbst eine gänzlich andere Meinung habe. Eine in diesem Sinne äußerst gelungene Stelle ist der Streit zwischen Avi und seiner Schwester, die beide sehr unterschiedliche Vorstellungen von Israel haben. Dana Vowinckel selbst sieht vieles an der aktuellen israelischen Politik kritisch, lehnt die Siedlerbewegung vehement ab – aber besonders der Erfolg der islamofaschistischen Ideologie zeigt deutlich, dass es den israelischen Staat braucht. Mehr denn je. 

Angesprochen auf die Frage, wie sich ihr eigenes Jüdischsein nach dem 7. Oktober und angesichts der Zunahme antisemitischer Übergriffe anfühlen würde, gab Dana Vowinckel die einzig richtige Antwort: Es ist falsch, dass jüdische Menschen danach gefragt werden. Vielmehr sollte man alle anderen fragen, warum sie diesen Hass auf unseren Straßen dulden? Und wie man es schaffen kann, dass unser Land für alle Menschen sicher ist, die dort leben. 

Dana Vowinckel und Manuel Gogos
Dana Vowinckel und Manuel Gogos

Wie gesagt, ich hätte den beiden noch viel länger zuhören können: Auf der einen Seite die spannenden Fragen von Manuel Gogos, die nicht nur neugierig auf das Buch machten, sondern es in einen größeren Kontext einordneten. Und auf der anderen Seite Dana Vowinckel, deren entspannt, aber gleichzeitig souverän wirkender Auftritt mir noch lange im Kopf bleiben wird. Bei der Gelegenheit sei die Folge des Suhrkamp-Podcasts »Dichtung & Wahrheit« empfohlen, in der sie darüber spricht, wie man über junges jüdisches Leben heute schreibt. 

Und wer wissen möchte, was eigentlich »Gewässer im Ziplock« bedeutet – auch das verriet uns die Autorin an jenem Abend. Der Titel entstand aus einer spontanen Eingebung heraus. Als sie an dem Roman schrieb, reichte Dana Vowinckel die ersten Seiten ihres Textes für den Bachmann-Preis ein. Und als alles für die Post vorbereitet war, musste auf die Schnelle noch ein Titel her. Aus irgendeinem Grund hatte sie in diesem Moment eine Stelle aus dem 93. Psalm im Kopf, wo die Wasser, die Fluten brausen. Und da im Buch viel gereist wird, dachte sie gleichzeitig an die praktischen Ziplock-Beutel, in denen man seinen Kleinkram verstaut. Und wie es manchmal so ist: Die Gedanken verknüpfen sich, seltsame Kombinationen entstehen; etwa wie es wohl wäre, wenn man die brausenden Gewässer transportieren könnte. Tja, und das war es dann. Es blieb der Arbeitstitel, als das fertige Manuskript bei Suhrkamp das Lektorat durchlief, dann in den Satz ging und als alles bereit war zum Drucken meinte jemand noch, ob das jetzt wirklich der endgültige Titel sei – aber die Zeit bis zum Erscheinungstermin drängte und das Buch ging in Produktion. Und auf der Titelseite steht: »Gewässer im Ziplock«. 

Buchinformation
Dana Vowinckel, Gewässer im Ziplock
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47360-3

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Ein Buch wie ein Flächenbrand

Lavie Tidhar: Maror

Die Geschichte des Staates Israel lässt sich auf verschiedene Weise erzählen. Als Geschichte des Aufbruchs nach den Grauen der Shoah. Als Geschichte eines kleinen Landes, das sich als einzige Demokratie des Nahen Ostens behauptet – umgeben von Todfeinden. Als Geschichte der Verwirklichung des Traums eines jüdischen Staates auf historischem jüdischen Boden. Als Geschichte einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft in permanentem Verteidigungszustand. Oder als Geschichte eines Landes, in dem sich Drogenkartelle und das organisierte Verbrechen ausbreiten, in dem die Korruption wuchert wie ein Geschwür und die Verstrickung zwischen Politik und Kriminalität zum Alltag gehört. Genau darum geht es in dem Roman »Maror« des israelischen Autors Lavie Tidhar. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und wie nebenbei tauchen historische Wegmarken und bekannte Namen auf, während sich viele kleine Tragödien in einem großen Drama abspielen – und alles ist miteinander aufs Engste verzahnt. „Ein Buch wie ein Flächenbrand“ weiterlesen

Als Trauermusik im Radio lief

Andreas Pflueger: Wie Sterben geht

Im Februar 2017 schrieb ich hier im Blog: »Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: »Endgültig« von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.« Diesen Einstieg würde ich am liebsten noch einmal verwenden, wieder für einen Roman von Andreas Pflüger; diesmal ist es – man ahnt es schon – »Wie Sterben geht«. Ein Agententhriller vom Feinsten, der gerade eine begeisterte Besprechung nach der anderen erhält. Der Vergleich mit John Le Carré ist regelmäßig zu lesen und auch ich dachte bei der Lektüre unweigerlich an den Großmeister des Spionageromans. Und ja, »Wie Sterben geht« hält diesem Vergleich locker stand, auch wenn Le Carrés Romane – zumindest diejenigen, die ich kenne – fast noch eine Spur düsterer sind. Und düster ist es bei Andreas Pflüger, denn die Handlung führt uns in die Zeit des Kalten Krieges, als sich die Nato und die Warschauer-Pakt-Staaten waffenstarrend gegenüberstanden, sich in einem bedrohlichen Patt belauerten, während hinter den Kulissen erbittert um das gekämpft wurde, wofür alle Geheimdienste dieser Welt bereit sind, über Leichen zu gehen. Um Informationen. „Als Trauermusik im Radio lief“ weiterlesen

Die Lebensreise des Joe McGrady

James Kestrel: Fuenf Winter

»Ein Krimi-Epos für die Ewigkeit.« Dieses überschwängliche Urteil von Dennis Lehane ziert den Einband des Buches. Angesichts des schnelllebigen Buchmarkts mag die Formulierung »Ewigkeit« etwas zu hoch gegriffen sein. Doch »Fünf Winter« von James Kestrel ist in der Tat ein Roman, bei dem alles stimmt. Ein nahezu perfekter Spannungsbogen, ein großartig komponierter Plot, ein markanter Protagonist in einem überzeugenden Figurenensemble und gut recherchierte historische Details ergeben zusammen mit der passenden Buchgestaltung und einem einprägsamen Titel ein Werk, das vielleicht nicht in alle Ewigkeit existieren wird. Aber nach dem Lesen wird man noch sehr lange an diesen Roman denken – zumindest mir ging und geht es so. Denn die Lektüre liegt schon einige Monate zurück, doch der Inhalt steht mir so klar vor Augen, als hätte ich das Buch erst gestern spätabends zugeklappt. „Die Lebensreise des Joe McGrady“ weiterlesen

Täterland ist abgebrannt

Andreas Pflueger: Ritchie Girl

»So hätte ein Roman beginnen können, der im Reich der Toten spielte: mit den Schemen von Häusern, die sie fühlte, obwohl sie nicht mehr da waren, Geistergebäude, blumengeschmückt, fahnenbehängt, an jedem Fenster schreiende Menschen, ihre Heil-Rufe ein Echo, so wie alles in  Deutschland nur noch ein Echo war – von Schamlosigkeit und Obszönität und Gier, von Hass, von weißer Farbe, die auf Schaufensterscheiben klatschte, von klirrendem Glas, von Zahnbürsten auf Straßenpflaster, vom Wegschauen, Schulterzucken, dem Was-hätte-ich-denn-tun-können, dem Das-ging-mich-nichts-an. Das schlimmste und lauteste Echo, der wahre Grund für all dies. Sie fragte sich, was käme, wenn die Echos irgendwann verhallt wären, wenn es still wurde.«

Der Roman »Ritchie Girl« von Andreas Pflüger ist voller Textstellen, die einen den Atem stocken lassen und die einen tief in die erzählte Geschichte hineinziehen. Doch diese starke Passage ragt noch einmal daraus hervor und ich konnte nicht anders, als die Buchvorstellung mit ihr beginnen zu lassen. Denn mit wenigen Worten skizziert der Autor darin ein Land in Trümmern, besiegt, zerstört, am Ende. Und beladen mit einer Schuld, wie es sie nie zuvor gegeben hat. „Täterland ist abgebrannt“ weiterlesen

Die große Angst. Ein Textbaustein*

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund

Als ich Anfang zwanzig war, drückte mir ein Freund den Roman »Siddhartha« in die Hand und meinte, ich müsse ihn unbedingt lesen. Darauf folgte eine kurze, aber intensive Phase, in der ich so ziemlich alles von Hermann Hesse verschlungen habe, was mir in die Finger kam. Das ist inzwischen knapp drei Jahrzehnte her, doch kürzlich fand ich beim Durchforsten der Buchregale »Narziß und Goldmund« wieder, das einzige Hesse-Buch, das ich neben jenem »Siddhartha« noch besitze. Als ich den schmalen Suhrkamp-Band in der prägnanten Gestaltung dieser Zeit durchblätterte, fand ich eine markierte Textstelle. Es sind Worte, die mich mich damals bis ins Mark getroffen haben. Und sofort waren eine Menge Erinnerungen wieder da. „Die große Angst. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Ein Fremder unter Fremden

Daniel Galera: Flut

Der Mann, von dem der brasilianische Autor Daniel Galera in seinem Roman »Flut« erzählt, hat ein Problem. Ein großes. Er kann sich keine Gesichter merken. Es ist ein pathologisches Vergessen, denn er erkennt nie jemanden wieder, egal um wen es sich handelt. Weder seine Eltern, seine Freunde oder die Frau, die morgens neben ihm aufwacht. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – wenn er in den Spiegel schaut, erblickt er jeden Tag einen für ihn vollkommen fremden Menschen. Daniel Galera hat damit einen Protagonisten geschaffen, der vollkommen einsam ist. Der Mann versucht, andere Menschen an bestimmten Details wiederzuerkennen, an ihrem Gang oder ihrer Körperhaltung. Doch letztendlich ist er auf sich selbst zurückgeworfen, seine Existenz ist permanent die eines Fremden unter Fremden. „Ein Fremder unter Fremden“ weiterlesen

Verwehte Spuren

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

»Verzeichnis einiger Verluste« von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch, nein, Gesamtkunstwerk war dieses Gefühl sofort da.

Schon der Geruch. Jede Lektüre beginnt mit einem tiefen Einatmen des Buchgeruchs, dieser wunderbaren Mischung aus Papier, Druckerschwärze und Leim, besser als jedes Parfum dieser Welt. Bücher riechen unterschiedlich und das »Verzeichnis einiger Verluste« duftete phänomenal – ich saß mit begeistertem Gesichtsausdruck in der Straßenbahn und erntete einen wissenden Blick von gegenüber. Nach den ersten Seiten beschloss ich, dieses Buch nicht in der Bahn zu lesen, es nicht der Hektik des Arbeitswegs auszusetzen; schon die zweiseitige Vorbemerkung lässt den Leser so tief in das Thema eintauchen, dass es schade um jede Störung von außen ist. „Verwehte Spuren“ weiterlesen

Ungläubiges Staunen

Berlin Heartbeats

Es war auf der Leipziger Buchmesse 2015, als ich zum ersten Mal viele meiner Bloggerkollegen im echten Leben getroffen habe. Als Tobias Nazemi vom Blog buchrevier hörte, dass ich in Köln lebe, meinte er »Echt? Ich hätte dich eher in Berlin verortet.« Meine spontane Antwort: »Ich mich auch.« Und genau so ist ist es. Berlin ist die Stadtliebe meines Lebens – obwohl oder vielleicht gerade weil der Kontakt zu dieser Stadt über all die Jahrzehnte nie ein dauerhafter war. Aber die dort verbrachten Wochen und Monate während der Neunziger gehören zu meinen prägendsten Erinnerungen.

Deshalb konnte ich an dem Buch »Berlin Heartbeats« auf keinen Fall vorbeigehen. Darin sind Texte und Bilder versammelt, die Geschichten aus jenem Berlin der Neunzigerjahre erzählen; Geschichten aus einer Zeit des Umbruchs, als alles offen und möglich schien, als Berlin ein einziges großes Experimentierfeld der urbanen Moderne war. Eine Zeit, in der ich diese Stadt während unzähliger, teils mehrmonatiger Besuche kennen- und liebengelernt habe. Sich durch Berlin treiben zu lassen hatte für mich in dieser Zeit stets etwas Inspirierendes, etwas Belebendes, aber auch etwas vage Vertrautes – vielleicht sind es die Gene meiner Familie; meine Großmutter verbrachte die gesamten Zwanzigerjahre in dieser Stadt. Und auch wenn ich heute dort aus dem Zug steige, fühle ich mich auf eine unbestimmte Art und Weise zuhause.

Aber es soll ja eigentlich um das Buch gehen. „Ungläubiges Staunen“ weiterlesen

Im Dunkeln

Andreas Pflüger: Endgueltig

Um gleich einmal mit der Tür in Haus zu fallen: »Endgültig« von Andreas Pflüger ist einer der besten deutschen Kriminalromane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Punkt.

Wer es etwas ausführlicher mag: Es liegt nicht nur an dem spannenden und vor allem temporeichen Plot, dem man mit seiner gekonnten Verdichtung die jahrelange Erfahrung des Schriftstellers als Drehbuchautor anmerkt. Es ist vor allem die Protagonistin Jenny Aaron, Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei,  die mich sehr beeindruckt hat. Andreas Pflüger hat mit ihr eine starke Figur geschaffen, hart im Nehmen und gleichzeitig am Rande der Verzweiflung stehend. Denn sie ist blind. Oder vielmehr, sie wird es bei einem fehlgeschlagenen Einsatz, mit dem der Roman beginnt. „Im Dunkeln“ weiterlesen

Ein Tag bei Suhrkamp

Ein Tag bei Suhrkamp: Bloggertreffen beim Suhrkamp Verlag

#eintagbeisuhrkamp – so der Hashtag – begann schon am Vorabend. Genauer gesagt, am Abend des 19. Mai 2016 auf dem Platz vor dem Deutschen Theater in Berlin. Von allen Seiten tauchten vertraute Gesichter auf, fünfzehn Literaturblogger hatte der Suhrkamp Verlag nach Berlin geladen. Die meisten davon kannten einander bereits persönlich, es gab Umarmungen zur Begrüßung, Schulterklopfen, Lachen. Dann startete auch gleich das Programm, das Demian Sant’Unione, bei Suhrkamp für Online-Marketing und Bloggerkontakte zuständig, für uns vorbereitet hatte. Mit einem Theaterbesuch. „Ein Tag bei Suhrkamp“ weiterlesen

Dokument der Hilflosigkeit

Frank Schirrmacher: Technologischer Totalitarismus - Eine Debatte

Flüchtlingskrise, ein Europa, das auseinanderzubrechen droht, ein neuer Kalter Krieg am Horizont – die Nachrichtenlage ist zur Zeit so bedrückend wie schon lange nicht mehr. Dabei gerät ein Thema völlig aus dem Fokus; ein Thema, das aber eine ebenso gewaltige Sprengkraft entfalten wird wie die genannten. Nur viel stiller und leiser. Denn wenn auch zur Zeit kaum darüber geredet oder berichtet wird, hat sich an der Brisanz der Datenüberwachung, des Datenmissbrauchs und der Datenspionage nichts geändert; sichere Regelungen sind weiter entfernt sind denn je. Es lohnt sich umso mehr ein Blick in das Buch »Technologischer Totalitarismus«, herausgegeben von Frank Schirrmacher. In dem 2014 gestarteten Leseprojekt Schöne neue, paranoide Welt hier auf Kaffeehaussitzer nimmt dieser Sammelband eine Schlüsselrolle ein, denn er vermittelt einen guten Eindruck über die Ratlosigkeit, mit der wir dem digitalen Umbau unserer Welt oftmals gegenüberstehen. „Dokument der Hilflosigkeit“ weiterlesen

Zeitreise als Utopie – Ein Textbaustein*

Eine Zeitreise als Utopie: Aus der Rubrik Textbausteine

Die Welt ist aus den Fugen, so scheint es. An manchen Tagen möchte man sie schon nach dem ersten, morgendlichen Blick auf die Nachrichtenlage gerne eintauschen gegen eine andere. Oder zumindest gegen eine andere Zeit. Denn gleichzeitig habe ich seit vielen Jahren das Gefühl, im falschen Zeitalter zu leben, so als wäre ich nur durch Zufall im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts geboren. Habe ich schon einmal gelebt? Der Glaube an Reinkarnation ist für mich esoterischer Unsinn, aber darum geht es nicht. Es ist eher ein diffuses Gefühl, das sich manchmal seinen Weg bahnt; vielleicht erklärt sich auch so mein Gruseln vor moderner Stadtplanung, mein völliges Desinteresse an Sportveranstaltungen oder auch meine Begeisterung für die einsamen Landschaften Caspar David Friedrichs, in die ich mich stundenlang vertiefen könnte. Die große Retrospektive dieses Meisters 2006 im Museum Folkwang war für mich der Höhepunkt eines Vierteljahrhunderts Ausstellungsbesuche.

Irgendwann hatte ich einmal einen Text entdeckt, der das alles viel besser in Worte zu fassen vermag, als ich es jemals könnte. Hier ist er. „Zeitreise als Utopie – Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Ausgelöscht

Heinz Helle: Eigentlich muessten wir tanzen

Schon auf der zweiten Seite von Heinz Helles Roman »Eigentlich müssten wir tanzen« haben die fünf Männer, um die es geht, sämtliche Sympathien verspielt. Gleichzeitig zeigt die geschilderte Szene unmissverständlich, dass sich der Leser in eine Welt hineinbegibt, in der die Regeln des menschlichen Zusammenlebens, des Anstands und der Moral vollkommen verschwunden sind. Eine kaputte Welt der tierhaften Triebe und des unbarmherzigen Überlebenswillens. Was ist geschehen?  „Ausgelöscht“ weiterlesen

Ein jüdisches Familientreffen. Unerwartet

Jüdisches Familientreffen

Die Leipziger Buchmesse steht vor der Türe. Wie jedes Jahr freue ich mich auch dieses Mal wieder auf das Treffen mit Freunden und alten Bekannten, auf das Kennenlernen neuer Menschen und auf unerwartete Begegnungen. Unerwartet, wie bei der letztjährigen Messe. Denn man macht in seinem Leben oft die Bekanntschaft völlig unterschiedlicher Personen, die aber doch in irgendeinem Zusammenhang miteinander stehen. Letztes Jahr bin ich durch die Leipziger Buchmesse drei jüdischen Familien begegnet. An drei aufeinanderfolgenden Tagen. Völlig unterschiedlich und vor allem komplett unerwartet. „Ein jüdisches Familientreffen. Unerwartet“ weiterlesen