Verwehte Spuren

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

„Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky ist eines jener raren Bücher, bei denen man schon beim ersten Aufschlagen merkt, dass man etwas ganz Besonderes in den Händen hält. Das geschieht nicht oft, aber bei diesem Buch, nein, Gesamtkunstwerk war dieses Gefühl sofort da.

Schon der Geruch. Jede Lektüre beginnt mit einem tiefen Einatmen des Buchgeruchs, dieser wunderbaren Mischung aus Papier, Druckerschwärze und Leim, besser als jedes Parfum dieser Welt. Bücher riechen unterschiedlich und das „Verzeichnis einiger Verluste“ duftete phänomenal – ich saß mit begeistertem Gesichtsausdruck in der Straßenbahn und erntete einen wissenenden Blick von gegenüber. Nach den ersten Seiten beschloss ich, dieses Buch nicht in der Bahn zu lesen, es nicht der Hektik des Arbeitswegs auszusetzen; schon die zweiseitige Vorbemerkung lässt den Leser so tief in das Thema eintauchen, dass es schade um jede Störung von außen ist.

Die Welt- und die Kulturgeschichte ist ein einziges Kommen und Gehen. Die beiden Seiten der Vorbemerkung sind gefüllt mit Hinweisen zu Gegenständen, Gebäuden oder Tieren, die während der Arbeit an dem Buch verschwunden sind; vergangen, zerstört oder ausgestorben. Gleichzeitig listet die Autorin jene Dinge auf, die in der gleichen Zeit gefunden, entdeckt oder zum ersten Mal erforscht wurden. Ein Kommen und Gehen eben. Und mit diesem Gehen beschäftigt sich Judith Schalansky. Denn: „Letztlich ist alles, was noch da ist, schlichtweg das, was übrig geblieben ist.“

Man kann über dieses Buch nicht reden, ohne auf seine Gestaltung einzugehen. Inhalt und Äußeres sind eins, ergeben eine perfekte Symbiose. Was kein Wunder ist, denn die Autorin ist eine mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Buchgestalterin und u.a. Herausgeberin der bibliophilen Naturkunden-Reihe im Verlag Matthes & Seitz.

Nach dem Vorwort folgen zwölf Kapitel und jedes umfasst 16 Seiten. Der Grund dafür ist jedem Kapitel vorangestellt; eine schwarze Trennseite, auf der in schwarz ein Bild des Gegenstands gedruckt ist, um den es im folgenden Kapitel geht. Schwarz auf schwarz – was dazu führt, dass man das Verschwundene – Bücher, eine Villa, ein Gemälde oder ein Tier – nur darauf erkennen kann, wenn man das Blatt schräg unter eine Lichtquelle hält. So begibt sich der Leser bereits auf eine Erkundungsreise, bevor er noch das erste Wort gelesen hat. Und damit es technisch möglich ist, ein schwarzes Blatt mit einzubinden, müssen alle Kapitel die gleiche Länge haben.

Und eine Erkundungsreise ist dieses Buch. Selten habe ich auf etwas mehr als 250 Seiten und in so abwechslungreicher Art und Weise so viel Wissen vermittelt bekommen.

„Wahrscheinlich muss es als Glück angesehen werden, dass die Menschheit nicht weiß, welche großartigen Ideen, welch ergreifende Kunstwerke und revolutionäre Errungenschaften ihr schon verlorengegangen sind – ob nun mutwillig zerstört oder einfach im Lauf der Zeit abhandengekommen.“

Judith Schalansky ist auf die Suche gegangen. Nach verwehten Spuren, Fragmenten, bruchstückhaften Aufzeichnungen, oft nicht viel mehr als letzte Gerüchte. Was sie dabei als literarische Archäologin zutage gefördert hat, ist beeindruckend. Mit Hilfe der unterschiedlichsten literarischen Stilmittel stellt sie uns Verschwundenes quer durch alle Epochen vor.

Ein Forschungsbericht widmet sich dem untergegangenen Südsee-Atoll Tuanaki, das auf alten Seekarten noch eingezeichnet ist, von dem aber heute jede Spur fehlt.

Der ausgerottete Kaspische Tiger strahlte eine elegante Brutalität aus, „sein Name ist Fluch und Beschwörung zugleich“. Die Beschreibung eines Tierkampfes in einer römischen Arena ist im poetischen Stil der Dichter des 19. Jahrhunderts verfasst und zeigt gleichzeitig den zerstörerischen Einfluss des Menschen, denn in der Natur wären sich ein Kaspischer Tiger und ein afrikanischer Löwe nie begegnet.

Spannend ist die Suche nach der Villa Sacchetti, einem Palast vor den Toren Roms, einstmals bedeutend, doch bald vergessen und heute verschwunden. In diesem Text lernen wir den Kupferstecher und Archäologen Giovanni Battista Piranesi kennen, der im 18. Jahrhundert die römischen Ruinen als Kupferstiche festhielt und dem wir vieles an Wissen über die römische Baukunst verdanken. Und Hubert Robert, einen französischen Maler, der auf den Spuren des von ihm verehrten Piranesi jene Villa Sacchetti malt und damit dafür sorgt, dass wir heute überhaupt etwas über dieses Bauwerk wissen.

Das Kapitel zu dem bei einem Brand zerstörten Bild „Hafen von Greifswald“ von Caspar David Friedrich ist Nature Writing vom Feinsten. Judith Schalansky beschreibt, wie sie bei einer mehrtägigen Wanderung dem Verlauf des Flusses Ryck folgt, der bei Greifswald in die Ostsee mündet und sich so dem verschwundenen Gemälde auf eine ganz persönliche Art und Weise annähert, ohne es zu erwähnen.

In den anderen Kapiteln geht es um die sieben Bücher des Religionsstifters Mani, von dem heute nur wenig bekannt ist, da fast alle Schriften des Manichäismus in der Antike und im Mittelalter zerstört wurden. Oder um die Liebeslieder von Sappho, einer bedeutenden Dichterin der Antike. „Über keine andere Frau der frühen Antike wurde so viel und so Gegensätzliches gesagt. Die Quellen sind so dürftig wie die Legenden vielfältig und alle Versuche, zwischen beidem zu unterscheiden, nahezu ausichtslos.“

Eine Kindheitserinnerung der Autorin führt zurück in das Jahr 1984 und beschreibt wie nebenbei den Schlosspark Behrenhoff in Vorpommern. Ein Schlosspark ohne Schloss, das – ein Schmuckstück des Klassizismus – im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Der Palast der Republik gehört zu den verschwundenen Gebäuden unserer Zeit. Er erhält ein Kapitel in Form einer Short Story, einer Kurzgeschichte über ein Paar in einer Beziehungskrise, in der jener Palast wie durch eine Art Hintergrundrauschen noch einmal die Bedeutung zeigen kann, die er für viele Menschen in der DDR hatte.

Die Beispiele zeigen die inhaltliche Vielfalt des Buches. Und sind letztendlich nur winzige Bruchstücke von all jenem, das im Laufe der Jahrhunderte verschwunden ist und weiter verschwinden wird; auch das wird einem bei der Lektüre klar. Und man beginnt, über die eigenen Verluste nachzudenken, denn „am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren.“ Immer. Und es werden immer mehr im Laufe der Jahre.

Das Schreiben dieses Beitrags hat viel länger gedauert als gedacht, immer wieder war ich erneut fasziniert von Inhalt und Sprache des Buches. Denn „Verzeichnis einiger Verluste“ ist ein intensives Leseerlebnis. Wie Puzzlestücke fügen sich die gewonnenen Erkenntnisse in das eigene Wissen ein, manche liefern fehlende Details, andere erweitern den gesamten Horizont. Was für ein Buch! Aufwendig recherchiert, klug geschrieben, elegant gestaltet und perfekt verarbeitet. So dass mir nur bleibt, die eingangs verwendete Formulierung zu wiederholen: Ein Gesamtkunstwerk.

Zum Schluss möchte ich noch meine Lieblingstelle zitieren, in der ich mich vollkommen wiedergefunden habe:

„Womöglich ist es nur meiner mangelnden Vorstellungskraft zuzuschreiben, dass mir nach wie vor das Buch als vollkommenstes aller Medien erscheint. … Das Buch mag den neuen, scheinbar körperlosen, sein Erbe beanspruchenden, in überbordendem Maß Informationen zur Verfügung stellenden Medien in vielem unterlegen und ein im ureigenen Sinn des Wortes konservatives Medium sein, das gerade durch die Abgeschlossenheit seines Körpers, in dem Text, Bild und Gestaltung vollkommen ineinander aufgehen, wie kein anderes die Welt zu ordnen, manchmal sogar zu ersetzen verspricht.“

Und weiter:

„Die gedankliche Aufspaltung der Religionen in einen sterblichen und einen unsterblichen Teil – den Körper und die Seele – mag eine der tröstlichsten Strategien darstellen, Verlust zu verwinden. Die Untrennbarkeit von Träger und Inhalt jedoch ist für mich der Grund, warum ich Bücher nicht nur schreiben, sondern auch gestalten will.“

Und beides kann Judith Schalansky auf eine herausragende Weise.

Buchinformation
Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42824-5

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7 Kommentare

  1. Hallo Uwe,
    vielen Dank für deine wunderbare Besprechung, die mich schon wenige Tage später in die Buchhandlung meines Vertrauens gezogen hat. Obwohl ich eigentlich gar keine Zeit hatte, musste ich das Buch einfach lesen und schon nach ganz kurzer Zeit verschoben sich meine Prioritäten und die Lesezeit ergab sich. Die Autorin war mir durch den „Atlas der abgelegenen Inseln“, das zu meinen Lieblingsbüchern gehört, schon länger bekannt. Da der erste Text in diesem Buch von dem Verlust der kleinen Cook-Insel Tuanaki handelt, konnte ich im wahrsten Sinne des Wortes direkt wieder eintauchen in die Thematik. Aber auch die dann folgenden Verluste haben mich tief bewegt und nachdenklich über eigene Verluste gemacht.
    Vielen Dank für diesen Lese-Tipp!!! Es wäre ein echter Verlust gewesen, dieses Lese-Erlebnis zu verpassen.

    • Hallo Petra,
      es freut mich riesig, dass die Buchvorstellung solche Auswirkungen hatte. Und ja, das Buch ist einfach eine ganz und gar wunderbare Leseerfahrung.

  2. Lieber Uwe,

    vielen Dank für die schöne Besprechung. Vorher ahnte ich es nur, aber jetzt weiß ich es: Ich brauche dieses Buch! Und das von Dir rausgesuchte Zitat ist wunderbar.

    Viele Grüße,
    Simone

    • Liebe Simone,

      das freut mich sehr und ich wünsche Dir eine anregende und spannende Lektüre.

      Viele Grüße
      Uwe

  3. Hallo,

    wissende Blicke sind die bessere Alternative, denn auch befremdetes Stirnrunzeln ist mir schon begegnet bei allzu großer Buchbliebe in der Öffentlichkeit…

    Ich kann mir gut vorstellen, dass die kein Buch für zwischendurch und nebenher ist – mit dieser Rezension hat es sich auf jeden Fall einen Platz auf meiner „Bald lesen“-Liste verdient. (Mit dem Vermerk: NICHT als eBook kaufen.)

    Ein interessanter Gedanke, die Auspaltung von Körper und Seele mit der Untrennbarkeit von Trager und Inhalt gleichzusetzen…

    LG,
    Mikka

    • Das ganze Buch ist voller interessanter Gedanken, eine Lektüre lohnt sich unbedingt!
      Viele Grüße
      Uwe

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