Gestatten? Von Droste-Hülshoff*

Karen Duves und Tanja Kinkels Buecher ueber Annette von Droste-Huelshoff

Wenn man am Bodensee aufwächst, gehören regelmäßige Besuche auf der Meersburg zur Kindheit. Als Familien-, Schul- oder Geburtstagsausflug, per Auto, per Bus oder per Schiff – die älteste noch bewohnte Burg Deutschlands ist eines der beliebtesten Ziele in dieser Region. Sie ist allerdings auch wirklich beeindruckend, ein trutziges  Gemäuer mit dunklen, kargen Räumen hoch über dem  See. Es gehört aber auch ein schön angelegter Burggarten dazu und an der einen Seite dieses Gartens steht ein bescheidenes Häuschen, eingerichtet mit Möbeln aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen großen Teil der letzten Jahre ihres Lebens und hier steht ihr Sterbebett.

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über die Größe des Bettes gewundert habe, es ist so klein, dass nur eine äußerst zierliche Erwachsene darin hätte liegen können. Das war mein erster Kontakt mit Annette von Droste-Hülshoff und so wie die Besuche auf der Meersburg zu meiner Kindheit gehören, so ist auch ihr Name damit verbunden. Viel mehr wusste ich bis vor kurzem nicht über sie, mit ihrer Person und ihrem Werk habe ich mich bisher nie beschäftigt. Doch das hat sich nun dank zweier Bücher geändert, die ich hier vorstellen möchte. Es handelt sich um die Romane »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve und »Grimms Morde« von Tanja Kinkel. Beide bringen uns auf sehr unterschiedliche Weise das kurze Leben Annette von Droste-Hülshoffs nahe und holen die heute kaum noch präsente Dichterin – die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gehörte – in unsere Zeit. 

Es ist zugleich der erste Beitrag in der neuen Rubrik »Gestatten …?«, in der hier auf Kaffeehaussitzer zukünftig in loser Reihenfolge Persönlichkeiten aus der Literatur und den verwandten Künsten vorgestellt werden, die ich durch Bücher über sie – oder von ihnen – besser kennengelernt habe.

»Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve

Vier Jahre im Leben Annette von Droste-Hülshoff beschreibt Karen Duves Roman. Und geht dabei wunderbar ins Detail: 566 Seiten beschreiben den Zeitraum zwischen 1817 und 1821. Herausgekommen ist dabei eine faszinierende biographische Gesellschaftsstudie, die uns eine Epoche nahebringt, die zwar längst vergangen ist, deren Schilderung einen aber immer wieder an unser Heute denken lässt – und das mit voller Absicht.

Es werden zwei Milieus dargestellt, die das damalige geistige Klima rund um das Leben Annette von Droste-Hülshoffs prägten. Zum einen war dies der westfälische Landadel mit seinen feudalen Strukturen, seinem katholischen Konservatismus und seinem Mißtrauen gegenüber allen modernen Entwicklungen. Wunderbar boshaft beschreibt Karen Duve die verschlammten Straßen, die piefigen, rückwärtsgewandten Umgangsformen, die unfassbare Langeweile bei den regelmäßigen Familienbesuchen der Hülshoffs und deren Verwandten. Gleichzeitig waren die Wohlhabenden vom tiefsten Elend umgeben: Es herrschte eine Hungersnot in West- und Mitteleuropa. 1815 war der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen; die Eruption war so gewaltig, dass die Aschewolke das Klima veränderte. In Teilen Europas und Nordamerikas war 1816 »das Jahr ohne Sommer«, die Auswirkungen auf die Landwirtschaft und damit die Ernährung der Bevölkerung waren verheerend.

Zum anderen waren es die geistigen Strömungen, die von der Studentenschaft der altehrwürdigen Universitäten ausgingen – wie etwa Göttingen, wo Annettes Stiefonkel August von Haxthausen studierte. Er und seine studentischen Freunde träumten von einem romantisierten Mittelalter und dessen angeblich wahren altdeutschen Traditionen, sie kleideten sich „altdeutsch“, trugen Phantasieschwerter, gaben sich alberne Künsternamen und versuchten, möglichst altmodisch zu sprechen, sapperlott. Karen Duve schildert auch dieses Milieu mit einer feinen Ironie – ohne dabei auszusparen, wie schnell diese romantischen Träumereien in blutigen Ernst umkippen können. Aus der Sehnsucht nach einer eigenen Nation – damals war Deutschland ein Flickenteppich aus Kleinstaaten – erwuchsen Ressentiments und Antisemitismus, denn Nationalismus braucht immer die Abgrenzung gegen Andere, braucht Ausgegrenzte. Und das macht ihn so giftig, bis heute.

Durch ihren Stiefonkel lernte Annette viele seiner Kommilitonen kennen, es entstanden zahlreiche Kontakte zu Literatur- und Politikinteressierten – die allerdings Annette von Droste-Hülshoff als Gesprächspartnerin meist nicht ernst nahmen, ja sich sogar belästigt fühlten, wenn sie sich ins Gespräch einbringen wollte. Ganz zu schweigen davon, dass niemand von ihnen ihr schriftstellerisches Talent wahrnahm. Denn sie war eine Frau, und Frauen hatten in dieser Männerwelt sich um den Haushalt und den Nachwuchs zu kümmern. Und strickend oder klöppelnd in der Ecke zu sitzen.

Annette von Droste-Hülshoff passte nicht in diese Zeit. Sie wollte die für sie vorgesehene Rolle nicht akzeptieren, sie kämpfte darum ernstgenommen zu werden, sie wollte schreiben und veröffentlichen. Und rannte damit immer wieder gegen unsichtbare Mauern – die manchmal so unsichtbar gar nicht waren.

Ein einziger fühlte sich zu ihr hingezogen: Heinrich Straube war ein Student, galt als talentierter Dichter, war vollkommen mittellos und wurde von August von Haxthausen protegiert. Zwischen ihm, dem armen, bürgerlichen Protestanten und der adligen, katholischen Annette von Droste-Hülshoff entspann sich eine vorsichtige Romanze. Eine Romanze, die von ihrer Familie mit Hilfe einer Intrige 1821 brutal beendet wurde – bis heute ist der genaue Hergang nicht hundertprozentig erforscht. Und diese Romanze ist »Fräulein Nettes kurzer Sommer«.

Annette von Droste-Hülshoffs emotionales Selbstbewusstsein war danach zerstört, verliebt hat sie sich nie wieder. Doch ihrem schriftstellerischen Schaffen blieb sie treu, ließ sich von nichts und niemanden von ihrem eingeschlagenen Weg abbringen. Erste Erfolge stellten sich ein, endlich erhielt sie die Anerkennung, die ihr so lange verwehrt geblieben war. Mit 51 Jahren starb sie viel zu jung am 24. Mai 1848 in der Meersburg am Bodensee. Ihre Werke haben Bestand bis heute.

Karen Duve hat mit ihrem Buch Annette von Droste Hülshoff ein längst fälliges literarisches Denkmal gesetzt. Aber es ist viel mehr als ein Denkmal. Immer wieder sind Dialoge in unserer modernen Umgangssprache gehalten. Das mag Leser historischer Romane zunächst irritieren, doch man gewöhnt sich schnell daran. Die Autorin hebt mit diesem Kniff die Geschichte auf eine zeitlose Ebene und genau diese Zeitlosigkeit macht das Buch so wichtig. Denn der Literaturbetrieb ist nach wie vor zu großen Teilen von Männern dominiert und das Grundthema des Romans ist immer noch aktuell.

»Grimms Morde« von Tanja Kinkel 

Der etwas reißerisch geratene Titel täuscht. Das äußerst gut recherchierte Buch lässt das Kassel des Jahres 1821 wiederauferstehen. Dort leben zu dieser Zeit die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, beide als Bedienstete des hessischen Kurfürsten am Kasseler Schloss; Jakob als Hofbibliothekar und Wilhelm als Bibliothekssekretär – Tätigkeiten, die nicht sonderlich gut dotiert sind, ihnen aber genug Zeit lassen, sich ihren Forschungen und vor allem ihrer Märchensammlung zu widmen. Denn beide haben sich bereits einen Namen gemacht als Sammler sogenannter Volksmärchen.

Und ja, es geht um zwei Morde, die nach Vorlagen aus jenen Märchen verübt worden sind. Doch der eigentliche Mittelpunkt der Handlung ist der Besuch Annette von Droste Hülshoffs mit ihrer Schwester Jenny und ihrem Stiefonkel August von Haxthausen in Kassel. Haxthausen ist mit den Grimms befreundet und unterstützt sie schon lange bei ihre Suche nach Märchen, die im einfachen Volk kursieren. Ganz nebenbei kommt dabei zur Sprache, dass viele der so gesammelten Märchen von Jenny und Annette bearbeitet wurden, um sie in eine gängigere Form zu bringen, bevor sie den Grimms zugesandt wurden. Manche dachten sie sich sogar selbst aus; ein charmantes Detail der Geschichte.

Tanja Kinkel erweckt ein ganzes Personenensemble zum Leben. Natürlich sind die Morde erfunden und ohne historische Vorlage; doch Namen, die man bisher nur aus literaturgeschichtlichen Zusammenhängen kannte, werden zu Menschen aus Fleisch und Blut. Da gibt es den emotionalen und kränklichen Wilhelm Grimm und seinen introvertierten, ausschließlich in logischen Zusammenhängen denkenden Bruder Jakob, die zusammen mit ihrer Schwester Lotte in einem Pförtnerhaus des herzoglichen Schlosses leben. Lotte, die sich selbst zurücknimmt und ihren beiden ach so genialen Brüdern den Haushalt führt. Die Wohnsituation ist sehr beengt, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Da ist August von Haxthausen, westfälischer Landadliger, konservativ und provinziell, der seine Stiefnichte Annette von Droste-Hülshoff mißtrauisch beäugt, da eigenständig denkende Frauen nicht in sein Weltbild passen. Deren Schwester Jenny wiederum schwärmt heimlich für Wilhelm Grimm, hat aber gelernt, nicht den Mund aufzumachen, wenn sie nicht gefragt wird.

Und Annette von Droste-Hülshoff, noch gezeichnet von der Intrige, in die nicht lange zuvor auch ihr Stiefonkel verwickelt war und die dafür sorgte, dass ihr Gefühlsleben einem Trümmerfeld gleicht. Mehr zu diesem Ereignis, das die Dichterin damals aus der Bahn warf und sie zu einem einsamen Menschen machte, erfahren wir vor allem im oben genannten Buch von Karen Duve. Die scharfzüngige, sprachlich begabte und analytisch denkende Annette eckte zeitlebens an. Es war eine Männerwelt, in der sie lebte und Frauen hatten keine eigene Meinung zu haben. Und wurden als Künstlerinnen nicht ernst genommen.

Wilhelm Grimm allerdings zeigt sich beeindruckt von ihr – natürlich ohne es sich anmerken zu lassen, da stehen die Konventionen im Weg. Zusammen mit Jakob treiben sie die Ermittlungen voran, geraten in Gefahr, werden bedroht, lassen sich aber nicht stoppen. Trotzdem ist es eigentlich kein Kriminalroman. Die Mordaufklärung bringt Tempo in die Handlung, doch vor allem dient sie als reizvoller Aufhänger, um eine Zeit und eine Personenkonstellation auferstehen zu lassen, die bedeutend war für unsere Geistesgeschichte. Es geht um Hofintrigen, um gesellschaftliche Gepflogenheiten, um die Zeit der Kleinstaaterei, und das alles in einer Epoche der politischen Erstarrung, in der die Suche der Grimms nach einem gesamtdeutschen kulturellen Erbe schon fast oppositionell anmuten musste.

Und fast nebenbei erfährt man so viel über Annette von Droste-Hülshoff, dass man neugierig wird auf sie. Auf ihr eingeengtes Leben, auf die Tragik der lange unverstandenen Schriftstellerin, die ihren späten Erfolg nicht lange auskosten konnte. Und auf ihr Werk.

Literatur weitet stets den eigenen Horizont. So haben die beiden Bücher von Karen Duve und Tanja Kinkel mir die Türe geöffnet zu einer Person, die ich fast vier Dekaden lang nur dem Namen nach kannte. Seit ich vor vielen Jahren bei einem Schulausflug vor ihrem Sterbebett stand.

Zum Weiterlesen empfehle ich die Webseite der Annette-von-Droste-Gesellschaft e.V. und das großartige Projekt »Nach 100 Jahren möchte ich gelesen werden« – Annette von Droste-Hülshoff in Briefen.

Buchinformationen
Karen Duve, Fräulein Nettes kurzer Sommer
Verlag Galiani Berlin
ISBN 978-3-86971-138-6

Tanja Kinkel, Grimms Morde
Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28101-7

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*In der Rubrik »Gestatten …?« werden auf Kaffeehaussitzer in loser Reihenfolge Persönlichkeiten aus der Literatur und den verwandten Künsten vorgestellt, die ich durch Bücher über sie – oder von ihnen – besser kennengelernt habe.

5 Antworten auf „Gestatten? Von Droste-Hülshoff*“

  1. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ steht schon seit einer Weile auf meiner Hörbuch-Liste. Irgendiwe habe ich es bisher nicht geschafft es anzuhören. Aber wenn ich so deine Rezension dazu lese und eben auch die Hintergrundgeschichte, werde ich doch glatt viel neugieriger.
    Dankeschön dafür :-)
    Viele Grüße, Nora

  2. Hallo Uwe, mit „Gestatten:“ hast du wieder eine tolle Idee gehabt. Ich bin schon sehr gespannt auf die nächsten Persönlichkeiten. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ hat mich auch sehr begeistert. Ich komme aus dem Münsterland und da ist an Annette von Droste-Hülshoff kein Vorbeikommen. Dennoch hatte ich auch immer eher das Bild von einem hochgeschlossenen, katholischen Fräulein. Karen Duve gibt noch einmal einen ganz neuen Blick auf die Droste frei. Es ist ihr ein wunderbarer Roman gelungen, dem man nicht genug Leser wünschen kann. Die Grimms Morde von Tanja Kinkel kannte ich noch nicht. Du hast mich neugierig gemacht und sie stehen jetzt auf meinem weihnachtlichen Wunschzettel.
    Liebe Grüße
    Petra

    1. Hallo Petra,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass ich Dir eine Leseempfehlung geben konnte und ich wünsche Dir jetzt schon viel Vergnügen mit „Grimms Morde“.
      Liebe Grüße
      Uwe

  3. Selten lese ich morgens so lange Texte, aber du hast mich neugierig gemacht. Beide Bücher stehen mir in der Stadtbücherei zur Verfügung, sodass sie auf meiner Liste für den nächsten Besuch gelandet sind. Gerne würde ich dich und deine Seite in einer meiner zukünftigen „Leselaunen“ erwähnten. Schreib mir doch kurz, ob es für dich in Ordnung geht.
    Liebe Grüße,
    Britta

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