Die Berge rufen

Paolo Cognetti: Acht Berge & Matteo Righetto: Das Fell des Bären

Die abweisende, schroffe, lebensfeindliche und wunderschöne Welt der italienischen Alpen ist der Hintergrund zweier bewegender Romane. Wobei die Formulierung »Hintergrund« nicht ganz stimmt: Sowohl in »Acht Berge« von Paolo Cognetti wie auch in »Das Fell des Bären« von Matteo Righetto ist sie der alles bestimmende Mittelpunkt der Handlung. Denn die Landschaft formt die Menschen, die in ihr leben. Immer. Und überall. Aber besonders dort, wo sie jederzeit tödlich sein kann. Und wenn Bücher so gut zusammenpassen wie diese beiden, stelle ich sie gerne gemeinsam vor; es sind zwei Romane von nahezu makelloser Schönheit, mit einer perfekt austarierten Mischung aus Aufbruch und Enttäuschung, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod.

Paolo Cognetti: Acht Berge

»Acht Berge« ist der Roman einer großen, alles überdauernden Freundschaft, die in der Kindheit beginnt und zwei Erwachsenenleben prägen wird. Ich-Erzähler Pietro wächst in Mailand auf und wann immer es möglich ist, fahren seine Eltern mit ihm in die Berge zum Wandern, um dem Chaos und den Abgasen der Stadt zu entkommen. Die Alpen als Sehnsuchtsort.

»An bestimmten Föhntagen im Herbst oder Frühling tauchten am Ende der Mailänder Straßen plötzlich die Berge auf. Hinter einer Kurve, über einer Überführung, vollkommen unerwartet, und dann eilte der Blick meiner Eltern sofort dorthin, ohne dass einer den anderen darauf aufmerksam machen musste. Die Gipfel waren weiß, der Himmel außergewöhnlich blau, ein echtes Wunder. Während es unten bei uns Fabrikrevolten, überfüllte Sozialwohnungen, Straßenkämpfe, misshandelte Kinder und minderjährige Mütter gab, glitzerte dort oben Schnee.« 

Diese Faszination für die Bergwelt geben die Eltern an Pietro weiter und sie wird ihn sein ganzes Leben begleiten. 

Im Juli 1984 mietet die Familie ein heruntergekommenes Haus im Dorf Grana, gelegen in »einem der Ausläufer dieser Täler« am Monte-Rosa-Massiv. Ein paar Bauernhöfe, ein Wildbach, viel Wald und wenig Menschen – der Strukturwandel ist in vollem Gange, die Jungen verlassen die Dörfer, Häuser stehen leer und verfallen, die Infrastruktur verschwindet. In Grana leben noch vierzehn Personen, einst waren es um die hundert. Der einzelgängerische Pietro trifft dort auf Bruno, einen Jungen aus dem Dorf, der sich um die Kühe auf der Weide kümmert und einen Teil der Ferien auf der Hochalm seines Onkels arbeitet. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft; Sommer für Sommer kommt Pietros Familie in ihr Feriendomizil, und Sommer für Sommer streifen die beiden durch die leerstehenden Häuser, erforschen den Wald, erkunden den Wildbach.

Pietros Vater nimmt seinen Sohn mit auf die ersten Gipfeltouren, weit hinauf in die hochalpine Landschaft. Vorbei an den abgelegenen Dörfern kurz vor der Baumgrenze, die komplett verlassen sind; letzte Zeugen einer kaum noch existierenden Almwirtschaft, einer verschwundenen Lebenswelt. Dort, wo die Hochalm von Brunos Onkel liegt, fernab allen Ungemachs tief unten in der Ebene und in den Städten. Es sind endlose Sommer und intensive Naturerfahrungen, die Pietro oftmals an die Grenzen seiner Kräfte bringen – und nicht selten darüber hinaus. 

Dies ist die Basis des Romans: das vergessene Dorf, die majestätische Bergwelt und die unbeschwerte Freundschaft zwischen Pietro und Bruno. Doch das Leben bleibt nicht stehen. Aus Jungs werden Erwachsene, Eltern werden alt und sterben, und irgendwann steht jeder vor der Frage: Wie möchte ich leben? Und welchen Sinn kann ich meinem Leben geben? Viele Jahre werden sich die beiden nicht mehr sehen, jeder von ihnen macht sich alleine auf die Suche nach sich selbst. Und unterschiedlicher können ihre Suchen kaum sein. 

Pietro kommt als Dokumentarfilmer durch die entlegensten Täler des Himalaya, seine Filmprojekte lassen ihn um die halbe Welt reisen, während die Entfremdung von seiner Familie und der Tod des Vaters eine schwer zu ortende Leerstelle in seinem Herzen hinterlassen haben. Bruno hingegen verlässt nie sein heimatliches Tal, stemmt sich mit aller Kraft gegen das Sterben der Dörfer und der Hochalmen, versucht die Käserei seines Onkels oben auf dem Berg weiterzuführen, dort wo Menschen nur mit größter Anstrengung überleben können. Beide sind sie Getriebene, verbunden durch das lebenslange Band einer Freundschaft, die ohne viele Worte und Begegnungen existiert. 

»Es muss schön sein, einfach so zu verreisen«, sagte Bruno.
»Möchtest Du mitkommen?«, fragte ich eher spaßeshalber, aber nicht nur. Noch nie hatte ich mich mit jemandem so wohlgefühlt. 
»Nein, das ist nichts für mich«, erwiderte er. »Du bist derjenige, der kommt und geht, während ich bleibe, genau wie immer.«

Und in der verzweifelten Bemühung, dem Schicksal ein selbstbestimmtes Leben abzutrotzen, gehen beide verloren, jeder für sich. Der eine wird zum Entwurzelten, der nicht mehr weiß, wohin er gehört; der andere weiß dies ganz genau und muss mit ansehen, wie seine Träume und seine Heimat sich nach und nach auflösen und verschwinden. 

Paolo Cognetti ist mit »Acht Berge« ein wunderbar trauriges Buch gelungen; voller Sehnsucht nach Leben, nach Freundschaft, nach Familie, nach Versöhnung. Ein Buch über die Suche nach einem Sinn, einer Berufung, der es zu folgen gilt. Ein Buch über das Alleinsein, über das Scheitern und über das Schicksal. Und ein Buch über die Erhabenheit der Alpen, unnahbar, abweisend, tödlich. Und wunderschön. 

»Ein Ort bewahrt immer auch die eigene Geschichte, damit man sie bei jedem Besuch aufs Neue Revue passieren lassen kann. Und solche Berge kann es nur einmal im Leben geben. Im Vergleich dazu sind alle anderen bedeutungslos, sogar der Himalaya.«

 Matteo Righetto: Das Fell des Bären

Autor Matteo Righetto hat seiner mitreißenden Vater-Sohn-Geschichte ein Hemingway-Zitat vorangestellt. Das ist sehr passend, denn der amerikanische Meister hat in seinen Romanen die Mischung aus Dramatik, vager Hoffnung und Fatalismus nahezu perfekt miteinander in Einklang gebracht. Und genau dies zeichnet auch Righettos »Das Fell des Bären« aus. 

1963, in einem Bergdorf irgendwo in den Dolomiten: Ein Bär ist in der Gegend aufgetaucht und verwüstet Bienenstöcke, tötet das Wild, bricht in Ställe ein, und versetzt Menschen und Tiere in Angst. In den Berichten über die Vorfälle wird der Bär zur Bestie, zu einem Ungeheuer, »ein Dämon, riesengroß, mit Narben am ganzen Leib und Augen so rot wie Feuer.« Dieser Bär wird das Leben des Tischlers Pietro Sieff und seines Sohnes Domenico verändern. Für immer. 

Matteo Righetto erzählt davon auf eine unverschnörkelte Weise und benötigt nur wenige Pinselstriche, um uns einen Außenseiter vorzustellen.

»Pietro Sieff gehörte zu jenen Männern, bei denen man eine Frage zehnmal wiederholen musste, bevor man eine mürrische Antwort erhielt. Verschlossen, griesgrämig, ungesellig wie ein Luchs. Nach dem Tod seiner Frau hatte er sich in seiner eigenen Welt verbarrikadiert, einer Welt bedrohlichen Schweigens, das einem düsteren Himmel vor dem Gewitter ähnelte. Selbst wenn er sich abends in der Dorfschenke betrank, fühlte er sich so allein wie ein räudiger Wolf, der von seinem Rudel verstoßen wurde und dem ein langsames Sterben im Wald beschieden war.«

Sein sensibler zwölfjähriger Sohn Domenico ist alleine, hat keine Freunde und muss nach der Schule hart mitarbeiten, damit die beiden irgendwie über die Runden kommen. Eine Mischung als Furcht, Mitleid und leiser Verachtung prägt das Verhältnis zu seinem abweisenden Vater, zu dem er keinen Zugang findet. Bis zu diesem einen Abend in der Dorfschenke, als Pietro Sieff das Geschwätz und die Gerüchte über den furchterregenden Bären nicht mehr erträgt und mit den drei Worten »Ich mache es« für einen Moment der Stille im verqualmten Schankraum sorgt – eine grandiose Szene. Er wettet mit den Bauern, die auf ihn als Außenseiter herabschauen, dass er den Bären erlegen wird. Und als Domenico am nächsten Morgen frühstückt und sich auf den Weg zur Schule machen möchte, bedeutet ihm sein Vater, den Tornister wegzulegen und sich für eine Wanderung ins Gebirge fertig zu machen. Domenico erkennt seinen Vater nicht wieder: »Entgeistert starrte er ihn an – diese Gewehre, die sicher keine gewöhnlichen Jagdflinten waren, hatte er nie zuvor zu Gesicht bekommen.«

Dann machen sie sich auf den Weg. 

»Es war noch früh, die Luft frisch, und der Wald, in den sie gleich eintauchen würden, war so finster wie die Nacht.«

Sie werden nur wenige Tage unterwegs sein, doch diese kurze Zeit prägt Domenicos gesamtes Leben. Erinnerungen an die verstorbene Mutter mischen sich mit dem verwirrenden Gefühl einer plötzlichen Nähe zum Vater, der ein neuer Mensch zu sein scheint. Und wie buntes Herbstlaub leuchten die wunderbaren Naturbeschreibungen durch die Erzählung, verleihen ihr ein Strahlen, eine Sehnsucht nach den Bergen, nach Wildnis und Einsamkeit. Ein Beispiel?

»Mittlerweile leuchteten die Herbstfarben im Abendlicht mit einer Kraft, als habe jemand in Innern der Dinge eine Laterne entzündet: flammendes Rot, sattes Gelb, Orange, Ocker. Ein Triumph von Licht und wärmsten Farbtönen, die dem Wald und der Lichtung um sie herum etwas Magisches, Surreales verliehen.«

Gleichzeitig beginnt etwas Düsteres Gestalt anzunehmen, tauchen erste Spuren der Bestie auf – Schönheit und Schrecken, meisterhaft miteinander verknüpft. Und auf Domenico werden einige Überraschungen warten; auf jedem weiteren Schritt hoch ins Gebirge öffnet sich ihm sein Vater, so, als würde all der ihn niederdrückende Ballast unten im Dorf zurückbleiben, so, als würde ein ganz anderer Mensch neben Domenico laufen. Aber doch ist dies alles andere als ein harmloser Jagdgausflug und das Ende erwischt uns Leser mit einer erzählerischen Wucht, die man nicht so schnell wieder vergisst. 

Diese Mischung aus Vater-Sohn-Beziehungsgeschichte, Naturerlebnis und einer schon fast archaisch anmutenden Jagd auf eine gefährliche Bestie machen »Das Fell des Bären« zu einem mitreißenden Leseerlebnis, das mir viele Bilder im Kopf hinterlassen hat. 

Das dem Roman vorangestellte Hemingway-Zitat ist aus »Wem die Stunde schlägt« und lautet wie folgt: »Das ist heute nur einer von den vielen Tagen, die noch kommen werden. Aber das, was du heute tust, kann für die kommenden Tage entscheidend sein.«

Oder für das ganze Leben. 

Bücherinformationen
Paolo Cognetti, Acht Berge
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
DVA
ISBN 978-3-421-04778-6

Matteo Righetto, Das Fell des Bären
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-599-6

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2 Antworten auf „Die Berge rufen“

  1. Acht Berge hat mich wirklich überrascht. Ich hab es direkt nach „Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ gelesen, das relativ viele Klischees zum Thema Berge vereinte. Ich sehe da Acht Berge als einen starken Beleg für die Kraft der literarischen Form, denn es ist nicht ohne die Klischees von „Gehen…“. Aber das eine ist ein Reisebericht mit entsprechend starker Erzählerfigur, das andere verteilt als Roman die Ideen auf verschiedene Figuren und bricht sie doppelt auf; indem sie zu den Figuren passen müssen und indem sie miteinander in Dialog treten.

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