Jagd auf Wasserspeier

John Freeman Gill: Die Fassadendiebe

Die Nachricht kam passend zur Lektüre: Während ich „Die Fassadendiebe“ von John Freeman Gill las, berichtete der Kölner Stadtanzeiger darüber, dass in dem Viertel, in dem ich lebe, ein Häuserensemble aus den Zwanzigerjahren abgerissen werden soll. Es war eine Nachricht, die mich traurig und wütend zugleich gemacht hat. Traurig, weil wieder einmal ein Stück historischer Qualitätsarchitektur einem gesichts- und einfallslosen Neubau weichen muss. Und wütend, weil die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung nicht zu verstehen scheinen, dass eine gewachsene Architektur die Seele eines Viertels, einer Stadt darstellt. Mal davon abgesehen, dass mit dem zum Abriss freigegebenen Quartier auch Dutzende bezahlbarer Wohnungen verschwinden werden.

Von daher ist es kein Wunder, dass ich mich so gut in Nick Watts hineinversetzen konnte. Er ist New Yorker, liebt seine Stadt und muss in den Siebzigern mit ansehen, wie ein wunderschönes Art-Deco-Schmuckstück nach dem anderen den Kahlschlagplänen betonversessener Modernisten zum Opfer fällt. Wie kunstvolle Fassaden abgeschlagen und schmucklos neu verkleidet werden, zahllose Details aus New Yorks architektonischer Blütezeit verschwinden. Er versucht, zu retten, was er irgendwie retten kann und verliert dabei irgendwann den Bezug zur Realität vollständig aus den Augen – mit dramatischen Folgen. Sein Sohn Griffin Watts berichtet uns als Ich-Erzähler in „Die Fassadendiebe“ über das Leben und Verschwinden seines Vaters.

Der Roman beginnt mit einer frühen Erinnerung des Erzählers an einen riesigen Schuttberg. Als vierjähriges Kind macht er mit seinen Eltern und deren Freunden einen Ausflug auf eine Deponie, wo er zwischen zerbrochenen Säulen, Quadern und weiteren Resten eines einst prachtvollen Gebäudes herumklettert, bis er und sein Vater auf eine demolierte Bahnhofsuhr stoßen. Es ist unschwer zu erraten, dass es sich um die Trümmer der 1963 abgebrochenen Penn Station handelt; ein barbarischer Abriss, der einem heute noch Tränen in die Augen treibt, wenn man die alten Bilder dieses Bahnhofs sieht.

Kurz darauf trennen sich Griffins Eltern, sein Vater taucht fortan nur noch sporadisch auf. Griffin und seine Schwester wohnen mit ihrer Mutter in einem alten New Yorker Haus, das noch nicht abbezahlt ist. Die lebensuntaugliche Mutter taucht in ihre Hippie-Phantasiewelt ab, die Kinder wachsen von beiden Eltern allein gelassen auf. Mit zunehmendem Alter vermisst Griffin seinen Vater immer mehr; er weiß nicht einmal, wo in New York er wohnt. Als er dreizehn ist, spioniert er ihm nach und landet dabei im Bezirk Tribeca, einer Gegend, in er es 1974 außer alten Lagerhäusern, stillgelegten Fabriken und maroden Straßen nichts gibt. In einem dieser Lagerhäuser lebt sein Vater und hier hortet er die Überbleibsel verschwundener Gebäude: Statuen, Säulen, kunstvoll verzierte Schlusssteine aus Fenster- und Türwölbungen, Verkleidungen, gerettete Wasserspeier – die es ihm besonders angetan haben – und unzählige Artefakte mehr.

Griffin und sein Vater kommen sich näher; er wird Teil des kleinen Teams schräger Gestalten, mit denen Nick Watts auf Beutezug geht. Denn längst bewegt er sich auf illegalen Wegen, verschafft sich Zutritt zu abgesperrten Baustellen, zu eingerüsteten Häusern, holt sich seine Fundstücke nicht nur aus Abbruchhäusern, sondern auch aus Gebäuden, die bewohnt sind und lediglich saniert werden. Griffin ist dies egal, er ist froh, seinem Vater helfen zu können, zumal der Verkauf der Gegenstände der Abbezahlung des Hauses dient, in dem er mit seiner Mutter und seiner Schwester wohnt. Er sehnt sich danach, mit seinem Vater zusammensein zu können, aber dieser macht es ihm nicht leicht. Verschlossen und stets voller Geheimnisse nimmt er seinen Sohn vor allem deshalb mit auf seine nächtlichen Raubzüge, weil dieser an Stellen kommt, die ein Erwachener nicht erreichen kann. Immer waghalsiger werden die Aktionen; in einer der großartigsten Szenen im Buch hängt Griffin im 53. Stockwerk des Woolworth-Buildings nur notdürftig angeseilt in luftiger Höhe.

Doch die Stadt wandelt sich weiter, unzählige alte Gebäude fallen der Abrissbirne zum Opfer. Nick Watts verzweifelt an dieser Entwicklung und an der Gleichgültligkeit der Menschen gegenüber ihrer Stadt. Aus anfänglichem Idealismus war längst Besessenheit geworden, nun entsteht daraus Fanatismus. Irgendwann gehen sie zu weit, die Bande fliegt auf. Vaters Freunde werden verhaftet, Nick Watts verschwindet. Und Griffin ist wieder vaterlos, alleine gelassen mit dem Gefühl der Unsicherheit eines Heranwachsenden.

Viele Monate später macht er sich auf die Suche. Geht Hinweisen nach. Beginnt erst jetzt zu verstehen, was seinen Vater umtreibt. Aber was er dann finden wird, übersteigt alle seine Erwartungen. Es wird – und das ist kaum verwunderlich bei Creative-Writing-gestählten US-Autoren – ein dramatisches Finale geben. Wie gewohnt fast ein wenig zu dramatisch, aber in diesem Fall sehr passend.

Der Roman beschäfigt sich mit altbekannten Themen: Mit der Beziehung zwischen Vater und Sohn, mit den Sorgen, Nöten und Wünschen des Aufwachsens, mit der Suche nach einem Platz im Leben. Aber er erzählt das alles auf eine wunderbare Art völlig neu und verknüpft dies mit dem Wachsen einer Stadt. Mit deren Umbrüchen, in denen sich die Veränderungen des Lebens wiederspiegeln. Und auch das Fazit, das man aus dem Buch ziehen kann, ist zwar nicht neu. Doch John Freeman Gill hat mit „Die Fassadendiebe“ eine ganz eigene und sehr lesenwerte Facette dieser uns alle betreffenden Frage hinzugefügt: Zu wissen, wann es sich lohnt, etwas zu bewahren. Aber auch loslassen zu können, um zu merken, was wirklich wichtig ist im Leben.

Nicht jedes Buch, das ich lese, stelle ich auch hier auf Kaffeehausitzer vor. Aber „Die Fassadendiebe“ war für mich ein ganz besonderes Leseerlebnis, denn es verknüpft drei Motive miteinander, die mir wichtig sind: Die Leidenschaft für die Ästhetik klassischer Architektur und historischer Bauten. Die Beschreibung meines Sehnsuchtsortes New York, an dem ich noch nie gewesen bin. Und die Schilderung der zweifachen Suche eines Sohnes nach seinem Vater – denn mein Vater verstarb viel zu früh, und viel zu viel blieb zwischen uns ungesagt. Aber das lässt sich nicht ändern.

Womit wir wieder beim zentralen Motiv des Romans sind, dem Loslassen. Eine Fähigkeit, die nicht jeder beherrscht und die doch so entscheidend ist. Denn nur wer es schafft loszulassen, nur wer es schafft, nicht ständig zurückzublicken: Nur derjenige lebt sein eigenes Leben.

Buchinformation
John Freeman Gill, Die Fassadendiebe
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell 
und Nikolaus Hansen
Berlin Verlag
ISBN 978-3-8270-1320-0

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2 Kommentare

  1. Klingt interessant, wenn es denn auch gut – und vll nicht zu routiniert – erzählt ist. Werde ich mir bei Gelegenheit mal ansehen.

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