Zwölf Leben, zwölf Kämpfe

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Beinahe hätte ich ein beeindruckendes Leseerlebnis verpasst. Der Roman »Mädchen, Frau etc.« von Bernadine Evaristo wäre ohne eine der Buchhandlungen meines Vertrauens an mir vorbeigegangen, denn nach den ersten Ankündigungstexten hatte ich das Buch gedanklich in die Schublade ›identitätspolitisches Manifest‹ gepackt und hätte es niemals auch nur in die Hand genommen. Der identitätspolitische Aktivismus unserer Zeit steht in meinen Augen für ein Gegeneinander statt einem Miteinander, für Ab- und Ausgrenzung, für eine brachiale Einteilung der Menschen in Gut und Böse und für eine Verneinung menschlicher Individualität. Mit dem eigentlichen Anliegen, Rassismus, Unterdrückung, Diskriminierung und deren Strukturen zu bekämpfen, hat dies längst nichts mehr zu tun; die Fanatiker einer linken Identitätspolitik sind inzwischen so weit nach links abgebogen, dass sie auf der rechten Seite wieder herausgekommen sind. Denn der rechtsidentitäre Populismus mag zwar konträre Ziele verfolgen, in ihrem Menschenrechtsrelativismus und in ihrem Antiuniversalismus ähneln sich die beiden Fronten aber auf fatale Weise, wie es in der ZEIT treffend analysiert wurde.

Aber ich schweife ab, denn es soll ja um das Buch von Bernadine Evaristo gehen, das mit einem fehlgeleiteten Aktivismus nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Das wurde mir klar, als ich in meiner Nachbarschafts-Buchhandlung bestellte Bücher an der Ladentüre abholte und mit der Buchhändlerin über »Mädchen, Frau etc.« ins Gespräch kam. Meine vorgefasste Schubladenmeinung wurde durch ihre Begeisterung über den Haufen geworfen; sie war der Ansicht, ich dürfe dieses Buch auf keinen Fall verpassen – schon alleine nicht wegen des letzten Kapitels – und gab mir ihr eigenes Arbeitsexemplar leihweise mit. Also habe ich es gelesen und bin eingetaucht in eine mir unbekannte Welt. Oder eigentlich in zwölf Welten, denn mit Hilfe der Literatur bringt uns Bernadine Evaristo zwölf Schicksale sehr unterschiedlicher Frauen nahe. 

Amma, Yazz, Dominique.
Carole, Bummi, LaTisha.
Shirley, Winsome, Penelope.
Megan/Morgan, Hattie, Grace.

In vier Kapiteln mit je drei Namen werden uns diese zwölf Menschen vorgestellt, die trotz verschiedenster Lebenswege eines eint: Alle haben sie eine dunkle Hautfarbe und alle leben – zumindest eine Zeit lang – in England, die meisten in London; einem Zuhause, in dem sie permanent rassistische Ausgrenzung erfahren. Mal subtil, meistens aber ganz offen. Einzig Penelope sticht daraus hervor, doch mit ihr hat die Autorin eine ganz besondere Überraschung geplant. 

Wer sind diese zwölf Menschen, zwölf Mädchen, Frauen etc.?

Amma ist Dramatikerin, schreibt und inszeniert Stücke und kämpft seit Jahrzehnten als lesbisch-feministische Aktivistin für ihre Rechte. Als ihr jüngstes Stück dann im Londoner National Theatre aufgeführt wird, hadert sie fast damit, nun tatsächlich im Establishment angekommen zu sein. Die Theaterpremiere ist der lose Rahmen des gesamten Romans, immer wieder findet sie flüchtig Erwähnung; das fünfte und letzte Kapitel führt etliche der zwölf Personen auf der Premierenparty zusammen.

Yazz ist Ammas Tochter, Studentin, selbstbewusst, woke und voll jugendlicher Egozentrik. Den – in ihren Augen – Steinzeit-Feminismus ihrer Mutter belächelt sie milde oder verdreht genervt davon die Augen – ein Quell vieler ironischer Anspielungen der Autorin. Überhaupt ist der Roman durchzogen von feinem, hauchzarten Humor; etwa, wenn sich die kämpferische, exzentrische und unkonventionelle Amma mit ihrer Tochter darüber streitet, dass sie einen Fahrradhelm zu tragen habe. 

Dominique ist die beste Freundin von Amma, lebt seit vielen Jahren in Kalifornien, ist verheiratet mit ihrer Frau Laverne, die beiden sind Mütter von zwei adoptierten Kindern. Doch der Weg zu diesem ausgeglichenen Leben war ein steiniger. Mit einem toxischen Fallstrick.

Carole hat es geschafft, aus den ghettoähnlichen Strukturen der nigerianischen Community in London herauszukommen – bis in die Chefetage einer internationalen Bank. Verheiratet ist sie mit Freddy, einem Angehörigen der englischen Upperclass. Doch sie schleppt ein Trauma mit sich herum, von dem sie noch nie jemanden erzählt hat. 

Bummi ist Caroles Mutter. Entkommen aus dem Elend des durch die Ölkonzerne zerstörten Küstengebiets in Nigeria haben sie und ihr Mann Augustine es geschafft, ein bescheidenes Leben in London aufzubauen. Nach vielen Enttäuschungen, nach dem Tod ihres Mannes und gefangen in ihren ärmlichen Verhältnissen versteht sie nicht, dass Carole ihre nigerianische Herkunft hinter sich lassen und einen eigenen Weg gehen möchte. 

LaTisha ist Caroles beste Freundin in der Schulzeit – bis sich ihre Wege dort trennen: Carole wird mit Hilfe ihrer Lehrerin zur Überfliegerin, LaThisha stürzt ab. Mit drei Kindern von drei Männern, mit Gewalterfahrungen in der Seele und kaum einer Perspektive sieht es nicht gut aus für ihre Zukunft. Dann bekommt sie eine Chance. 

Shirley ist die Lehrerin, die Caroles Intelligenz und Talent erkennt und sie mit drastischen Methoden auf den Weg in Richtung Zukunft schubst. Und trotz ihrer spießigen Intoleranz ist sie ist die älteste Freundin von Amma.

Winsome ist Shirleys Mutter mit einem Leben voller Höhen und Tiefen, das sie von der Karibik über die regnerischen Straßen Südenglands und Londons wieder zurück in die Karibik führte. Mit einem Geheimnis im Gepäck, von dem ihre Tochter besser nichts wissen sollte.

Penelope ist Lehrerin in der gleichen Schule wie Shirley, ist unglücklich, einsam und trinkt etwas zu viel. Ihr Unbehagen über die zunehmende Zahl von Einwandererfamilien im Viertel ihrer Schule lässt rassistische Gedanken in ihrem Kopf entstehen. Als einzige im Figurenensemble des Romans hat sie eine helle Hautfarbe, doch ihr Schicksal wird sich den Lesern tief einprägen.

Megan ist Morgan. Schon als Kind fühlte sie sich nicht als Mädchen, heute identifiziert sich Morgan als genderfrei und erschafft sich eine eigene Sprache. Und eine riesige Followerzahl im Netz. In der Familie bringt nur ihre Großmutter Verständnis dafür auf: »Sei, wer du sein willst, und wir reden einfach nicht mehr drüber.« 

Hattie ist Morgans Großmutter, dreiundneunzig Jahre alt und Bewohnerin einer inzwischen halb verfallenen Farm, die sie und ihr verstorbener Mann Slim von ihren Eltern geerbt haben. Ihr langes Leben wird überschattet von einem dunklen Ereignis, das sie nie vergessen konnte.

Grace ist Hatties Mutter und zum Zeitpunkt der Erzählung schon lange tot. Ihre Lebensgeschichte führt uns Leser zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach einem extrem schweren Start ins Leben hatte sie Glück: Als junge Frau heiratete sie einen Bauern, schaffte es, sich einen Platz in der ländlichen Gemeinde zu erkämpfen – viele ihrer Narben sieht man nicht, sie sitzen tief im Innern. Genauso gut versteckt wie die düstere Familiengeschichte ihres Mannes.

Ich musste die zwölf Lebensgeschichten für mich hier einmal aufschreiben, denn schon beim Lesen des Buches verschwimmen sie ineinander. Manche sind ganz eng miteinander verbunden, manche nur lose. Namen, die an einer ganz anderen Stelle bereits erwähnt wurden, tauchen in einem anderen Zusammenhang wieder auf – wie oft ich zurückgeblättert habe, kann ich kaum sagen. Dazu kommen noch haufenweise Nebenfiguren, Freundinnen, Freunde, Ex-Männer, tote Ehemänner, Verwandte, Kolleginnen, Nachbarn. Doch nach und nach entsteht so die Struktur des Romans; wie ein Teppich, den die Autorin webt, und dessen Muster sie mit jedem Erzählfaden verfeinert. Eine großartige Erzählweise; die Auszeichnung mit dem Booker Prize 2019 war absolut verdient. 

Natürlich geht es in »Mädchen, Frau etc.« um Identität, um Herkunft, um rassistische Strukturen, um gesellschaftliche Ausgrenzung. Aber mit großer Liebe für ihre Figuren erzählt Bernadine Evaristo auch vom Kampf um Anerkennung und ein menschenwürdiges Leben, vom Weitermachen, vom Ausbrechen aus abgegrenzten Welten. Es ist ein Generationenroman, jedes Kapitel schildert eine Mutter-Tochter-Beziehung, ein zwischen den Generationen oftmals typisches Unverständnis für neue Lebensentwürfe. Und das Loslassen. Die Töchter gehen den Weg, den ihnen ihre Mütter erkämpft und freigeräumt haben – zumindest bis zum nächsten Hindernis, das sie selbst beseitigen müssen. Denn irgendwie geht es immer weiter.

Von all den prägenden Ungerechtigkeiten und Erniedrigungen aufgrund Hautfarbe und Geschlecht berichtet Evaristo nicht in einem anklagenden Ton. Sie beschreibt sie sachlich, mit einer Prise Sarkasmus. Und das hat eine viel intensivere Wirkung; als (weißer) Leser war ich immer wieder fassungslos, lernte Lebenswelten kennen, die weit entfernt von der eigenen sind – und sich in der eigenen Stadt im Nachbarviertel befinden mögen. Gleichzeitig strahlt »Mädchen, Frau etc.« eine ungemein positive Botschaft aus: Gesellschaften verändern sich, zwar nur langsam, aber stetig.

Und Bücher wie dieses tragen dazu bei. 

Buchinformation
Bernadine Evaristo, Mädchen, Frau etc.
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50484-2

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3 Antworten auf „Zwölf Leben, zwölf Kämpfe“

  1. Gute Übersicht, um in dem komplizierten Geflecht den Überblick zu behalten. Ein ziemlich starker Roman. Bis ich „Alles Glänzt“ von Jacqueline Woodson entdeckt habe, war es meine Neuerscheinung des Jahres.

    1. Guter Tipp, vielen Dank. »Alles glänzt« habe ich bislang gar nicht wahrgenommen – wahrscheinlich aufgrund des Covers, das ich als etwas nichtssagend empfinde …
      Schaue ich mir jetzt aber gleich mal näher an.

      1. kannte die Autorin bisher nicht, obwohl sie in den USA wohl recht bekannt ist. Bei mir gibts auch ne kurze Besprechung. Werde mir auf jeden Fall noch weitere Bücher von ihr besorgen.

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