Über Literatur reden? Unbedingt!

Ueber Literatur reden? Unbedingt!

Vor ein paar Tagen las ich auf Facebook den Post »Literaturliebe in Zeiten von Corona? Mache mir gerade um anderes Sorgen.« Es war eine Reaktion auf aktuelle Lektürelisten zu den Themenbereichen Ausnahmezustand, Pandemie oder soziale Distanzierung. Nun kann ich verstehen, dass man angesichts verstörender Bilder und mit der Angst vor einem drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch nicht unbedingt »Die Pest« von Albert Camus lesen möchte – wobei der Roman gerade eine wahre Renaissance erlebt.

Aber gerade die ohne Zweifel kommende Wirtschaftskrise betrifft in besonderem Maße auch die Literaturlandschaft und unsere fragile literarische Infrastruktur. Es gibt bei uns ein dichtes Netz von Buchhandlungen, die sich engagieren, die Autoren eine Bühne geben und dafür sorgen, dass Bücher in der Öffentlichkeit sichtbar sind. Viele dieser mittelständischen Buchläden waren schon vor der Corona-Krise unterkapitalisiert, sie funktionierten nur durch den unermüdlichen Einsatz der dort beschäftigen Buchhändlerinnen und Buchhändler. Eine möglicherweise monatelange Schließung hätte katastrophale Folgen für sie.

Und wenn Buchhandlungen aus den Städten verschwinden, dann verschwindet auch die Sichtbarkeit von Büchern, es droht eine ernsthafte Beschädigung unserer Literaturlandschaft.

Doch – um auf den eingangs zitierten Facebook-Post zurückzukommen – ist dies momentan wichtig? Wenn man sieht, wie die Gesundheitssysteme in anderen Ländern bereits am Zusammenbrechen sind, wenn man die Bilder von unzähligen Särgen vor Augen hat, die auf Militärlastern abtransportiert werden?

Ja, es ist wichtig. Gerade in dieser dramatischen Situation. Ich kann nur für mich sprechen (deshalb gibt es ja diesen Blog), aber die Beschäftigung mit Büchern und Literatur hat mir schon in vielen persönlich schwierigen Zeiten geholfen; egal, ob ich das Gefühl hatte, in einer Sackgasse meines Lebens festzustecken oder nicht wusste, wie ich die Miete im nächsten Monat bezahlen sollte – Bücher waren und sind immer für mich der Rettungsanker, der Fixpunkt in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Es mag mit Eskapismus zu tun haben, doch ebenso mit dem eigenen Verorten auf dem Weg durch das Leben. Unter der Überschrift »Bücher sind Grundversorgung« schreibt die Journalistin Kia Vahland in der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2020: »Es ist schlimm genug, wenn Theater und Stadien geschlossen sind. Lesen aber macht so schnell nicht krank. Es ist die Kulturtechnik der Stunde.« 

Und genau deshalb muss über Literatur geredet werden. Jetzt.

Es ist die Zeit der Solidaritäts-Hashtags, unter #einlesezeichensetzen, #findyourbookstore, #BuchladenLiebe oder #Buchsolidarität rufen die unterschiedlichsten Verlage in den Sozialen Medien dazu auf, in der Buchhandlung vor Ort einzukaufen und damit die Geschäfte zu unterstützen, die mit ihren Steuern und Abgaben auch die Infrastruktur vor Ort – Stichwort Krankenhäuser – mitfinanzieren. Unter #StayAtHomeReadABook gab es eine schöne Twitter-Gemeinschaftsaktion von zehn bekannten Akteuren der Buchbranche, in der das Einkaufen im lokalen Buchhandel thematisiert wurde. Und die es auf Platz eins der Twitter-Trends schaffte.

Auch in den Medien wird der Einkauf im Buchladen vor Ort empfohlen, sogar der Spiegel – dessen Amazon-Affiliate-Links aber leider immer noch gesetzt sind – schreibt darüber. Viele Autorinnen und Autoren lesen per Livestream aus ihren Wohnzimmern, testen neue Formate der Literaturvermittlung, zeigen Präsenz, reden, erzählen, machen neugierig auf ihre neuen Bücher.

Doch das alles wird nichts nützen, wenn wir Leser nicht handeln. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Ladentüren mögen geschlossen sein, aber fast alle Buchhandlungen sind über ihre Webshops, per E-Mail oder Telefon erreichbar und nehmen Bestellungen entgegen. Alle Bücher, die im Beitragsphoto zu sehen sind, habe ich in den letzten zwei Wochen Ausnahmezustand in Buchhandlungen meiner Stadt gekauft. Sie wurden mir per Fahrrad vor die Haustüre gebracht oder in einer Kiste durch den Buchhandlungseingang nach draußen gereicht – mit Mundschutz und einer Schale für das abgezählte Geld. Es geht. Nutzt es – und redet darüber. Redet über Bücher, über Literatur, über das Lesen; in Blogs, auf Facebook, Twitter, Instagram, per WhatsApp mit Euren Freunden, der Familie. Und kauft bei euren Buchhandlungen des Vertrauens ein. Damit sie – wenn dies in ein paar Wochen oder Monaten alles einigermaßen überstanden sein sollte – immer noch da sind.

In dem bereits zitierten Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung wird gefordert, dass Buchhandlungen zu den ersten Geschäften gehören müssen, die nach der ersten Phase der Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder geöffnet werden, dann eben unter den entsprechenden Sicherheitsbeschränkungen wie Begrenzung der Kundenanzahl, Einhaltung der Abstandsregeln etc. Eine Forderung, der ich mich unbedingt anschließe.

Beenden möchte ich diesen Beitrag mit einem Satz von Dominique Pleimling, Programmleiter des Eichborn Verlags. Im Editorial der Programmvorschau für den Herbst, an der wir gerade arbeiten, schreibt er: »Bücher sind vielleicht nicht systemrelevant, aber sie sind menschenrelevant.«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Und ich werde mich an die nächsten Buchvorstellungen hier auf Kaffeehaussitzer machen, um auch weiter über Literatur zu reden. Es warten auf Euch »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan, »weg« von Doris Knecht, »Propaganda« von Steffen Kopetzky, »Rubicon« von Kai Havaii und viele mehr.

#SupportYourLocalBookstore
#StayAtHomeReadABook

9 Antworten auf „Über Literatur reden? Unbedingt!“

  1. Lieber Uwe
    Recht hast du mit deinem Beitrag! Habe soeben 2 Bücher bestellt, zwar nicht bei einer Buchhandlung, aber direkt beim Dörlemann Verlag in Zürich, der ja auch ums Überleben kämpft.

    Morgen ist Welttag des Buches! Also an alle: schenkt euren Lieben Bücher, es gibt so viel Spannendes in der Literatur zu entdecken.
    Liebe Grüsse
    buechermaniac

  2. Lieber Uwe,
    vielen Dank für diesen Beitrag, dem ich aus tiefstem Herzen beipflichten muss. In dieser Zeit, in der das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben heruntergefahren wurde wie noch nie, tragen mich Bücher in ganz besonderer Weise. Ich finde es wunderbar, meine Stapel der noch ungelesenen Bücher schrumpfen zu sehen. Andererseits mache ich es auch so, dass ich neue Stapel anlege und viele Bücher über den online-shop meiner Buchhändlerin bestelle oder an Freunde liefern lasse. Dein Blog inspiriert mich dabei stetig. Ich kaufe Kinderbücher in Klassensätzen, die ich in die Lernpaketen meiner Schüler lege. Ich lese seit mehreren Wochen in meinen Notbetreuungsgruppen vor und ernte damit große Begeisterung. Es ist nämlich genau so wie du sagst, dass das literarische Leben immer weniger wird, wenn die Buchhandlungen aus unseren Städten verschwinden. Ich wohne in einer kleinen Stadt, in der es mal 4 Buchhandlungen gab und mittlerweile keine mehr. Da ist dieser Prozess deutlich erkennbar. Denn der steuervermeidende Gemischtwarenladen aus dem Silicon-Valley veranstaltet keine Lesewettbewerbe, verschenkt keine Geschichten zum Welttag des Buches, macht keine Autorenlesungen und auch ansonsten nichts für die Leseförderung.
    Ich habe mittlerweile, nachdem die letzte inhabergeführte Buchhandlung in meiner Stadt geschlossen hat, im näheren und weiteren Umfeld andere Buchhandlungen entdeckt, die ich jetzt unterstützte.

  3. 1000 Dank, lieber Uwe!
    Ich spüre übrigens in jeder einzelnen Stunde, in der ich Bücher verkaufe, wie glücklich die Leute darüber sind, dass sie Dank uns Buchhändler*innen weiterhin lesen können. Und es berührt mich sehr, wie oft gerade ältere Menschen, die es vorher nie probiert haben, jetzt auch mal online bestellen.

  4. Danke für diesen Beitrag, den ich nur absolut unterstützen kann!
    Schreibt Die eine, die gerade unzählige Überstunden bei der Arbeit im Gesundheitsamt schiebt und sich jetzt erst recht eine große Bestellung beim lokalen Buchladen hat liefern lassen und Bücher zu Ostern in Care-Paketen verschenkt. Auch deswegen, weil das Leben auch jetzt noch viel mehr ist als Corona, worauf Literatur deutlich aufmerksam macht.

    Bleibt gesund!

  5. Der Appell, die Buchhandlungen vor Ort zu unterstützen ist so nachvollziehbar. Doch ich selbst bin dabei sehr zwiespältig. Als ich vor 10 Jahren mein erstes Buch veröffentlichte, bin ich in viele Buchhandlungen meiner Stadt gegangen und habe um Unterstützung gebeten. Alle waren sehr freundlich zu mir. Doch sie bedauerten, dass ich „ein Nischenthema“ bediene. Die Werbung für mein Buch würde dieselbe Fläche benötigen, wie der voraussichtliche Bestseller – es ist halt mathematisch nachvollziehbar… Trotzdem empfehle ich immer wieder, meine Bücher vor Ort in der Buchhandlung zu bestellen. Doch ohne Amazon hätte ich kaum eine handvoll verkauft. Ganz ehrlich – ich fühle mich von den Buchhandlungen ignoriert, obwohl ich gerade mit meiner Aufklärungsarbeit ein breites Medieninteresse erzielt habe. Ich glaube, es fehlt die zündende Idee, wie das Geben und Nehmen im Gleichgewicht gehalten werden könnte.

    1. Vielen Dank für den Kommentar. Ich kann mir vorstellen, dass es als Selfpublisherin nicht leicht ist, das eigene Buch zu vermarkten. Das grundsätzliche Problem, das ich als Leser sehe, ist der riesige Anteil an Büchern in diesem Bereich, die besser nicht geschrieben worden wären. Mir ist klar, dass es sicherlich immer wieder Lesenswertes zu entdecken gibt und ich bin auch mit Menschen über alle möglichen Kanäle vernetzt, die ihr Buch selbst herausbringen. Allerdings kaufe und lese ich ausschließlich Titel, die in einem Verlag erschienen und in der Buchhandlung meines Vertrauens erhältlich sind – und auch mit diesen beiden Checkpoints gibt es viel, viel mehr lesenswerte Bücher, als man in einem einzigen Leserleben schaffen kann. Aber irgendwie muss ich meine Lesezeit ja strukturieren … Ich wünsche weiterhin viel Erfolg.

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