Murakami, zweiter Versuch

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Es ist schon einige Jahre her, dass ich mein erstes Buch von Haruki Murakami gelesen habe. Es war »Wilde Schafsjagd«, ich habe mich bis zur letzten Seite durchgequält und fand es furchtbar. Abgehakt, dachte ich lange Zeit. Allerdings ist der Name des Autors so präsent, dass man immer wieder auf ihn stößt. Und durch das Bloggen über Literatur kenne ich etliche Menschen, deren Buchempfehlungen ich sehr schätze und die jedem neuen Murakami-Roman begeistert entgegenfiebern. Irgendetwas scheine ich überlesen zu haben, irgendetwas, das es doch noch zu entdecken gibt – diese Gedanken waren der Auslöser für den zweiten Versuch, den ich letzten Herbst mit »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« startete. Denn, so versicherten mir mehrere Murakami-Fans, dieser Roman sei einer der am leichtesten zugängliche und ein guter Einstieg. 

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich gehöre immer noch nicht zur Murakami-Fangemeinde. Doch die Lektüre von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« war ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art.  
»Vom Juli seines zweiten Jahres an der Universität bis zum Januar des folgenden Jahres dachte Tsukuru Tazaki an nichts anderes an den Tod.« Dieser Buchbeginn macht neugierig und zieht den Leser direkt in die Geschichte hinein; der lebensmüde Herr Tazaki ist sofort präsent. Und zwei Seiten weiter erfahren wir auch den Grund für seine Todessehnsucht: »Der Auslöser für die starke Anziehungskraft, die der Tod auf Tsukuru Tazaki ausübte, war eindeutig. Seine vier engsten Freunde hatten ihm eröffnet, dass sie ihn niemals wiedersehen oder mit ihm sprechen wollten. So unvermittelt wie erbarmungslos. Ohne ihm den Grund für ihr hartes Urteil mitzuteilen. Und er hatte nicht zu fragen gewagt.«

Seine vier Freunde und er bildeten eine Fünferclique; sie verbrachten ihre gesamte Jugend miteinander und waren unzertrennlich. Zufällig hatten die Namen der anderen vier jeweils eine farbliche Bedeutung: »Die beiden Jungen hießen Akamatsu – Rotkiefer – und Oumi – blaues Meer. Die beiden Mädchen Shirane – weiße Wurzel – und Kurono – schwarzes Feld.« Daraus entstanden ihre Spitznamen Aka, Ao, Shiro und Kuro. Rot, Blau, Weiß, Schwarz. Nur Tazakis Name hatte keine weitere Bedeutung, er blieb farblos. Was wiederum zu seinem Bild von sich passte: Ein unauffälliger, etwas langweiliger junger Mann ohne besondere Eigenschaften. Als er zum Studium nach Tokio ging, ließ er seine Heimatstadt hinter sich. Doch er hätte sich nie vorstellen können, dass die anderen vier seiner Clique ihn so gnadenlos verstoßen würden. Es folgten trostlose Jahre, ein freudloses Studium und ein unspektakulärer Beruf. 

Nun soll das hier keine Nacherzählung werden. Deshalb auf die Schnelle: Nachdem Tazaki kurz davor ist, an seiner Einsamkeit zu zerbrechen, findet er zaghaft zurück ins Leben. Geholfen hat ihm die neu entstandene Freundschaft zu Haida, einem anderen Studenten, der kaum etwas anderes macht, als klassische Musik zu hören. Und lange nach dem Studium taucht Sara in seinem Leben auf, in die er sich verliebt. 

Aber um endgültig mit sich ins Reine zu kommen, muss er herausfinden, was damals geschehen ist; was der Grund dafür war, ihn so brutal abzuservieren. Er beginnt, seine früheren Freunde aufzusuchen, einen nach dem anderen. Es ist eine Suche, die ihn um die halbe Welt führen wird. Er trifft dabei auf Menschen, die ihm vollkommen fremd geworden sind und wie ein Archäologe legt er nach und nach die Geschehnisse frei, die ihn zu einem Paria machten. Und alles ist viel schlimmer, als er es sich hätte vorstellen können. 

Murakamis Erzählstil ist geprägt von kurzen, fast zu einfach gehaltenen Sätzen. Doch diese Einfachheit täuscht, die Geschichte ist komplexer, als sie auf den ersten Blick zu sein scheint; in die Handlung fließen Träume, Erinnerungen und Unterbewußtes ein. Doch die Sprache bleibt spröde, an vielen Stellen klingt sie wie ein emotionsloser Bericht. Dadurch wirkt Tsukuru Tazaki auf mich als Leser fremd und unnahbar; mir kam es vor, als sei eine Glasscheibe zwischen mir und dem Protagonisten. Und je weiter ich las, desto abweisender wirkten die Überkonstruiertheit des Plots und jene Sprödigkeit des Geschriebenen auf mich. 

Nun bin ich niemand, der ein Buch, das ihm nicht gefällt, bis zum Ende liest. Aber – und das war das Faszinierende – ich konnte nicht aufhören. Es war wie ein Sog, der mich Seite um Seite umblättern ließ, obwohl ich mit jeder Seite die eigenartige Sprache weniger mochte. Es war irritierend. 

Auf Twitter schrieb ich über diese verwirrende Erfahrung – und erhielt eine Antwort, die ich Euch auf keinen Fall vorenthalten möchte. 

 
Inzwischen liegt dieser zweite Murakami-Versuch schon wieder einige Monate zurück. Und als ich für diesen Beitrag noch einmal die Stellen las, die ich in »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« markiert hatte, war dieses Gefühl der abweisenden Faszination gleich wieder da.

Nach der Lektüre rieten mir andere Murakami-Fans zu »Kafka am Strand« oder »Gefährliche Geliebte«, denn »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« sei nicht wirklich repräsentativ für Murakami und eines seiner schwächeren Werke. Nun gut. Vielleicht hat ja jemand einen weiteren Vorschlag für mich?

Denn es wird wohl einen dritten Versuch geben müssen. 

Buchinformation
Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
DuMont Buchverlag
ISBN 987-3-8321-9748-3

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22 Antworten auf „Murakami, zweiter Versuch“

  1. Vielleicht kannst du den Kurzgeschichten von Murakami etwas abgewinnen. Es gibt einige Bände mit gesammelten Kurzgeschichten. Vor allem kann ich dir aber die, von Kat Menschik, wunderschön illustrierten Geschichten „Schlaf“ oder „Birthday Girl“ von ihm ans Herz legen. Damit kannst du dich nochmal an ihm versuchen ohne gleich einen Brocken wie, das meiner Meinung nach grandiose, „Kafka am Strand“ vor dir zu haben.
    Oder lass es bleiben. Es wird genug Bücher geben die dir sicherlich mehr Freude bereiten. Weil viele Leute dir lauthals einen Autoren empfehlen musst du noch lange nicht versuchen mit ihm warm zu werden.

  2. Auch mich packt Murakami nicht. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich als erstes Buch „Afterdark“ von ihm gelesen, und das hat mich schon eine Weile gedanklich beschäftigt. Es ist nicht sehr umfangreich und Du könntest es mal damit probieren.

    Durch „Kafka am Strand“ habe ich mich eher durchgequält. Habe danach auch beschlossen, von Murakami die Finger zu lassen.

    1. ”Nicht packen« würde ich es bei mir nicht nennen. Denn das ist ja das Seltsame: Obwohl ich den Stil nicht wirklich mochte, konnte ich nicht aufhören zu lesen. Es wird auf jeden Fall noch weitere Versuche geben.

  3. Ich habe das Buch vor Kurzem gelesen. Ich will deiner ausführlichen Beschreibung nichts hinzufügen. Mich hat die Geschichte von Tazaki berührt, vor allem wie es sich am Ende aus den Fesseln der Jugend, die ihm durch den Verrat der Freunde angelegt wurden, einigermaßen befreien kann. Ich finde im Übrigen Bahnhöfe zu konstruieren nicht langweilig. Das schlimme am Verrat ist, dass er immer von Freunden begangen wird.

  4. Mit dem Buch von Murakami hatte ich auch eine schwierige Zeit – das Dilemma haben du und dein Twitter-Replyer sehr treffend formuliert.

    Kafka am Strand – ausgezeichnete Empfehlung, die du da bekommen hast. :) Wenn es melancholisch und realistisch sein darf, dann am besten „Südlich der Sonne, westlich der Grenze“ – die Neuübersetzung zu Gefährliche Geliebte. Ist weniger surreal und abgefahren als „Kafka am Strand“ und hat interessante Weisen über Beziehungen.
    Ansonsten kann ich noch sehr das „geteilte Buch“ mit dem klingenden Namen „Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt“ empfehlen. Hier mag man gerne mal entweder die eine oder die andere Hälfte … ging leider auch mir so. Aber dafür hat mir die eine („Das Ende der Welt“) so richtig extrem gut gefallen. Ist mehr surreal.

    Alles andere ist vllt ein bisschen abgefahren … ich würde dazu raten dich von der Ratten-Reihe fernzuhalten (Pinball, Wenn der Wind weht, …)

  5. Hallo,

    das Buch habe ich vor drei Jahren auf meinem Blog besprochen. Es ist mir in Erinnerung geblieben als leise Geschichte mit Sogkraft und interessanter Symbolik, das mich lange beschäftigt hat, obwohl ich mich mit dem Protagonisten nicht identifizieren konnte.

    Seit drei Jahren will ich eigentlich schon ein weiteres Buch von Murakami lesen, und hier liegen auch mehrere seiner Romane und warten…

    Mit dem Schreibstil konnte ich mich recht gut anfreunden – ich habe schon mehrere Bücher japanischer Autoren gelesen, die einen ähnlichen Stil hatten. Mir gefällt das Mehrdeutige, schwer konkret zu Fassende.

    LG,
    Mikka

  6. Ich hatte vor einigen Jahren „Mister Aufziehvogel“ gelesen. Das war auch eine besondere Erfahrung. Es war beklemmend, rätselhaft, irritierend, brutal und gnadenlos. Aber ich konnte nicht aufhören, mich da rein ziehen zu lassen. Das ist wie mit einem David Lynch Film. Ich musste mich danach erst mal erholen.

  7. Lieber Uwe,

    ich kann es dir richtig nachfühlen. Auch bei mir ist es so, dass ich seine Bücher am liebsten weglegen würde und dich bildet sich eine Faszination aus, die man nicht beschreiben kann. Bei war es 1q84, sein Wohl fettester Brocken, der mich oft gequält und doch fasziniert zurück gelassen hat. Ein Wandel auf der Rasierklinge. Dann war noch Naokos Lächeln, was mir dann besser gefiel. Gerade mit der Melancholie seiner Figuren muss man sich irgendwie anfreunden, sonst bekommt man kein Fuß in seine Bücher.

    Ich glaube, dass ich deinen Post mal als Motivation nehme, es auch mal wieder mit diesem Autor zu probieren.

    Liebe Grüße
    Marc

  8. Lieber Uwe,

    wie schon an anderer Stelle empfehle ich dir Murakamis Erzählungen und vielleicht auch seine persönlichen Bücher über das Laufen und Schreiben. „Sputnik Sweetheart“ passt ebenfalls gut, da stimme ich Sabine zu. Das schreibe ich nicht nur, weil dieses Buch zu meinen ganz persönlichen Lieblingen zählt. ;-)

    Finger weg vor den Kafkas und Aufziehvögeln. Dies sind zu speziell. Obwohl „Mister Aufziehvogel“ mein Murakami-Debüt war.

    Wenn du dich dem Autor filmisch nähern möchtest, gibt es zwei wirklich sehenswerte Verfilmungen zu „Naokos Lächeln“ und „Tony Takitani“.

    Ich bleibe gespannt, wie sich das Leser-Autor-Verhältnis zwischen euch noch entwickelt und klopfe dir bewundernd auf die Schulter für all die Mühe.

    Mit besten murakamischen Grüßen

    Klappentexterin

  9. Als riesengroßer Murakami-Fan kann ich „1Q84“ alle 3 Bücher in 2 Bänden empfehlen und natürlich „Die Ermordung des Commendatore I u. II“.
    Vielleicht versteht man seinen Schreibstil besser, wenn man sich „Von Beruf Schriftsteller“ rein tut, da ist super erklärt, wie sein Schreibstil zustande kommt.

  10. Die Beschreibung der Geschichte macht mich neugierig, warum die 4 Freunde(innen) ihn ächteten. Da er selbst keine Erklärung hat, liegen die Ursachen wahrscheinlich nicht an der Oberfläche. Ich finde die Idee für den Plot mitreißend. Man muss sich mal in die Lage hineinversetzen. Du verlebst deine Jugend mit engen Freunden, die nicht mehr mit dir sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass es große Selbstzweifel auslöst. Ich kenne den Autor nicht. Den Stil, den du beschreibst, der vom Autor offensichtlich bewusst gewählt ist, verlangt beim Schreiben viel Disziplin, kann ich mir denken. Dein Beschreibung verleitet mich dazu, mir ihn einmal genauer anzuschauen.
    Das Beste für Dich.
    Reinhard

  11. Habe Deinen Artikel sehr gerne gelese :) ich würde es an deiner Stelle mit den etwas weniger abgedrehten Murakamis versuchen: Gefährliche Geliebte / Naokos Lächeln / Sputnik Sweatheart zum Beispiel.

    1Q84, Commendatore und Kafka am Strand finde ich mittel abgefahren ;)

    Alles rund um den Schafmann gehört für mich zur Kategorie sehr abgefahren, falls Dir diese Einteilung irgendwie hilft ;)

    Vielleicht von Interesse:
    https://bingereader.org/2018/02/15/die-ermordung-des-commendatore-i-haruki-murakami/

    Ganz liebe Grüße, Sabine :)

  12. Dieses Elend, wenn ein Stil nicht zu einem passt und alle anderen den/die Autor:in empfehlen, lieben und einem ständig dicke Brummer nahelegen…
    Mir gefielen die Pilgerjahre. Trotzdem fühle ich mit Ihnen.
    Nach zwei Titeln, die vom Stil her scheinbar nicht zu Ihnen passen, sehe ich es als Pflicht an, Ihnen nicht einen weiteren hunderte Seiten langen Wälzer zu empfehlen, sondern stattdessen auf kurzweiliges zu verweisen, falls Sie es noch nicht lasen.
    Da es sich nur um zwei Kurzgeschichten auf einundsiebzig Seiten, welche aufgelockert durch Illustrationen von Kat Menschik werden, handelt, lege ich Ihnen „Die Bäckereiüberfälle“ nahe.
    Eher humoristisch berichten sie von der Boshaftigkeit des Banalen und davon wie die Mitwelt zuweilen wahres Banditentum durch Höflich- oder Gleichgültigkeit erschwert.
    Manchmal passt der Stil der Vielgelesenen trotz aller Mühen, wohlwollender Kritiken und Buchcommunityempfehlungen nicht zum Lesenden. Erging mir mit anderen Autor:innen auch so. Trotz sich abzeichnender Anerkennung bin ich bei: Pech gehabt – andere Autor:innen schrieben auch schöne Bücher.

  13. Auch für mich war es anfangs nicht leicht, mich mit Murakami anzufreunden. Aber hartnäckig blieb ich dran und heute sehe ich ihn als einen der ungewöhnlichsten Autoren der Gegenwart. Er fasziniert mich mit seinen überraschenden Ideen, seinem lustvollen Schreibstil und bringt mich sozusagen ans andere Ende der Realität. Insofern bereitet er mir großes Lesevergnügen.

  14. Im Herbst erscheint bei Dumont eine Neuübersetzung von Mister Aufziehvogel, zum ersten Mal direkt aus dem Japanischen, allerdings ein ziemlicher Wälzer. Ich hab es vor Ewigkeiten gelesen, erinnere mich an fast gar nichts, außer an eine wirklich verstörende Szene, die ich wohl nie vergessen werde. Und dass ich es irgendwie großartig fand… weiß aber nicht, ob es hier das Richtige ist, allein schon wegen der Seitenzahl, wenn man sich eigentlich nicht so recht mit Murakami anfreunden kann…

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