Älterwerden. Ein Textbaustein*

Ueber das Aelterwerden. Ein Textbaustein von Steffen Kopetzky.

In der Rubrik Textbausteine stelle ich Textpassagen vor, die mir wichtig sind. Es sind manchmal nur ein paar kurze Sätze, die mich beim Lesen mit einer solchen Wucht getroffen haben, dass ich sie nie wieder vergessen werde. Manche davon begleiten mich schon viele Jahre, über andere bin ich gerade erst gestolpert. Miteinander gemein haben sie, dass sie Gefühle in Worte fassen, für die mir bisher die passenden Worte fehlten oder dass ich sie genau dann gefunden habe, als ich sie brauchte. Gerade ist es mir wieder so ergangen, diesmal mit einer kurzen Textstelle aus dem Buch „Propaganda“ von Steffen Kopetzky.

Dieser Roman erscheint am 20. August 2019 und in dem Leseexemplar, dass ich von Rowohlt Berlin erhalten habe, steht ausdrücklich vermerkt, dass vorab keine Besprechungen erfolgen sollen. Daran halte ich mich natürlich, werde also nicht berichten wie sehr mich das Buch begeistert hat, dessen Handlung einen Bogen spannt von der blutigen Schlacht im Hürtgenwald im Herbst 1944 bis hin zum Skandal um die Pentagon Papers, die 1971 die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg ins Wanken brachten. Es geht um den Umgang mit der Wahrheit, um die Beeinflussung der Bevölkerung, um das Spiel der Mächtigen mit Menschenleben – Themen, die alt sind und zugleich aktueller denn je. Aber wie gesagt, davon werde ich nichts berichten, kann den Roman aber jetzt schon wärmstens empfehlen.

Darin jedenfalls bin ich auf folgende Textstelle gestoßen, es sind Gedanken, die sich der fünfzigjährige Protagonist John Glueck macht, als er kurz innehält, einer energischen jungen Frau – seiner Anwältin – hinterherschaut und sich überlegt, wo er gerade steht in seinem Leben.

„Wie soll man einem jungen Menschen je erklären können, wie sich das anfühlt? Dass man auch einmal jung gewesen ist, die ganze Zeit unterwegs war, nach vorne preschte, sich angestrengt hat – und auf einmal bleibst du stehen und blickst zurück und erkennst, dass du so weit gegangen bist, dass du niemals mehr dorthin zurückkehren wirst, von wo du einst gekommen bist. Angesichts des weiten Weges fühlst du dich plötzlich müde, aber du kannst nicht wieder nach Hause. Nie wieder.“

In diesen paar Sätzen steckt so viel von dem, über das ich mir seit einigen Jahren Gedanken mache. Wenn man um die Fünfzig ist, beginnt man irgendwann darüber nachzudenken was war, was – vielleicht – sein und was nie wieder kommen wird. Nicht alle Freundschaften überdauern die Zeit, Eltern sterben oder werden zu Pflegefällen, die kleine Stadt, in der man aufgewachsen ist und der man schon seit dreißig Jahren nicht mehr lebt, verändert sich und liebgewonnene Orte voller Erinnerungen verschwinden. Während gleichzeitig die nächste Generation im Freundeskreis heranwächst, und beginnt, voller Energie die Welt zu erkunden. So wie wir, damals, als die Zukunft noch hinter dem Horizont verborgen war und alle Wege offen schienen.

Es war ein passender Zufall, dass ich eine Woche, bevor ich auf diese Textstelle stieß, bei einer Hochzeitsfeier eingeladen war, irgendwo mitten in der Eifel, weit weg von allem. Es war eine grandiose Party, ich traf etliche von weit angereiste Menschen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte – und  habe wieder einmal festgestellt, dass bei uns allen das Älterwerden seine Spuren hinterlässt. Lange hat man es nicht gemerkt oder nicht merken wollen, aber nun werden die Haare zunehmend grauer, die Linien in den Gesichtern nehmen zu, alles beginnt sich zu verändern.

Als ich am frühen Morgen unter schon verblassenden Sternen in mein Zelt kroch, hat sich das fast so angefühlt wie früher, auch wenn wir damals nicht in einem Eifler Selbstversorgerhaus zu Nirvana und Rage Against the Machine getanzt haben, sondern in völlig zugequalmten Clubs, halb betrunken auf überfüllten Tanzflächen, in der Hand die Bierflasche. Und damals war es einem vollkommen egal, wie der nächste Tag werden würde, was allein zählte, war der Moment.

Auch wenn ich auf völlig zugequalmte Clubs inzwischen ganz gut verzichten kann, dieses unbeschwerte, vollkommen planlose, intensive Leben von einem Tag zum nächsten ist das, was ich manchmal vermisse; ist das, was beim Älterwerden irgendwann auf der Strecke bleibt. Es wird nie wiederkommen und ein Zurück gibt es nicht. Das alles ging mir an jenem frühen Morgen in meinem alten, geflickten Zelt durch den Kopf.

Dann stößt man ein paar Tage später auf diese Sätze von Steffen Kopetzky und findet genau jenes melancholische Staunen wieder. Das Staunen über die vergangene Zeit und über all die Jahre mit ihren Höhen und Tiefen.

* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

4 Kommentare

  1. Ihre Textstelle berührt mich auch. Sehr. Das Bild stimmt: Du kommst nicht mehr zurück. Das Schöne aber am Älterwerden: Du kannst zurückblicken und voraus und das Voraus ängstigt nicht mehr so wie früher. Deshalb finde ich die zweite Textstelle von @Quijota nicht sooo gut: Leben als Kampf – muss es das wirklich immer sein?

  2. Ein Fundstück, das nicht zu 100 % zu Ihrem Text passt, welches mir aber – da kürzlich erst gelesen – spontan in den Sinn kam. Mir kam die Schnapsidee zum ersten Mal eine Nachricht zu hinterlassen, statt nur zu lesen. Dann mach` ich das jetzt auch..

    Gefunden auf Facebook / Gruppe: Deutsche Literatur – German Literature.
    Verfasst von: Hans Kramer
    Conversation Starter · 10. Juni um 09:24

    Wenn du fünfzig wirst, wird der Kampf schwieriger.

    Und du weißt inzwischen, dass du nicht gewinnen kannst. Wenn du in den Spiegel schaust, siehst du keine Veränderungen mehr, sondern Verluste, es sind jetzt eindeutig Verluste. Die Zukunft ist vom Tanzsaal zu einem Bügelzimmer geschrumpft. Mit sechzig ist die Sache endlich klar. Du bist jetzt auf der anderen Seite, du kannst niemandem mehr etwas weismachen. Du bist alt. Du darfst den Kampf aufgeben. Du kannst dich im Fluss treiben lassen und in Ruhe das Ufer betrachten. Alter ist kein Thema mehr, so wenig, wie Geld für Bill Gates ein Thema ist.

    Als junger Mensch war mir nicht klar, wie wenig der Geist altert. Irgendwann lässt auch das nach, aber hinter der faltigen Fassade bleibst du noch ziemlich lange der Typ, der du mit vierzig gewesen bist, sogar von dem Zwanzigjährigen ist noch erstaunlich viel übrig. Das unterscheidet uns von den Tieren, oder? Wir haben, außer dem Körper, ein Ich. Das Alter wirkt wie eine Tarnkappe, dein Ich wird unsichtbar. Denn im Kopf brennt noch das gleiche Licht. Der Kopf wird sogar eher besser, zumindest hat man diese Illusion.

    Die Stadt, in der ich geboren wurde, gibt es nicht mehr. Das ist bei jedem so, ungefähr ab dreißig, schätze ich. Die Städte sehen anders aus als in der Kindheit, Menschen verschwinden, neue Regeln gelten, und es gibt keinen Weg zurück. Du selbst veränderst dich viel langsamer als die Welt um dich herum. Alt werden bedeutet, ein Fremder zu werden.

    • Vielen Dank für das Textfundstück.
      Da scheint eine Traurigkeit zwischen den Zeilen durch, die schon deutlich mehr ist als nur Melancholie angesichts des Vergehens der Zeit.
      „Du darfst den Kampf aufgeben“ klingt ziemlich resignierend. Wird das einmal so sein? Ich glaube und hoffe es nicht. Bisher zumindest hat jede Lebensphase ihren Reiz gehabt.
      Schauen wir mal, was noch kommen wird.

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